Predigt zu Apostelgeschichte 10,42–43 (1935)
Von Pfarrer Gerhard Jacobi, Berlin, Präses der Bekenntnissynode Berlin-Brandenburg
„Jesus Christus hat uns geboten, zu predigen dem Volk und zu zeugen, dass er ist verordnet von Gott zum Richter der Lebendigen und der Toten. Von diesem zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.“ Apg. 10,42–43.
Unsere Synode möge eine Synode des Zeugnisses werden. Nur dann hat unser Zusammensein Sinn. In unserm Text ist gesagt, was der Zeuge zu tun hat:
Dem Zeugen ist geboten, zu predigen dem Volk.
Um es von vornherein zu sagen: nicht nur der Pfarrer, jeder Christ hat das zu tun, was predigen heißt — nämlich den Mund aufzutun und hinzuweisen auf Gott. Dazu liegt ein Befehl vor. Das Auftun des Mundes auf und unter der Kanzel, das Sprechen der Synode kommt nicht aus unserm Belieben, sondern aus dem Auftrag Jesu Christi. Prediger und Gemeinde müssen es sich beim Gottesdienst sagen, auch die Synode, die ganze Bekennende Kirche muß es sich immer wieder sagen: die Predigt geschieht auf Befehl, auf Befehl des Herrn der Kirche! Wie eine Truppe sich niemals recht in Bewegung setzt ohne Befehl, so kann niemals recht gepredigt werden, ohne dass der Befehl gehört ist. Hier steht er: Jesus Christus hat geboten, zu predigen dem Volk. Synode, höre ihn!
Ob wir nicht als Bekennende Kirche schon zu lange geschwiegen haben, wo wir hätten reden sollen? Um uns eine Flut von Worten, Reden, Schriften, die gegen Gott gerichtet sind, Gott beleidigen, Gottes Ehre antasten. Durch Schweigen der Kirche werden Tausende und Millionen Menschen in den Abfall von Gott geführt. Je mehr wir schweigen, desto größer der Abfall und desto mehr Schuld bei uns. Eine Kirche, die nur innerhalb ihrer vier Wände Christus verherrlicht, ist nicht Zeugin. Ein solches Christentum innerhalb der kirchlichen Wände ist dummgewordenes Salz, wert, ausgeschüttet und zertreten zu werden, ist ein Licht, das unter den Scheffel gestellt ist und Niemanden anleuchtet. Für Schweigen werden wir zur Rechenschaft gezogen werden. Jesus Christus gebietet uns, zu predigen dem Volk.
Dem Volk! Also jeder Einzelne und das Ganze muß auf Gott hingewiesen werden. Dem Volk ist zu predigen, an das Volk richtet sich die Predigt. Das heißt: Nicht das hat die Kirche zu sagen, was der Einzelne oder das Volk hören möchte, nicht das, was ihnen gefällt, nicht einmal das, was das Volk für richtig und gut hält. Sondern ausschließlich das ist zu predigen, was Jesus Christus gepredigt haben will, was ihm, dem Befehlshaber, gefällt. Ausschließlich und einseitig hat die Kirche das zu sagen, was der Herr der Kirche für richtig und gut hält. Darum geht es ja heute in der Kirche! Die Botschaft der Kirche darf nicht vom Volk her sein, nicht aus dem Willen oder dem Gefühl des Volkes sein, sie geschieht aber im Volk und an das Volk. Die Botschaft der Kirche darf nicht von der Welt sein, geschieht aber in der Welt und an die Welt. Dem Volk ist zu predigen, was Christus befohlen hat.
Aber zu predigen ist als Zeuge!
Man könnte ja auch theoretisch, kühl und zugleich sehr klug über Gott reden, könnte verstandesmäßig und sehr korrekt hersagen, was in Büchern, etwa in Dogmatiken steht, könnte eine unanfechtbare Theologie vortragen, wie man unanfechtbare mathematische Sätze vorträgt.
Das Wort „Zeuge“ gebietet anderes! Ein Zeuge kann nur aussprechen, was er erfahren, gesehen hat, was er selber gehört hat. Bin ich als Zeuge vor Gericht geladen, so habe ich nicht juristische Darlegungen zu machen, sondern nur das zu sagen, was ich selber erlebt habe. Das Wort „Zeuge“ hängt mit dem Wort „zeigen“ zusammen. Ein Zeuge ist ein Mensch, dem etwas gezeigt ist, der dabei war, als es geschah, der in die Sache hineingezogen ist. Es muß mir also etwas von Gott gezeigt sein, ich muß etwas von ihm gehört haben, ich muß in seinen Bereich hineingezogen sein — dann erst kann ich Zeuge sein. Ich muß von Gott ergriffen sein, ich muß von ihm angerufen und aufgerufen sein — erst dann werde ich Zeuge. Aber dann werde ich es auch. Denn es kommt nun ein Müssen über den Aufgerufenen. Er kann nicht für sich behalten, was ihm gezeigt ist. Er kann nicht verschweigen, was ihm gesagt ist. Er muß reden, predigen als Zeuge. Er weiß sich gesandt zu den Menschen, er muß sie an Gott erinnern. Sie soll es auch ergreifen, was ihn ergriffen hat. Der Zeuge ist also ein Mensch in Bewegung, er ist angestoßen, getrieben. Brüder und Schwestern, Zeugen sollen wir sein! Jesus Christus hat uns geboten, als Zeugen zu predigen.
Der Zeuge hält sich ausschließlich an den Befehl seines Herrn. Er fragt nicht: was wird aus dem Zeugnis, was kommt hernach? Er fragt nicht: tun auch genug andre dasselbe wie ich? Er fragt auch nicht: komme ich damit durch, werde ich Erfolg haben? Dieses unselige Blicken auf Erfolg, das uns heute überall begegnet. Der Zeuge hält sich an den Befehlshaber und seinen Auftrag. Das ist Alles. Er überläßt es Ihm, was daraus wird. —
In der Welt allerdings erlebt er sonderbare Sachen. Er erlebt es, daß er wegen seines Zeugnisses verwundert angesehen, ja ausgelacht, als Tor betrachtet wird. Er erlebt es auch, daß sein Zeugnis Anstoß, Ärgernis, Streit verursacht. In Kämpfe wird er hineingestürzt, muß vielleicht sogar dem Tod ins Angesicht sehen. Sein Leben wird schwer und hart. So ergeht es dem Einzelnen, so der Kirche als Ganzem. Der Zeuge ist der Welt ein befremdlicher Mensch. Das muß so sein! Denn es ist ja ein fremder Herr, der Befehle gibt, Befehle, die der Welt nicht passen, wenn die Welt der Botschaft der Kirche jubelnd zustimmt, die Boten preist und verherrlicht, dann ist sicherlich die Botschaft schon weltlich geworden und in Verfall geraten. Der echte Zeuge ist der Welt ein Fremder — wie es Jesus Christus war, den die Welt ausstieß, wie es seine Jünger waren, die die Welt nicht ertrug und hinrichtete, wie es Luther war, der in Reichsacht und Kirchenbann kam. Nicht daß der Zeuge besser wäre als andre Menschen —darum geht es gar nicht. Sondern allein darum geht es: durch sein Leben und sein Tun legt er Zeugnis ab, dass er einen übermächtigen Herrn hat, dass er nicht seinen inneren Wünschen gehorcht, sondern Befehlen, die von außen kommen, dass er nicht seine Sache vertritt, sondern die Sache dessen, der ihn rief und ergriff. Natürlich wirkt er wunderlich: er hört von weiter her und sieht in größeren Entfernungen. Der Zeuge ist der Welt ein Fremder. Doch das ist ihm im Grunde gleichgültig. Er richtet sich nach dem Befehl. Der Befehl allein gilt.
Und nun die Hauptsache: wovon soll er zeugen? was ist ihm gezeigt, wovon ist er ergriffen, was hat er gehört? Freunde, unser Text sagt es klar: Jesus Christus ist verordnet von Gott, von Gott selber gesandt, eingesetzt, beauftragt. Zeuge ist der, dem Jesus Christus gezeigt ist, der von Jesus Christus ergriffen ist. Nur der kann als Zeuge predigen, als Zeuge auf Christus Hinweisen, der in Jesu Stimme Gottes Stimme hört. Nur der kann Zeuge sein, der Gott hat sprechen hören: das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Zeuge ist der, den es gepackt hat: Jesus Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes,‘ den es entzündet hat: dort, bei Jesus Christus ist Gottes Heil, Gottes Wahrheit, Gottes Gerechtigkeit zu finden. Dort ist Gott selber, dort allein.
Dieser Jesus Christus ist von Gott verordnet zum Richter der Lebendigen und der Toten. Das, gerade das hat die Kirche als Zeugin, hat jeder von uns als Zeuge zu sagen. Das ist unser Auftrag. Denn die Menschen wissen es nicht mehr, daß ihr Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist, daß am Ende ihres Lebens keineswegs ein Nichts steht, sondern der Richter. Sie wollen es nicht mehr wissen, daß sie von Christus gefragt, zur Verantwortung gezogen werden, daß sie ihm Antwort geben müssen. Darum leben sie so sinnlos und ziellos, verfallen dem Geld, der Gier, dem Machtwahn, der Leidenschaft, dem unstillbaren Lebenshunger und der unheimlichen Lebensangst, der Selbstherrlichkeit und der Hybris. Sie sagen, sie trügen den Richter in der eignen Brust, wenn wir des Abends überschauen, was wir an einem Tage alles hörten oder lasen an Unheil, Lüge, Ehebruch, Hochmut, dann können wir am Schluß des Tages nur sagen: „die Menschen leben ohne Gott“. Darum müssen wir es ihnen sagen: ihr werdet einmal gefragt nach eurem Leben, gefragt, warum ihr ohne Gott lebtet. Die Menschen um uns her haben es bitter nötig, daß ihnen die Kirche sagt: über euch, vor euch steht der Richter. Wer soll sie denn warnen, wenn nicht wir? wer soll sie auf den Richter Hinweisen, wenn nicht wir es tun?
Wir müssen es aber als Zeugen sagen, d.h. als Menschen, die selber von diesem Gericht ergriffen sind, wir müssen es uns zuerst von dem Richter sagen lassen, daß wir ohne Gott leben, müssen es uns zeigen lassen, wer wir sind, müssen uns enthüllen lassen in unserm eigentlichen Wesen, müssen es von ihm hören, daß wir schuldig sind, daß die Kirche schuldig ist an dem Heidentum der Welt. Nur dann ist unser Hinweis auf den Richter ein Zeugnis, wenn wir der Einsicht leben: vor diesem Richter kann ich nicht bestehen, ich nicht und kein Mensch und kein Menschenwesen. Dann spürt der andre: wir stellen uns nicht über ihn, sondern neben ihn, wir sind mit ihm in der gleichen Schuld. Der Hinweis der Bekennenden Kirche ist kein Zeugnis, wenn wir uns zum Richter aufspielen. Einer ist Richter: Christus. Nur dann sind wir Zeugen, wenn wir in der Haltung zu den andern Menschen kommen: sein Gericht hat uns ergriffen, gepackt, nun soll es auch euch ergreifen.
Dort aber, wo Menschen unter der Last der Sünde einhergehen, wo ihr Stolz und ihre Selbstherrlichkeit einen Stoß bekommen hat, wo sie es von ferne einsehen: es ist nichts mit unserm Leben, wir sind zu Ende mit unserm Wissen und unserer Macht, wo sie es zugeben: unsere Ichsucht zerstört unser Leben und jegliche Gemeinschaft — da hat der Zeuge die befreiende und frohmachende Botschaft zu bringen: Vergebung der Sünde. Im Bilde: die Menschen tragen auf ihrem Rücken eine schwere Last von Steinen, hochaufgeschichtet. Da tritt der Zeuge zu ihnen und spricht: wirf sie ab, deine Steine! Du darfst sie abwerfen — dann wenn du Christus als deinen Herrn annimmst, ihm gehorchen willst. Diese beglückende Botschaft soll der Zeuge bringen — der Einzelne und die Kirche. Aber wiederum: er ist nur dann Zeuge, wenn er es selber und immer wieder erfährt: ohne Christus kommt mein Leben nicht zur Ruhe, nicht in Ordnung. Christus allein heilt es. Nur der ist Zeuge, der seine Last vor dem Kreuz, vor dem Gott der Barmherzigkeit abgeworfen hat, der von der Vergebung ergriffen ist. Ist das geschehen, dann muß er auch den andern Lastträgern zurufen: Dir dich wartet Christus, er will dir deine Last abnehmen. — Solche Zeugen braucht Christus. Eine solche Zeugin möge unsere Synode werden!
Meine Brüder und Schwestern! Zeugen sollen wir sein von dem Richter der Lebendigen und der Toten und von der Vergebung der Sünde, Zeugen, die weitergeben, was ihnen geschehen ist. Die ersten Zeugen waren eine kleine Schar, und doch setzte sie die Welt in Bewegung, weil sie selber in Bewegung waren, wie ein Funke einen ganzen Wald in Brand setzen kann, so ein paar Zeugen die ganze Welt. Der Befehl Jesu Christi liegt vor uns. Es ist uns geboten, zu predigen dem Volk! Wach auf, du Geist der ersten Zeugen! Amen.
Gehalten auf der Zweite, Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union in Dahlem am 4. und 5. März 1935 in Dahlem.