Emmanuel Lévinas über das Antlitz (Ethique et infini, 1981): „Das ‚Du sollst nicht töten‘ ist das erste Wort des Antlitzes. Das aber ist ein Gebot. In der Erscheinung des Antlitzes liegt ein Befehl, als würde ein Herr mit mir sprechen. Dennoch ist das Antlitz des Anderen zur gleichen Zeit entblößt; hier ist der Elende, für den ich alles tun kann und dem ich alles verdanke. Und ich, wer immer ich auch bin, aber ich als jemand ‚in der ersten Person‘, ich bin derjenige, der über die Mittel verfügt, um auf diesen Ruf zu antworten.“

Über das Antlitz (Ethique et infini, 1981) Emmanuel Lévinas im Gespräch mit Philippe Nemo In Totalité et Infini sprechen Sie … Mehr

Emmanuel Lévinas, Der Name Gottes nach einigen talmudischen Texten (Le Nom de Dieu d’après quelques textes talmudiques, 1969): „Das Tetragramm – der ‚ausdrückliche‘ Name (Schem Hameforasch) – besitzt ein besonderes Vorrecht. Es besteht in der merkwürdigen Bedingung, dass er niemals ausgesprochen werden darf (außer wenn der Hohepriester am Versöhnungstag, dem sogenannten ‚Jom Kippur‘, ins Allerheiligste tritt – was im nachexilischen Judentum bedeutet: nie). Der Name Adonai – der wiederum nicht vergeblich ausgesprochen werden darf – ist der Name des Tetragramms. Der Name hat einen Namen! Der Name zeigt sich und verbirgt sich zugleich. Es ist notwendig, dass das Eintreten in den Bedeutungszusammenhang immer zugleich auch ein Rückzug (eine Anachorese) oder eine Heiligkeit ist; notwendig, dass die Stimme, die im Sprechen ertönt, auch die Stimme ist, die sich zurücknimmt oder schweigt. Der Eigenname kann diese Modalität haben. Er ist ein Name, der dem, was er bezeichnet, ‚anhaftet‘, ganz anders als der Gattungsname, der durch das Sprachsystem erhellt eine Art oder Klasse bezeichnet, aber nicht ‚haftet‘, sondern den Einzelnen in die Gleichgültigkeit des Allgemeinen einschließt, sozusagen. Der Eigenname, nahe dem Benannten, steht in keiner logischen Beziehung zu ihm und ist daher – trotz dieser Nähe – eine leere Hülle, eine permanente Zurücknahme dessen, worauf er verweist, eine Entleibung dessen, was sich durch ihn verkörpert. Durch das Verbot, ausgesprochen zu werden, bleibt er in diesem Dazwischen: ein Tetragramm, das nie so ausgesprochen wird, wie es geschrieben ist.“

Der Name Gottes nach einigen talmudischen Texten (Le Nom de Dieu d’après quelques textes talmudiques, 1969) Von Emmanuel Lévinas 1. … Mehr

Emmanuel Lévinas, Ohne Namen (Sans Nom, 1966): „Wir sagen nicht, dass die jüdische Bedingung ein Schutz gegen dieses Risiko sei. Ein Volk wie jedes andere, das ebenfalls wünscht, die Stimmen seines Gewissens in einer unvergänglichen Zivilisation wiederzufinden; ein älteres Volk, skeptischer, forschender als andere, das sich fragt – früher als andere –, ob diese Stimmen nicht schon das Echo einer Geschichte sind, die über sie hinausweist. Ein Volk, das wie alle anderen nach Glück strebt, verliebt in die Süße des Lebens. Doch durch eine seltsame Erwählung ist es ein Volk, das so geformt und so inmitten der Nationen gestellt ist – ist das Metaphysik oder Soziologie? – dass es sich von einem Tag auf den anderen, ohne Vorwarnung, in der Trostlosigkeit seines Exils, seiner Wüste, seines Ghettos oder seines Lagers wiederfindet, all die Herrlichkeit des Lebens fortgefegt wie Lumpen, der Tempel in Flammen, die Propheten ohne Vision, reduziert auf eine innere Moral, die von der Welt geleugnet wird. Ein Volk, das – selbst in Friedenszeiten – dem antisemitischen Wort ausgesetzt ist, weil es in diesem Wort etwas hört, das für gewöhnliche Ohren unhörbar ist. Und schon weht ein eisiger Wind durch die noch anständigen oder luxuriösen Räume, reißt Wandteppiche und Bilder fort, löscht Lichter aus, reißt Risse in die Wände, zerfetzt Kleider und bringt das Geheul und Gebrüll unerbittlicher Massen. Das antisemitische Wort – ist es ein Schimpfwort wie jedes andere?“

Ohne Namen (Sans Nom) Von Emmanuel Lévinas Seit dem Ende des Krieges ist das Blut nicht aufgehört zu fließen. Rassismus, … Mehr

Emmanuel Lévinas im Gespräch mit Bertrand Révillon, Vom Nutzen der Schlaflosigkeit (1987): „Wenn ich vom Anderen spreche, verwende ich den Ausdruck »Gesicht«. Das »Gesicht« ist das, was hinter der Fassa­de und hinter der Haltung, die jeder zu bewahren sucht, liegt: Es ist die Sterblichkeit des Nächsten. Um das »Gesicht« des Anderen zu sehen und zu erkennen, muss man schon hinter seine Maske schau­en. In der Nacktheit des »Gesichts« zeigt sich die Ohnmacht eines einzigartigen Seienden, das dem Tod ausgesetzt ist; gleichzeitig aber kommt in ihm ein Imperativ zum Ausdruck, der mich dazu verpflich­tet, es nicht allein zu lassen. Diese Verpflichtung ist Gottes erstes Wort. Für mich beginnt die Theologie im Gesicht meines Mitmen­schen. Die Göttlichkeit Gottes ereignet sich im Bereich des Mensch­lichen.“

Vom Nutzen der Schlaflosigkeit. Emmanuel Lévinas im Gespräch mit Bertrand Révillon Emmanuel Levinas, stellen wir uns vor, ein junger Mensch, … Mehr