Rudolf Schnackenburg, Ärgernis in der Bibel: „Die Urkirche bleibt sich bewusst, dass man an Jesus als dem Messias Anstoß nehmen kann; treffend verwendet sie dazu das Bild vom ‚Stein des Anstoßes und Felsen des Ärgernis­ses‘, über dem die Ungläubigen zu Sturz kommen, verbindet damit aber das andere, schon von Jesus ge­brachte Bildwort, dass ‚der Stein, den die Bau­leute verworfen haben, zum Eckstein gewor­den‘ ist, nämlich für alle, die an ihn glauben. Das heils­geschichtlich paradoxe Handeln Gottes, an dem die Menschen Ärgernis nehmen können, sieht Paulus im Kreuzesgeschehen gipfeln und entwickelt daraus seine tiefen Gedanken zum ‚Ärgernis des Kreuzes‘. Am ‚Wort vom Kreuz‘ wird alle menschliche Weisheit zuschanden; man kann es nur im Glauben aufneh­men. Diesen Weg der ‚Torheit‘ hat Gott mit Absicht eingeschlagen, da die Welt mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannte.“

Ärgernis in der Bibel

Von Rudolf Schnackenburg

Das biblische Wort, das wir mit Ärgernis über­setzen (mōqesch/skándalon) und das als „Skan­dal“ in unsere Sprache eingegangen ist, be­zeichnet ursprünglich das Stellhölzchen einer Falle, dann die Falle selbst, schließlich alles, was Anlaß zum Straucheln und Stürzen wird, also „Anstoß“ bereitet. Dieser Bildcharakter läßt viele biblische Stellen leichter verstehen und erklärt auch den breiteren Verwendungs- und Sinnbereich.

Im NT steht nicht die sittliche Gefährdung durch „Skandale“, sondern die Anstößigkeit für den Glauben im Vordergrund, und da der Glaube das Fundament der Heilserlangung ist, haben alle darauf bezüglichen Worte vom Ärgernis schweres Gewicht. Wenn man darauf achtet, von wem oder wodurch Ärgernisse ver­anlaßt werden, erkennt man einen bedeutsamen Unterschied: Eine Gedankenreihe führt auf Gott zurück, der in seiner verborgenen Weis­heit Wege zum Heil einschlug, die für die Menschen schwer begreiflich sind und so zur Prüfungsfrage, ja zur Belastung und Herausfor­derung für ihren Glauben werden: sie können daran Ärgernis nehmen. Andere Aussagen be­treffen Menschen, die boshaft und schuldhaft den Glaubenden Fallen stellen und sie zum Sturz, zum Glaubensabfall verleiten. Schon der greise Simeon prophezeit, daß das Messiaskind „zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel gesetzt“ ist (Lk 2,34), und dieses Wort bewahr­heitet sich in Jesu Antwort auf die Gesandt­schaft des Täufers: „Heil dem, der an mir kei­nen Anstoß nimmt!“ (Mt 11,6) An Jesu Person und Wirken nämlich widerspricht fast alles den geläufigen jüdischen Messiaserwartungen: seine irdische Herkunft (Mk 6,3; vgl. Joh 7,27.41f.), seine Absage an äußere Macht und politische Befreiung (vgl. Joh 6,14f.), sein Gnadenwirken ohne Strafgericht an Sündern und Gottlosen (vgl. die Anfrage des Täufers Mt 11,2ff.), schließlich sein Leiden und Kreuz, das selbst seinen engsten Jüngern unbegreiflich ist (Mk 8,31-33 par.). Tatsächlich erschüttert die Passion, wie Jesus es voraussagt, zeitweilig ihren Glauben und zerstreut die kleine Glau­bensherde, bis der Auferstandene sie wieder sammelt (Mk 14,27f.). Dieses Ärgernisnehmen der Jünger erfüllt sich gemäß der Schrift und gehört, ähnlich ‘wie der Verrat des Judas (Mk 14,21), zum göttlichen Plan, zur tiefsten Er­niedrigung und Verlassenheit des Menschen­sohnes (vgl. Mk 14,41; Joh 16,32), ohne den einzelnen aus der Verantwortung zu entlas­sen (vgl. die Selbstüberheblichkeit Petri Mk 14,29f.). Das wird im Johannesevangelium noch deutlicher, wo der seine göttliche Herr­lichkeit zugleich verhüllende und enthüllende Christus zur unausweichlichen Entscheidung im Glauben oder Unglauben zwingt. Das Är­gernis an der Person und Offenbarung Jesu (6,61) kann im Glauben bestanden werden (6,68f.); Unglaube aber ist Sünde, ja die Sünde schlechthin (15,22-24; 16,9).

Der den Glau­ben herausfordernde und erprobende Charakter des göttlichen Handelns bleibt auch für den weiteren Verlauf der Heilsgeschichte bestehen. Der Haß und die Todfeindschaft gegen Jesus übertragen sich auf seine Jünger, die daran schweren Glaubensanstoß nehmen können (Joh 16,1); aber nur die Menschen, deren Glaubenswurzeln nicht tief genug reichen, fallen ab (vgl. Mk 4,17). Besonders furchtbar wird die Verführung und das Glaubens-Ärger­nis in der eschatologischen Drangsalzeit wer­den (Mt 24,10; vgl. Mk 13,5f.; 22ff.); dann müssen sich der Glaube und die Standhaftig­keit der Auserwählten bewähren (vgl. Mk 13,13.23).

Ärgernisse gehören zu den unvermeidlichen Erscheinungen dieses Äons; ein furchtbares Wehe aber ruft Jesus dem zu, durch den sie kommen: Es wäre ihm besser, daß ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in das Meer versenkt würde (Lk 17,1f.). Das ist jene andere Sicht auf die schuldhaften Ärgernisgeber; auch hier ist sicherlich an die Verfüh­rung zum Glaubensabfall gedacht. Denn die „Kleinen“, denen das Ärgernis erspart bleiben soll, sind die einfältig Glaubenden (vgl. Mk 9,42), die einfachen Glieder der Gemeinde (vgl. Mt 10,42), die doch niemand verachten darf (Mt 18,10), da es Gott gefiel, den kind­lichen Unverständigen die Botschaft Jesu zu offenbaren (Mt 11,25). Ein besonders arger Verführer der Endzeit wird der Antichrist sein, der in der Kraft Satans auch trügerische Zeichen und Wunder vollbringt (2 Thess 2,9f.). Die Urkirche bleibt sich bewußt, daß man an Jesus als dem Messias Anstoß nehmen kann; treffend verwendet sie dazu das Bild vom „Stein des Anstoßes und Felsen des Ärgernis­ses“ (Jes 8,14), über dem die Ungläubigen zu Sturz kommen, verbindet damit aber das andere, schon von Jesus (Mk 12,10 par.) ge­brachte Bildwort, daß „der Stein, den die Bau­leute verworfen haben, zum Eckstein gewor­den“ ist, nämlich für alle, die an ihn glauben (vgl. Röm 9,32f.; 1 Petr 2,6-8). Das heils­geschichtlich paradoxe Handeln Gottes, an dem die Menschen Ärgernis nehmen können, sieht Paulus im Kreuzesgeschehen gipfeln und entwickelt daraus seine tiefen Gedanken zum „Ärgernis des Kreuzes“. Am „Wort vom Kreuz“ wird alle menschliche Weisheit zuschanden; man kann es nur im Glauben aufneh­men. Diesen Weg der „Torheit“ hat Gott mit Absicht eingeschlagen, da die Welt mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannte (1 Kor 1,21). Das schändliche Kreuz wird den einen machtvollen Messias erwartenden und Zeichen fordernden Juden zum Ärgernis, den weisheitsstolzen Griechen zur Torheit (1,23). Gott aber hat das in den Augen der Welt Machtlose und Törichte erwählt, um die Hohen und Klugen zu beschä­men, damit sich vor ihm kein Mensch rühmen kann (1,29). Das Ärgernis des Kreuzes wirkt aber auch tief in die christliche Existenz hinein; denn es verlangt vom Christen, das Kreuz sei­nes Herrn zu übernehmen und mit ihm Verach­tung und Verfolgung zu tragen. Gegenüber judaistischen Irrlehrern, die die galatischen Ge­meinden verwirren und nach Pauli Meinung nur Ruhm vor ihren jüdischen Volksgenossen erstreben und der Verfolgung entgehen wollen (Gal 6,12), verlangt Paulus, daß das „Ärgernis des Kreuzes nicht entleert“ werde (Gal 5,11). Ihm selbst ist durch das Kreuz Christi die Welt gekreuzigt und er der Welt (6,14). So zeichnet das Ärgernis des Kreuzes auch den Weg des Christen durch diese Welt und wird nur im Glauben an Christi Auferstehung und ihre jetzt schon spürbare Kraft (2 Kor 4,16ff.; 13,4) und durch die Hoffnung auf die eigene Auferste­hung (Phil 3,10f.) überwunden.

Doch auch vom sittlichen Ärgernis weiß das NT. Kraftvoll-eigentümlich, den ganzen sitt­lichen Ernst und Radikalismus Jesu enthüllend ist das Legion von den ärgerniserregenden Leibesgliedern (Mk 9,43-47 par.): Wenn einem Menschen Hand, Fuß oder Auge „Är­gernis“ bereitet, d. h. Anlaß zu schwerer Sünde wird, soll er sie lieber ausreißen und ohne sie in das ewige Leben (bzw. Reich Gottes) einge­hen, als daß er mit zwei Händen, Füßen oder Augen in die Hölle geworfen werde. In der Deutung des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen heißt es, daß die Engel Gottes einst „alle Ärgernisse und Täter der Gesetz­losigkeit“ aus dem Reiche des Menschen­sohnes aussondern werden (Mt 13,41); nach dem Gleichklang der Ausdrücke sind damit wahrscheinlich die ärgerniserregenden, selbst verdorbenen und andere verderbenden Men­schen gemeint. Öfter begegnen Mahnungen, dem christlichen Bruder durch das eigene Ver­halten keinen Anstoß zur Sünde zu geben. In der Frage, ob der Genuß von Fleisch und Wein gestattet ist, gibt Paulus denen recht, die darin nichts Unerlaubtes erblicken, verlangt gleich­wohl aber den freiwilligen Verzicht, wenn man durch das Essen und Trinken „Schwache“ ver­leitet, gegen ihr Gewissen zu handeln und so zu sündigen. Die Liebe gebietet, selbst Handlun­gen zu vermeiden, die an sich nicht schlecht sind, aber durch die Umstände Anlaß zu frem­der Sünde werden und einen Bruder ins Ver­derben stürzen können, „für den Christus ge­storben ist“ (Röm 14,13- 15.20f.; vgl. 1 Kor 8,13). Zur Bruderliebe mahnt auch 1 Joh 2,10; nur ist durch den Bildcharakter nicht klar, ob der, der seinen Bruder liebt und „im Licht wandelt“, in sich nichts Anstößiges hat oder anderen keinen Anstoß bietet, oder bei seinem Wandel im Licht auf nichts Anstößiges trifft. Ärgernisgeben ist immer etwas Furchtbares (vgl. noch Röm 16,17; Offb 2,14), weil damit das Heil und die Errettung anderer bedroht wird, in der Gemeinde aber, weil „ein wenig Sauerteig (nämlich der Sünde) den ganzen Teig durchsäuert“ (1 Kor 5,6), weil „eine Bitterkeit treibende Wurzel, wenn sie aufschießt, Plage schafft und die vielen beflecken“ kann (Hebr 12,15).

Lit.: O. Schmitz, Vom Wesen des Ärgernisses, 21925; G. Stählin, Skandalon (BFChTh 2/24), Gütersloh 1930; W. A. Berruex, La notion de scandale dans le NT (Diss. Lausanne), 1953; A. Humbert. Essai d’une théologie du scandale dans les Synoptiques, Bib 35 (1954) 1-28; R. Schnackenburg, Vom Ärgernis des Kreuzes, GuL 30 (1957) 90-95; K. H. Müller, Der paulinische Skandalon-Begriff (ungedr. Diss.), Würzburg 1965; A. Müller, An­stoß und Gericht, StANT 19, 1969.

Quelle: Johannes B. Bauer (Hrsg.), Bibeltheologisches Wörterbuch, völlig neu bearb. Aufl., Graz-Wien-Köln: Styria, 1994, S. 46-48.

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