„Wenn der Glaube dem Tod nicht gewachsen ist, wird er zerbrechen“ – Helmut Tacke über Glaube und Anfechtung

Da war Helmut Tacke schon krankheitsbedingt aus dem aktiven Pfarrdienst ausgeschieden, als er ein Jahr vor seinem Tod in der Mitarbeiterhilfe des CVJM einen kleinen Text über Glaube und Anfechtung veröffentlichte, der es immer noch in sich hat. Nichts mit einer Privatisierung des Glaubens, ist doch nach Tacke der „Regierungsbezirk des Glaubens […] größer als der meiner individuellen Existenz. Der Glau­be macht mich nicht weltentrückt, son­dern weltverant­wortlich. Ich werde durch die Kraft des Glaubens mithineingenommen in die »Leiden dieser Zeit« und in das »Seuf­zen alles Geschaffenen« (Röm 8,19ff).“ Hier der vollständige Text:

Glaube und Anfechtung

Von Helmut Tacke

Vielleicht ist das Wort zu groß für uns. Es erinnert uns an Luthers Glaubenskampf. Da geht es um Abgründe und Zerreißproben, in denen der Glaube sich bewähren muß. Machen wir über­haupt noch die Erfahrung, daß unser Glaube in Anfechtungen geprüft wird, oder sind wir gar der Meinung, daß wahrer Glaube mit Anfechtung nichts zu tun haben dürfe?

Die Bibel selbst hält aber an Begriff und Sache der ›Anfech­tung‹ fest. Unser Glaube hat immer auch mit Widerstand und Kampf zu tun – ob wir wollen oder nicht. Darüber hin­aus bringt das Wort ›Anfechtung‹ zum Ausdruck, daß es um eine Gefährdung des Glaubens geht, die nicht aus uns selbst erwächst, sondern an uns herantritt. Ich kann mich ins Unglück brin­gen, aber nicht in die Anfechtung. Anfech­tungen sind nicht selbstgemacht, sondern wir erlei­den sie. Anfechtung ist die Krisenzeit des Glaubens. Die Glaubenskrise ist wie alle Krisen ein ›Zeitgeschehen‹, eine herausge­nommene, eine qualifizierte Zeit, über die ich nicht be­stimme, sondern die über mich kommt. Darin liegt auch ein Trost. Für die Angefochtenen ist es wich­tig zu wissen, daß die Zeit der Anfechtung nicht bleibt, sondern zu Ende geht. Vor allem die letzte, die eschatologische Glaubenskrise ist begrenzt. Sonst wäre sie nicht durchzustehen (vgl. Mt 24,22).

Das enge Verhältnis, das zwischen Glaube und Anfechtung besteht, kann durch zwei kurze Sätze angesprochen wer­den:

  1. Die Anfechtung fordert den Glauben heraus.
  2. Der Glaube fordert die Anfechtung heraus. [254]

Zum ersten: Vieles kann dem Glauben zur Anfechtung werden: Glück und Unglück, Scheitern und Erfolg, Tiefes und Hohes. ›An und für sich‹ sind die verschiedenen Zu­stände und Erleb­nisse, die auf unser Leben einwirken, nicht eindeutig bestimmbar. Es sind keine ›Werte‹ im Sin­ne absoluter Größen. Aber sobald sie mich in meinem Glauben betreffen, können sie mir zur Anfechtung wer­den. Und dann fordern sie meinen Glauben heraus.

Herausgeforderter Glaube muß sich in Frage stellen las­sen und muß sich Fragen stellen las­sen. »Meine Tränen sind mein Brot geworden Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist denn dein Gott?« (Ps 42,4) Die Frage der anderen, die Frage nach der Gegenwart und Hil­fe Gottes wird dem Glaubenden zur Anfechtung. Der Glaube an den Beistand des Gottes Israels wird angesichts gegentei­liger Erfahrungen herausgefordert. Er muß sich der kriti­schen Frage nach Gott stellen, weil er sich der offenbar gottlosen Lebenswirklichkeit stellen muß. Was die ande­ren den Glaubenden fragen, ist plausibel und berechtigt. Die Antwort des herausgefor­derten Glaubens kann keine selbstsichere und keine leicht-fertige Antwort sein. Es ist das Cre­do eines Verwundeten. Es ist ein Glaube, der sich aus tiefer Angefochtenheit erhebt: »Was bist du so aufge­löst, meine Seele, und stöhnst in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen für das Heil seines Angesichts« (Ps 42,6 [Elberfelder Bibel]).

Das Bild und der Vorgang des ›Herausforderns‹ macht an­schaulich, daß sich der Glaube nicht bei sich selbst verber­gen kann, sondern daß er sich den konkreten Widerfahrnissen des Lebens aussetzen muß. Der Glaube an den in Christus offenbaren Gott ist keine religiöse Provinz, kei­ne unangreifbare Ideologie, sondern ist eine Erkenntnis in Spannung zu anderer Erkenntnis und eine Kraft in der Be­gegnung mit anderen Kräften. Aus diesem Grunde ist der Glaube auch verwundbar, anfechtbar. Eine »feste Burg« (Ps 46) wird nur Gott selbst genannt, nicht unser Glaube.

Angefochtener Glaube spricht nicht von der eigenen Gläubigkeit, sondern von dem, an dem der Glaube hängt. [255] Angefochtener Glaube konzentriert sich auf das Wesentli­che. We­sentlich im Prozeß des Glaubens ist die Bewegung des Sich-Verlassens. Wer sich auf Gott verläßt, der verläßt sich selbst. Solcher Glaube weiß um die Verläßlichkeit der Treue Gottes und um die Fragwürdigkeit alles Eigenen. Angefochtener Glaube verliert darum das primäre Inter­esse am eigenen Ich zugunsten der Freude am Du Gottes. In dieser Krisenzeit des Glau­bens tritt die ›eiserne Ration‹ des Glaubens in Erscheinung und in Kraft: das Vermögen, unterwegs zu sein, unterwegs auf dem Weg von Adam zu Christus.

»Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen an« (Franz Rosenzweig). Die schwerste Anfechtung ist die Todesanfechtung. Sie fordert den Glauben am stärksten heraus. Wenn der Glaube dem Tod nicht gewachsen ist, wird er zerbrechen. Hält aber der Glaube der Herausforde­rung stand, die der Tod für ihn bedeutet, so hat er Gott er­kannt als den, der die Toten lebendig macht. Auf diese entscheidende Glaubenserfahrung durch die Anfechtung des Todes ist Paulus konzentriert, wenn er den Korinthern von der Todesgefahr berichtet, in die er auf einer seiner Reisen hineingeraten ist: »… daß wir über die Maßen be­drängt waren und über unsere Kraft, so daß wir am Leben verzagten und es bei uns selbst für beschlossen hiel­ten, daß wir sterben müßten. Das geschah aber, damit wir un­ser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt«(2Kor 1,8f).

Die Todesanfechtung fordert den Glauben derart heraus, daß sich unser Vertrauen in keinem Sinne länger auf uns selbst, sondern allein auf Gott richtet, der dem Menschen des Todes die Treue hält. Paulus schreibt, daß gerade so die Trostlosen getröstet werden. In diesem Zusam­men­hang gilt auch die seelsorgerliche Regel, daß nur die in An­fechtung Erfahrenen die Ange­fochtenen trösten können. Was dem angefochtenen Glauben zu glauben bleibt, ist ge­nug zum Leben und zum Sterben. Dem Glauben bleibt die Abwendung von der Selbst-Erfahrung und die Hinwen­dung zur Christus-Erfahrung. Denn unser Leben »ist ver-[256]borgen mit Chri­stus in Gott« (Kol 3,2). Mein Ich ist in Chri­stus »aufgehoben« – im doppelten Sinn dieses Wortes. Der angefochtene Glaube lernt, das loszulassen, was ein unan­gefochtener Glaube gern fest­halten möchte: die Illusion, aus sich selbst leben zu können. An dessen Stelle tritt die Glau­benserfahrung: daß ich »von Christus ergriffen bin« (Phil 3,12).

Die Anfechtung macht den Glauben notwendig. Er wen­det die Not der Gefangenschaft in der eigenen Ich-Ver­schlossenheit. Die Anfechtung macht mich arm vor Gott. Darum entspricht dem angefochtenen Glauben die Ar­mut »im Geist« (Mt 5,3). Die Glaubensanfechtung ist die Kraft eines ›destruktiven‹ Eingriffs, der den sich selbst konstruierenden ›alten‹ Menschen auf­stört und zur Um­kehr bewegt. So wird die scheinbar negative Intention der Anfechtung zu einem Impuls, daß ich mich nicht bei mir selbst, sondern bei Christus suche und finde.

Zum zweiten: Fordert die Anfechtung den Glauben her­aus, so gilt auch das Umgekehrte: daß der Glaube die An­fechtung herausfordert. Weil der Glaube mich nicht nur mit mir selbst befaßt sein läßt, sondern mich auch mit der Welt, in der ich lebe, verbindet – und zwar ›ver­bindlich‹ –, werden mein Interesse und das Maß meiner Betroffenheit erweitert. Der Glaube geht mich an, nicht nur privat, son­dern auch politisch. Der Regierungsbezirk des Glaubens ist größer als der meiner individuellen Existenz. Der Glau­be macht mich nicht weltentrückt, son­dern weltverant­wortlich. Ich werde durch die Kraft des Glaubens mithineingenommen in die »Leiden dieser Zeit« und in das »Seuf­zen alles Geschaffenen« (Röm 8,19ff).

Daraus erwächst meinem Glauben neue und gefährliche Anfechtung. Der Bereich dessen, »was mich unbedingt angeht« (P. Tillich), wird ausgeweitet. Unter der Zustän­digkeit des Glaubens werden fremde Sorgen und Ängste zu meinen eigenen. Die Erlösungsbedürftigkeit dieser Er­de wird mir bewußt, und dieses wachsende Bewußtsein wird mir zur Anfechtung. Der Glaube selbst also fordert diese Anfechtung heraus, denn er gerät zu meiner Welt, so [257] wie sie ist, in Dissonanz. Gerade die Erfüllung, die dem Glauben verheißen ist, wirkt als Widerspruch zur Realität. Die Botschaft, daß die Erde »des Herrn ist« (Ps 24), wird ange­sichts der irdischen Leidensgeschichte zur Anfechtung. Die Spannung zwischen Verheißung und Erfüllung als Kernstück des christlichen Glaubens muß dem zur An­fechtung werden, der die Spannung im Glauben zu tragen und zu ertragen versucht. Gerade der Verheißungsglaube an die kommende Erlösung ist ein angefochtener Glaube. Er darf sich dieser Anfechtung nicht entledigen. Das gan­ze 8. Kapitel des Römerbriefs möchte uns einüben in das Annehmen die­ser dem Glauben mitgegebenen Anfech­tung. Wir sind gerettet, »doch auf Hoffnung« (Röm 8,24). Weil der Glaube noch nicht zum Schauen wird (2Kor 5,7), gehört die Anfechtung zum Glauben. Und weil Glaube und Anfechtung zusammengehören, dürfen sie nicht voneinander getrennt werden. Glaube ohne Anfechtung wird zur »securitas« (falsche Sicherheit); Anfech­tung ohne Glaube führt zur »desperatio« (Verzweiflung). Ihre Verbun­denheit zu gegenseitiger Herausforderung ist das Geheimnis ihres Zusammenwirkens. »Denn mit der Tiefe unserer Anfechtung wächst auch die Erkenntnis von der Größe der Herrlichkeit und Gnade Gottes!« (Hans Joa­chim Iwand)

Zuerst veröffentlicht in: Mitarbeiterhilfe des CVJM 4, 1987, S. 24-26.

Quelle: Helmut Tacke, Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Beiträge zu einer bibelorientierten Seelsorge, Neukirchen-Vluyn 1989, S. 253-257.

Hier der Text als pdf.

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