Hans Joachim Iwands Predigt über Galater 2,16-21: „Die Juden haben uns die Türe aufgetan, damit wir Gottes Gnade finden“

Rembrandt - Paulus im Gefängnis
Rembrandt – Paulus im Gefängnis (1627, Staatsgalerie Stuttgart)

In seiner eindrücklichen Predigt zu Galater 2,16-21 von 1954 hat Hans Joachim Iwand ganz bewusst Vers 15 „Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden“ mitaufgenommen, um die evangelische Rechtfertigungslehre aus einem antijudaistischen Missverständnis herauszunehmen:

„Das Lebenszentrum ist nicht mehr mein Ich“. Predigt über Galater 2,15-21

Von Hans Joachim Iwand

Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden. Doch weil wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesum Christum, so glauben wir auch an Christum Jesum, auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht. Sollten wir aber, die da suchen, durch Christum gerecht zu werden, auch selbst als Sünder erfunden werden, so wäre Christus ein Sündendiener. Das sei ferne! Wenn ich aber das, was ich zerbrochen habe, wiederum baue, so mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Ich bin aber durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, auf daß ich Gott lebe; ich bin mit Christo gekreuzigt. Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, des lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn so durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Laßt uns den letzten Satz, den wir soeben gehört haben, gleich festhalten und voranstellen. Er ist offensichtlich das Ziel, dem die schwierige Beweisführung des Paulus zustrebt. Er ist der Punkt hinter dem Ganzen. Das große Entweder-Oder, unter dem alles, was uns der Apostel zu sagen hat, steht: «Denn wenn durch das Gesetz Gerechtigkeit käme, dann wäre ja Christus umsonst gestorben.» Wenn – dann, sagt der Apostel: wenn ihr recht hättet, wenn es doch einen Weg gäbe, über das Gesetz hinweg die Gerechtigkeit zu erlangen, wenn die Werke, die Anstrengungen und Bemühungen, die wir unter dem Ansporn des Gesetzes vollbringen, uns der Gerechtigkeit Gottes doch näher brächten, wenn das wirklich der Weg wäre, um gut zu werden, gut vor Gott, gut, nicht nur in unseren Augen oder in denen unserer Mitmenschen, sondern wirklich gut in den Augen dessen, der Herz und Nieren prüft – wenn das wirklich so wäre, dann stünde das Kreuz umsonst auf Golgatha, dann wäre der Tod Christi nutzlos. Dann wäre alles leer und fade, was wir von ihm, von diesem dort geopferten Jesus [246] Christus sagen. Wenn beides möglich wäre, der Weg des Gesetzes und der Weg des Glaubens, der Weg unserer Taten und dieser einen großen Tat Gottes – dann wäre all das umsonst geschehen, was wir heute als unseren letzten Trost und als Gewißheit unseres Lebens und Sterbens verkündigen.

Das will der Apostel sagen. Er will uns darauf hinweisen, was für Konsequenzen es mit sich bringt, wenn wir sagen: Ich glaube an Jesus Christus! Er will uns darauf verweisen, daß wir mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus ein Land betreten, aus dein es kein Zurück gibt. Kein Zurück von Golgatha zum Sinai, kein Zurück von Jesus Christus zu Mose, kein Zurück von Paulus zu Petrus, kein Zurück von Luther zu Kant! Das will er sagen. In dieser Sache geht es ums Ganze. Es kann gar nicht anders sein. Gott ist ein eifriger Gott, er duldet keine anderen Götter neben sich. Paulus möchte uns ganz und gar mit hineinnehmen – nicht etwa in die logischen oder auch theologischen Konsequenzen seiner Denkweise, sondern in die Konsequenzen der Denkweise Gottes! Um Gottes Wege geht es hier. An Gott um Jesu willen glauben, mit Gott in Jesus Christus zu tun bekommen, heißt unter Konsequenzen geraten, die nicht so einfach nach Ort und Stunde aufzulösen sind. Dann kann man nicht heute liberal sein, wenn es gewünscht wird, und morgen orthodox, wenn die strengen Gemeindekreise es anders wünschen. Dann kann man eben nicht heute mit den Heiden essen und morgen den Juden zuliebe wieder die Absonderung wählen. Dann kann man nicht mehr ein geschickter Diplomat im schwarzen Rock oder ein stets gefälliger Theologe im Wandel des Zeitgeistes sein – nein, Gottes Konsequenzen liegen fest. Wer unter sie gerät, der ist gleichfalls festgelegt. Jeder, der den Jordan überschreitet, muß sein Schiboleth sagen. Wenn dein Schiboleth Gesetz heißt, dann bist du eben auf der anderen Seite. Mag das Gesetz in dir sein oder außer dir, magst du es begründen mit der natürlichen Offenbarung deines Gewissens oder mit dem, was da auf den Tafeln am Sinai geschrieben wurde, mag es das Gesetz der Natur sein, das dich hält, dem du dich verschreibst, oder das Gesetz der Personalität, die Autonomie der freien, wenigstens angeblich freien Persönlichkeit: damit bleibst du immer noch diesseits, hast noch nicht das ge[247]lobte Land betreten, wo Gottes Herrlichkeit, wo seine Gerechtigkeit und Ehre wohnt, wo sie auf dich wartet.

Darauf will der Apostel heraus, daß wir begreifen: In Jesus Christus ist ein Entweder-Oder gesetzt, kein Sowohl-als-auch! Hier kann ich nicht ein bißchen mitnehmen von meinem eigenen Tun und meinen eigenen Bemühungen, um es dann in seiner Unvollständigkeit auffüllen zu lassen von dem, was Gott uns in Jesus Christus getan hat. Nein, entweder Saulus oder Paulus. Entweder Pharisäer oder Zöllner! Entweder: Gott ich danke dir, daß ich nicht bin wie andere Leute, Räuber, Mörder, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner da – oder: Gott sei mir Sünder gnädig! Entweder wirklich leere Hände, Bettlerhände, die sich nach oben strecken, um zu empfangen, was Gott für den Menschen bereit hält, oder freier Wille und Entschlossenheit, sich selbst mit seinem Tun die Grundlage der eigenen Existenz zu sichern. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Aber nicht beides. Nicht solche Menschen, die sich schämen, wenn sie nichts anderes vorzubringen haben als eben dies eine: daß Gott für uns seinen Sohn in den Tod gegeben hat! Und daß dies genügt – für Zeit und Ewigkeit. Nicht solche Leute, die auf der einen Seite Gesetz, Sittlichkeit, Ethik sagen, soweit sie meinen, es selbst zu schaffen, und Christus sagen, Gottes Gnade, Vergebung,    wenn sie merken, daß sie an das Ende und die Grenze ihres Vermögens gekommen sind. Nein, wer Jesus Christus sagt, wer aus dem Glauben an ihn wirklich leben will, der tritt ganz und gar unter das Gericht, als der Mensch mit seinen guten und seinen verfehlten Taten, mit seinen Tugenden und mit seinen Schwächen – der muß erkennen, daß es Gerechtigkeit nur so gibt. Anders gesagt: daß es Gerechtigkeit nur hier gibt im Tode Jesu Christi! Nur durch das Gericht über alles, was wir sind. Indem wir uns der großen, göttlichen, seligen Konsequenz unterziehen, die mit dem Tode Jesu Christi offenbar geworden ist. Indem wir das Sowohl-als-auch aus dem Sprachschatz unserer hin und her schwankenden Christlichkeit streichen und wirklich alles hinter uns lassen, um das eine zu gewinnen, was not tut! Wem es hier nicht um alles oder nichts geht – um das, was wir Menschen Sittlichkeit und Religion nennen auf der einen Seite, und Vergebung und Gnade auf der an-[248]deren Seite –, dem ist Christus umsonst gestorben! Dem ist dieser Tod eben nicht zum Eingang in das Leben geworden. Das meint Paulus, als er sich dem Sog entgegenstemmt, der die Gemeinde in Galatien ergriffen hat, die beides können möchte und die sich dabei leider noch auf Petrus berufen konnte. Die Gemeinde in Galatien möchte so gern beiden recht geben, für die Gemeinde ist es immer schmerzlich, wenn sie plötzlich in das theologische Sperrfeuer gerät. Bei der Bekehrung – ja, da war ihnen die Predigt des Paulus von der Gnade Gottes, von der Gerechtigkeit allein aus dem Glauben wie eine Erlösung, wie eine Stimme aus der oberen Welt, die das Herz frei machte und sie ins neue Leben führte. Aber jetzt – nachdem sie nun einmal gläubig geworden sind, müssen sie da nicht erkennen, daß es doch nicht ganz falsch war, was sie aus ihren jüdischen Traditionen und Gesittungen mitbrachten! Die alte und die neue Kirche! Das Mittelalter und die Reformation, Rom und Wittenberg. Unsere evangelische Kirche vor 1933 und nach 1933! Es wird immer dasselbe sein. Eines Tages merkt man doch, daß es sich besser lebte bei den Fleischtöpfen Ägyptens als in der Wüste. Eines Tages spürt man doch, daß es gar nicht so leicht ist, Christus ein und alles sein zu lassen, alles andere zu verkaufen und ihm zu folgen, eines Tages melden sich dann doch neben dem großen Tag der Offenbarung, der Gnade, der wunderbaren Versöhnung und Vergebung aller unserer Schuld die Überlieferungen, das Alte, die Gewohnheit, das Sowohl-als-auch von Glaube und Werk. Gnade, jawohl, Tod Christi, jawohl, wer möchte ihn missen! Aber daneben nun eben doch auch ein wenig von dem, was wir tun können und was wir leisten. Zumal, wenn man sich vergleicht mit den Gottlosen, den Sündern, den Ungerechten – es kann doch nicht alles Pharisäismus sein, was aus dem Gesetz, aus den Werken des Gesetzes lebt. Ist das Christentum nicht selbst die sittlich-religiöse Offenbarung? Aber das, was wir hier gelesen haben, ist das unverfälschte, das glaubwürdige Dokument, daß Paulus dazu Nein sagt. Daß er keinen Fortschritt, keine Entwicklung hier kennt. Jesus Christus ist unsere ganze Gerechtigkeit. In seinem Tod liegt unser ganzes Heil! Erst muß sicher stehen, daß wir unsere Gerechtigkeit Gott verdanken, Gott allein, der seinen Sohn für uns in den Tod [249] gegeben. Und dann kann und darf auch vom Gesetz die Rede sein, wenn das Entweder-Oder klar ist: Wenn durch das Gesetz Gerechtigkeit käme, dann wäre Christus umsonst gestorben.

Wenn wir das einmal ins Auge gefaßt haben, wenn wir etwas begriffen haben von dieser männlichen Kraft und Entschiedenheit des paulinischen Nein, seines echten, seines in die Entstehungsurkunde des Christentums eingesenkten Protestantismus – dann werden wir uns wohl auch von ihm den Weg dahinführen lassen, den er hier mit einigen klaren, scharfen und genau formulierten Sätzen gebahnt hat. Er mutet in dieser Lage an wie ein Steuermann, der starr seine Augen auf das eine Ziel gerichtet hat und über das Auf und Ab der Wogen, die das Schiff aus dem Kurs bringen möchten, hinwegschaut. Und dies Ziel heißt eben: Christus ist nicht umsonst gestorben! Es darf nicht sein, daß wir das Kreuz Christi entleeren, daß wir es wertlos, nutzlos machen. Es darf nicht sein, daß die Gnade ungültig wird. Entweder-Oder: Entweder kommt die Gerechtigkeit aus den Werken des Gesetzes oder Christus, der gekreuzigte, der für mich dahingegebene Christus ist meine Gerechtigkeit! Eins oder das andere – aber unter keinen Umständen beides. Das ist Paulus. Das ist es, was man in der Sprache der Theologie die Rechtfertigungslehre nennt. So einfach ist sie – aber offenbar doch wohl auch ungemein schwierig, sie ein Leben lang festzuhalten! Wie oft hat sich das wiederholt, was hier in Galatien begonnen hatte, dieser Rückfall aus dem Glauben in die eigene Leistung? Der Rückfall aus der Gnade in das eigene Rühmen. Der Rückfall aus dem, was Gott an uns getan hat, in das, was wir uns zutrauen. Wie oft vollzieht er sich, nicht nur im großen Gange der Kirchengeschichte, sondern in jeder einzelnen Gemeinde, in jedes einzelnen Menschen Leben? Es kommt für jeden Menschen einmal der Tag, da scheint es ihm nicht mehr genug zu sein, allein aus der Gnade zu leben. Da möchte er über den Tod Jesu, über das Wort vom Kreuz hinauskommen. Gott sei Dank, daß wir Paulus haben! Daß er hier Posten steht, daß er uns hier mit einer unwiderleglichen Argumentation den Übergang unmöglich macht. Was ihr Übergang nennt, so sagte er, ist Abfall. Die Gnade Gottes in Jesus Christus hat ihre Konsequenzen! Keine menschlichen, keine logi-[250]schen, auch keine bloß theologischen, sondern göttliche Konsequenzen. Glaubensgehorsam heißt: daß wir uns den Konsequenzen Gottes unterziehen müssen. Daß wir hier eben nicht auf beiden Füßen hinken, daß wir nicht Gott und Abgott zusammennehmen dürfen. Weil uns in Jesus Christus Gott begegnet, Gott in seiner überlegenen Gerechtigkeit, darum mußt du schon die Schuhe ausziehen, wenn du dies Land betreten willst, mußt die Mittel abtun, mit denen du dich sonst durchs Leben schlägst – deine Werke, deine Leistungen, mögen sie noch so gut sein. Hier mußt du bloß und frei hintreten.

Und nun meine ich, das könnte uns doch vielleicht Mut machen, uns von ihm sagen zu lassen, was er damals seiner wankend und weich gewordenen Gemeinde in Galatien geschrieben hat. Und was seitdem immer wieder – nicht zum wenigsten in der Reformation und in den Auslegungen Luthers und Calvins zu den Kernsätzen unseres Bekenntnisses gehört hat: Schon der erste Satz, den wir gelesen haben, enthält die Erinnerung an eine Sache, deren Größe wir kaum ermessen können. Ich würde das am liebsten das menschliche Wunder am Evangelium nennen. Daß es nämlich hier heißt: «Wir, die wir von Natur Juden sind und nicht Sünder wie die Heiden.» Es gibt soviele Dinge in der Bibel, die uns am Menschen verzweifeln lassen könnten. So etwa, wenn wir uns da abgebildet sehen als reichen Mann und als armen Lazarus; warum geht denn der reiche Mann nicht heraus und holt seinen Bruder Lazarus zu sich herein? Jedenfalls, er tut es nicht und er wird es nicht tun. Warum freut sich denn der Bruder, der immer im Hause seines Vaters blieb, nicht mit, als der verlorene Sohn heimkehrte und sein Vater so glücklich war? Jedenfalls, er tat es nicht und er wird es nicht tun, solange die Welt steht. Warum sagt der Pharisäer nicht: Gott sei mir Sünder gnädig, sondern dankt Gott für lauter Dinge, die vor Gott greulich und garstig sind? Jedenfalls, er tut es nicht und er wird es nicht tun, solange er nicht von neuem geboren wird. Warum muß denn der Hohepriester Jesus Christus an die Römer ausliefern, warum opfert er den einen Zeugen der Wahrheit für das Volk? Jedenfalls, er tuts und gibt dadurch gerade sein Volk dem Verderben preis. Das ist der Mensch, der reiche, der gute, der [251] priesterliche Mensch. Kann man da nicht verzweifeln? Aber dann kommt das, was wir eben gelesen haben: Wir, die wir von Natur Juden sind – wir sind zum Glauben gekommen an Christus Jesus, «damit wir gerecht würden durch den Glauben an Christus und nicht aus den Werken des Gesetzes». Und da lernt man erst, den Menschen wieder lieb zu haben. Wissen wir, was ein Jude ist? Menschlich gesehen, ethisch gesehen ist er sicher das höchste, was die Völkergeschichte kennt. Darum treffen sich auch meist die menschlichen Ideale mit dem Judentum. Man könnte meinen, die Heiden außerhalb der Gesetzesfrömmigkeit wären vielleicht dem sola gratia, der Gerechtigkeit aus Glauben näher! Aber nein. Hier redet ein Jude! Die, die das bekennen, die, welche die Rechtfertigung allein aus Glauben gegen alle Werkerei vor der Welt proklamieren, die, welche das Kreuz Christi wirklich begriffen haben, Gottes Gerechtigkeit hier und nirgendsonst gefunden haben – sie sagen: Wir, die wir von Natur Juden sind! Wir legen alles nieder, was unseren Ruhm und unseren Vorzug bedeutet, und verkündigen Jesus, und diesen als den Gekreuzigten! Das sind die Juden! So stehen sie in der Gottesgeschichte, die zugleich Weltgeschichte ist. Die wahren Juden! Und wenn wir fast verzweifeln wollen über den Menschen, über den Abgründen und Gegensätzen, die wir zwischen uns aufrichten, und wir stoßen dann auf solche Menschen, dann atmen wir auf. Das ist wirklich das Wunder des Heiligen Geistes, das Wunder der Gnade Gottes an seinem Volk für die Heiden! Sie, die Juden, haben uns die Türe aufgetan, damit wir Gottes Gnade finden. Sie, ausgerechnet sie, die Juden, haben die Welt herausgehoben aus dem Gefängnis der Werkgerechtigkeit, sie haben – durch die Berufung und Gnade Gottes – der Welt das Heil gebracht. Und zwar behaupten sie etwas Bestimmtes zu wissen und etwas mit Gewißheit zu glauben:

Sie wissen etwas vom Menschen! Sie wissen es aus der Heiligen Schrift des Alten Testamentes. «Vor dir ist kein Lebendiger gerecht!» (Ps 142,3). Die Juden kennen Gottes Gerechtigkeit. «das macht dein Zorn, daß wir so gar aus sind», das wissen sie aus der Schrift. Und daß alles Fleisch wie Gras ist und seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Und darum sagt es der Apostel hier als das [252] Gewisseste und Selbstverständlichste: «Daß aus den Werken des Gesetzes kein Fleisch gerecht gesprochen wird». Sie wissen das, und setzen darum auf diesen Menschen, der Fleisch ist, nicht mehr ihr Vertrauen, ihren Glauben und ihre Gewißheit. Wir sind gläubig geworden an Jesus Christus, sagt Paulus, damit wir aus dem Glauben an Christus gerecht erfunden würden! Sie haben die Konsequenzen gezogen, sie haben das Gebiet verlassen, über dem das Gottesgericht steht – den Menschen, der Fleisch ist – und haben sich an Jesus Christus gehalten, damit sie gerettet würden. Sie haben verstanden, wenn Gottes Gerechtigkeit ausholen wird zum Gericht, wird keiner ihr entgehen, der seine Lebenswurzeln in seinem eigenen Dasein und Menschsein hat. Sie haben den Schnitt gehört, der von Gott her durch das Gras und all seine Herrlichkeit hindurchgeht. «Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom lieben Gott.» Sie haben gesehen, wohin man treten, nein, wohin man springen muß, um diesem Gericht zu entgehen. Sie haben alles hinter sich gelassen, was Gott richten könnte – ihre eigenen, ihre besten Taten, ihr ganzes, ernstes, hingegebenes Leben – und haben sich an den geklammert, den er nicht richten kann. An Jesus! Sie sind mitten in das Gericht Gottes hineingetreten, weil sie erkannten, daß dies Gericht Rettung ist, Leben, volle, ewige Gerechtigkeit.

Eben damit, daß Paulus das sagt, daß er uns auffordert, unseren Standort dort einzunehmen, wo wir nichts anderes haben als eben Jesus Christus, und auch ihn nicht etwa als einen siegreichen Gott, sondern als einen zum Tode verurteilten, gerichteten, für uns getroffenen Menschen – eben damit löst er eine Frage aus, die überall aufbricht, wo immer die Gnade Gottes verkündet wird. Die Frage lautet etwa so: aber dann ist es ja ganz gleich, was wir tun! Ob wir Böses oder Gutes tun – alles ist einerlei. Wenn alle Menschen doch verloren sind, wenn sogar die Juden nicht besser sind als die Heiden, wenn selbst dieser Unterschied aufgehoben ist, dann können wir ja im Namen Christi tun, was wir wollen. Christus – ein Freipaß für die Sünde! Das kommt dabei heraus. Bis heute ist das ja der Vorwurf, den die römisch-katholischen Theologen Luther machen. Wir wollen diese Sache nicht zu leicht nehmen. Es gibt in der Tat diesen Abweg. Es gibt nicht nur den Abweg zur Rechten, es [253] gibt auch einen zur Linken. Vielen Menschen ist in der Tat der Protestantismus die Form des christlichen Ethos, die uns die Gnade billig macht! Aber dabei haben wir Paulus nicht im Bunde. O nein, sagt Paulus. Wenn ihr mich so versteht, wenn das bei eurer Art von Glauben herauskommt, dann kann ich nur sagen: Mitnichten! Mitnichten machen wir Christus zu einem Handlanger des Bösen, der Laxheit, der Sünde. «Wenn ich das, was ich eben aufgelöst habe, wieder aufbaue, dann erweise ich mich ja als im Widerspruch mit mir selbst befindlich.» Sünde ist ja genau das, was uns hindert, daß wir Gott gefallen. Auch in unserem besten Leben. Auch da, wo wir das Gesetz erfüllen nach seinem Tatbestande, aber im Innersten eben doch Rebellen bleiben. Rebellen, die an die Kette gelegt sind, aber eben doch nicht Kinder, nicht solche, die das Gute in der Freiheit tun, nicht solche, die Gott wirklich suchen und seine Ehre. Nicht solche, die mit allen ihren Gesetzesbefolgungen, mit ihrer bürgerlichen oder auch antibürgerlichen Moral Gott meinen – sondern ihre eigene Gerechtigkeit. Dieses ganze System, das von seiner nomistischen wie von seiner antinomistischen, seiner bürgerlichen wie seiner revolutionären Seite gottlos ist – das wollte ich aufheben. Das gerade ist ja hier von Gott gerichtet. Mit seinen guten wie mit seinen bösen Exponenten! Mit seinen Tugenden wie mit seinen Lastern! Ich werde doch nicht etwa anfangen, die Sache nun von der anderen Seite her wieder aufzubauen, die ich eben von meiner, von der positiven, von der scheinbar guten Seite her eingerissen habe. Wenn hier die Juden offenbar sind als Sünder, als Verlorene, so bedeutet das etwas ganz anderes, als was ihr nach eurem Verständnis außerhalb Christus, ferne vom Kreuz, darunter versteht. Es ist ein helles Licht von draußen über uns alle gefallen und in diesem Lichte haben wir gesehen, daß wir alle gleich sind, Gute und Böse, Juden und Heiden! Daß diese Unterschiede unter uns Bedeutung haben mögen, für die menschliche Gerichtsbarkeit, aber nicht für die göttliche Gerechtigkeit. Wo die erscheint – und sie ist eben erschienen in Jesus Christus – da gibt es keinen Unterschied. Da sind wir allzumal Sünder. Da zeigt sich, daß wir alle vor Gott nicht eines bringen können. Und nun geht Paulus noch einen Schritt weiter und sagt es so hart, wie sonst selten wieder: «Ich bin durch [254] das Gesetz dem Gesetz gestorben. Ich bin mit Christus gekreuzigt.» Es gibt im Christentum einen Punkt, da kann man nicht mehr objektiv reden, da muß man – gerade um der Sache willen – subjektiv reden. Da muß man sagen, wie es um uns steht. Und indem Paulus das so sagt, da gibt es ein Echo bei uns allen, da, wo bei uns jene geheimnisvolle Größe sitzt, die wir Ich nennen. Es ist nicht leicht, verständlich zu machen, was Paulus damit meint. Luther hat es einmal sehr schön deutlich zu machen gewußt: wenn das Gesetz kommt, so sagt er, um den Schuldigen zu suchen – er denkt dabei an jene schweren Stunden, in denen etwa ein Mensch über sein verfehltes Leben nachdenkt oder über eine Schuld, die er an anderen Menschen auf sich geladen hat oder gar so, daß das Gesetz mich trifft als Gottes Ruf, als seine unerbittliche Abrechnung, dann werde ich sagen: NN ist nicht hier! NN ist tot! Hier — in der Mitte meiner selbst, wo du mein Ich vermutest, da lebt Christus! Setze dich mit ihm auseinander. Er deckt mich! Wie es im Psalm heißt: Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht!

Und jetzt erst wird es dem Apostel geschenkt, einmal vom Glauben, von diesem unserem Christenstande so zu sprechen, daß in den nach ihm kommenden Jahrhunderten niemand es besser sagen noch beschreiben konnte, was es heißt, ein Christ zu sein. «Nun aber lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.» Man könnte es vielleicht übersetzen: Das Lebenszentrum ist nicht mehr mein Ich, wie das bei aller meiner noch so bewunderungswürdigen sittlichen Leistung der Fall war, sondern da ist eine andere Mitte: Christus lebt in mir! Man hat versucht, den Apostel Paulus hier mystisch zu verstehen, aber ich glaube, es ist richtiger, wenn sich die Mystik von Paulus her verstünde als wenn wir Paulus aus der Mystik verstehen. Paulus will von Christus her verstanden sein. Er will sagen, wo immer wir auf ihn treffen, da geht es um Tod und Leben. Da endet meine Geschichte, die die Geschichte des Menschen ist und bleiben wird, der sich selbst sucht. Des Reichen, der den armen Lazarus nicht sieht, des Pharisäers, der nicht beten kann wie der Zöllner, dem das Bekenntnis seiner Schuld nicht aus des Herzens Tiefe kommt, des Priesters, der über den Herrn der Kirche zu Gericht sitzt, anstatt ihm zu Füßen zu fallen und mit ihm ins Leiden [255] zu gehen. Dieses Ich, dieses stolze, gute, auf sich selbst gegründete, dieses im Gesetz so sichere, seiner selbst sichere Ich muß sterben! Ihm ist in Jesus Christus die Axt an die Wurzel gelegt. Vor seinem Kreuz kann dieses Ich nicht leben! Hier wird es offenbar in seiner ganzen schäbigen und innerlich leeren Tugendhaftigkeit. Es muß eine andere Mitte meines Lebens gesetzt werden! Genau da, wo dieses Ich bisher stand, wo es alles verkehrt gehen ließ, was die Hand oder der Mund, was Gedanke und Tat versuchten — genau an diese Stelle will Jesus Christus treten, als dein besseres, dein neues Ich! Jesus als die große Barmherzigkeit Gottes. Jesus will nichts Äußerliches, nichts Geschichtliches, nichts Historisches sein, er will seine Wohnstatt in der innersten Mitte meines Lebens einnehmen. Dort soll ich seinen Namen tragen wie einen Fingerring, dort soll sein Reich sein, so will er mich behüten, mich behüten vor mir selbst in meiner eigensten, innersten Mitte. Seine Geschichte ist meine Geschichte geworden, wenn ich ihn sehe, wenn ich von seinem Leiden und seiner Auferstehung höre, dann höre ich die Geschichte von Gottes großer, mich für Zeit und Ewigkeit in sich einschließender Gerechtigkeit. Hier, in seinem Reiche, im Reiche dieses Königs, der die Dornenkrone trägt, gibt es keine Macht der Sünde mehr und keine Grausamkeit des Todes. Hier hat die Hölle ihre Macht verloren. Hier ist nichts als Gott und seine Gnade, seine dem sündhaften, dem verlorenen Menschen zugedachte Gnade. Aber gewiß, ich muß ja auch noch in dieser Welt, in der Zeit, in diesem Leibe leben. Wie das zugeht? Auch das beantwortet Paulus. Und daran, wie er das beantwortet, sieht man, daß er eben kein Mystiker ist. Jetzt darf eben doch von meinem Ich die Rede sein: «Was ich aber lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und der sich für mich dahingegeben hat

Es gibt ein Leben – auch hier, auch jetzt – ein Leben, das den Tod im Rücken hat, ein neues, ein freies, ein nun wirklich zu allem Großen und Tüchtigen entschlossenes Leben: Christ sein heißt nicht etwa als ein Sterbender durch die Welt gehen! Genau das nicht! Sondern als einer, der am Tode gelernt hat, zu leben. Eben nicht mehr aus sich, wohl aber aus dem Glauben an den, der uns geliebt hat, Jesus Christus. Man kann wieder leben, wenn man weiß, da [256] ist einer, der uns lieb hat! Aber mehr noch: Hier darf es nicht nur, hier muß es jetzt heißen: Ich glaube. Nicht «es lebt in mir», nicht «ich fühle», nicht «ich empfinde und erfahre ein neues Leben». Das Neue ist der Glaube. Er ganz allein. Aber Ich glaube. Der Glaube hat einen Mund bekommen, der ihn bekennt, einen Geist, der ihn begreift, ein Herz, in dem er immer aufs neue Fleisch wird, Mensch wird, das heißt im Ringen mit all unserer Schwachheit und Unkraft neu sich erhebt als Sieger und als Ruf der großen Freude hinein in unsere so tief betrübte, so verzagte, so unter die falsche, heuchlerische Gesetzesfrömmigkeit geknechtete Welt. «Ich mache die Gnade Gottes nicht zuschanden!» Eigentlich sollte man sagen: Diese Setzung Gottes, die er mit Jesus Christus, mit seinem Tod und seiner Auferstehung getroffen hat, hebe ich nicht auf! Was haben wir daraus gemacht? Wir haben Gottes Gerechtigkeit mit unseren sehr brüchigen, sehr wenig guten und beständigen Taten identifiziert. Wir haben der Welt vorreden wollen, dieses unser sogenanntes frommes Leben sei die Erscheinung von Gottes Gerechtigkeit und sie, die Welt, liege in der Ungerechtigkeit. Das war unsere Schuld. Gottes Gerechtigkeit ist in Jesus Christus in seinem Kreuz und in seiner Auferstehung aufgegangen über alle Welt. Das ist Gottes Setzung, Gottes Thesis. Die hebe ich nicht wieder auf! Denn wenn die Gerechtigkeit aus dem Gesetz käme, dann wäre Christus umsonst gestorben.

Nun ist aber am Tage, daß Christus nicht umsonst gestorben ist. Die Welt ist wirklich erlöst, die Sünde ist wirklich gerichtet und der Tod ist wirklich seiner Macht entkleidet. Die Frage, die bleibt, die Bitte, die offen bleibt, ist die, daß uns – jedem für sich – daran liegen sollte, daß er für ihn nicht umsonst gestorben sei! Daß wir uns alle dem großen Entweder-Oder Gottes, dem sola gratia und dem sola fide unterstellen sollten. Daß der Tod Christi auch für uns den Tod bedeuten sollte jener Welt und jenem Leben, das aus den Werken des Gesetzes gerecht sein wollte und darum den Namen Leben nicht verdient.

Gehalten 1954 im Universitätsgottesdienst in Bonn. Zuerst erschienen in der Zeitschrift Evangelische Theologie 14 (1954), 289-297.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 245-256.

Hier der Text der Predigt als pdf.

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