„Das ist das Feld der Toten­gebeine, wo jeder Mensch hart und leblos wird“ – Hans Joachim Iwands Predigt über Hesekiel (Ezechiel) 37,1-14 (Mai 1944)

Trümmer rund um die Marienkirche nach einem alliierten Bombenangriff auf Dortmund

Da ist nach einem schweren alliierten Bombenangriff auf Dortmund die Marienkirche in Dortmund provisorisch vom Schutt gereinigt. Es steht der Sonntagsgottesdienst zu Pfingsten 1944 an. Und Hans Joachim Iwand predigt über Hesekiel 37,1-14:

Predigt über Hesekiel 37,1-14

Von Hans Joachim Iwand

Und des Herrn Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des Herrn und stellte mich auf ein weites Feld, das voller Totengebeine lag. Und er führte mich allenthalben dadurch. Und siehe, des Gebeins lag sehr viel auf dem Feld; und siehe, sie waren sehr verdorrt. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du auch, daß diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Herr, Herr, das weißt du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage von diesen Gebeinen und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des Herrn Wort! So spricht der Herr Herr von diesen Gebeinen: Siehe, ich will einen Odem in euch bringen, daß ihr sollt lebendig werden. Ich will euch Adern geben und Fleisch lassen über euch wachsen und euch mit Haut überziehen und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, daß ich der Herr bin. Und ich weissagte, wie mir befohlen war; und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich, und die Gebeine kamen wieder zusammen, ein jegliches zu seinem Gebein. Und ich sah, und siehe, es wuchsen Adern und Fleisch darauf, und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen. Und er sprach zu mir: Weissage zum Winde; weissage, du Menschen­kind, und sprich zum Wind: So spricht der Herr Herr: Wind, komm herzu aus den vier Winden und blase diese Getöteten an, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und richteten sich auf ihre Füße. Und ihrer war ein sehr großes Heer. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsre Gebeine sind verdorrt, und unsre Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr Herr: Siehe, ich will eure Gräber auftun und will euch, mein Volk, aus denselben herausholen und euch ins Land Israel bringen; und ihr sollt erfahren, daß ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch, mein Volk, aus denselben gebracht habe. Und ich will meinen Geist in euch geben, daß ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und sollt erfahren, daß ich der Herr bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der Herr.

Liebe Gemeinde! Das, was wir wohl alle denken in dieser Stunde, da wir uns nach der Nacht des Schreckens hier wieder sammeln im Gotteshaus, dürfte doch wohl dies sein: Herr, wir sind zu [109] gering aller Güte und Barmherzigkeit, die du an uns getan hast! Ich weiß, was viele unter uns verloren haben, ich weiß, welche Schrecken über die Menschen ergangen sind, die da in ihren Kellern auf ihr Ende gewartet haben. Ich weiß, daß in dieser Nacht Dortmund arm geworden ist, aber ich weiß auch, meine Freunde, daß wir alle in dieser Nacht zum Herrn gerufen haben, daß wir ihn gebeten haben, das mit uns zu tun, was seinem Willen entspricht. Wo wir Hab und Gut verloren haben, haben wir doch das Leben gerettet, daß wir noch denen dienen können, die uns brauchen, den Menschen, die uns lieb haben, die Frau dem Mann, die Eltern den Kindern. Ich weiß, daß Gott uns unsere Häuser erhalten hat, damit wir andern helfen können, damit der Geist seiner Liebe wirke in dieser Zeit des Trauerns, damit er einen Wall gegen das Unheil schafft, eine Hilfe. Es ist ja so in solcher Nacht, daß uns der Herr alles aus den Händen schlägt, und daß wir es dann neu geschenkt wieder bekommen wie ein großes Wunder. Wir wollen doch in dieser Stunde nicht vergessen, was wir alle wohl gebetet haben: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen! Du sollst mich preisen! Damit, daß du deinen Mund auftust und meinen Ruhm hineinträgst in eine Welt, die nicht müde wird zu rufen: es gibt keinen Gott. Daß du dich mitten hineinstellst in eine Welt. Du sollst ihn preisen. Daß du dieser Welle des gottfeindlichen Geistes, die heute über die ganze Welt geht, die Kraft der heiligen Liebe entgegensetzest, daß du dem Geist von unten den Geist entgegensetzest, der von oben kommt, den Geist des Lebens, der Zucht, der Wahrheit. Darum, meine Freunde, sind wir in dieser von Gottes Gnade uns erhaltenen Kirche versammelt. Treue Hände von christlichen Brüdern und Schwestern haben sie für diesen Tag von allem Schutt gereinigt. Während dies geschah, betrat ein Mann von der Straße unsere Kirche und verfluchte uns, daß wir die Kirche festlich für den Tag der Pfingsten bereiteten. So steht heute beides hart auf hart nebeneinander, das Lob Gottes und die Empörung derer, die ihn nicht verstehen. Und darum soll auch heute aus unseren Herzen und Mündern sein Lob über den Trümmern erklingen. Es würde der Welt da draußen vielleicht besser bekommen, wenn sie sich einmal still hielte, wenn sie auch einmal am Tage von [110] Pfingsten Einkehr hielte und dem Menschen etwas zukommen ließe von dem Lebensbrot, das wir alle brauchen, gerade heute brauchen, wenn wir nicht ganz verzagen sollen.

Alles Aufbauen, das ohne Gott geschieht, wird umsonst sein. Wo der Herr nicht das Haus baut, da arbeiten umsonst, die daran bauen. Sollten wir das nicht wieder begriffen haben? Könnte es nicht sein, daß diese Stunde, in der wir hier versammelt sind und Gott loben und ihm die Ehre geben, mehr bedeutet, als wir mit aller unserer Mühe schaffen können. Und so sind wir denn hier zusammen, wie ich glaube, als der Vortrupp einer neuen Zeit, einer neuen Gemeinschaft. Wir sind vielleicht heute noch die letzten, aber wir werden die ersten sein. Es wird einmal tagen über der ganzen Welt, über jung und alt, über arm und reich, über den toten Gebeinen, die vor uns liegen, über der ganzen gottentfremdeten und darum erstorbenen Welt. Es wird aufgehen, daß ihre einzige Hoffnung bei dem liegt, der hier sagt: «Ihr werdet erfahren, daß ich allein der Herr bin!» Dazu sind wir hier zusammengerufen, um diesen Glauben in unsere Seele zu senken. Ich weiß wohl, wie schwer das ist. Ich rede davon als einer, der auch tief unten im Staube liegt, aber ich weiß auch das andere: was Gott redet, das tut er auch! Es ist Zeit geworden, daß jeder von uns das glaubt, daß wir Gott beim Wort nehmen: Herr, jetzt ist die Zeit, laß uns nicht umsonst auf dich warten, wie lange willst du noch schweigen? «Ihr werdet erfahren», sagt Gott, «daß ich Gott bin.» Ihr werdet erfahren! Woran? Nicht daran, daß ihr vor euch ein Feld von Totengebeinen seht, daß ich alles zerschla­ge, daß ihr durch meine Gerichte hindurch müßt, sondern daran, daß jenseits dieser Todes­grenze, daß mitten in den Trümmern, mitten auf dem Todesfeld ein Rauschen gesche­hen wird, das Wehen meines Geistes, daß sich diese Skelette überziehen werden mit Gestalt und Leben, daß etwas geschehen wird an euch und der ganzen Welt, daß nicht mehr die Welt des Flei­sches einfach ihr Schicksal allein gestaltet, sondern daß der Gegenangriff beginnt, von oben her, von dem Geist, der der Menschen Herzen wendet, der Friede schaffen kann, der von innen her die Menschheit neu aufbaut. In einer neuen Menschheit, zum Volke Gottes, zu dein wahren Volk Israel. Meine Freunde, dazu sind wir da, [111] daß wir das glauben. Gott will, daß wir es glauben, ehe er es tut. Denn wenn wir es nicht glauben, ehe er es tut, dann werden wir es nicht verstehen, wenn es geschehen wird. Es ist das 1. Gebot, auf das er uns weist: Ich bin der Herr, dein Gott. Ihr werdet erfahren, daß ich Gott bin! Ich stehe mitten unter euch, das ganze Geschehen ist in meiner Hand und die Tiefe des Todes ist nur der Anfang des wunder­baren Lebens. Ein Feld von Totengebeinen sieht der Prophet vor sich. Nicht so, als wären das wirklich Tote, die Toten, die er sieht, reden ja, sie sagen: Wir haben keine Hoffnung, wir sind verloren, unsere Gebeine sind verdorrt, es ist aus mit uns! Ebendas hören auch wir heute, ebendas geht ja auch durch unsere Seele, liegt auch auf unserem Herzen. Es ist aus mit uns! Und doch liegt in dem Bild der Totengebeine noch mehr: wenn so Skelett an Skelett neben­einanderliegt, hören alle Unterschiede auf, da gibt es nicht mehr König und Bettler, nicht mehr Gut und Böse, nicht mehr Reich und Arm. So wird dieses Bild von Totengebeinen zum Bild für das große Kollektiv der Menschheit überhaupt, wo jeder der Nivellierung erliegt, wie ein Abgrund tut sich das vor uns auf. Man liest es aus den Gesichtern der Menschen, daß alles Leben aus ihrem Herzen gewichen ist, daß sie nur noch ein Herz von Stein haben, welches mit stummer Apathie das unabwendbare Schicksal trägt. Darum läßt dann die Luft zu helfen nach, darum gibt es kaum noch Mitgefühl und Mitleid, die Not stumpft ab und das Bestreben, sich selber zu retten wird das einzige sein, was Tun und Lassen regiert. Das ist dann der letzte Ausweg in dieser Hoffnungslosigkeit, nicht mehr zu denken, nicht mehr sein eigenes Leben zu führen, nicht mehr vor Gott zu stehen, nicht mehr aus der Verantwortlichkeit vor Gott für die anderen da zu sein, sondern dies alles gleichsam dem Tod zu überlassen. Lebend werden wir dann schon hereingezogen in das Todesgeschehen. Das ist das Feld der Totengebeine, wo jeder Mensch hart und leblos wird, wo das Gewissen verstummt, wo keiner mehr glaubt, keiner mehr betet, wo alle in jener furchtbaren Gleichheit des Nichts ihre Wesensgestalt und Farbe ihres Wesens verlieren. Das ist das Bild, das der Prophet sieht. Und nun fragt Gott: Glaubst Du, daß diese Gebeine leben? Glaubt ihr, daß diese Menschen noch einmal leben werden? so leben, [112] daß der Name Leben hier mit Recht gebraucht werden kann? Glaubt ihr das? Auch wir können gar nichts anderes tun, meine Freunde, wir müssen dasselbe ant­worten, was hier der Prophet zum Herrn sagt: Herr, du allein weißt das! Gott, du allein weißt es, ob du noch einmal diese Totengebeine lebendig machen kannst, diese Menschen zur Gemeinschaft umschaffen kannst.

Meine Freunde, wenn wir das doch sagen wollten, wenn wir doch so bescheiden sein könnten, so gläubig bescheiden, daß wir hier Halt machen und sagen: Gott, du weißt es. Dann werden wir auch glauben, was Gott sagt: sprich zu diesen Gebeinen, weissage ihnen, befiehl von dir aus, bringe mein Wort hinein in dieses Totenfeld und siehe dann zu, was geschehen wird! Das ist Gottes Antwort: Gottes Wort kann, ja muß Tote lebendig machen. Wir selbst sind ja hier zusammengerufen, herausgekommen wie aus Grüften und Gräbern, wir selbst merken, wie die Eiseskälte unser Herz umgibt, wie wir kaum noch den Pulsschlag unseres Lebens fühlen unter so viel Verzweiflung und Not. Aber dann kommt Gottes Wort und sagt: ich lebe, und redet mit uns ein vertrautes Wort und nimmt uns an unserer Hand und sagt: fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Dann wissen wir auf einmal: Nein, es ist nicht wahr, der Tod hat nicht das letzte Wort. Gott lebt, und wir müssen nur warten auf seine Stunde, denn es wird Großes geschehen. «Ich will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, daß ich der Herr bin.» Dann kommt das große Rauschen, das der Prophet hört. Es weht über das ganze Volk, über die Todesäcker Europas, über die Gott­losigkeit, die die Völker überall ergriffen hat. Und das Feuer des Heiligen Geistes brennt hindurch, es erweckt aus allen Gründen und Klüften die Zeugen seiner Herrlichkeit. Sie erheben sich wie die vom Tode erstandenen, sie rufen neu nach Gott und sie fragen erneut nach seinem Geiste.

Und er sprach zu mir: Weissage zum Winde! Und der Wind kommt aus den vier Winden. Der Wind ist das Zeichen des Geistes. Wir haben den Geist Gottes nicht in der Hand. Es ist so, wie Jesus zu Nikodemus sagt: Er kommt, wann er will. Wenn dann die Winde Gottes wehen werden über die Welt, dann werden die Verächter [113] Gottes etwas Erstaunliches erleben. Dann wird die Gemeinde Gottes da sein, dann wird die Kirche des Glaubens da sein, erstan­den aus dem Zusammenbruch aller Welt, sie wird so gewiß da sein als das Wort Gottes. Denn das Wort wird nicht leer zurückkommen. Und es werden dann die Schatten der Nacht zurück­weichen. Wir werden an diese Zeiten denken in den Angstträumen unserer Nächte, so wie die Toten vielleicht daran denken in der Ewigkeit, wie sie in den Gräbern gelegen haben, wir werden daran denken, wie die Mächte der Gottesverachtung schon glaubten, den Sieg ergrif­fen zu haben und wie dann auf einmal der Geist Gottes hineinfegte und sie zurückweichen mußten in die Abgründigkeit, aus der sie kamen und der Geist Gottes eine neue Bahn machte und wie sich die Menschen in Gott neu verstehen werden überall in der Welt. So wie es da­mals angedeutet ist in der Pfingstgeschichte, daß alle die verschiedenen Völker in ihren Zun­gen die großen Taten Gottes Geist hören, daß der Fluch von Babel von ihnen genommen ist und der Segen von Pfingsten über sie kommt.

Vielleicht wissen wir jetzt, worum wir heute beten sollten, und begreifen jetzt, daß hier oder da bei uns oder jenseits unserer Grenzen solches schon angefangen hat, daß da draußen viel­leicht im Toben der Schlacht ein paar Christen stehen, die ebenso wie wir rufen: «Komm, Schöpfer Geist!», daß es hier oder da Menschen in ihrer Not und Verzweiflung durch die Seele blitzt, es müßte an uns das Pfingstwunder geschehen.

Daß doch dieser Geist Gottes nicht zu spät käme, daß doch Gott bald seinen Geist senden möge, daß wir anfangen möchten, Träger dieses Geistes zu sein, so daß wir wissen, wir sind Wartende, wir warten darauf, daß Gott mit seinem Hammer das Gräberfeld zerstören wird, daß wir spüren das Wirken seines Geistes! Christus ist nicht umsonst gen Himmel gefahren. Christus rettet seine Menschheit. Daß wir in solcher Gewißheit hingehen möchten, daß wir so unsere Liebe hineinsenken möchten in die Herzen der Menschen, das gebe Gott euch und mir aus seiner großen Barmherzigkeit!

Gehalten in der St.-Marien-Kirche in Dortmund am 28. Mai 1944 (Pfingstsonntag).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 108-113.

Hier die Predigt als pdf.

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