Voll Zuversicht beten
Von Adolf Sommerauer
Einem betenden Menschen darf man nicht ins Angesicht schauen. Das ist schlimmer, als wenn man seine Nacktheit belauert. Ein betender Mensch ist so schutzlos preisgegeben, wie ihn nur Gott selbst sehen darf. Übrigens – auch das Gebet eines Kindes erfordert dieselbe Zartheit und dieselbe Ehrfurcht. Es ist schamlos, ein Kind ein Gebet aufsagen zu lassen, um sich oder anderen Leuten zu zeigen, wie weit seine Intelligenz oder seine Liebenswürdigkeit gediehen ist. Die Scham, in die sich unser Gebet verhüllt, ist keine Zimperlichkeit, sondern echte Scham. Von Jesus wissen wir, daß er oft in die Einsamkeit ging, um Gott anzureden. Als er am Ölberg vor dem bitteren Kelch zitterte, mußte immer noch die Weite eines Steinwurfs zwischen ihm und den Jüngern sein, obgleich er deren Nähe brauchte. Über das Gebet zu sprechen ist also ein gefährliches Unternehmen.
Niemand muß für das Beten Propaganda machen. Niemand muß die Menschen auffordern, daß sie ihre Nöte Gott sagen. Sie tun es von selbst. Sie tun es fast alle. Auch diejenigen tun es, die behaupten, es habe keinen Sinn. Es fehlt nicht an Rechtfertigung und Erklärung für dieses sonderbare Verhalten. Wer sich schämt, daß er so unlogisch ist, kann sich etwa so aus der Verlegenheit helfen: „Wenn es schon nichts hilft, so schadet es doch nichts! Und vielleicht kommt sogar eine Beruhigung für die Nerven dabei heraus. Wir sind ja sowieso Künstler in dem Lebensstil des ,als ob‘. Wir vergnügen uns, als ob wir von keiner Bedrohung wüßten. Warum sollen wir nicht auch beten, als ob es einen Sinn hätte?“ Ein anderer betet und betrachtet es als einen Versuch, als ein Experiment. Er möchte sachlich feststellen, was dabei passiert. Am wenigsten Gedanken und Überlegungen braucht der verzweifelte Mensch. Wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht, dann schreit er seine Angst aus sich heraus, und es hindert ihn nicht die Frage, ob es jemand hört und wer es hört.
Wenn Sie unter diesen Möglichkeiten auch Ihre eigene Haltung entdecken, wenn Sie manchmal um Hilfe rufen und diesem Ruf zugleich zutiefst mißtrauen, dann mögen Sie sich über das Wort Christi ärgern, aber überhören sollten Sie es nicht: „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.“
Offenbar hat Jesus gewußt, wie schwer wir ihm dieses Wort abnehmen werden. Er hat es nicht nur einmal, sondern oft und immer ohne Einschränkung gesagt. Deshalb ist es nicht erlaubt, an diesem Wort herumzudeuten, bis es vielleicht unsere Meinung, aber nicht mehr die Meinung Christi trifft. Es ist uns nicht erlaubt, den Inhalt oder auch nur den Klang zu verändern: „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.“ Offenbar hegt das Geheimnis dieses Versprechens in der Bedingung: Was ihr bitten werdet in meinem Namen. Das ist für uns schwer zu begreifen. Der Name Christi ist uns zu einer weitherzigen Formel geworden, die alles und nichts bedeuten kann.
In der Heiligen Schrift ist das anders. Wo Gott seinen Namen offenbart, da gibt er sein Antlitz preis. Deshalb darf man den Namen Gottes nicht mißbrauchen. Wo Petrus zum ersten Mal den Christusnamen ausspricht: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“, da wird ihm eine Macht gegeben, die kaum weniger erschreckend ist als die Macht des Gebetes: „Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben.“ Sie selbst sind an den Namen Gottes gebunden. Sie sind getauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. In dieser Taufe, in der Gott und der Mensch beim Namen genannt werden, wird unser Leben an Gott gehängt, es wird gleichsam in einem Blutkreislauf mit ihm verbunden. Ich bin nichts mehr für mich allein. Ich bete nicht mehr in der Einsamkeit – in meinen Händen faltet Christus seine Hände. Ich denke auch nicht mehr für mich allein. Alle meine Gedanken, die fröhlichen und die traurigen, treffen Christus, der mein Bruder ist, und alle seine Gedanken treffen mein Leben, auch da, wo es mir nicht bewußt ist.
Damit Ihr Gebet getrost werde, kann ich Ihnen keine Technik, keine Kunstfertigkeit verraten, ich kann Sie nur erinnern, daß Sie getauft sind in demselben Namen, in dem Sie bitten sollen. Sie sind nie verlassen. Aber natürlich fühlen Sie sich oft oder manchmal verlassen. Dann dürfen Sie Gott daran erinnern, daß Sie nicht irgend jemand sind, sondern geborgen in seinem Namen, und daß also Ihr Gebet eine Verheißung hat. Er duldet es, daß Sie ihn erinnern, obgleich er es nicht braucht. Er weiß, daß Sie dabei sich selbst erinnern, und Sie brauchen es. Unser Leben ist hineingetauft in seinen Namen. Leben ist mehr als Gedanken. Deshalb sind wir auch dort nicht allein, wo wir im großen Elend unseres Leibes oder unserer Seele keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Er ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Beten Sie in seinem Namen, solange Sie können. Wenn Sie es dann einmal nicht mehr können, wird er es für Sie tun, Christus, der Ihr Bruder ist.
Ob Sie diesen Behauptungen Ihre Trauer, Ihren Zorn oder Ihre Verachtung entgegensetzen? Niemandem ist die Versuchung unbekannt, daß er mitten im Gebet auf hören möchte, gelähmt, mutlos, weil der Weg zu weit ist, weil es ja doch nichts hilft. Was soll ich darauf sagen? Ich könnte sagen, daß es keine Statistik über die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit des Gebetes gibt, daß über die angeblich unerhörten Gebete viel leichter und protziger zu reden ist als über die erhörten Gebete, die – anders als die Vorwürfe gegen Gott – unter dem Gebot der Keuschheit und Verhütung stehen. Das alles ist richtig, aber es hilft nicht viel. Ernsthaft sagen kann ich allein, daß Christus sein Wort nicht zurückgenommen hat.
Das urmenschliche Vergnügen, recht zu behalten gegen Gott, auch wenn es auf unsere Kosten geht, würden Sie zu teuer bezahlen, wenn Sie darüber die Bereitschaft verlieren, morgen zu erfahren, was Ihnen heute noch völlig unwahrscheinlich ist. „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.“ Ob man das einem zweifelnden oder leidenden Menschen als reelle Möglichkeit anbieten darf? In der Nähe Christi wandelt sich das Gebet, weil sich das Leben wandelt. In der Nähe Christi ist das Risiko, sich auf ihn zu verlassen, nicht mehr so groß, wie es aus der Ferne scheint. Wir haben ein Gebet, in dem der Atem Christi für alle Zeiten und für alle Menschen lebendig ist: das Vaterunser. Wenn Sie Ihr Gebet durch sein Gebet ordnen lassen, dann verstehen Sie auf eine überraschend einfache und praktische Weise: in seinem Namen zu bitten.
Quelle: Adolf Sommerauer, Versuch’s mit Gott. Glaubenshilfe und Lebensrat für jede Woche, Freiburg i.Br.: Herder, 1989.