Hans Ehrenberg, Das trinitarische Denken (1925): „Die Trinitätslehre ist keine Lehre vom Gottesbegriff. Denn es gibt im Angesichte Gottes keinen Begriff Gottes. Da gibt es nur den Namen Gottes. Und dieser kann nicht gelehrt, sondern nur „genannt“, nur angebetet werden. Jede Lehre vom Gottesbegriff entwurzelt die christliche Lehre, läßt also die Wurzel des Stammes, Israel, absterben und gibt dem Stamm eine künstliche Wurzel in der Philosophie.“

Es hat in jüngerer Zeit verschiedene Aufsätze über eine biblische Trinitätslehre gegeben, so z.B. B. Klappert, Die Trinitätslehre als Auslegung des NAMENs des Gottes Israels. Die Bedeutung des Alten Testaments und des Judentums für die Trinitätslehre, EvTh 62 (2002), 54-72 bzw. R.K. Soulen, Der trinitarische Name Gottes in seinem Verhältnis zum Tetragramm, EvTh 64 (2004), 327-347. Der erste, der sich im 20. Jahrhundert diesem Thema gestellt hat, war Hans Ehrenberg (1883-1958) mit seinem Nachwort „Die Russifizierung Europas oder die Frage der Trinität“ zu N. v. Bunoff/H. Ehrenberg (Hg.), Östliches Christentum. Dokumente, Bd. 2: Philosophie, München 1925, 378-407. Darin findet sich auch eine grundlegende Kritik am Gottesbegriff: „Die Trinitätslehre ist keine Lehre vom Gottesbegriff. Denn es gibt im Angesichte Gottes keinen Begriff Gottes. Da gibt es nur den Namen Gottes. Und dieser kann nicht gelehrt, sondern nur „genannt“, nur angebetet werden. Jede Lehre vom Gottesbegriff entwurzelt die christliche Lehre, läßt also die Wurzel des Stammes, Israel, absterben und gibt dem Stamm eine künstliche Wurzel in der Philosophie.“ (S. 397).

Das trinitarische Denken

Von Hans Ehrenberg

Es gibt verschiedene Voraussetzungen für die „Möglichkeit einer Christlichen Lehre“; dieselben seien zuerst genannt:

1. Die Lehre hat zwei Grundlagen: die Schrift und Jesus Christus. Jene ist in ihrer ganzen Breite, der Breite der Offenbarungswahrheiten — dieser in seiner ganzen Stärke, der Stärke der Heilstatsachen, Grund der Lehre.

2. Vom Schöpfungstage an bis zum Jüngsten Tage bezeugt sich Gott seiner Erde. Von Abraham und Moses an bis zum letzten Wort am Kreuz wirkt Gottes Wort direkt. Von Noah und den Urvätern an bis zum ersten Pfingsten stiftet Gott Kirche.

3. Der Alte Bund ist der Bund der Anbetung, der Neue Bund ist der Bund der Erlösung. Deshalb ist der Alte Bund unitarisch, der Neue trinitarisch. Der Alte Bund beruht auf dem Namen Gottes, der Neue auf der Fleischwerdung des Wortes. Beide zusammen bilden das Ganze der Offenbarung.

4. Als Offenbarung gesehen, folgen Alter und Neuer Bund aufeinander, gehören zueinander, bilden miteinander „Das Buch“. Als Erlösung gesehen, geht der Alte Bund im Neuen Bund auf. Deshalb stehen „im Buch“ beide Bünde neben­einander, als Teile ein und desselben Buches. Im Kommen des Reiches aber stehen sie ineinander, und zwar nach dem Worte der Schrift (Röm. 11, 17ff.) so, daß der Alte Bund die Wur­zel, der Neue Bund den Stamm mit Blüte und Frucht bildet. Derart also wird der Alte Bund im Neuen erfüllt, indem er als dessen Wurzel erhalten bleibt.

5. Um christlich denken zu können, und also für die „Mög­lichkeit einer christlichen Lehre“, ist daher zweierlei von nöten:

a) Das biblische Denken, das sich in vollständiger, ge­horsamer Hingabe an das Buch der Bücher gibt, daher kein Einzelwort herauslöst, keine Einzelstation verabsolutiert, keine [395] Spaltung innerhalb der Offenbarung erlaubt, vielmehr über­all, in jedem Einzelwort im Ganzen der Schrift steht, und gleichwohl jedes Einzelwort als „Spruch“, als ein in sich Ganzes zu behandeln, zu deuten und auszuwerten versteht – jenes, die Hingabe an die ganze Schrift im. „Lesen“, dieses, die liebevolle Ausschöpfung des Einzelsatzes im „Sprechen“. Der Alte Bund lehrte das „Lesen“, der Neue das „Sprechen“. Das Gesetz will gelesen, das Evangelium verkündigt sein. Und wieder wird jenes zur Wurzel von diesem, wenn auch beide da sind, jedes für sich.

b) Die Umschmelzung des Wortes im Kreuz, die Fleisch­werdung, Transsubstantiation in der Kraft. Deshalb steht das Reich Gottes nicht (nämlich: nicht mehr) im Wort, sondern in der Kraft. Die Kraft, das Leben in der Kraft, die Heili­gung, ist die Frucht der „Erfüllung in Christo“. Die Nach­folge des Kreuzes ist die zweite Voraussetzung für die „Möglichkeit einer christlichen Lehre“.

Den Voraussetzungen für die Möglichkeit einer christlichen Lehre lassen wir zunächst die formalen Bestimmungen für ihre Ausführung folgen:

1. Biblische Theologie und Dogmatik (oder Systematik) sind dieselbe Wissenschaft, dieselbe theologische Disziplin, genannt die „Lehre“. Als Hilfswissenschaften gibt es die Ge­schichte des Alten und des Neuen Bundes sowie die Geschichte der Kirche. Als eigene Disziplin gibt es nur noch die Prak­tische Theologie, die mit der „Lehre“ in engstem Zusammen­hang, Daueraustausch, Wechselwirkung und Durchkreuzung steht, im Leben der Gemeinde.

2. Die Person, von welcher die Lehre kommt, ist die Kirche, und zwar nicht etwa eine innerhalb der Kirche noch einmal isolierte „lehrende Kirche“. Die Kirche ist nicht eine selbständige Größe neben dem Buch oder neben Christus; ersteres ist bei den Katholiken, letzteres bei den Protestanten der Fall. Sondern, sie ist die stets erneue­rungsbedürftige Wirklichkeit der Kraft, also die lebendige Einheit der beiden vorgenannten Voraussetzungen der Lehre: der Offenbarung in der Schrift und der Erlösung in Jesus [396] Christus. Die Kirche ist der Heilige Geist in irdischer Prä­senz, hervorgegangen aus Gott, der die Schrift und Christus in der Kirche vereinigt, hindurchgegangen durch Christus, in dem ihr die stets sich zu erneuernde Inkarnation zuteil wird: a patre, per filium (nicht filioque).

3. Die Lehre ist auch künftig in zwei verschiedenen Darstellungsweisen aussprechbar, entweder folgend der Bibel, von der Schöpfung bis zur Wiederkehr Christi, oder als System, aber dann als System der Kirche, also als Kirchenjahr (der ständig sich erneuernde Ring der Inkarnation).

Indem wir uns soeben, unter 3, bereits im Dogma befanden, stehen wir in den materiellen Bestimmungen für die Aus­führung der Christlichen Lehre; die wichtigsten derselben, für jede der beiden Darstellungsarten gültig, sind:

1. Die Kirche ist der Lehrer des Dogmas. Daher ist sie die erste Person der Lehre. Diese muß mit ihr selber beginnen, weil die Person des Lehrers nicht außerhalb der Lehre stehen kann; so wird die Lehre von der Kirche zum Prolegomenon der Lehre überhaupt. Damit ist gesagt, daß das Dogma mit der Lehre vom Heiligen Geiste einsetzt, resp. in ihr seinen Grund hat. Deshalb ist es, daß Paulus I. Kor. 12, 4-6 die Trinität in scheinbar rückwärtiger Reihenfolge entwickelt: Geist, Sohn, Vater. Und die letzte Gestalt, der Vater, ist auch die Erste: A und O, die Einheit der Drei. I. Kor. 12, 4-6 ist die biblische Keimzelle der Trinitäts-, d. h. der Christlichen Lehre.

2. In der einen, der Bibel in Schöpfung; Offenbarung, Er­lösung folgenden Darstellungsweise, ist die Lehre selber die am Ende reifende Frucht der Darstellung, die in erzählender Weise von der Schöpfung an den Faden der Gottesgeschichte bis zu dem Punkt, wo die Lehre kraft der Ausgießung des Geistes da ist, abrollt. In der anderen, der systematischen Dar­stellungsweise wird die Lehre aus ihrer allzeitlichen Existenz entfaltet, ohne jede Art von Hinleitung. Aber in jeder der beiden Darstellungsweisen muß die jeweils nicht verwendete mitenthalten sein.

3. Daher keine Darstellung der Lehre ohne die gottesge-[397]schichtlichen Grundbegriffe Schöpfung, Offenbarung, Er­lösung, in denen Anfang, Höhe und Abschluß des biblischen Weges genannt sind. Und keine Darstellung der Lehre ohne die Existenzbegriffe der Kirche: Haupt, Leib und Glieder (siehe oben). Diese beiden je drei Worte sind die gesamten Grundbegriffe der Lehre.

4. Die Vereinigung der drei Stationen Schöpfung, Offen­barung, Erlösung mit den drei organischen Worten Haupt, Leib und Glieder ist die Trinitätslehre. Diese ist daher einer­seits eine Lehre von den Stationen des göttlichen Waltens (sog. ökonomischeTrinitätslehre), andererseits eine Lehre von der allzeitlichen Existenz Gottes auf Erden, d.h. eine Lehre vom Reich.

5. Die Trinitätslehre ist keine Lehre vom Gottesbegriff. Denn es gibt im Angesichte Gottes keinen Begriff Gottes. Da gibt es nur den Namen Gottes. Und dieser kann nicht gelehrt, sondern nur „genannt“, nur angebetet werden. Jede Lehre vom Gottesbegriff entwurzelt die christliche Lehre, läßt also die Wurzel des Stammes, Israel, absterben und gibt dem Stamm eine künstliche Wurzel in der Philosophie.

6. Die alte Trinitätslehre ist teilweise auf die richtige Weise, teilweise als Auseinandersetzung mit der griechischen Philo­sophie, und daher auf eine heidnische Weise entstanden. Die Einsprengung dieser heidnischen Teile ist auszumerzen, in­sonderheit muß allerorten an Stelle des Gottesbegriffes der Gottesname eintreten. Der Name ist unitarisch, der Name ist trinitarisch. Unitarisch ist er als Name der Anbetung, trini­tarisch (im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hei­ligen Geistes oder im Namen des Dreieinigen Gottes) ist er der Name des Bekenntnisses. Die Anbetung steht im Dienst der Offenbarung, das Bekenntnis steht im Wirken der Er­lösung. Die philosophischen Begriffe: Wesen, Substanz kön­nen höchstens eine untergeordnete Rolle spielen.

7. Indem sowohl „Gott“ wie der „Dreieinige Gott“ Name ist, ist die Einheit der Drei = Eins und der Eins = Drei ge­wahrt — nur durch den Namen.

8. Jede Person der Drei ist allerdings gleichen Wesens, nicht aber gleichen Namens. Christus ist nicht Gott, der Heilige [398] Geist ist nicht Gott, sondern beide sind göttlich, gott-gleich, Deus a Deo.[1] Aber Gott leidet und stirbt nicht, und Gott wird nicht ausgegossen über alles Fleisch; patripassianische und montanistische-enthusiastische Häresien sind auszuscheiden. Nur die erste Person der Trinität ist auch Gott selber, der Vater ist Gott selber, weil in ihm die unlösbare Verbindung der Eins mit der Drei vollzogen wird; denn er ist allein ungeworden, der Sohn aber erzeugt als die Menschwerdung gött­lichen Wesens, und der Geist ausgegangen, als die Verleiblichung göttlichen Wesens.

9. Die drei trinitarischen Personen stehen je in einem be­sonderen Verhältnis zu einem der drei christlichen Kirchen­feste: der Heilige Geist zu Pfingsten, der Sohn zu Ostern, der Vater aber zu Weihnachten; letzteres ist so zu verstehen, daß im Kinde Jesus die Vaterschaft verkündigt wird, die den Weg zum Sohn und zum Geist eröffnet. Da nun das Christen­tum — zum Unterschied vom Judentum — kein Fest allein des Gottesnamens haben kann noch haben soll, so muß viel­mehr jedes Teilfest der Trinität, Weihnachten, Ostern, Pfing­sten, durch den Einen Namen — „Gott“ — in der Einheit des Ganzen dargestellt werden. Und das Wort muß zum Sakra­ment werden: der eigentliche, der echte, tiefste, selten ver­standene Sinn der Reformation, des evangelischen Christen­tums; nur im Wort kehrt der Gottesdienst zu Gott zurück.

10. Jede der drei trinitarischen Personen ist „Person“; in jeder ist Gottes Wesen, und Gottes „Wesen“ ist, Person zu sein.

11. Daher muß jede trinitarische Person in einer verschie­denen Personalität stehen: der Vater ist das schöpferische Ich, der schafft, zeugt und ausgehen läßt, das Ich des Wortes, das Ich der Schöpfung, der Erlösung, der Heiligung. „Ich, das ist mein Name,“ sagt Er. Indem Er redet, wird die Schöp­fung geschaffen; indem Er redet, wird die Offenbarung ge­geben; indem Er, der allein die Stunde weiß, das Stichwort des Endes spricht, nämlich richtet, wird die Erlösung voll­endet. Nicht so der Sohn. Jesus Christus ist überall in der [399] Du-Person: Du bist mein lieber Sohn. Christus sagt „Ich“ nur im prophetischen Sinne, etwa in der Bergpredigt — denn in jeder Person ist auch die andere Person mit enthalten, im Du das Ich, im Ich das Du — aber seine Grundfunktion ist die Duheit: was ihr dem geringsten eurer Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Die Funktion des Du ist die Funktion der Liebe des Nächsten. Jesus ist der Erste vieler Brüder. Jeder soll, wie Luther sagt, für den anderen ein Christus sein. Er ist unser Lebemeister. Der Heilige Geist aber ist existent nur im Leibe, im mystischen Körper, im Wir. Kein verein­zeltes wirloses Ich, kein vereinzeltes wirloses Du trägt in sich den Heiligen Geist. Nulla salus extra ecclesiam, extra Unam Sanctam. Nur als Glied des Wir ist der Einzelne begeistet. Das oben gekennzeichnete persönlichkeitshafte Denken der modernen Zeit will den Geist als Ich und im Ich, wenn auch in einem überindividuellen Ich, erfassen und ist daher ein antitrinitarisches, ein nichtchristliches Denken. Ich — Du — Wir! Die Einheit des Gottesnamens aber, die Einheit der Trinität ist im ER gegeben. ER, das ist Gott als Gott!

12. Gemessen am Zustand der heutzutage noch vorhandenen [,ehre, dieses Lehrrestes, muß man, am besten auf die drei katechetischen Glaubensartikel bezogen, drei Forderungen für die Einarbeitung in das dogmatische, d. h. trinitarische Den­ken aufstellen:

a) Die Konservierung des zweiten Glaubensarti­kels; in ihm, in der Lehre vom Kreuz, liegt unser „ortho­doxes“ Lehrelement: Vergebung durch das Blut des Lamms.

b) Die Restaurierung des ersten Glaubensartikels; in ihm, in der Lehre von der Schöpfung, liegt die Ver­ankerung der Lehre in der Wirklichkeit des geschöpflichen Lebens selbst; unser christliches Denken soll, zum Unter­schied von der mehr oder weniger unnatürlichen, philo­sophisch-abstrakten Denkart der früheren Dogmatik ein „natürliches“, ein stets unmittelbar „sprechendes“ Den­ken sein. Losgelöst vom Schöpfungsglauben wird das „Be­kenntnis“ zur „Theorie“. Nur das Geschöpf „betet an“.

c) Die Eschatologisierung des dritten Glaubens-[400]artikels; in ihm, auf dessen Grund ja „wir“ allein christlich denken und lehren, Dogmatik treiben und Lehre vermitteln können (s. oben), sollen wir in der Lehre vom kommenden Tag und seinem Inhalt selber Gliedstücke in diesem Kommen sein; unser Denken soll also nicht im alten Sinne dogmatistisch festlegend, sondern immer wieder wie am ersten Tage unseres Bekennens eben ein Bekennen, ein Stück christlichen Lebens, ein Teil der Nachfolge sein; hier haben wir die überorthodoxe „Bestimmung“ der Lehre, des Dogmas. Die Frucht der Lehre ist nicht mehr Lehre, sondern Leben.

13. Daher, und das ist unser abschließendes Wort, bedarf die Lehre selber der „Erfüllung“. Noch sehen wir durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, noch nicht von Ange­sicht zu Angesicht. Nur im zweiten Glaubensartikel, in Christo, besitzen wir das, was wir bewahren können; das ist der Grund, warum er konservierbar ist, warum beim Zerbrechen des christlichen Denkens, beim Verlust der Trinitätslehre, Christus in unserer Lehre blieb und er daher stets in der Mission der Heiden Anfang der christlichen Lehre ist. Die gesamte Lehre ist unfertig, bis auch sie am Ende der Zeiten erfüllt wird. Am meisten muß sich das gerade bei dem ihrer Teile zeigen, der für den Gang bis zum Ende hin im speziellen verantwort­lich ist, bei der Lehre vom Heiligen Geist, obwohl die ganze Lehre auf eben ihm ruht. Die Kirchenväter waren daher in diesem Abschnitt der Lehre am unsichersten und unklarsten, auch am kürzesten, und behandelten ihn vielfach nach der christologischen Idee als Schema. Ebenso, sind wir auch wei­ter (siehe die Bussen), so straucheln auch wir am leichtesten bei ihm. Wer begriffen hat, daß der Grund der Lehre, die Lehre vom Heiligen Geist, obwohl auf ihm die gesamte Lehre ruht, unsicher, unfertig und teils verhüllt ist und nur durch die jeweilige Existenz der Kirche bezeugt wird, der hat unse­ren Ausgangssatz vollständig erfaßt, der uns lehrt, daß die Kirche und nicht ein Lehrer je und je der Lehrer ist. Dies erste Stück der Lehre vom Heiligen Geist können wir seit der Stiftung der Kirche schon ganz erfassen. So ist die Kirche wirklich der Mittler der Lehre. [401]

Schließlich, der erste Glaubensartikel ist schon ohne unser Zutun fertig, die Schöpfung, die Natur, das Leben lehren ihn ständig. Deshalb versäumen die Menschen, ihn im Glau­ben mit ihrem Geiste zu ergründen und zu erfassen, und be­gnügen sich meistens mit kurzen Hinweisen, bis sie, durch die Zerstörung des Schöpfungsglaubens aufgerüttelt, endlich auf die furchtbare Lücke hingewiesen werden. An diesem Punkte bekommt die immer wenn auch nur auf heidnische Weise der Schöpfung zugewandte Philosophie und Wissen­schaft ihr Amt im Rahmen der christlichen Lehre.

14. Die altchristliche Christologie hatte nicht den Beruf, die ganze Glaubenslehre zu begründen. Die neuchristliche Christologie, nach Zertrümmerung der Trinität, ward über­lastet. Wir entlasten sie wieder. Und auch in ihr werden ge­wisse Neuerungen eingreifen und den Diophysitismus, zu dem wir uns mit dem alten Dogma der Kirche bekennen, eschato­logisieren. Die vollkommene und problemlose Person- und Willenseinheit zwischen Gott und Mensch in Jesus Christus ist die des Wiederkehrenden, während der, welcher lebte, litt und starb, sie nur annähernd erreichte, denn durch das eschato­logische Nichtwissen des Sohnes — die Stunde weiß nur der Vater — wurde mit Problemen (Gethsemane) und wenigstens scheinbaren Irrtümern (eschatologischen Anzeigen) eine we­nigstens teilweise, wenn auch noch so geringe Spannung zwi­schen Vater und Sohn hervorgerufen. Es ist eine bei der Geburt Christi noch nicht vorhandene, in seinem Leben entstehende, nach seinem Kreuzestode seit der Auferstehung wieder ver­schwindende Spannung. Wo nun in der Dogmatik an Stelle des Dreieinigen Gottes Christus allein genannt wurde, kam man folgerichtig in der Christologie zu einer überwiegenden oder gar ausschließlichen Lehre vom erhöhten Herrn, verlor da­mit die diophysitische Sicherheit und kam in die größere oder geringere Nähe des Monophysitismus (die monophysitischen Neigungen des späteren Protestantismus werden von Berdjajew mit leichter Übertreibung, aber doch grundsätzlich richtig beleuchtet). Ist aber Christus die Gottheit in der Du-Person, so enthält er für die Lehre gerade einen neuen Begriff vom [402], [402] Menschen, eine neue Anthropologie (nach Abstrich der leich­ten patripassianische.n Abirrungen Berdajews erkläre ich mich mit diesem grundsätzlich fast ganz in Übereinstimmung). Nie­mand hat das Christentum begriffen, der die in der Anbetung für immer gültige Scheidung von Mensch und Gott auf die Sphäre des Bekennens überträgt, nachdem sogar schon im Alten Bund durch den Messianismus nicht nur der Erlöser, sondern auch der ,,Mensch“ verheißen war. Die Zukunftsfrage der Christologie liegt in der gewaltigen Aufgabe, nach- dem die Gottheit Christi dogmatisch begründet ist, nunmehr seine Menschheit voll und ganz zu erschließen und damit den Diophysitismus an den Ort seiner Bestimmung zu führen.

15. Der Trinitätsgedanke hat immer als Sinnbild der Voll­kommenheit gedient. Schon das Heidentum hat ihn gesucht. Und in allen menschlichen Vollkommenheiten und Erfüllun­gen bietet er sich als Gleichnis dar. Wahrheit und Gleichnis decken sich in ihm. So ist er, der Gottesgedanke, auch der Weltgedanke und ebenso der Menschgedanke. So bezeichnet er das Erfüllungs- und Vollkommenheitsmaß aller Dinge. In dieser vollendeten Allseitigkeit enthüllt sich für uns die Allmenschlichkeit, die spezifische Christlichkeit des Trinitätsgedankens. Sein Maß ist das Maß des wachsenden Reiches. Seine Heimat ist das himmlische Jerusalem. Sein Wirkungsgebiet liegt im Diesseits, in das er die Strahlen des Jenseits schickt. Als der vom Heiligen Geist Empfangene geboren wurde, trat die Heilige Dreieinigkeit zuerst in Erscheinung. Weihnachten ist auch ihr Geburtstag. Ihre Präexistenz lag verhüllt im ewigen bei Gott seienden Worte, in der Präexistenz des Sohnes selber. Der Einbruch des Himmels in das Reich, das von dieser Welt ist, offenbart sie. Die Dreifaltigkeit ist das Geschenk der Erfüllung an die Offenbarung, der Erlösung an die Lehre. Daher ist ihr Gedanke dem Alten Bund not­wendig fremd, und es beruht auf einem überchristlichen Mißverständnis, trinitarische Weissagungen im Alten Testamente zu suchen. Erst wenn der Sohn auf Erden erschienen, tritt der Heilige Geist in das Stadium seiner Weissagung ein, wel­ches wir in den Evangelien vor Pfingsten finden; im Alten [403] Bunde fällt die Weissagung des Geistes mit der Weissagung des Sohnes zusammen, und das Judentum denkt daher in seinem Messianismus, auch in späteren Zeiten, binitarisch (siehe beim Baalschem) und nicht trinitarisch. Obwohl die ganze Lehre als Lehre schon dein Alten Bunde angehört und Jesus die Lehre nicht vermehrte, sondern erfüllte, so wird doch noch diese Erfüllung durch Christus zu einer Vermeh­rung mit der Trinitätslehre. So reichte die Offenbarungszeit bis zu Pfingsten und umfaßt den Anfang der Kirche; diese wird offenbart, als sie entstand und gestiftet wurde; sie ist selber ein Inhalt der Offenbarung und als solcher zwar nicht Träger weiterer Offenbarung im engeren Sinne, wohl aber Verwalter und Inhaber der Offenbarungswirklichkeit; diese ihre Berufung äußert sich in ihren Konzilbeschlüssen und in den dogmatischen Symbolen. Die Dogmengeschichte ist nicht mehr Offenbarungsgeschichte wie die biblische Ge­schichte, gleichwohl aber ist ihre Geschichte geleitet vom Hei­ligen Geist als dem Erben der Offenbarung. Die Konzilbeschlüsse sind Vorgänge der geistigen Heiligung, und aus diesen Vorgängen stammt das Dogma. Im Alten Bunde wird nur die Seele geheiligt; durch die Anbetung des Allmächtigen, des Herrn Zebaoth — der natürliche Mensch aber bleibt unverändert. Der Neue Bund, Christus, verwandelt unser na­türliches Menschtum, der alte Adam stirbt, und in der Wie­dergeburt ziehen wir einen neuen Menschen an: die neue Krea­tur! Dies aber ergreift unseren Geist, unser Denken und geistiges Schaffen, noch nicht mit; erst die dritte trinitarische Person, der Geist, die Kirche, heiligt auch den menschlichen Geist. Gott-Vater heiligt die Seele, Gott-Sohn, das fleisch­gewordene Wort, den Leib, Gott-Geist den menschlichen Geist. Das Dogma ist für den einzelnen geistig Armen durchaus überflüssig, wenn er wirklich ein geistig Armer ist. Das Dogma, für den Geist der Menschen gegeben, zu seiner Hei­ligung, ist das Kind des Heiligen Geistes, und nun dürfen wir noch einmal, vertiefter, begreifen, daß Paulus, der erste Dogmatiker, der Empfänger und Entdecker der Dreifaltig­keit, den Gedanken der Trinität in der Reihenfolge Geist, [404] Sohn, Vater entwickelte und so die Dreiheit lückenlos in IHM, der alles in allem wirkt, im Vater als dem Einen, umschlang.

16. Mit der Trinität ward das Christentum geistig benenn-bar, in ihr ward es zum Bekenntnis in der Welt, in ihrer Geistigkeit, gebracht. Daher ist hier Bekenntnis zugleich Er­kenntnis und Erkenntnis zugleich Bekenntnis. Das Dogma der Dreifaltigkeit kann nicht zuerst bekannt und dann erkannt werden, sondern sein Erkanntwerden ist ein unaufhörliches Bekanntwerden. Je mehr und immer wieder und immer tie­fer und immer umfassender ich die göttliche Dreifaltigkeit bekenne, um so bekannter wird sie mir, um so mehr er­kenne ich sie. Ich stehe zu ihr also nicht wie zu einem durch Denken und Forschen ergründbaren Erkenntnisgegenstand, sondern wie zu einer Person; denn sie ist ja Person: der drei­einige Gott. Hier wiederholt sich, daß nur der Name der Begriff ist, wir also nicht einen Begriff als solchen zu suchen haben. Solange die Dogmatik noch den „Begriff“ der Trini­tät sucht, solange wird sie ein Fremdling im Reich der Drei­einigkeit bleiben. Das dreieinige Gleichnis enthüllt sich dem erkenntnis- und wahrheitsdurstigen Menschen nur durch das Bekennen der dreieinigen Wirklichkeit. Wie ich einem Men­schen immer näher komme, je mehr ich mich zu ihm halte, ihm vertraue, ihn um Vertrauen bitte, ihn liebe, um seine Liebe werbe, so komme ich dem Dreieinigen Gotte nur durch eben das Gleiche, Vertrauen im Bekennen, Werben im Beten näher und werde mit ihm — „bekannt“. In das „Wesen“ eines Menschen dringe ich nur so ein; in das Wesen der Dreieinigkeit auch, denn sie ist Person. Es ist nunmehr etwas ganz anderes, wenn wir jetzt auch von einem Wesen der Dreieinigkeit oder von einem dreieinigen Wesen Gottes sprechen. Denn wir sprechen dann nicht mehr philosophisch, ergründen und erfragen keine Begriffe, sondern dringen mit der Liebe in Gottes Wesen ein. Wird Christus selber noch nicht mit Christus, sondern erst mit der Dreieinigkeit ganz zum Bekenntnis gebracht, so dürfen wir als Bekenner der Dreifaltigkeit zuletzt auch von einem „Wesen Gottes“ reden, weil wir dann ganz im Reich des Bekennens sind. Wird durch das Dogma unser Geist geheiligt, so kommen wir mit ihm, damit daß wir es bekennen, gerade geistig an Gott näher heran, unser Geist wird vertraut mit Gott, er erhält auch das Geschenk des heiligen Verkehrs. Was aus dem anbetenden Verhältnis noch nicht entspringen kann, und auch noch nicht aus dem Bekenntnis zu Christus als Sohn Gottes, das wird uns im heiligenden Wirken des GEISTES, der in der Kirche immer wieder über alles Fleisch ausgegossen wird, und so ist die Erleuchtung, das Schauen, das Letzte. Im Himmel, die En­gel und die Scharen der Erlösten, sie schauen. Schauen sie aber, so sind sie im Erkennen. Dieses Erkennen aber ist jenes hüllelose sich Erblicken von Person zu Person, das in dem Einen Schlag des Herzens zwei Herzen vereinigt: die vollendete Liebe. Die vollendete Erkenntnis ist nur als die vollendete Liebe. Nur ein verklärter Leib vermag in der vollendeten Liebe zu stehen, nicht weil unser irdisches Fleisch böse wäre, son­dern weil es die Hülle der Seele ist und als Schranke zwischen Liebe und Liebe tritt; auch wir Menschen werden uns erst in einer anderen Welt ganz von Angesicht zu Angesicht erblicken. Der Trinitätsgedanke und seine uns hier und jetzt schon ge­gebene Wahrheit, vermittelt durch die Wirksamkeit des GEISTES, ist die Weissagung auf diese letzte Erfüllung, die des Gei­stes, die Schau von Angesicht zu Angesicht. Der Trinitätsgedanke ist das dunkle Wort, in dem wir wie in einem Spie­gel das „Wesen“ schauen dürfen; er ist das EWIGE GLEICHNIS.

Indem der Trinitätslehrer es zuerst ablehnt, über Gottes Wesen oder Begriff zu denken, sich vielmehr im unbedingten Gehorsam dein göttlichen Wirken ergibt und wie ein rechter und genauer Beobachter und Empiriker dieses Wirken wie­dergibt, in den ökonomischen Stationen der Schöpfung, Of­fenbarung, Erlösung, sodann aber dazu übergeht, die allzeit­liche göttliche Zuständlichkeit, das Reich auf Erden, dar­zustellen und zu umfassen, in den drei personalen Hypostasen, der ichhaften (Vater), der duhaften (Sohn), der wirhaften (Geist), und in diesen zwei Gedanken, die in einem untrenn­baren Bunde in der Dreieinigkeit miteinander leben, in dem ökonomischen und dem pneumatologischen Gedanken, Gott [406] bekennt, wird sein Geist der Heiligung unterworfen und gerät unvermerkt immer tiefer in Gottes Wesen hinein. Wie er dies dann, überrascht, bemerkt, so entdeckt er sodann, daß jene von ihm zuerst mit Entschiedenheit abgelehnte Aufgabe, an der sich der altkirchliche Dogmatiker meistens ohne jede Vorbereitung versuchte, und die wir gewohnt sind, als die im­manente Trinitätslehre zu bezeichnen, ihm jetzt, als jeweilige Erfüllung seines trinitarischen Bekennens und bekenntniskräf­tigen Denkens, wieder näher kommt und schließlich einen Sinn gewinnt, der dem titanischen Streben der alten Trinitätslehrer gerecht wird und doch das Un- und Übermaß, das sie noch im philosophischen Wahn erstiegen, auf das erlaubte und gebotene Maß zurückschraubt. Der Trinitätslehrer als geisti­ger Träger des Kreuzes gewinnt seiner Lehre jenes stückhafte Erkennen über Gottes eigenes, inneres Wesen, das uns unter der Sonne des Ewigen Lichtes nicht ganz verwehrt wird. Man könnte diesen Schlußpunkt der Trinitätslehre als mystisch bezeichnen, aber nur, weil er eschatologisch-messianisch im höchsten menschlichen Maße ist. Haben wir einmal den letz­ten Einheitsklang zwischen Messianismus und Mystik, zwi­schen Eschatologie und theōria in uns wiederklingen lassen, dann haben wir den Schlußpunkt der „Lehre“ erreicht.

Von der Thora an, in der Gottes heilige Existenz offenbart wird — der unaussprechbar erhabene Grundakkord der gan­zen Offenbarung — bis zu der johanneischen Christologie, die bis in das Geheimnis Gottes, in sein inneres Wesen eindringt, geht Gottes Spur als Offenbarung, als Hingabe an Seine Kinder, durch die Zeit, in die Welt hinein. In Christo hat Gott auch das Allerletzte über sich geoffenbart, hier wird das „Wesen“, das die Philosophen und die neuplatonisierenden, immanenten Trinitätsdenker direkt zu erforschen sich erdreisteten, indi­rekt offenbar, als Pleroma der Offenbarung, die vor Christus schon abgeschlossen schien, da sie Voraussetzung für sein er­lösendes Kommen war, und knüpft so in gewaltiger Ver­schlingung in dem verbum visibile, in dem ewigen Du Gottes selber, kraft des Allmenschentums des Erlösers, Offenbarung und Erlösung unlösbar ineinander. Jeder Einzelne kann ver­loren gehen, bis zu allerletzt, aber Gott, der dem Abraham noch aus diesen Steinen Kinder erwecken konnte, kann, nach seinem eigenen Willen, nicht zum zweitenmal den Erlöser kommen lassen, es sei denn zum Gericht über Alle. Nur mit der Person Christi wird der Faden sichtbar, der in Gott vom In­neren, von der Seele, vom Wesen, zu den Taten, zum Wirken läuft, und es wird unter allen den unzählbaren, kleineren und größeren Taten Gottes, unter allen seinen göttlichen Selbst­zeugnissen ein einziges ganz wesenhaft mit IHM verknüpft, zwar gleich der Art nach den vorhergegangenen oder folgen­den Offenbarungen und Liebesbeweisen, nicht größer in der Liebe, nicht stärker im Offenbaren, ganz und gar nicht (sodaß nur ein ganz heidnisches Denken von einem jüdischen Gott als einem andersgearteten Gott reden kann), aber wesen­hafter in der Gott selber bindenden Verbindung. Gott gibt sein Geheimnis in der Menschwerdung preis, er schenkt es den Menschen, die es wieder und wieder mißbrauchen und doch nicht zerstören noch sich von ihm trennen können; denn seit Christus hat sich Gott nicht nur an die Menschen, sondern auch die Menschen an SICH gebunden. Die dritte Person: ER bekommt ihr Reflexiv: SICH! Wie nach der Sintflut Gott sich ein für allemal zur Welt bekennt, so hat er nach Golgatha sich ein für allemal zum Menschen bekannt. So ER aber das getan, so kann nicht mehr unendlich weit die Zeit sein, da die Schöpfung heimkommt zum Schöpfer und nicht mehr in jener unheimlichen Ungebundenheit ihrem Schöpfer gegen­übersteht, wie im Zeitalter des Alten Bundes, bis zum heu­tigen Tage Israels. Es ist — es war seit Golgatha immer Letzte Zeit, mit all ihren Schrecken und Größen, und all ihren Heiligungen und Verklärungen. „Und wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, daß ihr dar­auf achtet als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern auf gehe in Euren Herzen.“ (2. Petr. 1, 19.)

Aus dem Nachwort zu N. v. Bunoff/H. Ehrenberg (Hg.), Östliches Christentum. Dokumente, Bd. 2: Philosophie, München 1925, 394-407.


[1] Die dreimalige Wiederholung Gottes für die trinitarischen Personen im Symbolum Quiqunque ist in diesem Sinne zu verstehen.

Hier der Text als pdf.

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