Gutachten, ob man den Juden sämtliche Bücher beschlagnahmen, beseitigen und verbrennen solle (1510)
Ratschlag, ob man den Juden alle ire biicher nemmen, abthun und verbrennen soll
Von Johannes Reuchlin
Die sogenannte Judenschrift wurde 1510 als Gutachten für Kaiser Maximilian verfasst. Anlass war eine Initiative des Kölner Spitalmeisters Johannes Pfefferkorn, eines getauften Juden, der zur Missionierung der Juden aufgerufen und die Beschlagnahmung jüdischer Bücher (u.a. die talmudischen Lehrgrundlagen, nicht aber die Kabbala) gefordert hatte. Er berief sich auf die Unterstützung der Dominikaner der Stadt und auf ein kaiserliches Mandat (1509). Der Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen bewirkte die Zurücknahme des Mandats, musste aber Gutachten von Universitäten und persönliche Voten von Fachleuten einholen. Reuchlin wandte sich im Oktober 1510 gegen die Aktion, weil nach seiner Überzeugung die hebräische Lektüre der Heiligen Schrift eine Verbindung zu Gott herstelle und das Gebot der Nächstenliebe das Recht der jüdischen Minderheit auf kaiserlichen Schutz (Codex Iustinianus), körperliche Unversehrtheit, Sicherheit des Eigentums und freie Religionsausübung garantiere. Der Streit führte zu einem Prozess gegen Reuchlin und zu der grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen Humanismus und Scholastik (Dunkelmännerbriefe). Joachim Köhler
Seiner Durchlaucht, dem hochwürdigen Fürsten und Herren, Herrn Uriel, Erzbischof von Mainz, des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation Erzkanzler und Kurfürsten, meinem gnädigsten Herrn, entbiete ich, Johannes Reuchlin aus Pforzheim, Magister der Philosophie und Doktor der kaiserlichen Rechte, zuvor meinen stets ergebenen und bereitwilligen Dienst.
Hochwürdigster Fürst, gnädigster Herr!
Seiner Majestät, des allerhöchsten Fürsten und Herren, Herrn Maximilians, Römischen Kaisers, unseres allergnädigsten Herrn Auftrag und Befehl, zunächst an Eure fürstlichen Gnaden ergangen und jetzt mir mit einem Mandat zugestellt, habe ich als gehorsamer Untertan mit gebührender Ehrfurcht empfangen; darin ist mir befohlen, die Sache der beschlagnahmten oder (als verdächtig) bezeichneten Schriften, die die Juden gegenwärtig über die Gebote Mose, die Propheten und die Psalmen des Alten Testaments in Gebrauch haben, mit der notwendigen Gründlichkeit zu prüfen und ein Gutachten zu erstellen, auf welche Weise und mit welcher Begründung das Ganze einzuleiten und wie dabei zu verfahren sei. Und insbesondere, ob die Vernichtung solcher Schriften dem Lobe Gottes und dem heiligen christlichen Glauben nützlich sei und einer Steigerung der Gottesverehrung zugutekommen könne.
Wiewohl ich mir bewusst bin, für solche großen Rechtsfragen, die das Wohl der christlichen Kirche und Lob und Ehre der Römischen Kaiserlichen Majestät betreffen, viel zu unbedeutend zu sein, so will ich doch, meiner Pflicht gehorchend, lieber von jedermann für unweise als für ungehorsam betrachtet werden und meine bescheidene Einsicht schriftlich niederlegen auf die Frage, wie folgt:
Ob den Juden ihre Bücher sollen oder von Rechts wegen können beschlagnahmt, vernichtet oder verbrannt werden?
Manche bejahen das aus vielen Gründen:
- Weil sie gegen die Christen verfasst seien;
- Sie beleidigen Jesus, Maria und die Apostel, auch uns und unsere christliche Ordnung;
- Weil sie falsch seien;
- werden dadurch die Juden dazu verleitet, im Judentum zu verharren und nicht zum christlichen Glauben zu kommen.
Wer aber so großes Übel abwehren könnte und es nicht verhütet oder beseitigt, der wäre dem Täter gleich zu erachten und sollte als Komplize der gleichen Strafe schuldig gelten.
Manche wieder verneinen die Frage, auch nicht ohne Gründe:
- Die Juden haben als Untertanen des Heiligen Römischen Reiches Anspruch auf den Schutz durch das Kaiserliche Recht;
- Unser Eigentum ist geschützt und darf uns nicht ohne unser Zutun abhandenkommen;
- Kaiserliches und Königliches Recht sowie andere fürstliche Gesetze sehen vor, dass niemand sein Eigentum durch Gewalt verliere;
- muss ein jeder in seinem alten Herkommen, Sitte und Besitz gesichert sein, selbst wenn er ein Räuber wäre;
- sollen die Juden ihre Synagogen, »Schulen« genannt, in Ruhe, ohne Belästigung und Beeinträchtigung aufrechterhalten können;
- sind derartige Schriften der Juden noch nie, weder nach geistlichem noch nach weltlichem Recht, verworfen oder verurteilt worden.
Und darum meinen diese, man dürfe den Juden solche Bücher nicht gewaltsam wegnehmen und sie unterdrücken oder verbrennen. —
In Gottes Namen, amen.
Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig zu bedenken, was Zizania oder Unkraut und was Tritikon oder Weizen sei, damit nicht das eine mit dem andern ausgerissen werde, wie das heilige Evangelium sagt (Mt 13[,29]).
Nun finde ich bei den jüdischen Schriften, dass sie von verschiedener Art sind:
- Die Heilige Schrift, die sie »Essrim varba« nennen, das heißt 24; denn so viele Bücher hat ihre Bibel;
- Den Talmud; das ist eine Sammlung von Lehren und Auslegungen zu allen Geboten und Verboten, die ihnen in der Thora — das heißt in den fünf Büchern Mose — gegeben sind; wovon 613 an der Zahl von vielen ihrer großen Gelehrten vor langer Zeit niedergeschrieben wurden;
- finde ich die erhabenen Geheimnisse der Aussprüche und Worte Gottes, die sie »Kabbala« nennen;
- finde ich Schriftsteller und Gelehrte, die Glossen und »Commentes« schreiben, insbesondere über die einzelnen Bücher der Bibel. Solche »Commentes« oder Kommentare nennen sie »Perusch«;
- finde ich Reden, Disputationen und Predigtbücher, genannt »Midrasch« oder »Draschoth«;
- finde ich Philosophen und Gelehrte aller Wissenschaften; diese werden ganz allgemein Sepharim, das heißt »Bücher« genannt und nach dem jeweiligen Gelehrten und seiner Wissenschaft bezeichnet;
- Zuletzt finde ich Poetisches, Fabeln, Gedichte, Märchen, Satiren und Sammlungen von Lehrbeispielen. Von ihnen hat jedes seinen eigenen Namen, wie er eben dem Verfasser eingefallen ist. Und diese werden von den meisten Juden selbst für Erfindung und Dichtung gehalten.
Unter den eben zuletzt genannten Schriften finden sich möglicherweise einige, aber ganz wenige, die unsern lieben Herrn und Gott Jesus und seine ehrwürdige Mutter, auch die Apostel und Heiligen mit einigem Spott, übler Nachrede und Lästerung belegen. Von diesen habe ich nicht mehr als zwei herausgefunden: Das eine wird »Nizzachon« genannt, das andere »Tolduth Jeschu ha nozri«, welche auch von den Juden selbst für apokryph gehalten werden, wie Paul von Burgos im 2. Teil seines »Scrutinium«, Kapitel 6, schreibt. Wie ich auch seinerzeit am Hofe Kaiser Friedrichs III. ruhmreichen Andenkens, des Vaters unseres allergnädigsten Herrn, sehr wohl von den Juden dort im Verlauf vieler Gespräche, die wir miteinander führten, gehört habe, dass solche Schriften von ihnen selbst beseitigt und vertilgt werden und all den Ihren verboten sei, dergleichen jemals in Wort oder Schrift zu äußern.
Nun aber, um auf die Frage selbst zu kommen, habe ich dazu folgendes zu sagen: Wenn bei einem Juden, wissentlich aufbewahrt, ein solches Buch gefunden würde, das ausdrücklich, deutlich und geradezu zur Beschimpfung, Beleidigung und Entehrung unseres göttlichen Herrn Jesus, seiner ehrwürdigen Mutter, der Heiligen oder der christlichen Ordnung abgefasst wäre, könnte man das auf kaiserlichen Befehl hin beschlagnahmen und verbrennen und den betreffenden Juden dafür bestrafen, dass er es nicht selbst zerrissen, verbrannt oder vernichtet hätte.
Das scheint mir im Recht begründet zu sein, erstens durch die Stelle, die lautet: »Wenn einer eine Schrift einem anderen zu Unehre, Beleidigung oder übler Nachrede verfasst, gedruckt oder herausgegeben oder arglistig veranlasst hätte, dass eines davon geschehen sei — und selbst wenn er es unter einem anderen Namen oder ohne Namen erscheinen ließe —, wie dann bei solcher Anklage zu verfahren sei: Der Rat hat das Recht, durch die Gemeinderichter Anklage zu erheben und dieses Vergehen mit Strafe zu belegen.«
Dazu kommt noch ein anderes kaiserliches Gesetz, das folgendes besagt: »Wenn jemand eine ehrenrührige, beleidigende Schrift bei sich Zuhause oder an öffentlichem Ort oder wo immer findet, ohne vorher davon gewusst zu haben, soll er sie entweder zerreißen, ehe sie in andere Hände kommt, oder [wenigstens] niemandem davon sagen. Sollte er jedoch nicht sogleich solche Schriftstücke oder Bücher zerrissen oder verbrannt, sondern den Inhalt einem anderen mitgeteilt haben, dann soll er wissen, dass er als Alleinschuldiger dieses Verbrechens zu verurteilen und zu bestrafen ist. Doch ist dem hinzuzufügen: Wenn einer solches zur Wahrung seines eigenen Interesses und des Gemeinwohls auf sich nimmt, dann soll er seine Anklage öffentlich dartun. Und was er gemeint hat, durch eine Schmähschrift der gerichtlichen Verfolgung zuführen zu müssen, das kann er mündlich aussprechen, indem er ohne Furcht hervortritt. Und er soll wissen: Wenn seine Aussage wahr und glaubwürdig ist, dann wird er großes Lob und nicht geringen Lohn von Seiner Majestät, unserem Kaiser erlangen; wenn er aber die Wahrheit nicht beweisen kann, dann wird er dafür seinen Kopf verlieren. [Und auch im Fall der Glaubwürdigkeit] soll diese Schrift dennoch den guten Leumund eines anderen nicht verletzen.«
Aus diesen beiden Bestimmungen des kaiserlichen Rechts geht klar hervor, dass eine Schmähschrift unterdrückt, beseitigt und verbrannt, und wer das unterließe, hart dafür bestraft werden soll. Und umso mehr kann man eine solche Schmähschrift bei einem beschlagnahmen und verbrennen, als er sie selbst nicht verbrannt oder zerrissen hat; doch nur nach ausreichendem Verhör und rechtmäßig ergangenem Urteil, wie der Text des Gesetzes sagt: »Nicht sogleich nach der Verhaftung soll man jemandes Eigentum konfiszieren, sondern erst, nachdem das Urteil gegen ihn ergangen ist.« Das hat Kaiser Hadrian selig als Gesetz schriftlich angeordnet.
Soviel sei über die Schmähschriften gesagt, die ich oben im letzten Teil der jüdischen Bücher angeführt habe. Hierbei wird nicht anders verfahren, als mit einem jeden Christen in der gleichen Sache verfahren werden soll, nachdem beide Bekenntnisse unmittelbar Glieder des Heiligen Römischen Reichs und Bürger des Kaisertums sind; wir Christen vertreten durch unsere Kurfürsten, die [den Kaiser] wählen und ihm ihre Stimme geben, und die Juden durch ihr freiwilliges und öffentliches Bekenntnis, das sie mit den Worten abgelegt haben: »Wir haben keinen König als den Kaiser« (Joh. 19[,15]).
Daher also ist das kaiserliche Recht für Christen und Juden verbindlich, jeweils in entsprechender Weise. —
Ferner soll sich dieses Gutachten laut Auftrag Seiner Kaiserlichen Majestät nicht auf die Essrim Varba erstrecken, das heißt die 24 Bücher der Bibel, und mit vollem Recht; denn diese soll man in jeder Hinsicht gelten lassen und hoch in Ehren halten und bewahren (Hieronymus und 2 Tim 3[,16]). Denn unsere christliche Religion hat die gleichen Bücher in ihren Kanon aufgenommen, als Zeugnis der ewigen Wahrheit, wie Magister Sententiarum in seiner Vorrede schreibt.
Darum will ich mich zunächst über die anderen äußern, und vornehmlich über den Talmud. Dieser ist eine Sammlung aller Lehren zu den Geboten Gottes, wie oben in dem zweiten Teil meiner Gliederung gesagt ist. Er ist nach einigen Zeugnissen etwa vierhundert Jahre nach Christi Geburt verfasst worden.
Ich habe aber selbst in den hebräischen Schriften gelesen, der Talmud sei den Werken vieler Meister entnommen und durch Rabbi Asse in einen fortlaufenden Zusammenhang gebracht und als Buch herausgegeben worden, so wie bei uns das »Dekret« oder das »Buch Sententiarum« oder die »Catena aurea«. Und das sei 44 Jahre nach Hyrkanus geschehen. Nun ist der letzte Hyrkanus der Schwiegervater des Königs Herodes gewesen, unter dem Christus geboren wurde. Doch hat es auch andere mit Namen Hyrkanus gegeben; daher kann vielleicht die Unklarheit in der Zählung kommen. Es schreibt nämlich der wohlgeborene und hochgelehrte Herr, Graf Johann Picus von Mirandola, in seiner »Apologie«, der Talmud sei eineinhalb Jahrhunderte nach Christi Geburt entstanden. Doch existieren zweierlei Fassungen: die Jerusalemische [= Palästinensische] und die Babylonische. Wie dem auch sei, der Talmud hat unbestritten weit über tausend Jahre existiert.
Er gliedert sich in vier Teile, wie auch wir in unseren gesamten Studien die vier oberen Fakultäten unterscheiden: Theologie, Staatsrecht, kanonisches Recht und Medizin. Der erste Teil handelt von heiligen Dingen, Festen und Zeremonien; der zweite von Pflanzen und Samen; der dritte von der Ehe und den Frauen; der vierte von der Gerichtsbarkeit und den Gesetzen (wenn auch Petrus Nigri sechs Teile daraus macht in seinem »Stern des Messias« betitelten Buch, das lateinisch und deutsch erschienen ist).
Nun kann wohl sein: Als die jüdischen Gelehrten gesehen haben, die Christen wollten ihnen nach dem Tod unseres Herrn in die Zügel greifen und die Heiden an sich ziehen, wie Apostelgeschichte 13[,42 ff.] geschrieben steht, dass sie sich damals zusammengetan haben; um den Untergang der Weisheit der alten Lehrer zu verhüten und den Heiden und den zum Christentum bekehrten Juden in Disputationen und Streitgesprächen besser entgegentreten zu können, haben sie die Ansichten und Meinungen der Väter und ihrer berühmtesten Gelehrten in einem Buch zusammengetragen. Und damit eine so große Mühe und Arbeit, wie sie und ihre Vorfahren sie mit der Abfassung und Niederschrift gehabt, nicht verlorengehe, haben sie dann den Ihrigen befohlen, dieses Buch, an dem Gott selbst sein Wohlgefallen habe, hoch in Ehren zu halten. Und das ist natürlich und glaubhaft: Damit dieses Lehrgut von ihren Nachkommen nicht missachtet würde, haben sie alles Erdenkliche angeführt, vorgebracht, geschrieben und gesagt. Und das alles aus dem Grund, dass sie sich desto besser der Heiden und getauften Juden erwehren und sie abschütteln könnten.
Nun habe ich leider ebendiesen Talmud nie selbst gesehen, wenngleich ich doppelt dafür hätte bezahlen wollen, wenn ich ihn nur hätte lesen dürfen — ich habe es aber bisher nicht zuwege gebracht. So besitze ich keine Kenntnis aus dem Talmud selbst, sondern nur aus unseren [= christlichen] Gegenschriften. Doch glaube ich gerne, dass darin von den Juden viele Worte und Sätze eingestreut sind, die sich gegen unseren lieben Herrn Jesus und seine Freunde und Anhänger richten; so, wie sie es ihm auch zu seinen Lebzeiten ins Gesicht gesagt haben: Er sei doch nur der Sohn des Zimmermanns und einer armen Frau [Mt 13,55f.], und sie kennten ihn gut, er sei vom Teufel besessen [Joh 6,42]; und er sei gar kein Jude, sondern ein Samariter und Verführer des Volks [Joh 8,48]; er schmähe und lästere Gott [Mt 26,65] und begehre sich zum König aufzuwerfen und dem Römischen Reich Land und Leute abtrünnig zu machen [Mt 27,2.11f.]. Weswegen sie dann einen Prozess gegen ihn angestrengt und vor dem kaiserlichen Richter das Todesurteil über ihn erwirkt haben. Gedanken solcher Art wird man sehr wahrscheinlich im Talmud an Stellen finden, wo der Stoff Gelegenheit dazu bietet. Und nachdem auch in derartigen Büchern viel Wunderliches gefunden werden mag, wie es die erdachten Beispiele sind, deren sich ein Gelehrter gegenüber einem andern zur Argumentation bedient, will ich gerne glauben, dass es uns – wenn wir etwas daraus hörten oder uns vorgelesen würde – recht fremd und seltsam vorkommen möchte.
Das kann ich aber nicht aus eigener Erfahrung mitteilen, da ich ja in Ermangelung eines Textes den Talmud nicht gelesen habe. Ich weiß auch keinen Christen in ganz Deutschland, der den Talmud selbst gelesen hätte. Ebenso ist zu meinen Lebzeiten in den deutschen Ländern nie ein Jude getauft worden, der den Talmud hätte verstehen oder gar lesen können. (Ausgenommen der Oberrabiner zu Ulm, der jedoch gleich danach, wie berichtet wird, in der Türkei wieder zum Judentum zurückgekehrt ist.) Denn obwohl der Talmud mit hebräischen Buchstaben geschrieben ist, ist er doch nicht in reiner hebräischer Sprache abgefasst wie die Bibel; sondern er weist viele Beimischungen aus anderen orientalischen Sprachen auf, nämlich unter anderem aus dem Babylonischen, Persischen, Arabischen und Griechischen. Dann sind auch zahlreiche Abbreviaturen darin, so dass es große Mühe kostet und Studium braucht, weshalb nicht viele Juden den Talmud verstehen können, geschweige denn Christen.
Demnach antworte ich auf die vorgelegte Frage, dass der Talmud nicht zu verbrennen ist, noch zu beseitigen, und zwar aus den oben aufgezählten Gründen, sowie aus den folgenden:
I.
Es ist offenkundig, dass die menschliche Vernunft es nicht verhindern kann: Es muss Aberglaube und Irrtum geben, wie der heilige Paulus in dem ersten Brief an die Korinther im elften Kapitel [19] schreibt. Und das geschieht durch Gottes Zulassung, damit die Rechtgläubigen und Erprobten offenbar werden, wie der genannte Apostel dort klar ausspricht.
Und es werden solche Menschen »abergläubisch« genannt, die die Heilige Schrift unrichtig auslegen und mutwillig darauf bestehen, im Gegensatz zu dem Sinn, wie ihn die Inspiration des Heiligen Geistes erfordert. Und obwohl in der genauen Bedeutung des Wortes die Juden keine Häretiker sind — denn sie sind nie im Christenglauben gestanden und daher auch nicht davon abgefallen, weshalb sie auch nicht »Ketzer« genannt werden können und sollen, noch ihre Sache »Ketzerei« —, werden sie hier doch in den Worten des Apostels mitgemeint, denn er spricht von denen, die »uneins im Glauben« sind. Da auch wir und die Juden nicht einig im Glauben sind, ist es für uns gut und nützlich, dass der Talmud existiert und dass er erhalten bleibe. Und je ungereimter der Talmud ist, desto mehr befähigt er uns Christen, ihn in Wort und Schrift zu widerlegen.
Und wenn wir wirklich wollen, dann ist er uns eine gute Arznei gegen die Trägheit und Faulheit derer, die, wie die Geistlichen, die Heilige Schrift studieren sollen. Sie sollen sich dafür ausbilden, dass sie fähig werden, andere in der rechten Lehre zu unterrichten und vor den Gegnern die richtigen Argumente zu finden, wie Paulus an Titus schreibt [Tit 1,9].
Ähnlich sagt Aristoteles in seinen »Elenchoi«, ein Weiser solle zwei Eigenschaften haben: Er soll die Wahrheit sagen, und er soll imstande sein, der Unwahrheit entgegenzutreten. Und nicht, dass er in Zorn gerate und die Schriften verbrenne, wenn er nicht genug gelernt hat, um sie mit Vernunftgründen in Predigt oder Disputation zurechtzuweisen. Man spricht ja von Biertisch-Argumenten, wenn einer so ungebildet ist, dass er mit der Faust dreinschlagen will, wenn er zu etwas nichts mehr zu sagen weiß.
Im Psalter steht geschrieben: »Ist einer gerecht, so tadle er mich und unterweise mich in Barmherzigkeit.« [Ps 141,5] Wie kann aber einer auf etwas entgegnen und es widerlegen, das er nicht versteht? (So St. Hieronymus gegen Jovinian). Nun muss jemand doch zum mindesten die Sprache des Talmud verstehen, wenn er behaupten will, dieser sei falsch oder in beleidigender Absicht gegen uns Christen gerichtet. Denn »wer die Bedeutung der Worte und der Sprache nicht kennt, der befindet sich leichtfertig im Irrtum«, sagt Aristoteles in der oben genannten Schrift. Und Augustinus, »Über die wahre Religion«: »Der Wortlaut der Heiligen Schrift ist je nach den Eigenheiten jeder Sprachform zu verstehen. Denn jede Sprache hat ihre besondere, für sie charakteristische Ausdrucksweise. Wenn nun diese bei der Übersetzung in andere Sprachen wörtlich übernommen wird, so scheint es jedermann, es gäbe keinen Sinn und man könnte so nicht sagen.« So steht es im kanonischen Recht geschrieben.
Daraus ist zu entnehmen: Da der Talmud die Eigenheiten so vieler Sprachen, wie oben mitgeteilt, enthält, vermag keineswegs jeder Jude, auch wenn er sehr gut hebräisch kann, den Talmud zu verstehen. Wie soll man nun begründen können, dass die Christen den Talmud verwerfen, den sie noch nicht einmal verstehen?
Hierzu führe ich ein kleines Beispiel an: Kürzlich ist ein Schriftchen gegen die Juden erschienen, und darin wird auf ein Gebet hingewiesen, das ihren Gebetbüchlein einverleibt sei, damit sie es besonders gegen uns Christen beten sollten. Es beginnt: ולמשמדים. Dieses wird nun mit großem Nachdruck gegen sie beigebracht, als ob sie die heiligen Apostel und ihre Nachfolger, die die Taufe empfangen haben, und die christliche Kirche insgesamt und das Römische Reich böswillig und giftig verfluchten. Dadurch könnte man die Juden bei ungelehrten und der Sprache unkundigen Leuten leicht so verhasst machen, dass sie um Leib und Leben kämen.
Wenn man es aber bei Licht besieht, so findet man kein Wort darin, das die »Getauften«, noch »Apostel«, noch »Christen«, noch das »Römische Reich« heißt oder bedeutet! Denn wo immer die jüdische Sprache gebraucht oder geschrieben wird, findet man nirgends, dass משמד »Chrysam« oder »Taufe« heißt, sondern seine Bedeutung ist »vertilgen« oder »austilgen«; wie etwa im Buch der Sprüche 14[,11] steht: »Das Haus der Bösen wird vertilgt«; und Ezechiel 14[,8]: »Ich will ihn austilgen aus der Mitte meines Volkes Israel«; und so an vielen Stellen. In diesem Gebet ist somit das Wort משמדים Verbum, oder genauer Partizip Präsens Aktiv und heißt »die Vertilger« oder »die sie vertilgen«, wie wenn sie damit sagen wollten: Wer uns vertilgen will, der soll sich keine Hoffnung machen, sein Vorhaben werde gelingen.
Wie kann das aber »die Christen« bedeuten, da es doch kein Volk auf Erden gibt, das sie [= die Juden] mit größeren Freiheiten behandelt und aufnimmt als eben die Christen, wie man aus dem geistlichen und dem weltlichen Recht ersieht. Und da die Juden nach ihrer Willenserklärung keinen anderen Herrn anerkennen, als den geweihten und gekrönten Kaiser, ist nicht daran zu denken, dass ein solches Gebet um der Christen willen erdacht sei. Sie beten es nämlich auf der ganzen weiten Welt, wo immer sie wohnen – unter den Türken, dem Sultan, den Heiden, Tartaren und bei uns. Sie wissen auch wohl, dass sie dennoch unglücklich wären, auch wenn es keinen Christen gäbe, denn sie sind bei den Heiden verhasster und werden schlechter behandelt als von uns.
Zweitens heißt מינים »alle, die nicht den rechten Glauben haben«. Wie vermöchten wir zu sagen, dass wir dies seien und nicht andere?
Drittens heißt קניבי »die Feinde«. Das kann aber nach seinem genauen Sinn nicht uns bedeuten. Denn ich habe oben der Wahrheit gemäß dargelegt, dass wir und sie in dem einen einzigen Römischen Reich Mitbürger sind und das gleiche Bürgerrecht besitzen und denselben Burgfrieden genießen. Wie könnten wir dann »Feinde« sein? Dazu haben wir in unseren Gesetzen eine gute Glosse.
Viertens heißt מלכוחזדון »Gewalt des Hochmuts« und מלכות heißt von sich aus nicht »das Reich«, es sei denn, man fügt es einem »Königreich« hinzu. Das erhellt deutlich aus der Heiligen Schrift, Josua 12[,7ff.]: »da zogen an einem Tag 31 Könige ins Feld, zu streiten wider Josua, und wurden alle überwunden an einem Tag.« Das sind nicht Könige von Königreichen gewesen, sondern jeder hat die Befehlsgewalt gehabt über eine Truppe, die ihm zugehörte. Und ebenso lesen und singen wir jeden Tag in unseren Kirchen (Psalm 118[119,21]): »Die Hochmütigen sollen zuschanden werden …«
Wenn nun kein Wort in diesem Gebet steht, das nach seinem genauen Wortsinn »Getaufte« noch »Apostel« noch »Christen« noch »das Römische Reich« bedeutet – warum lässt man dann eine so schwere Verleumdung öffentlich drucken? Und wenn man sagen wollte, die Juden verstünden es in diesem Sinn und meinten in ihren Gedanken uns — so vermag niemand zu wissen, was einer im Sinn hat, als der Schöpfer aller Herzen. Darum ist niemand dafür zu tadeln noch zu strafen. Und wenn es einer von sich selbst aussagte, so wäre ein anderer dafür nicht strafbar.
Ich möchte mich jetzt auf weitere Wörter in demselben Schriftchen, die wahrscheinlich nicht recht verstanden und daher auch nicht richtig verdeutscht sind, nicht einlassen. (Wie zum Beispiel: Wenn sie einen Christen zu Hause oder auf der Straße begrüßen und sagen: »Seid willkommen!«, behauptet der Verfasser der Schrift, sie sagten: »Sed willkommen!« in der Bedeutung: »Teufel willkommen!« Das ist in korrekter hebräischer Sprache grammatikalisch unmöglich, denn wenn שד »Teufel« heißt, hat es einen Punkt auf der rechten Seite des Buchstabens ש; daher wird es »sch« gelesen: »sched«. Das wird dem schlichtesten Menschen auffallen, wenn sie sagen: »Sched willkommen!«, dass es nicht lautet wie: »Seid willkommen!«, denn »sched« klingt ganz anders wie »seid«. Darum ist so etwas dummes Geschwätz und Kinderei und braucht in diesem Gutachten nicht berücksichtigt zu werden.)
So mag also jeder Verständige sehr wohl erkennen und festhalten, dass niemand den Talmud nach Recht und Gesetz verwerfen kann, der ihn nicht versteht, wie das heilige geistliche Recht sagt.
Wollte einer gegen die Mathematiker schreiben und wäre ohne Kenntnisse in der Mathesis oder Mathematik, so würde er zum Gespött der Leute. Ebenso einer, der mit den Philosophen disputieren wollte und die Methoden und Lehren der Philosophie nicht kennte. Das ist der Text des kanonischen Rechts.
Dagegen aber könnte einer einwenden: Es ist für mich nicht notwendig, den Talmud zu verstehen, da so viele Schriften gegen die Juden gedruckt werden, worin man lesen kann, dass der Talmud etwas Böses ist. Und Meister Raimundus sagt in »Pugio fidei« vom Talmud so Schändliches, dass es Leute von Ehre gar nicht anhören mögen. Ebenso das »Fortalicium fidei« [= des Meisters Alfonsus] und Paul von Burgos in den »Additiones«, und ebenso Bruder Petrus Nigri im »Stern des Messias«; auch Johannes Pfefferkorn, der Betreiber dieses Prozesses. Sie alle schreiben, der Talmud wäre voll abscheulicher und schmutziger Lehren und bediene sich vieler böser Schimpfwörter.
Darauf könnte man antworten: Es hat noch nie jemanden gegeben, der nach Billigkeit und Ordnung auch die Gründe der Gegenpartei dargelegt hätte. Nun ist es ein allgemein bekanntes Sprichwort: »Man soll auch den anderen Teil anhören.« Darum ist es Rechtsgrundsatz, dass man nichts verwerfen und niemanden verurteilen darf, wenn man nicht zuvor alle Umstände gründlich und ausreichend erkundet hat. Und selbst wenn keine der streitenden Parteien solches angeregt oder von ihm [= dem Richter] begehrt hätte, muss er dennoch von sich aus alle Sorgfalt daran wenden, Recht und Unrecht der beklagten Partei zu erforschen und zu erfahren.
Deshalb fühle ich mich nicht durch das behindert, was unsere obengenannten Glaubensgenossen gegen den Talmud geschrieben haben, von denen mir zudem einige bekannt sind, die den Talmud nie gelesen haben. Darum lasse ich mich durch ihre Worte und Schriften nicht beirren, sondern folge in diesem Punkt dem kanonischen Recht, welches sagt: »Wir sind nicht verpflichtet, der Meinung, die irgendjemand vorträgt, mag er noch so christlich und hochangesehen sein, zu folgen, als wäre es die Heilige Schrift oder Recht und Gesetz.«
Denn hätte man den Talmud verbrennen müssen, so wäre er schon vor vielen Hunderten von Jahren verbrannt worden, da ja unsere Vorfahren im christlichen Glauben viel eifriger waren als wir heute. Ich habe aber, solange ich denken kann, niemals bei einem von jenen, die gegen den Talmud geschrieben, gelesen, sie hätten begehrt oder auch nur gewünscht, er hätte verbrannt werden sollen — einzig ausgenommen die zwei obengenannten, Bruder Petrus Nigri aus dem Predigerorden und Johannes Pfefferkorn, der Neugetaufte, die meine Zeitgenossen sind und mit denen beiden ich schon selbst gesprochen habe. Diesen möchte ich es auch nicht übelnehmen, denn sie haben Eifer für Gott, freilich nicht von Einsicht geleitet, wie Paulus im Römerbrief 10[,2] sagt.
Die anderen, aus früherer Zeit, überaus hochgelehrt und vieler Sprachen kundig, schreiben indes wohl scharf gegen den Talmud, dennoch wünschten sie nicht, dass er verbrannt und ausgetilgt würde. Ihnen geht es wie einem edlen Jäger, desgleichen ich wohl unter hohen Fürsten gesehen habe: wie er einen stolzen Hirsch, einen Vielender, auf dem Waidfeld jagt und wohl weiß, er kann ihm nicht entgehen – so möchte er gerade um seiner Lust willen nicht, dass er getroffen und abgeschossen würde. Er sieht ihn lieber gejagt als gefangen werden! Ganz genauso ergeht es den gelehrten Forschern, die eine Lust daran haben, den Talmud und seine Anhänger mit vernünftigen und kenntnisreichen Worten zu widerlegen. Welchen Ruhm wollten sie erlangen, wie wollten sie als bewährte Gelehrte und Meister der christlichen Theologie erscheinen, wenn er verbrannt und nicht mehr wäre? Dann könnte doch niemand mehr wissen, ob ihre Argumente und Widerlegungen wahr oder unrichtig gewesen, denn das Werk, gegen das sie argumentiert und disputiert, wäre nicht mehr vorhanden!
Das ist die Meinung des heiligen Paulus in den oben angeführten Sätzen (1 Kor 6 [= 11,19]): »Aberglaube und Irrtum müssen sein, damit die Rechtgläubigen bewährt erscheinen.« Aus diesem Grund habe ich gesagt: je ungereimter und untauglicher der Talmud ist – wie die Unseren sagen – umso lieber wollte ich, dass er unseren Studenten und Theologen erhalten bliebe, gewissermaßen als Zielscheibe, auf die man täglich seine Schießübungen macht; damit sie umso beherzter und mutiger würden, sich mit den Ungläubigen im Wortkampf zu messen. Denn »man ersteigt den Wall, wo er am niedrigsten ist«, sagen die Soldaten. Wäre er [= der Talmud] dann wirklich so töricht und schlecht, wie man von ihm behauptet, so könnten die Unseren kühn siegen und triumphieren.
Das erinnert mich an den hochberühmten Kriegsmann, den König Agesilaos von Lazedämonien, von dem der vornehme, weise Ritter Xenophon, der zusammen mit dem Inbegriff allen Wissens, mit Plato, Schüler des hochgelehrten Meisters Sokrates gewesen, ein schönes kleines Buch in griechischer Sprache geschrieben hat. Darin erzählt er: In der Zeit, da Agesilaos mit seinem Heer gegen die Perser gezogen, habe er seinen Hauptleuten und Fähnrichen den Befehl gegeben, wen immer von den Barbaren sie gefangennehmen würden, dem sollten sie die Kleider ausziehen, ihn in die Städte bringen und dort nackt auf dem Markt verkaufen. Und das aus folgendem Grund: Wenn seine Soldaten die Feinde so sähen, nackt, mit weißer Haut und feistem Körper, dass sie dann dächten, mit ihnen so leicht fertig zu werden, wie mit Weibern, und dass sie selbst aus einer derartigen Verachtung großen Mannesmut gewännen. Das hat mancher treffliche Mann für eine bemerkenswerte Kriegslist und für große Klugheit gehalten. Es hat ihm ja viel mehr genützt, die Feinde nackt verkaufen zu lassen, als wenn sie totgeschlagen worden wären; bewirkte es doch, dass seine ganze Truppe in der Wartestellung freudiger wurde und sich desto mutiger im Feld schlug.
Soviel sei gesagt zu der ersten Begründung meines Gutachtens, fußend auf den Worten des heiligen Paulus: »Aberglaube und Irrtum müssen notwendig sein, damit die Rechtgläubigen bewahrt erscheinen« [1 Kor 11,19].
II.
Zur Begründung meines Gutachtens, dass der Talmud nicht zu verbrennen sei, stütze ich mich auf das heilige Evangelium selbst. Denn unser Herr Jesus Christus hat zu den Juden gesagt (Joh 5[,39]): »Befragt, durchsucht und erforscht die Schriften, sofern ihr wähnt, darin das ewige Leben zu finden. Eben diese sind es, die von mir Zeugnis geben.« Da ich mich nun für die Hauptbegründung meines Gutachtens auf diesen Ausspruch stützen will, geziemt es sich, von vornherein jedes Wort nach seiner Eigenbedeutung klarzustellen, um vielen Einwänden der Gegner, falls sich solche erheben sollten, zu entgehen.
Der Herr sagt zuerst: »erforscht«; das heißt in der griechischen Sprache, in der das heilige Evangelium zuallererst aufgeschrieben wurde, »ερευνάτε«. Und dieses Wort hat zwei Wurzeln, wie wohlunterrichtete griechische Lehrer schreiben: die eine, »έρώ« (für ερωτώ) heißt »fragen« oder »suchen«. Die zweite: »έυνή« heißt »Kammer« oder »Saal, in dem man ruht«, wie wenn es die Bezeichnung für eine Schule [= einen Studierraum] wäre: denn Schule meint Muße. Und wenn nun diese beiden zu einem einzigen Wort zusammengesetzt werden: »ερευνώ«, so bedeutet es »schulmäßig [= methodisch] erforschen und suchen, ruhig und mit aufmerksamem Sinn«. So, wie wenn unser Herr Jesus sagen wollte: »Ihr sollt auf den Schulen über die Schriften disputieren, in denen ihr wähnt, das ewige Leben zu besitzen: auch diese legen Zeugnis für mich ab.«
Weiterhin sagt der Herr in den oben zitierten Worten: »sofern ihr wähnt, in diesen Schriften das ewige Leben zu besitzen«, und er sagt nicht: »in denen ihr wahrhaft wisst, das ewige Leben zu besitzen«. Denn das Wort »δοκεῖ« dort heißt »etwas für wahr halten, das nicht so ist« und bedeutet also auf deutsch »wähnen«. Dadurch teilt er die Schriften in die Bibel einerseits und in die Bücher der Meister andererseits, denn er hatte sie vorher gelehrt, dass sie wahrlich wissen – und nicht wähnen – sollten, in der Bibel das ewige Leben zu finden (Luk 10[,26ff.]). Unter dem Volk stand nämlich ein Schriftgelehrter auf und sprach: »Herr, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben erlange?« Da antwortete der Herr: »Was liest du in deinen Gesetzesbüchern?« Darauf er: »Ich lese das: Du sollst Gott, deinen Herrn, über alles heben, und deinen Nächsten wie dich selbst.« Der Herr sprach: »Das tu, dann wirst du leben.« Das hatte auch Mose den Juden vor Zeiten gesagt (Dt 30[,19]): »Bedenk, dass ich dir heute das Leben und das Gute vor Augen gelegt habe usw.« Darum hatten sie keinen Zweifel daran, dass in der Bibel das ewige Leben zu finden sei.
Daneben hatten sie dann auch andere Bücher, die nicht zur Bibel gehörten, und die ihre Gelehrten und Rabbiner mit Scharfsinn verfasst hatten. Diese nannte unser Herr Jesus »Überlieferungen« (Mt 15[,1ff.]). Derentwegen waren sie zu der irrtümlichen Meinung gekommen, als ob sie auch daraus das ewige Leben gewinnen könnten, und das war eben nicht wahr. Denn unser Herr Jesus sprach dagegen und gab ihnen zu verstehen, sie seien blind und behaupteten doch, sie sähen (Joh 9[,41]). Und darauf hat er die von ihnen verfassten Schriften und ihr Leben verworfen (Mt 23), mit vielen Aussprüchen, die er gegen die Verfasser der Schriften und gegen die Priester getan.
Aus all dem ist zu entnehmen, dass unser Herr Jesus diese Schriften der Meister, aus denen der Talmud zusammengestellt und verfasst ist — »darin sie das ewige Leben zu besitzen wähnen« -, ganz eigentlich mit seinen Worten meint und auf sie hinweist, wenn er sagt: »Befragt, durchsucht oder erforscht die Schriften, in denen ihr wähnt, das ewige Leben zu besitzen, und jene …« — das soll heißen: eben diese Schriften auch, zusammen mit der Bibel. Das bewirkt das Wörtchen »und« oder »auch«, wie wenn er sagen wollte: Die Schriften eurer Schriftgelehrten, aus denen der Talmud zusammengestellt und verfasst ist, die zeugen auch für mich, ebensowohl wie die Bibel.
Und das ist die Wahrheit. Denn je mehr der Talmud gegen uns gerichtet ist, umso besser und stärker sind die Zeugnisse, die sich darin für uns und unseren christlichen Glauben finden lassen. Darum hat Christus befohlen, dass man diese Schriften auf den Schulen fleißig prüfen, darüber disputieren und nicht, dass man sie verbrennen solle.
Ich will nur ein Argument daraus entnehmen, das allem, was die Juden vorbringen mögen, die Spitze abbrechen kann. Sie sagen: »Wir glauben gern, dass Jesus gelebt hat. Wir glauben aber nicht, dass er der wahre Christus sei, denn der in der Bibel verheißene Christus ist noch nicht gekommen.« Wenn ich nun in der Bibel nicht so klar ausgesprochen finde, dass er [wirklich] gekommen sei, so beweise ich ihnen das aus dem Talmud. Ihre Gelehrten nämlich haben geschrieben, das Gesetz des Mose werde 4000 Jahre nach der Erschaffung der Welt seine Geltung verlieren und danach solle das Gesetz des Messias beginnen und 2000 Jahre währen, denn die Welt solle nur 6000 Jahre bestehen, so wie sie in sechs Tagen geschaffen wurde. Das sind ihre eigenen Worte, wie sie der Talmud enthält, so, wie sie von den Jüngern des Elia überliefert worden sein sollen. Nun zählen die Juden jetzt seit der Erschaffung der Welt das Jahr 5271; es bliebe ihnen also heute ein Rest von etwa 1300 Jahren, so dass nach dieser Ansicht der wahre Messias oder Christus vor 1300 Jahren gekommen wäre.
Dabei berührt es mich natürlich nicht, ob es wahr ist, dass die Schüler oder Jünger des Propheten Elia so gesagt haben oder nicht, wenn ich ihnen nur aus ihrem eigenen Mund beweisen kann, was unseren Christenglauben stützt und sie dem nicht widersprechen können. Und dergleichen Dinge gibt es unzählige, die ich ihnen, entgegen ihrer jeweiligen Ansicht, aus dem Talmud beweisen kann, an dem sie mit ihrem Herzen hängen und den sie mit dem Munde bekennen.
Nun gibt es keinen stärkeren Beweis, als die eigene Aussage meines Prozessgegners, oder wenn jemand in öffentlich zugänglichen Schriften oder Akten etwas bekennt. Das nennt man in der Rechtspflege Praesumptio juris oder Rechtsvermutung und wird so hoch geachtet, dass es keines weiteren Beweisverhörs mehr bedarf. —
Es könnte jemand gegen mich einwenden: Doktor Reuchlin, du hast oben gesagt, der Talmud sei mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Christi Geburt verfasst. Wie kann in Anbetracht dessen als wahr aufrechterhalten werden, dass Christus die Talmudgelehrten gemeint habe, als er sagte: »Durchsucht und erforscht die Schriften« usw. Darauf antworte ich mit den Worten des ehrwürdigen Vaters und hochgelehrten Herrn, des Herrn Paul, Bischofs von Burgos und Erzkanzlers in Spanien, die er in der Vorrede zu dem Buch »Untersuchung der Schriften« schreibt: »Schon vor unseres lieben Herren Tod und lange vor seiner Geburt haben die Gelehrten und Meister der Juden vieles geschrieben und gelehrt und jeweils in verschiedenen Büchern und Schriften niedergelegt. Aber später, als die Christenheit sich zu vermehren begann, lange nach unseres lieben Herren Tod, haben sie gemäß der Anweisung des Rabbi Mose von Ägypten in seinem Deuteronomium [1,13] Rat gehalten und ihre alten Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer in einer Schrift systematisch zusammengestellt, wie sie nun vorliegt, und haben diese Sammlung der Lehren ihrer Meister Talmud genannt.« So äußern sich wenigstens die Unseren darüber. Weil nun aber Christus befohlen hat, wir sollten Material zum Disputieren und das Zeugnis seiner Ankunft daraus entnehmen, ist er nicht zu verbrennen.
III.
stütze ich mich zur Begründung meines Gutachtens auf den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen; denn ebendiesen Baum hat Gott selbst in das Paradies gepflanzt (Gen 2[,9]), weshalb er von keinem Menschen ausgerissen werden darf. Denn das ist von Gott verboten (Dt 20[,19]), wo geschrieben steht: »Du sollst keinen Baum umhauen, der essbare Früchte trägt.« Und obwohl Adam und Eva sich davon den Tod gegessen haben, hat Gott den Baum dennoch nicht umgehauen noch verbrannt, sondern ihn stehen lassen bis auf diesen heutigen Tag, wie wir es täglich erfahren.
Obwohl nun manche von den Unseren sagen, im Talmud stünde viel Schlechtes, ist es dennoch nicht schlecht, dass wir dieses Schlechte lesen und studieren: nicht, um das Schlechte zu befolgen, sondern damit wir das Gute leichter zu erkennen vermögen und diesem anhängen.
So sagt Aristoteles in seiner Schrift »Elenchoi«, dass die Kenntnis des Schlechten nicht schlecht, sondern gut und rechtschaffen sei. Was hat ein Mose von den Ägyptern Gutes lernen können, die ganz in Abgötterei befangen waren und Katzen, Hunde, Schlangen und Nattern für Götter hielten, wie der heilige Athenagoras an die Römischen Kaiser Markus Aurelius, Antonius und Lucius Aurelius Commodus anlässlich seiner Mission in Sachen der Christen schreibt?
Was sollte einem Daniel die Weisheit der Chaldäer, in der er unterwiesen wurde (Dan 1[,3f.]), die voll Aberglauben und mit Abgötterei befleckt waren; von denen geschrieben steht (Jes 48[,20]): »Flieht die Chaldäer!« Dann wird ein Salomo gelobt, seine Weisheit habe die der Orientalen und Ägypter übertroffen (3 Kön 4[,30]). Dazu gibt es eine Redensart: »Bist du weiser als Daniel?« (Ez 28[,3]). Auf all dieses bezugnehmend sagt das kanonische Recht in dem vorstehend zitierten Paragraphen: »Die jüdischen Jünglinge in Chaldäa, Daniel, Anamas, Misael und Azarias wollten weder essen noch trinken vom Tisch des Königs von Babylon, damit ihr Gewissen nicht befleckt würde. Wären sie sich nun bewusst gewesen, dass die Weisheit und Lehre der Babylonier für sie Sünde sei, hätten sie niemals eingewilligt, etwas zu lernen, was sich nicht für sie geziemt hätte. Sie haben es aber gelernt, nicht um es zu befolgen, sondern um es erwägen und widerlegen zu können.« — Soweit das Zitat aus dem eben genannten kanonischen Recht.
Diesem Text entnehmen wir, dass wir Gutes und Schlechtes nebeneinander lesen und studieren können; das Schlechte, um es mit vernünftigen Worten zurechtzuweisen, und das Gute, das darunter wie die Rosen unter den Dornen sich findet, um es zum Gebrauch in der heiligen Lehre zu verwenden.
Nun gibt es niemanden, der vom Talmud, in dem doch die vier höheren Fakultäten beschrieben sind, in Wahrheit zu sagen wüsste oder vermöchte, er sei vollkommen schlecht und es sei gar nichts Gutes daraus zu lernen. Er enthält nämlich viele gute ärztliche Rezepte und Kenntnisse von Pflanzen und Wurzeln, sowie viele gute Rechtsurteile, die durch erfahrene Juden aus der ganzen Welt zusammengetragen wurden. Und in der Theologie ist der Talmud an vielen Stellen unsere Handhabe gegen die Glaubensvorurteile der Juden; wie es aus den Schriften des Bischofs von Burgos erhellt, die er über die Bibel und zur Schriftprüfung verfasst hat, die als durchaus christlich anerkannt sind und worin er unseren Glauben mit Argumenten aus dem Talmud einleuchtend verteidigt. Ich habe mir allein im ersten Teil seines Werkes »Untersuchung der Schriften« eine Zahl von über fünfzig Stellen angemerkt, an denen er sich gegen die Juden auf den Talmud stützt, um vom zweiten Teil desselben Werkes, wo er den Talmud gleichfalls an vielen Stellen zugunsten von uns Christen heranzieht, ganz zu schweigen. Und in seiner Vorrede schreibt er, die Glossen und Sentenzen der Talmudgelehrten seien dergestalt, dass wir daraus starke und entscheidende Argumente gegen die Juden entnehmen könnten; denn ihre Lehrer haben hin und wieder, wenn es verborgene göttliche Geheimnisse betraf, prophezeit und geweissagt, ohne sich dabei bewusst zu sein, was sie damit wirklich sagten, wie etwa Kaiaphas (Joh 11[,49]). Da ist eben doch die Aussage des Gegners ein wirksamer Beweis. So schreibt er in der erwähnten Vorrede. Und ebenso verfährt er die ganze Bibel hindurch: Wo immer es sich ergibt, dass die Juden anderer Meinung sind als wir, argumentiert er gegen sie zur Stütze für uns aus ihrem eigenen Talmud. Das kann keiner, der ihn gelesen hat, in Abrede stellen.
Nicht anders verhalten sich die anderen bedeutenden Kenner der Heiligen Schrift, Gelehrte, die die jüdische Sprache können. Wenn sie gegen Juden disputieren wollen, ziehen sie den Talmud heran und bekämpfen sie mit dem Talmud. So hat zum Beispiel der anerkannte Theologe, Doktor der Heiligen Schrift, aus dem Barfüßerorden [= der Franziskaner Alfonsus de Spina], der das Werk »Fortalicium fidei« in Spanien verfasst hat, sich besonders im dritten Buch dieser Schrift mit Geschick zu seinen und unseren Gunsten durchaus und erfolgreich auf den Talmud gestützt — als ob er die Juden mit ihrem eigenen Messer erstechen wollte. Diesem gleich verfährt der wohlunterrichtete Doktor Nikolaus de Lyra — wahrhaftig eine Krone des Barfüßerordens – nicht allein in der ganzen »Bibel«, wo ihm gerade etwas begegnet, sondern auch in einer eigenen Schrift gegen die Juden, die beginnt: »Zuerst erhebt sich die Frage, ob aus den Schriften, die wir von den Juden empfangen haben, usw.« Darin schreibt er, wie folgt: »Obwohl der Talmud und die Glossen der jüdischen Gelehrten zum großen Teil nicht der Wahrheit entsprechen, können wir doch in ihnen wirksame Argumente gegen sie finden« — wörtlich zitiert. Ganz ebenso haben andere christliche Lehrer und Theologen geschrieben, und vornehmlich solche, die aus dem Judentum Christen geworden sind, wie die hochwürdigen Professoren Petrus Alfonsi und Meister Alfonsus Conversus in den »Büchern vom Gotteskampf« und Meister Johannes de Podico, Meister Hieronymus und andere.
Aus all diesem ist deutlich zu entnehmen, dass der Talmud kein durchaus schlechter Baum ist, der gar keine gute Frucht bringen kann, weshalb er umgehauen und verbrannt werden müsste (Mt 3[,10]). Sondern er enthält viel Gutes, und Verständige können viel Gutes daraus entnehmen, wie wir oben vernommen haben – entsprechend dem, was St. Hieronymus an Athleta [= Laeta] schreibt: »Der Weise kann aus Dreck Gold machen.«
Wenn aber Unverständige daran Ärgernis nähmen, so wäre das ihre eigene Schuld und nicht die des Buches! Die Ziegen fressen bittere Kräuter und geben davon süße Milch, und aus ein- und derselben Blume saugen die Bienen den lieblichen Honig und die Spinnen das leidige Gift. Das ist nicht Schuld der Blüte oder Blume, sondern der Eigenart und Natur jener Tiere. Ebenso findet man von Natur aus böse Menschen, die gute Worte in einen bösen Sinn verkehren; und wiederum findet man gute Menschen, die ungeschickte Worte in einem guten Sinn verstehen. Und außerdem findet man manche einfältigen, schlichten Leute, die kein Verständnis für höhere Dinge haben; denn gerade wie die Schrift buchstäblich lautet, verstehen sie sie.
Gerade so, wie es Kaiser Julian beliebt in den Schriften, die er gegen uns, die wir an Christus glauben, veröffentlicht hat, und worin er nahezu die ganze Bibel nur nach dem Buchstaben auslegt und die Worte zum Schlechten wendet. Gegen ihn hat der heilige Kyrill einige Schriften verfasst und erklärt, dass ein Text nicht überall nur nach dem buchstäblichen Wortlaut verstanden werden darf. Zum gleichen Problem äußert sich der heilige Hieronymus in einer Predigt zur Osternacht folgendermaßen: »Was kann man Schändlicheres sagen, als es die Heilige Schrift tut: Gott habe dem heiligen Propheten Hosea geboten, eine Hure zur Ehe zu nehmen [Hos 1,2]; oder Juda habe es mit seiner eigenen Schwiegertochter Tamar gehabt und sie habe von ihm empfangen [Gen 38,15.24]; und dass sich der heilige König David mit dem Ehebruch mit Batseba befleckt habe [2 Sam 11,2-5]; und Onan, des Juda Sohn, habe seinen Samen auf die Erde geworfen, damit er keine Kinder zeugte [Gen 38,9]. Wollte man diese Stellen nur rein buchstäblich verstehen, so würden sie – und die ganze Heilige Schrift – von Heiden und Ungläubigen wie Unrat und Mist verworfen und verspottet werden« – wörtlich zitiert. Es folgt noch vieles in dieser Richtung, was jeder selbst nachlesen möge. Darum hat Freidank ganz richtig gesagt:
Man heißet manchen bös, den andern gut,
denen man beiden unrecht tut.
Das alles sage ich natürlich nicht, um den Talmud zu rechtfertigen an Stellen, an denen er zu verwerfen ist; sondern einzig, um zu beweisen, dass er nicht verbrannt oder vernichtet werden müsse, nur weil er einige unverantwortliche und törichte Ansichten, wie es bei Disputationen üblich ist, enthält, die besonders dann so erscheinen, wenn man sie rein buchstäblich verstehen will.
Ferner ist Tatsache, dass die Weisen in alter Zeit ihr höchstes Können und Wissen so mit törichter Ausdrucksweise, verstellten Worten oder gleichnishaften Zeichen verhüllt haben, dass sie oft genug nicht nur die Sprache unverständlich machten, sondern sogar die Buchstaben veränderten. So haben die Ägypter zweierlei Schrift gehabt: die eine mit gewöhnlichem a-b-c, so dass sie ein jeder in Ägypten lesen konnte. Die andere mit der Natur entnommenen Bildzeichen als Buchstaben, wie Bohnen, Schlangen, Schwertern, Stäben, Zweigen, Augen, Schilden und dergleichen, die man allein für erhabene heilige Geheimnisse gebraucht hat, worüber wir heute noch Bücher in griechischer Sprache und Schrift hier selbst zur Hand haben.
Demgemäß hat sich der heilige Kyrill allein mit diesem Argument gegen die Spottschrift Kaiser Julians behauptet und verwahrt, die jener gegen den Bock herausgab, den die Juden alljährlich mit ihren Sünden beladen in den wilden Wald jagten (Lev 16[,10]). Er erwiderte nämlich, dass nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch die antiken Weisen die Gewohnheit haben, die höchste Weisheit in Geheimsprache, Sinnbildern, Gleichnissen oder Rätselworten aufzuschreiben. Daher kommen die sechs Tage der Weltschöpfung — da doch alle Dinge in einem Augenblick geschaffen sind; ebenso das zweischneidige Schwert, das vor dem Paradies hängt [Gen 3,24]; ebenso, dass Gott »gesprochen« habe, es »reue« ihn, den Menschen geschaffen zu haben [Gen 6,7]; ebenso, dass Abraham drei Männer gesehen habe und doch nur einen anbetete, und die drei haben mit ihm gegessen, da doch Gott nicht isst [Gen 18,1.8]; ebenso, dass Gott herabgestiegen sei nach Sodom [Gen 18,21] oder auf den Berg Sinai [Ex 19,8], da er doch allgegenwärtig ist in erhabener Ruhe; ebenso, dass Gott sich erheben will; ebenso, dass Gott an diesem oder einem anderen Ort wohne; ebenso, dass Gott von grimmigem Zorn, Hass, Wut, Rache erfüllt sei; ebenso, dass er Antlitz, Hände und Füße besitze. Ebenso nennen die alten Weisen die Weisheit »Wasser« und das Nichtwissen »Hunger und Durst«; ebenso sagt man für die leibliche Lust »Hure«: daher beginnt Salomo seine Spruchweisheit mit einer »Hure« [Spr 5,3-23] und endigt bei einer »ehrbaren Frau« [Spr 31,10—31]. Und im heiligen Evangelium wird das Himmelreich mit vielen Dingen verglichen. Pythagoras aber, der erste Philosoph, nennt die Gerechtigkeit eine »Waage«, den Zorn »Feuer«, den Krieg »Schwert«, den Irrtum eine »öffentliche Straße«, die Schwätzer »Schwalben«, wie Porphyrius im ersten Band seiner »Geschichte der Philosophen« und St. Hieronymus in seiner Entgegnung an den Priester Rufinus von ihm berichten. Und um eben jenes Pythagoras‘ Meinung mit kurzen Worten zu umreißen, so habe er seinen Schülern geboten, nichts von dem, was er sie in seinen Vorträgen an hohem Wissen lehren werde, unter die Leute zu bringen, wie es Lysis deutlich an Hipparch geschrieben hat. Das haben die Philosophen nach seiner Zeit auch gewissenhaft eingehalten — entweder, indem sie ihre Kenntnisse überhaupt nicht niederschreiben ließen, oder aber mit so verhüllten Worten andeuteten, dass es nicht jedermann verstehen konnte. Das tat auch Plato, wie es in seinen Werken offensichtlich ist und besonders in den Missiven oder Briefen, die er an hohe Herren geschrieben hat. Auch die Druiden in Frankreich zur Zeit des Kaisers Julius [= Cäsar] haben es so gehalten, wie er selbst in seinen Kommentaren [= über den Gallischen Krieg] berichtet.
In andern Wissenschaften finden wir das gleiche, vornehmlich in der Alchimie, wo man die Metalle mit den sieben Planetennamen bezeichnet, wie es denn Geber, den man den Meister der Meister nennt, in seinen Büchern »Summa perfectionis magisterii«, und Arnold von Villanova in seinem »Rosarium«, und Lullius im »Codizill« und im »Buch Vademecum« und im »Buch De Intentione Alchimistarum« und im »Buch der Experimente«, und Magister Johannes Stirus aus England in seinem »Rosarium«, und Arcturus in seiner »Ars«, und viele andere schreiben. In all diesen Schriften findet man wunderliche, seltsame Wörter und Ausdrücke, so dass man dabei denken möchte, ein Irrer habe sie in seinem Wahn gesprochen. Aber die in dieser Wissenschaft Erfahrenen wissen genau, was gemeint ist, und dass es uneingeschränkt Anerkennung verdient.
Das gleiche liest man in der Arzneikunde: Da heißt »Album graecum« Hundsdreck, und getrocknetes Menschenfleisch nennt man »Mumie« usw. Und die antike Dichtung – so der ganze Homer – ist voll geheimen Wissens, das in seltsamen Mythen und Worten ausgesprochen wird. Und ebenso Hesiod, Orpheus und Theokrit.
Wenn nun allen Wissenszweigen unserer Vorfahren diese Freiheit erlaubt ist, dass sie hin und wieder in einem anderen Sinn zu verstehen sind, als er dem Wortlaut entspricht, damit den Ungelehrten und Unverständigen das Wissen nicht preisgegeben werde – warum sollte es dem Talmud verboten sein, seinen Jüngern die Geheimnisse der Lehre mit anderen Worten zu verstehen zu geben, damit nicht jedermann mit seinen ungewaschenen Füßen darüber hinlaufe und meint, er wüsste das alles auch?
Wenn aber jetzt einer käme, ohne Verstand, und spräche: »Allergroßmächtigster Kaiser, allergnädigster Herr! Eure Majestät muss die Alchimiebücher unterdrücken und verbrennen, weil in diesen Büchern lästerliche, schlimme und auch närrische, törichte Dinge stehen, verfasst gegen unseren christlichen Glauben. Denn darin wird dem Alchimisten geboten, der Mann solle sich unter die Frau legen, so lange, bis er durch Erhitzung stark genug werde, um auf die Frau zu steigen. Weil nun solches durch das kaiserliche Recht streng, ja bei Todesstrafe, verboten ist und ihre Schüler das lernen, wie es alles, mit vielen anderen ungereimten Geboten und Verboten, in der >Kunst< des Arcturus geschrieben steht, so tut Eure Majestät ein gutes Werk, wenn sie solche Bücher verbrennen lässt.
Und weiter: was könnte man Närrischeres und Törichteres lesen, als dass jemand vorgibt und seine Schüler lehrt, man vermöchte und könnte aus dem Mond [= Silber] die Sonne [= Gold] machen, und aus einem Mond viele Sonnen. Ferner: aus einem flüchtigen Knecht einen langsamen Merkur!«
Was müsste Eure Kaiserliche Majestät einem solchen Büffel und Esel anderes zur Antwort geben, als dass sie sagte: »Du bist ein einfältiger Mensch, über den man lachen muss, dem man aber nicht den Willen tut. Ich sehe genau, dass du von dieser Wissenschaft nichts studiert hast. Geh nur zu, ich werde nichts davon verbrennen!«
Und da nun so ein engstirniger Kopf nicht das Geringste von den Geheimnissen einer Wissenschaft zu begreifen vermag und dessen auch gar nicht würdig ist und die Dinge anders versteht, als sie von sich aus sind — würdet Ihr dann gutachtlich feststellen, man müsste solche Schriften verbrennen, weil sie ein Uneingeweihter falsch verstehen könnte? Ich bin überzeugt: Nein.
So sind die antiken Dichter erhalten geblieben, die sehr viel schlimmere Dinge enthalten als der Talmud und in viel größerem Gegensatz zu unserem christlichen Glauben stehen als der Talmud. Weiterhin: alle Philosophie ist aus Homer, dem ersten Dichter, hervorgegangen, obwohl er mit seinen Lügengeschichten weder Gott noch die Welt geschont hat. Und dessen Werke hat Alexander der Große am Tage fleißig studiert und nachts, wenn er schlafen ging, unter sein Kopfkissen gelegt, als die Quelle allen Wissens über Gott und die Menschen! Der heilige Chrysostomos hat in gleicher Weise den Dichter Aristophanes gewissermaßen als Griffel täglich in der Hand gehabt und alle seine Predigten, die in unzähligen Bänden niedergeschrieben sind, an ihm geformt und gefeilt — wiewohl er ein heidnischer Dichter verlogener Geschichten ist. Daher sagt das heilige geistliche Recht: »Wir lesen manche Dinge, damit sie nicht wirkungslos bleiben; wir lesen einiges, damit wir doch auch davon Kenntnis gewinnen; wir lesen schließlich manches, nicht um es anzunehmen, sondern um es zu verwerfen.« Darüber hat auch der heilige Basilius eine eigene Abhandlung geschrieben, dass und wie wir alle Schriften lesen sollen und können, damit sie uns nützen — eben in dem vorstehenden Sinn.
Unter all diesen gelehrten und heiligen Männern, den Verteidigern unseres christlichen Glaubens, findet sich niemand, der jemals begehrt oder gewünscht hätte, dass solche Schriften, wie oben bezeichnet, verbrannt oder unterdrückt werden sollten. Damit wird unseres lieben Herrn Jesus Christus Gebot entsprochen, das er Mt 13[,29f.] gegeben: Wir sollten nicht Raden und Unkraut ausreißen, damit wir nicht zugleich die gute Frucht verderben, sondern wir sollten alles stehen lassen bis zur Ernte. Wann aber diese Ernte sei, erklärt er danach: Die Ernte ist das Aufhören, das Ende der Welt. Da wird der Hausvater, das heißt Gott der Herr selbst, zu den Schnittern sagen: »Reißt nun zuerst das Unkraut aus und bindet es zu Büscheln, damit ich es verbrenne.« Beachtet wohl: auch dann will Gott noch nicht den ganzen Acker abbrennen um der Raden und des Unkrauts willen, sondern er lässt allem das Unkraut auslesen und in Büschel binden, um dann diese Fagott oder Büschel zu verbrennen. Danach richtet sich getreulich die heilige christliche Kirche im kanonischen Recht, da sie verordnet, dass alle Bücher erhalten bleiben, damit man sie sichte und prüfe, gemäß den Worten des Apostels Paulus (1 Thess 5[,21]): »Ihr möget alle Dinge sichten und prüfen, und was ihr Gutes darin findet, das behaltet.«
Wenn wir sie aber verbrennen, so können unsere Nachkommen nicht prüfen. Darum verordnet die heilige christliche Kirche, man solle die Schriften des Rufinus und des Origenes erhalten, mit Ausnahme der Stellen und Abschnitte, die vom heiligen Hieronymus verworfen wurden, usw. Das darf man gewiss so verstehen, dass unsere Mutter, die heilige christliche Kirche, kein Buch verbrennen lässt, in dem unter Gutem auch etwas Schlechtes steht. Freilich ist richtig: Fände sich eine Schrift, die völlig schlecht wäre und aus der gar nichts Gutes kommen könnte, und stünde es in unserem Machtbereich, dann könnten wir diese nach Recht und Gesetz vernichten und verbrennen. Ich erinnere an die Schriften von Ketzern, die wegen Abfalls von unserem gemeinsamen Christenglauben der Obrigkeit und Gerichtsbarkeit der christlichen Kirche verfallen sind. Wenn sie etwas schrieben oder herausgäben, das den Glauben betrifft und den Satzungen und Verordnungen der heiligen Konzilien und der obersten Häupter der Christenheit widerspricht, dann könnte man das verurteilen und durch Gerichtsbeschluss oder per Dekret vernichten. So, wie es zum Beispiel geschehen ist in Sachen des verurteilten und verdammten Ketzers mit Namen Eutyches oder des Nestorius und ihrer Anhänger, die auf dem Konzil zu Chalzedon und zu Ephesus [Canon 5] zu einem Verwerfungs- und Vernichtungsurteil führten. Damals gebot der römische Kaiser als Inhaber der Exekutive und Vollstrecker der Beschlüsse der Versammlung und der Konzilien den christlichen Kirchen, dass man solche ketzerischen Schriften, die im Widerspruch zu dem chalzedonischen und ephesinischen Konzil standen, verbrennen solle.
Das hat aber ganz andere Ursachen und bezieht sich auf ein anderes Prozessverfahren, das mit dem vorliegenden Fall in nichts zu vergleichen ist. Ketzer sind nämlich durch die Taufe und die anderen Sakramente, die sie empfangen haben, der christlichen Kirche unterworfen, und in Dingen, die den Glauben betreffen, ist niemand ihr Richter, als der Papst und die Geistlichen unseres Glaubens. Die Juden aber sind in Dingen, die ihren Glauben betreffen, einzig ihresgleichen und sonst keinem Richter unterworfen. Es darf und kann auch kein Christ darüber befinden, es sei denn im Zusammenhang mit einem weltlichen Prozess, der auf regelrechte Anzeige bei einem ordentlichen Gericht zustande gekommen ist. Denn sie sind nicht Glied der christlichen Kirche und daher geht uns ihr Glaube nichts an. Das schreibt der heilige Paulus (1 Kor 5[,12f.]), wo er sagt: »Was geht es mich an, Leute, die außerhalb sind, zu richten? Ist es euch nicht genug, die zu uns gehören zu richten? Leute, die nicht zu uns gehören, sondern außerhalb sind, wird Gott richten!« — wörtlich zitiert.
Soviel über den Talmud: Er ist nicht zu unterdrücken, noch zu verbrennen. —
Nun komme ich zum dritten Abschnitt meiner Aufteilung der jüdischen Schriften, betreffend das erhabene Geheimnis der Aussprüche und Worte Gottes, Kabbala genannt. Darüber könnte ich leicht sehr viel sagen — für und wider. Denn unser heiligster Vater, Papst Innozenz VIII., hat diese Materie, nämlich die Bücher der Kabbala, vor 20 Jahren durch viele sehr gelehrte Bischöfe und Professoren prüfen und erwägen lassen, gegenüber dem hochadeligen und hochgelehrten Herrn, dem Grafen Johann Picus von Mirandola seligen Andenkens, der sich damals zu Rom zur Disputation erboten und durch öffentlichen Anschlag dazu eingeladen hatte. Unter anderen Themen und Thesen war auch folgende: »Es gibt keine Wissenschaft, die uns der Gottheit Christi gewisser werden lässt, als Magie und Kabbala.« Dagegen aber sprachen und schrieben die Exegeten der Heiligen Schrift vieles, obwohl sie kein gründliches Wissen darüber besaßen, was für ein Tier diese »Kabbala« denn wäre. Doch erhob der genannte Graf damals Einspruch gegen ihre Aussagen, mit großer Überzeugungskraft. Daraufhin erfolgte eine weitere Entgegnung durch Doktor Peter Garcia, Bischof von Barcelona, mit einer Gegenschrift gegen den Grafen, die er Papst Innozenz gewidmet hat. Und schließlich wurde nach dem Tode von Innozenz Alexander VI. Papst. Der gab vielen hochgelehrten Kardinälen, Bischöfen und dem Magister Palatii den Befehl, über das Für und Wider in den Schriften und Vorträgen der beiden eben genannten Parteien gründlich zu beraten. So hat Seine Heiligkeit aufgrund ihrer Bemühungen befunden, der obengenannte Graf Johannes habe mit gutem Recht in den Büchern der Kabbala geforscht und seine Schriften darüber seien wohlbegründet. Er hat deshalb dessen Buch, »Apologie« betitelt, durch ein apostolisches Breve im Jahr 1493 approbiert. Darin durchforscht Graf Picus die Kabbala gründlich und sagt, dass diese Schriften, deren es an die 70 geben mag, nicht allein das geistige Erbe des heiligen Mose, sondern auch die Begründung der Wahrheit unseres christlichen Glaubens darlegen. Er gibt ferner an, Papst Sixtus IV. habe befohlen, eben diese Bücher der Kabbala ins Lateinische zu übertragen und zu verdolmetschen, da es für unseren Glauben von besonderem Nutzen wäre. Von diesen sind bisher erst drei in lateinischer Sprache herausgekommen.
Aufgrund alles dessen und auch, weil ich die Bücher der Kabbala zum Teil selbst gelesen habe, könnte ich im Zusammenhang mit diesem Gutachten lange das Für und Wider disputieren. Aber da man ja aus dem Buch »Apologia« des genannten Grafen von Mirandola, das von Papst Alexander approbiert ist, mit Sicherheit entnehmen kann, dass die Bücher der Kabbala nicht allein unschädlich, sondern höchst nützlich für unseren christlichen Glauben sind, und da Papst Sixtus IV. den Auftrag gab, sie zum Nutzen für uns Christen in das Latein zu übertragen, so begnüge ich mich damit, daraus den Schluss zu ziehen, dass solche kabbalistischen Schriften nicht unterdrückt oder verbrannt werden sollen, noch rechtlich können. Damit aber auch für diesen Punkt mein Gutachten begründet sei, verweise ich hiermit auf das Dritte Buch Esra unserer Bibel, wo wir im neunten Kapitel von den 70 Büchern lesen, die, aus Gottes Mund gekommen, nicht jedermann verstehen solle [Neh 8,2]. —
Weiter: Um nun die vierte Abteilung der jüdischen Schriften herauszugreifen, wohin Kommentare und Glossen zur Bibel gezählt werden, lautet mein Gutachten, dass sie aus folgendem Grund nicht unterdrückt oder verbrannt werden sollen noch auch rechtlich können:
Sie geben nämlich an, wie ein jedes Wort der Bibel aus der Eigenart ihrer Sprache heraus zu verstehen ist, wie zum Beispiel Abraham, Sohn des Esra, Moses, Sohn des Gabirol und Rabbi David Kimchi, die alle die einzelnen Wörter grammatikalisch erklären. Diese kann und darf man so wenig verbrennen, wie Priscianus, das »Füllhorn«, Servius und Donatus im Bereich der lateinischen Sprache. Das gleiche gilt für die Kommentare und Texterklärungen des Rabbi Salomon, des Rabbi Moses von Garona, des Rabbi Levi, Sohn des Gersom, Magister Leo de Banolis genannt, der Gelehrten -Vater und Sohn – Rabbi Joseph und Rabbi David, beide Kimchi, seines Bruders Moses Kimchi und anderer, die das Alte Testament Wort für Wort entsprechend der Eigenart der hebräischen Sprache erläutern; so wie es Eustathius für Homer und Theon für Ptolemäus und andere Kommentatoren tun.
Ich behaupte auch und habe meine Quellen dafür, dass unsere Gelehrten und Exegeten der Heiligen Schrift zum vollen Verständnis des biblischen Textes sich sehr intensiv mit solchen Kommentaren, Glossen und Erläuterungen vertraut machen müssten, wollen sie in Anfechtungen durch abweichende Glaubenslehren wirklich bestehen; denn das heilige geistliche Recht besagt, dass der Glaubensinhalt der Bücher des Alten Testaments aus dem hebräischen Text erfasst werden müsse. Und wenn zum Beispiel die Worterklärungen und Anmerkungen des Rabbi Salomon, der über die Bibel geschrieben hat, aus unserem Nikolaus de Lyra, der auch über die Bibel geschrieben hat, herausgezogen und gestrichen würden, dann wollte ich das Übrige, was eben Nikolaus de Lyra aus seinem eigenen Kopf über die Bibel zu schreiben wusste, auf ein paar wenigen Seiten zusammenfassen.
Derartige Kommentare darf und kann die christliche Kirche nicht aus der Hand geben, denn sie halten die ursprüngliche hebräische Sprache in Übung, auf die die Heilige Schrift, besonders für das Alte Testament, nicht verzichten kann; genauso wenig, wie wir die griechische Sprache und ihre Grammatiken und Kommentare für das Neue Testament entbehren können und dürfen, wie der eben zitierte kanonische Rechtssatz »Ut veterum« erweist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mir erlauben, mit aller gebotenen Zurückhaltung darauf hinzuweisen, dass man in unserem christlichen Glauben sehr viele Gelehrte findet, die aus Unkenntnis dieser beiden Sprachen die Heilige Schrift nicht richtig erklären und deswegen sehr oft zum Gespött werden. Darum soll man die Kommentare und Glossen der Leute, die ihre Muttersprache von Jugend auf gründlich gelernt haben, keineswegs unterdrücken, sondern, wo immer solche existieren, sie zugänglich machen, pflegen und sehr in Ehren halten, als Quellen, aus denen uns der wahre Sinn der Sprache und das Verständnis der Heiligen Schrift zufließt. Deshalb sagt das kanonische Recht: »Viele von den Unseren haben vieles gesagt, das sich gegenseitig widerspricht. Darum sind wir genötigt und gezwungen, zu den Juden zu gehen und das wahre Wissen viel richtiger an der Quelle als in den Abflüssen zu suchen« — wörtlich zitiert.
Es könnte jemand einwenden: Ich will mir gerne mit unseren Kommentaren behelfen, wozu bedarf ich derer der Juden? Auch diesem kann geantwortet werden: Wer sich »behelfen« muss, der ist arm daran — so, wie wenn einer im Winter gerade nur Hosen anzuziehen hätte. Wenn man ferner bedenken wollte, dass sich unsere Kommentare häufig genug unterstehen, Schriften zu erklären, die sie selbst nicht verstanden haben, dann kann ein Freund der Wahrheit sich nicht damit begnügen. Der hochbedeutende Lehrer St. Hilarius hat zur Heiligen Schrift Commenten und Kommentare verfasst, die von der ganzen christlichen Kirche gerühmt und angenommen worden sind; aber er macht oft Fehler bei der Worterklärung in Ermangelung der hebräischen Sprache, die er nicht konnte. Und das Griechische hat ihn nur gerade so angeweht oder angehaucht, wie St. Hieronymus im Brief an Marcella über den 126. Psalm und in seinem Brief an Damasus über »Hosanna« schreibt, und ebenso an vielen anderen Stellen, die in meinem Werk »Einführung in das Hebräische« ausführlich nachgewiesen sind. —
Weiter zu ihren Predigt- und Disputationsbüchern, ferner ihren Brevieren, Gesangbüchern, Ordnungen für ihre Zeremonien, Bräuche und Andachten. Was soll ich dazu anderes sagen, als im weltlichen Bereich die ruhmreichen Kaiser und im geistlichen die Päpste dazu gesagt und in Gesetze gefasst haben? »Dass man sie in ihren Synagogen, Zeremonien, Riten, Gewohnheiten, Sitten und Andachten in Ruhe lassen soll, insbesondere, wenn sie nicht gegen unsere Gesetze verstoßen und unserer christlichen Kirche nicht öffentlich Verachtung bezeigen. Denn die christliche Kirche hat gar nichts mit ihnen zu tun, außer in den neun Punkten, die die Glosse anführt.«
Darum ist es meine Meinung, dass man ihnen die eben erwähnten Schriften rechtens nicht beschlagnahmen, vernichten noch verbrennen kann, es seien denn Schmähschriften oder verbotene Künste. —
Zuletzt nun die Schriften betreffend, welche die Philosophie, die freien Künste, die Naturwissenschaften und anderes Verwandte berühren, die in meiner ebenstehenden Aufteilung der Judenbücher den sechsten Abschnitt gebildet haben. Dazu habe ich zu sagen, dass es damit gehalten werden soll, wie es mit den entsprechenden Lehrbüchern gehalten wird, die griechisch, lateinisch oder deutsch abgefasst sind: Lehren und Praktiken, die nicht verboten sind, lässt man gelten. Würden aber jüdische Schriften vorgelegt, die verbotene Künste lehrten und Unterweisungen darüber enthielten, zum Beispiel über Zauberei, Teufels- und Hexenwerk, und die dazu dienen könnten, Menschen Schaden zuzufügen, dann könnte man sie als Feinde der menschlichen Natur beseitigen, zerreißen oder verbrennen. Gesetzt den Fall, dass solche Zauberbücher nur Gutes und dem menschlichen Leben Nützliches und nichts Schädliches enthielten, dann sollte man sie dennoch nicht verbrennen, noch beseitigen, ausgenommen die Bücher über Schatzgraben. –
Hiermit erhält Eure fürstliche Gnaden auf die Frage Seiner Kaiserlichen Majestät meine Antwort, aus der zu entnehmen ist, dass es mir weder für das Lob Gottes noch den heiligen Christenglauben nützlich, noch für die Mehrung der Gottesverehrung förderlich zu sein dünkt, wenn man den Juden ihre Schriften gewaltsam beschlagnahmen, unterdrücken oder verbrennen wollte – abgesehen von und ausgenommen Schmähschriften, die man als »libelli famosi« bezeichnet, und verbotene Künste, die allen Menschen schädlich und daher nicht zu dulden sind, wie vorstehend ausgeführt. Denn die Juden sind gewissermaßen unsere »Capsarii«, Büchereiverwalter und Bibliothekare, die solche Bücher verwahren, aus denen wir Zeugnis für unseren Glauben erstellen können, wie der Kirchenlehrer St. Thomas [von Aquin] sagt.-
Gegen diese meine Meinung dünken mir die eingangs aufgeführten gegnerischen Argumente und Begründungen keine ausreichende Einwendung:
I. Die Juden hätten ihre Schriften gegen die Christen verfasst, wiewohl es bei einigen nicht zutrifft, die schon vor Christi Geburt (wie oben ausgeführt) oder auch für andere Wissensbereiche geschrieben wurden. Und selbst dann, wenn sie alle gegen uns gerichtet wären, sollte man sie gerade darum nicht verbrennen. Denn die Juden haben ihre Bücher in ihrem eigenen Interesse zum Schutz ihres Glaubens verfasst, wenn immer sie von jemandem angegriffen würden – mag er Heide, Tartar, Türke oder Christ sein und im Übrigen niemandem zu Leid, zu Beschimpfung oder Schaden.
Das ist auch deshalb anzunehmen, weil sie in kleiner Zahl unter uns wohnen und eher bereit sind zu dienen, als den Menschen Schaden zu tun. So sagt es das kanonische Recht. Darum ist weder anzunehmen noch zu unterstellen, dass sie diese Schriften gegen uns, sondern allein zur Wahrung ihrer eigenen Interessen geschrieben haben. Und es kann sehr wohl vorkommen, dass ich etwas in meinem Interesse tue, das dem deinen entgegen und dir unangenehm ist — dennoch handle ich nicht gegen dich, und es gibt kein Gesetz, nach dem du gegen mich Klage erheben könntest.
Ich unterstelle aber [einmal], die Juden hätten diese ihre Bücher vorsätzlich gegen uns geschrieben — was ich aber nicht im Ernst annehme und was auch wohl eines überzeugenden Nachweises bedürfte – auch dann noch ließe sich zu ihrer Entschuldigung anführen, dass sie das niemandem zur Kränkung, sondern nur zu ihrer eigenen Verteidigung getan hätten. Denn nachdem wir sie Jahr für Jahr in unseren Kirchen am Karfreitag öffentlich beschimpfen: »perfidos judaeos«, das heißt »glaubbrüchige Juden«, oder auf gut deutsch: »bei denen es weder Treu noch Glauben gibt«, könnten sie dagegen untereinander mit gutem Recht sagen: »Sie verleumden uns. Wir haben unseren Glauben nie gebrochen.«
Was sie nun sagen könnten, das könnten sie noch ausführlicher und klarer niederschreiben, um sich selbst gegenüber ihren eigenen Leuten zu entlasten; wie denn Aristoteles in »Peri hermenias« sagt: »Die Schrift ist ein Abbild der Worte.« Darum ist es als Argument in sich nichtig, wenn einer sagen wollte: Die jüdischen Schriften sind zu verbrennen, denn sie sind gegen uns verfasst. Zudem ist offensichtlich, dass die christliche Kirche auch andere Bücher nicht verbrennen lässt, die vorsätzlich, gezielt und mit empörenden Titeln gegen uns geschrieben sind, um uns hinterrücks zu verletzen, wie die Schriften des Porphyrius, des Celsus, des Julian Apostata und anderer.
II. Zu dem zweiten Argument, wonach man sagen könnte, solche Bücher beschimpfen Jesus, Maria und die Apostel, ebenso uns und unsere christliche Ordnung.
Dieses Argument und die zugrunde liegende Tatsache wären stark, weshalb ich solche Schriften, wo immer sie gefunden würden, oben an erster Stelle für gesetzlich verurteilt erklärt habe. Ich habe aber solche noch niemals weder gesehen noch gelesen, außer zweien, nämlich »Nizzachon« und »Tolduth Jeschu ha nozri«. In allen anderen Schriften, die ich bisher zu Gesicht bekam oder gelesen habe, finde ich keine Beschimpfung. Denn was den Glauben betrifft, sind sie der Meinung, ihr Glaube sei richtig und der unsere sei unrichtig.
Man findet wohl bei manchen Juden die Meinung, eine jede Nation möge in ihrem Glauben bestehen bleiben; und so, wie uns das Gesetz des Mose nicht binde, ebenso seien sie den Geboten Jesu nicht unterworfen; sondern sie seien verpflichtet, die des Mose zu halten, denn Gott habe sie ihnen gegeben und sonst niemandem. Und ebenso seien wir verpflichtet, Jesu Gebote zu halten, denn Gott habe diese uns gegeben. Darum dient alles, was sie schreiben, dazu, darzutun, dass Jesus nicht Gott sei; und alles, was daraus folgt, ist eben ihr Glaube: Und damit wollen sie niemanden gekränkt wissen. Und das hat die christliche Kirche so an die 1400 Jahre hingenommen und geduldet und hat darin nie eine Kränkung gesehen. Jesus ist auf dieser Erde als Mensch und als Knecht erschienen, schreibt St. Paulus (Phil 2[,5f.]), und für nichts anderes haben ihn die Juden auch erachtet, und in ihm und seiner Mutter und auch in den Aposteln nichts Göttliches gesehen — und so tun sie noch. Ob das eine Beleidigung sei, das möchte ich dem Ermessen jener überlassen, die im weltlichen und im kanonischen Recht über die angeführten Gesetze geschrieben haben.
III. Nun zum dritten Argument: dass die Bücher falsch sind. Das vermag ich nicht richtig zu verstehen, denn »falsch« wird in mancherlei Sinn gebraucht.
1. nennt man zuweilen Bücher »falsch«, die nicht richtig korrigiert sind, wo zum Beispiel ein Wort ausgelassen oder zu viel ist, oder Buchstaben sind fehlerhaft geschrieben. Das ist nicht weiter strafbar; nur, dass man solche Bücher gut korrigieren und verbessern sollte, will man sie richtig verstehen. Denn müsste man derartige Bücher deshalb verbrennen, weil sie nicht richtig geschrieben und kopiert sind, dann müsste man viele Exemplare der heiligen Bibel verbrennen. Und wer mir diese meine Aussage nicht glauben will, der lese die zweite Vorrede des heiligen Hieronymus zu den Paralipomena, ferner die Vorrede zu Ijob und andere seiner Schriften, besonders seinen Brief an Lucinius Beticus, worin er sagt, ein Schreiber mache mehr Fehler als der andere. Ebenso St. Augustinus in seinem Schreiben oder Brief an den heiligen Hieronymus. Und wenn man also die Bücher verbrennen sollte, die falsch, das heißt fehlerhaft geschrieben oder gedruckt sind, dann müsste man vor allen Dingen Plinius mit seiner nützlichen Naturgeschichte verbrennen, denn von ihm hat es jahrhundertelang nie eine korrekte, sondern nur fehlerhafte Ausgaben gegeben. Und dann hat sich auch der erste Schreiber des heiligen Evangeliums nach Matthäus beim Abschreiben geirrt und Fehler gemacht, wie der heilige Hieronymus in seinem Brief an Hedibia sagt.
2. nennt man zuweilen auch etwas »falsch«, das nicht wahr ist, so, wie das Wort gemeinhin die Philosophen gebrauchen; und in der Rechtssprache: falsa causa, falsa demonstratio, falsa grammatica, falsa relatio, falsa denotatio – und das alles ist nicht strafbar, enthält keine Täuschung und gilt nicht als Lüge. Und auch das ist nicht strafbar, wenn einer beim Plädoyer nicht ganz bei der Wahrheit bleibt, sondern nur bei der Zeugenaussage. Und wenn in diesem Punkt die jüdischen Schriften unserer Meinung nach falsch sein könnten, so sind sie es doch nicht nach ihrer Meinung und nach ihrem Glauben. (Vergleiche das Gesetz, worin geboten wird, dass einer, der gegen die Juden vorgehen wolle, sie doch nicht in ihrem Gotteshaus überfallen solle. Da sagt die Glosse zu dem Wort »domus religionum« so viel: »Sie selbst halten es für geistlich und für eine Stätte der Andacht.«)
3. wird etwas »falsch« genannt, das arglistig die Wahrheit einem anderen zum Schaden unterdrückt oder verändert. Nun weiß ich kein Volk auf dieser Erde, das mehr darauf achtete, die Heilige Schrift richtig zu schreiben als die Juden. Denn so ist bei ihnen die Bibel angeordnet, dass man genau verzeichnet, wie viele Verse oder Cola, die sie »psukim« nennen, ein jedes Buch hat. Ferner verzeichnet man, wie oft ein bestimmtes Wort in ihrer Bibel steht. Ferner hat man »massoret« darüber in ihren nach Versen gedruckten Bibeln: das sind Scholien [= Anmerkungen], worin nachgewiesen ist, wenn ein Buchstabe zu viel oder zu wenig steht. Derartiges habe ich niemals und nirgends in einer anderen Sprache gelesen, noch davon gehört. Jedoch ist einzuräumen, dass sich einige unbedeutende Änderungen finden, von denen sie sagen, es seien Korrekturen, die Esra und Nehemia vorgenommen haben, und das sind etwa 16 Stellen: zum Beispiel Gen 18[,22], wo geschrieben steht: »und Abraham stand nahe vor Gott«; dort soll vor Esras und Nehemias Zeit geschrieben gewesen sein: »und Gott stand vor Gott«; und Habakuk 1[,12]: »Mein Heiliger, und wir werden nicht sterben«, da ist vordem gestanden: »Mein Heiliger, und du wirst nicht sterben«, usw. Solche Änderung ist nicht geschehen, um jemanden zu täuschen, denn sie haben selbst bezeichnet, wo geändert wurde. Und St. Hieronymus, ebenso die 72 Übersetzer [= der Septuaginta] haben diese Änderungen ins Lateinische und Griechische übernommen, schon etwa vor gut tausend Jahren. Sonst kann ich keinen Grund finden, aus dem als wahr erwiesen werden könnte, sie hätten ihre Bücher gefälscht.
Man findet sie nämlich im Orient und im Okzident gleichlautend — mit alleiniger Ausnahme dessen, was von ihren Grammatikern über einzelne Wörter disputiert wird (etwa entsprechend den »Castigationes« des Ermolao Barbaro über Plinius bei uns). Derartiges ist aber als bloßer Disputations- und Übungsstoff zu betrachten.
Dass aber einige unserer Gelehrten der Meinung sind, die Juden hätten ihre Bibel gefälscht, könnte daher kommen, dass viele Bibelübersetzungen existieren: 1. die chaldäische des Onkelos und Jonathan; 2. die griechische der 72 Übersetzer; 3. die des Aquila; 4. des Symmachus; 5. des Theodotion; 6. des Origenes in seinem Werke »Hexapla«; 7. die Vulgata; 8. die des Anonymus; 9. die Übertragung eines Unbekannten ohne Bezeichnung. Diese haben sämtlich dem heiligen Hieronymus vorgelegen, als er die Bibel ein zehntes Mal – und zwar ins Lateinische – übersetzt hat. Die Angabe hierüber findet sich in seinem Kommentar. Diesen allen voraus geht jedoch der makellose jüdische Urtext. Doch wäre es freilich kein Wunder, dass unter so vielem Übersetzen und Überliefern merklich verändert wurde und danebentraf, so dass vieles falsch wurde, wie es ja Tatsache ist, und wovon auch der ebengenannte heilige Hieronymus schreibt (zu Ez 40[,5] über den Vers: »Siehe, da umgab eine Mauer«). Dort stellt er ganz klar fest, dass »nahezu alle hebräischen Wörter und Namen in den lateinischen und griechischen Fassungen veraltet, verderbt oder von den törichten, schlecht unterrichteten Schreibern verkehrt wiedergegeben sind. Und wenn einer von fehlerhaften Texten noch ohne die nötigen Kenntnisse abschreibt, so muss es dazu kommen, dass ein hebräisches Wort seine Form verliert und sarmatisch, böhmisch, ungarisch oder ganz zunichte wird. Denn wenn ein Wort aufhört hebräisch zu sein, dann wird es noch lange nicht zu etwas anderem« — wörtlich zitiert.
In Bezug auf all dieses werden wir durch das kanonische Recht angewiesen, für das Alte Testament in Zweifelsfragen auf die jüdischen Texte zurückzugehen. Das ist ein wertvolles Zeichen, dass die christliche Kirche sie noch für die zuverlässigsten, und also nicht für »falsch«, hält.
Wollte man aber behaupten, die jüdischen Gelehrten legten sie falsch aus, so könnte man uns, die wir uns im Interesse unseres Glaubens auf eben diese Gelehrten stützen und sie zum Beweis anführen und heranziehen (wie oben ausgeführt), entgegnen, dass wir uns bei solchem Verfahren falscher Zeugen bedienten, was ja verboten ist. Aber wie dem auch sei: wenn ein Gelehrter, der die Schrift nach seinem besten Verständnis auslegt, so, wie es ihm eben einfällt, es sei nun zutreffend oder nicht, dann begeht er keinen Betrug, außer wenn er wissentlich einen gefälschten Text dazu heranzöge. Andernfalls sagt man, er irre sich. Denn es ist allgemein bekannt, dass man nicht gezwungen ist, irgendeinem Gelehrten in seinen Schriften oder Ansichten Glauben zu schenken: so kann er auch an niemandem Betrug üben.
Dementsprechend ist meine Antwort auf das genannte Argument: Selbst wenn sich etwas Falsches oder Unwahres oder Irreführendes in den Büchern der Juden fände, genügt das nach Recht und Gesetz nicht, solche Schriften zu verbrennen. Dazu verweise ich auf Bartolus.
IV. Zum vierten Argument: Dass die Juden durch ihre Bücher dazu gebracht werden, in ihrem jüdischen Glauben zu verharren und umso weniger Christen werden, als sie von Jugend auf darin erzogen sind.
Es mag richtig sein: Was man in der Jugend lernt, das hängt einem gern bis ins Alter nach. »So wichtig ist es, sich in der Jugend an etwas zu gewöhnen«, sagt Vergil (Georgica 2), und Horaz in der zweiten Epistel an Maximus Lollius: »Ein Topf schmeckt lange nach dem, was zuerst darin gekocht worden ist.« Aber es ist auch häufig falsch, und es kommt oft genug vor, dass Menschen in der Jugend unbrauchbar sind und im Alter hervorragend geschickt werden und andere übertreffen, worüber bei Valerius Maximus nachzulesen ist.
Doch wollen wir die Römer jetzt beiseite lassen und die Juden selbst vornehmen. Unser Apostel Paulus hat alle jüdische Weisheit erlernt und bei den Rabbinern studiert. Und was ist aus ihm geworden? Der größte aller Apostel! Man könnte wohl sagen: Ja, Gott hat ihn eben gezogen. Darauf antwortet Christus (Joh 6[,65]): »Niemand kommt zu mir, wenn ihn der Vater nicht zieht.« Darum ist das kein gültiger Einwand; denn wir alle, die wir zum christlichen Glauben kommen, werden gezogen. »Wir werden nicht als Christen geboren, sondern dazu gemacht«, sagt St. Hieronymus in seinem Brief an Athleta über die Erziehung ihrer Tochter. Denn Christi Wort kommt in die Ohren, und durch die Ohren ins Herz, und vom Herz in den Willen, und durch den Willen in die Einsicht – und daher kommt der Glaube. Darum sagt St. Paulus (Röm 10[,17]): »Der Glaube kommt vom Hören, und das Hören vom Wort Christi.« Daraus kann ich sehr wohl folgendes entnehmen: Wer bereit ist zu hören, der ist auch bereit zu glauben, und wer nicht hören kann, der kann auch nicht glauben. Nun ist aber der viel fähiger, auf die christlichen Glaubenswahrheiten zu hören, der sich vorher in den Dingen geübt hat, durch die solcher Glaube der Vernunft einleuchtend werden kann, wie Aristoteles (im zweiten Buch »Von der Seele«) sagt: »Die Wirkung auf ein Ding ist stärker, wenn es dafür vorbereitet ist.«
Soll ich nun einem vernünftigen Menschen etwas glaubhaft machen, dann muss ich es seinem Verstand in einer Weise darbieten, dass seine Vernunft nicht davor zurückschreckt, damit sich sein freier Wille bei kritischer Überlegung mehr auf diese Seite neige, denn auf die andere. Und wenn eine Frage auf solche Weise einleuchtend gemacht ist, dann fallen Wille und Einsicht zusammen, und daraus wird Glaube.
Das aber sind die Mittel, durch die dem menschlichen Verstand die Wahrheit einleuchtend wird, wie unsere großen Gelehrten und Exegeten der Heiligen Schrift schreiben: Die Verkündigung durch die Propheten; die Übereinstimmung der Schrift [damit]; die vollendete Weisheit der heiligen Bücher; ihr vernunftgemäßer Inhalt und der Widerspruch gegen die Vernunft bei Annahme des Gegenteils; der Mangel an Logik, der in jeder Irrlehre zutage tritt; die Dauer des Bestehens der christlichen Kirche; und das offensichtliche Geschehen zeichenhafter Wunder. Durch diese acht Punkte kann der Wille eines Ungläubigen so gelenkt werden, dass seine Vernunft sich öffnet und er an etwas glaubt, was er vorher bezweifelt hat. Aus dieser Überlegung kann wohl erkannt werden, dass ein unterrichteter Jude leichter aus einem gültigen Grund bekehrt werden kann, als ein ungebildeter. Ich sage »aus einem gültigen Grund« und spreche deshalb nicht von denen, die aus Neid, Hass, Furcht vor Strafe, Armut, um sich vor Rache zu schützen, aus Ehrgeiz, Weltliebe, schlichter Einfältigkeit und dergleichen Ursachen mehr zu uns kommen und allem mit dem Mund und dem Namen nach Christen werden wollen. Derartige habe ich viele gekannt, und es ist nichts Gutes daraus entstanden. Diese Sorte glaubt eines genau wie das andere, und wenn es ihnen auf unserer Seite nicht nach ihrem Willen geht, dann laufen sie in die Türkei und werden wieder Juden. Von solchen Spitzbuben will ich hier nicht gesprochen haben, sondern von wackeren, redlichen Juden und Jüdinnen, die ihren Irrweg erkennen und einsehen, worin und inwiefern sie im Irrtum sind, und um Gottes und der Wahrheit willen für unseren christlichen Glauben zu gewinnen sind.
Darum gebe ich auf das oben angeführte vierte Argument zur Antwort: Die Bücher sind in Wahrheit nicht die Ursache, dass die Juden nicht zum christlichen Glauben kommen (Lk 16[,29]: »Sie haben Mose und die Propheten«). Die Bücher wären vielmehr sehr wohl die Ursache, aus der sie leicht für den Glauben zu gewinnen wären, wenn wir nämlich sehr fähige Leute hätten, die ihre Sprache könnten und sich vernünftig mit ihnen abzugeben verständen. Den Beweis dafür entnehme ich der Geschichte und der Tatsache, die der Meister [Alfonsus de Spina] im »Fortalicium fidei«, drittes Buch, Betrachtung 21, anführt, wo er schreibt, einer der gelehrtesten und weisesten Juden sei zu ihm gekommen und habe mit ihm viel über den Glauben gesprochen und ihm dabei gesagt, »dass er wahrhaftig vom christlichen Glauben überzeugt sei; und dazu sei er gebracht worden durch fleißiges Studium der Schriften, und zwar nicht allein der Bibel, sondern auch des Talmud und der Philosophie« – wörtlich zitiert. Auf gleiche Weise sind Doktor Petrus Alfonsus, Doktor Alfonsus de Spina, Doktor Iohannes von Podico, Doktor Hieronymus der Konvertit, Doktor Paul von Burgos bekehrt worden, die mir für unseren Glauben so wertvoll erscheinen wie vierhundert jüdische Kartenmaler oder Geldleiher.
Ich unterstelle aber [einmal], der Talmud wäre die Ursache, dass sie nicht Christen würden – deswegen sollte man doch niemandem sein Eigentum nehmen und verbrennen, denn es steht uns als Menschen darüber kein Urteil zu. Der Jude ist unseres Herrgotts so gut wie ich. Steht er, so steht er seinem Herrn; fällt er, so fällt er seinem Herrn: Ein jeder wird für sich selbst Rechenschaft geben müssen. Was wollen wir über eines anderen Seele urteilen? Gott ist wohl mächtig genug, ihn aufzurichten. Das alles steht klar beim heiligen Apostel Paulus (Röm 14[,4]) zu lesen. Und ebenso wissen wir aus dem Evangelium, dass unser Herr seine Jünger Jakobus und Johannes sehr hart tadelte, weil sie Feuer auf eine Stadt der Ungläubigen herabzurufen begehrten, die Christus und seine Jünger nicht aufnehmen wollte (Lk 9[,53ff.]). Daraus folgere ich, dass die Obrigkeit keine Schuld trifft: Denn sie willigt nicht in das Böse ein, sondern sie lässt es nur geschehen und kann es nicht abwenden, es sei denn, sie tue Menschen Unrecht, was doch nicht gestattet ist.
Um nun zum Schluss dieser Streitsache zu kommen: Ich kann mir wahrhaftig nicht denken, dass etwas daraus unserem christlichen Glauben zugute kommen oder die Verehrung Gottes mehren könnte. Ich vermag aber sehr wohl zu ermessen, dass viel Schlimmes daraus entstehen könnte, wenn wir ihre Schriften verbrennen würden.
1. Die Juden könnten sagen, wir nehmen ihnen ihre Waffen und fürchteten uns vor ihnen, dass wir in der Disputation geschlagen werden könnten und sie uns an Klugheit überlegen wären. Wie wenn ein Herzog einen Hirten zum Zweikampf herausfordern wollte und ließe ihm doch zuvor seinen Stab wegnehmen oder sein Schwert oder Messer, er selbst aber behielte das seine!
2. Die Juden könnten von neuem viel Seltsames schreiben, das schlimmer wäre, als das jetzt Vorhandene, und in hundert Jahren dann ihren Kindern erzählen, das oder jenes sei in den verbrannten Büchern gestanden.
3. Ebenso könnten sie dann später einmal sagen, unsere Gelehrten hätten die ihren falsch zitiert und in unberechtigter Weise herangezogen. Da könnten wir dann nichts mehr beibringen, um uns darauf zu beziehen.
4. Was einem verboten wird, das schätzt man erst richtig. Darum würden ihre Rabbiner und Gelehrten zum Studium in die Türkei gehen und nach ihrer Rückkehr ihre jungen Leute viel fleißiger lehren und vielleicht Schlimmeres, als sie vorher je gelernt hätten.
5. Es könnte dazu kommen, wie sich der Lauf der Welt ja von Jahr zu Jahr ändert, dass wir solche Bücher bei Konzilien und Kirchenversammlungen selbst dringend benötigten: So, wie das Konzil von Basel den Koran, das Werk Mohammeds, das dann Kardinal Johannes von Ragusa beigebracht hat — und dann gäben wir viel dafür, dass sie nicht verbrannt worden wären. So, wie [es] den Römern geschah, als der König Tarquinius Priscus die Bücher der Sybille Amalthea verbrannt hatte, bis auf die drei letzten; wofür er dann noch dreihundert Gulden aus reinem Gold geben musste und alles Bedauern nichts half, weil er eben die anderen hatte verbrennen lassen.
6. Es ist uns verboten, mit Ketzern, die von unserem Glauben abgefallen sind, öffentlich zu disputieren. Wohl aber können wir mit den Juden disputieren und uns mit ihnen unterreden, damit wir sie für unseren Glauben gewinnen. Wenn dann ihre Schriften verbrannt wären — worauf könnten wir uns gegen sie stützen, außer auf den Text der Bibel? Aber das bedeutet gar nichts, denn das kanonische Recht sagt, dass viele Worte sich im Text der Heiligen Schrift finden, die sich in dem Sinne dehnen lassen, wie ihn ein jeder für sich daraus entnimmt. Und darum würden die Juden in ihrer Klugheit eben neue Auslegungen erdenken, die nicht die von ihren Eltern überkommenen sind, und wir müssten [von jeder Disputation] Abstand nehmen.
7. Wenn es niemanden Außenstehenden mehr gäbe — es seien Juden oder Heiden —, mit dem wir um den Sinn der Heiligen Schrift ringen könnten, dann würden eben wir selbst, da ja der Geist des Menschen immer tätig sein will, in unseren Schulmeinungen uneinig und deren neue bilden, oder die alten Streitereien wiedererwecken, so wie es eben jetzt geschehen ist mit unserer lieben Frau [= Maria] Empfängnis, oder ob der heilige Paulus verheiratet gewesen, und ob der heilige Augustinus Mönch gewesen sei, und viele andere Torheiten. Und solches geschieht, wenn wir niemanden haben, der uns zu widersprechen wagt, an dem wir uns die Hörner abstoßen. So ist zum Beispiel in der Geschichte von Rom aufgezeichnet, beim dritten Krieg gegen die Stadt Carthago: Als man im römischen Senat darüber zu Rate saß, war Cato der Zensor der Meinung, man sollte Carthago niederreißen und schleifen. Darauf gab Scipio Nasica den Rat: »Nein, man soll Carthago bestehen lassen.« Nicht aus Liebe zu dieser Stadt – denn er war ihr ebenso feind, wie die anderen —, sondern allein darum, weil er die Römer gut genug kannte, dass sie nicht untätig sein konnten. Und wenn sie keinen Krieg nach außen zu führen hätten, dann würden sie innerhalb ihrer eigenen Stadt im Bürgerkrieg übereinander herfallen, wie es denn auch geschehen ist — und ganz Rom wäre danach froh gewesen, man hätte den Rat des Scipio befolgt.
8. Es ist nichts damit gewonnen, selbst wenn man in Deutschland, wo die geringste Zahl der Juden ansässig ist, ihre Schriften verbrennt. Denn sie haben noch in Konstantinopel und im Orient, ebenso auch in Italien und in anderen Königreichen eigene Hochschulen, wo sie in Freiheit studieren und lesen können, was sie wollen.
9. Nehmen wir doch uns selbst zum Beispiel: Die beiden Kaiser Diokletian und Maximian haben im achten Jahr ihrer Regierung ein gemeinsames Mandat ergehen lassen, worin geboten wurde, alle Schriften der Christen zu verbrennen. Wie aber nun jeder Amtsträger in seinem Bereich nach den christlichen Schriften suchen ließ, kam der kaiserliche Kommissar mit Namen Magnianus zu Felix, dem Bischof von Thibiuka, und zu Januarius, dem Priester, und ebenso zu Fortunatus und Septimius als zu solchen, die an jenem Ort am besten über die Schriften Bescheid wissen sollten. Diese gaben ihm zur Antwort: »Es steht geschrieben: ›Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden preisgeben, noch den Schweinen die Perlen vorwerfen‹« [Mt 7,6] — und ehe sie einwilligten, sie zu zeigen, sind sie lieber dafür gestorben.
Nichtsdestoweniger wurden die Bücher der Christen vernichtet, soweit sie nicht versteckt waren. Und nach dem Tod der beiden genannten Kaiser erhoben sich Ketzer und schrieben andere Bücher; sie gaben ihnen Titel mit Namen von Heiligen, als ob sie rechtmäßig anerkannt wären: zum Beispiel Evangelium des Thaddäus, Evangelium des Apostels Thomas, Evangelium des Apostels Barnabas, Evangelium des Bartholomäus, Evangelium des Apostels Andreas und noch viele Schriften mehr, wie sie alle aufgezählt sind im kanonischen Recht.
Das ging so lange, bis die alten Schriften im ganzen weiten Römischen Reich, im Osten und Westen, wieder zusammen gesucht und durch die darauf folgenden Konzilien gesichtet und geprüft wurden. Man kann aber nicht feststellen, dass es nun einige Christen weniger gegeben habe, als es gewesen wären, hätte man die Bücher nicht verbrannt, sondern die christliche Kirche hat sich danach je länger desto stärker vermehrt. Genauso würde es auch hier geschehen: Wenn die Juden sähen, dass man sie in ihrem Heiligsten mit Gewalt bedrängt, so würden sie umso glühender wünschen, als Juden zu sterben, im Glauben heilige Märtyrer zu sein, und ihre Frauen und Kinder umso strenger dazu anhalten.
Darum ist uns im kanonischen Recht geboten, dass wir den Juden ihr Eigentum nicht wegnehmen sollen, handle es sich um Geld oder um Geldeswert, der unter dem Wort »pecunia« zu verstehen ist, und wer dagegen handelt, der soll seiner Würden und seines Amtes enthoben oder im Bann (das heißt exkommuniziert) sein, so lange, bis er ausreichend Wiedergutmachung geleistet hat. Nun ist es Rechtsgrundsatz, dass niemandem der Bann zuerkannt wird, es sei denn für eine Todsünde. Ist es aber Sünde, so dient es nicht zum Lob Gottes.
Dieses Gebot der Kirche gilt auch für alle Könige und Kaiser, sofern sie Christen sind. Und das kaiserliche Recht hat dieses Gesetz übernommen und hat die Wiedergutmachung dahingehend erläutert, dass man jenen einen erlittenen Schaden zweifach ersetzen soll. Und eine Obrigkeit oder ein Amtsträger, die etwas derartiges zulassen, sollen ebenso gestraft werden, als wenn sie es persönlich verübt hätten. Denn wenn die Juden Frieden halten, dann soll man auch sie in Frieden lassen.
Dies alles geschieht darum, dass sie nicht sagen können, wir wollten sie zu unserem Glauben drängen oder nötigen. Über diesen Punkt schreibt der heilige Apostel Paulus (1 Thess 4[,4.10—12]): »Wir bitten Euch, liebe Brüder, dass ihr Ruhe haltet und dass ihr ehrlich vorgeht gegen jene, die außen stehen, und dass ihr nichts von einem anderen begehrt.« Das heißt, wir sollen die, welche nicht Christen sind, ungekränkt lassen und nichts von dem ihrigen begehren. Darum sollen wir ihre Kinder nicht ohne ihre [= der Eltern] Einwilligung taufen. Das halten auch die Lehrer der Heiligen Schrift aufrecht, zum Beispiel Augustinus von Ancona (in seiner »Summe über die kirchliche Gewalt«, Frage 25). Daraus darf entnommen werden, dass man ihnen auch ihre Bücher nicht gegen ihren Willen wegnehmen darf, denn Bücher sind manchen so lieb wie Kinder. Man gebraucht ja von den Dichtern die Redensart, dass sie die Bücher, die sie verfasst haben, als ihre Kinder betrachten. Und dann ist hierbei auch daran zu denken: Wollte man einem Juden seine Bücher deshalb wegnehmen, damit man ihn zum christlichen Glauben brächte, dann käme dies einem Zwang gleich. —
Da aber unser allergnädigster Herr, der Römische Kaiser, Euren fürstlichen Gnaden auch den Befehl gab, darüber Gutachten einzuholen, auf welche Weise, mit welcher Begründung und nach welchem Verfahren die Sache aufzunehmen und durchzuführen sei — wie mir das ja von hochdenselben Euren fürstlichen Gnaden zur Erwägung und Begutachtung aufgetragen ist -, kann ich wahrhaftig nach meiner bescheidenen Einsicht nichts Besseres raten, als dass Kaiserliche Majestät um Gottes und unseres christlichen Glaubens willen für die Hochschulen in Deutschland verfüge, dass eine jede Universität auf zehn Jahre je zwei Dozenten anstelle, die in der Lage wären und die Pflicht hätten, die Studenten und Schüler die hebräische Sprache zu lehren und sie darin zu unterweisen, wie es die Klementin angibt und verordnet. Dazu sollen uns die Juden, die in unseren Landen ihren Wohnsitz haben, durch Leihen ihrer Bücher freundnachbarlich behilflich sein — natürlich gegen angemessene Kaution und unter Vermeidung jeden Schadens —, so lange, bis wir uns durch Drucke oder Abschriften eigene Bücher beschafft haben können. Wenn so verfahren wird, zweifle ich nicht, dass in wenigen Jahren unsere Studenten in eben dieser hebräischen Sprache so wohlunterrichtet sein werden, dass sie mit vernünftigen und freundlichen Worten die Juden in Sanftmut zu uns zu führen wüssten und vermöchten, unter Wahrung des kanonischen Rechts, worin ausdrücklich folgendes steht: »Wer immer in lauterer Gesinnung dem Christentum Fernstehende zum rechten Glauben zu führen beabsichtigt, der soll das mit sanften Worten und nicht mit hartem Sinn beginnen, damit nicht Widerwille jene zurückscheuen lasse, deren Geist Güte und Vernunft sehr wohl dazu bringen könnte, sich vom Irrtum abzuwenden. Und die anders handeln und sie unter dem Deckmantel alltäglicher Motive [von ihrem Glauben] abwendig machen wollen, über die kann man zu dem Urteil kommen, dass sie nicht Gottes Sache, sondern ihre eigenen Geschäfte betreiben. Darum soll man so mit ihnen umgehen, dass sie, durch Vernunftgründe und Sanftmut bewegt, es vorziehen, sich uns anzuschließen statt uns zu fliehen, damit wir sie dann aufgrund dessen, was in ihren eigenen Büchern offensichtlich steht, mit Gottes Hilfe zu unserer Mutter, der christlichen Kirche, zu bekehren vermögen.«
Das sind in etwa die Worte des Kirchengesetzes, das ich herangezogen habe, wie wir es in diesem Punkt mit den Juden halten sollen. Und der obengenannte Canon »Über die Juden« sagt wie folgt: »Bezüglich der Juden hat uns das heilige Konzil geboten, dass wir von nun an niemanden mit Gewalt zum Glauben zwingen, denn wen immer Gott will, dessen erbarmt er sich, und wen er will, den verhärtet er. Deshalb sind solche Menschen gegen ihren Willen nicht zur Seligkeit zu führen, sondern nur, wenn sie guten Willen haben, auf dass Geist und Buchstabe der Gerechtigkeit unangetastet bleibe.«
In diesen beiden hier angeführten Gesetzen, der Klementin und der Distinktion des Dekrets, besitzen wir das beschlussreife Urteil für diese ganze Streitsache, nämlich: Man soll die Bücher der Juden nicht verbrennen, und man soll sie [selbst] im Gespräch durch vernünftig vorgebrachte Gründe in Sanftmut und Güte mit Gottes Hilfe zu unserem Glauben führen. —
Hochwürdigster Fürst, gnädigster Herr! Ich erkläre, dass ich dieses mein Schreiben und diese meine Meinung Euren fürstlichen Gnaden als meinem Erzbischof unterworfen wissen und nichts geschrieben haben will, als was durch Eure fürstlichen Gnaden und die heilige christliche Kirche gebilligt und zugelassen wird.
Dieses bezeuge ich hiermit ausdrücklich und zeichne
ehrerbietig Eurer fürstlichen Gnaden allzeit untertäniger und williger Diener.
Quelle: Hans-Rüdiger Schwab (Hrsg.), Johannes Reuchlin. Deutschlands erster Humanist. Ein biographisches Lesebuch, München: dtv, 1998, S. 131–174.