Hans Urs von Balthasar, Karl Barth zum 80. Geburtstag (1966): „Was Barth sagen wollte, und was er immer klarer und klassischer gesagt hat, ist, dass Gottes Wort in Jesus Christus der Herr des Menschen und der Welt ist, dass dieses Wort den alten Menschen zu Tode bringt, um mit seiner göttlichen Macht den neuen aus dem Grab erstehen zu lassen, dass des Menschen Heil ausschließlich – jenseits seiner selbst – in diesem heilenden Wort liegt, das der Mensch durch die Gnade des Glaubens ergreifen darf, dass das Wort Gottes, wie die Schrift und ihre Verkündigung es uns vorstellt, machtvoll genug ist, sich für den Menschen selber auszulegen und verständlich zu machen, es also den Maßstab seiner Wahrheit in sich selbst trägt und nicht darauf angewiesen ist, wenn es vom Menschen verstanden werden will, an den Maßstäben des Menschen gemessen zu werden. Indem das Wort Mensch wurde, hat es die Übersetzung des Göttlichen in weltliche Sprache selbst übernommen, es ist diese Übersetzung und als solche das zweischneidige Schwert, das den Menschen richtet und heilt.“

Karl Barth zum 80. Geburtstag

Von Hans Urs von Balthasar

Es muss für Karl Barth keine reine Freude sein, von der Höhe seines Alters aus die Entwicklung der protestantischen und auch der katholischen Theologie in unserer Zeit zu beobachten; hätte seine Höhe ihn nicht weit abgerückt von den Niederungen der Alltags- und Eintagskontroversen und ihn zum abgeklärten Weisen gemacht, so könnte ihm der Blick von oben herab recht bittere Gefühle einflößen. Im protestantischen Lager hat ihm ein Mitkämpfer seiner Jugend den Rang abgelaufen, Rudolf Bultmann, und jenen Kräften von neuem Tür und Tor geöffnet, die aus dem Feld der Theologie auszutreiben Barths entscheidendes Anliegen gewesen war. Und wenn Barth eine Zeit lang mit Freude ein paar katholische Stimmen zu hören glaubte, die von einem ähnlichen Pathos des Gotteswortes beseelt schienen wie er selbst, so müssen die vielen naturrechtlichen, soziologischen, psychologischen, die Abstände zwischen Kirche und Welt, Gotteswort und religiöser Phänomenologie so stark einebnenden Reden der Neueren, zum Teil auch des Konzils, diese kurze Freude arg vergällt haben. Ich kann mir auch nicht denken, dass er an dem durchschnittlichen Stil der ökumenischen Bewegung eine ungetrübte Freude haben kann. Was das Konzil angeht, wird er seine grimmigen Analysen des Katholizismus in den ersten Bänden der großen Dogmatik bestätigt fühlen, die die Nähe, gar die heimliche Identität des katholischen und des schleiermacherisch-liberalen Prinzips immer wieder schonungslos herausgestellt haben, und alle ökumenischen Annäherungen werden von seiner Warte aus zunächst einmal als solche zwischen diesen ohnehin vom reinen Gotteswort abgesunkenen Körperschaften erscheinen.

Bevor wir diese Perspektiven des großen alten Mannes beiseite legen – in der Meinung, Barth habe eben seine Zeit gehabt und sei nicht mehr modern –, wäre es wohl am Platze, ihnen zunächst einmal standzuhalten. Wir werden dann vielleicht mit Verwunderung entdecken, dass Barth seine Zeit eigentlich gar nicht gehabt hat. Er war einmal schrecklich modern, aber im Grunde mehr durch Äußerungen und Ansichten, die von der ungeheuren polemischen Anstrengung seines Durchbruchs zeugten, als durch die später erfolgte, positive Ausbreitung seiner Theologie. Dass Barth am «Barthianismus» der zwanziger Jahre unschuldig gewesen sei, wird man nicht behaupten können, aber es gibt hinreichend stillschweigende und sogar beredte Revokationen seiner Äußerungen der Sturm-und-Drang-Periode, dass man heute leicht unterscheiden kann zwischen dem, was Barth schon damals sagen wollte, und der Weise, wie er es gesagt hat. Was er sagen wollte, und was er immer klarer und klassischer gesagt hat, ist, dass Gottes Wort in Jesus Christus der Herr des Menschen und der Welt ist, dass dieses Wort den alten Menschen zu Tode bringt, um mit seiner göttlichen Macht den neuen aus dem Grab erstehen zu lassen, dass des Menschen Heil ausschließlich – jenseits seiner selbst – in diesem heilenden Wort liegt, das der Mensch durch die Gnade des Glaubens ergreifen darf, dass das Wort Gottes, wie die Schrift und ihre Verkündigung es uns vorstellt, machtvoll genug ist, sich für den Menschen selber auszulegen und verständlich zu machen, es also den Maßstab seiner Wahrheit in sich selbst trägt und nicht darauf angewiesen ist, wenn es vom Menschen verstanden werden will, an den Maßstäben des Menschen gemessen zu werden. Indem das Wort Mensch wurde, hat es die Übersetzung des Göttlichen in weltliche Sprache selbst übernommen, es ist diese Übersetzung und als solche das zweischneidige Schwert, das den Menschen richtet und heilt.

Betrachtet man Barths literarisches Werk – zweifellos eins der markantesten für eine künftige Geschichte der schweizerischen Literatur –, so ist es unmöglich, nicht von seinem blanken, offenen, durchsichtigen und bis in die Fingerspitzen sauberen Stil getroffen zu sein, der Stil eines vollkommen überzeugten, gewonnenen, eine große Sache verfechtenden Menschen. Aber da ist noch etwas mehr: dieser Stil strahlt, wo er in seinem Besten ist, indirekt etwas wieder von der schlichten Kraft, der fordernden Schärfe, der unverkennbaren Einmaligkeit des Wortes, dessen lebenslanger Hörer dieser Mann gewesen ist. Es ist ein objektiver Stil, der, von keinen menschlichen Einwänden, Bedenken und Bitten verführt, nur auf den Gegenstand schaut, in dem unter anderem auch der Mensch, aber eben nicht vor allem der Mensch sichtbar wird. Es ist ein konkreter Stil, weil Gott, der in Jesus Christus erscheint, das Allerkonkreteste ist, weil es in der Bibel im Grunde nicht eine einzige Abstraktion gibt und geben kann. Man vergleiche dieses christliche Reden mit dem bekümmerten, immer abstrakteren, formaleren, methodologisch verhaspelten Reden der neuen Schule, die nicht schlicht auf das Wort Gottes hört, sondern am Menschen ablesen will, wie ihm dieses Wort «bekommt», wie viel man seiner schwachen modernen Psyche von dem starken Getränk noch zumuten kann, wie sehr man es verdünnen muss, damit er ein paar Tropfen davon einzunehmen geruht; die auch selber, ganz abgesehen von ihrem Patienten, vor lauter exegetischen Vorüberlegungen und entmythologisierenden Filtern kaum noch weiß, was sie in der Bibel überhaupt hört, sich schließlich auf die Seite des Patienten schlägt (eben des «modernen Menschen»), um mit ihm zusammen das zu hören, was einem zu hören «gut tut», und so schlechthin das Maß des Menschen an das Gottes-Wort anzulegen. Wahrhaftig: Barth kann es sich leisten, zu warten, bis diese trüben Wasser sich wieder verlaufen haben. Denn von Jahr zu Jahr wird die neue Schule klarer vor die Entscheidung gestellt: entweder bestimmt der Mensch, was in der Bibel zu stehen hat (und ergänzt dann frisch-fröhlich, was nicht darin steht, zum Beispiel das neue Ethos, das aus einem evolutiven Weltbild folgt, mit unabsehbaren Konsequenzen), oder der Mensch lässt sich sagen, was Gott ihm zu sagen hat, selbst wenn er noch so wenig dabei auf seine Rechnung zu kommen meint.

Es ist erstaunlich, dass Karl Barth, der kein Fachexeget ist und mit dem Hebräischen auf Kriegsfuß steht, sich an keiner entscheidenden Stelle von den Fachexegeten hat am Zeug flicken lassen müssen. Nicht als weigerte er sich, dort, wo es tunlich ist, auf ihre Zunft zu hören, aber er vertraut als ein neutestamentlich Glaubender darauf, dass man nicht «Schriftgelehrter» zu werden braucht, um ein Recht zu haben, das Wort Gottes zu hören und es zentral richtig zu verstehen. Das war übrigens stets auch die katholische Meinung, und es wäre traurig, wenn das Idol der «Wissenschaftlichkeit» die einfachen Seelen unsicher machen würde an ihrem Recht, unmittelbar mit dem Wort Gottes umzugehen. Natürlich wird jeder dankbar die Ergebnisse exegetischer Forschung zur Kenntnis nehmen, zumal dort, wo sie das geistliche Verständnis fördern, erleichtern, vertiefen, was glücklicherweise sehr oft der Fall ist; und es gibt heute Werke genug, die dieses Förderliche in allgemein verständlicher Form zugänglich machen. Aber jeder Glaubende muss sich bewusst bleiben, dass die göttliche und die menschliche Seite des Wortes nicht adäquat trennbar sein können, dass deshalb eine Wissenschaft, die mit ihren Methoden nur die menschliche Seite ergreifen kann, notwendig ihrem Gegenstand gegenüber unwissenschaftlich wird, wenn sie das ganze Wort in den Griff zu bekommen meint, und dass dann die vorgelegten Ergebnisse, mögen sie noch so wissenschaftlich verpackt sein, schief und für den Glaubenden schmacklos sein werden.

Wir verdanken Barth ein paar große und unverlierbare Durchbrüche in den zentralen Feldern der Dogmatik. Die wichtigsten davon liegen in Gebieten, die zwischen den Kirchen nicht kontrovers sind. Ich nenne seine wunderbar ausgewogene voll-biblische Lehre von den Eigenschaften Gottes, seine «funktionale» Christologie und vor allem seine kühne, nach allen Seiten hin bedachte und abgeschirmte Erwählungslehre, die einen Markstein der gesamten Theologie bildet, hinter den man nicht mehr zurückgehen kann. Man kann sagen, dass sie in der Luft lag, dass die idealistische Theologie sie vorbereitet hat, dass sie in liberal-diffuser Ausprägung heute auch allenthalben noch in der progressistischen katholischen Theologie herumgeistert. Aber die klassisch-biblische Form, die sie in der «Kirchlichen Dogmatik» (II/2) gewonnen hat, ist weit und breit einzig dastehend. Sie schließt eine Epoche der Theologie ab, die mit der Prädestinationslehre Augustins begann und in die als Höhepunkte Calvin und Jansenius hineinfielen. Die Erwählungslehre Barths ist ein aggiornamento größten Stils, und deshalb so vorbildlich, weil sie aus Verengungen hinaus dadurch ins Weite führt, dass sie ins Herz der biblischen Offenbarung zurückkehrt.

Dass Barth ein unbequemer Partner im ökumenischen Gespräch sein kann, ist bekannt und soll nicht verschwiegen werden. Man kann aber stets sicher sein, dass seine Einwände zentral und alles Bedenkens wert sind. Oft wird es so sein, dass die einfachen Linien oder Alternativen, die er zieht und vorschlägt, angesichts der komplexeren Wirklichkeit (die darzustellen weniger einfach und vorteilhaft ist) doch einer Korrektur bedürfen. Aber nicht selten sieht Barth die andere Seite dann selber ein und versucht ihr an einer anderen Stelle seines Systems Geltung zu verschaffen. Damit kann er teilweise Korrekturen anbringen, die aber nicht in jedem Fall durchgreifend genug sind. So erhält seine schroffe Leugnung jeder natürlichen Gotteserkenntnis (und damit der Existenz jeder Philosophie, die etwas Pertinentes über den wahren Gott aussagen könnte) eine erhebliche Abschwächung in der Anthropologie, die die ganze «Natur» des Menschen als ausgerichtet auf das Hören des Wortes Gottes darstellt, wobei nur fraglich bleibt, wie weit dieses Hörenkönnen eine dem Geschöpf als solchem zu eigen gegebene Möglichkeit ist oder nur etwas je aktuell von der Gnade des Wortes Erwirktes, und was infolgedessen aus diesem Hörenkönnen im sündigen Menschen wird. Manches von diesen ökumenischen Fraglichkeiten stammt bei Barth aus der tiefen, echt protestantischen Sorge des möglichen Missbrauchs durch den Sünder; lieber nimmt Barth diesbezüglich eine vorsichtige, sich einschränkende Gestalt der «pilgernden» Theologie in Kauf als eine abgerundetere, wie sie erst für den Himmel passend erscheint, weil sie auf Erden allzu leicht missbraucht wird. In diese Sparte fallen für ihn Katholika wie die Lehre vom «Verdienst» (von der Mitwirkung mit der Gnade) oder die Mariologie, von der er eigentlich nur die Jungfrauengeburt (als Zeichen der Menschenwerdung Gottes) übrigbehält.

Wer dem ökumenischen Gespräch einen echten Gehalt geben will – und dieser kann nur biblisch-dogmatisch sein –, der wird an Karl Barth auf die Dauer nicht vorbeikommen. Man darf der Hoffnung Ausdruck geben, dass manche seiner ökumenischen Schärfen sich mit der Zeit überholen werden, einige vielleicht bereits überholt sind, man darf andererseits nicht übersehen, dass er für uns Katholiken noch auf lange Zeit das notwendige unbequeme Korrektiv in der allgemeinen Gefahr der Verwässerung unserer Theologie bilden wird, für dessen Existenz wir nur dankbar sein können. Gewiss hat auch Barth allerhand theologische Fehler begangen – aber müssen nicht auch wir angesichts der Aussagen des Konzils mit tiefstem Erschrecken auf eine geschichtliche Vergangenheit zurückblicken, in der es von Fehlleistungen und Verengungen aller Art nur so wimmelt? Dass es einen Instinkt des christlichen Glaubens für die Wahrheit der Offenbarung gibt, in welcher kirchlichen Gemeinde der Glaubende auch sein mag, das dürfte die Existenz der «Kirchlichen Dogmatik» Karl Barths unwiderleglich beweisen. Dafür muss dem Wort Gottes selbst gedankt sein.

Quelle: Neue Zürcher Nachrichten, Nr. 106, 7. Mai 1966, Beilage Nr. 18 (ohne Paginierung).

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