Predigtmeditation zu Matthäus 15,21–28 (1954)
Von Hans Joachim Iwand
Es ist bekannt, daß Luther gerade über dieses Evangelium besonders tief und eindrucksvoll gepredigt hat. Er hat übrigens darin einen Vorgänger in Johannes Lavier, dem genau wie Luther „dis arme wip“ ein Beispiel dafür ist, wie Gott den Menschen durch „grundelose bandekeit“, das heißt abgründige Angst und Not, frei macht von sich und bereitet zu einem wahren und echten Gefäß seines Geistes (Lavier, Predigten). Luther findet hier „angezeiget die rechtschaffene art des glaubens“, und das darum, weil „derselbige glaube nicht kan erkand nach gespüret werden, er werde denn versucht und angefochten mit großen püffen und kempffen“ (W. A. 21; 107, 18 ff.). Die Begegnung der Frau mit Jesus ist die Anfechtung ihres Glaubens, aber wie sie die Anfechtung überwindet und ihren Glauben an den Herrn bewährt, darin ist sie ein Exempel aller, die zum Glauben an Gott kommen wollen, „denn wie es hie diesem weibe gehet, also muß es allen gehen, die den glauben haben“ (ebd. 116, 31). Ihre eigene Not und das „gut geschrey von dem Herrn Christo“ – Luther bezieht sich hier auf Mark. 7, 25 „ein Weib hatte von ihm gehört“! – haben sie zu Jesus getrieben, aber nun, da sie ihm begegnet, stellt er sich ganz anders, als sie es von ihm gehört hat. Jesus ist taub für sie, ja mehr noch, er sagt ihr rund heraus, er sei nicht für Leute ihres Schlages da. „Damit ist angezeygt, wie unser Hertz stehet ynn der anfechtung. wie sich’s fület, so stellet sich hie Christus. Es meynet nicht anders, es sey eytel neyn da und ist doch nicht war. Drumb mus sichs von solchem fülen keren und das tieffe heymliche Ja unter und über dem Neyn mit festem glauben auff Gottes wort fasten und hallten, wie dis weyblin thut, und Gott recht geben ynn seynem urteyl über uns, so haben wyr gewonnen und fangen yhn ynn seynen eygen worten“ (W. A. 17 II; 203, 29). Wer ein Glaubender werden will, der muß absehen lernen von seinem Fühlen und Empfinden, er muß das „tieffe heymliche Ja unter und über dem Neyn“ fassen und Gott recht geben in seinem Urteil über uns. Das können heißt deum iustificare, und das wiederum heißt credere.
Es muß etwas Grundsätzliches zu dieser Form der Auslegung gesagt werden: wenn damit der rechtfertigende Glaube zum Thema der Predigt gemacht wird, dann nicht im lehrhaften, sondern im seelsorgerlichen Sinne. Die Stadien der Anfechtung werden beschrieben, „dises weyblins kunst“ wird uns Trost und Hoffnung. Damit wird zugleich der Sinn dieser „Wunder“geschichte deutlich. Das Wunder besteht nicht in der Heilung, sondern in diesem „großen Glauben“ (V. 28). Dieser muß als das wunderbare deutlich werden, die Hörer müssen von dem äußeren Geschehen zu diesem inneren Vorgang herübergezogen werden, denn von hier aus wird auch das äußere Geschehen regiert (vgl. Matth. 17, 20; 21, 21 f.). Denn der Mensch muß zuvor arm werden in sich, damit er reich werden kann in Gott. Die Erhörung dieser Frau – „dir geschehe, wie du willst“ – ist der Preis der Demut. Videte, quemadmodum humilitas commendata est (Augustin). Wer also zu diesem Text Betrachtungen anstelle über die Möglichkeit von Wundern, über das Verhältnis von Juden und Heiden, über den Sinn der Messianität Jesu usf., wie das oft geschieht, der sehe sich vor, daß er nicht in die Luft streicht. Denn das Ziel dieses Evangeliums liegt darin, den Weg des Glaubens in der Anfechtung aufzuzeigen, so, daß der Hörer sich darin auch in seiner Not versteht – und nicht verzweifelt. Darin liegt die innere Beziehung unserer Perikope zum Kreuz.
Das Bedeutsame an unserm Text ist das Gespräch. In ihm liegt die Bewegung, der wir folgen müssen. Sie verläuft nach dem Wort: „Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus.“ Das Bitten dieser Frau ist ein Beispiel für das „unverschämte Geilen“, dem Jesus die Erhörung zugesagt hat. Sie ist getrieben von Not und Hoffnung; die Krankheit ihrer Tochter (V. 22) und die Kunde, daß Jesus hilft und helfen kann (Mark. 7, 25), treiben sie vorwärts. Sie will auch zu denen gehören, für die der Heiland in die Welt gekommen ist. Das ist ihr „großer Glaube“ (Gegenstück: O ihr Kleingläubigen“, Matth. 8, 26; 14, 31; 17, 20). Es geht ihr um das „Für mich“. Darum muß dies pro me auch im Zentrum unsrer Verkündigung stehen. Denn ohne dies „Für mich“ ist der Glaube leer, unkräftig. Igitur illud, pro Me, seu pro nobis, si creditur, facit istam veram fidem et secernit ab omni alia fide, quae res tantum gestas audit (Luther). Das ist der Unterschied zwischen lebendigem Glauben und toter Orthodoxie. Soweit es sich um die Worte und Begriffe handelt, gleichen sich beide auf ein Haar, aber in der Anfechtung wird offenbar, was falscher und was echter Glaube ist.
V. 22. Vielleicht liegt schon in dem ersten Wort der Frau etwas von dieser Spannung. Der Titel „Davids Sohn“ erinnert an die alttestamentliche Verheißung (Jer. 23, 17; Ez. 34, 22). Jesus wird damit als der Messias angesprochen. Und doch ruft sie, die Heidin, ihn an um sein Erbarmen. In Wahrheit versteht sie damit den Christus ganz recht, denn die Ausbreitung der Gottesherrschaft unter den Heiden gehört ja zu den prophetischen Verheißungen der messianischen Zeit (Jes. 42, 6; 65, 1; Sach. 8, 22 f.), aber ihr Ruf hat Sitte und Gewohnheit wider sich, ganz ähnlich wie die Bitte des Hauptmanns von Kapernaum (Matth. 8, 5 ff.). In dieser isolierten, ungewöhnlichen Situation liegt die erste Stufe der Anfechtung.
V. 23. Nun folgt die erste Enttäuschung. Jesus gönnt ihr „kein Wort“. Das Schweigen Gottes ist die Anfechtung des Betens (Ps. 28, 1; 83, 2). So wie Hören Rettung bedeutet, so bedeutet Schweigen Verwerfung. Christus „stellet sich so unfreundlich gegen sie, das er yhr auch nicht ein wort zuspricht, was wirt wol dis weib allhie für ein puff an yhrem hertzen erlitten haben;“ (Luther.) So handelt Gott mit allen, die sich ihm nahen, non ut misericordia negaretur, sed ut desiderium accenderetur (Augustin). An dem Eingreifen der Jünger wird deutlich, daß die Frau sich nicht abschütteln läßt. Bitten die Jünger für sie oder fällt sie ihnen durch ihr Geschrei lästig, wollen sie, daß Jesus sie „abfertige“ (Schniewind)? Ob es Ungeduld oder Mitleid ist, es vermehrt nur die Anfechtung. Aller Menschen Hilfe, „ja auch der heiligen Fürbitte“ muß hier abfallen. Die Anfechtung isoliert den Menschen.
V. 24. Nun sagt Jesus sein erstes Nein. Sehr schön sagt Bengel hierzu, die Selbstbeschränkung Jesu dürfe nicht verstanden werden de officio toto mediatorio, sed de praedestinatione et miraculis. Das scheint mir treffender als was Schlatter darüber sagt, der von der „in Gott begründeten Trennung von Israel und den Völkern“ ausgeht. Schniewind sagt im Anschluß an Matth. 10, 5, daß die Sammlung der „verlorenen Schafe vom Hause Israel“ der Erleuchtung der Heidenwelt vorangehen muß. Jesus hält sich also in seiner „Sendung“ an die Ordnung der Verheißung. Er gehorcht hier nicht der Schöpfungsordnung – was für Exkurse kann man gerade bei diesem Vers nach dieser Richtung hin hören! – sondern der Erlösungsordnung. Ad gentes Christus non missus est, sed misit (Augustin).
V. 25. Für die Frau bedeutet aber dies Wort Jesu das ausdrückliche Nein. Sie gehört nicht dazu. Aber sie erkennt das nicht an, sie läuft nicht mehr hinter dem Herrn her, sondern wirft sich vor seine Füße. Alles, was sie zu sagen weiß, ist der Schrei aus letzter Not: „Herr, hilf mir“. Je größer die Not, desto kürzer das Gebet. Da wird dann nicht mehr geplappert, sondern geschrieen. Das ist des Glaubens Antwort auf das Nein Jesu – er kann’s nicht glauben, daß er nicht zu den Verlorenen gehören soll, für die Jesus gesandt ist. Denn die Verlorenen halten sich für erwählt, aber die Erwählten für verloren.
V. 26. Nun öffnet sich die tiefste Tiefe der Anfechtung. Jesus spricht das Wort von den Kindern und den Hunden zu ihr. Das Brot – vielleicht ist an das Lebensbrot gedacht (vgl. auch die folgende Geschichte 29–39!) – gehört den Kindern, nicht den Hunden. Hierin liegt nicht nur eine erneute Abweisung, sondern eine große Demütigung. Luther vergleicht dies mit den Anfechtungen betr. der Vorsehung Gottes, wer da meint, er sei verworfen vor Gott, der steht da, wo dies Weib in diesem Augenblick steht.
V. 27. Der tiefsten Tiefe der Anfechtung entspricht die wunderbarste Kraft des Glaubens. Er „fängt Jesus in seinen Worten“. In dem „Ja, Herr, aber doch“ liegt seine große Kraft, er beugt sich unter Gottes Urteil, aber er zerbricht darunter nicht, sondern hält sich an die Hoffnung und das wider allen Augenschein. Das ist die „getroste Verzweiflung“. Das ist die Not, in der uns der „Geist vertritt mit unaussprechlichem Seufzen“. Die Frau demütigt sich bis in den Staub, sie gibt Gott recht – sagt ja, wo alles natürliche Empfinden des Menschen sich empört – aber sie ergreift zugleich damit das Ja unter dem Nein des Herrn: sie bittet um die Brosamen, die vom Tische fallen. „Um dieses Wortes willen“ (Mark. 7, 29) wird sie erhört. Dem opus alienum Dei folgt das opus proprium.
V. 28. Der Herr redet sie an: „O Weib!“ Nein, sie ist kein Hund, sie darf vor ihm stehen als der Mensch, der durch die Hölle der Anfechtung gegangen ist. Aber mehr noch, er stellt sie heraus als die wahrhaft Glaubende – und mehr noch: was sie nicht aufhörte zu glauben, was sie nicht losgelassen hat, selbst mitten in der Nacht der Verzweiflung, das liegt auf einmal als Geschenk in ihrem Schoß: „Dir geschehe, wie du willst“. Der Dämon, der ihre Tochter bezaubert hat, ist gewichen. Im Glauben hat sie sie neu geschenkt erhalten (vgl. Joh. 16, 21).
Ursprünglich erschienen in: Georg Eichholz, Herr, tue meine Lippen auf. Eine Predigthilfe, Bd. 1: Die altkirchlichen Evangelien, Wuppertal-Barmen: Emil Müller 71964, S. 97–101.
Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen. Zweite Folge, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht o.J. [1973], S. 21–25.