Kornelis Heiko Miskottes Predigt über das Gleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle (Matthäus 13,44-46): „Der Schatz des Evangeliums, des Himmelreichs liegt nicht in einem Goldgräberland“

Perle

Da kann einer predigen, wohl eine Stunde lang. Kornelis Heiko Miskotte ist sich des Evangeliums gewiss und sucht in seiner Predigt über Mt 13,44-46 (Vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle) die zusprechenden Worte für die Zuhörer. Man spürt, dass Prediger und Gemeinde einander vertraut sind. Nur so lässt sich anspruchsvoll predigen:

Stille im Sturm. Predigt über Matthäus 13,44-46

Von Kornelis Heiko Miskotte

Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und vor Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.
Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte; und als er eine Perle von großem Wert fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Ich will mit euch nachdenken über diese beiden kleinen Gleichnisse: den Schatz im Acker und die kostbare Perle. Meine Freunde, Friede liegt über den Feldern, die Sonne strahlt, die Kinder spielen auf der Weide. Überall auf der Welt genießen die Menschen, bewusst oder unbewusst, die Welt als Gottes Welt – das ist: die gute Schöpfung, und das ist auch: die Geschichte, die Geschichte der Menschen miteinander und eines jeden für sich. Und über dem allen liegt eine Verheißung: eine Verheißung, die bisweilen an Realität gewinnt, einmal mehr, ein anderes Mal weniger; aber immer, wenn uns das widerfährt, ist es, wie wenn wir in einer verzückten Berührung sind mit dem von Gott Gegebenen.

Der Krieg droht als eine Eruption langer Jahre von List, Gräuel und Betrug schizophrener Menschenkinder und verrücktgemachter Völker. Eine Epidemie mentaler Verwirrung weht uns entgegen, ein zwanghafter Zerstörungsdrang weht uns an wie heiße, verdorbene Luft aus der primitiven Religion des Kollektivs – oder wie man es nennen will. Das ist offenkundig nicht Gottes gute Schöpfung, und es gehört ebenso offenkundig nicht mehr zu der Geschichte, die wir sinnvoll nennen können. Es ist auch offenkundig – was den Menschen betrifft – das Abschneiden jeglicher Verheißung. Es ist der Durchbruch des Teufels: das „Nichtige“, das Destruktive, das Unsinnige. Aber nun wäre es doch unbesonnen und letztlich wenig tröstlich, wollten wir – indem wir in der guten Erde der Blumen und der liebenden Paare und der spielenden Kinder die eigentliche Welt sehen und als das Vor-Gegebene erleben – auf die Geschichte aber durch die Zeitung, das Fernrohr, das beschlagene Fernrohr der Zeitung blicken, als beginne die eigentliche Geschichte dann, wenn es irgendwo kracht, wenn es so weit geht, dass die eigenmächtige, die destruktive Bewegung der Welt die Geschichte sozusagen aufzuheben scheint.

Es wäre kurzschlüssig, zu denken, es gebe eine Geschichte der Seele und eine andere Geschichte der Welt, eine Geschichte der Kirche und eine andere des Staates, eine der Kultur und eine der Politik, eine Geschichte des Erträglichen und eine andere des Unerträglichen, eine sinnvolle und eine unsinnige. Bei solchem Dualismus kann der Mensch nicht leben, so begreiflich es ist, dass man dazu seine Zuflucht nimmt, und so sehr fast niemand, der mit den Dingen konfrontiert wird, einen anderen Ausweg sieht. Aber die Heilige Schrift lehrt uns, dass es nur eine Geschichte gibt und dass sie bei allem Aufruhr und aller Verwirrung der Menschen allezeit und überall in Gottes Hand ist. Die Schrift lehrt uns, dass diese Geschichte uns – mit unserer Torheit, ja mittels unserer Torheit – vorantreibt auf das eine Erdreich hin. Und die Schrift lehrt uns, höchst eigensinnig zu sein und – so wie Israel, das am Horizont seines Daseins Babylon und Ägypten und was man da sonst noch nennen könnte, drohen sah – in alledem, dem Unerträglichen, dem Unsinnigen, einen bloßen Rand zu sehen, eine Umgebung des Eigentlichen. Und was ist dieses Eigentliche? Wenn es auch etwas Gegebenes wäre wie die Natur und wie die Blütenpracht der Erde, wie glücklich könnten wir dann sein! Und dann müssen wir sagen: Ja, dieses Wesentliche, dieses Eigentliche ist auch gegeben, aber auf eine andere Weise als die Natur, als die gute Schöpfung.

„Stille im Sturm“ habe ich in der Eile, in der ich ein Thema angeben musste, die Sache, um die es uns heute morgen zu tun ist, genannt. Nun, diese Stille – nicht die Stille vor dem Sturm, die Beklemmung angesichts dessen, was kommen kann, auch nicht die Stille in mystischer Höhe über dem Sturm, sondern die Stille im Sturm, wie ein abgeschirmter Bezirk von göttlicher Absonderung und Geborgenheit, das ist der Sabbat: der Sabbat als Unterpfand des Reiches Gottes, der Sabbat als die Gestalt des Erlebens jenes einen, das wir Gottes Bund nennen, den Bund in Christus Jesus, den Bund mit seinem Volk, mit der Kirche, den Bund mit seinen Kindern, aber auch den Bund mit Noah, wo Gott geschworen hat, dass die Wasser die Erde nicht mehr überdecken werden, dass dem Wahnsinn eine Grenze gesetzt werde: nicht nur der Natur in ihrem Wüten, sondern auch der Geschichte in ihrem Wahnsinn. Stille im Sturm, das ist der Ort, von dem aus wir eine Aussicht haben auf die Welt mit all ihren Schrecken als auf eine bloße Umgebung. Es ist der Platz, an dem wir innerhalb der Grenzen, die das Wort und das Zeugnis setzen, dank der süßen Einrede und Anrede Gottes, in Sicherheit sind.

Wie davon reden, vom Reich, von der Herrschaft der Himmel? Wie davon reden, dass die Dinge gut sind und dass sie verkehrt sind – dass sie verkehrt, aber doch gut sind und ein gutes Ende nehmen? Wie davon reden, von der verborgenen Gottesmacht in der Welt? Wie sagen, dass das, was da geschieht, in der Tat mit allem, was Gott gemeint hat, in absolutem Widerspruch steht, und zugleich sagen, dass all das nichts ausrichten kann gegen den unaufhaltsamen, triumphalen Gang des Reiches Gottes in unserer Mitte?

Jesus tat es, indem er Gleichnisse von der Herrschaft der Himmel erzählte, ganz einfache Geschichten, manchmal kaum mehr als Sprüche, Sprüche der Weisheit. Aber in dem Fragment aus Matthäus 13 – wir haben es in der Lesung gehört – heißt es, er habe in Gleichnissen geredet zur Erfüllung des Wortes des Propheten: Ich werde verkündigen, was verborgen war seit dem Anfang der Welt (V. 35). Das lässt doch wohl etwas ganz Besonderes erwarten. „Und wiederum gleicht das verborgene Reich …“ – und dann kommen da die Bilder, die alle dasselbe meinen, nämlich die Einheit der Gottesregierung, die ihrem triumphalen Ende entgegengeht zur Befreiung der armen Menschenkinder. „Das Himmelreich gleicht zehn Jungfrauen.“ Aber es ist natürlich nicht so, dass das Reich selber zehn Jungfrauen gleicht. In einem hebraisierenden Denken kann man das so sagen: Das Reich Gottes ist gleich …, und das bedeutet: es hat auch diesen Aspekt, dies hat damit zu tun. Hier ist es der, dass ein Verlangen da ist, ein Gang von Menschenkindern, von Brautjungfern, die gehen dem Bräutigam, dem Fest entgegen. Oder das Reich gleicht einem Gerichtshof, vor dem die Menschen offenbar werden; und zugleich ist der Richter wie ein Hirt, der mit seinem Stock Schafe und Böcke trennt. Wiederum gleicht es einem König, der Talente verteilt, damit etwas mit ihnen getan, etwas in der Welt erreicht wird. Es gleicht einem Fischnetz, es gleicht einem Stück Sauerteig im Mehl, es gleicht einem Senfkorn, das zu einem ganzen Strauch wird.

Wir haben ein paar Gleichnisse aufgegriffen. Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, gründlich, ohne die Sache zu verderben, darüber zu sprechen in dieser Zeit, nach dem Maß und der Not dieser Zeit. Auf jeden Fall sind sie auch geheimnisvoll, denn sie handeln gerade von jenem Gegebenen, das nicht das Gegebene der Schöpfung ist, aber doch gegeben, wenn auch verborgen – wie ein Schatz im Acker, wie eine Perle von großem Wert.

Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich das Gleichnis vom Schatz und das von der Perle zusammen bespreche. Man kann die beiden nicht je für sich nehmen. Freilich kann man darüber allerlei Scharfsinniges oder Gekünsteltes vorbringen, aber das sollen wir gewiss nicht tun. Ich rede über beide zugleich und sehe daraus einen Glanz aufsteigen. Und das erste, was mich berührt, ist dies, dass nach diesen Gleichnissen das Reich Gottes auch den Aspekt hat, dass Menschen seine „glücklichen Besitzer“ werden – glückliche Besitzer mitten in der Welt. Gewiss, das ist ein fatales Wort: „beati possidentes“. Es ist im Munde aller Bewegten, aller Künstler, aller Angefochtenen zu einem Schimpfwort geworden. Man darf nicht so sicher sein, sagen die Leute, und man zieht hämisch her über solche, denen eine Gewissheit des Glaubens anzumerken ist. Und doch, hier steht es, auch dies hat mit dem Reich Gottes zu tun.

Ich kann es auch anders sagen. Es gibt eine Zeit – denn alles hat seine bestimmte Zeit –, wo wir zum Aktivismus anspornen müssen, wenn ich es einfachheitshalber einmal so nennen darf: das Gleichnis von den zehn Pfunden, mit denen gehandelt werden muss; und wer hat, d.h. wer dabei verdient hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen werden, was er hatte, nämlich jenes erste, der Ausgangspunkt. Das ist eine Seite. Aber es gibt auch eine andere, die des Quietismus. Es gibt eine Zeit, diese Sache mit den Talenten beiseite zu legen, in den Hintergrund zu schieben und einander zu ermuntern, am Reich Gottes uns zu ergötzen als an dem Schatz der Wahrheit Gottes. Zu dem Reich, das der Grund und das Ziel und auch der verborgene Zusammenhang der einen Geschichte ist, gehört gewiss die Spannung auf die Zukunft hin: der Bräutigam kommt. Gewiss gehört das Fischnetz dazu: die Mission. Gewiss gehört das Fortwirken des Wortes dazu: der Sauerteig im Mehl, und ebenso der Beginn mit dem Anfang gerade aller großen Dinge Gottes: das Senfkorn. Dazu gehört das Evangelium an sich und als solches, das Evangelium pur – das Evangelium als etwas zum Betrachten, zum Umarmen, zum Küssen, das Evangelium als etwas, um das Weltlicht sich darin spiegeln zu lassen: der Schatz im Acker, die Perle von großem Wert, etwas, das uns gegeben ist: nicht unmittelbar das Reich selbst, aber die Teilnahme an seiner Wahrheit, die verborgen liegt im Weltgeschehen. „Wiederum gleicht das Himmelreich …“, und dann geht es plötzlich nicht mehr um jene gewaltigen Dinge. Und es sieht so aus – ich komme am Schluss darauf zurück –, als seien auf einmal diese ganze Welt und die Verheißung, die über ihr liegt, und die Dramatik dessen, was ringsum geschieht, vergessen.

Zuerst halten wir fest (darauf liegt, glaube ich, der Ton, jedenfalls sehe ich darin den Auftrag, den ich heute morgen habe), zuerst müssen wir dabei verweilen: Es gibt ein Evangelium, und das gehört zu dem Reich. Es ist nicht das Himmelreich selbst, aber es ist mehr als ein Hinweis auf das Reich oder ein Zeuge des Reiches. In ihm ist etwas gegenwärtig von jener Stille im Sturm, von jenem Sabbat, von jenem Überfluss des Gegebenen.

Aber was ist denn das Evangelium? Das Evangelium ist, dass in Jesus Christus, in der Versöhnung, die er gewirkt hat zwischen Gott und Mensch, zwischen dem Heiligen und dem Sünder, zwischen einer verlorenen Welt und einem ewig klaren, herrlichen Gott …, dass in der Versöhnung durch Jesus Christus, d.h. durch sein ganzes Leben und Leiden, Sterben, Auferstehen und Regieren in die Welt etwas hineingebracht, in ihr etwas geschehen ist, woran – woran allein! – die Verwirrung des Wahnsinns manifest werden kann, etwas, woran wir ermessen, was der Wahnsinn ist. Und das wird uns gesagt um der Heilung der Welt willen.

Albert Camus sagte einmal in seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ – ich schätze es eigentlich nicht, in der Predigt mit Zitaten aus der modernen Literatur zu kommen, aber dieses trifft hier sehr genau –, er sagt, einfach feststellend, die Leugnung der Gottheit Christi habe in Europa die Wirklichkeit – die Wirklichkeit! – einer Versöhnung zum Verschwinden gebracht und damit die Universalität verwischt, die durch die christliche Religion in diese Welt gekommen war. Nun, wenn Camus das sagt (wie andere es auch tun) – obwohl er es lediglich beschreibend und als Außenstehender sagt –, dann besteht aller Anlass zu sagen: Gott sei Dank, wir sind beati possidentes! Man darf das nicht zu psychologisch und nicht zu individualistisch und nicht stimmungsmäßig auffassen, aber es ist ein Faktum, es gehört zur Struktur, es ist die Eigentümlichkeit des Himmelreiches, sich so gegenwärtig zu machen als pures Evangelium, als schiere Freude. Es ist die Eigentümlichkeit dieser Bevorzugung, uns bewusst zu machen, dass eine besondere Schönheit, die Schönheit der Wahrheit und die Wahrheit der Schönheit, in unsere Hände gelegt ist, ein Vorgeschmack der Herrschaft der Himmel. Ach, haben wir denn das Evangelium? Antwort (wieder nicht psychologisch, aber strukturell): Ja, wir haben das Evangelium; und: Ja, das wissen wir. Davon sind wir als Gemeinde entzückt, das heißt – auch das gehört zu dem Gleichnis –: wir sind keine Sucher mehr, wir stellen nicht mehr die alten Fragen, mögen sie auch nicht gelöst sein. Wir können sie nicht mehr stellen. Wir stürzen uns in ein neues Fragen, um der Sache auf der Spur zu bleiben. Wir sind auch nicht mehr in erster Linie Arbeitsmenschen. Wir leben – man verzeihe uns, dass wir so oberflächlich sind! – wir leben in der Freude an unserem Schatz, im Besitz unserer Perle.

Und nun könnte einer sagen: Was ist denn das, wir haben doch sonst immer etwas ganz anderes gehört! Natürlich, das andere ist nicht unwahr, aber wir können nicht alles zugleich sagen. Man könnte fragen: Soll nun alles darauf hinauslaufen, dass wir in der Kirche Ästheten und Profiteure werden? Ich weiß nicht, wie diese belasteten Wörter auf euch wirken, aber ich will sagen: Ja, das Evangelium ist eine Botschaft der Freude, und wir profitieren davon, wir leben davon, wir sind eingeladen, uns zu entspannen und zu sein, zu leben und anzuschauen, was Gott Großes an uns getan hat. Oft sagen Menschen, die irgendwie angerührt werden von dem Geheimnis Jesu Christi: Ja, es ist beinahe vorbei mit dem Suchen in dieser Welt, aber diesen Reichtum, den wollen wir doch suchen, wir wollen Gott suchen und die Schönheit suchen. Und wenn man den Menschen entgegenkommen will, dann wäre es doch nett, es ihnen nahezubringen, etwa so: Leute, nun müssen wir uns aufmachen, das Reich Gottes zu suchen, wir müssen diese Perle finden, wir müssen diesen Schatz ausgraben! Aber das Seltsame an dem Gleichnis ist gerade: dieser Schatz wurde nicht gesucht und diese Perle wurde auch nicht gesucht. Gewiss, der Kaufmann suchte Perlen, die immer schöner und schöner und noch schöner sein sollten, aber diese eine Perle … das war reiner Zufall und eine vollkommene Überraschung. Weder dieser Landarbeiter noch dieser Juwelier wussten, wie ihnen geschah. Hier in der Erde, in diesem Stück Erde? Reiner Zufall. Warum passiert mir das? Oder dieser Juwelier, der herumreist – er verliert sein Herz und ein wenig auch seinen Verstand. Da steckt, scheint mir, das Eigentliche des Gleichnisses. Es springt in die Augen, dass eben dieser „Zufall“ das Siegel der Freude ist, das Große, das Übergroße, das Gegebene, fast so gegeben wie die Schöpfung und alle guten Dinge. Es fällt uns zu. Meine Frau habe ich zufällig gefunden. Die Erleuchtung der echten Theologie habe ich zufällig gefunden. Es wäre ganz schrecklich, wenn man sagen müsste: Ich habe mich halb totgesucht, und endlich war da dann die Frau, die ungefähr meinen Vorstellungen entspricht. Oder: diese Lösung hatte mir eigentlich vorgeschwebt, sie passt wunderbar in die Lücken, die ich offengelassen hatte.

Nein, der Schatz des Evangeliums, des Himmelreichs liegt nicht in einem Goldgräberland, zu dem man mit Spaten und Hacke hinzieht, ungewiss, was man finden wird und ob man genug finden wird, um davon zu leben, wo man aber doch auf jeden Fall etwas finden wird. Nein, es ist ein Wunder. Gottes Königsmacht über die Welt kann nicht logisch oder religiös abgeleitet werden. Die Königsmacht, die Herrschaft der Himmel fällt uns zu, ihre Erkenntnis wird uns geschenkt. Ja, das einfache Gleichnis muss wohl ein klares, deutliches Beispiel sein für die Erfüllung des Wortes: „Ich werde verkündigen, was verborgen war seit dem Anfang der Welt“. Denn geht es in diesem Gleichnis nicht von einer Unmöglichkeit zur anderen? Das einfache Geschichtchen deutet auf ein weltbewegend neues, unerwartetes Ereignis hin, das auf keine Weise von einem verständigen Menschen irgendwo eingeordnet oder nachträglich plausibel gemacht werden kann. Nicht wahr, es fährt diesem Landarbeiter in die Glieder: Er kommt in eine Krise, er gerät in Trance, es verschlägt ihm die Sprache, er bewahrt das Geheimnis, und das Stillschweigen steigert noch fortwährend seine Besessenheit. Er muss das Land kaufen, jetzt oder nie! Aber wie? Was er tut, ist juristisch ganz und gar nicht in Ordnung. Er hat sein Herz verloren. Warum tut er etwas so Verrücktes? Ja, er hat sein Herz verloren, weil dieser Fund zufällig ihm zugefallen ist. Er hatte, denke ich, nicht einmal das Gefühl, vor einer Entscheidung zu stehen, die sein künftiges Leben bestimmen würde. Er hatte keine Wahl, als er einmal so überwältigt war von dem Zufall dieses Gegebenen. Er verkauft alles, was er hat, seinen Heuschober und seine Ziege, seine Forke und seinen Spaten. Er vergisst, wie bedenklich er gegen Recht und Moral verstößt; denn auch im israelitischen Recht (ich kann darauf nicht näher eingehen) ist es nicht so, dass man, wenn man ein Stück Land kauft, automatisch in den Besitz eines Topfes voll Geld kommt, der dort in der Erde liegt. Was werden seine Frau und seine Kinder dazu sagen? Und auch der Juwelier ist meschugge. Er macht sein Betriebskapital und sein Privatkapital zu Geld für einen Edelstein, mit dem weiter nichts anzufangen ist. Er kann ihn natürlich nie verkaufen und bleibt darauf sitzen, er hat nur diese Perle und hat künftig nichts zu beißen. Was kann er eigentlich damit anfangen? Ich weiß wohl (und ich hoffe dagegen auch nicht zu verstoßen), man soll nicht jeden Zug eines Gleichnisses übertragen und anwenden wollen. Aber diese Frage ist doch berechtigt, weil die Antwort darauf einen besonderen Aspekt des Himmelreichs beleuchtet: Was fängt er nun damit an? Nun ja, er genießt seine Perle. Er schaut sie an, sie wird ein Wunderding in seinen Händen, er lässt sie von allen Seiten im Licht funkeln. Er will besitzen, was ihm Freude bereitet, so dass es ihm immer mehr Freude bereitet. Er ist ein Sonderling, ein Einspänner; aber das ist eine Seite des Reiches Gottes, wie es uns umgibt. O gewiss, nachher wird es Zweifel und Anfechtungen geben – wahrscheinlich weniger, denke ich, wegen dieser törichten Transaktion selbst als vielmehr wegen der Unmöglichkeit, auch nur den nächsten Verwandten und den liebsten Freunden zu erklären, was der gute Sinn, die Rechtfertigung von alledem sein könnte. Wer verkauft alles, wer muss alles verkaufen? Einer, der Bankrott gemacht hat, der pleite ist. Stand es denn so mit ihm? Davon haben die Nachbarn nichts gewusst. Die ganze Nachbarschaft schüttelt den Kopf: Das wussten wir nicht! Aber so war es nicht; ich hätte in eurer Art mühelos weitermachen können bis zum Ende meiner Tage, sagt er, aber … ich konnte nicht anders. O was für ein Irrsinn, sagen die Leute, was für ein Krampf! Ein Schatz, eine einzige Perle … Nein, kein Krampf sagt er, ihr ahnt nicht, wie froh ich bin. So steht es auch im Gleichnis: er tat es aus Freude.

Meine Freunde, wer von dem verborgenen Reich nichts weiß, der steht kopfschüttelnd daneben. Wer vom Evangelium der Versöhnung, das auch das Evangelium des noachitischen Bundes wieder aufgreift und umfasst, nichts weiß, in dessen Augen steht der andere in einem Schein von Schwärmerei da, als der „reine Tor“, der „Narr in Christo“. Aber – um der Sache näher zu kommen: Was bedeutet das nun für uns – gesetzt, etwas davon würde uns durch die Wirkung des Heiligen Geistes aufschimmern? Was bedeutet es, alles zu verkaufen, wenn es um die schöne Wahrheit und die wahrhaftige Schönheit des Evangeliums vom Reich geht? Ich denke, es bedeutet dies, dass wir nichts mehr wirklich glauben, dass wir an nichts mehr unser Herz hängen, dass wir auf nichts mehr bauen, was auf Reflexion oder auf Ahnungen oder auf Intuition beruht, dass uns jede Welterklärung und jeder Trost, der darauf beruht, fremd wird. Es bedeutet, denke ich, dies, dass wir zu dem, was im Sein und Bewusstsein der Menschen unbestritten als Realität gilt, auf Abstand geraten. Vor der Welt stehen wir mit unserem Schatz einsam da wie eine verlassene Frau, wie ein verwaistes Kind. Aber wir werden wieder Gemeinschaft erfahren, die Gemeinschaft mit den wesentlichen Dingen, mit Israel und seiner Umgebung, der Welt, mit dem dort offenbar, hier verborgen wirksamen Reich Gottes – denn der Heilige Israels ist dein Erlöser und … er wird aller Welt Gott genannt werden (Jes 54,5).

Man kann fragen: Was bedeutet es, den Schatz, der verborgen war, die Perle von großem Wert zu besitzen? Ich habe schon gesagt: es bedeutet, dass man sich freut, sich daran ergötzt, sie sich spiegeln zu lassen im Licht. Jetzt möchte ich hinzufügen: Die unendliche Freude, die wir an Gottes Wort und Zeugnis haben, hängt zusammen mit der Unvergleichlichkeit des Evangeliums, das konkurrenzlos ist als glänzende, strahlende, triumphierende Wahrheit. Da ist der gottselige Zufall am Anfang; da ist das Überwältigtsein, das Verrücktwerden, das Zupacken, die Raserei, der „Narr in Christo“; und da ist die Ausführung, der Verkauf, der irrsinnige Ausverkauf. Aber es wäre natürlich selbst bei solch einem Tollkopf nicht so weit gekommen, wenn er von dem Wert nicht absolut überzeugt gewesen wäre. Und wenn wir nicht absolut überzeugt sind von der Wahrheit des Evangeliums, der Verkündigung und der Gegenwart Jesu Christi, der allein die zwei, Gottes gute Schöpfung und die Dämonen – die Bomben, den Wahnsinn, das Kollektiv – zu versöhnen vermag in seinem Leib und Blut, – wenn wir davon nicht absolut überzeugt sind, dann stehen wir, um mich vorsichtig auszudrücken, noch außerhalb des Geheimnisses der Kirche.

Wohlverstanden: Es ist nicht so, dass in der Welt nicht viel Wahrheit wäre; es ist nicht so, dass es keine Philosophen oder Weisen gäbe, die etwas zu sagen haben, was der Mühe wert ist. Aber es ist alles so klein oder so übertrieben oder so isoliert, so für sich stehend, oder: es ist so verworren. So auch jetzt: Ich rede vom Reich, vom Evangelium von dem Reich, – aber man kann es nicht mit dem Evangelium zu tun haben, nicht mit ihm leben, ohne dass auch unsere Reflexion mitgeht; und so rede ich nun etwas abstrakter von der Wahrheit des Evangeliums. Nun, es gibt Menschen, die sagen: Für die Erfahrung gibt es keinen Gott. Das sagt das Evangelium auch: Für unsere Erfahrung gibt es keinen Gott. Aber es sagt noch etwas anderes, nämlich dass gerade in unserem Unvermögen der Durchbruch offensteht für eine Begegnung mit dem, was uns zufällt. Oder man sagt: Die Schöpfung ist herrlich, und es ist herrlich, zu sein – „am Sein erhalte dich beglückt“ (Goethe). Das sagt das Evangelium auch. Aber dann kommt wieder eine andere Stimme, die sagt: Es ist schrecklich, geboren zu sein, es ist ein einziges Unheil, wir leben in einer Stadt des Unheils, es ist völliger Wahnsinn. Dann spricht das Evangelium von der Erbsünde und dem drohenden Verlorengehen, – aber darüber lacht ihr Menschen ja nur.

Aber seht, die Perle spiegelt sich in verschiedenen Facetten, und was das Evangelium unvergleichlich macht, ist dies, dass das alles darin ist. Nicht irgendeine törichte einseitige Übertreibung, sondern eine Harmonie – nein, das ist zuviel gesagt: ein strahlendes Zusammensein, ein Zusammengehen der Wahrheiten. Wir lehren Gottes gute Schöpfung – und wir lehren die „Nichtigkeit“ des Teufels. Wir lehren, dass der Mensch gut ist – und wir lehren, dass der Mensch in seiner Geistesverwirrung schlecht handelt. Wir lehren, dass die Welt herrlich ist, aber dass die Welt in der Verwirrung der Menschen, in der Verkehrung des Guten, ein Schrecknis ist. Wir lehren beides: Der Teufel regiert – in gewissem Sinne –, und der Geist regiert. Beides ist wahr; aber wenn man es voneinander trennt, sind es halbe, trübe, übertriebene, verzweifelte, unfruchtbare Wahrheiten. Wir lehren: Die Menschheit ist verloren – und die Menschheit ist für ewig gerettet. Wir sagen: Das Himmelreich ist überall – und das Himmelreich ist verborgen. Das Bekenntnis hat teil an der Unerschöpflichkeit des Evangeliums. Es ist eine fröhliche Wissenschaft, eine heitere Philosophie.

Wir schauen also auf das Evangelium. Das ist ein Aspekt des Wunders, das verborgen war seit dem Anfang der Welt. Wir schauen auf diesen Schatz, wir bekennen:

Jesus Christus, Heil der Erde,
Quell von Weisheit, Kraft und Licht.

Wir sagen:

Ohnegleichen, ohn Beschwerde
Ist das Heil, das da aufbricht.

Wir sagen:

Was kann je die Welt uns geben,
das das Herz beständig freut?
Nur dein Dienst ist unser Leben,
da ist Heil, da weicht das Leid.

Wir sagen, wie wir gleich zum Schluss singen werden:

Du bist mein Herr, schenkst unerschütterliches Glück,
Du lenkst auf sichrem Wege mein Geschick,
du legst mein ewges Erbe mir zurück.

Seht, das ist die Stille im Sturm. Das ist die Schönheit mitten im Verderben, das Glück mitten in der Angst. Noch einmal: Ist das alles, alles, was vom Himmelreich zu sagen ist? Nein, das habe ich schon ein paarmal gesagt, es ist ein Aspekt; es gibt andere Gleichnisse, die auf andere Aspekte weisen. Aber jeder Aspekt ist auch wieder zu seiner Zeit und auf seine Weise das Ganze in seinem ganzen Gerichtetsein auf den Menschen, der dies nötig hat. So sind wir und bleiben wir denn im Heiligen Geist beati possidentes. Sinnvoll und unaussprechlich trostreich ist es, nicht im Dualismus wohnen zu müssen, sondern immer wieder die Grenze zu überschreiten und anzuschauen, was uns gegeben wurde. Gegeben! Das ist so real, so inspirierend, so tröstlich, wie die gute Schöpfung sein kann.

Meine Freunde, ich bin am Schluss. Dieses Evangelium wird bestritten und angefochten. Natürlich von außen, davon haben wir schon gesprochen, wir werden ausgelacht und sind (im besten Fall) der „reine Tor“; aber es wird auch bestritten und angefochten in unserem Herzen. Davon handelt die Predigt eigentlich nicht, es gehört eigentlich nicht dazu. Aber ich kann euch doch auch nicht einzig damit heimgehen lassen, dass ihr glückliche Besitzer sein könnt, wenn euch der Zufall zugefallen ist und die Sache euch überwältigt hat. Nein, es gibt auch die Anfechtung. Und wisst ihr, was das Merkwürdige ist: Diese Anfechtung ist immer ein Rand, so wie für Israel Ägypten und Babylon ein Rand waren. Sie ist ein Gürtel von Finsternis, den wir erst hinterher erkennen, und das ganz in Übereinstimmung mit der geistlichen Wirklichkeit, die das bekannte Leid von Adriaan Valerius ausspricht, wenn es uns aufruft: „Erfreut euch nun frei, im Herzen froh“, und wo es heißt: „Lobt Gott den Herrn mit Singen und mit Klingen“ … und darauf folgt, was wir dann „vereint mit lauten Stimmen“ rufen werden: „Hätt’ uns der Herr nicht also beigestanden“ – und jetzt kommt es: „Wir wär’n schon lang – uns war so bang – erstickt in unsern Banden.“

Wunderlich: singen, klingen, singen, klingen, freiheraus rufen: „uns war so bang“! – das ist der Inhalt des Lobliedes. Seht ihr, das stimmt ganz und gar überein mit der Ordnung der Schrift. Von Israel aus blicken wir auf die Weltgeschichte, von Christus aus blicken wir auf die Dämonen, vom Lobgesang aus sagen wir: uns war so bang. Ja: uns war so bang. Im Heiligen Geist sprechen wir aus, was wir geschmeckt haben, die Süße, was wir gesehen haben, wie wir uns ergötzt haben an dem Schatz und an der Perle. Aber hinterher sagen wir: Wir wären lang erstickt in unsern Banden, ja, so war es. Nun, wohl stand es auf des Messers Schneide, aber es war: „Lobt Gott den Herrn mit Singen und mit Klingen und ruft vereint mit lauten Stimmen: Uns war so bang!“

Wer die Ordnung umkehrt und von der Weltgeschichte aus auf Israel blickt, sieht in Israel nur ein winziges Pünktchen. Wer von den Weltanschauungen aus auf Christus blickt, sieht in Christus ein Phantom, einen Wunschtraum. Und wer den Lobgesang anstimmen möchte, wenn alles in Ordnung ist, oder ihn als Bestätigung unserer eigenen Sicherheit auffasst, der würde ihn als Fluchtbewegung und sich als unredlich zu erkennen geben. Einer, der so blickt, – und wir alle blicken von Natur so –, der gerät (ich sage das nicht als Drohung, sondern einfach als Feststellung) in die Verzweiflung, in den Sturm, bis der Herr ihm Gnade gibt und ihn sagen lässt:

Du teilst mir zu so lieblich schöne Auen,
machst froh mein Herz, wenn ich sie darf anschauen.

Darum verkaufe alles, was du hast, und kaufe diesen Acker! Ach nein, so dürfen wir es eigentlich nicht sagen. Ihr tut es, ihr habt es schon getan, ihr habt es getan mit Freude.

Amen.

Gehalten am 3. September 1961 in der Willem de Zwijger-Kerk in Amsterdam und übersetzt von Hinrich Stoevesandt.

Quelle: Predigen zum Weitersagen, Nr. 57, März 2002.

Hier die Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s