Georg F. Vicedom, Das Geheimnis des Leidens der Kirche (1963): „Gott geht dabei geradezu einen paradoxen Weg. Er macht am Leiden der Gemeinde für die Menschen sichtbar, dass er der Herr ist, dem alle Menschen gehören. Während alle Herrscher der Welt ihre Macht in der harten Gestalt der Gewalt ausüben, während alle Menschen auf ihre Autorität pochen, die ihnen gegeben ist, kommt Gott gerade dadurch zum Ziel, dass er nicht Macht und Gewalt ausübt, sondern sich laufend bekämpfen und von Seiten der Menschen in die ‚Niederlage‘ führen lässt. Er wirkt in der Ohnmacht, im Widerspiel der Macht.“

Das Geheimnis des Leidens der Kirche (1963)

Von Georg F. Vicedom

INHALT

I.      Die Kirche des Leidens                                                         6

II.     Im Leiden erfüllt sich die Sendung Jesu                               12

III.   Im Leiden vollzieht sich die Nachfolge Jesu                        14

IV.   Im Leiden wird das Evangelium weitergegeben                   19

V.     Die Gemeinschaft der Leiden macht die Kirche sichtbar     26

VI.   Durch das Leiden wird Gott verherrlicht                              29

VII.  Erkenntnisse der Jungen Kirche unter dem Leiden              31

Wir leben in einer Welt der Widersprüche. Auf der einen Seite kämpfen wir für soziale Gerechtigkeit, für den Frieden der Völker. Es wurden im 20. Jahrhundert von Seiten der angelsächsischen Welt Kriege geführt, um die christliche Zivilisation zu erhalten. Freiheit und Menschenwürde sind zum Programm der Vereinten Nationen erhoben. Kein Staat kann Mitglied werden, wenn er nicht die Charta der Menschenrechte, der Religions- und Gewissensfreiheit unter­schreibt. Die Religionen verkünden ein ähnliches Programm. Der Islam will die Theokratie Allahs aufrichten und alle Menschen dem gerechten Gesetz seines Gottes unterstellen. Der Hinduismus ver­breitet die Lehre der Gewaltlosigkeit. Der Buddhismus möchte das Leiden aus der Welt schaffen und die Menschen zu einem selbst­losen Leben führen. Die christlichen Kirchen predigen und prak­tizieren die Liebe Christi und empfehlen sie den Völkern. Der Kom­munismus propagiert die klassenlose Gesellschaft, sein letztes Ziel ist das paradiesische Reich des Menschen. Die Menschheit ist sich heute darin einig, daß ihre Ideale auf dem Weg des Fortschritts und der Technik verwirklicht werden können.

Daneben aber steht die Tatsache, daß das 20. Jahrhundert, auf dessen soziale und technische Fortschritte wir so ungeheuer stolz sind, zum größten Verfolgungsjahrhundert der christlichen Kirche geworden ist. Wir halten gewöhnlich das „dunkle Mittelalter“ für die schwärzeste Periode des Abendlandes. Geschichtliche Tatsache ist jedoch, daß in keiner Zeit der Kirchengeschichte soviele Menschen um ihres Glaubens willen leiden und sterben mußten, als in dem Zeitalter, wo die Gewissens- und Religionsfreiheit zu einem politi­schen Programm wurden. Kirchengeschichtler schätzen, daß in den letzten 60 Jahren mehr Christen um ihres Glaubens willen ums Leben gekommen sind als in den 19 Jahrhunderten vorher. Wir haben sogar den Eindruck, daß sich die Leiden der Kirche in unseren Tagen wieder steigern. Diese Tatsachen sollten uns fragen lassen, ob unsere Zivilisation wirklich die Beglückung der Menschheit bringt, ob unser Freiheitsbegriff sich nicht in einer Tyrannis über die Mit­menschen auswirkt, ob unsere politischen Systeme noch von dem Geist der Menschlichkeit bestimmt werden, ob wir als Kirchen recht tun, in naiver Weise den Fortschritt unserer Völker als die Voll­endung des Menschentums zu preisen. Wäre es nicht viel mehr Aufgabe der Kirche, die Menschen auf das Leiden hinzuweisen, vor allem aber die Christen zum Leiden zu erziehen? Müssen wir nicht selbst den Sinn des Leidens neu verstehen lernen? Nichts ist be­zeichnender für die Verständnislosigkeit dem Leiden gegenüber, als die Tatsache, daß wir nur noch ein persönliches Leiden kennen und daß wir den Trost für dieses den Schriftstellen entnehmen, die von dem Martyrium der Kirche reden. Stärker kann die Kirche ihre Botschaft nicht mehr verbürgerlichen, als es hier geschieht.

I. DIE KIRCHE DES LEIDENS

1. Am Anfang des 20. Jahrhunderts stehen die Leiden des arme­nischen Volkes und die Vernichtung der armenischen Kirche Die 1894 einsetzende Verfolgung forderte Hunderttausende von Todes­opfern. Der Vernichtungsfeldzug wurde von den Türken im ersten Weltkrieg fortgesetzt, wobei ungefähr eine Million Armenier ums Leben kamen Überlebende wurden, soweit sie nicht in christliche Länder flüchten konnten, dem Islam zugeführt. Im Jahre 1933 wand­ten sich die Jungtürken gegen die Reste der Nestorianer, die in das Zweistromland geflüchtet waren. Nur 30 000 sind von ihnen übrig­geblieben. Ursache der Verfolgung war, daß die Christen innerhalb der Türkei als ein politisch unsicheres Element angesehen wurden Die Verfolgungen liegen aber nur zum Teil m der Politik begründet. Sie haben ihre Ursache letztlich in dem moslemischen Lehrsatz, daß das „Haus des Islam“ solange unvollkommen ist, als noch Ungläu­bige in den eigenen Staatsgrenzen leben. In allen islamischen Län­dern besteht die Gefahr, daß die Christen entweder durch soziale Bedrückung oder durch den Fanatismus der Moslems ausgerottet werden. Der Islam ist immer noch der Feind der Christenheit. In Ägypten, im Sudan und anderen islamischen Staaten können Chri­sten kaum noch Staatsstellungen und gehobene Berufe bekommen. Strebsame junge Menschen verlassen daher die Kirche und schließen sich dem Islam an In ihm lebt noch der alte Fanatismus. Es ist be­zeichnend, daß im Sudan und in Indonesien Verfolgungen, die zur Unterdrückung der Kirche führen sollen, von Zeit zu Zeit spontan aufbrechen und das Leben von Christen fordern.

Ähnlich liegt es im Raum der anderen Religionen Der südliche Buddhismus ist heute so dem Nationalismus verfallen, daß er sich überall als Nationalreligion durchgesetzt hat. Das Verhältnis zu den Christen ist graduell verschieden. In Thailand gibt es noch ein geschlossenes buddhistisches Staatssystem. Es fällt schwer, Buddhi­sten durch das Evangelium zu gewinnen und sie der christlichen Kirche anzuschließen. In Burma stellt die relativ hohe Zahl der Christen für den nationalistisch buddhistischen Staat ein unsicheres Element dar, das mit deutlichem Mißtrauen behandelt wird. Auf Ceylon ist der Buddhismus, der seine Menschen bewußt zum Er­leiden jeder Ungerechtigkeit erziehen soll, in seinem Mönchsstand so fanatisiert, daß weder Hindu noch Christen Staatsstellungen be­kommen können; sie sind nicht einmal zum Schul- und Polizeidienst zugelassen. Verhinderung der christlichen Missionsarbeit und Stö­rungen der christlichen Gemeinde kommen immer wieder vor, bis hin zur Tötung einzelner, Christen. „Sri Lanka (Ceylon) ist nur für Buddhisten. Ihr seid Leute, die diese fremden Religionen nach Sri Lanka gebracht haben, und wir orthodoxen Buddhisten sind davon überzeugt, daß wir die Ausbreitung von Christentum und Islam in Sri Lanka nicht unterbinden können, ohne euch auszumerzen.“[1]In Indien wirkt sich die Reform des Hinduismus, die Fanatisierung seiner Anhänger, in der Behinderung der christlichen Missionsarbeit, in Störung von Gottesdiensten und hie und da auch in Gewalttaten aus. Die Christen werden oft von den Erleichterungen sozialer Re­formen des Staates, z. B. der Landverteilung, ausgeschlossen, weil sie angeblich durch ihre Verbindung mit der westlichen Christenheit andere Hilfsquellen haben.

In Afrika führt das wiederauflebende Heidentum zu Ausschrei­tungen. Durch die Tätigkeit der Geheimbünde in Westafrika werden die Christen eingeschüchtert und verängstigt. Der Nationalismus hat eine Belebung der Magie und des heidnischen Kultes gebracht, und Ritualmorde sind heute keine Seltenheit. Am schlimmsten hat sich das in dem Mau-Mau-Auf stand zugespitzt, wo die Christen zu dem fürchterlichen Mau-Mau-Eid gezwungen werden sollten und wo viele, weil sie ihn nicht leisten konnten, um ihres Glaubens willen getötet wurden.

Wir sind so stolz auf unser aufgeklärtes Zeitalter, das die Toleranz der Religionen gebracht habe. In Wirklichkeit hat es zur Fanatisierung und zur Intoleranz der Religionen geführt, weil ja gerade durch die Toleranz mit innerer Notwendigkeit Jede Religion in Frage ge­stellt werden muß. Jede gesunde Religion, die sich als Universal­religion versteht, kann auf eine Allerweltstoleranz nur so reagieren, daß sie ihre Anhänger zu neuer Leidenschaft des Glaubens führt. Tatsächlich gab es die vielgepriesene Toleranz nur, so lange christ­liche Ordnungsmächte die Welt regierten. Nach dem Verschwinden des größten Teils der Kolonien sind die autonomen Völker zu dem ihnen immanenten Gesetz der Religionsgebundenheit zurückgekehrt: Jeder hat das Recht, in der Religion zu leben, in die er hineinge­boren ist. Religionswechsel gibt es nicht. Damit wurde für die Mission und für die christliche Kirche ein neues Zeitalter eingeleitet. Sie kann nur noch ihrem Gott vertrauen, sich die Zeugniskraft er­bitten und beten, daß ihre Glieder standhalten und, wenn es sein muß, auch um ihres Glaubens willen leiden.

2. Eine zweite Art von Verfolgungen brachte der politische Wandel mit sich Es sind vor allem die in den totalitären Staaten wirkenden Ideologien, die einerseits der Menschheit versprechen, paradiesische Zustände zu schaffen, die aber andererseits allen anderen Glaubens­formen gegenüber unduldsam sind. Hier ist an erster Stelle der Kommunismus zu nennen. Seit er 1917 in Rußland zur Herrschaft gelangte, wurde die Kirche in Rußland bis zu Beginn des zweiten Weltkrieges in immer neu einsetzenden Aktionen verfolgt. Als der Kommunismus sich ins Baltikum, nach Polen, auf den Balkan und nach Mitteldeutschland ausbreitete, kam es auch hier zu Unter­drückungen. In China, Nordkorea und Nordvietnam ging die Chri­stenheit durch tiefe und permanente Leiden. Es wird kaum jemand den Überblick bekommen, ihre Leidensgeschichte zu beschreiben, festzuhalten, was die einzelnen Christen in der Auseinandersetzung mit den Parteifunktionären, bei der Gehirnwäsche, vor den Ge­richtshöfen, bei der Fronarbeit und in ihren Todesstunden durch­gemacht haben. Es wird sich nicht feststellen lassen, wieviele um ihres Glaubens willen umgekommen sind. Niemand kann auch den Abfall beschreiben, der mit den Verfolgungen Hand in Hand ging. Das kommunistische System zeichnet sich dadurch aus, daß es keine Märtyrer macht. Die Christen werden zu Verbrechern gestempelt und abgeurteilt. Die Todesstrafe wird in der Heimlichkeit der Dä­monie vollzogen. Sie sollen nicht in dem Gedächtnis der Mitmenschen, im Gedenken der Kirche weiterleben. Hierzu sind auch die Opfer der kommunistischen Wirren in Mexiko 1926—1938 zu zählen, sowie die Leiden der Christen im spanischen Bürgerkrieg. Von diesen Ver­folgungen wurden alle Konfessionen betroffen. Es ist jedoch be­zeichnend, daß man im evangelischen Raum wohl davon Notiz nimmt, dann aber zur Tagesordnung übergeht. Man begnügt sich mit einer oberflächlichen Resignation: Im kommunistischen Raum könne eben keine Kirche existieren und damit hätten wir uns abzufinden. Warum wissen wir nicht mehr, daß die Kirchen dort mit ihren Gliedern auch für uns bekennen, kämpfen, sterben, zu der Schar derer gehören, die mit uns in der triumphierenden Kirche anbeten werden? Selbst in der Ökumene scheut man sich, wie die Vollver­sammlung in Neu Delhi bewiesen hat, sich zur leidenden Kirche zu bekennen und gibt damit die Ökumenizität im neutestamentlichen Sinne preis. In der katholischen Kirche ist das anders. Da gedenkt man der „Kirche des Schweigens“, die heute rund 65 Millionen Katholiken zählt.

Nicht so stark konnte sich der Nationalsozialismus auswirken, weil ihm keine Zeit dazu blieb. Wo er jedoch zur Herrschaft gelangte, in Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei, in Polen, in Frank­reich, Belgien, in den Niederlanden, in Dänemark und Norwegen, auf dem Balkan, überall hat er bekennende Christen in Konzen­trationslager verbannt, die Kirchen in Bedrängnis gebracht und in einzelnen Fällen zum Martyrium geführt. Wozu der Nationalsozia­lismus fähig war, beweisen die Judenverfolgungen.

Ähnlich wirkte sich der japanische Imperialismus aus. Wo er seine Herrschaft aufrichtete, begegnete er den Christen mit größtem Mißtrauen. Die Christen in Korea, die Bergchristen auf Formosa hatten Zeiten durchzustehen, wo sie mit rücksichtloser Polizeigewalt be­kämpft wurden. Die japanische Christenheit wurde immer vor die Frage gestellt: Wer ist größer, Christus oder der Kaiser? Als Japan seinen Krieg gegen die Westmächte begann und in die Südsee vor­stieß, wurden Missionare rücksichtslos hingemordet oder unter unbeschreiblichen Verhältnissen interniert. Christen wurden allein des­wegen enthauptet, weil sie zu dem „amerikanischen Gott“ beten könnten. Aber auch die sogenannten christlichen Mächte internierten in beiden Kriegen die Missionare, schikanierten die Christen in Afrika und in der Südsee und straften sie, weil sie „deutsch“ seien; denn sie seien ja von „Deutschen“ missioniert worden.

Auch die Freiheitskämpfe in Afrika arten heute oft in Christen­verfolgungen aus. Bei den Aufständen in Kamerun, im Nyassaland wurden Missionsstationen niedergebrannt, Missionare umgebracht, Christen ermordet. Wieviele bei den Kongounruhen ihr Leben lassen mußten, kann man noch nicht feststellen. Bei den Aufständen in Angola haben die Portugiesen 8 methodistische Pfarrer zum Tode verurteilt, weitere 150 verhaftet und die Gemeinden zerstört; man warf der Methodisten-Kirche vor, sie habe Afrikaner durch ihre Schulen und durch soziale Maßnahmen so gebildet und aufgeklärt, daß die Unzufriedenheit mit dem portugiesischen Regime kommen mußte. Ähnliche Begründungen führen oft zu Ausschreitungen gegen Christen in Südamerika.

Damit kommen wir zu den Unterdrückungen, die unter den christ­lichen Kirchen selbst geschehen. Es gibt römisch-katholische Staaten, die glauben, ihre Existenz durch die Einheit der Kirche sichern zu müssen; die Kirche selbst ist durch fanatische Priester daran be­teiligt, daß es in rein römisch-katholischen Gebieten immer wieder zu lokalen Unterdrückungen und Ausschreitungen gegen die Evangelischen kommt, so in Italien, Spanien und in einzelnen Staaten Südamerikas. Aufs Ganze gesehen gibt es heute kein politisches System, das der Kirche die Sicher­heit ihrer Existenz bieten kann.

3. Wir haben schon in dieser Darstellung einige Zusammenhänge genannt, die zu den Verfolgungen führten. Wir wollen hier noch einige Ursachen anfügen, ohne zunächst auf die inneren Linien ein­zugehen, die vom Evangelium her zum Leiden führen.

Unter der Einwirkung der sogenannten christlichen Zivilisation auf die Welt der Religionen sind die Religionen erwacht. Sie sahen sich der Kritik ausgesetzt. Der westliche Säkularismus wurde für sie zur Existenzfrage. So hat zunächst einmal die vom Westen aus­gehende Aufklärung der Völker das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen sollte. Die Religionen haben zu sich selbst zurückge­funden. Da sie sich immer als die Träger der Kultur, als die bestim­menden Faktoren im Leben ihrer Völker verstanden haben, als große Sozialkörper, erneuern sie diesen Anspruch. Sie sehen in der christ­lichen Mission und im Dasein der christlichen Kirche nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern in der religiösen Aufteilung eines Volkes auch immer die Auflösung der Volksgemeinschaft, die sich bei ihnen mit der Religionsgemeinschaft deckt.

Den Religionen kommt heute der alles beherrschende Nationalis­mus zu Hilfe. Ihm muß der christliche Glaube in der ihm eigenen Religionsform der Kirche als artfremd erscheinen. Da die jungen Kirchen durch die Mission der westlichen Christenheit entstanden sind und um der Treue zu Christus willen das Band der Zusammen­gehörigkeit mit ihr wahren müssen, werden sie sogar als der Rest des westlichen Kolonialismus diffamiert.

Das totalitäre System des westlichen Nationalismus stellt das Volk über die Kirche. Es wird der Kirche verwehrt, die objektiv und absolut gültigen Gesetze Gottes dem Staat gegenüber zu verkün­digen. Sie soll vielmehr zu einer Dienerin des absoluten Staates ge­macht werden.

Die kommunistische Ideologie versteht sich als die allein gültige. Sie erhebt den Absolutheitsanspruch allen Weltanschauungen und Religionen gegenüber. Ja, sie sieht in den Religionen die hemmen­den Kräfte für den eigentlichen sozialen Fortschritt im kommuni­stischen Sinn. Dazu wird der Kirche vorgeworfen, daß sie immer eine Dienerin des westlichen Kapitalismus gewesen sei. Das wird z. B. in China am deutlichsten. Das Christentum muß daher syste­matisch bekämpft werden.

Andrerseits kann aber in manchen Gebieten eine Schuld der Kirche an den Verfolgungen nicht geleugnet werden. In Südamerika und Spanien, wo weithin die Wirtschaftsordnung durch die Kirche geheiligt ist, wird die Kirche um der untragbar gewordenen sozialen Zustände willen angeklagt. Eine ähnliche Schuld liegt bei Kirchen vor, die sich zu stark an das bestehende soziale und politische System des Staates binden, darum die Stimme des Evangeliums nicht mehr zur Geltung bringen und die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit nicht mehr beantworten können. Sie werden bei Revolutionen das Schicksal des Staates tragen müssen. Nicht alle Verfolgungen, die die Kirche leiden muß, sind also Verfolgungen um des Evangeliums willen.

4. Wenn nicht, alles täuscht, sind die Verfolgungen nicht im Ab­klingen. Je mehr sich unter den Völkern die politischen und sozialen Leidenschaften steigern, je mehr durch die von den westlichen Völ­kern bestimmte Weltwirtschaft die Integrität der Völker Asiens und Afrikas in Frage gestellt wird, desto mehr werden sie sich einen Sündenbock suchen und die Schuld den Christen zuschieben. Die Gegenmission der Weltreligionen gegen „das Christentum“ ist nur der Anfang dieser Bewegung. Die Weltreligionen werfen den Chri­sten vor, daß das Christentum es nicht verstanden habe, seine Men­schen innerlich zu binden und in ihren Handlungen zu bestimmen. Es trage im Grunde die Verantwortung dafür, was die „christlichen Mächte“ den übrigen Völkern angetan haben.

Ohne Frage gibt es heute auf Grund der oben beschriebenen Ent­wicklung eine Reihe leidensgeübter Kirchen. Dazu gehören die orthodoxen Kirchen. Diese haben sich allerdings oft durch die Un­terdrückungen so zurückgezogen, daß sich das Leiden nicht mehr in einem befruchtenden Zeugnis äußert. Leidensgewohnt ist auch die römisch-katholische Kirche, die auch heute noch den Geist des Mar­tyriums durch das Gedenken der Märtyrer pflegt. Leidende Kirchen finden wir auch in Afrika und Asien. Die Christen in China waren immer vom Leiden gezeichnet. Die Kirchen in Japan und Mada­gaskar haben leuchtende Vorbilder. In der Kirchenkampfzeit gab es auch unter den westlichen Kirchen Leiden. Aufs Ganze gesehen ist jedoch die Kirche leidensscheu geworden. Sie versteht das Leiden als etwas, was nicht sein sollte. Sie weiß nicht mehr von dem Privilegium des Leidens und von ihrem Auftrag zum Leiden. Sie erkennt nicht mehr das göttliche Ziel. Sie versucht alles, um das Leiden zu verhüten, den Menschen das Glück zu bringen und zu erhalten. Darum zog in letzter Zeit die evangelische Mission sich auch oft dort zurück, wo die Sicherheit des Missionars nicht mehr gewährleistet erschien, und setzte dort ein, wo das der Fall war. Auf Grund dieser Tatsachen sagt U Kyaw Than, der Ostasiensekretär des Ökumenischen Rates: „Diese Dinge haben weder den Kirchen noch den Missionen in ihrem Zeugnis von Jesus Christus geholfen. Im Blick der jeweiligen Kirche erscheint der Missionar als eine Ge­stalt, die nur dann da ist, wenn die Luft rein ist.. Der Missionar kann sagen, daß seine Abreise der Sicherheit der christlichen Ge­meinschaft dient und zum Schutz der eigenen Familie geschieht. Aber bei aller Demut habe ich mich oft gefragt, ob dies die besten ‚christ­lichen Gründe‘ sind.“[2] Fragen wir eigentlich noch, was der Herr der Kirche im Blick auf seine Gemeinde, die im Raume des Leidens bleibt, von uns haben möchte? Uns steht das Leben der Missionare höher als der Auftrag.

Die Kirche kann ihren Dienst nur tun, wenn sie klar weiß, daß er mit dem Leiden verbunden ist. Sie muß wieder lernen, daß das Leiden durch Gott eine Bevorzugung ist, wodurch er den Dienst der Kirche fruchtbar machen will. Darum kann eine Vermeidung des Leidens zum Verrat werden. Die Kirche muß wieder in der christ­lichen Hoffnung leben und vor allem die Leidensscheu überwinden, damit sie frei wird zu einer echten Bezeugung des Evangeliums. Sie kann nicht Gott als den Herrn des Lebens verkündigen, wenn sie ihm nicht ihre eigene Existenz zur Verfügung stellt. Dieses Heft kann nur ein erster Versuch sein, das biblische Verständnis des Lei­dens zu erarbeiten. Möge es viele anreizen, sich tiefer mit der Sache zu beschäftigen!

II. IM LEIDEN ERFÜLLT SICH DIE SENDUNG JESU

Wie alles im Christenleben und im Dienst der Kirche läßt sich auch der Sinn des Leidens nicht durch äußere Ursachen erklären. Sie sind im letzten Grunde, doch nur Ausdruck eines geheimen Vorganges, der durch unsere Vernunft nicht zu erfassen ist. Man kann nicht vom Leiden reden, ohne auf das geheime Walten Gottes hinzuweisen, in welchem er seine Herrlichkeit im Widerspiel des Kreuzes offen­bart. Das Leiden kann nicht erklärt werden, ohne daß das gewaltige Geschichtsbild der Bibel in Erscheinung tritt: Der Kampf zwischen dem Reich Gottes und dem Fürsten der Finsternis. Dieser Kampf, an den wir wohl theoretisch glauben und den wir gewöhnlich als eine geistige Auseinandersetzung ansehen, vollzieht sich nicht auf einer neutralen Ebene. Gott führt ihn immer so, daß er uns un­mittelbar daran beteiligt. Er nimmt seine Gemeinde in diesen Kampf hinein. So bekommt das Leiden einen Ort in der Heilsge­schichte, in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Das wird so bleiben bis in den Endkampf, wie es uns die Offenbarung des Jo­hannes schildert. Die Heilige Schrift verheißt darum den Glauben­den keine Leidensfreiheit. Während alle anderen Religionen ihren Anhängern eine Erlösung von ihrem leiderfüllten Dasein in Aussicht stellen, während in ihnen oft irdisches Glück gleich Heil gesetzt wird, ist die christliche Erlösungslehre ohne das Leiden überhaupt nicht denkbar. Gott erlöst in Christus Jesus nicht vom Leiden, son­dern er erlöst durch das Leiden und führt darin zur Herrlichkeit. Darum hat die Kirche einen Leidensberuf, der in dem Leiden Jesu vorgezeichnet ist. Sie soll selbst durch das Leiden den höchsten Sinn­gehalt des Evangeliums zum Ausdruck bringen.

Das Leiden der Kirche hat sein Vorbild im Leiden Jesu. Er wäre nicht der Erlöser der Menschheit geworden, er hätte nicht Gott und Mensch versöhnen können, wenn er etwas anderes hätte sein wollen als der in Jes. 53 vorgezeichnete Gottesknecht. Er ist von Gott in die Welt gesandt, um für die Sünden der Menschheit zu leiden und in den Tod zu gehen. Schon Johannes der Täufer erkennt in ihm „das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ (Joh. 1,29). Weil Jesus diesen Auftrag hatte, wurden Leiden und Tod das Ziel seiner Sendung, ohne dessen Verwirklichung Gott mit den Menschen nicht zu Ende gekommen wäre (Luk. 24,25 f.). Jesu Leiden und Tod ist die Voraussetzung dafür, daß aus dem erstor­benen Weizenkorn viel Frucht, die Gemeinde entsteht (Joh. 12,23 ff.). Darum erfüllte Jesus seine Sendung, wie uns die Leidensankündi­gungen beweisen (Mt. 20,17—19; Mk. 10,32—34; Lk. 18,31—34), bewußt im Blick auf das Leiden. So gibt es für ihn keine größere Versuchung, als von diesem Ziel abgehalten zu werden. Jesus sieht in Petrus die Stimme des Versuchers (Mt. 16,21 ff.), weil er so redet, wie wir Menschen reden. So kann auch die Kirche zum Mund des Teufels werden, wenn sie vom Leiden abhält. Und doch war Jesus nicht über das Leiden erhaben. Er war uns gerade darin gleich, daß er im Leiden die Versuchung am tiefsten verspürte (Hebr 2,18). Davon zeugt sein Kampf in Gethsemane. Auch Jesus konnte den Weg ins Leiden nur an der Hand seines Vaters gehen.

Durch sein Leiden und Sterben hat Jesus die Voraussetzung und den Inhalt der Heilsverkündigung geschaffen. Wir wundern uns oft, daß die Missionierung der Völker erst nach der Auferstehung in das Blickfeld rückt. Was hätten denn die Boten Jesu den Menschen ver­kündigen sollen, solange der Tod Jesu nicht geschehen und ver­standen war? Mission ist erst möglich durch das Sterben und Auf­erstehen Jesu Weil Jesus bis zum Kreuz gehorsam war, darum ist er in seiner Sendung zum Ziele gekommen. Darum gibt es Mission und Kirche.

So hat das Evangelium, das wir heute den Menschen zu verkündi­gen haben, im Leiden seinen Inhalt bekommen und es wird diesen, weil der Herr selbst durch das Leiden gegangen ist, auch immer wieder im Leiden verwirklichen. Darum gehören nicht Evangelium und Glück, sondern Evangelium und Leiden zusammen. „Das Evan­gelium ist immer in Leiden eingewickelt“, können uns Neuguinea­christen sagen.

Die Kirche kann nicht das Kreuz predigen und sich als Kirche des Kreuzes bezeichnen, wenn sie in ihrem Menschenbild das Gegen­teil von dem vertritt, was Jesus ihr vorgelebt und zum Inhalt ihrer Botschaft gemacht hat. Sie kann auf dieser Erde keinen anderen Weg haben, als den ihr Meister gegangen ist. Sie bekommt in dem Maße an der Sendung Jesu Anteil, als sie am Leiden selbst Anteil hat. Das Kreuz ist darum nicht nur das Zeichen der Versöhnung. Es bekommt durch die Kreuzespredigt einen engen Bezug zum Leben der Kirche, weil von ihm die Erneuerung der Menschheit ausgeht. Das Kreuz soll nicht nur geglaubt, sondern * auch gelebt werden.

III. IM LEIDEN VOLLZIEHT SICH DIE NACHFOLGE JESU

Nachfolge Jesu verwirklicht sich selbstverständlich im ganzen Leben und ist nicht auf das Leiden beschränkt. Da alle Menschen, auch die Christen, das Leiden fliehen, muß aber besonders betont werden, daß auch die Bewährung im Leiden zur Nachfolge gehört, ja daß unsere Nachfolge, die ja immer vom Heiligen Geist gewirkt ist, im Kreuz und Leiden ihre Zuspitzung und Krönung findet. Ge­rade das will uns aber nicht einleuchten. Wir haben uns weithin den heidnischen Lebensbegriff angeeignet, so daß wir meinen, unser Glaube an Jesus Christus müßte uns vor allem auf sozialem Gebiet zu wunschlosen Menschen machen. Wir gehen dabei soweit, daß wir das, was „Liebe Christi“ ist, an dem messen, was uns die Zivilisation als Lebenserfüllung verheißt. Das Schlimme dabei ist, daß wir das auch noch mit Worten Jesu rechtfertigen und sie auf die Wünsche der Menschen deuten. Dafür ist vor allem in der angelsächsischen Literatur der Mißbrauch der Stelle Joh. 10,11 bezeichnend. „Leben und volle Genüge“ wird dort auf die soziale Hebung der Menschen bezogen. „Abundant life“ ist die wunschlose Lebensfülle, die das Christentum zu bringen habe. Hier ist nicht daran gedacht, daß diese Stelle gerade im Blick auf die Leiden gesprochen ist, in denen Jesus den Seinen, dann, wenn es um ihr physisches Leben geht, ein Leben der Fülle aus seinen ewigen Quellen schenken wird. Dem gegenüber sollten wir sehen, daß sich das Evangelium gerade darin als groß und wahr erweist, daß es uns im Blick auf unser irdisches Christen­leben keine Illusionen macht. Jesus läßt die Seinen keinen Augen­blick im Unk1aren darüber, daß sie um seinetwillen leiden müssen.

1. Es ist bezeichnend, daß der Herr, als die Apostel ihn von seinem Leidensweg abbringen wollten, den Jüngern sagt, daß sie nur dann seine wahren Nachfolger sein können, wenn sie ihr Kreuz auf sich nehmen, es nicht fliehen und den Weg nachgehen, den er voraus­gegangen ist (Mt. 16,24; Mk. 8,34). Als er sie aussendet, macht er sie darauf aufmerksam, daß es in seinem Dienst um ganze Entscheidun­gen geht, die unter der Selbstverleugnung im Leidensweg sich ver­wirklichen (Mt. 10,38). So wird das Kreuz zum Zeichen des Leidens und zum Kennzeichen des Christenstandes und der Jüngerschaft. Jesus verlangt dabei nicht einen besonderen Einsatz für sich, so wie die Gewaltigen der Erde die Menschen zwingen, in Millionen für ihre Machtsucht zu sterben. Er sagt den Seinen nur, daß sie keinen ande­ren Weg in seiner Nachfolge haben können, als den er selbst ge­gangen ist (Joh. 15,18 ff.). Ob sie ihn gehen wollen, müssen sie selbst entscheiden. Sie dürfen aber wissen, wenn sie sich auf diesen Weg begeben und sich in der Nachfolge von der Welt trennen, dann dürfen sie ihn in der Kraft dessen gehen, der vorangegangen ist, weil er selbst immer wieder mitgeht.

Die Apostel haben um diese letzte Erfüllung des Christenstandes gewußt, darum konnte gerade der Apostel, der dem Leiden abhold war und verleugnete, als Lebenserfahrung sagen, daß Christus uns im Leiden ein Vorbild gegeben hat und wir seinen Fußtapfen nach­folgen sollen (1 Petr. 2,21). Wir sollen uns mit demselben Sinn des Leidens wappnen (4,1). Auch Paulus fordert uns auf, in dieser Lei­densgesinnung Jesu zu stehen (Phil. 2,5). Nachfolge Jesu gibt es also nicht nach eigenem Ermessen. Sie verwirklicht sich dort, wo etwas von dem Leben Jesu in unserem Leben in Erscheinung tritt. Und doch ist Nachfolge nicht Nachahmung; Jesus sagt nicht, wir sollten ihn „kopieren“. Er will aber unsere Sinne und Gedanken bestimmen, so daß an unserer Haltung er selbst sichtbar werde. Solcher Christus-Sinn ist es, der die jungen Christen den Leidens­weg beschreiten läßt.

Es ist unmöglich, Jesus im Leiden nachzuahmen; niemand von uns kann zum Erlöser werden. Jesus spricht in seinem Aufruf zur Nachfolge nicht davon, daß wir sein Kreuz auf uns zu nehmen hätten, sondern nur davon, daß wir, jeder einzelne von uns, sein eigenes Kreuz trage. Es geht also in der Leidensflucht nicht allein um eine Flucht vor dem Kreuz, das als Folge der Verkündigung des Evange­liums uns treffen wird, sondern auch darum, daß wir nicht vor den Leiden fliehen, die aus unserem Mensch- und Christsein entstehen. Wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, das ganz zu uns gehört, das auf uns zugeschnitten ist, das sowohl an unserem Dienst als auch an unserer Schuld entstanden ist. Wenn wir uns zu Jesus Christus be­kennen, tritt irgendwann das Leiden ein, das uns zeigt, daß wir in die Fußtapfen Jesu gestellt sind, weil er uns gerade in diesem Leiden in seine Gemeinschaft nimmt und uns Anteil gibt an seinem Leiden (1 Petr. 4,13). In diesem Fall darf dann das Leiden nicht mehr als unsere persönliche Not verstanden werden. Es hat einen viel tiefe­ren Sinn. „Kreuz ist nicht Ungemach und schweres Schicksal, sondern es ist das Leiden, das uns aus der Bindung an Jesus Christus allein erwächst. Kreuz ist nicht zufälliges, sondern notwendiges Leiden.“[3] Es ist Leiden nach dem Willen Gottes (1 Petr. 4,19) und bekommt darin seinen tiefsten Sinn, daß sich in unserem Leiden immer wieder die Leidensgestalt Christi der Welt offenbare. Darum konnten die Kiku­yu-Christen einen ihrer Märtyrer in Kirchenzucht nehmen, als er sich seiner Leiden rühmte, anstatt auf den hinzuweisen, der sich in seinem Leiden darstellte. Die Christen leiden in diesem Fall mit Christus, sie nehmen an seinem Leiden teil. Sie sind in sein Schicksal eingeschlossen, in sein Sterben und Auferstehen (Röm. 6,3 ff). In dem Maße, wie sie das erkennen, dürfen sie sich auch der Of­fenbarung seiner Herrlichkeit freuen. Wenn sie die Schmach Chris­ti auf sich nehmen, wird der Geist Gottes auf ihnen ruhen, ihnen Kraft und Hoffnung geben und durch sie unter den Menschen sein Werk tun (1 Petr. 4,13 f). Das Leiden der Christen in seiner Wirkung als Bezeugung des Leidens Christi ist ohne das Werk des heiligen Geistes nicht zu denken. Nur durch seine Gegenwart kann sich das Kreuz Christi den Menschen offenbaren. Auf der Tagung in Neu- Delhi bekannte ein Vertreter aus Kamerun, daß sie nie die Wahr­heit des Wortes: „der Geist des Herrn ist bei uns (Lk. 4,18)“ so hand­greiflich erfahren hätten, als bei der Verfolgung unter den politischen Unruhen. Da sei der Geist des Zeugnisses aufgebrochen.

2. Obwohl alles Leiden der Christen in diesem letzten Ziel seine Erfüllung findet, so gibt es doch verschiedene Arten des Leidens, in denen sich die Nachfolge bewähren muß. Da ist zunächst einmal das allgemeine Leiden, das die Christen mit allen Menschen teilen. Auch sie sind um der Sünde willen dem Seufzen der Kreatur unter­worfen, sie unterscheiden sich nur dadurch von den anderen Men­schen, daß sie nach Christi Sinn eine Leidensgesinnung haben und daß sie im Leiden um den Trost der künftigen Herrlichkeit wissen. Sie haben die Hoffnung, die sie frei macht von der Knechtschaft des Leidens, wie sie z. B. im Buddhismus deutlich wird (Röm. 8,18 ff). Sie dürfen die Leiden tragen, nicht unter dem Fluch der Vergeltung eines Karma-Gesetzes, sondern nach dem Willen Gottes (1 Petr. 4,19). Damit bekommt; das Leiden einen Sinn. Es ist aus dem Schicksalhaf­ten entnommen. Der Christ steht unter einem Auftrag. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, daß Jesus nicht nur die selig preist, die um der •Gerechtigkeit willen verfolgt werden (Mt. 5,10), sondern auch die Trauernden. Auch dort, wo wir nicht unmittelbar um seines Namens willen leiden, sind wir mit in sein Leiden hineingenommen.

Es gibt auch ein Leiden um des Rechtes und der Gerechtigkeit willen, das die Christen, die in der Welt der Lüge leben, die sich in der Ungerechtigkeit wohl fühlt, tragen müssen, weil sie lieber Feiglinge im Sinne der Welt bleiben wollen, als daß sie ihr Ge­wissen belasten. In dem Leiden, das um der Gerechtigkeit willen entsteht, sollen sie zur Verantwortung bereit sein und durch ihr Anders-leben den Willen Gottes kund tun (1 Petr. 3,14 ff). Auch das ist Nachfolge Jesu. Dieses Leiden hat sein Vorbild in dem Leiden Christi. Er ist als Gerechter unter Ungerechten gestorben (3,18). Es ist dem Christen unmöglich, Gerechtigkeit mit Gewalt herzustellen, weil alles menschliche Bemühen um Gerechtigkeit, wenn Gewalt zur Anwendung kommt, wieder neues Unrecht schafft. Die christliche Gemeinde kann die Gerechtigkeit in der Welt immer nur so ver­treten, daß sie versucht, auf Gottes Gerechtigkeit hinzuweisen und nach Christi Sinn in der Liebe zu leben. Solches Leiden bleibt nicht ohne tiefen Einfluß auf die Mitmenschen. Bischof Newbigin berichtet von einem Bischof der Südindischen Kirche, in dessen Diözese eine Unabhängigkeitsbewegung entstanden war. Ihr Führer tat alles, um den Bischof zu demütigen. Der Bischof lehnte es ab, anders darauf zu antworten, als daß er die Beleidigungen demütig ertrug. Eines Tages erklärte der Gegner, mit dem Bischof Frieden schließen und die Beschlüsse der Kirche anerkennen zu wollen. Dazu stellten sich viele Christen ein. Als jedoch der entscheidende Augenblick kam, änderte er seine Gesinnung und demütigte wieder öffentlich den Bischof. Die Teilnehmer konnten es nicht verstehen, daß der Bischof das hinnahm und mit dem Mann nur ruhig sprach. Heute herrscht in dieser Diözese eine Einigkeit, die niemals entstanden wäre, wenn sich der Bischof auf seine Autorität berufen hätte. Echte christliche Haltung ist in weltlichen Dingen nicht so hilflos, wie wir sie gewöhnlich darstellen, weil sie unserer menschlichen Ehre wider­spricht[4].

Es gibt auch ein Leiden um Christi willen, das noch nicht Ver­folgung ist, wenn nämlich die Christen als natürliche Reaktion auf die Verkündigung des Evangeliums und auf ihr christliches Leben Spott und Hohn ertragen müssen. Die Menschen glauben ja immer, mit ernsten Dingen, die sie als Kritik an sich selbst empfinden, am leichtesten dadurch fertig zu werden, daß sie sie lächerlich machen. So entsteht die Schmach Christi. Sie kann bereits einsetzen, wenn sich jemand zu der Gemeinde hält und sich damit zu ihrem Herrn bekennt, oder wenn er sich entschließt, in den Dienst dieses Herrn zu treten. Durch dieses Verhalten trennt sich die Welt von der Ge­meinde, nicht die Gemeinde von der Welt. Wer Christi ist, muß demnach bereit sein, hinauszugehen aus dem Lager, und Christi Schmach tragen (Hebr. 13,13).

Verfolgungsleiden entstehen, wenn die Menschen die Gemeinde Jesu bekämpfen, ihren Einfluß brechen, die Kirche vernichten oder ihren Zielen gleichschalten wollen. Dafür gibt es viele Gründe. Ver­folgungen müssen die Christen immer ins Auge fassen, denn der Hauptinhalt der Aussendungsrede (Mt. 10) besteht in den Hinweisen darauf, was die Jünger Jesu erwartet, wenn sie das Evangelium verkündigen (Mk. 13,9—13; Lk. 21,12—17; Joh. 15,18 ff). Jesus läßt seine Jünger nicht im Zweifel darüber, daß es bei den Verfolgungs­leiden nicht nur um ihre irdische Existenz geht. Sie können dabei ihre Seligkeit verlieren. Wer bei Unterdrückung der Kirche das Lei­den scheut, flieht und verleugnet seinen Herrn. Er steht dann nicht mehr in der Nachfolge Jesu. Die Frucht des Leidens Christi wird dem zuteil, der die Treue zu ihm im Leiden bewahrt. Damit wird das Leiden um Jesu willen zu dem stärksten Bekenntnisakt der Kirche zu ihrem Herrn. Von da aus kann Mission ohne Leiden nicht gedacht werden.

3. Wir wollen nach dem Sinn der Verfolgungsleiden später fragen. Hier ist wichtig zu wissen, daß jeder Christ einen Leidensberuf hat und sich in den verschiedenen Arten der Leiden bewähren soll. Wir würden die Leiden falsch verstehen, wenn wir sie, wie es gewöhn­lich geschieht, als. eine Strafe ansehen würden. Die Christen im Neuen Testament haben sie als ein Vorrecht empfunden, das ihnen vor anderen Menschen zuteil geworden war, und haben sich durch die Leiden vor der Welt als Christen ausgewiesen. Sie priesen Gott, daß sie des Leidens gewürdigt waren. Sie wußten sich als Gemeinde des Leidens zum Lobe Gottes gerufen (1 Petr. 1,3 ff). Das Leiden ist darum nicht nur etwas Passives, etwas, das die Christen nur hin­nehmen und erdulden. Im Gegenteil, Leiden, von Gott her verstanden, ist aktiv, bewußtes Leiden, weil die Christen wie die anderen Men­schen fliehen könnten. Leiden war für die erste Christenheit ein Mittel des Kampfes, das sie zum Siege führte (2 Tim. 2,3 ff). Es war für sie ein Geschenk und eine Gnade von Gott (Phil. 1,29 f). Wenn die Christenheit ihren Leidensberuf so versteht, ist sie unüberwind­bar.

Es gehört zum Geheimnis des Leidens, daß der Leidende vor den Menschen durch sein Verhalten zu einem stummen Ankläger wird, der die Ungerechtigkeit derer offenbart, die ihn verfolgen. Sein Leiden wird immer zugleich der Beweis seiner Unschuld und ein Erweis der Kraft Gottes. Es stößt die Menschen dann nicht ab, son­dern zieht sie an.

Im Leiden bekommen wir Christen eine Aufgabe. Es gibt kein echtes Christenleben, wenn es nicht ein Bekenntnis zum Leiden ist. Jesus vergleicht seine Aufgabe mit einer Taufe, die er im Leiden empfangen muß (Lk. 12,50). Er fragte seine Jünger, ob sie sich mit einer solchen Tau­fe taufen lassen können (Mt. 20,22). So führt uns auch unsere Taufe, die eine Taufe in den Tod Jesu ist (Röm. 6,3 ff), in das Leiden mit dem Herrn hinein. Wir bekommen an dem Tode Jesu Anteil und werden als Erlöste zum Leiden berufen. In ihm können wir uns nur durch seine Kraft bewähren (1 Kor. 10,1 ff). Die Stärkung dazu erhalten wir im Abendmahl, das uns die Frucht des Leidens unseres Herrn mitteilt und das wir immer wieder zum Gedächtnis des Todes Jesu feiern sollen. So wird jeder Abendmahls­gang ein Bekenntnis zu dem Leiden des Herrn und eine Verkündi­gung der in ihm geschehenen Erlösung (1 Kor. 11,26). Mit dem Abend­mahl haben sich die Christen immer wieder zum Leiden gerüstet. Es gab ihnen im Angesicht des Todes die Kraft, den Weg, der für sie in der Taufe begonnen hatte, zu Ende zu gehen. Wie sich die Sen­dung Jesu im Leiden vollendete, so führt auch die Nachfolge Jesu ins Leiden. Wohl dem, der in der Kraft Jesu darin bestehen kann!

IV. IM LEIDEN WIRD DAS EVANGELIUM WEITERGEGEBEN

1. Wenn wir sagten, das Leiden habe seinen Ort in der Heilsgeschich­te, so konnten wir das vom Leiden Christi her deuten. Damit ist aber das Letzte noch nicht ausgesprochen. Jesu Leiden hatte nicht seinen Sinn in sich selbst. Es war ein Leiden für andere zur Erlösung, ein Leiden für alle Menschen. Es war ein Sterben zur Errettung der Menschheit. Es hat eine einma­lige, aber zugleich umfassende Be­deutung. Sollte das Leiden seiner Gläubigen nicht einen ähnlichen Sinn haben? Da sie selbst Sünder sind, kann es wesensmäßig nicht Erlösungsleiden sein. Es ist für Gott aber ein Mittel, den Menschen die Erlösung zu bringen. Wie der Herr das von ihm begonnene Werk durch den Dienst der Kirche und der Mission unter den Menschen nach seiner Erhöhung fortführt, bis er wiederkommt, so setzt er es auch in dem Leiden seiner Gemeinde insofern fort, als er es benutzt, um die Frucht seines eigenen Leidens den Menschen zu bringen. „Sein Leid hat das der Arbeiter in seiner Ernte nicht überflüssig gemacht, sondern vielmehr ermöglicht, daß es ein segensreiches und fruchtbringendes werde; auch nach ihm gilt der Grundsatz: keine Arbeit im Reich Gottes ohne Leid.“[5] Das Leiden verbindet sich mit dem Weg des Evangeliums durch die Welt. Es hindert nicht die Aus­breitung des Evangeliums, sondern Gott macht es zum Missions­mittel, das die Menschen für Jesus Christus gewinnt. Paulus hat darum seine Gefangenschaft nie so verstanden, als wenn damit sein Missionsberuf zu Ende wäre Sie ist zur Förderung des Evangeliums geraten, und an seinem Leiden haben viele Brüder den Mut ge­wonnen, desto kühner das Evangelium zu reden. Das alles wider­spricht der menschlichen Vernunft. Wie vieles im Reich Gottes, so ist auch die Kraft zum Leiden und seine Wirkung ein Mysterium (Phil. 1,13 f).

Gott geht dabei geradezu einen paradoxen Weg. Er macht am Leiden der Gemeinde für die Menschen sichtbar, daß er der Herr ist, dem alle Menschen gehören. Während alle Herrscher der Welt ihre Macht in der harten Gestalt der Gewalt ausüben, während alle Menschen auf ihre Autorität pochen, die ihnen gegeben ist, kommt Gott gerade dadurch zum Ziel, daß er nicht Macht und Gewalt aus­übt, sondern sich laufend bekämpfen und von Seiten der Menschen in die „Niederlage“ führen läßt. Er wirkt in der Ohnmacht, im Wi­derspiel der Macht. Während alle Menschen von dem sogenannten „Heldischen“ beeindruckt sind und aus Leistungen, die an das Über­menschliche grenzen, ein Idol machen, durch welches sie ihr Götzen­tum verwirklichen, erweist sich Gott darin als Gott, daß er aus dem, von dem die Menschen überhaupt nichts erwarten, etwas macht und damit seine Sache zum Siege führt. Die Gemeinde muß sich darum in das Erleiden der Verfolgung, in den Untergang, in das Sterben hineinnehmen lassen (1 Kor. 15,30 f; 2 Kor. 4,8—12; 1,4—7; Phil. 1,12—14). In den verachteten, schwächlichen, zerbrechlichen Gefäßen der leidenden Christen offenbart er die Fülle seiner Kraft und führt damit den Menschen vor Augen, daß dort, wo ihre Macht zu Ende ist, die Göttlichkeit seines Wirkens das Ziel erreicht (2 Kor. 4,7 ff).

Eduard Schweizer hat recht, wenn er feststellt: „Die Gemeinde übt ihr allgemeines Priestertum so aus, daß es ein Teilhaben am Leidensweg Jesu wird. Wo der Dienst so angesehen wird, werden Würde und Kompetenz nebensächlich.“[6] Dafür ist 1 Thess. 1—3 ein bezeichnendes Beispiel. Durch das Bekenntnis zum Leiden des Apo­stels und durch das Leiden, das die Christen willig trugen, wurden sie zum Vorbild, so daß es zu einer spontanen Ausbreitung des Evan­geliums kam. Allein aus der Erkenntnis heraus, daß Gott im Leiden der Kirche siegt und die Welt überwindet, können die Christen den Mut zum Bekenntnis und die Kraft zum Leiden nehmen.

Wir westlichen Christen müssen wieder ganz neu lernen, wie Gott durch das Leiden den Fortgang seines Reiches bestimmt. Wenn seine Kirche leiden muß, hat er Großes mit ihr vor. Er läßt sie nicht leiden, um sie zu vernichten, sondern um sie in ihrem Leiden für eine be­sondere Aufgabe zu erneuern. Er führt nicht ins Leiden, um die Kirche zu schwächen, sondern um ihren Dienst fruchtbar zu machen. Natürlich gibt es auch Gerichtsleiden, davon geben die Sendschreiben der Offenbarung ein beredtes Zeugnis. Gerichtsleiden sind aber nie Vernichtungs­leiden, sondern eine Gnadenstunde Gottes, in welcher er einer Kirche die letzte Möglichkeit gibt, daß sie zum Zeugnis, zum Leben aus ihm zurückfinde. In ihnen werden dann die Schwächen und die Sünden der Kirche offenbar. Jedes Leiden soll darum die Kirche zunächst einmal in die Besinnung führen, ihre falschen Wege der Sicherheit zu verlassen und sich erneut ganz Gott anzuvertrauen. Dann aber wird das Leiden der Weg zur Erneuerung der Kirche. So ist auch das Gerichtsleiden Gnade.

Es ist bedeutsam zu sehen, daß im Laufe der Kirchengeschichte keine Kirche untergegangen ist, die sich durch das Leiden zunächst selbst in die Umkehr führen ließ. Die Kirche wird erst dann zu einem Instrument Gottes, wenn sie in der Erneuerung zum Bekennt­nis und zum Zeugnis findet. Wenn Gott seine Kirche leiden läßt, ruft er sie zur Bezeugung seines Willens. Das trägt zu ihrer eigenen Erneuerung bei und macht sie fähig zum Dienst in einer antichrist­lichen Umwelt.

2. Gott gewinnt also die Menschen oft so, daß er seine Gemeinde ins Leiden führt. Darum ist das Leiden aufs engste mit der Sendung und mit dem Dienst der Kirche verbunden. Wie die Missio Dei bei der Sendung seines Sohnes im Leiden ihre Krönung und in der Auferstehung ihre Vollendung fand, so wird auch die Sendung der Kirche, ihr Weg zu den Völkern, ihr Dienst in der Welt von den Leiden begleitet sein. Als Paulus von dem auferstandenen Herrn berufen wird, wird dem Ananias gesagt: „Gehe hin, denn dieser ist mir ein auserwähltes Gefäß: daß er meinen Namen trage vor Heiden und Könige und die Söhne Israels. Denn ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß für meinen Namen.“ (Apg. 9,15 ff). Der Mann, der berufen ist, den Namen Jesu bis vor die Könige zu tragen, wird mit der Beauftragung zum Leiden berufen, denn dieses wird für ihn zum Mittel, das Evangelium den Völkern kundzutun. In ihm verwirklicht sich also die Sendung des Paulus. Er trägt im Leiden den Namen des Herrn weiter. Im Leiden wird der Apostel des Herrn zum Werkzeug, in ihm empfängt er seine Legitimation als Apostel (2 Kor. 11,23—29). Sein Leidenskatalog ist ein einzigartiger Beweis dafür, wie das Leiden die Sendung begleitet.

Auch Jesus selbst sieht in seinem Leiden die Bestätigung seiner Sendung (Joh. 18,36 ff). Der Auferstandene stellt sich seinen Jüngern als der dar, der sich durch sein Leiden ausgewiesen bat, und als solcher gibt er ihnen den Missionsauftrag (Apg. 1,3). In ihm hat sich erfüllt, was Gott durch seine Propheten über das Leiden vorausge­sagt hat (3,18). Nahezu überall, wo Paulus den Juden das Evangelium verkündigt, erfährt er das Leiden, wie es sein Herr tragen mußte. Durch das Leiden weist er sich als Diener Jesu aus (Gal. 6,17). Er versteht sein Leiden als die Konsequenz der von ihm verkündigten Botschaft (2 Tim. 1,12). Es geht also in unse­rem Christsein nicht allein darum, uns im Leiden zu bewähren, es ohne Murren zu tragen, sondern die Bewährung besteht darin, daß wir im Leiden die Sache Jesu Christi vertreten. Der Apostel bringt den Wahrheitserweis für seinen Dienst darin, daß er sich selbst, sein Leben zum Opfer hingibt (2 Tim. 4,6—7; 1 Thess. 2,8).[7] Das ist mehr als geduldig sein im Leiden. Unser Verhalten in der Anfechtung der Trübsale soll der Verkündigung des Evangeliums dienen.

Hier bekommt das Leiden einen tiefen Missionsbezug. Wie soll das, was Jesus für die Men­schen am Kreuze getan hat, den Hörern des Evangeliums überhaupt verständlich werden, wenn es ihnen nicht in den Jüngern Jesu bildhaft vor Augen tritt? „Die Kreuzigung muß, wie auch die Fleischwerdung in den Botschaftern Christi ihre Verdoppelung finden.“[8] Der Herr Jesus will seiner Kirche auch im Leiden Fleisch werden. Der Christ kann darum im Leiden wohl um sein Leben bangen, er darf aber nicht in der Weise sein Leben zu erhalten suchen, daß dieser Sinn des Leidens verschwindet. Die Kikuyuchristen konnten darum unter den Leiden des Mau-Mau- Aufstandes nur beten: „Nicht, daß wir bewahrt werden, sondern daß wir Glauben halten.“[9] „Herr, ich bitte nicht, daß du mich errettest, aber gib mir Beständig­keit.“ Weil Christus gelitten hat, darum können die Christen leiden. Etwas von dieser Kraft sollte in allen Leiden in Erscheinung treten.

Damit ist bereits gesagt, daß Gott in seiner Mission und damit in dem mit ihr verbundenen Leiden selbst der Handelnde ist. Er macht das Leiden zur Martyria, zum Zeugnis und entzieht damit die Ver­kündigung jeder menschlichen Weisheit der Angleichung. Martyria ist immer Tat- und Tatsachenzeugnis und trägt damit in sich selbst den Wahrheitsbeweis für das Bezeugte. So erweist sich Gott in der Martyria als der Lebendige und den Menschen zum Trotz Wirkende. Dabei ist nicht ausgeschlossen, daß die Verfolgung um des Glaubens willen auch eine Verschuldung der Verfolgten und der Verfolger, feindliches Handeln gegen Gott sein kann (Mt. 23,34 f: Joh. 5,16. 15,20; Apg. 7,52. 9,4). Andererseits benützt Gott im Leiden die Feind­schaft der Welt, um sein Evangelium auszubreiten. So gehört das Leiden zu den Wirkungsweisen Gottes. Es kommt nun darauf an, daß sich die Christen ins Leiden nehmen lassen, um durch das Leiden die Souveränität Gottes in ihrem Dienst zu bezeugen.

Da sich die Gemeinde im Leiden immer wieder zu ihrem Herrn bekennt, bezeugt sie den Menschen den Anspruch und die Herr­schaft Gottes. Darum wird jedes Prüfungsleiden der Gemeinde zu einem Bekenntnis vor der Welt. Während die Menschen glauben, sie könnten die Gemeinde durch Unterdrückung ins Ghetto verban­nen, stellt Gott sie eben durch dieses Handeln der Welt in die größte Öffentlichkeit und führt mit ihr den Kampf gegen seine Feinde. Er beteiligt sie an der Auseinandersetzung mit seinem Widersacher. Da­durch wird das Leiden ein eschatologisches Geschehen. Die Offen­barung des Johannes sagt uns, daß dies so bleiben wird, bis Christus wiederkommt und mit seinem Sieg sein Reich aufrichtet. Wie die Mission bis zum Ende der Tage fortgehen wird, so wird auch das Leiden der Kirche erst mit der Wiederkunft Christi zu Ende sein. Daran sind wir alle beteiligt. „Für den Zeugen Jesu aber gibt es keinen anderen Weg, um sein Zeugnis und seinen Glauben vor der Welt zu bewähren, also mit seinem Zeugnis ‚offenbar‘ zu werden, als das Leiden.“[10]

3. Wenn wir uns fragen, warum die Welt nicht anders an der Gemeinde handeln kann, so wird die Antwort einen dreifachen Bezug aufweisen:[11] Zum ersten muß die Gemeinde immer wieder leiden, weil sie einem anderen Herrn untersteht. Das wird in den jungen Kirchen sichtbar, wenn sich Leute taufen lassen. Mit der Taufe setzen die Verfolgungen ein, weil an ihr sichtbar wird, daß der Getaufte mit dem von der religiösen Tradition bestimmten alten Wesen gebrochen und sich dem von der Sippe bestimmten Leben entzogen hat. Er hat nun einen neuen Herrn. Die Christen in Japan wurden vor dem Krieg immer wieder bespitzelt. 1938 wurde den Pfarrern in Japan folgender Fragebogen vorgelegt: 1. Wer ist der Gott der Christenheit? 2. Wie denken Sie als Christ über die 8 Millionen Götter unseres Landes? 3. Welches Verhältnis besteht zwi­schen dem Tenno und dem Christengott? 4. Welches Verhältnis be­steht zwischen dem Herrscher eines anderen Landes, etwa dem König von England, und dem Gott der Christenheit? 5. Welches Ver­hältnis besteht zwischen den kaiserlichen Erlassen und den Geboten der Bibel? 7. Wie denken Sie über die Ahnenverehrung und den Gang zu den Schreinen? 8. Wie denken Sie über die Ahnen des Kaisers? 9. Was bedeutet die Absolutheit des Christentums? Die Stellung zu Christus wurde also der Prüfstein der Stellung zum Kaiserhaus. Im Grunde genommen tritt aber diese Haltung überall dort auf, wo die Christen dem Staat erklären müssen, daß sie be­stimmte Forderungen nicht erfüllen können. Das Dasein der Kirche ist immer eine Infragestellung der Allmacht des Staates. Nichts ist dafür bezeichnender als die Kampfansage aller totalitären Staats­formen gegen die Kirche des Evangeliums. Sie können es nicht dul­den, daß in ihnen Menschen leben, die sich an einen anderen Herrn gebunden fühlen.

Zum andern aber müssen die Christen auch leiden um ihrer eschatologischen Botschaft willen. Die Kirche verkündigt das zukünftige Gericht, die Realität der unsichtbaren Welt, das Eintreten der end­gültigen Herrschaft Jesu. Durch die endzeitliche Hoffnung wird die Machtvollkommenheit der Menschen in Frage gestellt. Wenn der Tod nicht das letzte Wort ist, dann kann die Christen das Wüten der Men­schen nicht erschrecken. Wenn es ewiges Gericht gibt, dann müssen sich auch die Tyrannen verantworten. Nur dort, wo die Menschen an den Auferstandenen glauben, entsteht die wirkliche Freiheit zum Leiden. Bei dem Mau-Μau-Auf stand sagte ein Pfarrer: „In einer Zeit wie dieser bedeutet Jesus entweder alles oder nichts.“[12] Einen Mittelweg gibt es nicht. Durch diese Haltung müssen die Christen oft das Mißtrauen in Kauf nehmen, als wären sie „politisch unzuver­lässig“. In Wirklichkeit weisen sie die Menschen auf die letzte Ver­antwortung hin. Die eschatologische Botschaft wird dem Absolutis­mus gefährlich, darum wird den Christen verboten, die Wiederkunft Christi zu predigen. Das war im Dritten Reich so, ähnlich ist es im kommunistischen Raum.

Eine dritte Ursache ist die ökumenische Gemeinschaft der Christen. Durch sie werden die Grenzen der totalitären Staaten überbrückt und die den Menschen angelegten Fesseln wertlos. Darum schließen solche Staaten ihre Grenzen besonders für die Kirche. Es wird immer wieder versucht, die lebendigen Bande der Ökumene zu zer­schneiden. Das ist in den letzten Jahren besonders an China deut­lich geworden, wo den Christen jede Verbindung mit der Außenwelt genommen wurde. Ähnliches Mißtrauen und ähnlicher Argwohn be­gegnen der Kirche in den Ländern, wo der Nationalismus die Lei­denschaften der Menschen bestimmt. Die junge Kirche muß vor allem um ihrer ökumenischen Gemeinschaft willen leiden. Unter diesem Vorzeichen wird das Bekenntnis zur Ökumene ein Bekennt­nis zu Christus. „Die Ökumene ist vielmehr das Zeichen dafür, daß es eine durch alle Völker und Rassen hindurchgehende Gemeinschaft, das Volk Gottes unter den Völkern, gibt, dazu berufen, das Evan­gelium zu verkündigen, von der Wirklichkeit des in der Gemeinde gegenwärtigen Gottes Zeugnis abzulegen in entschlossenem, missio­narischem Wollen.“[13]

Diese drei Gründe sind es, die den Völkern Anlaß geben, die Ge­meinde des Herrn zu verfolgen. Wir spüren, wie sie auf das innigste mit dem Wesen der Sendung zusammenhängen. Sie sind mit dem Auftrag der Kirche und mit ihrer Gemeinschaft gegeben. Würde die Kirche darauf verzichten und sich dem Willen der Menschen beugen, würde sie aufhören, Kirche zu sein. Die Kirche muß also leiden, damit die Menschen ihre Botschaft ernst nehmen. Sie werden da­durch vor die Entscheidung gestellt, auch wenn diese so ausfällt, daß sie sich selbst ins Unrecht setzen. Mit der Mission ist das Leiden ursprungsmäßig verbunden. Darum hat der Herr bereits die Jünger auf diese Tatsache aufmerksam gemacht (Mt. 10,17 ff; Mk. 13,9—13; Joh. 16,1 ff). Mission bleibt an das Leiden gebunden. Im Leiden gibt die Kirche das Evangelium weiter. „Die Mission … legitimiert sich nicht durch kirchliche Zeugnisse, Gott der Herr legitimiert sie durch das Leid.“[14]

V. DIE GEMEINSCHAFT DER LEIDEN MACHT DIE KIRCHE SICHTBAR

Wie die Kirche im Blick auf die Leiden in Jesu Christus ihr Vor­bild hat, so wird nun ihre Gemeinschaft im Urgrund der Leiden Jesu sichtbar. Wie alles, was sie hat und was sie sein darf, aus der Quelle fließt, die Jesus Christus durch seine Gemeinschaft ihr schenkt, so bekommt sie die Kraft, im Leiden zusammenzubleiben durch das Leiden Christi. Das Leiden, das sie so unmittelbar empfindet, weist sie auf den hin, der für sie und mit ihr leidet. Sie leidet nicht für sich selbst. Sie trägt auch nicht ein fremdes Leiden. Wenn sie leidet, dann steht sie an Christi statt. Indem sie leidet, leidet Christus, dessen Leib sie ist. Die Leiden der Christen werden so zu Leiden Christi. Saul verfolgt nicht allein die Gemeinde, er verfolgt den Herrn selbst (Apg. 9,5). Jesus Christus identifiziert sich mit seiner Gemeinde. Was ihr angetan wird, wird ihm angetan. Dies ist das korrespondierende Gesetz zu ihrem Liebesangebot: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Mt. 25,40).

Der Herr Jesus ist im Leiden mit seiner Gemeinde eins. Sie würde nicht verfolgt, wenn er nicht sein Leben in ihr verwirklichen würde und in seiner Gegenwart ihr nahe wäre. Darum fällt das, was die Welt gegen Christus hat und gegen ihn unternimmt, auf die Ge­meinde. Die Leiden Christi kommen über sie (2 Kor. 1,5). Da die Welt Jesus nicht mehr körperlich treffen kann, muß sie seine Ge­meinde verfolgen. Die Christen haben darum immer das zu tragen, was gegen ihren Herrn selbst gezielt ist Die Gemeinschaft Jesu mit den Seinen findet also auch im Leiden ihren Ausdruck. Wenn es nicht so wäre, könnten die Christen die Leiden nicht auf sich nehmen. Sie werden gehalten und gestärkt von einer höheren Hand. Auch sie hätten die Möglichkeit der Flucht, der Angleichung. Niemand kann sich erklären, warum sie es nicht tun. So ist das Leiden der Christen im Grunde auf die Wirksamkeit des Herrn zurückzuführen. Darum wird es von den Christen als ein Privilegium verstanden. Es ist innigste Verbundenheit mit ihrem Herrn, die er ihnen schenkt (1 Petr. 5,1). Darum liegt der Trost im Leiden immer bereits in diesem selbst.

Damit sie für das Leiden gerüstet sei, hat der Herr seine Gemeinde nicht allein gelassen. Er hat ihr seinen Geist gegeben. Es ist be­zeichnend, daß dort, wo der Gemeinde der Leidensweg gezeigt wird, auch von dem Beistand des Heiligen Geistes geredet wird. Hier wird nochmals deutlich, daß der Herr im Leiden mitten in seiner Ge­meinde ist. Die Gemeinde braucht sich nicht zu sorgen, was sie reden oder tun soll. Der Geist des Vaters wird selbst reden und handeln (Mt. 10,19 ff). Der Heilige Geist wird lehren, was zu sagen ist (Lk. 12,11 ff). Er wird in aller Anfechtung den Frieden geben (Joh. 14,26). Es ist die Erfahrung aller Verfolgten, daß sie ohne die Gegenwart des Herrn nicht leiden könnten.

Wenn die Gemeinde mit Christus leidet und dieser die Leiden der Gemeinde als die seinen betrachtet, entsteht das gegenseitige Mit­leiden. Wie die Gemeinde auf Grund der Leiden Christi entstanden ist, damit er die verstreuten Kinder Gottes zusammenbrächte (Joh. 11, 52), so führt Christus die Gemeinde in die Leiden hinein, damit er auch in dieser Zeit für die Menschen leiden kann. Wir werden so in der Gemeinschaft seiner Leiden seinem Tod gleichgestaltet werden (Phil. 3,10). Paulus geht sogar so weit, daß er schreibt, daß er durch sein Leiden die Drangsale Christi vollendet (Kol. 1,24). Das kann er nur sagen, weil Christus selbst in ihm leidet. In diesem Gleichgestaltet-Werden entsteht also das Mitleiden mit Christus (Apg 5,41). So finden wir im Leiden dasselbe gegenseitige, stellvertretende und doch nicht austauschbare Geschehen, das für alle Dienste gilt: Der Herr ist immer dabei. Er ist nicht allein, weil er seinen Dienst an den Menschen durch seine Gemeinde vollzieht: Und die Gemeinde ist nicht allein, weil alles, was sie ist, tun und erleiden darf, auf ihren Herrn zurückzuführen ist. Wo sie Gemeinde sein will, bekommt sie an dem Dienst und an dem Leiden Christi Anteil, weil er sie mit seinem Leibe erlöst hat und sie nun zu seinem Anteil gestaltet.

Durch Jesus Christus bekommt das Leiden der Gemeinde einen ähnlichen Sinn wie das ihres Herrn (2 Tim. 2,10). Sie darf vor allem stellvertretend für die leiden, die das Leiden verschuldet haben. Dabei muß sie in erster Linie auf sich selbst blicken; denn sie hat ja in ihren eigenen Reihen viele ungetreue Glieder. Bei einer Ver­folgung sind meist nicht alle Christen ins Leiden geführt. Gewöhn­lich werden ihnen die führenden Männer genommen. Diese leiden stellvertretend für alle Christen (2 Tim. 2,10). Ihr Vorbild soll auch die anderen mahnen, wenn nötig dieselben Leiden auf sich zu neh­men und ihren Leidensberuf nicht zu vergessen (2 Kor. 1,6). Christen leiden immer für die anderen. Wir spüren allen Leidensberichten ab, wie die Christen für die Unholde litten, wie in ihrem „Ja“ zum Leiden eine neue Geschichte für die Sünder anhebt, wie Christen für die Sünden ihres Volkes leiden. Die Kirche muß auch stellvertre­tend für die Menschheit leiden. Da sie sich immer für die Durch­führung der Gerechtigkeit einsetzen soll, hat sie für die einzutreten, die in die Hände der Ungerechten gefallen sind. Die Christen haben vor allem die unschuldig Leidenden mit der Hoffnung zu trösten, daß Christus das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens bringen wird. Wie Christus außerhalb des Lagers gelitten hat (Hebr. 13,13), so hat· sich auch die Kirche zu den Verstoßenen zu bekennen und die Schuld derer zu tragen, die Unrecht getan haben. Wer aber aus dem Lager geht, wird selbst mit in das Leiden hineingeführt, in dem die bereits stehen, die Unrecht leiden. So können Christen um des Unrechts willen leiden, das durch ihre Völker geschieht, und sich auf die Seite derer stellen, denen Unrecht getan wird.

Zu diesem stellvertretenden Leiden gehört es auch, daß sich die Christen zu denen bekennen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden, vor der Welt für sie eintreten und in der Fürbitte für sie einstehen. Das Leiden der Christen ist immer ein Leiden der Ge­samtkirche. Darum muß sich die Ökumenizität und Katholizität der Kirche darin bewähren, daß sie sich der Verfolgten annimmt (1 Kor. 12,26). Die Liebe zu den Brüdern müßte größer sein als die Furcht vor der eigenen Gefährdung (1 Joh. 3,14). Es ist kein gutes Zeichen in der evangelischen Christenheit, daß sie so wenig an die verfolgte Kirche denkt, in welcher die eigentlichen Entscheidungen für die Gesamtkirche fallen. Was in den verfolgten Kirchen geschieht, müßte die Gesamtchristenheit wachrütteln, weil dasselbe auch in anderen Gebieten eintreten kann.

Im Leiden und im Mitleiden könnte die zerrissene Christenheit in der Teilhabe an den Leiden zusammengeführt werden und im Rah­men des einen Leibes Christi denken lernen. Es ist bezeichnend, daß in der Verfolgung der Christen alle konfessionellen Unterschiede aufgehoben zu sein scheinen. Im Leiden bringen alle Kirchen, ganz gleich, wie sie sich verstehen, dieselbe Frucht. Wenn die Christen verfolgt werden, gehen aus jeder Denomination Zeugen und Mär­tyrer hervor. Es hören auf einmal alle kleinlichen Zänkereien, die Rivalitäten und Verdammungsurteile auf. Die Kirchen sind sich einig, ohne daß sie darüber verhandeln müssen, daß sie in der Verfolgung ihren Herrn bezeugen müssen, auch wenn dieses Zeugnis sie in den Tod führt. Erst hier wird voll sichtbar, daß sie alle ihren Herrn lieb haben und daß sie trotz der Getrenntheit die eine Kirche sind. Sie dürfen sich darum auch in dem Maße, wie sie am Leiden Anteil haben, miteinander trösten und sich der kommenden Herrlichkeit freuen (1 Petr. 4,13), Die Gemeinschaft, die Christus den Seinen im Leiden schenkt, verbindet sie so miteinander, daß sie eine Leidens­gemeinschaft werden. Er führt die Seinen unter dem Kreuz durch das Kreuz zusammen. So erfüllt sich im Leiden der Christen, was Jesus in seinem letzten Gebet erbeten hat.

Unter dem Leiden entsteht die Kirche in ihrer sichtbaren Gestalt, auch die eine Kirche Jesu Christi wird sichtbar, die wir sonst nur im Glauben zu erfassen vermögen. Sie ist schon da, wo der Selbstgestaltungswille der einzelnen Kirchen zerbricht und sie sich in der Hand ihres Meisters in sein Bild gestalten lassen. An dieser Einheit der leidenden Kirche wird die Welt erfahren, daß sie gegen den un­sichtbaren Herrn der Kirche einen vergeblichen Kampf führt.

VI. DURCH DAS LEIDEN WIRD GOTT VERHERRLICHT

Leiden ist, so paradox das klingt, Hilfe zum Leben, weil dem Christen im Leiden Kräfte von Gott zuwachsen, die er sonst nicht hätte. Es Whist den Christen zum Bekenntnis über sich selbst hinaus. Leiden ist ein Teil der Sendung, damit der Name Gottes, die Er­lösung durch Jesus Christus, unter den Völkern ausgebreitet und verherrlicht werde. Wo aber der Name Gottes, seine den Menschen in Jesus Christus erwiesene Liebe unter den Völkern verkündigt und durch das Leiden gepriesen wird, entsteht das Lob Gottes (1 Petr. 1,3 ff). Es gibt keine Verkündigung und kein Leben in der Gemeinde, wenn sie nicht diesem letzten Ziele dienen. So wird auch das Leiden Verherrlichung Gottes. Das widerstrebt zunächst einmal vollständig dem menschlichen Empfinden. Die Menschen versuchen, durch Ver­folgung Strafe, Schmach und Schande auf die Christen zu häufen: diese sollen, zu Verbrechern gestempelt, vor den übrigen Menschen unmöglich gemacht werden. Sie gehören zu den Verachteten. Gott aber verwirklicht durch sie das Gesetz der Torheit (1 Kor. 1,26 ff). Je mehr die Christen die Leiden auf sich nehmen, desto mehr ziehen sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf Gott, der den Seinen Kraft gibt. Die Christushasser hören, wie die Verfolgten im Leiden Gott bekennen und ihn preisen. Die Menschen stehen vor der unfaßlichen Tatsache, daß Gott sich zu den Schwachen bekennt. Darum ist es gewöhnlich so, daß sich die Kirchen gerade durch die Ver­folgungen mehren. Als vor Jahren eine von den Moslems veranlaßte Verfolgungswelle über die Christen auf Celebes ging, gab es, nach­dem die Regierung Ordnung hergestellt hatte, mehr Christen als vorher, obwohl in der Verfolgung Hunderte umgekommen waren. Der Feindschaft gegen Gott, dem Protzentum der Menschen tritt im Leiden der Gemeinde die Ohnmacht Gottes gegenüber und überwin­det im Glauben, in der Treue, im Lobe Gottes die Selbstmächtigkeit der Welt. Gott bleibt in der Schwachheit der Stärkere. So dient das Leiden der Gemeinde der Verherrlichung Gottes (1 Petr. 2,20). Es wird der Welt offenbar, daß es Gesetze Gottes gibt, die keine Macht der Erde außer Kraft setzen darf.

Es ist besonders der Evangelist Johannes, der die Paradoxie Lei­den-Verherrlichung Gottes beschreibt. Man kann den Begriff Doxa-Herrlichkeit, den er so gerne gebraucht, losgelöst vom Leiden über­haupt nicht erklären. Die Verherrlichung Jesu unter den Völkern geschieht da­durch, daß er selbst als Weizenkorn erstirbt und dadurch Frucht bringt. Die Stunde der Angst und die Stunde des Leidens ist die Stunde, wo Gott seinen Namen verherrlicht (12,23 ff). Als Jesus hinausgeht in die Nacht, um das Kreuz auf sich zu nehmen, geschieht die Verherrlichung Gottes und seines Sohnes (13,31). Als Jesus in seinem letzten Gebet alles dem Vater übergibt, was ihm auf getragen ist, weiß er, daß er in die Stunde der Verherrlichung geht, die ihm die Gemeinde der Erlösten darbringen wird (17,1—5). Die Verherr­lichung wird sich fortsetzen in der Ewigkeit und wird gerade von denen kommen, die durch die Trübsal gegangen sind (Apk. 7,9 ff). Damit stehen wir vor dem letzten Geheimnis des Leidens, das kein Mensch erklären kann. Wir können dieses Lob nur nachvollziehen, wenn wir auf den blicken, der selbst am Kreuz für uns gelitten hat. Wir dürfen dann die Gewißheit haben, daß er auch uns durch Leiden zur Herrlichkeit führt.

Nachfolge heißt hier, daß wir den Weg Jesu in die Herrlichkeit mitgehen dürfen. Wenn wir uns in seine Leiden hineinnehmen lassen, dürfen wir auch wissen, daß er uns in die Herrlichkeit führt, die er durch seinen Tod für uns geschaffen hat. Daher ist unser Leidensweg kein planloser; er hat durch unseren Herrn ein großes Ziel bekom­men. Auch hier sollten wir nicht sofort an unsere Seligkeit denken, sondern an die Verwirklichung des Reiches Gottes am Ende der Tage. Wir sind Miterben Christi, wenn wir anders mitleiden, um auch mit ihm verherrlicht zu werden. Wir dürfen also an dem teilhaben, was Jesus selbst empfangen wird (Röm. 8,17). Dann kann uns niemand mehr scheiden von der Liebe Gottes (8,38 f). Wenn wir sein Sterben an uns tragen, werden wir auch an seinem Leben Anteil haben (2 Kor. 4,10; 2 Tim. 2,11; 1 Petr. 5,1). Er wird uns als seine Söhne zur Herrlichkeit führen, die ihm um seines Todesleidens willen ge­schenkt wird (Hebr. 2,9 ff). Die Verheißungen der Herrlichkeit sind für die Christen der Ansporn und geben die Kraft zum Leiden. Die Hoffnung des ewigen Lebens und die Gewißheit des Endsieges Jesu ist immer die tragende Kraft in den Verfolgungen.

Dennoch ist es um das Leiden eine sehr ernste Sache. Niemand kann anders als mit zitterndem Herzen daran denken, daß er selbst einmal im Leiden den Namen seines Herrn verleugnen könnte. Es darf uns vor diesem Weg bange sein, so wie unser Herr zitterte und zagte. In Überheblichkeit kann niemand ins Leiden gehen. Der Weg des Leidens ist ein Weg auf der Messerschneide, er kann immer zum Abfall führen. Niemand kann im voraus sagen, wie er sich unter der Verfolgung verhalten würde. Niemand kann sich in Ver­folgungszeiten auf Menschen verlassen. Die Geschichte der Verfol­gungen hat gezeigt, daß führende Persönlichkeiten zu Verrätern werden. Andererseits werden Christen zu Bekennern, die nie hervor­getreten waren. Es steht jeder in der Gefahr zu verleugnen, und es ist jeder zur Treue gerufen. Wir können uns vor dem Leiden nicht so schützen, daß wir es nicht sehen wollen, es verbergen, nicht dar­über reden oder es zu vermeiden suchen. Im Neuen Testament ist das anders. Da werden die Gemeinden bewußt zum Leiden erzogen und darauf vorbereitet. Die Christen wurden auf die Gefahren hinge­wiesen, sie wurden ermahnt und sie wurden mit der Hoffnung aus­gerüstet (Apg. 14,22; 1 Thess. 3,3; Eph. 3,13; 2 Tim. 3,12). Erst wenn wir das tun, kommt alles kirchliche Geschehen ins rechte Blickfeld.

Das Wissen um die Gegenwart Jesu und die Hoffnung auf seinen Endsieg machen die Christen stark. Nur von der großen eschatologischen Hoffnung erfüllt, kann die Gemeinde die Verfolgungsleiden durchstehen. Sie muß wissen, daß in ihrem Leben und in der Ge­schichte nicht Menschen das letzte Wort sprechen werden, sondern der Auferstandene und Wieder kommende. Wo“ dieses Wissen vorhan­den ist, kann die Gemeinde getrost alles auf sich nehmen; denn sie steht auf der Seite dessen, der seine kämpfende Kirche in die Herr­lichkeit führen wird.

„Je stärker die Kirche … konform wird mit ihrem Herrn, um so mehr hat sie teil an seinem Leiden, um so mehr steht sie in dieser späten Stunde der Geschichte, wo die Reiche dieser Welt sich zu ihrem letzten Triumph anschicken, in der Fremdlingschaft derer, die eines anderen Herrn warten. Solange wir als Kirche nicht auf diesem Weg des Leidens sind, solange ist unser Zeugnis nicht echt, hat es nicht das Siegel des Herrn, der sendet.“[15]

VII. ERKENNTNISSE DER JUNGEN KIRCHE UNTER DEM LEIDEN

Wir wollen uns in diesem Kapitel fragen, wie weit die junge Kirche das Leiden verstanden hat. Die Darstellung kann nur sehr mangelhaft sein, weil der Stoff dazu nie gesammelt wurde. Die Missionsberichte sind in der Darstellung des Leidens sehr nüchtern und zurückhaltend geworden. Das liegt nicht nur in der Leidens­fremdheit der missionierenden Christenheit, sondern vor allem auch in der prekären Lage der jungen Kirchen begründet. Es gibt heute nur wenige, die nicht unter der Anfechtung stehen. Sie möchten durch eine offene Berichterstattung ihre Stellung innerhalb ihrer Staaten nicht verschlimmern. Sie sind weithin bestrebt ihren Bestand zu er­halten und wissen nicht, daß die Bezeugung des Evangeliums ihre einzige Waffe ist. Es ist paradox, wenn man liest, daß sie sich dabei auf ein stilles Zeugnis beschränken möchten. Gibt es das? Sie leiden vor allem darunter, daß sie als Reste des Kolonialismus bezeichnet werden. Ihre Völker können nicht verstehen, daß die Christen eine eigene Gemeinschaftsform innerhalb des Volkes haben müssen. Nach ihrer Auffassung muß sich Volks- und Religionsgemeinschaft decken. Jeder Entscheid für eine andere Religion wird damit Verrat am Volke. Darum finden wir überall Bemühungen, die Christen wieder in die ursprüngliche Religion zurückzuführen. Das ist auch dort so, wo in den Verfassungen die Religionsfreiheit verankert ist. Im be­sten Fall stehen die Kirchen unter einem Minderheitsstatus. In dieser Situation lernen die Christen das Leiden verstehen. Andererseits dürfen wir nicht übersehen, daß das Lebensideal der abendländischen Christenheit, das heute auf der ganzen Welt durch unse­re sozialen Hilfen empfohlen und von den Völkern verwirklicht wird, die Hal­tung der jungen Kirchen nicht erleichtert. Sie können dieses mit dem Sinn des Leidens kaum in Einklang bringen. Die chinesischen Chri­sten mußten z. B. in allen Zeiten durch das Leiden gehen, dennoch haben die Missionen so gehandelt, als läge in der Verwirklichung des westlichen sozialen Wunschbildes die einzige Rettung. Ähnliches wiederholt sich heute auf globaler Ebene. Wo finden wir noch eine Zurüstung auf das Leiden und das Ziel der Weltüberwindung durch das Leiden? Der Widerspruch zwischen dem sozialen Ziel und der Botschaft des Neuen Testaments ist so flagrant, daß die christlichen Hörer kaum eine Brücke zu schlagen vermögen. Dennoch lernen sie am Leiden das Evangelium verstehen und in ihm ihre Unsicherheit überwinden. In dem allem wird sichtbar, daß die jungen Kirchen in einem viel stärkeren Maße Ergebnisse der missionierenden Chri­stenheit sind, als wir wahr haben wollen. Wann werden wir einmal fragen, wieweit unser Leben und Denken den anderen Christen zum Schaden gereicht?

Wie unsre Haltung dem Verständnis des Evangeliums im Wege stehen kann, wird an einigen Bewegungen am Kongo und in Rho­desien sichtbar, die zum Ziel haben, das Geheimnis der Weißen zu entdecken, die offenbar nur den „Gottestod“ und nicht den „Men­schentod“ sterben müssen. Gemeint ist damit, sie könnten ihr Leben solange verlängern, bis die von Gott festgesetzte Stunde gekommen sei, während die Afrikaner durch menschliche Schuld früher sterben. Diese Meinung entstand dadurch, daß die Afrikaner nur wenige Weiße in Afrika sterben sahen. Wir spüren, wie unter ihnen selbst der Tod ein Missionar sein könnte, wenn die Missionare in Afrika zu sterben wagten.

Auf Grund dieser Tatsachen, finden wir nur selten, daß die jungen Kirchen das Leiden in seiner Tiefe verstehen. Selbst ein Kagawa sah in dem Tod Jesu nur das Symbol der letzten und restlosen Hingabe an ein Ziel, ähnlich, wie ihn Gandhi und seine Anhänger verstanden haben. Nur in Neuguinea fand ich Aussagen darüber, daß das Leiden zum Wesen des Evangeliums gehöre. Die Christen dort mußten während des Krieges durch tiefe Leiden gehen. Ihnen folgte die sogenannte Cargobewegung, deren Ziel es ist, den Weißen das Geheimnis abzulauschen und es zu verwirklichen, wie sie auf Grund des Evangeliums zu ihrem Wohlstand kommen. Die treuen Christen setzten ihre Leidenserfahrung gegen diese Verzerrung des Evangeliums ein. „Die Zweifler werden in schweren Zeiten die Ge­meinde verlassen. Die Glaubenden aber bleiben bei dem Herrn und lassen sich nicht verführen. Durch das Leiden verklärt uns der Herr in sein Bild. Er wird im Leiden unser Bruder und wir dürfen seinen Schmuck an uns tragen. Die Herrlichkeit Jesu im Leiden ist er­schreckend groß. Seine Herrlichkeit war Armut, Hunger, Besitz­losigkeit, Heimatlosigkeit, Haß. Jesus ging den Schmerzensweg, da­mit wir Friede und Freude haben können. So haben wir den Herrn Jesus durch das Evangelium kennen gelernt und so lieben wir ihn. Die Gaben des Evangeliums sind in Leid eingewickelt. So war es, als Jesus das Evangelium verkündigte, so ist es heute. Wer die Ge­stalt Jesu an sich tragen darf, lebt im Gebet und im Leid. Als die Leiden über uns kamen, sagten wir uns: Jesus hat sich für uns dahin gegeben, darum dürfen auch wir leiden. Wir haben gebetet: ,Gott, du kannst doch nicht zulassen, daß deine Gemeinde, die du durch deinen Sohn erkauft hast, zerstört wird. Du kannst doch nicht zugeben, daß man deine Jugend, die auf deinen Namen getauft ist, verführt!‘ “ Die Papuachristen hatten erkannt, daß Jesu Sendung im Leiden zur Erfüllung kam und daß sich deswegen auch ihr Leben an diesem Ziel ausrichten mußte. Ähnlich wird von einem chinesischen Christen berichtet, der schrieb: „Wenn man erwählt ist, muß man ohne Zau­dern sich erheben und seinen Weg nach Golgatha gehen.“[16] Unser Wohlstandsdenken ist wahrscheinlich die größte Verdunkelung des Kreuzes.

Das Leiden tritt an die jungen Christen in vielfältiger Gestalt heran. Auch sie stehen in ihrem persönlichen Leiden vor einem Rätsel. Während sie es früher auf dämonische Einwirkungen zurück­führten, wissen sie sich jetzt oft von Gott darin angesprochen. Das hervorstechendste Beispiel, das mir bekannt wurde, ist Lugu aus Formosa. Sie verlor in der Zeit ihrer Bekehrung drei Kinder. Ihre Leute erklärten den Verlust als Rache der Dämonen, sie aber hörte aus dem Leid heraus die Stimme Gottes, sich umso treuer für seine Sache einzusetzen. Sie bekam den Eindruck: „Wenn Gott so die Men­schen (aus dem Tod) zum Leben führt, besteht kein Anlaß, sich in der Stunde des Todes zu sorgen. Der Tod ist nichts Schweres mehr.“[17] Auch hier ist Jesu Erlösungsleiden der größte Trost. Die Papua­christen schmücken oft ihre Gräber mit Kreuzen, die auf den Quer­balken kleine Kreuze tragen. Nach dem Sinn gefragt erklärten sie: „Weißt du nicht, daß Jesu großes Kreuz unsre kleinen Kreuze trägt.“

Mit dem Verfolgungsleiden werden die Christen in Afrika und Asien bereits bei der Taufe bekannt. Die wenigen Beispiele gelten für viele. Die Nichtchristen spüren besser als wir, daß Taufe die Entscheidung für einen anderen Herrn ist. Darum tun sie alles, um diese zu verhindern. In Indonesien werden seit Kriegsende viele Mohammedaner Christen. Vonseiten der Verwandten wird alles ge­tan, um sie davon abzuhalten. „Sie nahmen uns die Kleider, die wir nicht gerade trugen, weg, verweigerten uns das Essen und er­klärten meinem Bruder und mir, wir sollten Vater und Mutter nicht mehr als unsere Eltern betrachten. Später kam mein Onkel, der Soldat ist, zu uns auf Besuch. Er nahm uns auf die Seite und fragte uns: ‚Ist es wirklich wahr, daß ihr Christen werdet?‘ Wir ant­worteten: ‚Ja!‘ Da wurde der Onkel böse und erklärte: ‚Wißt ihr, daß ich nach Hause kam, um euch zu töten? Lieber sehe ich euch im Grab, als daß ihr Christen werdet!‘ Er zog seine Waffe mit den Worten: ‚Wollt ihr noch Allah und seinen einzigen Propheten an­erkennen?‘ ‚Aber Onkel‘, sagten wir, ‚willst du uns wirklich töten, weil wir uns zu Jesus bekennen? Tu, was du willst, mit uns. Wir hören nicht auf zu glauben, daß Jesus unser Heiland ist. In unsrem Herzen bitten wir Gott um Kraft, standzuhalten.‘ Da geschah etwas völlig Unerwartetes. Plötzlich wurde unser Onkel bleich und sank zu Boden. Seine Waffe war ihm entfallen …, zu unsrer Verwunde­rung wurde kein Wort mehr über die Sache gesprochen.“[18] Durch die­sen Bekennergeist erfolgte ein großer Einbruch in den Islam. Aus Indien wird berichtet, daß eine Frau sich und ihre Kinder gegen den Willen ihres Mannes taufen ließ. Er erlaubte ihr, Weihnachten in ihrem Hause zu feiern. Als der Mann sah, wieviele Menschen kamen, setzte er seine Frau in eine Rikshaw und schickte sie heim.[19] Wie ernst die Entscheidung bei der Taufe sein kann, wird durch den Ausspruch eines Christen aus Formosa bewiesen. „Mit der Taufe ist es genauso, als wenn im Krieg jemand einem ‚Himmelfahrtskomman­do‘ zugeteilt wurde. Wenn wir getauft sind, müssen wir bereit sein, unser Leben für den Herrn hinzugeben. Wir dürfen in unsrem Glauben und in unsrer Treue nicht wanken. Christus ruft uns durch die Taufe in ein Leben der ganzen Hingabe; denn durch sie gehören wir ihm allein mit Leib und Seele!“

Jeder, der sich mitten in heidnischer Umgebung taufen läßt, spürt etwas von dem Ernst der Frage, die Jesus den Seinen stellte: „Könnt ihr euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“ Er verneint dabei nicht, daß sie diese Taufe auf sich nehmen müssen (Mt. 20,22 f). Die Christen wissen darum, daß Leidensflucht eine ganz ernste Sache ist. „Im Norden des Landes (China) werden eines Tages die Christen einer Stadt aufgeboten, mit Schaufeln und Hacken anzutreten. Vor der Stadt müssen sie einen Graben aus­heben. Nach getaner Arbeit wird ihnen befohlen, ihre Werkzeuge beiseite zu legen und sich in dem mannstiefen Graben aufzustellen. Sie werden umzingelt. Flucht ist unmöglich. Die Mörder schütten den Graben zu und die Christen werden lebendig begraben. Als sie aber die Situation erfassen, singen sie ihre Lieder zu Lob und Preis ihres Herren, bis dem letzten tatsächlich der Mund gestopft ist.“[20] „Yod und Mateo, die Ältesten von Nobonob (Neuguinea) empfingen die japani­schen Soldaten, die ins Dorf zogen. Sie leugneten nicht, daß amerikanische und australische Missionare ihre Freunde sind und sie bekannten sich zu ihrem Herrn Jesus Christus. Die Japaner riefen die Bewohner zusammen, ihr Offizier verbot den Leuten zu Gott zu beten … Um seinem Wort Nachdruck zu geben und alle Leute grausam zu warnen, ließ er die beiden Ältesten ergreifen und vor der Gemeinde enthaupten … ‚Sie starben wie unsre Missionare. Wir schickten uns in den Willen Gottes. Unser Glaube war erschüt­tert, aber er hielt uns‘.“[21] In den islamischen Ländern gilt der zum Christentum Übergetretene für tot.

Der in der Taufe vollzogene Entscheid bestimmt also das ganze Leben. Er wird bei jeder Abendmahlsfeier wiederholt. Wer am Abendmahl teilnimmt, bekennt sich zu dem Tod Christi und damit zum Leiden Als in Kenyia die Kikuyuchristen gezwungen wurden, den Mau-Mau-Eid zu schwören, der durch Trinken von Ziegenblut unverbrüchlich gemacht werden sollte, weigerten sich viele von ihnen mit der Begründung: „Ich habe am Tisch des Herrn Jesus getrunken, das reicht für mich aus. Ich fürchte mich nicht, zu sterben. Ich habe das Blut Christi getrunken, wie kann ich da zurückfallen und das Blut einer Ziege trinken.“[22] So erkannten die Christen am Abend­mahl, daß sie zum Leiden berufen waren.

Weil es um die Nachfolge Jesu so ernst steht, sollen sich die Chri­sten mit einer Leidensgesinnung wappnen (1 Petr. 4,1). Nur wer in seinem Christenleben mit der Realität der Leiden rechnet, wird auch in der Leidensbereitschaft stehen. Als ein junger Chinese darauf aufmerksam gemacht wurde‘, daß er durch die Verkündigung des Evangeliums sein Leben auf das Spiel setze, schrieb er: „Alle meine Leiden sollen allein ein Zeugnis für meinen heiligen Glauben sein, und ich wünsche, daß jeder versteht, um was es in meinem Leben und Sterben ging. Das sind meine Gründe, weshalb ich zur Ver­breitung des heiligen Glaubens auch solche schwierige Aufgaben auf mich nehme.“[23]

Wo die rechte Leidensgesinnung vorhanden ist, wird das Leiden zu einem Missionsmittel. So breitet sich auch heute noch die Kirche auf dem Weg des Leidens aus. Sie wird in ihrer Umgebung zu einer Gemeinschaft, die sich zu ihrem Herrn bekennt. Das gilt zunächst einmal für ihr bekenntnismäßiges Verhalten in Zeiten der Anfech­tung. Es gehört oft nur ein wenig Mut dazu, dem Bösen zu wider­stehen. In Westafrika sind heute die Geheimbünde wieder in voller Tätigkeit. In Lyssoka (Kamerun), hatte sich einer zum Ziel gesetzt, die Christengemeinde auszurotten. Die Christen wurden verleumdet und verdächtigt. Ihre Frauen wurden gezwungen, bei Festen des Geheimbundes als Nackttänzerinnen aufzutreten. Viele Gemeinde­glieder fielen ab. In der Unterdrückung bewährte sich vor allen Sakeo, der, als die Anhänger des Geheimbundes die Glocke stehlen wollten, diese in sein Haus nahm und sie zu den Gottesdienstzeiten läutete. So versammelte er die wenigen Getreuen. „Die Heiden wa­ren erstaunt über soviel Mut. Sakeo und die getreuen Frauen hielten durch, und nach und nach kamen die anderen auch wieder zurück.“[24]

Ein besonderes Problem ist die Haltung der Christen in politischen Wirren. In Zeiten, wo soviel Unrecht getan wird, müssen sie versu­chen, für die Gerechtigkeit einzutreten und Liebe zu üben. Als vor Jahren auf Ceylon die Wellen des Auf Standes gegen die tamulische Bevölkerung hochgingen, mußte einer der treuesten Christen sein Leben lassen. Als die Kaufläden nichts mehr an die Tamulen ab­gaben, kaufte er für sie ein und brachte ihnen die notwendigen Dinge. So rettete er viele Menschen vor dem Verhungern. Als die Aufständischen mit Waffengewalt gegen die Tamulen vorgingen, brachte er viele mit seinem Wagen in Sicherheit. Dieser christliche Dienst kostete ihm schließlich das Leben.[25] Bei dem Bürgerkrieg in Indien waren 1947 die Christen eine zeitlang sehr gefährdet. Beide Parteien, Hindu und Mohammedaner fragten sich, ob sie mit ihrem Gegner nicht auch die Christen ausrotten sollten. Die Christen waren ständig bedroht. Dennoch taten sie fröhlich ihren Dienst. Sie nahmen sich der Verwundeten und der Vertriebenen an. Sie übten mitten in einer Welt des Hasses die Liebe. Die Haltung der Christen in sol­chen Zeiten haben wohl indonesische Christen am besten begründet. Als in Indonesien die Freiheitskämpfe tobten und die Christen ge­zwungen werden sollten, an ihnen teilzunehmen, rechtfertigten viele ihre Stellung mit der Erkenntnis: „Ihr ruft immer: Freiheit! Gerech­tigkeit! Dabei merkt ihr nicht, wie ihr durch eure Leidenschaften immer tiefer in die Gebundenheit kommt und um der Freiheit willen jeden Tag neue Ungerechtigkeiten begeht. Allein wir Christen sind die wirklich Freien! Wer von Christus freigemacht ist, kann die Freiheit nur so bewahren und erreichen, daß er immer für die Ge­rechtigkeit eintritt.[26]

Eine solche Haltung der Christen setzt allerdings bereits bestimmte Einsichten voraus, die in den Kirchen nicht ohne weiteres gegeben sind. Darum muß eine Kirche erst ihr Verhältnis zu ihrem Herrn bestimmen, bevor sie dem Staat gegenüber ihren Herrn bezeugen kann. Die Voraussetzung zum Bekenntnis ist die Erneuerung der Kirche. Während des Mau-Mau-Aufstandes legten 408 Christen das Gelöbnis ab, „Gott treu zu sein und immer das zu tun, was in seinen Augen recht ist“. David, einer ihrer Pfarrer, hielt einen Gottesdienst und ermahnte sie: „Wenn ihr dieses Land zum Frieden führen wollt, dann reinigt euer Leben. Schaut euch nach einer besseren Führung um, als die alte war. Laßt Gott eueren Führer sein zum Verstehen und zum Frieden in unsrem Land.“[27] Diese Christen wurden tat­sächlich die Friedensbringer, aber die Voraussetzung war, daß sie den Willen Gottes in ihrer Kirche höher stellten als das eigene. Leben und persönliche Rücksichten.

Das wird besonders sichtbar an dem chinesischen Theologen Wung Ming Tao, der es wagte, gegen die Pläne der chinesischen Regierung, alle Christen in einer Nationalkirche zu vereinigen, aufzutreten. In großer Schärfe predigte er: „Laßt die, welche an die Bibel und an die errettende Gnade glauben, sich mit der Partei der Ungläubigen ver­einigen; laßt Kirche und Gesellschaft eins werden! Laßt Christus und den Satan sich vereinigen! Laßt Licht und Finsternis sich verschmelzen! Vereinigt! Vereinigt! Das Ergebnis einer solchen Einheit ist die Schaffung Babylons!“ Auf einer christlichen Konferenz wählte er den Text zur Predigt: „Warum verrätst du den Menschensohn mit einem Kuß?“ Noch einen Tag vor seiner Verhaftung sprach er über das Thema: „Auf diese Weise verrieten sie Jesus.“[28] Leider ist dieser tapfere Bekenner aus der Gehirnwäsche als ein Unterlegener hervorgegangen.

In solchen schlimmen Lagen sind die Christen letztlich allein auf Gott geworfen und von ihtn abhängig. Dabei tritt immer wieder das Entweder-Oder hervor. Einen Mittelweg gibt es nicht. Während des japanischen Überfalls auf China schrieb ein Pfarrer folgende Worte auf eine Tafel und stellte sie auf dem Kirchplatz auf: „Die Kirche verbrannt, die Häuser zerstört, aber der Glaube bleibt, der vorwärtsführt. Mit Gott an der Seite ist er unser Führer. Wir stehen im Wettkampf, ganz gleich, was geschieht.“[29]

Auf welche Höhen solche Entscheidungen führen können, soll noch ein Bericht aus Korea illustrieren. Bei den Unterdrückungen der Christen während des zweiten Weltkrieges warfen die Japaner viele führende Christen ins Gefängnis. „Pfarrer Son Yangwon war einer davon. Er war 6 Jahre im Gefängnis … Es geschah aber in Südkorea 1948 eine kommunistische Revolution, und seine beiden Söhne wur­den wegen ihres Glaubens von kommunistischen Oberschülern er­schossen. Der Mörder seiner beiden Söhne wurde von den demo­kratischen Soldaten verhaftet. Aber kurz vor dessen Todesstrafe ge­lang es Pfarrer Son, den Mörder zu retten und als seinen eigenen Sohn zu adoptieren. Als dann der Koreakrieg ausbrach, drangen die kommunistischen Soldaten in die Stadt Sunchon ein, wo Son als neprapastor tätig war. Freunde rieten ihm zu fliehen, aber er ant­wortete: ‚Ihr flieht mit eurer Familie, aber ich kann nicht meine Patienten verlassen. Ich kann nicht allein die Flucht ergreifen. Wenn mich die Kommunisten leben lassen, werde ich leben; wenn nicht, dann bin ich bereit, hier zu sterben um meines Glaubens willen.‘ Dann versteigerte er sich in Sätze, die geradezu unglaublich und wie eine Anmaßung klingen. Sie enden: ‚Ich habe beschlossen, einen herrlichen Tod zu sterben‘. Am 28. September 1950 starb Son den Märtyrertod.“[30]

Solche Männer wirken immer vorbildhaft. Sie können wohl viele nicht vor dem Abfall bewahren, sie werden aber für andere aufge­richtete Zeichen, an denen sich ihr eigenes Zeugnis entzündet. Durch solche Zeugen rettet Gott seine Kirche durch die schweren Zeiten hindurch und stellt sie durch ihr Bekenntnis in das Licht der Öffent­lichkeit. Aus dieser Erkenntnis heraus sagten Neuguineachristen: „Es kann Vorkommen, daß die Gläubigen verfolgt und zerstreut wer­den. Der Name Jesu und sein Evangelium aber werden bestehen bleiben; denn keine irdische Macht der Welt kann sie außer Kraft setzen.“ In dieser Zeit spüren sie die Gegenwart Jesu wie nie zuvor und dürfen erfahren, daß in ihrem Leiden der Herr selbst sich der Welt offenbart. Bei dem Mau-Mau-Aufstand wurde ein Pfarrersehe­paar vor semen eigenen Kindern übel zugerichtet. Die Haltung der Pfarrersleute machte auf die rohen Menschen einen tiefen Eindruck. Schließlich horten sie mit ihrer Quälerei auf. „Vergeßt nicht für uns zu beten!“ Der Pfarrer antwortete: „Ja, das wollen wir tun. Der Herr möge euch vergeben und euch zu seinem Heil bringen.“ Später erzählte er: „Es war seltsam, wir fühlten keinen Schmerz und waren weder verzagt noch zornig. Wir beteten tatsächlich für die Räuber, daß Gott ihnen vergeben möge Wir dankten dem, der uns das Leben erhalten hatte.“[31] Während dieses Aufstandes wurde ein Lehrer von den Mau-Mau-Leuten mit Messern fürchterlich zugerichtet. Eine Missionarsfrau pflegte ihn. Als sie ihn später fragte, was er empfun­den habe, als er so leiden mußte, antwortete er: „Ich fühlte keine Schmerzen und keine Furcht. In meinem Herzen war eine große Freude über die Gegenwart Jesu.“[32]

In der Gegenwart Jesu bekommen die Christen die Gewißheit, daß Gott selbst am Werke ist, die Menschen zu überwinden. Bei der- Verfolgung der Christen in den Bergen Formosas durch die Japaner, stärkte Chi-oan ihre Anhänger immer wieder mit den Worten: „Die Verfolgungen sind die Antwort der Menschen auf das Wirken Gottes in der Gemeinde. Wenn wir leiden müssen, möchte er uns zeigen, wie er mm selbst sein Wort ausbreitet. Jetzt prüft Gott unsren Glauben. Er möchte sehen, ob wir treu sind und die Anfechtungen bestehen.“ Gott überwindet also die Welt dadurch, daß er seine Kirche ins Leiden führt.

In diesen Zeiten dürfen die Christen besonders die Gemeinschaft empfinden, die sie durch ihren Glauben miteinander haben. Bei dem japanischen Krieg in China war 1939 eine chinesische Christin in die Gefangenschaft der Japaner gefallen. Zu ihrer Überraschung brachte sie ein japanischer Soldat zu einer chinesischen Kapelle und übergab sie dem Pfarrer: „Diese Frau ist in großer Gefahr. Ich lege sie in ihre Hand, denn ich bin auch ein Christ.“[33] Eindrücklich wurde diese Gemeinschaft während des Krieges im Gefängnis von Singapore, wo Chris­ten aller Rassen untergebracht waren. Der anglikanische Bischof feierte mit ihnen als Mitgefangener täglich das heilige Abendmahl und stärkte sie, unter den schlimmen Zuständen durch­zuhalten. Er konnte ihnen nur ein paar Körner Reis und etwas Wasser als Abendmahlsgabe reichen und doch wurde das Mahl der stärkste Ausdruck der Gemeinschaft der Leiden. Es band sie zu­sammen und ließ sie durchhalten in ihrem Glauben.

Christen müssen besonders darunter leiden, wenn durch die Kriegsereignisse und durch den Unverstand der Menschen ihre Ge­meinschaft gestört wird. Als der letzte Krieg ausbrach, erreichte Eng­land der Brief eines deutschen Missionsmannes: „Mit diesen Zeilen muß ich mich von ihnen verabschieden. Wir haben zu erwarten, daß wir einberufen werden. Was das für Menschen, wie uns, heißt, die in diesen Jahren durch die Bruderschaft der Christen in der ganzen Welt Freundschaft und Vertrauen genossen haben, kann man nicht in menschlichen Worten ausdrücken. Nun haben wir den Weg in die Dunkelheit zu gehen. Wir sind auf diesem Weg nicht allein, Christus ist mit uns. Wenn der Tag kommt, wo Gottes Licht und seine Barmherzigkeit wieder unsrem Volk und unsrer Kirche leuch­ten, dann wisse mein Freund, daß du einen Freund hast mit einem Herzen, das gefüllt ist mit dem missionarischen Erbe der letzten dreizehn Jahre, wenn ich noch am Leben bin. Dann denke an diesen dankbaren Freund, der bereit ist, für Gottes Werk nach der Zeit der Anfechtung.“[34]

Christen müssen immer die Sünden ihrer Völker mittragen. Das spüren wir noch deutlicher aus den Gebeten japanischer Christen. Sie beteten während des China-Krieges: „Schenke uns, o Gott, deinen Geist, daß wir mitten in den Zeiten der Erbitterung die Wahrheit suchen und auf sie eifriger bedacht sind als auf die Erhaltung und Durchsetzung unserer völkischen Ansprüche. Gib uns eine heilige Ehrfurcht zur Wahrheit der Tatsachen und Abscheu vor Lüge und Verhetzung. Wir bekennen unsre Sünden als Volk und als Glieder der menschlichen Gesellschaft. Gewähre uns den Frieden dieser Zeit­lichkeit, nicht den Frieden schlauer Politiker, nicht den Frieden von Sklaven, die ihre Seele verloren haben, sondern den Frieden freier Männer, die ihr Herz gereinigt haben von Unrecht und Vergeltung und dein Reich bauen wollen mit Liebe und Gerechtigkeit.“[35] Am schwersten hat die Not Kawaga empfunden, der bei Beginn des Chinakrieges schreiben konnte: „Wieder bin ich ein Kind geworden mit zuckendem Herzen, tragend die Last von Japans Verbrechen, Vergebung erbittend von China und aller Welt. Mit zerrütteter Seele — wieder bin ich ein Kind voll Trauer.“[36]

Wenn wir uns fragen, was in diesen Zeiten den Christen Kraft zum Tragen und Hoffnung gibt, dann ist es zunächst der Glaube an den Sieg, der in der Auferstehung begründet ist. Chi-oan rüstete die Glau­benden inmitten der Verfolgung mit dieser Hoffnung durch die Lei­densgeschichten der Bibel aus. Das gab ihnen die Kraft ins Gefängnis und in den Tod zu gehen „Merkt ihr denn nicht“, rief sie den Glaubenden zu, „daß sich Gott unter uns durch Leiden verherrlichen will? Der japanische Kaiser ist so töricht wie die Juden. Er meint, weil die Juden, den Herrn Jesus ans Kreuz schlagen konnten, würde auch er mit Ihm fertig werden. Darum unterdrückt er die Glauben­den. Er vergißt aber, daß Jesus auferstanden ist und daß kein Sterb­licher ihn überwältigen kann.“[37] Ein Neuguinea-Christ faßt seine Erfahrung im Leiden in die Worte zusammen: „Jesus war unter uns nicht wie ein wankendes Rohr, sondern wie ein Felsblock mitten im Sturm. An ihn haben wir uns angelehnt, auch wenn wir manchmal wankten.“

Der andere Gedanke ist die Hoffnung auf das ewige Erbe, die das irdische Leben zweitrangig werden läßt. Uns kommt das geradezu unnatürlich vor. Dennoch ist das ewige Leben als das bessere Leben oft der Grund der Leidensfreudigkeit. Die Gläubigen in Formosa trösteten und stärkten sich immer mit dem Hinweis auf das ewige Leben. „Fürchte dich nicht, wenn sie dich töten. Du stirbst für deinen Herrn und er nimmt dich auf in seinen Himmel.“ Ein Christen­mäd­chen in Thailand, das der Lehrer zwingen wollte buddhistische Ge­bete zu sprechen, rief ihm bei der Todesdrohung zu: „Umso besser, wenn du mich tötest, komme ich schneller in den Himmel.“[38] In dieser Sterbensfreudigkeit liegt aber zugleich das Wissen, daß man durch Verleugnen des ewigen Lebens verlustig gehen würde. Als in Kenya ein alter Mann vor die Frage gestellt war, den Mau-Mau-Eid zu leisten oder zu sterben, rief er aus: „Tötet mich, wenn ihr könnt! Ihr werdet wohl meinen Leib töten, aber ihr könnt nicht meine Seele töten.“[39]

Diese Sterbensfreudigkeit ist nicht zuletzt auch der Grund dafür, daß in jeder Verfolgung die Christen sich mehren. Am Gelben Fluß in China trat in einem Dorf ein Christ für die Unschuldigen ein. Er mußte auf einer Sandbank am Fluß niederknien. „Nachdem man ihn vor den Augen der Bevölkerung mit Stöcken geschlagen hat, wird das Volk aufgefordert, die Todesstrafe zu verlangen. Die Antwort aber lautet: ‚Der Mann hat recht!‘ In der Wut darüber, daß die Kommunisten nicht erreicht haben, was sie wollten, wird dem Ge­fangenen gesagt: ‚Wenn du Christus verwirfst und nicht mehr von deinem Gott redest, lassen wir dich frei. Wofür entscheidest du dich? Christus oder Kommunismus?‘ Mit lauter Stimme ruft der Christ: ‚Jesus, Jesus, Jesus.‘ Dann betet er laut den 23. Psalm. Er bekommt den Genickschuß. ‚Die Leute seines Ortes sagten, es sei gewesen, als ob er in die Arme Jesu gesunken wäre.‘“[40] In einer kleinen Stadt Columbiens lebte ein zeugnisfreudiger evangelischer Christ. Eines Tages wurde er von einer Gruppe Männer gefangen und auf den Friedhof geschleppt. Dort mußte er sich sein Grab schaufeln. Er wurde gezwungen sich hineinzustellen, und es wurde bis zu seinem Kopfe gefüllt. „Jetzt mußt du zwei Dinge tun. Du mußt deine po­litische Haltung ändern und du mußt deinen protestantischen Glau­ben aufgeben!“ Er antwortete: „Ich weigere mich nicht, meine po­litische Haltung zu ändern. Ich werde aber nie den Herrn Jesus ver­leugnen.“ Sie erwiderten: „Dann fange lieber an zu beten; denn du mußt sterben!“ Er neigte den Kopf und betete: „Gott, du hast mich berufen, dein Evangelium zu verkündigen. Wenn ich auch durch mein Sterben Seelen gewinnen kann, dann bin ich bereit zu sterben.“ Einer der Männer wurde so zornig, daß er dem Gefangenen eine Kugel durch den Kopf jagte. Nach drei Wochen ließen sich 15 von den beteiligten Männern in die evangelische Gemeinde aufnehmen.[41]

Wenn wir diese Beispiele auf uns wirken lassen, können wir nur mit Sorge auf unsre alte Christenheit schauen, die den Sinn des Leidens verloren hat. Wir leben in der Koexistenz und merken dabei nicht, wie die Kirche abstirbt. Wir könnten uns nur mit innerem Bangen fragen, wie wir uns im Leiden verhalten würden. Das müßte uns unruhig machen und wir müßten mit den Katholiken in Shanghai beten lernen:

„Mein Gott, ich habe Angst vor meiner Angst;
ihretwegen könnte ich dir untreu werden.
Mein Gott, ich habe Angst vor meiner Angst;
ihretwegen könnte es sein, daß ich nicht durchhielte bis zum Ende.
Mein Gott, ich bitte dich, vergiß mich nicht in deiner Herrlichkeit.
Gib mir die Liebe zu dir und die Kraft, mein Leben für dich hinzugeben.“[42]

Quelle: Georg F. Vicedom, Das Geheimnis des Leidens der Kirche, TEH NF 111, München: Chr. Kaiser Verlag, 1963.


[1] nach Philip Potter, Evang. Missionszeitschrift 1959/2, S. 57.

[2] U Kyaw Than, Die christliche Mission in Asien heute, in: W. Freytag, Mission in der gegenwärtigen Weltstunde 1958, S. 37. Siehe auch: Max Keller-Hüschenmenger, Die Kirche und das Leiden 1954, S. 62 f.

[3] Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge 1940, S. 41.

[4] nach einer Mitteilung.

[5] Michael Zahn, Das Leiden und die Mission, Monatsblatt der Norddeut­schen Missionsgesellschaft 1862, November, S. 622.

[6] Eduard Schweizer, Gemeinde und Gemeindeordnung im Neuen Testa­ment, 1959, S. 174. Siehe auch Keller-Hüschenmenger, a.a.O., S. 100.

[7] Eduard Schweizer, a.a.O., S. 74 und Keller Hüschenmenger a.a.O., S. 116

[8] Taito Kantonen, Christus und die der Kirche Fernstehenden, Lutherische Rundschau 1954/2, S. 133.

[9] Gerhard Günther, Erweckung in Afrika, 1959, S. 67.

[10] Hanns Lilje, Das letzte Buch der Bibel, 1940, S. 141.

[11] Karl Hartenstein, in Freytag, Hartenstein, Ihmels, Der große Auftrag, 1948, S. 50.

[12] K. Μ. Philipps, From Mau Mau to Christ, 1958, S. 5.

[13] Karl Hartenstein, a.a.O. S. 51.

[14] Michael Zahn, a.a.O. S. 624.

[15] Walter Freytag, Reden und Aufsätze I, 1961, S. 217.

[16] Die Katholischen Missionen 1961 H. 4, S. 133.

[17] Georg F. Vicedom, Ein Volk findet Gott, 1962, S. 99.

[18] Missionsblatt evang. luth. Freikirchen, 1957, S. 15.

[19] The Foreign Missionary, New York 1960, Nov. S. 9.

[20] Kraft und Licht, 1958, Nr. 23, S. 3.

[21] Theodore Paul Fricke, We found them waiting, 1947, S. 43.

[22] E. Μ. Wisemann, Kikuyu Martyrs, 1958.

[23] Gretta Palmer, Chinas große Prüfung, S. 94.

[24] Sende mich, 1959, S. 27.

[25] National Christian Council Review, Nagpur, 1958, S. 391.

26 nach eigenen Aufzeichnungen.

[27] Missionsblatt der evang. luth. Freikirchen, 1957, S. 14.

[28] G. C. Oosthuizen, Theological Discussions and Confessional Deve­lopments in the Churches of Asia and Afrika, 1958, S. 137 ff.

[29] Herbert Kane, Twofold Growth, 1947, S. 173.

[30] John C. Smith, Korea ruft euch, in: Das Wort in der Welt, 1963/1, S 4f.

[31] Gerhard Gunther, a.a.O. S. 70

[32] Adelphoi, His Kingdom in Kenya, 1953. S. 102

[33] John Forster, Junge Kirche einst und jetzt, 1951, S. 18.

[34] A. Μ. Chirgwin, Under Fire, 1941. S. 183.

[35] Theodor Devaranne, Fernost vor Gott, 1935, S. 42.

[36] Ebd.

[37] eigene Aufzeichnungen.

[38] Katholische Missionen, 1960, April, S. 56.

[39] Adelphoi, a.a.O. S. 102 f.

[40] Kraft und Licht, 1958, Nr. 23, S. 3.

[41] Eugene Smith, Gods Mission — and Ours, 1961, S. 37.

[42] Gretta Palmer, a.a.O. S. 127.

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