Abschwörungen des Johannes Evangelista Goßner: „Mit unseren Vorbereitungen ist es, wie mit einem Bettler, der daherkömmt, die Füße bewegt, die Hände ausstreckt, den Hut abzieht, und bettelt; und ich schenke ihm einen Thaler. Nun geht er hin und sagt: Sehet, dieß habe ich mir verdient! wie will er so unverschämt sein, und sagen: ich habe mir das verdient, und nicht vielmehr, man hat mirs geschenkt! so ist es mit den Vorbereitungen, und was wir uns zuschreiben.“

Goßner.jpgGegen Johannes Evangelista Goßner wurde 1802,  als er Domkaplan in Augsburg war, ein Untersuchungsverfahren wegen seiner Lehre von der Rechtfertigung eingeleitet. Er musste einige Wochen in die Priester-Strafanstalt zu Göggingen verbringen und folgenden Sätzen abschwören:

Abschwörungen des Johannes Evangelista Goßner (1802)

I. Nur zuerst deine Sünden einsehen, und dann mit Glauben gerade nur hinzutreten zum Vergeber: alle andern vorangehenden Uebungen bringen die Vergebung nicht zuwege. Nur gläubiges Hinzutreten thut dieses.

II. Mit unseren Vorbereitungen ist es, wie mit einem Bettler, der daherkömmt, die Füße bewegt, die Hände ausstreckt, den Hut abzieht, und bettelt; und ich schenke ihm einen Thaler. Nun geht er hin und sagt: Sehet, dieß habe ich mir verdient! wie will er so unverschämt sein, und sagen: ich habe mir das verdient, und nicht vielmehr, man hat mirs geschenkt! so ist es mit den Vorbereitungen, und was wir uns zuschreiben.

III. Wir werden in unsern Werken nie gerecht, sondern unsere Gerechtigkeit haben wir allein von Jesu Christo.

IV. Deine Fehler müssen dir keinen Kummer machen. Vergiß, was hinter dir ist; es sei Gutes oder Böses. Sei es gern was und wie du bist, bis dich der Herr anders macht, und anders haben will.

V. Wenn die Werke des mosaischen Gesetzes nicht mehr gelten, [71] was werden unsere selber erwählten, selbstbeliebigen, menschlichen Werke gelten? Werden diese uns vor Gott gerecht machen?

VI. Es ist nicht die Rede, daß wir nichts Gutes thun müssen; wir müssen ja würdige Früchte bringen in Jesu Christo durch seinen Geist.

VII. Es kann keiner sagen, er habe vor Gott etwas verdient.

VIII. Christus theilt sich erfahrbar dem mit, der glaubt. Selig, der sich an Jesus in uns nicht ärgert. Christus zeiget sich oft, erscheint oft lebendig in uns, und spricht in uns.

IX. Ich darf nicht mehr aus eigener Wahl mich bewegen, sondern muß blindlings alles auf den Geist in mir ankommen lassen.

X. Gerad alles Eigenwirken und Leben, und die ganze Natur soll todt und erstorben sein.

XI. Der Mensch muß seinen eigenen Treiber, den eigenen Willen, auch in besten Dingen verwerfen.

XII. Der Geist muß allein, und ganz und rein dasein, und wirken; sonst es ist Befleckung.

XIII. Jn dem recht Erstorbenen wirkt der Geist allein, und da ist Freiheit; wo Natur darin wirkt, und Verstand und Willen dazukömmt, da ist Befleckung.

XIV. Stelle alles dem Treiber und Beweger, dem Geist und Herrn heim, der als der nämliche in allen wohnt, und alle belebt.

XV. Wenn man sagt, alle Vernunft ist vom Teufel, so hat man nicht weit gefehlt; denn alle Menschenvernunft ist vom Teufel [72] — von der Schlange verkehrt, verführt, und durch und durch verdorben worden.

XVI. Das Leben der Vernunft ist der Tod. Denn fleischlich gesinnt (oder natürlich vernünftig klug sein) ist der Tod.

XVII. Gott hält die Seinen in so genauer Verleugnung ihres Willens und Regens, und in wahrer Gelassenheit, daß sie nichts von sich selbst reden, gehen oder vornehmen dürfen, ohne von ihm selbst im Herzen Erlaubniß und Gewißheit zu haben.

XVIII. Ein solcher Mensch (ein Neu- oder Wiedergeborener) ist von Christo also überwunden, und in Gottes Liebe gebunden, wie ein eingewickelt Kind, das sich nicht von sich selber regen kann.

XIX. Welche Christi sind, die haben ihr Fleisch gekreuziget. Nun kann aber ein Gekreuzigter sich nicht mehr nach Gefallen regen.

XX. Ein neugeborenes Kind Gottes hat zwar auch noch die Erbsünde an sich, und das Fleisch, welches wider den Geist gelüstet. Aber es darf diesen Sinn und Willen des Fleisches nicht ins Werk setzen; weil Christi Kraft, als das innerliche Leben in ihm mächtig und siegend geworden.

XXI. Werde nicht muthlos, wenn du gar nichts kannst und weißt und bist, als kalt, lau, trag, sinster :c. dann ja gehts oft am Besten, wenn uns Gott von seiner Arbeit in uns nichts schmecken läßt.

XXII. Du bist mit mir (der Hand Gottes) zufrieden, wenn sie dich auch fehltreten läßt, und nicht zurückhält. Stehen wir, so stehen wir dem Herrn; fallen wir, so fallen wir dem Herrn. Er weiß, was er thut. [73]

XXIII. Sobald man feine Natur erregt und aufgeweckt fühlt, und sie sieht und denkt, und nicht mehr bilderlos in Gott sehen kann; so zieht euch schnell zurück, und trachtet nach der Ruhe in Gott: bleibt bei Gott allein, denn in Gottes Ruhe ist lautere Reinigkeit, und da muß die Natur sterben.

XXIV. Act. Cap. 2. V. 38. heißt es: Thuet Buße und bekehret euch, und glaubet an Jesum Christum zur Vergebung euerer Sünden.

XXV. Textus Vulgatae 2. Tim. 2, 3. Labora sicut bonus miles Jesu Christi, kann übersetzt werden: leide dich als ein guter Streiter Jesu Christi.

XXVI. Wir haben keinen schlechtem Richter, als Jesum; alles andere Richten und Beurtheilen muß und darf uns nicht mehr plagen, wir kehren uns nimmer daran.

Zitiert nach Valentin Thalhofer, Beiträge zur Geschichte des Aftermysticismus und insbesondere des Irvingianismus im Bisthum Augsburg. Zugleich eine Antwort an Herrn J. E Georg Lutz, Pfarrer in Oberroth, Verlag von Georg Joseph Manz, Regensburg 1857, Seiten 70-73.

Hier die Abschwörungen als pdf.

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