Hans Graf von Lehndorff, Begeistert von „so viel Land“. Nach dreißig Jahren mit den Kindern eine Fahrt in die ostpreußische Heimat (1977): „In Langgut, dem nächsten Ort, hielten wir an der Kirche und stiegen aus. Dort trafen wir ein paar ältere Frauen, die sich auf dem Friedhof zu schaffen machten. Sie erkann­ten mich und waren dabei gewesen, als ich vor dreißig Jahren am Totensonntag in dieser Kirche einen Gottesdienst hielt. Wir ließen uns von ihnen erzählen. Es sind noch ziemlich viele Deutsche da, hauptsächlich Frauen. Die Stimmung ist ausgesprochen gedrückt. Von der Zukunft erwarten sie nicht viel Gutes.“

Begeistert von „so viel Land“. Nach dreißig Jahren mit den Kindern eine Fahrt in die ostpreußische Heimat (1977)

Von Hans Graf von Lehndorff

1961 veröffentlichte Hans Graf von Lehndorff sein „Ostpreußisches Tagebuch – Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945 bis 1947“. Das Buch wurde be­rühmt, geliebt von vielen, wurde — im Fachjargon „ein Bestseller“. Die leidenschaftlichen, spröden Aufzeichnungen no­tierten Leben und Sterben an einem irdischen Ort; alle Erfahrungen wurden in der Be­schreibung des helfenden Arztes und des tiefgläubigen Protestanten dem Willen Got­tes unterworfen. Nach dreißig Jahren hat Lehndorff jetzt Ostpreußen wiedergesehen.

Schon lange hatte ich den Wunsch, mit meinen Kindern nach Ostpreußen zu fah­ren und ihnen das Land ihrer Väter zu zeigen. Aber immer kam etwas dazwischen und erst jetzt, im vorigen Sommer, ergab sich die Möglichkeit, unseren Plan zu reali­sieren. Wir fuhren zu fünft in zwei kleinen Wagen ab, wählten die Seefahrt und gingen am späten Abend in Travemünde aufs Schiff. Die See war still wie ein Teich und ließ sich nichts mehr anmerken von dem Elend, das sich vor über 30 Jahren unter Hunderttausenden von Flüchtlingen auf ihrer Oberfläche und in ihrer Tiefe abge­spielt hat. Auch auf der Halbinsel Hela, an der wir in den Mittagsstunden des folgen­den Tages entlangglitten, sucht das Auge vergeblich nach Überresten der größten Katastrophe der deutschen Geschichte, zu deren Hauptschauplätzen sie gehört hat. Still und verträumt ragt sie wie ein ausge­streckter Zeigefinger in die Danziger Bucht hinein, dem Schiffsverkehr wie eh und je einen weiten Umweg abnötigend.

Wir durchqueren die Bucht und dann fährt unser Schiff rückwärts in den Hafen von Neufahrwasser ein. Unmittelbar neben der Anlegestelle liegt die Westerplatte, die Stelle, von der die ersten Schüsse des Zwei­ten Weltkriegs abgefeuert worden sind. Jetzt krönt sie ein martialisches eisenfarbi­ges Denkmal im russischen Stil.

In Danzig erwartete uns Professor K., den ich durch einen Briefwechsel kennen­gelernt habe. Da wir in Ermangelung eines Nachtquartiers eigentlich gleich weiterfah­ren wollten, waren wir sehr überrascht, als er uns mitteilte, er hätte bereits seine Woh­nung umgeräumt, damit wir bei ihm über­nachten könnten. Dankbar nahmen wir an und schlugen unser erstes Nachtlager bei ihm auf. Auch für das Essen hatte er vorgesorgt, und das Abendbrot, das er uns vorsetzte, ließ nichts davon spüren, daß in Polen eine große Lebensmittelknappheit herrschte. Später machte er mit uns einen ausgiebigen Bummel durch das wiederauf­gebaute nächtliche Danzig. Sehr beeindruckt von dem Mut zur Wiederherstellung des alten Stadtbildes empfanden wir gleich­zeitig doch auch das Gespenstisch-Kulissenhafte, das wohl hervorgerufen wird durch die Unmöglichkeit, das festliche Äußere dieser ehemals reichen Stadt mit Leben zu erfüllen.

Nach friedlich durchschlafener Nacht und einem reichhaltigen Frühstück, das der Pro­fessor uns vorsetzte, verabschiedeten wir uns von unserem großzügigen Gastgeber und hatten nun den ganzen Tag vor uns, um die ersten Eindrücke des Landes, dem unser Besuch galt, in uns aufzunehmen. Wir brauchten uns also nicht zu eilen, sondern konnten den Eingang in das geliebte Land in gebührender Weise erleben. Ich hatte mir vorgenommen, so nach Ostpreußen hin­einzufahren, wie man es früher, mit der Bahn von Westen kommend, gewohnt war. Dazu gehörte als einer der besonderen Augenblicke die Überquerung der Weichsel bei Dirschau. Wir fuhren also nach Sü­den, bogen in Dirschau nach Osten ab: Da lag der Fluß zwischen seinen grünen Ufern, an seiner Oberfläche von kleinen, in der Sonne glänzenden Strudeln gekräuselt. Immer langsamer ließ mein Sohn den Motor laufen. Ganz anhalten wollten wir nicht, um die Aufmerksamkeit etwaiger Wachtposten nicht überflüssigerweise auf uns zu lenken.

Nach kurzer Fahrt durch das Danziger Land, das sich zwischen den beiden Mün­dungsarmen der Weichsel flach wie ein Tisch ausbreitet, tauchte die Marienburg vor un­seren Augen auf. Ich sah sie zuletzt im Dezember 1946, als ich hier gemeinsam mit polnischen Ärzten die Opfer eines Eisenbahnunglücks versorgte, das in der Nähe passiert war. Nachdem wir die ganze Nacht gearbeitet hatten, erlaubte man mir einen Gang in den Innenhof der Burg, die damals total zerschossen wie ein Gänse­gerippe aus der verschneiten Landschaft her­ausragte. Nie hätte ich gedacht, daß man sie noch einmal wiederherstellen würde. Und nun steht sie doch wieder da — mit einzelnen Lücken noch und in der Farbe der Ziegel etwas anders, etwas dunkler als früher, aber mit dem gewaltigen Hochschloß und seinen Remtern, mit dem hohen vierkantigen Turm, nach Westen hin, über die Nogat hinweg fast die altgewohnte Sil­houette bietend. Wir gingen an der Nogat entlang, bis wir dem Sommerremter gegen­überstanden. Dort führte eine Fußgängerbrücke über den Fluß.

Vor dem Schloß fanden wir eine riesige Menschenmenge, die langsam einströmte, um eine Ausstellung zu sehen. Wir ver­zichteten deshalb auf eine Besichtigung von innen und fuhren weiter nach Elbing. Die im Krieg schwer zerstörte alte Hansestadt hat sich noch nicht erholt und sieht trotz vieler Neubauten beklagenswert aus. Wir bogen nach Süden ab und fuhren eine Zeit­lang auf der Straße, die jetzt zur Haupt­straße des Landes geworden ist, weil sie Danzig mit Warschau verbindet. Wo sie sich um einige Meter aus der weiten Ebene her­aushebt, überblickt man den Drausensee, ein weitgehend verschilftes Gewässer, Heimat vieler Wasservögel und heute wie früher Naturschutzgebiet.

Bei dem kleinen Städtchen Preußisch-Holland, das vom Krieg arg mitgenommen ist, bogen wir nach Südosten in Richtung auf Mohrungen ab. Fast alle Straßen sind hier noch von alten Bäumen eingefaßt. Man fährt auf ihnen wie durch grüne Tunnel, die sich in Schlangenlinien über das immer hügeliger werdende Land hinziehen, zwi­schen ihren Stämmen herrliche Ausblicke nach beiden Seiten gewährend. Meine Kin­der sind begeistert von „so viel Land“. In Mohrungen hielten wir vor dem Rathaus, das in etwas veränderter Form wiederauf­gebaut ist. Es enthält eine Merkwürdigkeit, nämlich ein Museum zu Ehren des deutschen Dichters Herder, der in Mohrungen geboren wurde. Das Besondere daran ist, daß es erst vor etwa 15 Jahren — also lange nach dem Krieg — eingerichtet worden ist, und zwar von einem polnischen Historiker. Früher gab es hier nur ein Denkmal mit einer Büste von Herder.

Der polnische Professor aber hat sich in den Wiederaufbau eingeschaltet und mit Hilfe von Dokumenten, die er sich aus Weimar besorgt hat, ein ganzes Museum geschaffen, gewissermaßen als sein Lebenswerk. Als wir ihn vor einigen Jahren in Bonn kennenlernten und ihn fragten, was ihn dazu bewogen hätte, diesen kühnen Plan durchzuführen, sagte er: „Wenn man 15 Jahre lang nur Auschwitz gezeigt hat, dann muß man auch einmal wieder etwas Erfreuliches zeigen. Wir Historiker dürfen es nicht zulassen, daß das helle Licht der Geschichte von Jahrhunderten durch zwölf finstere Hitlerjahre für immer verdunkelt wird.“

Weiter nach Süden wird das Land, das sogenannte Oberland, immer reizvoller. Kleine und größere Seen ziehen die Blicke auf sich und dann taucht am Kreuzungspunkt mehrerer Alleen der Ort Locken auf. An ihn habe ich viele Erinnerungen aus der Zeit vor dreißig Jahren, als ich hier das Elendsvolk der durch den Krieg zerzausten deutschen Einwohner und zugezogenen Polen ärztlich versorgte, selbst immer wieder auf der Flucht vor drohender Verhaftung. All diese Straßen haben sich mir tief ein­geprägt, weil ich sie damals zu verschiede­nen Jahreszeiten, hauptsächlich aber im tiefsten Winter und bei Nacht gegangen bin. Und merkwürdig: Jetzt, wo ich mit einem schnellen Auto auf ihnen fahre, kom­men sie mir viel länger vor als damals, wo ich zu Fuß mit Rucksack und mangelhaftem Schuhwerk auf ihnen gewandert bin. Ich stelle fest, daß sich mir das ganze Land in stark konzentrierter Form, fast symbolhaft, eingeprägt hat.

Hinter Locken tauchte, erwartungsgemäß und doch wie eine große Überraschung, der Eißingsee auf, herrlich in seiner tiefen Bläue, fast ganz von Wald umgeben. Wir fuhren an seinem westlichen Ufer entlang, immer wieder versucht, anzuhalten, um sei­nen Anblick zu genießen. An seinem Süd­ende kreuzen wir die Passarge, die hier unter der Straße hindurch von einem See in den anderen fließt. Die alten Linden, die hier standen, sind nicht mehr da. Dafür ist ein junger Hochwald aus Erlen und Eschen hochgewachsen, in dessen Dunkel das Flüßchen fast unsichtbar seines Weges zieht. Auch von der Sägemühle, die hier stand, ist nicht mehr viel zu sehen. Dafür steht am Ufer des Sees, der zur Rechten auftaucht, ein neues Gebäude, Gästehaus für promi­nente Jäger, die hier auf Rot- und Schwarz­wild geführt werden. Der Wald ist eingegattert.

Fast alle jüngeren Leute sprechen nur noch polnisch

In Langgut, dem nächsten Ort, hielten wir an der Kirche und stiegen aus. Dort trafen wir ein paar ältere Frauen, die sich auf dem Friedhof zu schaffen machten. Sie erkann­ten mich und waren dabei gewesen, als ich vor dreißig Jahren am Totensonntag in dieser Kirche einen Gottesdienst hielt. Wir ließen uns von ihnen erzählen. Es sind noch ziemlich viele Deutsche da, hauptsächlich Frauen. Die Stimmung ist ausgesprochen gedrückt. Von der Zukunft erwarten sie nicht viel Gutes. Sie würden wohl gern nach dem Westen gehen; aber ihre Kinder haben zum großen Teil polnische Ehepartner und können deswegen nicht mit. Sie wollen sich auch nicht gern von ihren Kindern tren­nen, um so weniger, als sie sich darüber im klaren sind, was für Schwierigkeiten sie im Westen erwarten. Auch sind die Aus­reiseanträge teuer und wenig aussichts­reich. Man riskiert auch manche Nachteile. Wer aber schließlich doch die Ausreise­genehmigung bekommt, muß eine weitere hohe Summe für seinen Paß und das Aus­reisevisum entrichten, muß dazu nach War­schau fahren — und für das alles ist nicht genug Geld da. Weniger schwer haben es dabei die Landwirte, weil sie etwas zu verkaufen haben und natürlich auch ihr Land begehrt ist. Eine weitere Schwierigkeit ist, daß fast alle jüngeren Leute nur noch pol­nisch sprechen und fürchten, in Deutschland als lästige Ausländer angesehen zu wer­den. Andererseits erleben sie es, daß Men­schen, die vor einigen Jahren bettelarm nach dem Westen gegangen sind, jetzt mit eigenem Wagen, gut gekleidet und mit Geschenken beladen zu Besuch kommen. So sind sie hin- und hergerissen.

Noch eine halbe Stunde Fahrt, dann sind wir am Ziel, in Allenstein. In einem dörflichen Vorort warten unsere Freunde schon auf uns. Sie haben dort ein kleines eigenes Haus und verlangen, daß wir alle bei ihnen wohnen sollen. Die Schwiegermutter — die Besitzerin des Hauses noch von früher her — ist zu ihrer Schwester ins Dorf umgezogen. Sie selber mit ihren beiden Kindern sind eng zusammengerückt. Das scheint kein Problem zu sein. Ganze vierzehn Tage wol­len sie uns beherbergen und dazu auch noch verpflegen. Wie sie das angesichts der ge­spannten Ernährungslage schaffen wollen, ist mir schleierhaft.

Aber Peter, der Hausherr, vor dreißig Jahren einmal mein siebenjähriger Schüler, wischt alle Bedenken mit einer Handbewe­gung vom Tisch. Er ist Automechaniker und hat Freunde, denen er in seiner Freizeit die Wagen repariert. Wir bekommen jedenfalls zunächst einmal ein großartiges Festessen. Dann richtet sich meine Familie in den bei­den guten Stuben häuslich ein, während ich noch ein paar Kilometer weitergeleitet werde zu einem alten polnischen Bekannten, der jetzt als Pensionär in Allenstein wohnt. Er hat mich schon vor langer Zeit einge­laden, bei ihm zu wohnen und hat ein Zim­mer mit großem Bett für mich freigemacht. Besser kann ich es nicht haben.

Vom nächsten Morgen an sind wir täglich unterwegs, jedesmal in einer anderen Rich­tung, um am Abend wieder in Allenstein tu sein, überall vertraute Orte, die Men­schen, die Landschaft. Dabei spielen die Wege, die ich vor 30 Jahren gegangen bin, begreiflicherweise die Haupt­rolle.

Wenn ich oft davon geträumt hatte, mit meinen Söhnen, die jetzt 21 und 22 Jahre alt sind, noch einmal auf den Spuren von damals zu gehen, so wurde mir dieser Wunsch in einer Weise erfüllt, wie ich es kaum zu hoffen gewagt hatte. Eines unserer ersten Ziele ist Schwaigendorf am Geserichsee, ein Ort, den ich in meinem „Ostpreußischen Tagebuch“ oft genannt habe. Wie oft bin ich damals hier gewesen, von Januschau oder von Rosenberg aus, 20 km zu Fuß durch den Wald, einen Handwagen hinter mir herziehend, manchmal durch tiefen Schnee, um Kranke zu besuchen, Zähne zu ziehen, Fische und Kartoffeln dafür ein­zuhandeln, oder auch nur, um die Vogel­freiheit zu genießen, die uns damals ge­schenkt war. Vielleicht war es die beste Zeit meines Lebens. Und nun noch einmal hier zu sein, zu den Söhnen sagen zu können: So, jetzt wollen wir einmal, wie vor 30 Jah­ren, hier in diesen Wald gehen, genau nach Westen, immer weiter, zwei Stunden lang. Und wenn wir wieder herauskommen, wird Januschau vor uns liegen.

Der Wald hat sich sehr verändert. Aber die alten Wege sind noch vorhanden. Wir gehen immer weiter durch alte und junge Bestände, Kiefern und Buchen. Und dann öffnet sich der Wald und eine weite Fläche liegt vor uns. Über sie hinweg ragt das Dach des Januschauer Gutshauses aus dem Gestrüpp hochgewachsener Tannen hervor. Auch dort tiefster Friede. Ein Kranichpaar steht auf der Wiese und streicht rufend ab, als wir es mit dem Glas betrachten. Meine Kinder sind zutiefst beeindruckt von der Größe der Landschaft. Es ist, als hätten sie eine neue Dimension gewonnen. Sie ver­stehen jetzt vieles, was man ihnen nicht erklären konnte. Nur zögernd gehen wir die lange Allee zum Gutshaus hinauf. Aus der Nähe sieht es trostlos aus. Es wird noch bewohnt, aber der Putz fällt ab und das Dach wird schadhaft. Wenn nicht bald etwas geschieht, wird es nicht mehr lange halten. Auf dem Rückweg durch den Wald finden wir die alte Badestelle. Dort haben wir schon vor 60 Jahren mit dem Großvater gebadet. Wir schwimmen ein Stück in den See hinaus. Kein Mensch weit und breit. Es ist, als wäre die Zeit stehengeblieben. Wir bleiben noch ein paar Stunden im Wald, lassen uns am Rand einer Kahlfläche nieder, sehen den Seeadler am jenseitigen Waldes­rand entlangstreichen, die Rehe aus dem Stangenholz heraustreten.

An einem anderen Tag sind wir noch etwas weiter westlich, um das alte Ordensschloß Schönberg zu sehen, das nahe der Straße von Deutsch Eylau nach Rosenberg liegt. Es war schon zur Kinderzeit ein mäch­tiger Anziehungspunkt für meine Geschwister und mich, wenn wir die Sommerferien bei den Großeltern in Januschau verbrach­ten. Mit unseren Ponys fuhren oder ritten wir, oft mit Bangen, die zehn Kilometer durch Felder und Wald, bis wir am Ende eines sehr breiten, von überaus starken Kiefern gesäumten Sandwegs den Ort erreichten, hinter dem die Türme der Burg über die Baumkronen hinausragten. Es war uns immer sehr feierlich zumute, wenn wir den Weg hinaufritten, der auf die Mitte der Ostfront des Schlosses zuführte und über die Brücke in das Schloßtor einmün­dete. Und die Spannung löste sich erst, wenn wir von den Verwandten, die dort wohnten, herzlich begrüßt wurden. Brücke und Tor sind auch jetzt noch da, und zwei von den Türmen sind sogar wiederherge­stellt worden, nachdem das Schloß bei Kriegsende abgebrannt worden war. Jetzt sollen die Überreste zu einem Touristen­zentrum ausgebaut werden.

Auf dem Rückweg besuchen wir das alte Ehepaar Fritz, dessen Tochter ich vor drei­ßig Jahren getauft habe. Sie haben noch ihren kleinen Bauernhof auf einer Anhöhe nahe der großen Stra­ße, können einiger­maßen davon leben und wollen deswegen auch nicht mehr auswandern. Und dann sehe ich auch die polnische Schwester wieder, mit der ich damals die Kranken der Um­gebung versorgt habe. Sie hat noch das Haus und ein Stück Land am Bahnhof Bissellen und wirtschaftet dort mit ihrer Schwe­ster. Zuerst erkennt sie mich nicht, aber dann fällt sie mir und meiner Frau plötzlich um den Hals und küßt uns ab. Sie hat lange kein Deutsch mehr ge­sprochen, findet sich aber schnell wieder hinein. Auf dem sandigen Boden hat sie selbst einen ansehnlichen Kiefernwald angelegt und zeigt ihn mir mit Stolz.

An einem anderen Tag besuchen wir die Heimat meiner Frau im Kreis Mohrungen. Von den früheren Bewohnern ist niemand mehr dort, aber es wohnen noch zwei deut­sche Frauen dort, die aus der Nachbarschaft zugezogen sind, und mit denen stehen wir schon lange in Verbindung. Sie freuen sich über unseren Besuch. Wir müssen, wie über­all, sofort viel essen. Die Kinder, die mit Polen verheiratet sind, kommen dazu, und dann geht’s ans Erzählen. Das Gutshaus steht noch und wird auch bewohnt. Aber der Blick auf den nahen See ist zugewach­sen und von dem auf einer kleinen Anhöhe liegenden Haus, das weithin sichtbar war, ragen nur noch die Spitzen der Schornsteine aus dem Urwald heraus. Der Ort sieht jammervoll aus. Die neuen Bewohner sind zum großen Teil aus den ehemals polnischen Ostgebieten, betrachten sich selber als Ver­triebene und sind noch nicht seßhaft ge­worden. Es fehlt ihnen jegliche Beziehung zur Landschaft. Als Besucher aus dem Westen erlebt man überall diesen schmerz­lichen Kontrast. Die herrliche Landschaft mit ihrer Weite und Vielfalt ist für die Menschen, die das Schicksal dorthin ge­worfen hat, fremd geblieben; nur wenige gibt es, bei denen man den Eindruck gewinnt, daß die Landschaft ihnen etwas be­deutet und sie dort festhält.

An einem Sonntag geht es über Bischofs­burg und Rastenburg nach Steinort, wo meine Familie herstammt. Auch dort noch überall die alten Alleen, 30 Jahre stärker geworden und gro­ßenteils gut befahrbar. Lange werden sie nicht mehr da sein. Denn neben den alten Baumreihen stehen vieler­orts schon junge Bäume, die einmal die für den Lastwagenverkehr zu eng werdenden Straßen säumen werden. In der Nähe des Städtchens Rößel überholen wir immer mehr festlich gekleidete Menschen, die zu Fuß, mit Fahrrädern oder dicht gedrängt auf Ackerwagen, in der gleichen Richtung wie wir unterwegs sind.

Bald taucht zur Rechten der Wallfahrtsort Heiligelinde auf. Der weite Platz vor der hellen, wie aus Bayern hierher versetzten Barockkirche aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist voll von Menschen je­den Alters. Tausende sind hier versammelt, um etappenweise in die Kirche zu gehen, jede Gemeinde mit ihrem Pfarrer an der Spitze. Wir bleiben eine Weile dabei. Wei­ter geht es über Rastenburg. Die Wolfs­schanze Hitlers Hauptquartier im Rußlandkrieg, das viele Besucher anlockt, schenken wir uns. Dafür sind wir schon bald auf Steinorter Terrain und sehen vor uns den Mauerwald, in dem damals das Ober­kommando der Wehrmacht lag. Jetzt ist auch dort tiefer Friede eingekehrt. Von der Wohnung des Oberförsters am Waldrand gehen wir ein ganzes Stück in den Wald hin­ein, niemand hindert uns. Ich erzähle den Söhnen von all dem, was ich in guten Zei­ten dort erlebt habe und was sich in bösen Zeiten dort abgespielt hat. Dabei wird das Bild meines Vetters [Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort], des letzten Besitzers von Steinort, lebendig, der im Zusammen­hang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 sein Leben lassen mußte. Wenige Monate vorher war ich zum letzten Mal da, und wir gingen zusammen auf Jagd, im vollen Bewußtsein der hereinbrechenden Katastrophe.

Die berühmten Eichen mit gewaltigen Ausmaßen stehen noch

Noch zehn Minuten Fahrt durch Steinorter Land, dann beginnt die breite Allee mit ihren mehr als dreihundertjährigen Eichen, die in den Ort hineinführt. Zum Gutshaus geht es eine kleine Anhöhe hin­auf. Es ist vollständig erhalten und vor kurzem hell angestrichen worden. Auf dem Dach nistet ein Storch. Als er abstreicht, sehe ich ihm mit dem Glas nach. Dabei fällt der Blick auf einen anderen großen Vogel, der hoch über ihm seine Kreise zieht. Es ist ein Steinadler, einer von den weni­gen, die es noch oder wieder gibt. Alle Greifvögel stehen unter Jagdschutz.

Der Park ist verwildert und mit Gestrüpp durchwachsen. Aber die berühmten Eichen, von de­nen es hieß, sie seien gefällt wor­den, stehen noch. Ihre gewaltigen Ausmaße setzen in Erstaunen. Es ist ein tief bewegen­des Erlebnis, nach einem Menschenalter wieder herumgehen zu können, wo viele Generationen der eigenen Familie unter den verschiedensten Umständen durch die Jahr­hunderte gelebt haben. Es ist ein Zustand besonderer Gottesnähe, der einen mit gro­ßer Dankbarkeit erfüllt.

Der Park geht in ein Sumpfgebiet über, das vom Mauersee begrenzt wird, dem zweitgrößten der masurischen Seen. An sei­ner engsten Stelle hielt früher ein Dampfer, der zwischen Angerburg und Lötzen ver­kehrte. Jetzt führt eine Holzbrücke hinüber. Auf ihr halten wir und überblicken die weite Wasserfläche, auf der sich einzelne Segler bewegen. Aus einem der Boote, das an der Brücke festgemacht hat, hören wir unverfälschten Düsseldorfer Dialekt. Die Insel Upalten, früher ein begehrtes Aus­flugsziel, ist jetzt verwaist. Das Gutshaus, wo es die schönen Waffeln gab, existiert nicht mehr.

Am letzten Tag nahmen wir noch an einem evangelischen Gottesdienst in der Langguter Kirche teil. Den Pfarrer, der ihn hielt, hatte ich vorher in Allenstein besucht. Als er uns dann in der Kirche zwischen den gewohnten Gottesdienstbesuchern sitzen sah, winkte er uns, nach vorn zu kommen und forderte uns auf, im Patronatsstuhl Platz zu nehmen. Dann sprach er ein paar erklärende Worte zur Gemeinde, hielt sei­nen Gottesdienst in polnischer Sprache und ließ ein paar Lieder singen, die wir in der gleichen Melodie auf deutsch mitsingen konnten. Das war der Abschluß unserer Reise.

Quelle: Das Ostpreußenblatt, Folge 21, 27. Mai 1978, Seite 11 sowie Folge 22, 3. Juni 1978, Seite 11.

Hier der Text als pdf.

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