Hans Joachim Iwands Vortrag „Die Heilige Schrift als Zeugnis des lebendigen Gottes“: „Das Wort, das hier ge­schrieben steht, ist wahrhaftig das Wort, in dem Gott mit der Welt geredet, ja mehr, in dem er sich mit seinen Erwählten verbunden und verbündet hat.“

Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Heilige Schrift stellt Hans Joachim Iwands Vortrag „Die Heilige Schrift als Zeugnis des lebendigen Gottes“ bei der Deutschen Evangelische Woche 1936 in Stuttgart dar:

Die Heilige Schrift als Zeugnis des lebendigen Gottes

Von Hans-Joachim Iwand

Hier in Stuttgart[1] von der Schrift zu reden, von der Schrift als dem Selbstzeugnis des lebendigen Gottes — Sie werden es verstehen, meine Zuhörer, daß diese Aufgabe einem Norddeutschen etwas bange machen kann. Denn über Ihrem Land und Ihrer Kirche steht ja, vielleicht in einzigartiger Weise, die Wolke der großen Schrifttheologen, von den Vätern des württembergischen Pietismus angefangen, von Bengel und Oetinger, Beck und Hofacker bis hin zu Adolf Schlatter, dem unermüdlichen Ausleger und Mahner, recht hinzuhören auf die Botschaft und recht hinzusehen auf das, was „geschrieben steht“, Männer, die in der Zeit der theologischen Moden, ob sie nun Orthodoxie oder Aufklärung oder Historismus heißen, irgendwie immer gegen den Strom schwimmen, die sich in den Zeiten des Fortschritts wie des Rückschritts immer durch eine besondere Beharrlichkeit auszeichnen, weil sie etwas von der Beharrlichkeit und Überlegenheit des geschriebenen Wortes Gottes wissen, davon, daß das Wort Gottes in Ewigkeit dasselbe bleibt und der Mensch allen Zeitströmungen zum Trotz hier warten, hier hören, hier seinen Standpunkt einnehmen soll. Denn Stehen, Bleiben, Bewahren, Stillesein, Hören, Anklopfen, Beten und Wachen, das sind ja Worte, die in der Bibel groß geschrieben werden.

Dem Erbe dieser Männer gegenüber werden wir Lernende und Empfangende bleiben müssen, wir, die wir in unseren Kirchen andere, vielleicht sehr viel verschlungenere und verworrenere Wege geführt worden sind und noch geführt werden. Aber es gilt ja nicht immer nur Neues zu sagen, das Neue Testament kennt auch eine bestimmte Freude, die darin beruht, daß von vielen Orten und Angesichtern her derselbe Dank und derselbe Lobpreis zu dem einen Gott einmütig bezeugt wird. Denn Bekennen heißt doch wohl: gemeinsam reden. So und nicht anders möchte ich auch jetzt an mein Thema herangehen, [111] nicht in der Absicht, etwas Neues oder Unerhörtes zu sagen, sondern um das Alte und doch nie Veraltende auch von mir aus zu bekennen ind aus den Arbeiten und Erfahrungen heraus, die uns heute in der gesamten Kirche in Atem halten, mit Ihnen in dem Bekenntnis übereinzustimmen: Verbum Dei manet in aeternum!

Denn gewiß, die Rechtfertigungslehre kennt der Protestantismus auch heute noch, er findet in ihr heute noch seine Abgrenzung gegen den römischen Katholizismus. Aber was den Vätern der Reformation die Schrift bedeutete, ist weithin geschwunden, und was wird aus der Lehre von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben, wenn diese Lehre nicht mehr aus der Schrift gewonnen wird und uns nicht aufs neue in die Schrift zurückführt? Luther ist ein Zeuge der Heiligen Schrift. Calvin desgleichen. Unter der Heiligen Schrift stehen die Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche, in denen die Lehre von der Rechtfertigung entwickelt wird. Die Schrift wehrt allem Abfall der Kirche, dem Abfall in einen toten Dogmatismus nicht minder als dem in einen aufgeklärten Moralismus, die Schrift sorgt dafür, daß wir ständig als Lernende lehren, als Hörende predigen, als Gebundene die Freiheit der Kinder Gottes gebrauchen. Wehe, wenn wir das vergessen. Luther sagt einmal: „Das Hauptstück und der Ursprung aller Versuchung liegt darin, daß wir ohne das Wort über Gott und sein Wort urteilen.“ Haben wir nicht — und hier stehen neben den württembergischen Schrifttheologen und vielleicht nicht ganz ohne Verwandtschaft mit ihnen die Schellingsche Theosophie und die Hegelsche Geistlehre — gemeint, das Wort nur als Sprungbrett ansehen zu können, um über das geschriebene Wort hinaus zu dem ungeschriebenen, ewigen, zu dem Wort, das beim Vater ist, selbst aufzusteigen? Um mit angeleimten Flügeln dem Licht in seinem Ursprung nahezukommen? Liegen wir nicht darum jetzt zerschmettert am Boden? Müssen wir nicht in neuer Bescheidenheit in der Schrift bleiben lernen, auch wenn manche Erkenntnis uns dann versagt bleibt, auch wenn die christliche Hoffnung hier auf Erden nicht geschaut und nicht begriffen wird? Ist nicht die ganze Heilige Schrift die gnädige Herablassung Gottes zu dem Menschen, der abgestürzt ist, der durch „die Weisheit Gott in seiner Weisheit“ nicht erkannte und darum nun durch die Torheit des Evangeliums, durch die Botschaft von dem für die Sünde gekreuzigten und für die Gerechtigkeit auferstandenen Jesus Christus gerettet werden soll? So und nicht anders bitte ich Sie das Folgende zu verstehen als einen Gehversuch durch die weiten Räume der Schrift, als einen An-[112]fang etwas sehen und verstehen zu lernen von der Gnade Gottes bei den Menschen. Die Schrift wird uns lehren, Anfangende zu bleiben, damit wir in Sehnsucht und Erwartung dem Augenblick entgegengehen, in dem wir schauen sollen von Angesicht zu Angesicht.

I.

Es mag wie ein Widerspruch in unseren Ohren klingen, wenn wir hören: Die Schrift — das Zeugnis des lebendigen Gottes. Ein Buch, in dem die Worte und Taten des lebendigen Gottes aufgezeichnet sind! In dem sie also einmalig und endgültig festgelegt sind! In dem wir Worte finden, die so gewiß in alle Ewigkeit gelten, als sie da in Buchstaben vor uns stehen, Taten und Ereignisse, die so festliegen, wie diese Berichte, Zeugnisse und Aufzeichnungen abgeschlossen und unabänderlich überliefert sind. Der Tod Jesu, der der Sünde galt, gilt ein für allemal (Röm. 6, 10)! Das Wort, das Gott in seinem Sohn zur Welt gesprochen hat, ist sein vollkommenes und letztes Wort (Hebr. 1, 2)! Wen noch nie das Erstaunen über diese Tatsache angekommen ist, der weiß noch nicht, was es bedeutet, wenn wir von der Offenbarung Gottes reden. Denn alles, was die christliche Kirche tut, ruht auf diesem Wunder, auf der Einheit zwischen der Schrift und dem Wort des lebendigen Gottes, freilich einer geglaubten Einheit, die nicht mit der Verbalinspiration, dieser materialisierten Offenbarungstheorie verwechselt werden darf. Oder warum predigen wir, indem wir ein Wort der Schrift auslegen? Warum binden und lösen wir die Gewissen der Menschen gemäß dem Auftrag der Schrift? Warum unterrichten wir die Kinder über Gott aus der Schrift? Warum ist sie Inhalt und Richtschnur alles Unterrichts über Gott, seine Wirklichkeit und seinen Willen? Warum lehren wir die Wahrheit Gottes, das Wort der Wahrheit, wie es bei Jakobus heißt, indem wir das Zeugnis der Propheten und Apostel, ihre Reden und Briefe dem zugrunde legen, indem wir lernen, was sie über Gottes Gerechtigkeit, über die Sünde und den Ungehorsam der Welt, über Knechtschaft und Freiheit, über Gesetz und Evangelium, über Glauben und Werke, über Fleisch und Geist gelehrt haben? Wenn wir das tun, dann doch aus der Gewißheit heraus: Das Wort, das hier geschrieben steht, ist wahrhaftig das Wort, in dem Gott mit der Welt geredet, ja mehr, in dem er sich mit seinen Erwählten verbunden und verbündet hat. Er verheißt, was hier verheißen wird. [113] Er redet, was hier mit Vollmacht geredet wird. Er gibt den Predigtauftrag. Er gebietet, was verkündigt und was nicht verkündigt werden soll. Er ist das Treibende in dem ganzen Geschehen der Heiligen Schrift, der Handelnde, Zwingende, Gewaltige. Unfreiwillig werden die Menschen, die er sich dazu ersehen hat, in diesen Dienst hineingeholt; wie die Furcht den Menschen überfällt, wenn der Schrei des Löwen ihn in der Einsamkeit der Wüste trifft, so und nicht anders überfällt Todesfurcht den Propheten, den Gott sich zu seinem Werkzeug machen will (Amos 3, 8). Diese Menschen, die hier als Boten Gottes auftreten, sind alle bereits durch den Tod gezeichnet. Sie gehören nicht mehr sich selbst, sie sind nur noch Mund, Stimme, Werkzeug eines anderen. Was der Eine uns bezeugt hat, in dem Gott sein letztes, zusammenfassendes testamentarisches, d.h. durch den Tod besiegeltes Wort gesprochen hat, gilt für den Akt des biblischen Zeugnisses durchweg: „Ich habe nicht von mir selber geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll“ (Joh. 12, 49). Hier an Jesus Christus wird deutlich und greifbar, was es für ein Reden und Zeugen ist, das im Zeugnis der Schrift vor uns liegt, am Meister gemessen verstehen wir erst die Knechte. Es ist ein gehorsames Reden, ein Weitergeben des anderswo, bei Gott selbst und von Gott selbst Gehörten. Der Botendienst dieser Männer ist dem Botendienst eines Herolds gleich, der mit der Siegeskunde dem heimkehrenden Heer des Königs voranzieht (Jes. 52, 6 und 7), der seinen Lauf vollenden, seine Nachricht an die bestimmte Adresse bringen muß und der nichts anderes im Sinn haben darf, als wie er sie seinem Auftrag getreu in der Welt kundmacht. Hier oder da stößt dann der eine oder der andere dieser Menschen, die Gott in seinen Dienst gezwungen hat, einen Klageruf aus, der uns tief hineinschauen läßt in die Not und Enge solchen Lebens, in die Unfreiheit derer, die Gott für solche Sendung braucht und gebraucht. Da weigert sich einer, er habe eine schwere Zunge und eine schwere Sprache, aber Gott antwortet ihm: „Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? … Geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst“ (2. Mose 4, 11 und 12). Da verflucht ein anderer den Tag seiner Geburt und begehrt, sein Geburtstag wäre sein Todestag gewesen, „daß meine Mutter mein Grab gewesen und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre“ (Jer. 20, 17), aber er kommt dennoch nicht los von seinem Gott. Gott ist stärker, er hat das Spiel gewonnen, und der Prophet hat verloren, seitdem ihn Gott im Mutterleibe er-[114] kannte und ihm in Gesichten begegnete. Es ist diesen Männern nicht möglich, wieder frei zu werden. Wenn sie der Versuchung erliegen wollen, einmal auch so zu predigen, wie ihr Gegner und Widersacher, die Traumpropheten und Lügenapostel, dann ist es in ihrem Herzen „wie ein brennendes Feuer“ (Jer. 20, 9). Es gibt für sie kein Zurück, nachdem sie Gott einmal gefolgt sind. Der Schrecken, der dem Weichenden von Gott her droht, ist so furchtbar, daß darüber all die Schrecken, die ihm von der Welt her drohen, ihren Schrecken verlieren. Denn es ist „schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Hebr. 10, 31).

Was die Griechen Ananke nannten, die Unerbittlichkeit eines bestimmten Laufes und Befehls liegt über ihnen (1. Kor. 9, 16). Sie stehen sehr hoch, aber darum gehen sie Schritt um Schritt am Abgrund. Wenn der Gottlose ungewarnt, in seinen Sünden stirbt, wird Gott sein Blut von der Hand seines Propheten fordern. Denn die Boten Gottes tragen nicht allein die Verantwortung für ihre eigene Seele — auch die wird nicht vergessen (1. Kor. 9, 27)! —, sondern sie tragen die Verantwortung für das Ganze, für das ganze Volk, für die ganze Kirche. Sie stehen nicht in einer leeren, auf sie wartenden, nach dem Worte Gottes verlangenden Welt, sondern mitten in einer den Götzen und dem Götzendienst verfallenen Menschheit, mitten unter solchen, die auch predigen, auch prophezeien, auch weissagen, auch im Namen Gottes das Volk belehren, nur unendlich viel einschmeichelnder, gefälliger, hoffnungsvoller; sie stehen meist, wenn nicht immer in ihrer Zeit da als die einzelnen wider die Menge, in ihrem Leben mischt sich das Hosianna und das Kreuzige zu einem seltsamen Bild von Volksnähe und Volksfremdheit, Zeitnähe und Zeitfremdheit; sie reden die Sprache, die jeder versteht, aber weil sie in dieser Sprache Gottes Wort reden, weil sie Gottes Wort reden, daß es jeder versteht — und das sollten sich die gesagt sein lassen, die sich heute von der Verdeutschung des Christentums und von der Volksnähe der Verkündigung soviel für die Ausbreitung der Botschaft versprechen —, sind sie verhaßt. Gott stellt sie mitten in den Alltag des Lebens, in das Treiben der Großen und das Sich-Treiben-lassen der Kleinen, in die Welt der Politik und des Wirtschaftslebens. Sie müssen den Königen entgegentreten und das Recht der Unschuldigen in Gottes Auftrag dort zur Sprache bringen; sie kennen keine Mächte, die nicht in der Hand ihres Gottes sind; Gott findet die Völker „wie ein Vogelnest“ und rafft die Lande zusammen „wie man Eier aufrafft“ (Jes. 10, 14); er bettet die Könige in das [115] Grab zu den Würmern und legt Sieger und Besiegte in eine Grube. Aber sie, die Propheten, stellt Gott neben sein Tun, damit sie der Welt sagen, wer der ist, der „Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt“ (Ps. 46, 10). Sie stehen daneben als die lebendige Urkunde dafür, daß Gott alles in allem ist. Sie dürfen nicht einmal das kennen, was doch jedes Menschen edelste Neigung und Stimme seines Blutes ist, ihr Volk als letztes Ziel ihres Dienens und Wirkens. Nein, heißt es da — und das in einem Volk wie dem jüdischen, bei dem Rasse, Abstammung, Nachkommenschaft so Entscheidendes bedeuten: Verstocke das Herz des Volkes — verhärte ihr Ohr — blende ihre Augen! Warum, warum dieser furchtbare Auftrag, daß der Prophet beitragen muß zur Verstockung und zum Untergang seines eigenen Volkes? Wer will mit dem Herren rechten? „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“ (Jes. 6, 3). Wie würden sich die Weisungen und Programme unserer Tage dabei ausnehmen, wenn wir den Versuch machen wollten, sie in dieser Welt, in dieser unter dem Ernst der Ehre Gottes stehenden Welt der Heiligen Schrift unterzubringen? „Die Kirche hat mit dem Worte Gottes ihrem Volk zu dienen!“ Wo ist die Lücke, um dieses Dogma neuzeitlicher Heilspropheten in der Offenbarung Gottes unterzubringen? Die Boten und Zeugen, denen wir hier begegnen, haben ihrem Herrn zu dienen, wehe, wenn sie aufhören wollten, neben ihm andere Autoritäten, Worte oder Wirklichkeiten gelten zu lassen. Wehe, wenn sie die Stätte seiner Anbetung und seines Heiligtums durch falsche Worte und eigene Zusätze verwüsten wollten. Im Gegenteil, sie sind gesandt, den Gottesdienst zu reinigen. Das ganze Geschehen von der Gesetzgebung am Sinai bis hin zur Bergpredigt Jesu und seinem Auftreten in der Stadt Jerusalem ist nichts anderes als eine sich immer wiederholende Tempelreinigung. Wer versucht mit eigenen Gedanken Gottes Gedanken zu ergänzen, mit eigenen Zusätzen Gottes Gebot zu korrigieren, sei es auch aus noch so edlen, humanen oder klerikalen Motiven, der wird die Last seiner Worte tragen müssen und doch nicht tragen können. „Denn einem jeglichen wird sein eigenes Wort eine Last sein, weil ihr also die Worte des lebendigen Gottes, des Herrn Zebaoth, unseres Gottes, verkehrt“ (Jer. 23, 36).

Weil die Boten Gottes von dieser „Last“ frei sind, begegnen wir bei ihnen trotz aller Gebrechlichkeit und allen Leidens dennoch einer überlegenen letzten Leichtigkeit, Freude und Gewißheit. Darum ihre Entschlossenheit, mitten in den Freudentaumel der religiösen Feste [116] ihres Volkes die Entscheidung des Entweder-Oder, des ersten und allumfassenden Gebotes Gottes hineinzutragen: Entweder Gott oder die Götzen, entweder Baal oder der Gott, der Feuer vom Himmel fallen läßt, entweder Gott oder der Mammon, entweder seine Seele bewahren oder die ganze Welt gewinnen, entweder Glauben oder Werke, entweder Gnade und Vergebung und unbegreifliches Erbarmen oder der Turmbau zu Babel, die Synagoge und das Gesetz — Entweder-Oder! Unmögliches verlangen sie, sie zerschneiden das scheinbar unzertrennlich miteinander Verwachsene. Entweder ihr folgt dem rettenden Gott, oder ihr bleibt in Sodom und Gomorrha, das Gott zu Asche macht; entweder ihr folgt dem Wort des Lebens, oder ihr seid weiterhin tote Totengräber; entweder ihr seid ausgerichtet auf die Zukunft Gottes, oder ihr seid ausgeliefert an die Welt, die keine Hoffnung hat. Die Brücken, die der Mensch von hier nach dort schlägt, um diese Welt und jene Welt miteinander zu vereinigen, um sich so einen Übergang, ein Sowohl-als-Auch, einen Standpunktswechsel mit all seinen Variationen, Freiheiten, Ungebundenheiten zu sichern, brechen sie rücksichtslos ab. Sie wissen: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben“ (1. Kor. 15, 50). Sie bekennen: „Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt“ (Gal. 6, 14). Das Auge, das nach der Welt schielt, die Hand, die sich an ihr festhalten möchte — sie schlagen sie ab und reißen es aus, denn die Wirklichkeit des lebendigen Gottes verlangt ein ganzes Herz; sie will mit beiden Händen ergriffen, sie will als die Wirklichkeit, als die einzige, wahre, bleibende, kommende, entscheidende ins Auge gefaßt sein.

II.

Die Welt hat kein Recht neben Gott. Denn der Gott, der sich hier und durch diese seine Boten und Knechte bezeugt, ist ja nicht der tote, gemachte, in Ideen und Ahnungen als jenseitige Möglichkeit erträumte Gott der Heiden, sondern der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Gott des ersten Artikels und darum der Gott des ersten Gebotes. Darum stehen wir gerade in unserem Hier und Jetzt unter seiner Aufsicht und unter seiner Sorge: „Warum sprichst du denn: Mein Weg ist vor dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber! Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Welt geschaffen hat, wird nicht müde [117] noch matt …“ (Jes. 40, 27 f.). Das eben ist es: Diese Menschen der Bibel, die um den lebendigen Gott wissen, können gar nicht anders leben als im Heute, in der Gegenwart — aber dieses Heute ist für sie immer zugleich das Heute des konkreten Gehorsams, und diese Gegenwart ist die Einübung des Glaubens an den unsichtbar gegenwärtigen Gott. Darum auf der einen Seite der für die Bibel charakteristische Realismus der Zeitgeschichte, das ungehemmte Hineinfluten des jeweiligen geistigen, politischen, religiösen Geschehens bis hin zu dem Gebot des Kaisers Augustus und zu den Verhandlungen vor Pilatus — und auf der anderen Seite ein ständiges Leben in der Ausnahme, in der Besonderheit, die sich doch nie als Besonderheit fühlt und wohlfühlt, ein Wandeln und Stehen in der Zeit, das seltsam wirkt und doch eigentlich das rechte, natürliche, wesensgemäße ist. Diese Menschen der Bibel stehen in der ungeschminkten Wirklichkeit des Tages, aber sie stehen darin als die Sehenden gegenüber den Blinden, ohne Enthusiasmus, ohne die uns allen angeborene Binde vor den Augen; sie sehen die Welt — nicht im Lichte der eigenen Vernunft, sondern in dem anderen, wahren, in die Tiefe dringenden Lichte des Willens Gottes; sie sehen, was ist; sie sind die wahren Realisten des Lebens; sie leben — sie müssen leben in dieser entdeckten, bis auf den Grund von Sünde und Tod und Gottesferne und Bruderhaß entdeckten Welt: denn vor Gottes Wort ist „alles bloß und entdeckt“ und „keine Kreatur ist vor ihm unsichtbar“ (Hebr. 4, 13). In dieser Welt leben die Zeugen des lebendigen Gottes. Sie gehen mit ihren Volksgenossen durch ein und dieselbe Zeit, durch denselben Tag, durch dieselben Stunden der Freude, des Glückes, der Trübsal, der Angst, durch dieselbe Welt der großen Politik und des kleinen Alltags, aber sie müssen ihren Weg machen als die Sehenden, sehend geworden für die Gnade Gottes, aber sehend darum auch für seinen Zorn, sehend für den Tod (Psalm 90!), aber sehend auch für das Leben (Martha am Grabe des Lazarus!), sehend für das Gericht und für die Errettung, sehend für die Zeichen der Zeit und für die Grenze aller Zeit. Die Welt mag sich Gott ferne dünken, Gott bleibt ihr dennoch nahe — das sehen sie! „Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könnte, daß ich ihn nicht sehe? Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?“ (Jer. 23, 24). Zu diesem Tatbestand können sie nicht nein sagen. Sie müssen in der Gottesgegenwart leben als Sehende, Wissende, Erkennende, darum als die Erschrockenen, Leidenden, Mühseligen und Beladenen. [118]

Kein Wunder, daß wir immer wieder den Eindruck haben, in eine fremde Welt zu treten, wenn wir die Schrift lesen; aber an bestimmten Dingen erkennen wir dann doch, daß es keine ganz fremde Welt ist, daß wir kein Märchenbuch in der Hand haben, daß diese Welt doch unsere Welt ist: Da treten dieselben Figuren auf, Reiche und Arme, Könige und Kärner, die Priesterschaft in ihrer Sicherheit und Tempelgläubigkeit; da gibt es Kriegs- und Friedenszeiten, häusliche Szenen und hochpolitische Affären; da gibt es himmelstürmende und himmelschreiende Gottlosigkeit; da spielt die Geschichte des Reiches Gottes bald bei den armen Fischern am See Genezareth, bald in dem stillen Frieden von Bethanien, bald wieder vor Schriftgelehrten und Hohenpriestern, vor Gewaltherrschern und unter dem Schatten des Imperium Romanum. Gewiß, all die Geschichten und Geschehnisse sind nur ein Ausschnitt aus unserer Welt, räumlich und zeitlich sehr begrenzt, relativ, heute in vielem so nicht mehr denkbar, uns, dem Europäer des zwanzigsten Jahrhunderts fremd geworden. Aber auch das zwanzigste Jahrhundert ist nur ein Ausschnitt, auch Europa ist nur ein Ausschnitt! Genug, daß es ein Stück unserer Welt ist, von unserem Fleisch und Blut, aber ein Stück Welt eingetaucht in das Licht der Gegenwart Gottes. Alles, was in der übrigen Welt verborgen oder zukünftig ist, das bricht hier schon herein, liegt am Tage. Dieses Stück Welt, dies herausgeschnittene, ausgewählte Volk, diese Zeit, dies zum Paradigma erhobene Geschehen steht heute schon unter Gericht und Gnade, hier berührt die Tangente der Ewigkeit heute schon den Weltkreis, hier begegnen sich der erste und der letzte Mensch, hier stehen Fall und Auferstehung als Woher und Wohin des Menschen schlechthin vor uns. Das ist die Welt der Bibel, dieser peripherische Sektor, der Zeugnis geworden ist für die wahre, weil abschließende Begegnung zwischen Gott und Mensch, ja mehr, für den Austrag des Kampfes der ganzen Welt mit ihrem Herrn und Schöpfer. Und dieser Austrag heißt: Sieg! Sieg auf Seiten Gottes — aber nun nicht, wie wir vielleicht wähnen, Untergang, Zerstörung, Niederlage auf Seiten des Menschen — sondern im Gegenteil: Die Niederlage des Menschen in diesem Streit ist seine Rettung. Das gerade will die Schrift bezeugen. Das ist ihre Probebotschaft. Diesem Sieger gehören heißt, nicht mehr dem Tod, der Sünde, dem Gesetz des Fleisches und dem Fürsten der Welt zu-eigen sein. Dieser Sieg stellt das Eigentumsrecht des Schöpfers über alles Geschaffene wieder her. Er offenbart, daß Gott nicht den Tod des Gottlosen will, sondern daß er sich bekehre von seinem Wesen [119] und lebe (Hes. 33, 11). Er offenbart die Macht —aber eben darin die Barmherzigkeit Gottes. Er offenbart mehr, als daß Gott lebt: daß er lebt und daß auch wir leben sollen (Jo. 14, 19). Dies, daß auch wir leben sollen — und zwar vor Gott, dem Zugriff des Todes entnommen, leben —, ist der Inbegriff der Barmherzigkeit Gottes. Der lebendige Gott, der nicht ohne die Menschen leben will, das ist der barmherzige Gott, den die Bibel als den bezeugt, dem der Sieg gehören wird am Ende der Tage!

Hier sollten die aufmerken, die das Werk Gottes und das Werk des Menschen nicht auseinanderhalten und dem Menschen zuteilen wollen, was die Bibel allein Gott vorbehält: diese die Welt wieder         herstellende Barmherzigkeit. Kein Zufall, daß Barmherzigkeit und Gerechtigkeit die Stichworte der die Welt erschütternden Revolutionen geworden sind! Wenn die Menschen versuchen, Gott zu sein, wenn sie tun wollen, was nur Gott kann: die Gewaltigen vom Stuhl stoßen und die Niedrigen erheben, die Hände der Hungrigen mit Gütern füllen und die der Reichen leer lassen, die Gerechtigkeit auf Erden herstellen, die Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit — dann, ja dann heißt das nicht Errettung der Welt, sondern Untergang, nicht Heil und Erlösung, sondern Unheil und Umsturz, nicht Telos, sondern Chaos, nicht Befreiung, sondern letztes, endgültiges Verfallensein allen, aber auch allen Dämonen und bösen Geistern, von denen man gerade frei werden will. Das sagt die Schrift: Das Weltgericht liegt bei Gott! Sie sagt nicht, daß es nicht komme, aber sie sagt: Es liegt bei Gott. Sie sitzt nicht auf der Bank, wo die Spötter sitzen, aber sie achtet den breiten Graben zwischen denen, über die das Gericht ergeht, und dem einen, der das Gericht ausübt! Sie hält den Unterschied zwischen Gott und Mensch als die der Welt fehlende und dennoch für ihren Bestand unentbehrliche Wahrheit aufrecht. Da ist — in den Augen der Schrift — „nicht, der gerecht sei, auch nicht einer! Da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott frage; da ist nicht, der Gutes tun. Alle sind abgewichen, alle untüchtig geworden“, alle gezeichnet von den Werken, mit denen sie Umgang haben (Röm. 3, 10 ff). Das heißt: Gottes Gerechtigkeit. Gott allein kann der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen. Wenn es der Mensch versucht, dann wird über all solchen Versuchen immer das denkwürdige Wort des Apostels Paulus stehen müssen: „Nun lehrst du andere und lehrst dich selber nicht, du verkündigst die Gebote Gottes, aber du bist selbst ein Obertreter“ (Röm. 2, 21). Wie will ein Mensch, der selbst seine Glieder der Gesetzlosig-[120]keit als Waffen zur Verfügung stellt, der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen? Mit Worten allein? — denn mit seinen Taten steht er im Banne der Ungerechtigkeit. Darum wehrt die Schrift dem Menschen, Gott gleich sein zu wollen. Darum macht sie den Graben so tief, den Abgrund so steil. „Kann wohl ein Reiner kommen von den Unreinen? Auch nicht einer! — Unter seinen Heiligen ist keiner ohne Tadel, wieviel weniger ein Mensch, der ein Greuel und schnöde ist, der Unrecht säuft wie Wasser“ (Hiob, 14, 4; 15, 16).

Das ist das Zeugnis der Schrift von dem lebendigen Gott: Gewiß, es gibt Gerechtigkeit, Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Glauben, Sanftmut, Keuschheit — aber das sind Prädikate Gottes, Kennzeichen des aus ihm geborenen Lebens, des Lebens, nach dem hier Ausschau halten alle, denen je einmal der Gedanke kam, es könne dies Leben nicht das rechte sein, sondern nur sein entstelltes Angesicht — aber der Mensch nicht fähig dies Leben zu verwirklichen, der Mensch selbst das größte Problem in dieser Verwirklichung wahren Lebens, der Mensch teilhabend an dem Geist, der stets das Gute will und stets das Böse schafft, der Mensch, der in den Psalmen klagt und schreit, der Mensch, dem die Welt ob all dieser Verkehrtheit nichtig und leer wird, der Mensch der Sprüche Salomos, der irre wird an allem, was er je geliebt, genossen, gekostet und an sich gerissen hat, der Mensch, der wie Hiob zwischen Gottes Zorn und falschen Freunden die grenzenlose Einsamkeit der Verzweiflung schmeckt, der Mensch von Römer 7 und das Weib von Apokalypse 17 — die Guten und die Bösen, die Verzweifelten und die Selbstgerechten, die, die es merken, wie es um sie steht, und die, die es nicht merken wollen, wie es um sie steht — die Menschen können nicht wahrmachen, was sie wissen, in ihren Händen verwandelt sich die Gerechtigkeit in Hochmut und das Leben in Rausch, die Freude in Lust und die Barmherzigkeit in Almosen — das sind die Tantalusqualen des Menschen: Ihn dürstet nach der Gerechtigkeit, aber bückt er sich zu trinken, so weichen die Wellen zurück!

III.

Darum meint man ja, die Bibel solle endlich schweigen. Es geht bei dem Kampf, der heute zwischen der selbstgemachten Religiosität des sogenannten christlichen Europa und diesen Zeugen des lebendigen Gottes im Gange ist, um etwas sehr Einfaches: daß nämlich die Bibel [121] mit ihrer von Gott bloßgestellten Welt die tödliche Gefahr bedeutet für alle religiösen oder auch quasi religiösen Illusionen, mit denen man die unerträgliche Wirklichkeit erträglich zu machen sucht. Und wo immer man bestimmte Worte auszumerzen sucht wie Sünde und Gnade und Gericht und Verdammnis und Reich Gottes, da eben meint man die Bibel: Es sind ihre Worte, sie soll schweigen, sie ist weltverneinend, pessimistisch, eine Gefahr für die Hoffnungen und den Wahn des Menschengeistes. Die Gestalt Jesu mag noch erträglich sein, aber nehmt sie heraus aus den Zeugnissen, von denen sie hier umgeben ist. Macht ein Ideal daraus oder einen Mythus, ein Vorbild oder einen Tugendlehrer — aber der „biblische, geschichtliche Christus“, wie Kähler ihn genannt hat, dieser von Aposteln und Propheten umgebene und bezeugte Christus Gottes, der für die Sünden der Welt am Kreuz endet, ist der Inbegriff alles Ärgernisses. Er ist gleichsam die endgültige Fixierung jenes Grabens zwischen Gott und der Welt, das endgültige Datum der Grenze, das Gott selbst aufgerichtet hat als Zeichen unserer Ferne zu ihm und seiner Nähe zu uns. Gerade das, was die Welt immer wieder möchte und worin ihr zumal im 19. Jahrhundert die Theologie und die Kirche so bereitwillig gefolgt sind, Jesus Christus auf eine Stufe mit allen anderen Menschen zu stellen, ihn von da aus zu verstehen, neu zu zeichnen und so zu verherrlichen, tut die Bibel nicht. Im Gegenteil, sie bezeugt ihn als den einen Menschen, für den es die Schranke des Todes und der Sünde nicht gibt; sein Leben beginnt nicht mit dem Tage der Geburt, sondern er kommt in die Welt aus seines Vaters Reich; sein Leben endet nicht mit dem Tod, sondern sein Tod ist sein Heimgang zum Vater. Die Heilige Schrift hat ihr eigenes Bild und ihr eigenes Zeugnis von Jesus von Nazareth, ja man könnte wohl sagen: Entgegen allen Zeugnissen, die die Menschen ihm zu geben bereit sind, steht hier das eine Zeugnis, das Gott selbst seinem Sohne mitgegeben hat, das einzige, das er anerkennt.

Und wenn die Bibel das Zeugnis des lebendigen Gottes ist, wenn sie über all dem, was sich in ihr über Mensch und Welt und Gesetz und Leben enthüllt, nicht verzagt, wenn sie dennoch das hoffnungsvollste, das lebensgewisseste, das illusionsloseste, aber darum doch das erleuchtetste Buch der Weltliteratur ist, das Buch, das seine Leuchtkraft nicht verliert an den untersten Örtern der Erde, sondern allererst da gewinnt, dann liegt das nur an diesem einen Menschen. Wenn er herausgenommen würde, was bliebe übrig als ein toter Leichnam! Ein Buch, aber kein Zeugnis mehr, eine Urkunde, aber keine Kunde, ein [122] Mund ohne Stimme, eine Bewegung ohne Richtung, ein Hin und Her religiöser Geschehnisse, ein Wirbeltanz religiöser Gestalten, aber die Mitte, um die sich alles dreht, würde fehlen: der Logos, das Wort, der Sinn und das Ziel des Ganzen. Darum kann die Welt hier so sündig dastehen, weil er mitten in dieser Welt steht, darum kann die Ferne des Menschen zu Gott so schonungslos aufgedeckt werden, weil er das unwiderlegliche Zeugnis der Nähe Gottes zu den Menschen geworden ist, darum kann hier die Wahrheit über den Menschen kund werden, weil eine Gegenwahrheit kund wird, die Wahrheit Gottes in diesem einen, einzigen Jesus Christus. So und nicht anders gibt die Schrift Zeugnis von dem lebendigen Gott, daß sie den herausstellt und mitten in unsere Welt hineinstellt, in dem Gott nun in der Tat menschlich redet, handelt, leidet — und dennoch bleibt, der er ist.

Die Schrift ist damit und darin das Zeugnis des lebendigen Gottes, daß sie über sich hinausweist, daß am Ende des langen, bangen Weges von Adam bis Maria die Botschaft von dem neuen Menschen steht, in dem das Wort Gottes Fleisch geworden ist, in dem das Ja zu allen Verheißungen Gottes Ereignis geworden ist, in dem die Wahrheit, das Leben, das Licht Gottes mitten unter uns getreten ist. Darum hört die Schrift hier auf Schrift zu sein. Sie wird wieder, was sie ursprünglich war: Wort, Zeugnis, Botschaft, Heroldsruf, Evangelium. Sie hört auf, toter und tötender Buchstabe zu sein und verwandelt sich in lebenschaffenden Geist.

IV.

Wie das geschehen kann? Am Ende des Lukasevangeliums steht eine seltsame Geschichte, eine Geschichte, die unverkennbar zu den ältesten Zeugen und Zeugnissen der Auferstehung gehört. Vielleicht ist sie nicht ohne Grund an den Schluß gesetzt. Vielleicht soll sie allen denen, die dieses Evangelium lesen und lasen, zeigen, was ihnen noch fehlt, auch wenn sie alles kennen und alles vernommen haben, was dort mit Treue und möglichster Genauigkeit aufgezeichnet ist. Denn man kann wohl um die Dinge des Christentums, um den Inhalt der Schrift, um die Geschichte, die mit Jesus geschehen ist, wissen, und dennoch öffnet sich nicht das Tor, das vom Wissen zum Glauben führt. Die Jünger Jesu, die sich hier aufmachen, um nach Emmaus zu gehen, wissen in der Tat alles, was man von Jesus wissen kann, daß er ein Prophet war, mächtig von Taten und Worten vor Gott und allem [123] Volk, daß er von den Führern seines Volkes zum Tode verurteilt und gekreuzigt wurde, daß damit die Hoffnung der Frommen aus Israel zu Grabe getragen wurde, daß aber dann — auch das wissen die Jünger bereits — das Grab leer war und ein Engel die Osterbotschaft brachte: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Christus lebt. So ungefähr alles, was wir im zweiten Artikel unseres Glaubens bekennen, wissen die Jünger. Und doch werden sie damit nicht fertig. Es bleibt ihnen eine unglaubliche Sache, eine Sache, die sie zwar nicht losläßt, die ihnen aber auch nicht eingeht. Sie stehen vor dem letzten Graben, der überbrückt werden muß, wenn der Glaube an die Verheißungen Gottes einem Menschen ins Herz gegeben wird.

Und nun berichtet unsere Geschichte auch davon, wie dieser Graben überbrückt, wie diese letzte Schanze genommen wird. Ein Fremdling gesellt sich zu den beiden Männern, und dieser Fremdling sagt ihnen, was ihnen fehlt. Daß sie wohl wissen, was geschehen ist, aber nicht glauben wollen: „O ihr Toren und trägen Herzens zu glauben alle dem, was die Propheten geredet haben.“ Begreifen wir jetzt, was Glauben heißt? Daß Glauben an Jesus Christus gar nicht denkbar ist ohne das Wort der Propheten, das sie zuvor geredet haben? Daß aller Zweifel darin seinen Grund hat, daß die Schrift und das Geschehen um Jesus von Nazareth sich in unserem Herzen und in unserem Geist nicht decken? Daß wir dies Geschehen nicht ganz und allein aus dem Wort der Schrift ergründen und das Wort der Schrift nicht ganz und allein zur Ergründung dieses Geschehens lesen und auslegen?

Was für eine seltsame Umkehrung müßte sich dann vollziehen, wenn das Wort der Schrift und die Geschichte, die mit Jesus von Nazareth geschehen ist, in uns so eins würden, daß beide auch nicht mehr in Gedanken für sich bestehen könnten? Es würde ja dann nicht mehr so sein, wie es gemeinhin unter der Sonne zu geschehen pflegt, daß zunächst und zuerst einmal etwas geschieht und dann ein Bericht über dies Geschehnis gegeben wird, sondern dann würden wir wissen: Hier ist ein Geschehen, das nur bestätigt und erfüllt, was zuvor gesagt ist. Hier kommt das Wort zuerst und dann geschieht’s. Hier hört alle Zufälligkeit auf. Hier heißt es dann: „Jesus mußte leiden, er mußte so zu seiner Herrlichkeit eingehen“, eben darum, weil er der geweissagte und angezeigte Christus Gottes ist. Und wo eben noch unser Denken und Verstehen ein bloßes, blasses „Es ist so“ konstatiert, da steht auf einmal das göttliche „Es muß so sein“. Wo uns die Geschichte ein blindes Zusammenwirken unberechenbarer Kräfte und Leidenschaften [124] schien, da ist auf einmal der Glanz und die Weisheit des unergründlichen Ratschlusses Gottes über das Gewirr der verschlungenen Fäden gebreitet und wir erkennen seinen Plan, seinen Willen, seine Notwendigkeit in dem allem. Nun fassen die Juden den Beschluß nicht mehr von sich aus, nun verrät ihn nicht mehr Judas aus eigenen Stücken, nun geht aber auch Jesus selbst nicht mehr diesen Weg aus eigenem Willen, sondern Gottes Wille geschieht, durch die Juden, durch Judas, aber auch durch Jesus Christus. „Und er fing an von Mose und anderen Propheten und legte ihnen alle Schriften aus, die von ihm gesagt waren.“ Denn eben dies Muß findet unser Geist allein in der Schrift und, ohne daß er es gefunden hat, kann er nicht glauben, was geschehen ist.

Unsere Geschichte berichtet dann weiter, daß die Jünger den Fremdling zu Tische baten. Beim Brotbrechen erkannten sie ihn. Da wußten sie, wer die Macht hat, die Schrift zu öffnen. Wer den lebenschaffenden Geist sendet. Wer den Propheten die Zunge löst, damit sie ihn bezeugen. Der auferstandene Christus ist selbst der Herr der Schrift. Es ist sein Werk, wenn und wo die Schrift zum. Zeugnis des lebendigen Gottes wird. Die aber, denen solches widerfährt, werden immer auf dem Wege sein vom Nichtverstehen zum Verstehen, vom Wissen zum Glauben, vom Hörensagen zur Gabe des heiligen Geistes. Wohl uns, wenn wir auch in diesen Tagen untereinander sprechen dürfen: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete?“

Quelle: Hans Joachim Iwand, Um den rechten Glauben. Gesammelte Aufsätze, Theologische Bücherei 9, München: Chr. Kaiser Verlag 1959, Seiten 110-124.


[1] Der Vortrag wurde bei der Deutschen Evangelischen Woche in Stuttgart 1936 gehalten.

Hier der Text als pdf.

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