Ein Glaubensbekenntnis
Von Friedrich Christoph Oetinger
Ich war tot, nun aber lebe ich; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Ich bin also durch, denselben dem Gesetz und dessen Zeremonien gestorben, dem allein lebend, welcher mich von allem außer dem Gebot der Liebe losgemacht.
Er hat mich für majorenn erklärt und mein geistliches Erbteil meiner Sorgfalt zur Verwahrung anvertraut, daher ich keines Vormunds brauche.
Geist und Wahrheit sind die wesentlichen Stücke meiner seligmachenden Religion; die genaue und pünktliche Erfüllung aller Arten einer echten und uneigennützigen Liebe ist mein unausgesetzter Gottesdienst.
Meine Kirche ist der Tempel meines Leibes, der sowohl dem Äußern als dem Innern nach gereinigt und zur Wohnung des dreieinigen Gottes bereitet ist. Jesus ist darin allein der Prediger, der mein Gewissen sich zur Kanzel auserlesen und bestimmt hat. Herz und Sinne, alle Begierden sind die Zuhörer, welche da in eingekehrter Sittsamkeit und Fleiß bemerken und bewahren, was aus seinem holden Mund geht.
Wenn er auftritt und sein liebliches Evangelium verkündet, ist’s Sonntag; Feiertag hingegen, wenn er mir das Andenken seiner Wohltaten oder eines treuen Freundes und Märtyrers in meiner Seele wichtig und lebendig macht. Wenn er aber wegen meiner Fehler und Gebrechen mich zur Rede setzt und bestraft, so ist bei mir Buß-, Bet- und Schweigungstag.
Wird mein Lehrer öfters gänzlich stille, so erwäge ich entweder das Gehörte oder ergreife zur Betrachtung meine Bibel als die beste Postille zur Veränderung, oder bei Ermangelung der selben lese ich in dem großen Buch der Natur. Übrigens verbleib ich richtig dem mich überlassend, welcher mich zur neuen Kreatur zu machen willig ist.
Wenn er zu Zeiten mir das Vergnügen gönnt, einige von seinen Freunden und Gefährten auf seiner Reise, Glieder meines Hauptes und Reben meines rechten Weinstocks zu erblicken, so vergnügt sich mein Herz an ihm mit ihnen und verbindet zur Gemeinschaft der Leiden, die uns auf dem Weg nach dem vorgesteckten Ziel begegnen können, und in dieser Ordnung halte ich auch nach dem Sinne des Lammes mit denselben das Liebesmahl.
Meine Taufe ist das wirkliche Begräbnis nebst der gänzlichen Tötung alles dessen, was zum Bilde des ersten Adam mir gerechnet werden kann.
Wenn in mir Christus, der andere Adam, wesentlich zum Vorschein kommt und wenn man aus meinem Tun und Lassen seinen Kindersinn verspürt, alsdann feiere ich Weihnachten; Ostern aber, wenn mein Geist durch alles Leiden, so durch Tod und Hölle, triumphierend durchgegangen. Himmelfahrt halte ich, wenn ich mittlerweile Freiheit bekomme, mich zu Gott, meinem Ursprung, aufzuschwingen. Pfingsten halte ich, wenn die Gnade aus der Höhe besonders durch den Heiligen Geist in mein Herz ausgegossen wird.
Lassen sich anmutsvolle Strahlen als von ferne sehen, so wird’s Tag; und Morgen, wenn die Sonne wirklich meinen Horizont bescheint; Mittag, wenn sie sich in ihrer schönsten Klarheit an dem Firmament offenbart; Abend aber, wenn sich die Gnade bisweilen verbirgt und untergeht. Ja, Nacht und Mitternacht wird es, wenn Verlassung und Versuchung auf mich stürmen und mein Gemüt benebeln, daß ich meine Gnadensonne gar nicht zu erblicken fähig bin. Wenn mir endlich durch den großen Wiederbringer sich mein Alles nach und nach erneuert, alsdann erscheint das Neue Jahr. Nach manchem rauhen und kalten Winter erfolgt ein lieblicher Frühling, der die schönen Spuren von der herrlichen Macht und Kraft meines himmlischen Gärtners zu erkennen gibt. Im Sommer zeigt sich erst die ganze Frucht der ausgestreuten Saat. Auf den Herbst wird unter mancherlei Abwechslung alles zeitig und von dem mit Freuden eingesammelt, der ausgestreut und gepflanzt hat. Im Winter wird mein Baum des Lebens oft aller Zierde und Gestalt beraubt, so daß es scheint, er sei gar verdorrt. Doch ist’s nur darum über ihn verhängt, damit er zu neuer Fruchtbarkeit in einer solchen Welt bequem und tüchtig werde, allwo das Beständige die Unbeständigkeit ist. Und dies währt solange, bis derselbe endlich durch die unsichtbare Hand des Herrn nach vielfältigem Versehen in das himmlische Paradies verpflanzt wird.
Was alsdann sich offenbaren wird, sind dergleichen Dinge, die kein fleischliches Auge je erblickt und kein sterblich Ohr gehört und vernommen hat, ja welche die wenigsten zu sehen fähig sind, daher am besten ist, mehr davon zu erfahren als zu reden.
Herr, hilf mir auch dazu aus Gnaden –, und was wird das sein, wenn ich dich seh und dort vor deinem Throne steh! Auch unterdessen lehre mich, daß stetig ich mit klugem Herzen suche dich! Amen!
Quelle: Karl Christian Eduard Ehmann, Oetingers Leben und Briefe, als urkundlicher Kommentar zu dessen Schriften, 1859, S. 181–183.