OPFERPRIESTER DES FRIEDENS
Vielleicht ist das Weltall draußen vergittert.
Und wir hier drinnen,
wir sind auf freiem Fuß. Befreit vom Joch
der Bedürfnisse und der Gewohnheit,
von einer Zeit, auf die Erde geklatscht in die Ohnzeit der Toten,
vom leeren wie weiten Gesichtsfeld der Jahre.
Wie ein noch lebender Mieter des Grabes
stemmt jeder nach seiner Art
hoch seinen Felsblock.
Jeder nach seiner Art ein Staunen der Engel, ein menschliches Weinen,
in jedem von uns würde man finden
die Zeit des Gerichtes und die Zeit der Kometen,
als sie uns abholen kamen,
wie Metzgergesellen das Vieh auf stinkenden Pritschen
zur Schlachtbank zu fahren.
Und dann nur das Zuschlagen der Türe, hinter der bleibt
ein Jammer, die Frau in eine Säule verwandelt
und die Vergangenheit in Flammen.
Und dann nur leere Augen und Hände,
während draußen
hinter siebenerlei Schlössern
sich die Braut Erde in Lerchenschleier kleidet,
um unsertwillen aufschiebend von Tag zu Tag
die unsagbare Verlobung des Geistes…
Noch gut, daß es gibt des
Schutzengels Wacht,
in der Glut ihre Kühle, ihren Regen in der Dürre,
in der Patsche ihre Sicherheit,
eine Freude tiefer als die Welt
und den Sieg auf Bannern, an denen rüttelt kein Wind.
Noch gut, daß überall und immer
wir danksagen können.
Auch für das Heulen der Hunde
und das Schlagen der Zuchthäusler-Uhr.
Auf dem Dornenlager Deines Kerkers,
während fern ein Zug durch die freie Finsternis braust,
liegst Du und wachst in unwiderlegbarem Zeugnis.
Und wenn es am Abend zur Ernte herweht von den gemähten Feldern,
atmet Dich inbrünstig an ein junges Gedicht.
Kein Papier und keine Druckerschwärze sind da,
doch eine Flamme, ein lebendiger Odem ist Dein Gedicht,
da in der Klagegemeinschaft der Darbenden und der Toten
ein Wort nach dem anderen sachte sich loslöst
von Deinem Atem
und weiterlebt nach seiner Art
und dann weiter von selbst die Fahne des Dichtens flackert,
Dein Gedicht „Die Opferpriester des Friedens“
wehklagend die Hände erhoben aus der Mittelmäßigkeit Sintflut,
ein Aufschrei der Liebe voll Zorn.
Quelle: Jan Zahradníček, Der Häftling Gottes. Gedichte 1945-1960, übertr. u. eingeleitet von Nikolaus Lobkowicz, Würzburg: Naumann, 1984.