Von Erica Küppers
Magdeburg, Sandtorstr. 6, d. 21. XII. 34
Lieber Karl!
Schon lange, lange wollte ich Dir schreiben und fand doch keine ruhige Minute. Ich danke Dir zuerst von Herzen für das Weihnachtsbuch, mit dem ich inzwischen schon viele Menschen erfreut habe, und dann für den Durchschlag Deines Briefes an den Rektor! Wie bin ich froh, dass Deine Weigerung diese Erklärungen der maßgebenden kirchlichen Stellen zur Folge hatte. Wir alle, die wir den Vorbehalt in den Eid hineingelegt hatten, mussten doch immer etwas beunruhigt sein, ob man das so stillschweigend dürfe. Aber ohne Dein Verhalten wäre es gar nicht zu dieser öffentlichen Klärung gekommen. Wie viele werden Dir dafür dankbar sein! Und vor allen Dingen bin ich froh, dass man Dir doch nun nichts anhaben kann. Durch Gerty und Emmi hörte ich, dass gestern (an meinem Geburtstag!) die Hauptverhandlung sein sollte. Hoffentlich höre ich bald, wie es ausgegangen ist! Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, wie sie Deine Entlassung jetzt motivieren wollten, zittert man doch noch, ehe man den Ausgang ganz sicher weiß. Wir können Dich hier nicht entbehren, Karl! Dein Brief an den Rektor müsste recht verbreitet werden. Könnte ihn nicht z. B. auch Karl Aé in sein Neues Sächsisches Kirchenblatt bringen? (Dresden A 27, Krausestr. 3). Ich komme darauf, weil ich neulich mit ihm korrespondiert habe und weiß, wie sehr er Anteil an Deinem Ergehen nimmt.
Über mir scheinen sich augenblicklich einige Wölkchen zusammenzuziehen. (Dass ich sehr fürsichtiglich wandle, kann ich allerdings auch nicht behaupten.) Neulich berief unser Direktor die Religionslehrkräfte, um mit uns über den Religionsunterricht zu reden. Anlass sei, dass er in der U I, wo ich Religion gebe, Geschichte habe und immer mehr merke, dass wir in ganz entgegengesetztem Sinne wirkten. Das ginge nicht. Er sei für den Unterricht an seiner Schule verantwortlich. Er sei zwar hundertprozentig Christ (!!); aber er lehne ebenso hundertprozentig jeden Dogmatismus ab. Theologische Spitzfindigkeiten und Dogmen (diese Erfindungen machtgieriger Priester!) gehören nicht in die Schule. Wir hätten ein heldisches Christentum zu lehren und im Übrigen die Schüler darauf hinzuweisen, dass die Bibel viele Fälschungen enthielte, wozu z. B. das viele Reden von der Sünde gehöre. (Christus selbst hat das Wort Sünde kaum in den Mund genommen.) Damit nun eine einheitliche Basis für den Unterricht gewonnen werde, sollen wir alle in den Ferien „Mensch und Gott“ von Chamberlain lesen; darüber wollen wir uns dann aussprechen, und er ist sicher, dass wir uns darauf einigen können. Es ist ein ungeheuer vornehmes Buch, das einem das Neue Testament ganz neu erschließt. Außerdem werden wir auf diesem Boden dem Gebot der Zeit am ehesten gerecht. Denn wir sollen doch Weltanschauung im nationalsozialistischen Sinn lehren. Mit meiner „dogmatischen“ Auffassung brächte ich die Schülerinnen nur in Schwierigkeiten, denn das würden sie später ja doch alles über Bord werfen.
Ich sagte ganz ruhig, ich wolle das Buch lesen; es schiene mir nach seinen Worten die typisch liberale Auffassung zu vertreten, in der ich erzogen worden sei. Mir und vielen andern habe grade das eines Tages nicht mehr genügt, so dass wir uns genötigt gesehen hätten, grade diese Dinge „über Bord zu werfen“. Im Übrigen sei aber die entscheidende Frage, ob für den Religionsunterricht der Schule das Bekenntnis der Kirche noch in Geltung stehe oder nicht. Darauf er erregt: „Ja, wenn Sie die Frage so stellen, dann mag die Behörde entscheiden. Aber was heißt denn: Bekenntnis der Kirche?! Die Zustände in der Kirche sind doch gradezu furchtbar, die Notbundpfarrer, diese reaktionären Gesellen … Das sage ich Ihnen jedenfalls: ich bin aufs schärfste gegen jeden Art von Orthodoxie; das dulde ich nicht an meiner Schule, da gibt es nur ein Entweder-Oder.“
Unser Oberstudienrat deutete mir dann unter vier Augen an, dass der Direktor offenbar sehr gereizt gegen mich sei; „Ich rate Ihnen gut; seien Sie vorsichtig, geben Sie nach. Er hat ja doch den längeren Atem als Sie.“ Ich sagte, es sei doch eine Unmöglichkeit, dass ein Direktor seine individuelle Überzeugung den andern Lehrkräften und der Schule aufzuzwingen versuche; darin könne ihm doch niemals eine Behörde recht geben. Darauf er: „Nach meiner Kenntnis der beteiligten Personen kann ich Ihnen nur sagen; Sie werden den kürzeren ziehen. Und das täte mir leid um Sie.“
Jedenfalls habe ich noch einige Wochen Schonzeit, bis wir alle das Buch gelesen haben. Dazu muss ich nun die schönen Weihnachtsferien benutzen! Und noch mehr zu bedauern ist die arme U I, mit der der Direktor es auch in den Ferien lesen will!!
Ich habe ihnen heute, in der letzten Stunde vor den Ferien, aus Deinem Weihnachtsbuch die Abschnitte „Fürchtet euch nicht!“ und „Offenbarung“ vorgelesen. Beider habe ich bei den Kollegen gar keine Unterstützung. Zum Trost komme ich manchmal mit Frl. Bourbeck und noch einigen Gesinnungsgenossen zusammen. Neulich trafen wir uns in Halle, und ich musste von Bremen erzählen. Ich soll Dich sehr von ihr grüßen! Sie hatte kürzlich irgendwo in einem Frauenverein einen Vortrag gehalten. Nachher dankte ihr die Vorsitzende, indem sie besonders lobend anerkannte, dass Frl. B. sich „so ganz hinter den Führer stellte, den Gott uns in unsrer Zeit geschenkt hat“ (Frauke kochte schon!!) – „hinter K. Barth“!! Damit hatte die Betr. ihr Herz gewonnen!
So, nun muss ich schnell zu Bett. Morgen ist der letzte Schultag. Sonntag oder Montag fahre ich nach Göttingen. Solltest Du in den Ferien Deine Mutter besuchen und auf der Reise Gerty und Ruedi sehen, grüße sie bitte sehr von mir.
An Lollo natürlich viele Grüße! Ich schreibe ihr bald. Sie soll mir auch weiterhin Nachricht zukommen lassen!! Ach, wenn man doch erst sicher wüsste, dass Du bleibst.

Quelle: KBA, Nr. 9334.1315