Johann Christoph Blumhardt, Vom Beten: „Es gibt Wünsche, bei denen wir ein eigentliches Wunder erbitten wollen, zu dem wir weniger Berechtigung haben, weil der uns gegebene Heilige Geist nicht mehr derselbe ist wie vormals, und namentlich die Wunderkräfte nicht mehr in sich schließt. Sonst gibt es wirklich viel anderes, da wir einfach nur bitten dürfen, nach dem Wort: »Bittet, so wird euch gegeben«, namentlich wenn es das Brot und die Bedingungen des Lebens, so auch die Gesundheit, angeht; wie oft erhört da der Herr! Wenn aber zum Bitten auch noch ein Suchen, oder gar ein Anklopfen kommen sollte, da wird es begreiflicher, wie viel Ernst das auf Seiten des Beters, der ihn selten hat, erfordert. Aber in allem kann auch die Anweisung wichtig und erfolgreich werden, sich an die Fürbitte anderer zu halten, da es ist, als wenn Gott den Beter nicht immer direkt, sondern nur indirekt erhören wollte, ihm zu zeigen, daß derselbe für seine Person auf nichts pochen könne.“

Vom Beten

Von Johann Christoph Blumhardt

Das Gebet

Phil 4,6. In allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.

In diesen Worten wird uns etwas ans Herz gelegt, zu dem nicht alle Menschen und auch nicht alle Christen viel Mut und Heiß und Freudigkeit haben, nämlich: das Beten. Das gewöhnliche tägliche Gebet hält wohl mancher, aber auch das ist bei vielen kein eigentliches Beten, es ist mehr nur ein Wortemachen, — der innerste Mensch ist nicht ganz dabei, es geht mehr nur über die Lippen, auch wenn es ein sogenanntes »Gebet aus dem Herzen« ist. Es gibt oft Leute, die meinen, das Beten aus dem Herzen sei besser als aus Gebetbüchern; ich finde das nicht immer. Das Beten aus dem Herzen geschieht oft viel mechanischer bei denen, die alle Tage so beten, als bei anderen, die aus Büchern beten. Mit einem Buch kann ich mich oft besser sammeln als ohne Buch, und wenn die Gedanken beieinander sind, kann man die Seele hineinversenken in das Gelesene, während es, wenn wir aus uns selber beten, häufig nur Geschwätz ist. Darum bin ich gar nicht so eingenommen für die Ansicht derer, die dem sogenannten Herzensgebet den Vorzug geben. Indessen gibt es natürlich auch Ausnahmen, und auch das Beten aus dem Buch geht oft nur über die Lippen; es kommt eben alles darauf an, daß das Herz dabei ist, sei es, daß man aus dem Herzen, sei es, daß man aus dem Buch betet. Wenn es wirklich gebetet sein soll, so daß es nicht bloß Form, nicht bloß Schein, nicht bloß Worte sind, so muß sich der Mensch mit seinem ganzen Wesen wirklich in die Gegenwart Gottes gestellt denken. Das muß gelernt sein, so zu beten, daß ich sagen kann: Mein Gott! daß ich Ihn, den lebendigen Gott, vor mir habe, daß ich Ihn mir vergegenwärtige und daher alles Weitere so vornehme, wie wenn Er vor mir stände. In dem Gleichnis von der Witwe, die beim ungerechten Richter ihre Sache vorbringen muß, zeigt uns der Heiland, wie wir beten sollen. So müssen wir es machen, wie die Witwe es macht, da sie zum Richter geht: zaghaft tritt sie ins Haus; sie weiß auch, daß sie anklopfen muß und nicht eher vorgelassen wird, bis er »Herein!« gerufen hat. Sie merkt es auch, daß sie es mit einem hohen Herrn zu tun hat, darum steht sie ganz sanft und bescheiden vor ihm, vielleicht zitternd, aber doch im Bewußtsein: Du bist der Mann, der mir helfen kann! Wir müssen uns das wohl vorstellen, wie sie so ängstlich und ehrerbietig dasteht: Wird er mich auch hören? wird er auch das tun, was nötig ist für mich? Sie muß vielleicht auch lange warten und wird nicht gleich angenommen mit ihrem Anliegen, aber sie bleibt eben stehen und wartet in Demut, denn sie weiß, daß nur der Richter ihr helfen kann.

Sehen wir es nun, was Beten heißt? Wer so in die Gegenwart Gottes zu treten wagt, wie die Witwe es wagt, vor den Richter zu treten, der betet. Es ist natürlich, daß eine gewisse Ängstlichkeit an einen kommt, wenn man es bedenkt, wer Der ist, den man anredet, an den man sich wendet, und wenn man weiter denkt: wer bin ich? wie kann ich es wagen, mich da persönlich herzumachen, mich unter die Augen Gottes zu stellen, wer bin ich? Auch wenn wir abgewiesen werden, so ist das nicht ungerecht, sondern gerecht, denn Gott ist nicht ein ungerechter, sondern ein gerechter Richter, der mit Fug und Recht sagen könnte: Fort mit dir! Ich kann Mich mit dir nicht einlassen, erst mußt du ein anderer Mensch werden, wie kann Ich denn einen Menschen, wie du bist, erhören? – Spräche Gott so, dann wäre Er nur gerecht und nicht ungerecht, und daraus können wir lernen, was Beten heißt. Es heißt: vor Gott treten, als vor den gerechten Richter, der Herz und Nieren prüft, der heilig ist, vor dem ich säuberlich dastehen muß, nicht mit Mißtrauen und Klagen, nicht mit Unzufriedenheit und Vorwürfen, nicht mit Unverschämtheit und Frechheit, als ob mir nur so geschwind in allem aufgewartet werden müßte. Wenn wir das überlegen, so wird jedes sagen müssen: Ja, da habe ich eigentlich noch nicht viel in meinem Leben gebetet! mit meinem Beten ist es bis daher noch nicht viel gewesen.

Nun sagt uns aber der Apostel, wir sollen in allen Dingen mit Gebet und Flehen unsere Bitten vor Gott bringen. Wie kann man denn das? Soll man denn den ganzen Tag beten und flehen? Viele Leute meinen, weil ja auch befohlen sei: Betet ohne Unterlaß, so müsse man viele Worte machen oder recht oft das Vaterunser beten; aber der Heiland will kein Geplapper haben. In allen Dingen beten und flehen heißt einfach: zu jeder Zeit betend vor dem Herrn stehen. Tag und Nacht, ob ich gehe oder stehe, liege oder sitze, ruhe oder arbeite, zu jeder Zeit bei allem, was ich unter den Händen habe, muß es sich von selbst verstehen, daß meine Bitte zu Gott geht, daß ich mir den Heiland gegenwärtig denke und Ihn gar nie aus den Augen verliere, daß ich unter Seinen Augen alles tue und immer meinen Blick zu Ihm richte, mit dem Gedanken: Hör Du mich! hilf Du mir! So betet man »in allen Dingen«. Es heißt nicht: immer auf den Knien liegen; das ist zweierlei: in allen Dingen beten und in allen Dingen auf den Knien liegen. Auf den Knien kann man wohl sein Hauptgebet verrichten, morgens und abends, aber auch da kann und soll ich es kurz machen. Sonst ist es nicht nötig, immer auf den Knien zu liegen, um in allen Dingen mit Gebet und Flehen die Bitten vor Gott kundwerden zu lassen, die ich auf dem Herzen habe, sondern ich muß eben überall meinen Gott vor Augen haben.

Nun heißt es aber weiter: Lasset eure Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden. Das ist ein schönes Wort. Es gibt oft Leute, die beten so, als ob der liebe Gott doch nichts nach ihnen frage und sie im Stich ließe, daher mögen sie keine besonderen Bitten mehr aussprechen und noch viel weniger eine Danksagung kundwerden lassen. Das ist aber eine böse Sache, wenn der Herr nie hören darf, Er habe einem auch schon viel Gutes getan und wunderbar geholfen. Wenn die Wohltaten Gottes übersehen werden vor lauter Bitten und Seufzen und Schreien, so gefällt das dem Heiland nicht. Es ist gerade so, wie wenn jemand, dem ich schon oft geholfen habe, mich immer wieder so verzweifelt anbettelt, als hätte ich ihm noch nie etwas Gutes getan; das tut einem weh; und so dürfen wir uns auch wohl dessen dankbar erinnern, was der Herr uns schon Gutes getan hat. Unter dem Danken wird es einem leicht, unter dem Danken kann man erst recht bitten. Es gibt einfältige Leute, besonders Kinder, an denen kann man viel lernen, wie man bitten und wie man danken soll. Wenn die kleinen Kinder beten, da können sie im Augenblick, wo sie anfangen, schon denken, der Heiland sei da, und wenn sie Ihm sagen: Bitte, tue das! so wisse Er es jetzt und habe es gehört und sind glückselig. Ein Kind kann sich auch etwas abschlagen lassen und kommt das nächste Mal doch wieder zum Vater und bittet und erwartet etwas vom Vater. Aber die großen Leute, die tun immer, als wenn der liebe Gott doch nicht hörte, sie glauben nicht, und darum kommt es auch nie zu einer Danksagung. Warum? Sie stellen sich beim Beten nicht vor Gottes Angesicht; der Heiland ist ihnen nicht klar vor Augen, sonst müßten sie schon nach dem ersten Sätzchen, nach der ersten Bitte sich beruhigt fühlen, im Gedanken: ich habe mein Anliegen jetzt an den rechten Ort gelegt, jetzt wird der Heiland die Sache in die Hand nehmen und für mich sorgen. Prüfen wir daher, wie weit unser Beten wirklich ein Beten ist, so daß wir unsere Bitte im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden lassen.

Vom Beten ohne Unterlaß

Der Apostel sagt 1 Thess 5,17 »Betet ohne Unterlaß«. Ist dieses der normale Zustand des Christen, so sind wir in dieser erregten, bewegten Zeit weit davon abgekommen; aber viele Christen suchen nach Stärkung durch Verinnerlichung. Das Wort des Apostels gibt das Mittel dazu an. Aber in nichts ist der Mensch ungeschickter, hilfloser, abgeneigter, als in Übertragung des Geistlichen ins praktische tägliche Leben. Wie viel wert würde es mir und gewiß vielen andern sein, einmal zu hören, wie denn solches Wort des Apostels Leben und Wahrheit werden könne; und so erlaube ich mir, es Ihnen zur Besprechung vorzulegen.

Begreiflich ist es, daß die Worte »Betet ohne Unterlaß« nicht nach unserem gewöhnlichen Beten aufzufassen sind. Denn da würden sie ja besagen, man solle unaufhörlich auf den Knien vor Gott liegen und betende Worte an Ihn richten. So stünde der Spruch auch in geradem Widerspruch mit der Mahnung des Herrn, im Gebete nicht viele Worte zu machen. Der Spruch kann überhaupt schon gar nicht auf das, wie man sonst betet, angewendet werden. Denn »ohne Unterlaß« ist ein zu starker Ausdruck, als daß man ihn etwa in die Worte übersetzen könnte: »Betet recht oft und fleißig« oder: »Betet, so oft es nur immer möglich ist.« Denn immer würde »ohne Unterlaß« mehr besagen. Das Beten ist also hier ganz anders zu nehmen. Es kann darunter bloß die betende Richtung des Geistes zu Gott verstanden werden. Da kann man sagen, eine betende und bittende Richtung nach oben sollte ohne Unterlaß da sein; oder es sollte kein Augenblick sein, da Gott den Menschen nicht als betend vor Ihm, oder als vor Ihm in Seiner Gegenwart stehend, findet. Es ist das, wenn David sagt (Ps 123,1): »Ich hebe meine Augen auf zu Dir, der Du im Himmel sitzest.« Da vergleicht er auch das, wenn unsre Augen auf den Herrn, unsern Gott sehen, mit dem, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren und die Augen der Mägde auf die Hände ihrer Frauen sehen, ohne ein Wort zu sagen. Diese Richtung nach oben kann in jedem Geschäft und überall vorhanden sein, mitten unter Gesprächen, selbst in andern Gedanken, die man zu den Besorgungen fürs Irdische braucht. Wer abgetrennt von Gott, ohne die Augen nach Ihm zu richten, etwas unternimmt und tut, kommt leicht in verschiedener Weise aus den rechten Schranken. Man denke nur, wie viel unrechte Gemütsbewegungen, wie viel Ärger, Zorn, Eitelkeit, Neid, Stolz, Geiz, Empfindlichkeit, auch überflüssige Sorgen wegfallen würden, wenn man, statt hierauf, das Gemüt zu Gott richtete. Es gibt keine Regel, die zugleich so wenig kostet und so wenig Anstrengung erfordert, die so bedeutend auf die ganze Art des Menschen zu wirken vermag, als eben die Regel, die mehr als guter Rat denn als Befehl aufzufassen ist: »Betet ohne Unterlaß.« Wie viel Schutz und Bewahrung, wie viel Behütung vor den Netzen der Finsternis, wie viel Errettung und Erhörung könnte man denn auch nebenbei ohne alle Mühe erfahren, wenn wir unter allem betend vor dem Herrn stünden! Denn zwischen uns und dem Herrn steigen die Engel Gottes beständig auf und nieder. Seien wir nur ein wenig frömmer als gewöhnlich; dann geht es!

Das Bitten in Jesu Namen

Wenn wir den Ausdruck »in Jesu Namen« recht verstehen wollen, so liegt hauptsächlich zweierlei darin, erstlich auf Ihn hin, zweitens an Seiner Statt. Auf Ihn hin, d. h. um deswillen, daß Er uns durch Seinen Opfertod mit Gott versöhnt hat, können allein unsere Bitten erhörlich sein. Wir sind von Natur Sünder und haben kein Recht an Gott, daß Er unsere Bitten ansehe und erhöre, weil Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit das nicht zuläßt. Es muß, wenn unsere Bitte erhört werden soll, etwas geschehen sein, das die Erhörlichkeit vermittelt. Im Alten Bunde waren für Israeliten, die auf Abraham hin im Bund mit dem Herrn standen, Bitten im Namen des Herrn, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, erhörlich, wenn nämlich die Bittenden des Bundes sich bewußt waren, den Gott mit ihnen um Abrahams willen geschlossen hatte, nach welchem sie sich zu Gott alles Guten versehen durften. Nur waren es da mehr äußere, aufs irdische Leben sich beziehende Bitten, die also erhörlich waren; und weil durch Abraham keine tiefere Versöhnung aufgekommen war, waren auch die Bitten um Vergebung der Sünden darauf beschränkt, daß hienieden die Sünden sollten nicht bestraft werden. Aber wer im Namen des Gottes Israels Bitten tat, dabei er von seiner eigenen Würdigkeit absehen mußte, tat erhörliche Bitten. Im Neuen Bunde nun tritt Jesus, der die Versöhnung der ganzen Welt geworden ist, in allem für uns ein; und wer im Taufbunde steht und durch den Glauben mit Gott durch Christum eins ist, kann auf Christum tun, d. h. in Jesu Namen, alles bitten und nach dem Wohlgefallen Gottes Erhörung finden. Wenn nun von uns gefordert wird, daß wir in Jesu Namen bitten sollen, so gehört dazu das Bewußtsein, daß wir von uns aus nichts verdienten; ferner wirkliche Erkenntnis unserer selbst und unserer Sünden, daß Gott Ursache hätte, uns geradezu von Sich zu weisen, daß wir aber bitten, Er möge um Jesu willen, der für unsere Sünden genug getan habe, uns dennoch erhören. Die Aufforderung, in Jesu Namen zu bitten, soll uns also immer erinnern, daß wir demütigen Geistes, als Sünder, die nichts verdienten, bitten sollen, und nicht mit einem gewissen frechen Sinn, bei dem wir tun, als ob Gott uns alles schuldig wäre, und wir es Ihm übel nehmen dürften, wenn Er nicht erhöre. O, wie sollten wir es doch schätzen lernen, wieviel uns in Jesu geworden ist, da wir nur allein durch Ihn einen erhörlichen Gott haben! In der Zeit nun, da der Heilige Geist ausgegossen war, konnte die Erhörung viel offenbarer sein als jetzt, da wir auch auf unsere Bitten in Jesu Namen gar nicht pochen dürfen und zufrieden sein müssen, wenn Gott uns nicht erhört und selbst um Jesu willen uns nicht zur Erhörung unserer Bitte ansieht. Wir sind um vieles gegen dem, wie es die Apostel hatten, zurückgekommen; und wie mögen uns oft auch die rechten Empfindungen fehlen, an welche der Umstand, daß wir nur in Jesu Namen erhörlich beten können, uns erinnert! Ohne Jesum, — vergessen wir es nicht, — der für unsere Sünden gebüßt hat, Vergebung der Sünden uns zusichert, und uns angenehm macht beim Vater durch Seine Fürsprache, könnten wir nichts erlangen. Wenn wir aber dennoch, auch wenn wir innerlich richtig stehen, oft scheinen leer auszugehen, so bleiben wir nur mutig, getrost und gläubig; der Herr erhört doch, führt es aber anders hinaus, als wir denken, daß es sein sollte.

Sonst bedeutet das Wort »in Jesu Namen« auch an Jesu Statt, stellvertretend in Seinem Namen. Da schließt es eine besondere Berechtigung und Berufung in sich, wie sie Diener des Worts haben, welche im Namen Jesu, d. h. an Seiner Statt, weil Er es nicht persönlich vor Augen tun kann, vieles zuzusichern und auszurichten den Auftrag haben. Im Anfang hat der Herr persönlich erwählt. Er hat die Apostel berufen, später auch den Paulus; und sonst ließ Er es durch Handauflegung geschehen. Je völliger der Geist Gottes noch war, desto größer auch die Kraft und Macht im Namen Jesu bei Seinen Dienern. Bei der jetzigen Berufung ist es freilich nicht mehr ganz dasselbe; aber in Jesu Namen dürfen doch alle, die ordentlich berufen sind, namentlich die Sachen des Reiches Gottes ausrichten. Der das Amt hat, darf in Jesu Namen bestimmte Zusicherungen geben und in Jesu Namen seines Amtes pflegen. So tauft er in Jesu Namen, vergibt die Sünden in Jesu Namen, tut überhaupt alle Amtshandlungen in Jesu Namen, als in Seinem Auftrag: und der Herr sieht es an, als von Ihm geschehen. Es geht daraus hervor, daß in dieser Weise nicht alle Christen, ohne eine besondere Berufung zu haben, in gleicher Weise in Jesu Namen, d. h. an Seiner Statt, das zu reden und zu handeln sich herausnehmen dürfen, was die Berufenen gewöhnlich tun. Tun sie es, so mögen sie zusehen, ob es der Herr ansehe, als tue Er es. In der ersten Zeit wurden denn auch vor besonders Berufenen im Namen Jesu Wunder getan; und wenn der Herr wird wieder mehr Kräfte des Geistes darbieten, mag auch vieles wieder sich so machen, wie es im Anfang war.

Im Zusammenhang mit diesem Wort (Joh 14,12) spricht der Heiland auch noch von den »größeren Werken«, die nachkommen werden; diese beziehen sich nun auf die Vollendung des Reiches Gottes. Kann man auch nicht gerade sagen, daß solche größere Werke auffällig gewesen sind bei den Aposteln, wie sie auch nach ihnen es viel weniger gewesen sind, so dürfen wir doch annehmen, daß diese größeren Werke noch nachkommen werden. Denken wir nur daran, wie groß das ist, wenn durch Jesu Macht das alte Bundesvolk Israel in allen seinen Gliedern noch soll zum Glauben an Jesum gebracht werden. Der Herr Jesus hat es nicht mit den Juden fertigbringen können; und wie weit Israel auch zur Zeit der Apostel zurückblieb, das wissen wir. Aber zuletzt muß doch noch ganz Israel selig werden, und wie kann es anders geschehen, als durch das Wirken solcher, die im Namen Jesu es vollbringen dürfen. Sollen doch durch den Dienst derer, die Gott ausrüsten wird, namentlich indem sie Zeichen und Wunder im Namen Jesu tun, alle Völker der Erde zur Zukunft Christi bereit werden. Wie viele Wunder müssen da geschehen, zu welchen Männer Gottes im Namen Jesu werden berechtigt und befähigt werden!

Gebetsstunden

Ist es auch das Richtige? Ist es biblisch und nüchtern, wenn ein größerer Kreis von Frauen oder Jungfrauen zusammenkommt, um miteinander aus dem Herzen zu beten, was oft lange dauern kann? Mir klopft das Herz mächtig dabei; denn ich komme so leicht dazu, entweder auch nach schönen Worten zu suchen, oder aber andere im stillen zu kritisieren.

Es ist mir freilich wohlbekannt, wie überall unter Freunden, die ein ernstlicheres Streben haben, Gebetsvereine sich bilden, welche Gebetsstunden halten, in welchen immer eines das andere im Beten ablöst. Sie beten aus dem Herzen, d. h. nicht aus Büchern. Man geht dabei von dem Gedanken aus, daß Beten not tue, auch vom Herrn ernstlichst befohlen sei. Ich bin aber immer der Meinung gewesen, namentlich seit ich in meiner Jugend vor mehr als 50 Jahren auch etliche Male dabei war, daß es so der Heiland nicht meine, wenn Er allezeit beten heiße, auch nicht meinen könne, einmal, weil Er das Kämmerlein anbefiehlt, da man im Verborgenen beten soll, sodann, weil Er nicht viele Worte machen heißt. In jenen Betstunden aber ist es nicht ein Einsamsein im Kämmerlein, und ist jenes Scheinen vor andern dabei, also gerade das, wovor der Heiland warnen will. Auch wenn eines ums andere betet, daß es lange dauert, werden doch sehr viele Worte gemacht, ganz gegen die Weisung des Herrn. Denn da gibt es unzählige Wiederholungen oder erkünstelte Variationen oder ein Haschen nach schönen und eifrigen Worten. Die Fragestellerin ist aufrichtig genug, das von sich zu sagen, wie sie in Versuchung komme, nach schönen Worten zu suchen oder über andere zu kritisieren. Wenn man nun sagt, man bete aus dem Herzen, so ist es allerdings so nach dem Wort des Herrn: »Was zum Munde herausgehet, das gehet aus dem Herzen« (Matth 15,8); aber wenn Er hinzusetzt: »und das verunreiniget den Menschen«, weil »von innen aus dem Herzen herausgehen können arge Gedanken, auch Hochmut und Unvernunft« (Mark 7,23), so hätten die Betenden doch sehr sich zu fragen, ob sie aus ihrem Herzen nur Gutes hervorbringen. Es ist aber zu fürchten, daß allerlei aus dem bösen Herzen mitläuft, was doch eigentlich den Menschen verunreinigt, mitunter selbst Sticheleien, während seine Worte nur Bitten um ein reines Herz aussprechen. Das Herzensbeten vor andern ist jedenfalls eine gefährliche Sache.

Solches gebe ich übrigens nur zu bedenken. Wer fühlt, daß er sich mit dem Beten in genannter Weise wirklich verunreinigt, der schweige lieber und lasse andere beten, die so stehen und es so machen, daß sie sich nicht verunreinigen. Sonst kann man auch in anderer Weise miteinander beten. Liest man Gottes Wort oder sonst geistlich Kernhaftes miteinander und spricht man darüber, alles aufs Herz zur Besserung und Erbauung beziehend, so ist das das köstlichste Beten, unter welchem Gott etwas geben kann, indem eines dem andern zugleich hebend Handreichung tut. Wenn man bloß betet, gibt man immer aus und nimmt nichts ein. Da kann man sich sehr erschöpfen und ausleeren, daß man nach dem Gebet weniger hat als vorher. Die andern haben ohnehin nichts davon, weil auch jedes nur geben, nichts nehmen will. Der liebe Heiland kann aber da nichts geben, schon darum, weil Er nicht gesagt hat, daß man so beten soll, sondern es anders gesagt hat. Wenn vor der Ausgießung des Heiligen Geistes jene 120 alle stets einmütig beieinander waren, mit Beten und Flehen (Apg 1,14), so denke man ja nicht, daß sie einander mit Beten abgelöst haben. Der Hauptnachdruck liegt in dem einmütig Beieinandersein (Apg 2,1). Da redeten sie viel vom Heiland, Seinen Taten und Worten; und drunter hinein ließ eines beliebig etliche betende Worte fallen. Alles aber war vor dem Herrn, also nur Beten. Oh, verstünden wir es, miteinander so zu beten, daß wie die gegenseitigen Reden, so auch die Seelen ineinander flössen, vermittelst des Heiligen Geistes, auch ohne eigentliche Gebetsworte.

Das Fehlen der Erhörung

Unser hochheiliger Herr hat uns bei mehreren Anlässen die wahrhaft königliche Verheißung gegeben: »Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in Meinem Namen, das wird Er euch geben« (Joh 14,14), in welchen Worten der leidenden Menschheit ein Privilegium erteilt scheint, sich von dem Druck aller Übel zu befreien und namentlich in den Besitz der Gesundheit, dem wichtigsten Gut auf Erden, sich zu versetzen. Wie steht es aber mit der Verwirklichung? Schon viele gläubige, den Herrn über alles liebende und ehrende Herzen sind irre geworden an diesen scheinbaren Widersprüchen.

Bedenken ähnlicher Art werden oft laut; und etwas eingehender das Vorliegende zu besprechen, kann ich, weil aufgefordert, nicht unterlassen. Darin ist aber doch vielleicht in Obigem zu viel gesagt, daß schon viele gläubige, den Herrn über alles liebende und ehrende Herzen irre geworden seien, über dem, daß so viel verheißen sei und so wenig verwirklicht werde. Denn wer irre wird, bei dem mag es doch nicht so ganz richtig sein, daß er den Herrn über alles liebe und ehre. Wer Ihn über alles liebt und ehrt, der findet sich auch in scheinbare Widersprüche, und beugt sich bescheiden vor der Majestät und Weisheit des Gottes, der wohl wissen werde, warum Er so oft, was wir wünschen, nicht tue, ja der gar aufhören müßte, Gott zu sein, wenn Er uns in allem nur gleich zu Willen wäre. Wahrhaft gläubige Seelen werden an Seiner Wahrhaftigkeit nicht zu zweifeln anfangen, eher es bedenken, daß es einen Ernst erfordere, selbst Verheißenes zu empfangen. Sie ergeben sich auch in das, wenn Gott nicht gibt, wie sie es von Ihm fordern, und lassen es sich nicht einfallen, an Ihm irre zu werden. Sie möchten nie sagen, wie manche andere, man sollte denken, daß gar kein Gott im Himmel wäre. Wer irre wird, liebt eigentlich doch seine Wünsche und sich selbst mehr als Gott, und hat wenig Ehrfurcht vor Gott, liebt und ehrt also Gott nicht über alles.

Im allgemeinen freilich erscheint es als ein Übelstand, daß Gott gleichsam in eine Lage versetzt ist, Seine Wahrhaftigkeit zweifelhaft werden zu lassen. Man dürfte auch denken, dem lieben Gott selbst tue es wehe, wie es im Alten Testament oft ausdrücklich gesagt wird, hart sein und Seinem Worte gleichsam untreu werden zu müssen. Im Verborgenen scheint es auch vom Feinde darauf angelegt zu werden, den lieben Gott in Mißkredit zu bringen. Die Menschen lassen dem Feind viel Recht, plagen zu dürfen; und er tut es um so lieber, weil er weiß, daß die Menschen es schwer haben, als große Sünder Hilfe bei Gott zu finden. Sie kommen in arge Notstände hinein, da sie wohl anfangen, nach Gott zu fragen und zu bitten, während sie darin sonst laß sind, daß sie das gläubige Bitten gar nicht einmal recht verstehen, so arge Notschreie sie tun. Aber wie oft widerspräche es schon der Ehre Gottes, nur so geschwind jetzt zu tun, was sie nur um ihrer selbst willen schreiend begehren. Mir kam es einmal vor, daß ich einen Zimmermann besuchte, der sich gerade vorher im Walde mit einer Axt den ganzen Oberschenkel herab aufgehauen hatte. Als ich bei ihm war, sagte er: »Und dazu habe ich heute gebetet«. Er war sonst nicht gerade unrecht, aber das Beten war bei ihm rar geworden. »So«, sagte ich, »auch einmal wieder?, und nun hätten sollen gleich alle Engel Gottes bereit stehen und schützen müssen, um solchem Beter ja nichts geschehen zu lassen?« Ihm war das Unglück eigentlich nur ein Wink von oben, doch ja fleißiger zu beten; und darum hat ihm der Arge, wenn man so sagen darf, noch mitspielen dürfen. Gott aber hat ihn doch wieder ganz geheilt, also doch erhört. Denn er hätte auch des Todes sein können. Es werden aber auch wieder andere Zeiten kommen; und sie beginnen schon. Da werden alle Verheißungen ihre volle Gültigkeit wieder haben.

In der Frage ist ein Hauptirrtum enthalten, nämlich der, daß in den Verheißungen sollte der leidenden Menschheit ein Privilegium erteilt zu sein scheinen, sich von dem Druck aller Übel zu befreien usw., und daß die Zusage der Erhörung ein Universaltrostwort für das ganze menschliche Geschlecht sein solle. Zuletzt wird freilich alle Kreatur von allem Übel befreit werden. Unterdessen ist es aber mit der Erfüllung der Verheißungen anders gemeint. Wollen wir es ein wenig näher besehen. Der Heiland sagt (Joh 14,13.14): »Was ihr bitten werdet in Meinem Namen, das will Ich tun, auf daß der Vater geehrt werde in dem Sohne. Was ihr bitten werdet in Meinem Namen, das will Ich tun.« Mit wem redet da der Heiland? Er spricht nicht mit allem, was nur Mensch heißt. Es geht nur Seine Jünger an, und die, welche diesen gleichstehen: und jene waren wohl andere Leute, als wir es sind. Er gibt einen Grund an, warum Er gerade ihnen diese Verheißung gebe. Durch die Erhörung, sagt Er, solle der Vater geehret werden in dem Sohne. Die Erhörung also solle den Wert des Sohnes erhöhen und den Beweis liefern, daß der Vater in dem Sohne geehrt sein wolle. Damit verliert die Verheißung von ihrer Allgemeinheit doch schon viel. Sie kann allgemein werden, wenn alle gesinnt werden, wie die Jünger es waren in dem Einssein mit dem Herrn durch den Glauben. Alle die Beter aber, die, wie es doch bei uns meist der Fall ist, ganz nur sich allein im Auge haben, daß ihnen ihr Wunsch möchte gewährt werden, ohne daran zu denken, daß durch die Erhörung der Sohn und wiederum der Vater solle groß werden, können die Verheißung doch nicht mit vollem Rechte für sich in Anspruch nehmen. Mindestens müssen sie dem Herrn durch Glauben und Anhänglichkeit nahe stehen. Unzähligen aber, die ihren Notschrei erheben, steht im Geiste der Sohn ganz ferne, wenn sie auch in Seinem Namen, d. h. auf Ihn sich berufend, bitten. Sie bitten in Jesu Namen, weil sie denken, daß man so bitten solle. Was aber das eigentlich zu besagen habe, überlegen sie nicht, namentlich, daß sie für sich der Erhörung nicht wert seien, sondern das erst durch den Sohn werden. Es ist also für das Verheißungswort schon ein wirkliches Verhältnis zum Sohne vorausgesetzt, daß die Beter in Ihm den Mittler erkannt und gefunden haben, der die einer Erhörung im Wege stehenden Sünden weggenommen habe; und die Erhörung soll ihnen nebenbei mit beweisen, daß sie wirklich Vergebung der Sünden haben, bei Gott um Jesu willen in Gnade stehen, und desto zuversichtlicher ihres Heilands auch für das ewige Leben dürfen versichert sein. So weit aber denken nicht viele Beter; ja die meisten haben gar kein Augenmerk darauf, daß sie vor allem sich zu beugen hätten vor ihrem Gott, wie das eben doch nur gar zu oft nötig ist; und nichts steht vor ihrer Seele, als der Wunsch ihres Herzens, oder die Not, die sie drückt. Der eigentliche tiefere christliche Geist, auch wenn sie im allgemeinen und nach der Form christlich sein wollen, fehlt eben gar zu sehr unserem Geschlechte; und wie können sie auf diese Weise, so zu sagen, pochen auf die Verheißung? Ja, selbst bei den Besseren steht es so, daß auch sie nicht ohne weiteres auf Erhörungen rechnen dürfen, obwohl Gott doch oft erhört. Der Vater wird viel zu wenig in dem Sohne geehrt, sofern durch diesen die Erhörung laufen soll; und Er weiß es wohl, daß Er, wenn Er auch viele Erhörungen gibt, hintennach im Grunde wenig oder gar keine Ehre davon hat, Sein Name dadurch nicht verherrlichter wird unter den Menschen.

Die Gebetsverheißungen in der Schrift sind nicht nur so obenhin gegeben, sondern doch auch an allerlei Bedingungen geknüpft, so daß Gott getreu und wahrhaftig bleibt, auch wenn Er nicht erhört. Ich führe noch weitere Stellen an, will aber keineswegs durch Hinweisung auf sie sagen, daß Gott immer strenge bei dem bleibt, was Er zur Erhörung beim Beten haben will. Wir müssen uns, weil Er doch viel tut, wenn wir Seine Wünsche, die Er selbst an den Beter hat, erwägen, vielmehr verwundern, daß Er so oft erhört, als daß Er es nur selten tut. Denn wenn Er es nach dem, wie Er es zusagt, genau nehmen wollte, so könnten, eben nach Seinen eigenen Worten, wenige Christen auf irgendeine Erhörung rechnen. Er tut aber ein Übriges in tausend Fällen, weil Er auch durch Seine Güte zur Buße leiten will; und wo niemand glauben möchte, daß Er Sich finden lassen werde, da ist Er oft wunderbar schnell zu haben, wenn der Betende wirklich bei seinem Beten eine Empfindung von Gott bekommt und eine demütige Stimmung zeigt. Aber zum Beweis, wie wir es immer aus Gnaden als unverdient hinnehmen müssen, wenn Er erhört, wie auch, daß wir nie Ursache haben uns zu beklagen, wenn Er in der Ferne zu stehen und kein Schreien vor Seine Ohren kommen lassen zu wollen scheint, wie es allerdings oft vorkommt, will ich noch an etliche Worte erinnern, in welchen Gott oder der Herr Jesus Verheißungen an die Seinen ausspricht.

Allerdings ist aber, tun das zuvor noch zu sagen, auch eine Unterscheidung zu machen in dem, um das man bittet. Es gibt Wünsche, bei denen wir ein eigentliches Wunder erbitten wollen, zu dem wir weniger Berechtigung haben, weil der uns gegebene Heilige Geist nicht mehr derselbe ist wie vormals, und namentlich die Wunderkräfte nicht mehr in sich schließt. Sonst gibt es wirklich viel anderes, da wir einfach nur bitten dürfen, nach dem Wort: »Bittet, so wird euch gegeben«, namentlich wenn es das Brot und die Bedingungen des Lebens, so auch die Gesundheit, angeht; wie oft erhört da der Herr! Wenn aber zum Bitten auch noch ein Suchen, oder gar ein Anklopfen kommen sollte, da wird es begreiflicher, wie viel Ernst das auf Seiten des Beters, der ihn selten hat, erfordert. Aber in allem kann auch die Anweisung wichtig und erfolgreich werden, sich an die Fürbitte anderer zu halten, da es ist, als wenn Gott den Beter nicht immer direkt, sondern nur indirekt erhören wollte, ihm zu zeigen, daß derselbe für seine Person auf nichts pochen könne. Erfahrungen zu Größerem aber, bis zu Wundern, sind es, die besonders an ernste Bedingungen geknüpft sind; und die hierauf bezüglichen Verheißungen geben doch mehr die völligen Jünger und insbesondere die Knechte des Herrn an, daß diese zu gemeinem Nutz sich an sie halten sollen.

Der Herr gibt die Gebetsverheißungen unter anderem mit folgenden Worten (Joh 15,7.8): »So ihr in Mir bleibet, und Meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird Mein Vater geehret, daß ihr viel Frucht bringet und werdet Meine Jünger.«

In diesen Worten liegt vieles, das viele Beter die Hand auf den Mund legen heißt, wenn sie nicht erhört werden. Mitunter sind sie noch gar nicht im Heiland, so können sie auch nicht in Ihm bleiben, wie Er sagt. Wiederum sind Seine Worte ihnen noch nie recht wichtig gewesen, daß sie also Seine Worte nicht in sich haben, und diese mithin auch nicht in ihnen bleibend sein können. Das alles aber sollte sein, wenn ihnen widerfahren soll, what sie nur bitten würden. Der Vater will ferner bei Seinen Erhörungen auch Frucht sehen an den Betern: und diese sollen Jesu Jünger werden, damit Er durch das, was Er an ihnen tut, geehret werde, oder zu der Ehre komme, die Ihm gebührt und die Ihm bei den Menschen so vielfach fehlt. Die Gegenstände der Bitten, wenn sie sein dürfen, was sie wollen, sollten also auch nicht so geringfügig sein, wie sie oft sind, da sie fast nur auf Irdisches und menschlich Persönliches sich beziehen, sondern sollten ein Höheres im Auge haben, das auf das Reich Gottes und seine Vollendung zielt.

Wie es aber in unserem Geschlechte, namentlich gegenwärtig, aussieht, das ist ja bekannt. Sie ehren den Vater nicht, ehe Er gibt, und ehren Ihn nicht, wenn Er gibt. Oft und viel erhört Er, daß man schon den Mangel der Erhörung nicht so grell hinstellen darf, als man mitunter tut; aber den Menschen, die Er erhört, sieht man es nicht an, daß sie im Gefühl bleiben, Erhörung gefunden zu haben. Sie bleiben die Nämlichen, die sie vorher waren, zufrieden mit dem, was sie erlangt haben, namentlich wenn sie gesund worden sind, auch dann, wenn sie Ursache hätten, in manchem anders zu werden. Den Vater ehren sie um das Erfahrene nicht mehr als vorher. Ihr Dichten und Trachten bleibt am Zeitlichen hängen, wenn sie auch sonst eine fromme Art haben, und allerlei Ungeschicktes kommt bei ihnen vor unter den zeitlichen Sorgen. Weiter herauf nach oben kommen sie nicht; und die Sachen des Gottes, der in der ganzen Welt noch verherrlicht werden will, bleiben ihnen gleichgültig, ohne für sie auch nur ein Verständnis sich angelegen sein zu lassen. Da soll denn der liebe Gott immer geben, wie sie bitten, gar Wunder an ihnen tun; aber für Sich fordern darf Er selbst gleichsam nichts. Was Wunder, wenn das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ein kühles geworden ist, und wenn Er Sich oft sehr besinnt, ehe Er erhört, denkend, die Leute lieber ein wenig zappeln zu lassen, als ihnen nur so geschwind aufzuwarten; und nach dem Wortlaut der Verheißung, wie er oben gegeben ist, hat Er das Recht dazu.

Erwägen wir auch eine Stelle nach Markus (11,22-25). sagt der Herr »Habt Glauben an Gott. Wahrlich Ich sage euch, wer zu diesem Berge spräche: Hebe dich und wirf dich ins Meer, und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, daß es geschehen würde, what er saget, so wird es ihm geschehen, what er saget. Darum sage Ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr es empfahen werdet, so wird es euch werden. Und wenn ihr stehet und betet, so vergebet, wo ihr etwas wider jemand habt, auf daß auch euer Vater im Himmel vergebe eure Fehle.«

Da redet der Herr zuerst vom Bergeversetzen. Er meint also, daß das wohl möglich sei, wenn es nötig sei. Man sieht aber gleich, daß es sich hier um Eliaswunder handelt; und um diese zu tun, wird man wohl auch ein Elias sein müssen. Ein gewöhnlicher Christ, der nicht sonst zu Außerordentlichem berufen ist, soll nur die Berge stehen lassen, wie sie ihm auch nicht folgen werden. Aber auch für ihn gibt es vieles, da es sich fragt, ob es sein müsse? Ja, weil ich es durchaus haben will! Wenn aber Gott andere Gedanken hat, und besser weiß, was sein muß, wolltest du es erzwingen? In tausend Wünschen haben wir gar nicht das Recht, zu glauben, daß sie geschehen werden, weil es auch ohne sie geht. Paulus hat wollen den Satansengel von sich weghaben; aber der Herr sagte zu ihm (2 Kor 12,7-9): »Laß dir an Meiner Gnade genügen.« Seit wir so ärmliche Leute geworden sind, weil wir den Vollbesitz des Heiligen Geistes nicht mehr haben, wie ihn die ersten Christen gehabt haben, haben wir nicht leicht ein Urteil, ob etwas sein müsse, oder nicht, ob wir mit festem Glauben uns auf etwas werfen dürfen, oder nicht. Darum bleibt uns in den meisten Bitten nichts übrig, als das Bekannte zuzusetzen: »Herr, wie Du willst!« Viele Berge müssen wir Berge sein lassen, daß wir sagen: »Mach Du es, lieber Gott, nach Deinem Rat.« Wie steht es dann auch mit der Vergebung, die wir anderen zukommen lassen sollen? wie mit unserer Willfährigkeit gegen andere in allen Dingen? Ach, schlimm genug, daß uns Gott, wenn wir bitten, sagen möchte: »Tue du zuvor das Deine.« Wie? wenn auch Johannes (1 Joh 3,22) sagt: »Was wir bitten, werden wir von Ihm nehmen; denn wir halten Seine Gebote, und tun, was vor Ihm gefällig ist«; können unsere Beter so reden?

Indessen tut doch der Herr zuletzt alles, was wir bitten. Jeder Bittende ist Ihm lieb: denn er steht Ihm doch näher, als wer nicht bittet. An der Rücksicht aufs Gebet, wenn es lauter ist, läßt es Gott nicht fehlen. Nur erhört Er anders, und wie oft doch so, daß wir staunen und anbeten müssen! Fehlt es aber im ganzen an vielem, so wollen wir geduldig warten auf die große Gnadenzeit, die kommen und nicht ausbleiben wird, da die volle Barmherzigkeit Gottes sich auftun wird, die Leute auch anders zu machen. Dann wird es erst recht nach der Verheißung gehen: »Ehe sie rufen, will Ich sie erhören.« Sonst bete nur fort! Die Engel tragen deine Bitten zum Vater; und die Vergeltung bleibt nicht aus! Endlich wird doch alles Seufzen gestillt und alles Unebene recht werden!

Zur Fürbitte

Da ich meinen Gott fragte, ob ich mich mit meiner Bitte an Sie wenden dürfte, gab Er mir zur Antwort Jak 5,14-16. So ist es Sein Wille. Verstehen kann ich nicht, warum Er mir durch Sie helfen will, braucht Er doch nur ein Wort zu sprechen; aber wir sollen ja auch nicht verstehen. Im Gehorsam des Glaubens gehe ich den Weg, den mir Sein Wort gewiesen, und komme zu Ihnen, daß Sie für mich zum Herrn beten. Meine Bitte aber ist folgende usw.

Wenn Sie, — wie? konnte ich aus Ihrem Briefe nicht ersehen, — Ihren Gott fragten, ob Sie meine Fürbitte nachsuchen dürften, und dann auf Jakobus hingewiesen wurden, so bitte ich Sie nochmals, kein so großes Bedenken über die Fürbitte zu haben. Selbst der Heiland hat sich in Gethsemane das Mitwachen und Mitbeten Seiner Jünger gewünscht, wenn Er sagte: »Könnet ihr nicht eine Stunde mit Mir wachen?« Die Apostel wollten auch für sich gebetet haben; und sonst werden wir aufgefordert, Fürbitte für einander, ja für alle Menschen, zu tun. Auch hat der Herr auf das Zusammenbitten zweier eine große Verheißung gelegt. Da käme es doch seltsam heraus, wenn wir die Fürbitte zurückweisen wollten, sagend, Gott könne es ja auch ohne diese tun. Das kann Er freilich, wenn Er aber Gemeinschaft der Kinder Gottes untereinander haben will, wenn Er auch Selbstdemütigung begehrt, und wenn Er Gaben einzelnen verleiht, daß sie für andere, die sie nicht haben, verwendet werden sollen, und wenn Er will, daß man für andere auch ein liebendes Interesse habe, so sollen wir dem Heiland darum danken, daß Er uns auch aneinander Hilfe finden lassen will. Er will uns alles auch recht gemütlich machen. Gemütlich aber kann der Mensch in nichts für sich allein sein. Darum dürfen Sie sich nicht scheuen, an die Fürbitte sich zu halten; denn es kommt die Zeit, da der Herr auch wieder sichtbarer Gaben austeilt, vermittelst welcher mehr geschehen soll und kann, als durch das eigene Gebet allein. Der Herr aber tut schon heute sehr viel an solchen, bei denen das eigene Gebet nicht ausreicht, durch die Fürbitte, wie ich täglich erfahre, wenn nur die Hilfesuchenden im Glauben, auch an die Fürbitte, stehen und sonst den Herrn liebhaben.

Wenn Sie sich selbst mit Offenheit mancher Dinge anklagen, so ist das recht vor dem Herrn; und Ihre Bekenntnisse führen mich darauf, Ihnen die Ermahnung zu geben, daß Sie doch recht auf Ihr Gemüt achthaben möchten, daß Sie in der Liebe, Stille, Sanftmut und Geduld zu bleiben vermögen, und in dergleichen sich üben. Denn Erregungen haben schon natürlich üblen Einfluß gerade auf Ihr Übel, und sind sonst wider den Sinn des Herrn, der will, daß wir, wie Er, auch sanftmütig und von Herzen demütig seien und an Ihm das lernen sollen.

Trieb zur Fürbitte

Im Jahre 1831 kam ich einmal, wie sonst je und je, von Basel aus, wo ich Lehrer im Missionshaus war, nach Colmar im Elsaß, zu dem Gründer einer christlichen Versammlung daselbst, namens Bott, der erst vor etlichen Jahren gestorben ist. Er führte mich in den schönen, durch üppigen Wuchs sich auszeichnenden Garten eines Freundes; und wir hatten allerlei Reden miteinander. Auf einmal blieb er stehen und sagte: »Ei, da muß ich dir doch etwas erzählen, was mir vor kurzem eben hier an dieser Stelle begegnet ist.« Er erzählte mir nun, daß er da plötzlich von einer Angst für den Besitzer des Gartens befallen worden sei, und von einem unwiderstehlichen Drange, für denselben zu beten, als ob er oder eines der Seinen in großer Gefahr wäre. Er konnte nicht anders, denn augenblicklich auf die Knie niederfallen und den Herrn anrufen. Bald wurde er wieder ruhiger, obwohl etwas langsam. Als er später nach Hause ging, begegnete ihm ein Angehöriges von seinem Freunde, das ihm von einem großen Schrecken, den sie gehabt hätten, erzählte. Ein Kind nämlich, des Vaters Liebling, drei Jahre alt, war ins Wasser gefallen und nur mit äußerster Mühe und Anstrengung fast tot wieder herausgezogen worden. Aber das Kind befand sich wieder ganz wohl. Mein Freund Bott verglich es mit der Zeit, da er hatte beten müssen; und als er es mit der Gefahr übereinstimmend fand, wurde er ungemein bewegt über die Freundlichkeit des Herrn, der auch in der Ferne Teilnahme in den Seinen zu erwecken weiß, und diesen Gelegenheit gibt, ihren Freunden Hilfe durch eine Fürbitte zu leisten, wie sie nach dem Willen des Herrn oft erforderlich ist, damit es ihrer zwei wären, die bitten.

Ich setze noch hinzu, daß der Herr mit der Fürbitte es auch darauf abzielt, dem Notleidenden zu zeigen, daß er oft, aus allerlei Gründen eines Unbeteiligten bedarf, der für ihn bittet, wenn die Hilfe nicht fehlen soll. Dies zur Antwort auf die häufig mit der Frage gemachte Einwendung gegen die Fürbitte: »Warum sollte denn mein Beten allein nicht ausreichen?«

Ich kann nicht umhin, etwas von mir selbst zu erzählen, das mir immer groß vor der Seele steht. Mein Bruder, längst Missionar in Krischnapur in Bengalen, war im Jahr 1836 von Malta aus, von wo er seine Frau mitnahm, nach Ägypten gekommen, um von da, nachdem er eine Zeitlang in Abessinien gewesen war, nach Indien überzusiedeln. Eines Nachmittags machte er von Kairo aus, wo er etliche Tage blieb, für sich auf einem Schiffe eine Spazierfahrt auf dem Roten Meere. Das Schiff aber kam durch Wind aus seiner Bahn und konnte da, wo es sollte, nicht mehr landen, was meinem Bruder erschrecklich war, der um seiner jungen Frau willen wieder nach Hause wollte. Er wurde auf ein Boot gesetzt und in äußerst gefährlicher Lage gegen den Schilf am Ufer des Meeres hergetrieben. Hier stieg er ans Land, mußte aber zunächst im Wasser waten, unter Schilfrohren und Schilfstümpfeln, die ihm das Gehen außerordentlich erschwerten, ja fast unmöglich machen wollten, er auch jeden Augenblick umzusinken drohte. Er kämpfte mit Wasser und Schilf einige Stunden, weil es gar langsam vorwärts ging, bis es ihm gelang, endlich aufs Trockene zu kommen. Aber tiefe Nacht war eingetreten; und unter den Toren Kairos wollte man nachts ihn kaum einlassen, weil seine Erscheinung da etwas Fremdes, und er allein war. Doch half der Herr durch alles glücklich hindurch, bis er nach Hause kam und halb tot auf das Kanapee niederstürzte. Es waren, kann man sagen, lauter Wunder, durch die sein Leben gerettet wurde.

An demselben Tage nun, wie aus späteren Briefen sich ergab, abends 6 Uhr, während ich als Lehrer im Missionshaus zu Basel vor meinem Pulte eifrig arbeitete, überfiel mich plötzlich eine Angst, wie ich sie in meinem Leben nie empfunden hatte. Mitunter war es auch, als klopfe es um mich her. Ich lief immer von einem meiner beiden Zimmer in das andere, und wußte mir gar nicht zu helfen. Plötzlich fiel mir mein Bruder ein, von dem ich wußte, daß er auf der Reise war. Daß der in Gefahr, in großer Gefahr sein müsse, war mir augenblicklich gewiß; und heiß und anhaltend für ihn zu beten, war mir von innen eigentlich geboten. Ich rang mit dem Herrn, auf den Knien liegend, stand immer wieder auf und fiel immer wieder nieder, bis ich nach einigen Stunden etwas ruhiger wurde. Doch legte sich meine Angst erst ganz, als ich mich zur Ruhe gelegt hatte. Man denke sich aber mein Erstaunen, als ich später die Briefe erhielt, die mir Obiges umständlich beschrieben. So kann der Herr mahnen und Trieb zur Fürbitte geben. In solch auffallender Weise mag es freilich selten vorkommen; aber auch schon stillere Mahnungen darf man beachten, wenigstens am einen bittenden Blick zum Herrn emporzurichten.

Fürbitte für Angehörige

Könnten Sie mir den Zweifel lösen, warum der Herr nicht Gebete der Eltern für ihre Kinder erhört, nämlich Gebete für ihr Seelenheil, für ihre Gemeinschaft mit Ihm, nicht etwa Gebete um irdisches Glück oder Auszeichnung usw.

Ähnliche Fragen sind schon manche an mich gerichtet worden; und ich will im allgemeinen jetzt darauf antworten, da es nicht bloß obiger Frage gilt. Vorerst ist die Voraussetzung, daß man nicht erhört werde, nicht immer, und im Grunde niemals, eine gegründete, wenn auch auf Seiten der Betenden alles richtig steht. Denn daß nicht augenblicklich eine Erhörung gesehen wird, ist noch kein Beweis, daß Gott nicht erhöre. So betet manche Mutter, ihr Sohn möchte doch fleißiger in die Kirche gehen, an der Hausandacht teilnehmen, Interesse an Christlichem zeigen. Nun soll sie aber nicht meinen, gleich bei der nächsten Gelegenheit werde das Gewünschte geschehen. Es kann möglicherweise lange anstehen, bis eine Frucht der Fürbitte gesehen wird; und doch arbeitet bereits der Herr darauf im Verborgenen hin. Gebete ferner für das Seelenheil der Kinder können auch nicht leicht augenblickliche Erhörung finden, wie Gebete um Befreiung von einer Gefahr, oder von einer Krankheit. In letzteren Fällen braucht nur der Herr etwas für Sich zu tun, ohne den Menschen selbst dabei haben zu müssen. Es hängt allein von Ihm ab. Aber um einen Menschen zu bekehren und auf sein Seelenheil zu wirken, genügt der Wille Gottes allein nicht, sondern es ist auch von Seiten des Menschen, der bekehrt werden soll, etwas dabei nötig. Dieser ist ja nicht eine Maschine, die man beliebig wenden und drehen kann, sondern hat auch einen freien Willen, nach welchem er auch sagen kann: »Ich will nicht.« Gewalt brauchen will aber Gott nicht. Je ungeneigter aber der Mensch ist, desto mehr braucht es Vorbereitungen von Seiten Gottes, bis sein Wille mit dem, was Gott will, einig ist. Den Menschen halten oft viele Bande fest, starke Neigungen, Leidenschaften, auch Einflüsse der Finsternis. Diese Bande müssen nach und nach gebrochen werden, bis Gott nur an den Menschen hin kann mit Einwirkungen von Seiner Seite. Da braucht es denn Zeit. Je und je hat der Mensch viele Mücken gefangen gegen das Christliche, ist in Unglauben verfangen; und bis diese Mücken weg sind, bis der Geist los ist von den Grillen, die ihn ungläubig und unfromm machen, braucht es viele Zeit. Da muß Gott viel arbeiten, ehe man etwas von der Frucht Seiner Arbeit sieht. Das aber darf jede betende Mutter mit Zuversicht glauben, daß der Herr Hand anlegt, sobald die Bitte in rechter Weise vor Ihn kommt; und sie muß Geduld haben, bis es offenbar wird. Jahre können verstreichen, ehe die Vorarbeiten vollendet sind. Mitunter müssen auch Trübsale nachhelfen; und gesetzt, es zeigte sich im Leben nicht mehr völlig, so kann es auf dem Sterbebette noch recht werden. Verloren aber dürfen wir niemanden achten, für welchen sorgende Liebe in Lauterkeit und mit Anhalten gebetet hat.

Indessen kann auch auf Seiten der Bittenden nicht immer alles ganz richtig sein, wenn gar zu wenig Frucht des Gebets gesehen wird. Oft sind sie schon zufrieden, wenn die betreffenden Angehörigen nur äußerlich gesittet und anständig sind und an den christlichen Formen es nicht fühlen lassen; und wenn sie das nicht sind, dann beten sie für sie. Immer haben sie doch nicht das Höchste im Auge, oft auch darum, weil sie selber nicht geistlich genug sind, nicht in wirklicher Gemeinschaft mit dem Herrn stehen. Da kann es seltsam herauskommen. Da beten sie, die Kinder möchten recht werden, und wie viel kann an ihnen fehlen, bis sie selber recht sind vor Gott. Indessen sind auch solcher Bittenden Bitten nicht gerade umsonst vor Gott. Es freut Ihn, wenn man Ihn nur bittend angeht. Auch ungeschickte Gebete und Fürbitten machen oft viel aus, daß Errettungen zum ewigen Leben geschehen, wie sie vielleicht nicht geschehen würden, wenn niemand betete. Aber Zeit und Umstände erfordert es besonders viel, bis die Erhörung völlig da sein kann.

Schließlich möchte ich sagen, daß man mehr mit seinen Gebeten ausrichtet, wenn man es mehr still auf dem Herzen trägt, als wenn man alle Tage so viel Worte darüber macht. Bei letzterem hat es oft das Ansehen, als wollte man es von Gott erzwingen, und wollte man es gegen den ordentlichen Verlauf, wie er nach den Umständen sein kann, beschleunigen. Damit plagt man sich viel, ohne etwas davon zu haben. Achtsamkeit auf sich selbst in allem und stetes Wandeln mit dem Herrn, dabei auch sorgsame Aufmerksamkeit auf die, für welche man betet, daß man nicht durch Fahrlässigkeit, Unklugheit, Härte, Strenge, hofmeisterliche Art ohne Freundlichkeit und Schonung mehr verderbt als gut macht, sind die wirksamsten Gebete für Angehörige, wenn es alles vor Gott geschieht. Vielleicht kommt bald eine Zeit, da doch der Geist Gottes rascher und völliger Seine Sache ausrichten kann, als es bis jetzt zu sein scheint. Der Herr wird auch einmal wieder persönlicher dran gehen. Sonst tröste Er und erfülle mit Geduld und Glauben alle im Herzen über Angehörige bekümmerte Seelen! Der Herr führt es doch endlich alles herrlich hinaus, zum Seelenheil für alle, die Ihm nahegelegt werden.

Wie mit der Fürbitte es fertigbringen?

Bei den vielen Anliegen, insbesondere bei den Anliegen, die wie für andere dem Herrn kund werden lassen wollen und sollen, für Anstalten des Reiches Gottes, die unserer Fürbitte besonders nahe gelegt sind, oder für Verwandte, für Glieder der Gemeinde, für Angelegenheiten des Reiches Gottes, ist es doch schwer, die Pflicht der Fürbitte so zu üben, daß keines vergessen wird. Was für Winke können darin bezüglich der Ordnung in der Fürbitte gegeben werden? Wie machen Sie es hierin, da Sie ja für viele spezielle Fürbitten zu halten vielfach angegangen werden?

Ich stelle mich zunächst auf den Standpunkt des Fragenden. Die Anliegen, die er hat, und die er in die Fürbitte zu bringen angehalten wird, sind doch sehr verschieden. Ihrer viele laufen in einer guten, steten Ordnung fort, daß man sieht, es hat sie der rechte Mann in Händen und steht schützend und helfend über denselben, wenn sie ihm einmal fürbittend anbefohlen worden sind. Wozu denn nun die Fürbitten für sie so oft in den Mund nehmen? Wozu soll ich alle Tage das nämliche dem Herrn sagen, als ob Er es von gestern auf heute vergessen hätte? Ich muß dem Herrn, habe ich Ihm einmal etwas anbefohlen, es zutrauen können, daß Er es Sich nun auch, um menschlich zu reden, werde gesagt sein lassen. Wenn wir unsere Anliegen auf den Herrn werfen sollen, daß wir sagen können: »Nun haben wir sie auf Ihn geworfen«, dann hat Er sie und behält Er sie, und muß ich nicht tun, als hätte ich sie nicht auf Ihn geworfen. Der liebe freilich, die gerne öfters für jemand zum Herrn treibt, soll hiermit nichts verwehrt sein. Aber viele Bitten fallen doch so aus dem Kreise anderer, die ein tägliches Anliegen sind; und man muß sie herausfallen und nicht von einer sogenannten Pflicht sich beschweren lassen. Meine Angst, daß ich ja nichts vergessen möchte, zeugt jedenfalls mehr von Unglauben als von Glauben.

Sodann gibt es andere Anliegen, wenn etwas Wichtiges in der Entwicklung begriffen ist, wenn eine große Gefahr, welche über jemandem längere Zeit schwebt, eine große Trübsal da ist, aus welcher wir und andere sollten herausgehoben werden, und manches mehr, da treibt es von selbst täglich, ja stündlich, ein Wörtlein mit dem Herrn über das Vorliegende zu reden. Öfteres förmliches Beten kann da nötig sein, weil eine Gnade gleichsam herausgebettelt werden muß, wenn Gott Gründe hat, nicht zu erhören oder mit der Erhörung zu zögern, und wir dann unverschämt gegen Ihn zu sein uns erlauben, wie jener, welchem Gäste ins Haus gekommen sind, um Mitternacht seinem Freunde keine Ruhe läßt, bis er ihm drei Brote gegeben hat. Solcher Anliegen gibt es je und je; und da ist es begreiflich, daß man die Fürbitte nicht spärlich tut, sondern sie immer wieder erneuern muß, wiewohl ein Kind Gottes auch da Maß zu halten versteht, daß es nicht in ein übertriebenes, kleingläubiges Sorgen ausartet.

Ich muß aber doch noch von einem scheinbar anderen Standpunkte aus reden. Mir kommt es nicht nötig vor, daß alles immer wieder mit Worten vor dem Herrn soll ausgesprochen werden. Der Geist kann auch ohne Worte bitten. Das Auge, das ich zum Herrn erhebe, trägt eine Bitte hinauf ohne Worte. Ja, jeder stille Gedanke, der nicht in Worte gefaßt wird, kann eine Bitte und Fürbitte enthalten. Weil ich jedoch so bestimmt gefragt werde, wie ich es meinerseits mache, so will ich noch einiges weitere sagen, denen zu lieb, die etwa, wie der Fragesteller, in gleicher Weise beunruhigt werden. Befiehlt mir jemand etwas, namentlich sich selbst oder Angehörige, in die Fürbitte an, so gebe ich ihm, wenn die Unterredung darüber fertig ist, in der Regel, wenigstens wenn es auf meinem Zimmer ist, die Hand, und bete gleich, entweder still ohne Worte, oder mit ganz wenigen Worten, ganz zwanglos, zum Herrn, je nachdem die Umstände, in denen ich bin, es erlauben. Hiemit habe ich es angesichts des Bittenden fürbittend und gemeinschaftlich mit ihm dem Herrn vorgetragen; und das muß zunächst gelten. In der Folge fällt es mir immer wieder ein, namentlich wenn das Anliegen ein bewegliches war; und jeder Gedanke an Personen, die auf meine Fürbitte rechnen, ist, — wenigstens übe ich mich darin, — mit einem fürbittenden Blick nach oben begleitet. Bekomme ich Briefe, deren es viele, oft an die 20 an einem Tage, sind, jeder mit einem anderen Anliegen, so lese ich sie als vor dem Herrn, mit einem Blick zu Ihm, mehr oder weniger intensiv, je nach dem Inhalt, und das muß genügen. Ich erfahre es auch, daß solche Augenblicke allein schon den Betreffenden Erleichterungen und Erhörungen von größerer oder geringerer Bedeutung bringen. Sonst wird auch wieder jeder Gedanke nachher an diese Korrespondenten eine Fürbitte zum Herrn bei mir.

In meinem besonderen Gebete für mich nenne ich das einzelne selten, mich darauf berufend, daß der Herr alles wisse, what ich Ihm mit fürbittender Teilnahme anbefohlen hätte, und Ihn bittend, auch ferner aller, als in Sein Buch geschrieben, zu gedenken. Warum soll solches nicht genügen? Ich muß doch vorsichtig sein, daß ich aus dem Heiland nicht zu wenig mache. Wirkung aber kann eine solche allgemeine Fürbitte auf jeden haben, der sich in diese Fürbitte von sich, aus, und sei es auch aus der Ferne, hereindenkt. Wer freilich mit der Zeit aus der Gemeinschaft kommt mit dem, der Fürbitte tut, wird wenig Wirkung ferner erfahren. Doch ist der Herr freundlich, und Seine Güte, einmal kundgeworden, »währet ewiglich«, wenn sie nicht mutwillig gestört wird.

So ungefähr habe ich es. Wenn ich auch noch viel dazu sagen könnte, so meine ich, sei es nicht nötig, und der Fragesteller werde genug daran haben, um es sich zu erleichtern. Gott gebe nur, daß unser Geist in stetem Verkehr mit dem Herrn verbleibe, unter der Fürsorge für alle, unter denen wir leben.

Vom Beten für Verstorbene

Ich bitte um Aufklärung über Neh 9,2.3. Mir wurde es nämlich Bedürfnis, für meine Eltern und Voreltern zu beten. Brüder aber sagen, ich solle das unterlassen, weil ich mit jenen Geistern zu tun bekommen könnte. Da berief ich mich auf obige Stelle, von der sie aber nichts wissen wollen.

Laß du nur das Beten für die Väter liegen, denn wir haben keine Schriftstelle dafür, daß es recht sei. Du weißt ja schon gar nicht, wie es mit den Verstorbenen steht; und das ist richtig, daß man sich durch solche Fürbitte dem schädlichen Einfluß der Totenwelt aussetzt. Denke jedes vorerst an seine Sünde, daß die nicht möge mit hinübergehen; und dann haben wir für die Lebenden zu bitten. Damit aber werden wir so bald nicht fertig werden. Die Toten sind in der Hand des Herrn; und trösten wir uns dessen, daß der Name des Herrn ist (2 Mose 34,6): »Barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue.«

Bitte um Vergebung der Sünden

Lieber Herr Pfarrer! Ich möchte Sie bitten, daß mir der Heiland meine Sünden verzeihen möge. Ich habe gar keine Ruhe, es liegt immer so arg schwer auf mir, namentlich, wenn ich in die Kirche komme oder in die Stunde. Dann ist es so bei mir, daß ich gar keine Gedanken habe. Ich bringe gar keine Gedanken zusammen, daß ich etwas von der Predigt genießen kann. Ich gebe mir immer alle Mühe, meine Gedanken beieinander zu halten, aber ich bring es nicht so weit. Das ist mir so leid, lieber Herr Pfarrer; wenn ich nur einmal überwunden hätte!

Werte Frau! Sie bitten mich, daß Ihnen der Heiland Ihre Sünden vergeben möge. Da bitten Sie mich aber wahrscheinlich um etwas, das schon längst geschehen ist. Ihr Brief zeigt mir, daß Sie doch von einer Buße etwas wissen; und der Glaube an Jesum, den Versühner der Sünden, steht Ihnen auch nicht ferne. Buße und Glauben aber machen es aus, Vergebung der Sünden zu empfangen. Wenn denn nicht ein besonderer Druck auf Ihrem Gewissen liegt, welches ich nicht glaube, weil Sie sonst davon etwas gesagt hätten, so dürfen Sie sich gewiß als in der Gnade Gottes und in der Vergebung der Sünden stehend denken. Wie Sie es glauben, werden Sie es auch empfinden; wenn Sie es aber eben nicht glauben, fühlen Sie es auch nicht, daß ein lieber Heiland sei, der allen Verlangenden die Sünden vergebe. Um das nun will ich für Sie beten, daß Sie Mut bekommen, es zu glauben. Sonst aber machen Sie doch, daß Sie fertig darin werden. Denn es ist ein seltsam Ding, Tag für Tag um Vergebung der Sünden zu bitten, als ob sie nie da wäre und eigentlich auch mit allem Bitten nie erlangt werden könne. Das heißt aus dem Evangelium eine Langeweile machen.

Wenn Sie keine Gedanken zusammenbringen können in der Kirche und in der Versammlung, so suchen Sie nur ein einziges Wörtlein, das Sie hören, zu packen und festzuhalten, sei es, daß Sie das andere darob verlieren. Schweifen Sie nicht am Ganzen herum, das Sie doch nicht wie in eine Nußschale zusammenbringen können. Ein einziges geistliches Wort, besonders aus der Schrift, enthält schon alles, was Sie brauchen; und halten Sie es fest, so haben Sie doch wenigstens das gewiß. Über dem aber, daß Sie die Gedanken nicht zusammenbringen, grämen Sie sich nicht. Je mehr Sie die Gedanken zusammenbringen wollen, desto mehr vergehen Ihnen alle Gedanken. Gott gebe, daß das jedesmalige Wort Sie tröste, aufrichte und fördere! Das tut es, wenn Sie es nur haben und behalten.

Quelle: Johann Christoph Blumhardt, Seelsorge, hrsg. v. Otto Bruder, München-Hamburg: Siebenstern, 1968, S. 17-41.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar