Jürgen Moltmann, Christuserfahrungen in Krankheiten und Heilungen: „Je mehr einem im Alter die eigenen Kräfte verlassen, umso mehr spürt man, dass man getragen wird. Das ist eine ganz wunderbare Gotteserfahrung und viel mehr zu preisen als alle Altersbeschwerden, über die wir ständig klagen.“

„Christuserfahrungen in Krankheiten und Heilungen“ – ein anspruchsvoller Titel, den Jürgen Moltmann einem Vortrag auf dem 3. Christlichen Gesundheitskongress in Kassel vom März 2012 gegeben hat. Da erwähnt er auch, dass er selbst 2007/2008 monatelang in Kliniken war, wo Ärzte ihm wohl das Leben gerettet hatten. Zum eigenen Altwerden und Sterben weiß er Folgendes zu sagen: „Je mehr einem im Alter die eigenen Kräfte verlassen, umso mehr spürt man, dass man getragen wird. Das ist eine ganz wunderbare Gotteserfahrung und viel mehr zu preisen als alle Altersbeschwerden, über die wir ständig klagen. Und wenn wir sterben, sterben wir in Jesu Tod hinein. Er geht mit uns in das ‚finstere Tal‘ und wir sind bei ihm in Gethsemane und auf Golgatha. Die Sterbeerfahrung ist eine Christuserfahrung, die wir nur im Sterben machen können. Darum ist sie einzigartig und einmalig. Leben und Sterben im weiten Raum Christi ist ein Trost, der uns trägt.“

Christuserfahrungen in Krankheiten und Heilungen

Von Jürgen Moltmann

In meinem Beitrag zu diesem Christlichen Gesundheitskongress 2012 möchte ich im Kern auf zwei Fragen eingehen:

  1. Was erfahren wir, wenn wir krank werden?
  2. Was erfahren wir, wenn wir gesund werden?

Ist eine Krankheitserfahrung auch eine Christuserfahrung?
Ist eine Heilungserfahrung auch eine Auferstehungserfahrung?

I. Krankheit in verschiedenen Perspektiven

1. In der Perspektive des Arztes

Das ist zwar nicht die erste Perspektive, in der Krankheit wahrgenommen wird, aber die öf­fentlichste, weil wir sie für die wichtigste halten: Kommt ein Patient zum Arzt, wird dieser seine Daten aufnehmen, seine körperlichen Funktionen messen, ihn mit Röntgenstrahlen etc. durchleuchten, um sich ein Bild über die Beschwerden zu machen. Dann wird er die aufge­nommenen Fakten als Symptome einer Krankheit deuten. Hat er die zutreffende Diagnose erstellt, kann die Therapie beginnen. Wird die Krankheit überwunden, oder besiegt, wie man sagt, dann ist der status quo ante wiederhergestellt und der Patient wird als „gesund“ entlas­sen.

In dem Maße wie es gelingt, die Krankheit vom kranken Menschen zu isolieren und die Kausalkette vom Erreger bis zu den typischen Auswirkungen in einem Krankheitsprozess in den Griff zu bekommen, wird gezielte Therapie möglich. Der kranke Mensch wird auf ein typisches Krankheitsbild gebracht und als „Fall“ dieser Erkrankung behandelt. Der kranke Mensch selbst mit seiner Seele, seiner Lebensgeschichte und seinem Innenleben wird – abge­sehen von psychischen Erkrankungen – kaum berücksichtigt, oft sogar bewusst ausgeblendet. Im „Sprechzimmer“ eines Arztes wird heutzutage wenig gesprochen, weil es zu viel Zeit kosten würde und bei Krankenkassen nicht abgerechnet wird. Die „Klinik ist wesentlich stumm“, wie Paul Lüth in seiner „Kritischen Medizin“ schon 1972 bemerkte. Ich war selbst vor 5 Jahren monatelang in Kliniken und weiß, wovon ich rede. Das ist unumgänglich und ein „Sachzwang“. Ich sage das mit Hochachtung und Mitgefühl mit den Ärzten, die mir das Leben gerettet haben.

2. Aus der Perspektive des kranken Menschen

„Krankheiten als solche gibt es nicht. Wir kennen nur kranke Menschen“, schrieb Ludolf von Krehl in seiner Pathologischen Physiologie“ schon 1930. Das ist aus der Perspektive eines Arztes gewiss ungewöhnlich, aus der Perspektive der Patienten aber stimmt es. Erwachen wir eines Morgens krank, dann sagen wir: „Ich bin krank und: „Ich fühle mich nicht wohl“. Wir erfahren eine Störung im Verhältnis zu uns selbst: Das Ich ist krank, mein Selbstgefühl ist angegriffen. Meine Person ist betroffen. Wir beginnen immer mit dieser Wahrnehmung des Krankseins, erst mit dem lokalisierenden Bewusstsein können wir dann sagen: „Ich habe Herzbeschwerden“. Damit verschieben wir die Krankheit vom Sein in das Haben. Wir gewin­nen Distanz und erheben unser Ich aus dem Kranksein. Das ist ein normaler und notwendiger Vorgang. Durch Distanz zur Krankheit kann ich mich auf sie einstellen und mich so oder so zu ihr verhalten. Gleichwohl gewinne ich nie die objektive Distanz zu meiner Krankheit wie die fremde Person eines Arztes. Die Krankheiten, die ich habe, bleiben im Lebenskreis meines Daseins. Ich muss sie erkennen, ich muss sie annehmen und an ihrer Überwindung arbeiten. Wie objektiv und unpersönlich sie auch in der Klinik behandelt werden, Krankheiten sind Teil meines persönlichen Lebens, und ich muss sie nicht nur erleiden, sondern kann sie auch durch die Kraft meiner Person, durch meinen Glauben und meinen Lebenswillen beeinflussen, ande­re können sie durch ihre Liebe zu mir beeinflussen. Der Patient ist und bleibt die Person sei­nes Lebens.

Jede Krankheit ist ein Teil meiner Lebensgeschichte, und ich muss sie so akzeptieren, wenn ich sie erleben und verstehen will. Gewöhnlich nehmen wir Krankheitszeiten nur als Störun­gen unseres normalen aktiven Lebens wahr und vergessen sie so schnell wie möglich. Damit verpassen wir, was sie uns sagen wollen. Unser Leben wird oberflächlich und ärmer, wenn wir nur unsere gesunden Zeiten schätzen. Spätestens bei Alterserkrankungen merken wir das. In den Erfahrungen von Krankheit und Gesundheit gibt es jedoch wesentliche Unterschiede. Einen haben wir schon erwähnt: Es ist das Kranksein und Krankheiten haben. Erstaunlicher­weise gibt es das bei der Gesundheit nicht: Ich sage: „Ich bin gesund“, aber nicht: „Ich habe Gesundheiten“. Krankheiten gibt es im Plural, Gesundheit nur im Singular; Krankheiten sind vielfältige Störungen und Leiden, Gesundheit ist ihnen gegenüber ganzheitlich: „Ich bin ge­sund“. Darum können wir auch nur wenig über die Beschaffenheit unserer Gesundheit sagen. Sind wir nicht krank, dann spüren wir unser Gesundsein gar nicht. Gesund ist man, wenn die Organe schweigen, hat einmal jemand gesagt. Gesundheit ist wie das Glück eher ein Zustand, der uns trägt. Erst wenn wir krank werden, erkennen wir, was Gesundheit ist. Wir erkennen sie, wenn wir sie nicht mehr haben.

3. In der Perspektive Jesu

Das erste, was nach den Evangelien Menschen an Jesus erlebten, war die Heilkraft des gött­lichen Geistes. Darum werden nach den Evangelien Menschen in Jesu Nähe nicht als „Sün­der“ wie bei Paulus, sondern als Kranke offenbar. Aus den Winkeln und Schatten, in die man sie verdrängt hatte, kommen sie hervor und suchen die Nähe Jesu. „Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke und Besessene, und die ganze Stadt versammelte sich vor der Tür, und er half vielen Kranken, die mit Seuchen beladen waren, und trieb viele Dämonen aus.“ (Mk 1,32ff) „Dämonen“ sind personal vorgestellte Mächte der Zerrüttung und der Zerstörung. Ihnen ist die Lust am Quälen eigen. Wenn der Messias kommt, sagt die alte jüdische Hoffnung, dann werden diese Quälgeister von der Erde verschwinden und die Menschen werden wieder gesund und vernünftig leben können. Wun­derbare Krankenheilungen gab es in der Antike oft. Es gibt auch in unserer modernen Welt der wissenschaftlichen Medizin Spontanheilungen, wie man sie nennt. Bei Jesus aber stehen sie in einem besonderen Horizont: Sie gehören zur Ankunft des Reiches Gottes. Wenn der lebendige Gott zu seiner Schöpfung kommt, dann müssen die Mächte der Qual weichen, die gequälten Geschöpfe werden gesund. Das Reich des lebendigen Gottes vertreibt die Bazillen des Todes und breitet die Keime des Lebens aus. Es bringt nicht nur Heil in einem religiösen Sinne, sondern auch Gesundheit in körperlicher Erfahrung. In der Heilung der Kranken wird das Reich Gottes leibhaftig. Der Lebensgeist macht lebendig, was krank liegt und sterben muss. Auch wenn viele von uns heute keinen persönlichen Zugang zu diesen Geschichten von den Krankenheilungen Jesu haben, weil sie selbst nichts Vergleichbares erlebt haben, werden wir mit ihrer Hilfe doch verstehen können, dass die Lebenskraft Gottes unsere Körper durchdringen will, und werden die organische Seite des Reiches Gottes begreifen.

Wie alle schweren Krankheiten Vorboten des Todes sind, so müssen wir auch die Kranken­heilungen Jesu als Vorboten verstehen: sie sind Vorboten der Auferstehung. Erst mit der Wiedergeburt dieses sterblichen Lebens zum ewigen Leben wird vollendet, was Jesus an den Kranken getan hat. In jeder schweren Krankheit ringen wir mit dem Tod. In jeder Heilung erleben wir etwas von Auferstehung: wir fühlen uns wie neugeboren“ und dem „Leben wie­dergeschenkt“. So wird es sein, wenn geschieht, was wir uns nicht vorstellen können, weil wir es noch nicht erfahren haben: die Auferstehung und das Leben der zukünftigen Welt.

Als man einen kranken Jungen zu ihm bringt, beschwört Jesus den Vater: „Wenn du doch glauben könntest! Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt“. Der Vater des Jungen antwortete unter Tränen: Ich glaube ja, Herr, hilf meinem Unglauben.“ (Mk 9,23-24) Dieses bisschen ungläubigen Glaubens genügt. Jesus „ergreift den Jungen bei der Hand, richtet ihn auf; und er stand auf“. Noch stärker sprechen die Geschichten der kranken Frauen: Da ist die „blutflüssi­ge Frau“ (Mk 5,25ff). Sie schleicht sich durch die Menge von hinten an Jesus heran und fasst seinen Rock an: „Wenn ich nur sein Kleid anrühre, würde ich gesund werden“, sagt sie sich. Sie macht durch ihre körperliche Berührung Jesus „unrein“, wie man damals dachte, holt sich aber ihre eigene Heilung von ihm. Jesus „fühlte alsbald an sich selbst die Kraft, die von ihm ausgegangen war“. Er sieht sie an und sagt: „Meine Tochter, Dein Glaube hat dich gesund gemacht, geh hin in Frieden.“

Wenn wir diese verschiedenen Perspektiven vergleichen, stellen wir fest: Jesus nimmt Krank­heit aus der Perspektive der kranken Menschen wahr. Er therapiert nicht Krankheiten, sondern heilt kranke Menschen. Er setzt auf die Heilkraft des Heiligen Geistes, aus der er lebt und wirkt, und auf die Kraft des menschlichen Glaubens. Er sieht Menschen in der Dimension „vor Gott“ und in dieser Dimension sieht Jesus uns im Kampf zwischen dem Lebensgeist des kommenden Reiches Gottes und dem Todesgeist der quälenden „Dämonen“, der Ängste und Triebe, die uns die Freiheit rauben und uns krank machen.

II. Gesundheit in verschiedenen Perspektiven

Hier können wir die verschiedenen Begriffe nicht einzelnen Personengruppen zuordnen. Es handelt sich vielmehr um Vorstellungen von Gesundheit, die ferner oder näher zum mensch­lichen Personkern liegen.

1. Sigmund Freud und andere definierten Gesundheit als „Arbeits- und Genussfähigkeit“. Ist ein Mensch in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt und in seiner Genussfähigkeit behindert, gilt er als „krank“. Sind beide Fähigkeiten wieder hergestellt, kann er als „gesund“ bezeichnet werden. Diese schlichte, aber gebräuchliche Definition von Gesundheit entspricht exakt der industriellen Leistungsgesellschaft, die ihre zentralen Werte auf Produktion und Konsum ausrichtet. Vormoderne Gesellschaften und außereuropäische Kulturen pflegen andere Werte und haben darum andere Begriffe von Gesundheit, z. B. soziale Begriffe. Das tritt bei der Ausbreitung westlicher Medizin in Asien und Afrika besonders deutlich in Erscheinung. Auch in der westlichen Welt macht diese Gesundheitsdefinition viele Menschen nicht gesund, son­dern krank, stigmatisiert sie und macht sie im Alter „wertlos“ und zu „überflüssigen Men­schen“.

2. Die internationale World Health Organization hat eine erweiterte Definition aufgestellt: „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohl­befindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Dies ist eine Maximalde­finition, die in der Negation gut ist, in der Position aber weit über das Menschenmögliche hinausgeht. Gilt nur der als „gesund“, der sich im Zustand vollkommenen und allseitigen Wohlbefindens befindet, dann sind alle Menschen mehr oder weniger krank, denn sie alle existieren nicht im Paradies. Gemessen an dem Ideal „sozialen Wohlbefinden“ gibt es keine „gesunden“ Gesellschaften, die solches garantieren könnten. An Hand dieses Ideals steigen die Ansprüche der Menschen an die Gesundheitssysteme ins Unermessliche. Das Ideal des allseitigen Wohlbefindens, ist eine Utopie und nicht einmal eine besonders humane Utopie. Es ist die Utopie von Leben ohne Leiden, vom Glück ohne Schmerz und einer Gemeinschaft ohne Konflikte. Es ist die Utopie vom Leben ohne Sterben, denn nur ein unsterbliches Leben könnte „vollkommenes Wohlbefinden“ geben.

Gesundheit und körperliche wie geistige Unversehrtheit sind in der Tat Menschenrechte, auf die jeder Mensch Anspruch hat. Aber ein „Zustand“ beschreibt nicht die gesunde Lebenskraft zum Menschsein. Wird Gesundheit als ein erreichbarer Zustand beschrieben, erweckt sie unerfüllbare Ansprüche der Menschen an sich selbst, wie der gegenwärtige Trend in den reichen Ländern zum Fitnesskult, Diätwahn, Anti-aging-Maßnahmen usw. zeigt. Ansprüche an das Gesundheitssystem wachsen und entlasten sie von der eigenen Verantwortung für ihren Zustand. Muss nicht eine Gegenbewegung zur Rettung der Menschlichkeit darin einsetzen, dass Gesundheit und Krankheit wieder personalisiert und Altern und Sterben als Teile des Lebens akzeptiert werden? Dieser Vorschlag führt zu anderen Definitionen der Gesundheit.

3. Sieht man Krankheit nur als Funktionsstörung bestimmter körperlicher Organe an, dann ist Gesundheit ein störungsfreier Zustand. Schwere und lange Krankheiten betreffen aber den ganzen Menschen. Gesundheit heißt in dieser Perspektive „nicht die Abwesenheit von Störun­gen, sondern die Kraft, mit ihnen zu leben.“ Gesundheit ist hier kein Zustand, sondern „die Kraft zum Menschsein“ in gesunden und in kranken Zuständen. Diese seelische Kraft, wie man früher sagte, zeigt sich in der Fähigkeit zum Glück und zum Leiden, zur Freude und zur Trauer, aufs Ganze gesehen, in der Kraft zur Annahme des Lebens und zur Hingabe des Le­bens. Es ist, theologisch gesprochen, die Bejahung des Lebens und des Sterbens im großen Ja Gottes, die Annahme von Leben und Tod im weiten Raum Gottes. Gesundheit und Krankheit sind in diesem Verständnis nicht immer Gegensätze. Es gibt Menschen, die im Umgang mit ihrer Krankheit sehr gesund sind und Gesundheit ausstrahlen.

Wird dagegen Gesundheit als Zustand allgemeinen Wohlbefindens als gängige menschliche Einstellung verbreitet, dann können krankhafte Einstellungen der Menschen zu ihren gesun­den und kranken Zuständen entstehen, weil Menschsein dann mit Gesundsein gleichgesetzt wird. „Hauptsache gesund“, sagt man dann, und Krankheiten sollen nicht sein. Das kann dazu führen, dass Kranke aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden und Krankheiten als Kata­strophen angesehen werden, die dem Menschen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl rauben. Der moderne Gesundheitskult, Wellness-Religion, produziert dann genau das, was er über­winden will, nämlich die Angst vor dem Kranksein. Anstatt Krankheit und Gebrechen zu überwinden, entwirft er ein Ideal von allgemeinem Wohlbefinden, aus dem Kranke und Ge­brechliche ausgeschlossen sind. Wenn sich dann Gesunde von Gebrechlichen und Behinder­ten, Alten und Arbeitsunfähigen abwenden, verurteilen sie diese zum „sozialen Tod“. Bezie­hungen zu ihnen werden abgebrochen und ihre Wertlosigkeit wird angeprangert. Was der Gesundheit des Lebens dienen sollte, macht die Ausgeschlossenen krank. Die Gesundheits­definition der World Health Organization ist darum so missverständlich, weil in ihr von allem, aber nicht vom Tod die Rede ist. Wenn aber nicht an das Sterben des Menschen ge­dacht wird, ist jede Gesundheitsdefinition illusionär. Wie Geborenwerden so ist Sterben ein Teil des Lebens.

Schwere Krankheiten führen oft in Lebenskrisen hinein. Unter solchen Lebenskrisen verste­hen wir Sinnkrisen. Der Kranke versteht sein Leben nicht mehr, weil das Kranksein ihm die bisherigen Vertrauensgrundlagen seines Lebens entzieht, auf die er sich verlassen hatte. Er oder sie reagieren darauf mit Wut auf sich selbst und Aggression gegen andere und fallen zuletzt in tiefe Resignation und Apathie. Wenn man spürt, dass man sein Vertrauen nicht mehr auf seine Gesundheit, seine Tüchtigkeit oder Schönheit setzen und sein Selbstwertgefühl nicht mehr aus seiner Leistung oder seiner Lust gewinnen kann, bricht man zusammen oder man gewinnt die Kraft zum Leben aus einem größeren Vertrauen und einer tieferen Selbstach­tung.

Eine Lebenskrise dieser Art bietet die Chance, das Vertrauen des Herzens von den bedrohten und entzogenen Gütern abzuziehen und auf tragfähigen Boden zu stellen. Jene Selbstgerech­tigkeit, die durch die Eitelkeit guter Werke und dem eigenen Leistungsstolz aufgebaut wird, findet sich auch in der Selbstgerechtigkeit, die durch das Vertrauen auf die eigene Tüchtigkeit entsteht und zum angstvollen Kult um die eigene Gesundheit führt.

Menschliches Leben ist kein Mittel zum Zweck, es lebt, weil es gelebt wird. Man muss nicht „gebraucht“ werden, um sinnvoll zu leben. Leben ist in sich selbst gut, weil es von Ewigkeit her geliebt, bejaht und gerechtfertigt ist. Es bedarf keiner Selbstrechtfertigungen, weil es die große Angst um das Selbst nicht geben muss. Die „Kraft zum Menschsein“, von der wir ge­sprochen haben, ist die große Bejahung durch Gott, in die hinein man leben und sterben kann. Menschliches Leben wird menschlich als angenommenes, bejahtes und geliebtes Leben, darum kann man es selbst in seiner Endlichkeit annehmen und in seiner Gebrechlichkeit lieben. In diesem Glauben erfahren Menschen eine große Freiheit gegenüber den Wechselfäl­len des Lebens. Das ist der „einige Trost im Leben und im Sterben“, von dem der Heidelber­ger Katechismus spricht. Man wird daraus folgern können, dass dem Leben nicht dient, was im Sterben nicht tröstet.

Gesundheit in der Perspektive Jesu

„Alle, die ihn anrührten, wurden gesund“ (Mt 14,36). „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“ (Mk 5,34). Was heißt nach den Evangelien „gesund“ und „gesundmachen“? Das Besondere in den Heilungen Jesu und im Glauben liegt nicht nur in der Rückkehr der Funktionstüchtigkeit, dass also die Blinden sehen und die Stummen reden und die Lahmen wieder gehen können, auch nicht nur in der Rückkehr aus einem kranken Zustand in die Normalität, wie das Wort: „Die Gesunden brauchen des Arztes nicht“ denken lässt, sondern zuerst im Ganzwerden. Jesus macht das Kaputte „heil“, er macht er ganz. Ricarda Huch nannte Jesus darum den „Ganzmacher“. Ein ganzer Mensch zu werden, ergreift Seele und Leib. Ganzwerden heißt Englisch auch „becoming whole“ und das ist mit „holy“, heilig, verwandt. Die Ganzheit eines Menschen bedeutet Harmonie seiner Organe und seiner Seele, und diese Harmonie besteht in der Einigkeit des Menschen mit sich selbst.

Da aber kein Mensch wie Robinson auf einer Insel lebt, ist diese Einigkeit mit sich selbst auf die Anerkennung durch andere Menschen angewiesen. Werde ich geschätzt und anerkannt, kann ich im Frieden mit mir selbst sein. Werde ich geliebt, kann ich mich selbst lieben. Werde ich geachtet, kann ich mich selbst achten. Weil ich in verschiedenen Sozialbeziehungen exi­stiere und mich selbst in vielfältigen Perspektiven erkenne und meine Lebensgeschichte sich seit meiner Geburt verändert, ist die Kategorie des Ganz-seins eigentlich eine theologische Kategorie: Allein Gott sieht mich in meiner Ganzheit (Psalm 51).

Nur Gott sieht mich, wie ich war und wie ich geworden bin. Im Gedächtnis Gottes ist meine Lebensgeschichte präsent. Werde ich von Gott anerkannt und geliebt, dann bin ich im Frieden mit mir selbst und bin ein ganzer Mensch. Darum treibt Jesus die Dämonen aus, die den Men­schen zerreißen und Teile des Menschen beherrschen. Wer besessen lebt, ist nicht er selbst; wer in Ängsten existiert, ist zerrissen. Menschen werden erst im Frieden Gottes „gut, ganz und schön“ (Elisabeth Moltmann-Wendel). Darum gehören zu den Heilungen Jesu auch die Sündenvergebungen. In ihnen werden die quälenden Gewissensbisse und Selbstzweifel ver­trieben, in ihnen wird das verunglückte Gottes-Verhältnis der Sünder durch Gott selbst zu­rechtgebracht. Die Gegenwart des Gottesgeistes in der Person Jesu macht die Heilkraft seines Lebens und Versöhnungskraft seines Leidens aus. „Gesund“ im Sinne Jesu sind die Menschen des Friedens, die gottgeliebten Menschen: „saved and sound“.

III. Krankheit und Gesundheit als Christuserfahrungen

Ich habe dargestellt, wie sehr unsere inneren Einstellungen zu Krankheit und zu Heilungen Krankheitsverläufe und Gesundungen beeinflussen. Zum Schluss möchte ich fragen, wie wir im Glauben an Christus unsere Krankheiten und unsere Heilungen erleben. Weil aber der Glaube beides auf uns selbst bezieht, frage ich lieber, welche Christuserfahrung wir im Krank­sein machen und welche Christuserfahrung in unseren Heilungen verborgen liegen. Christus ist auch bei uns, wenn unser Glaube schwach wird. Christus ist auch bei denen, die nicht glauben. Christus ist da, bevor wir an ein Krankenbett treten. Nicht wir bringen Christus zu den Kranken, wir entdecken ihn zusammen mit den Kranken.

1. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“ (Jes 53,4) sagt der Prophet Jesaja vom leidenden Gottesknecht, den Christen von Anfang an im leidenden und gekreuzigten Jesus gesehen haben. Also erfahren wir in unseren Krankheiten nicht nur uns selbst als Erkrankte, sondern auch Jesus „der unsere Krankheit trug“. Also erfahre ich in meinen Schmerzen nicht nur mich als Gequälten selbst, sondern auch Jesus, der meine Schmerzen auf sich geladen hat. Das heißt doch: meine Leidenszeiten führen mich tief in seine Passion hinein. An dem, was ich erleide, nehme ich wahr, was Jesus erlitten hat. Jede im Glauben bewusste Krankheitserfahrung führt uns immer tiefer in die Christuserkenntnis hinein. Wir erfahren nicht nur Christus bei uns, sondern auch uns bei Christus. Unsere Schmerzen bringen uns in seine Schmerzen. Er ist bei uns, wir sind bei ihm.

Das ist auf wunderbare Weise auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald in Colmar zu erkennen: Er stand einst in einem Hospital für Pestkranke. Die Todkranken sahen ihre Pestbeulen auf dem Leib des verrenkten und gekreuzigten Christus. Er trug ihre tödliche Krankheit und sie nehmen an seinen Schmerzen teil. Das offenbart eine tiefe Christusgemein­schaft im Kranksein.

Und noch etwas ist hier wichtig: Das Tragen. Das ist eine alte Gotteserfahrung Israels: Gott ist nicht wie ein allmächtiger Herrscher vom Himmel her, sondern eher wie ein geduldiger Knecht, der sein Volk trägt und auf seine Schultern legt. Unser Gott ist ein Gott, der trägt (D. Bonhoeffer). Im Auszug der Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten ist Gott nicht nur der, der voran geht, sondern der der, der sein Volk trägt. Welche Bilder werden dafür verwen­det?

Ein weibliches Bild: „Trag es in deinen Armen wie eine Mutter ihr Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern versprochen hast“ (4 Mos 11,12).

Dann ein männliches Bild: „Du hast gesehen, wie der Herr, dein Gott, dich getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, durch alle Wege, die ihr gewandert seid“ (5 Mos 1,31).

Gott ist ein Gott, der trägt, darum kann man sich auf ihn verlassen. Das ist auch ein Trost im Alter, wenn die eigenen Beine einen nicht mehr tragen: „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich hebe und trage und errette“ (Jes 46,3-4). Jo­chen Klepper hat daraus sein schönes Lied gemacht (EG 380):

„Ja, ich will euch tragen,
bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen,
dass ich gnädig bin.“

Je mehr einem im Alter die eigenen Kräfte verlassen, umso mehr spürt man, dass man getra­gen wird. Das ist eine ganz wunderbare Gotteserfahrung und viel mehr zu preisen als alle Altersbeschwerden, über die wir ständig klagen. Und wenn wir sterben, sterben wir in Jesu Tod hinein. Er geht mit uns in das „finstere Tal“ und wir sind bei ihm in Gethsemane und auf Golgatha. Die Sterbeerfahrung ist eine Christuserfahrung, die wir nur im Sterben machen können. Darum ist sie einzigartig und einmalig. Leben und Sterben im weiten Raum Christi ist ein Trost, der uns trägt.

2. Wenn wir nach einer schweren Krankheit wieder gesund werden, wie erleben wir die Hei­lung? Als Rückkehr in unser Leben vor der Erkrankung oder als ein neu geschenktes Leben? Wäre es nur die Rückkehr in das alte Leben, dann hätten wir nichts gelernt. Spüren wir, dass ein neues Leben beginnt, dann erleben wir die Heilung als Ermutigung und als Ermächtigung (empowerment) zum neuen Leben. Dann ist die Heilung eine Auferstehungserfahrung. Calvin sage: Wir erleben viele Tode und viele Auferstehungen. In schweren Krankheiten ringen wir mit dem Tod, denn sie sind Vorboten des Sterbens. In jeder Heilung erleben wir einen Vor­schein der Auferstehung der Toten.

Kranke brauchen Trost und Beistand und Geduld, um ihre Krankheit zu ertragen. Das ist bekannt. Dafür sind Krankenhausseelsorger, Krankenschwestern und Besuche der Familien da. Aber ebenso wichtig ist es, Heilung zu erfahren und zu erkennen, was man mit diesem neuen Lebensanfang machen soll. Aber dann sind die Kranken nicht mehr da. Ärzte sehen die Geheilten selten wieder. Nur in den Rehabilitationszentren geht es auch um die Ermutigung und Ermächtigung zum neuen Lebensanfang nach der Krankheit und nicht nur um die Wie­derherstellung der Körperkräfte. Die wahre Rehabilitation heißt: Incipit vita nova. Heilung ist Ermächtigung zum Leben im Geist der Auferstehung Jesu Christi.

Hier der Text als pdf.

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