Christian Dietrich, Predigt zu Galater 5,1 zum Tag der Deutschen Einheit: „Vielleicht gehen wir deshalb heute Abend in das neue Jahr der Deutschen Einheit auch etwas trotzig. Vielleicht tragen wir nicht die Tora durch die Straßen, wie unsere jüdischen Schwestern und Brüder zu Simchat Tora. Sie tun es, ohne zu wissen, wie lange ihnen die Straßen noch offen sind. Ja, wir gehen in das neue Jahr der Deutschen Einheit hoffnungstrotzig – mit einer Haltung, vielleicht so ähnlich wie unsere polnischen Nachbarn: Noch ist Deutschland nicht verloren! Oder in unserer christlichen Perspektive: Noch ist diese Welt nicht verloren. Denn unsere Freiheit hängt nicht daran, dass wir alles unter Kontrolle haben. Sie hängt an Christus.“

Predigt zu Galater 5,1 zum Tag der Deutschen Einheit,
gehalten am 2. Oktober 2026 in der Vesper in der Michaeliskirche in Erfurt

Von Pfarrer Christian Dietrich, Klettbach

Liebe Erfurter und Gäste, die mit uns die Deutsche Einheit feiern,

stellen Sie sich vor: Es ist die Nacht zum 3. Oktober 1990. Null Uhr, Feuerwerk in Leipzig – ein neues Zeitalter beginnt. Ich sitze oben im Turmgeschoss des Neuen Rathauses. Vor mir das Mikrofon, unter mir die Lichter der Stadt. Und im Radio soll ich den Hörern erklären, was ich ganz persönlich mit der Deutschen Einheit verbinde. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte, und hoffe auf das Rundfunkarchiv.

Das Thema deutsche Rechtseinheit hatte mich damals schon mehr als ein Jahrzehnt auf Trab gehalten. Das Drama der Teilung war in meiner Familie virulent. SED-Herrschaft und Mauerbau hatten in meiner Familie Menschenleben gekostet, und 20 Jahre nach dem Mauerbau hat mein Vater seine Position völlig geändert. Von „Hier hat Gott mich hingestellt, hier muss ich mich bewähren“ verwandelte sie sich zu „Hier ist nichts mehr zu retten, ich will nur noch weg aus dieser Diktatur“. Meine Mutter hatte schon immer, solange ich denken konnte, so gedacht. Ihre Koffer waren eigentlich immer gepackt. So stellten wir 1982 bzw. 1983 den Ausreiseantrag.

Und dann komme ich. Nachdem Anwälte auf beiden Seiten der Grenze sich meiner Familie ohne Erfolg angenommen hatten, nahm ich 1985 meinen Ausreiseantrag zurück. Ich erklärte damals meiner fassungslosen Familie: „Ich bin gegen Familientrennung. Aber ich bin fest überzeugt: Die deutsche Teilung endet in Kürze.“ Manche hielten mich vermutlich für verrückt. Aber ich war mir sicher, das Ende der Teilung werde ich erleben. Ermutigt worden war ich von Freunden der tschechoslowakischen Charta 77. Sie hatten mit ihrem Prager Appell klargemacht: Es gibt keinen Frieden ohne die Freiheit Mitteleuropas, und das wiederum ist zuerst Deutsche Einheit. Und die wird bald kommen.

Nun, sie kam tatsächlich. Vor 36 Jahren durfte dieses geeinte Deutschland starten – nach freien Wahlen der Selbstdemokratisierung Ostdeutschlands und dem klaren Ja zur Rechtseinheit auf der Grundlage des Grundgesetzes. Ich habe erhebende Erinnerungen an diese Tage. Aber eine Erinnerung ist mir mindestens genauso nah. In diesem historischen Trubel sagte meine Frau zu mir: „Christian, ich bin schwanger!“ Unser erstes Kind kündigte sich an. Neues Leben. Neue Freiheit. Neues Land. Es war alles auf Anfang.

Vielleicht erinnern sich deshalb so viele Menschen gerne an diese Monate zurück. Freiheit war körperlich zu spüren. Neben der Familie schufen wir neue Institutionen, entstanden neue Firmen, entdeckten wir die Welt, die uns verschlossen war …

Aber was ist Freiheit eigentlich? Freiheit – eines der großen Worte unserer Zeit. Wir denken an Freiheit von Zwang, Unterdrückung und Bevormundung. Wir denken daran, unser Leben selbst bestimmen zu können. Wir denken an die Freiheit des Handelns und Wirtschaftens, des Kommunizierens und Reisens. Und wir wissen zugleich: Freiheit braucht Recht. Ein freiheitlicher Staat muss die Rechte und Freiheiten von Minderheiten auch gegen die Mehrheit schützen. Gerade hier in Ostdeutschland wissen wir, wie schmerzlich das Spannungsverhältnis von Demokratie und Freiheit sein kann.

Aber als Christen haben wir noch eine andere Perspektive. Eine, die allen politischen und rechtlichen Ordnungen vorausliegt. Wir nennen sie Christus. Und deshalb hören wir heute Abend ein Wort, das mir vor mehr als einem Vierteljahrhundert bei meiner Ordination zugesprochen wurde: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Galater 5,1. Es ist der Monatsspruch Oktober 2026: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“

Das klingt erst einmal wunderbar. Aber Vorsicht! Diese Freiheit ist nicht libertär. Sie bedeutet nicht Beziehungslosigkeit. Sie bedeutet nicht: „Ich mache einfach, was ich will.“ Im Vertrauen auf Christus bin ich vielmehr frei von dem Zwang, mich selbst rechtfertigen zu müssen. Ich muss mich nicht selbst erlösen. Ich muss nicht ständig beweisen, dass ich etwas wert bin. Ich muss nicht perfekt sein – vielleicht eine der großen Knechtschaften unserer Zeit.

Martin Luther hat einmal von der „in sich selbst verkrümmten Seele“ gesprochen – incurvatus in se. Eine Seele, die nicht mehr hören kann. Nicht wirklich auf andere. Nicht auf Gott. Sie ist immer nur bei sich selbst. Das klingt erstaunlich modern. Denn unser ganzes Leben scheint manchmal auf einem riesigen Touchscreen stattzufinden, auf dem ständig neue Nachrichten stehen: Du musst kreativ sein! Du musst achtsam sein! Du musst erfolgreich sein! Du musst dich verwirklichen! Du musst irgendetwas sein! Du, du, du! Ein permanenter Optimierungsdruck. Aber du wirst nicht glücklich, wenn da draußen nichts ist, was dich anruft.

Freiheit heißt christlich deshalb nicht: Ich brauche niemanden. Freiheit heißt: Ich darf mich an jemanden binden, ohne mich darin zu verlieren. Ich darf Gott vertrauen. Ich darf andere Menschen lieben. Ich darf Verantwortung übernehmen. Und ich darf dabei sogar Fehler machen. Das ist eine erstaunlich große Freiheit.

Paulus nennt das, wovon Christus uns befreit, „Joch der Knechtschaft“. Dieses Joch begegnet uns heute als ideologische Verbissenheit, als moralischer Rechtfertigungsdruck, als lähmende Zukunftsangst. Wenn gesellschaftliche Debatten so geführt werden, als hänge das Heil oder der Untergang der Welt davon ab, dass alle dieselbe politische Meinung vertreten, dann entsteht eine neue Knechtschaft. Und – das ist nicht wohlfeil: Keine Partei ist Trägerin der Erlösung. Und keine politische Bewegung kann uns die letzte Sicherheit geben.

Nun aber noch ein zweiter Gedanke: Freiheit ist keine Einladung zur Verantwortungsflucht. Ludwig Erhard hat das einmal drastisch formuliert. Wenn die Sucht nach dem Staat und die Flucht vor der Eigenverantwortung um sich greifen, schlittern wir in eine Ordnung, „in der jeder die Hand in der Tasche des anderen hat“.

Ich kenne einen engagierten Bürger. Er ist nicht in der Kirche, geht im eigenen Dorf eigentlich nie zum Gottesdienst, aber gerne einmal im Nachbardorf. Trotzdem kümmert er sich rührend um die Belange von Kirche und Kirchhof und trägt auch Gemeindebriefe aus. Auf meine Frage, warum er nicht mehr Kirchenmitglied ist, war seine Begründung entwaffnend einfach: „Ich bin nicht in der Kirche. Ich trage keine Verantwortung.“ Ich mag diesen Mann. Doch sein Satz markiert eine tiefe Krise. Er zeigt unfreiwillig, worum es geht: Eine Gesellschaft lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen – auch dort, wo sie nicht dazu verpflichtet sind. Wenn die Zivilgesellschaft schwach wird, fehlen die schützenden Netzwerke für diejenigen, die Verantwortung übernehmen. Und dann wird es irgendwann unerquicklich: Verantwortungsträger werden abgewertet, ausgegrenzt oder schikaniert.

Freiheit braucht Menschen, die etwas tragen. Das hat auch Ernst-Wolfgang Böckenförde beschrieben. Sein berühmter Satz lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Ein nahezu paradoxer Satz. Der Staat lebt von etwas, das er selbst nicht herstellen kann. Er darf seinen Bürgern nicht vorschreiben, was sie glauben oder welche Werte sie haben müssen. Täte er es, wäre er nicht mehr freiheitlich. Aber wenn Menschen sich überhaupt nicht mehr für das Gemeinwohl interessieren, wenn jeder nur noch fragt: „Was habe ich davon?“, dann gerät genau diese Freiheit unter die Räder. Das ist das große Wagnis der Freiheit. Sie kann nicht garantiert werden. Sie muss gelebt werden.

Für mich steht dafür die Formel: „Würde statt Willkür.“ Ein freiheitlicher Staat kann nur bestehen, wenn Menschen ihre Freiheit nicht nur für sich selbst beanspruchen, sondern auch für andere. Wenn sie konfliktfähig sind. Wenn sie streiten können, ohne einander die Würde abzusprechen. Wenn sie Verantwortung für andere und für Gemeinde, Kommune, Staat … übernehmen.

Und jetzt kommt das christliche Paradoxon. Während Paulus von Freiheit redet, spricht Jesus vom Joch. Paulus sagt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Und Jesus sagt: „Nehmet auf euch mein Joch.“ Wie bitte? Erst befreit uns Christus – und dann gibt er uns ein Joch? Ja. Aber vielleicht müssen wir genauer hinhören. Im griechischen Urtext steht für dieses „Zusammenfügen“ unter ein Joch dasselbe Wort wie im bekannten Trauspruch: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ Das Joch Christi ist also kein Sklavenwerkzeug. Es ist ein Bild für eine Lebensgemeinschaft. Für ein Zusammengehören. Für Wahrhaftigkeit und Treue.

Der scheinbare Widerspruch macht Sinn: Christliche Freiheit bedeutet nicht, dass ich an nichts gebunden bin. Sie bedeutet, dass ich mich an das Gute binden darf. An Christus. An die Liebe. An die Wahrheit. An die Menschen, die mir anvertraut sind. Wer an der Liebe berauscht ist, dem wird das Joch der Treue nicht zu schwer. In Lebensgemeinschaft wird manches leichter. Statt Angst kommt Frieden. Statt Verzweiflung Zuversicht. Statt der ewigen Frage „Bin ich gut genug?“ kommt die Zusage: „Du bist angenommen.“

Ich verstehe mein Pfarr-Amt deshalb als eine Art Leichtigkeitsbeauftragter. Das Joch Christi ist sanft und leicht. Aber niemand kann leichtfüßig über Zuversicht reden. Denn dann kommt das Leben. Und das Leben hält sich nicht an unsere Predigten. Ich misstraue dem politischen Aktionismus, wenn es heißt: „Wir werden alles tun, damit dieses oder jenes niemals wieder passiert.“ Wir können alles tun. Und es kann trotzdem geschehen. Es gibt keine Sicherheit auf Erden. Wer sie verspricht, hofft nur, dass niemand das Kleingedruckte liest.

Deshalb ist christliche Zuversicht etwas anderes als Optimismus. Zuversicht heißt nicht: Es wird schon alles gut gehen. Zuversicht heißt: Ich weiß nicht, wie es ausgeht – aber ich glaube nicht, dass die Verzweiflung das letzte Wort hat. Das ist ein großer Unterschied. Nicht einmal der Tod ist sicher vor dem Ostermorgen. Am Kreuz hat Christus gerufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wer käme auf die Idee, sich daneben zu stellen und ihm zuzurufen: „Sei doch ein bisschen zuversichtlicher!“ Es gibt Zeiten, da kann man nur schweigen. Klagen. Weinen. Oder sich schlicht in den Arm nehmen.

Zuversicht gibt es manchmal nur im Widerspruch zur erlebten Wirklichkeit. Wir sehen kein Land. Aber wir setzen darauf, dass wir eben noch nicht alles sehen. Wir leisten uns den Zweifel daran, dass die Verzweiflung das letzte Wort hat. Und vielleicht ist das die tiefste Form christlicher Freiheit: Ich muss nicht so tun, als hätte ich das Leben im Griff. Ich darf Angst haben. Ich darf zweifeln. Ich darf klagen. Doch Gottes Geist ist nicht klein. Ich darf trotzdem hoffen. Zuversicht heißt: an einen Gott zu glauben, gerade da, wo er uns am meisten fehlt. Und wer das nicht kann, dem komme ich mit Wolf Biermann: „Wer Hoffnung predigt, ja der lügt. Doch wer die Hoffnung tötet, ist ein Schweinehund.“

Vorhin habe ich von der Nacht zum 3. Oktober 1990 erzählt. In der Nacht zum 3. Oktober 1989 war die Freiheit noch nicht da. Ich bin am 2. Oktober aus dem Zug in Bad Schandau auf dem Weg zur Fidesz-Gründung geholt worden. Mitternacht war ich gerade einem Transport nach Bautzen entkommen. Welche Freiheiten kommen sollten, konnten wir damals noch nicht sehen. Aber manche haben schon auf sie vertraut. Ein Jahr später galt das Grundgesetz auch in Bad Schandau oder Erfurt.

Heute wissen wir: Auch diese Freiheit ist nicht fertig. Sie bleibt eine Aufgabe. Eine politische, eine gesellschaftliche und eine persönliche. Vielleicht gilt das auch für unseren Glauben. Wir sind frei – und müssen diese Freiheit immer wieder lernen. Wir sind verantwortlich – und müssen diese Verantwortung immer wieder neu buchstabieren. Wir sind gebunden – aber nicht an Angst, Ideologie oder Selbstrechtfertigung. Wir sind gebunden an Christus. An seine Liebe. An seine Wahrheit. An die Hoffnung.

Vielleicht gehen wir deshalb heute Abend in das neue Jahr der Deutschen Einheit auch etwas trotzig. Vielleicht tragen wir nicht die Tora durch die Straßen, wie unsere jüdischen Schwestern und Brüder zu Simchat Tora. Sie tun es, ohne zu wissen, wie lange ihnen die Straßen noch offen sind. Ja, wir gehen in das neue Jahr der Deutschen Einheit hoffnungstrotzig – mit einer Haltung, vielleicht so ähnlich wie unsere polnischen Nachbarn: Noch ist Deutschland nicht verloren! Oder in unserer christlichen Perspektive: Noch ist diese Welt nicht verloren. Denn unsere Freiheit hängt nicht daran, dass wir alles unter Kontrolle haben. Sie hängt an Christus.

Und so stehen wir in einer unglaublichen Joch-Gemeinschaft: In Christus seid ihr frei. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe. Amen.

Hier die Predigt als pdf.

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