„Wir lassen dem Tod also doch das letzte Wort“ – Hans Joachim Iwands Osterpredigt über 1. Petrus 1,3

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Am Ostersonntag, 9. April 1950 predigt Hans Joachim Iwand in der Kapelle von Beienrode über 1. Petrus 1,3 und bringt darin die lebendige Hoffnung als Lichtbotschaft zur Sprache:

Osterpredigt über 1 Petrus 1,3

Von Hans Joachim Iwand

Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Immer wenn wir einen Blick hineintun in die Welt der Bibel, d. h. in die Welt der Menschen, die hier reden, bekennen und zeugen, leben und sterben, kämpfen, siegen oder auch unterliegen, bemerken wir eins: Überall ist ein geheimnisvolles Licht, oft mitten im tiefsten Dunkel, oft so schwach schimmernd, daß man begreift, die Quelle dieses Lichtes muß weit, weit weg sein, oder die Menschen, denen es so schwach leuchtet, müssen sich sehr weit von der ursprünglichen Quelle des Lichtes entfernt haben. Aber ein Leuchten ist immer da. Freilich manchmal wie ein glimmender Docht, der zu erlöschen scheint, manchmal wie ein schwelendes Feuer, das nicht zur hellen, reinen Flamme werden kann, manchmal wie eine Morgendämmerung, die ihre ersten Strahlen aussendet, während in den Niederungen noch die tiefen Schatten der Nacht liegen. Aber etwas Siegendes, Leuchtendes, von der Ferne sich Ankündigendes ist in aller Gegenwart. Sonst wäre ja auch die Bibel nicht die Bibel, wenn dies Licht nicht wäre und die Bewegung der Menschen auf dieses Licht hin. Und das ist weiter das Wunderbare an diesem Leuchten, das durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Menschheit geht, daß es offenbar immer der Widerschein ein- und desselben Lichtes ist. Die Menschen können kommen und gehen, die Zeiten verändern sich, Völker verlassen den Schauplatz der Geschichte, andere treten für sie auf, das Licht bleibt dasselbe. Manchmal denkt man, die Menschen seien schon ganz nahe daran, dann macht ihr Zug eine unerwartete Bewegung, es kommt eine Wendung ihres Weges, und wir müssen erkennen, daß es noch weit, unendlich weit ist bis zu der Stelle, von der das Licht herkommt, daß die Stadt, in der es ganz hell ist, immer noch nicht erreicht ist. Kein Wunder, daß die Menschen oftmals darüber müde geworden sind, so müde und matt, daß sie die Hoffnung aufgegeben haben, jemals dahin zu gelangen, wo nur Licht ist und keine Finsternis. Nicht wahr, wir alle kennen das; auch in unserem Leben hat es das gegeben: die Bewe-[311]gung auf das Licht hin und dann die niederdrückende Entdeckung, daß es immer weiter weg zu rücken scheint, je näher wir herankommen. Es geht uns wie dem Wanderer, der der Sonne entgegengeht, der Horizont liegt immer vor ihm, aber alle Schritte, die er macht, bringen ihn seinem Ziel nicht näher; je mehr er ausschreitet, je mehr entdeckt er, wie groß die Ferne ist, die ihn vom Aufgang des Lichtes trennt und daß er sich mit seinem ganzen Wollen und Laufen immer nur um die kugelrunde, dunkle, ihn so fest an sich bindende Erde bewegt.

Und nicht wahr, wir wissen auch das Andere: Wir wissen, was das für ein Licht ist, das hindurchleuchtet und hindurchschimmert durch den ganzen, weiten Weg, den die Bibel ihre Menschen wandern läßt und dem sie dann und wann ihr Angesicht so sehnsuchtsvoll entgegenwenden. Dies Licht ist nichts anderes als das, was unser Text die große Barmherzigkeit Gottes nennt. Freilich zuweilen scheint es gar keine Barmherzigkeit zu geben, dann sieht es so aus, als ob unser ganzes Leben gnadenlos geworden sei; selbst der Himmel über uns scheint verschlossen zu sein. Aber auf einmal ist sie wieder da, Gottes Barmherzigkeit, wie die Sonne, die durch die Wolken bricht, und dann werden wir traurigen und verzweifelten und hoffnungslosen Menschen auf einmal wieder durch ihren Glanz und Schein ganz und gar erleuchtet und verwandelt. Ja, es ist schon so, als würden wir von neuem geboren, wenn dieser Glanz der Barmherzigkeit sich über so ein verfehltes, »hoffnungsloses« Leben legt. Ein Leuchten und eine Kraft kommt damit über uns, wirkt hinein in unser Zusammenleben, in die dunklen und bösen Dinge, die wir sonst miteinander treiben und durch die wir uns verfeinden und über denen wir vergessen, daß wir alle von einem gemeinsamen Stammvater herkommen und eigentlich Brüder sein müßten. Immer wenn dieses Licht aufleuchtet, ist es, als ob wir wieder etwas wüßten davon, daß der andere Mensch, der mir entgegensteht, nicht mein Feind, sondern mein Bruder ist. Die Bibel hat viele Worte für dieses lebenweckende und helle Licht von oben, für Gottes große Barmherzigkeit: Oft sagt sie Gnade, oft auch Friede, oft sagt sie Liebe, manchmal auch Freude oder auch Vergebung, manchmal Langmut und Geduld, manchmal spricht sie von Freundlichkeit und Lindigkeit, oder sie sagt, daß diese Barmherzigkeit Gottes das große Wunder fertig bringt, uns das steinerne Herz aus der Brust zu nehmen und uns ein fleischernes Herz zu geben, d. h. ein Herz, das sich mitfreuen und mitweinen kann und das nicht gefühllos, als wären wir Tote, alle die erhebenden und traurigen Dinge um uns herum über sich ergehen läßt. Das sind die vielerlei Schattierungen, in denen das reine, helle Licht der großen Barmherzigkeit Gottes sich in unsern Menschenaugen und -worten spiegelt. Wie wenn sich das [312] weiße Licht der Sonne in einen schönen, farbigen Regenbogen zerlegt und in allen Farben am Firmament erglänzt, so zerlegt auch die Bibel das reine Licht, das aus Gott selber stammt, in ein buntes, wunderbares Leuchten, und wir könnten wissen, daß alles Gute und Beglückende im Leben, ja selbst die Tatsache, daß wir überhaupt leben, daß die Welt um uns her lebt, nur ein Abglanz ist der einen großen, himmlischen Barmherzigkeit.

Bis hierhin werden wir wohl miteinander einig gehen, es wird uns das alles ganz schön und richtig scheinen; wir hören gern, daß es so etwas gibt wie Barmherzigkeit, daß nicht alles im Leben so hart und feindselig und rechnerisch zugeht, wie es leider nur zu oft der Fall ist. Aber nun verlangt unser Text etwas von uns, das weit, weit über alles bisher Gesagte und Zugestandene hinausreicht. Es ist so, als ob er alle, die jemals etwas gespürt haben von diesem fernen Leuchten, herausholt aus der Distanz, aus der großen Ferne, und auf einmal wird es ernst, auf einmal kommt eine andere Bewegung in das Licht, das immer von uns weg zu wandern schien, es kommt jetzt auf uns zu und kommt uns ganz nahe, so nahe, daß man meint, man könnte es gar nicht ertragen, daß uns der Atem ausgeht und wir die Augen schließen möchten, weil es so hell leuchtet, als ob Gott selbst unter uns träte. Auf einmal heißt es: jetzt und hier und heute. Jetzt und hier und heute wird die große Barmherzigkeit Gottes mitten unter uns Wirklichkeit! Das ist Ostern, das war jedenfalls Ostern in jenem Garten des Josef von Arimathia, wo das Grab Jesu lag und die Frauen hinausgingen, um dem toten Jesus ein letztes Zeichen ihrer Liebe zu erweisen. Auf einmal hieß es da: Jetzt und hier, und das Licht wurde so hell, daß sich alle davor fürchteten. Jetzt und hier ist nämlich das Rätsel gelöst, das die Menschen der Bibel quälte, das auch uns so beunruhigt und bewegt und das sie und uns immer wieder neu in Marsch setzte. Jetzt ist das Rätsel gelöst, woher das Licht kommt, woher das seltsame Leuchten stammt, das wir dann und wann in unserm Leben gespürt haben. Das ist das Geheimnis von Ostern. Hier und heute steht das Licht still. Hier wandert es nicht mehr weg von uns, hier stoßen wir auf die Zentralsonne, von der alle anderen ihr Licht empfangen. Hier über dem leeren Grab des Jesus von Nazareth macht Gott das letzte und tiefste Geheimnis seines großen Erbarmens kund, und ein paar Menschen, die diesem Geheimnis ganz nahe gekommen sind, fassen das Unfaßliche und geben es weiter. Und andere, die es so empfingen und nun auch von dieser Mitte her lebten, faßten es in die Worte: Gott sei Dank, der uns wiedergeboren hat nach seiner großen Barmherzigkeit durch die Auferstehung Jesu Christi zu einer lebendigen Hoffnung.

Damit ist es heraus, ein für alle mal heraus, was das Ziel unseres Lebens ist, was Gott in Jesus Christus und durch seine Auferstehung uns allen [313] getan hat. Es ist heraus, daß Gottes Barmherzigkeit sich erfüllt in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Es kommt freilich damit zugleich etwas sehr Bitteres heraus, und darum ist es auch gar nicht wunderbar, daß so viele Menschen ihr Angesicht wegwenden, wenn dieses Licht ihnen nahekommt. Es kommt nämlich heraus, daß wir alle Menschen ohne Hoffnung sind, soweit wir nichts anderes sind und haben als das, was wir von Natur mit uns bringen. Es fällt von der Auferstehung Jesu Christi ein Licht auf alles, was wir tun und treiben, und dies Licht ist so hell und unerbittlich wie jene Strahlen, die das Innere des Menschen durchleuchten und auf einen Schirm bringen, so daß der Arzt sehen kann, wo der Kern der Krankheit sitzt. Wir sehen im Lichte der Auferstehung den Todeskeim, der in uns liegt. Der Mensch ist ohne Hoffnung und auch in dieser Erkenntnis liegt etwas von Gottes Barmherzigkeit. Denn Gott liebt uns ja nicht, um uns zu täuschen, sondern um uns wahrhaft zu retten und zu helfen. Alles, was wir Hoffnung nennen, ist keine lebendige Hoffnung; das ist das Erste, was wir uns sagen lassen müssen, wenn wir die Worte des Apostels recht hören. Alles, was wir Hoffnung nennen, trägt den Todeskeim in sich. Da ist z. B., um nur ein paar Dinge zu nennen, die Macht. Je größer die Angst der Menschen wird, ihre Lebensangst, je erbitterter die Kämpfe um die Futterplätze der Welt geführt werden, je unausweichlicher wir uns vor die Frage gestellt sehen: was werden wir essen, was werden wir trinken, desto stärker hoffen wir auf die Macht. Wir meinen, nicht die Gnade, sondern die Macht sichert uns die Existenz. Gewiß, wir könnten es besser wissen, denn wozu treiben wir sonst Geschichte; so manche große Weltmacht, die sich ewig dünkte, ist zusammengestürzt. Wir sind ja selbst Augenzeugen geworden einer oder mehrerer solcher großer Katastrophen und haben gesehen, wie die Kolosse auf den tönernen Füßen zusammenbrechen, auf die Menschen eben noch in Furcht und Hoffnung starrten! Aber trotzdem hoffen sie weiter auf die Macht. Oder was würden wohl die Leute hier sagen, wenn einmal in den Zeitungen stünde, unsere lebendige Hoffnung, d. h. die Hoffnung, die nicht todesschwanger ist, ist die Auferstehung – und auch Auferstehung ist ja Macht, ist Erweis der Macht Gottes, ist Erweis des Sieges, durch den alle anderen unbarmherzigen Todesmächte geschlagen und zusammengebrochen sind – aber wir meinen, diese Macht habe nichts zu tun mit der Realität unseres Lebens, und darum setzen wir auch nicht unsere Hoffnung auf sie. So etwas mag in einer Kirchenzeitung stehen, da weiß man, die Leute müssen so reden, aber wenn es einmal in eine andere Zeitung einfließt wie aus Versehen oder weil die Leute, die eine solche Zeitung machen, auch etwas gespürt haben von dem großen Weltbeben der Oster-[314]nacht, dann steht schon auf der nächsten Seite oder in der nächsten Nummer wieder etwas von dem, was wir Menschen die realen Hoffnungen nennen, und die heißen: Waffen, oder Flugzeuge, oder Bomben, oder Geld. Die Todesmächte, und das sind die Hoffnungen des Menschen, an die er von Natur glaubt, erfüllen wieder Geist und Herz, und wenn wir uns auch dann und wann einmal erheben und es so scheint, als wollten wir uns dem Licht zuwenden, dann gibt man uns ein neues Narkotikum, damit wir weiter unsere wüsten, bösen, hoffnungslosen Träume träumen.

Oder laßt mich noch ein Zweites nennen: Da ist die Wissenschaft. Es sind jetzt etwa 200 Jahre her, da fing es an, daß eine große, leuchtende Hoffnung durch die Menschheit ging, die man Aufklärung nannte. Man wählte als Bild dieser neuen Zeit die Sonne, die über einer dunklen Welt aufging. Diese Sonne war die Vernunft. Wir heute im Abendland und im alten, so tief zerstörten Europa können uns gar nicht mehr denken, was das Wort Vernunft einmal für die Menschen bedeutete. Welche Hoffnungen haben sie damit verbunden! Wenn wir heute die Technik bewundern, diese große Kunst, sich die Welt dienstbar zu machen und das Leben menschenwürdig zu gestalten, dann spüren wir noch etwas von jener großen Hoffnung, die einmal die ganze moderne Welt in Aufregung versetzte und die heute sehr zu unserem Schrecken – warum eigentlich? – die Völker im Osten ergreift wie eine neue Religion, wie die Neugeburt ihres eigenen Lebens.

Eine andere große Hoffnung der Menschheit, über die heute das Licht von Ostern fällt und die sich auch hier prüfen und richten lassen muß, ist die Gemeinschaft. Man könnte sagen, es ist eigentlich unsere Hoffnung, die Hoffnung der Besten unserer Zeit. Wir haben das Gefühl, daß die Zeit des Ich, des einsamen, um sich selbst kreisenden Ich zu Ende ist und die Zeit des Wir, die Zeit der Gemeinschaft, der Gesellschaft begonnen hat. Nicht Ich sondern Ich und Du, nicht Freiheit sondern Verantwortung und Dienst, nicht Individualismus, sondern Sozialismus. Nicht wahr, das ist eine große und bewegende Hoffnung, und wen von uns hätte sie noch nicht angerührt? Aber im Licht der Barmherzigkeit Gottes sehen wir hier etwas Schreckliches: Wir sehen Ströme von Blut, die für diese Hoffnung fließen, wir sehen Haß und Leidenschaft, die nicht mehr zwischen Ich und Du, wohl aber zwischen den großen Menschengruppen und Weltreichen wie riesige Stichflammen emporschießen und alles in Brand stecken. Wir sehen, daß diese Hoffnung in Gefahr ist, sich in leeren, großen Worten, in bloßen Programmen zu verflüchtigen, während die Wirklichkeit widerhallt von dem Schrei verzweifelter, sterbender, ihrer Heimat und ihrer Freiheit beraubter Menschen. [315]

Noch eine letzte Hoffnung bleibt, der sich der Mensch immer wieder zuwendet, wenn die anderen Hoffnungen scheitern: das ist er, der Mensch selbst. Wir alle haben den Eindruck, daß wir hier der Wahrheit am nächsten sind, daß wir hier die Grenze erreicht haben, die ganz nahe an der wahren, lebendigen Hoffnung entlang führt. Der Mensch kann nicht so gemeint sein, daß er aus Gemeinem gemacht ist und die Gewohnheit seine Amme nennt. Nein, das ist nicht der Mensch. Ein Wort aus dem Talmud sagt, daß alle Dinge von Gott fertig geschaffen sind, nur der Mensch ist auf ein Ziel hin geschaffen, er hat eine Bestimmung. Der Mensch und die Hoffnung sind eins. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, kann der Mensch nicht seiner Bestimmung inne werden, und die Menschen, die keine Hoffnung mehr haben, hören auf, Menschen zu sein. Der Mensch selbst ist die Hoffnung alles dessen, was geschaffen ist. Alles wartet, so sagt die Bibel, auf diesen Menschen der Hoffnung. Wir kommen damit dem Geheimnis von Ostern sehr nahe, denn die Schöpfung und Ostern, das Licht vom ersten Tage und das Licht von diesem letzten Tage, vom Auferstehungstage, haben ganz gewiß etwas miteinander zu tun. Vielleicht ist die ganze Welt auf dieses österliche Heute und Jetzt geschaffen, auf den Menschen der Hoffnung. Alles wartet auf ihn. Er könnte das große, wunderbare Licht sein mitten im Dunkel aller Dinge. Er könnte wie eine lebendige Hoffnung in der Todeswelt stehen. Dann würde die Macht nicht mehr so hoffnungslos und das Wissen nicht mehr so kalt und leer und die Gesellschaft nicht mehr so unpersönlich und brutal sein. Der Mensch wäre wirklich das Maß aller Dinge, sofern er in der Hoffnung die Wurzeln seines Lebens hätte, das heißt in dem, was er sein wird, nicht in dem, was er ist, in dem, was Gott an ihm tun kann, nicht in dem, was er selber tun kann, in dem, was man nicht sieht und doch glaubt und nicht im Sichtbaren, über das wir immer nur unseren Namen und unseren Ruhm schreiben. Ist es nicht so, als hätten wir in diesen großen und bewegten Zeiten der Menschheit, durch die wir augenblicklich schreiten, auf einmal die Wahrheit der Auferstehung ganz nahe vor uns? Denn die Wahrheit der Auferstehung ist die Frage an uns, ob wir eine lebendige Hoffnung haben, ob wir begriffen haben, daß die Hoffnung das eigentlich Menschliche, das Besondere unter allen Dingen ist. Wir sind gefragt, ob wir in dieser Welt als solche stehen, die zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren sind.

Warum sind denn alle unsere Hoffnungen so leer und eitel? Warum ist der Rand und das Ende aller Dinge, die wir aufgeklärt und erforscht haben, immer noch so dunkel? Warum enden alle unsere Hoffnungen in einer so tiefen, schweren Hoffnungslosigkeit, die über uns kommt, wie das Dunkel der Nacht? Warum fallen die Knaben und werden die Jünglinge matt? [316] Warum sind unsere Hoffnungen, gerade wenn wir ihren Weg zu Ende gehen, unser eigenes Verderben? Es ist schon eine große Sache und ist der Anfang der Begegnung mit dem Auferstandenen, wenn wir den Mut haben, nach einer lebendigen Hoffnung zu fragen, wenn wir erkennen, daß wir Menschen ohne Hoffnung sind, wenn wir anfangen zu begreifen, daß es eine Hoffnung gibt, die nicht zu schanden wird, also eine Hoffnung, die den Menschen wirklich zum Ziel seiner Bestimmung bringt. Ja, wenn wir erst einmal dahin gekommen sind, daß wir unterscheiden lernen zwischen toter und lebendiger Hoffnung, dann haben wir etwas Entscheidendes verstanden von der Osterbotschaft, dann stehen wir dort, wo die Osterzeugen stehen, Maria von Magdala, und Thomas mit all seinen Zweifeln, und Saulus von Tarsus. Ganz nahe sind wir dann der großen, göttlichen Barmherzigkeit oder besser gesagt: sie ist uns ganz nahe; ganz nahe sind wir an Ostern, ganz nahe an Damaskus, ganz nahe an dem hellen, reinen Licht, das uns erst blind machen muß, damit wir alle Dinge mit neuen Augen sehen lernen. Denn das Hoffnungslose an all jenen Hoffnungen, die aus uns, d. h. eben nicht aus Gott stammen, ist dies, daß wir mit ihnen wie Gefangene im Lager leben, daß wir den dunklen Rand aller Dinge vermeiden, wie Gefangene den geladenen Draht. Wir wissen um die tödliche Grenze dieses Lebens, und wir respektieren diese Realität in all unseren sogenannten Hoffnungen, wir bleiben innerhalb dieses furchtbaren, von einer gewaltigen Hand um unser Dasein gezogenen Kreises. Wir lassen dem Tod also doch das letzte Wort, er ist das Geheimnis aller Gewalt, er ist das Letzte, was wir wissen, er ist die geheime Macht aller Gemeinschaft. Wir meinen, weil ihm der erste Mensch gehörte, darum müsse ihm auch der letzte gehören. Das Erbärmliche unserer Hoffnung ist – das sehen wir jetzt, wenn wir von der Auferstehung Jesu Christi zurückschauen auf diesen nutzlosen Kreislauf unseres Lebens – daß wir dem Tod alles überlassen.

Nun erst können wir die volle, die große Barmherzigkeit Gottes begreifen. Gott weiß, daß wir Hoffnungslose sind und daß wir dies bleiben müssen, solange nicht die Todesgrenze für uns aufgehoben wird. Er weiß, daß wir ihm nicht gehören können, solange wir nicht frei sind von der Furcht Gottes. Er weiß, daß wir nicht seine Kinder sein können, solange unser Erbe nicht das Ewige ist, ein unwandelbares, ein unbeflecktes und unverwelkliches Erbe. Er weiß, daß wir uns heimisch fühlen müssen in dieser Todeswelt, solange wir kein Bürgerrecht haben in jener Stadt, von der das Leuchten ausgeht, das uns getroffen hat. Darum ist die Barmherzigkeit Gottes nicht an ihrem Ziel bis auf Erden mitten unter uns durch einen Menschen wie wir diese Grenze durchbrochen wird. Es darf nicht nur im Himmel das Leben siegreich sein, der Ruhm Gottes muß auch auf der Erde [317] in Erscheinung treten, die Hoffnung des Menschen muß sich hier erfüllen. Die Gefangenen müssen hier, gerade hier spüren, daß das Gefängnis gefangen genommen ist. Es muß durch alle diese dunklen Zellen der Jubelruf gehen: Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Das ist Ostern, das ist Jesus Christus der Auferstandene, mit dem wir selbst alle auferstanden sind aus dem Grab unserer leeren Hoffnungen, das ist Gottes großes Erbarmen mit uns hoffnungslosen Menschen, das ist, wenn anders wir uns ganz und gar diesem Erbarmen überlassen, der Geburtstag eines neuen, ganz und gar in Gott und seiner Macht liegenden Lebens.

Gehalten am Ostersonntag, 9. April 1950 in der Kapelle von Beienrode.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 310-317.

Hier der vollständige Text als pdf.

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