Von Volker Drehsen
Der Begriff Wanderung bezeichnet im weitesten Sinn die individuelle oder kollektive Bewegung im geograph. oder regionalen, immer aber durch phys.-äußere wie sozial-psych. (Umwelt-)Bezüge best. Raum, also horizontale Prozesse der raum-zeitl. Veränderung und Verlagerung von menschl. Standorten (z.B. Wechsel des Wohnsitzes oder Arbeitsplatzes), Positionen (z.B. »Wählerwanderung«) und Lebenssphären (horizontale im Unterschied zur vertikalen Mobilität). So verstanden umfaßt der Begriff Wanderung nicht nur mannigfaltige Grundphänomene gesellschaftl.-geschichtl. Dynamik, sondern auch ein zentrales Motiv menschl. Existenzerhellung, rel. Selbstverständnisses und theol. Wirklichkeitsbeschreibung überhaupt: Die Struktur der Wanderungserscheinungen bildet zugleich einen vielschichtigen und auslegungsfähigen Symbolkomplex der menschl Grundbefindlichkeit (bibl.: vor dem Angesicht Gottes) – für den einzelnen wie für seine Gemeinschaftsbildungen, insbes. auch für die der Kirche.
A. Phänomene der Wanderung
Schon immer haben in der Geschichte der Menschheit Wanderungen (Völker- und Stammeswanderung, Kolonisation, Deportationen) ganze Kulturräume und Kontinente verändert und Epochen spezif. geprägt (vgl. Nomadentum, Kreuzzüge, Kriege, territoriale Ausdehnung der Vereinigten Staaten von Amerika nach Westen). Doch erst durch Industrialisierung, Verstädterung, Technisierung und Massenkommunikation wurde Wanderung – etwa bei Arbeitskräftebewegungen (Arbeitermigration), Flüchtlings-, Vertriebenen- und Asylantenströmungen (Asyl) oder bei sozial-, ethn.- und siedlungsgeograph. Veränderungen (Stadt-Land-Wanderung, Nord-Süd-Mobilität) – zu einem auch die individuelle Lebensgestaltung prägenden Strukturmerkmal der inner- und zwischengesellschaftl. Beziehungen (Binnen-, Ein- und Auswanderung). Wanderungen können kurzfristig oder dauerhaft räuml.-soziale Verhältnisse teilweise oder inges. beträchtl. umgestalten. Die Einteilung verschiedener Typen nach ihren eigentüml. Auslösemomenten und Motiven macht Wanderung allg. als ein bes. Problemlösungsverhalten kenntl. und charakterisiert verschiedene Arten der Distanzierung von oder Anpassung an Umwelt oder veranlaßt Prozesse gesamtgesellschaftl.-kultureller Veränderung.
I. Von hervorstechender Bedeutung wurde für die Neuzeit vor allem der Typ aufgezwungener Wanderung (Flucht und Vertreibung). Sie wurden meist ausgelöst durch gewaltsame Verfolgung und Bedrohung an Leib und Leben (Krieg, Diktatur, Katastrophen und Seuchen, Strafaktionen und Strafentzug), soziale Deprivation (Beraubung, Ausbeutung), wirtschaftl. Notlagen und rel., rass., ethn. oder polit. Diskriminierung (z.B. Zensur, vgl. Kulturkampf). Aufgezwungene Wanderung kann allg. schuldhaft (z.B. Paradiesvertreibung, Gen 3,20-24; Kains Verbannung, Gen 4,12-14) oder unverschuldet (Flucht der Hl. Familie nach Ägypten, Mt 2,12-15) sein.
1. Während es zu allen Zeiten individuelle und kollektive Wanderungen aus existenzrettenden oder -sichernden Motiven gab, bildeten massenhafte Wanderungen auf Grund rel. Verfolgung und Diskriminierung ein bes. Merkmal der Frühen Neuzeit. Davon waren vor allem Mennoniten (16. und 17. Jh.), Hugenotten (seit 1685: Aufhebung des Edikts von Nantes), Salzburger Protestanten (1731) und böhm. Hussiten (18. Jh.) betroffen. Für sie wurde insbes das an Menschenmangel leidende Brandenburg-Preußen zum rettenden Einwanderungsland. Eine andere, im Bild des »ewig Wandernden« (Ahasver) vorgestellte betroffene Gruppe bildeten die Juden, denen fast durchgängig das Recht auf Niederlassung und freie Religionsausübung aus rel., wirtschaftl. und rass. Gründen verweigert wurde.
2. Nach der rel. Neutralisierung des Staates seit der Aufklärung (vgl. privat, Säkularisierung) nahmen seit dem 18. und vor allem im Verlauf des 19. Jh.s durch Revolutionen, Verfassungskämpfe und Entfaltung des nationalstaatl. Machtdenkens (bes. nach den gescheiterten Demokratisierungsversuchen von 1848 und nach den Sozialistengesetzen von 1878) diejenigen Emigrationsgründe zu, die auf polit. Oppositionshaltungen zurückgingen. Doch stellten die Ursachen der Auswanderungswellen im 19. Jh. stets eine Mischung aus polit. und wirtschaftl. Gründen dar: Hungersnöte, aussichtslose Berufschancen, wirtschaftl. und soziale Bedrängnisse und Verelendungen infolge der Industrialisierung sorgten bereits seit 1816 für eine stetiges Anwachsen der Zahl dt. Auswanderer, die sich vor allem nach Nord- und Südamerika orientierten.
3. Während wirtschaftl. motivierte Auswanderer vielfach eine zweite Heimat im neuen Aufenthaltsland fanden und sich – freil. unter Wahrung gewisser ethn., rel., kultureller und folklorist., Eigenarten – dessen Lebensverhältnissen assimilierten, hielten die vorwiegend aus polit., rass, oder rel. Gründen zur Emigration Gezwungenen betont ein Exilbewußtsein aufrecht. Bedeutend wurde ihre Exil- oder Emigrationsliteratur beispielsweise im Vormärz (Biedermeier, G. Büchner, H. Heine, L. Börne), nach der russ. Oktoberrevolution von 1917 (V. Nabokov) und während des span. Bürgerkriegs (1936-39). Für den weitaus größten Anteil an der bes. Gattung der Exilliteratur sorgten jedoch die vom Nationalsozialismus Vertriebenen, welche die Opposition gegen und die polit. Auseinandersetzung mit dem NS-Regime fortsetzten (Emigrantenzeitschriften; vgl. auch Th. Mann, Achtung Europa!, 1938; E. Bloch, Erbschaft dieser Zeit, 1935) und den durch Emigration, Verfolgung und Krieg geprägten Erfahrungen eines drohenden Identitätsverlustes literar. Gestaltung verliehen (B. Brecht, J. R. Becker, E. Lasker-Schüler, F. Werfel, N. Sachs, St. Heym, A. Seghers, C. Zuckmayer). Durch Rückwanderung sorgten viele dieser ausgewanderten Schriftsteller – wie auch Wissenschaftler und Politiker seit ca. 1947 wieder für den Anschluß Deutschlands an die internationale Kultur.
4. Im Gefolge der russ. Oktoberrevolution bildeten sich in Deutschland seit 1920 – ähnl. wie schon vorher die franz. Gemeinden der Hugenotten – eigene Exilkirchen (Religionsgemeinschaften für Auswanderer, die im Aufenthaltsland keine der eigenen Tradition entspr. Kirchen vorfinden): etwa die »Russ.-orthod. Kirche im Ausland« und die »Ukrainisch Autokephale Orthod. Kirche im Exil«. Seit den Flüchtlings- und Heimatvertriebenenbewegungen infolge des Zweiten Weltkriegs bestehen auch estnische, lettische, litauische und poln. ev.-luth. Kirchen im Exil; allerdings passen sie sich zunehmend an die dt. Kirchenverhältnisse an. Die kath. Kirche hingegen kennt keine Exilkirchen, da Flüchtlinge und Vertriebene jeweils der Diözese ihres Aufenthaltsorts zugeordnet werden (und in ihr Heimat fanden). Ihre geistl. Betreuung ist durch die Apostol. Konstitution »Exul Familia« vom 1.8.1952 geregelt.
5. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bildeten vor allem drei Komplexe aufgenötigter Wanderung Spannungszentren internationaler, auch kirchl. Aufmerksamkeit: Zum einen forderten die durch den Weltkrieg ausgelösten Flüchtlings- und Vertriebenenströmungen in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur das staatl. und gesellschaftl. Integrationsbemühen, sondern auch das diakon. und seelsorgerl. Handeln der Kirchen heraus. Große Bedeutung erhielt dabei die – bis in die Versöhnungspolitik der sozialliberalen Koalition gegenüber den Ostblockländern hinein wirksame – Denkschrift »Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des dt. Volkes zu seinen östl. Nachbarn« (1965) der Ev. Kirche in Deutschland. Zum andern regte die durch das wirtschaftl.-soziale Gefälle zwischen (vorwiegend kath. und islam.) Mittelmeerländern und (vorwiegend gemischtkonfessionellen) westeurop. Industrienationen verursachte Arbeitermigration (sog. »Gastarbeiter«) neue Formen ökumen. Seelsorge für ethn. Minderheiten an und veranlaßte den Ökumen. Rat der Kirchen 1964 eigens zur Gründung eines Ausschusses für Fragen ausländ. Arbeitnehmer in Europa. Schließlich sehen sich die nordamerik. und (mittel-)europ. Länder und ihre Kirchen infolge zahlreicher Bürgerkriege (durch die Weltmächte finanzierte regionale »Stellvertreterkriege«) sowie infolge rass. (vgl. südl. Afrika), rel. (vgl. Bahai-Religion) und polit. Verfolgung in der Dritten Welt zunehmend dringlicher einer Flüchtlings- und Vertriebenenproblematik gegenüber, die vielfältige Fragen umfaßt: etwa der interrel. Begegnungen, polit. Asylgewährung, der sozialen und kulturellen Haltung gegenüber ausländ. Fremden, wirtschaftl. und sonstiger Eingliederung, Gewährleistung und Stärkung jeweiliger Ursprungskulturen. Aufgezwungene Wanderungsprozesse erweisen sich hier teils als Folge, teils als Ausdruck vielfältiger äußerer Entfremdungstatbestände.
II. Von ihnen läßt sich der Typ beauftragter Wanderung unterscheiden. Darunter ist jeder persönl. Reiseweg zu verstehen, der im Interesse einer Sache oder zur Erfüllung einer Aufgabe unternommen wird. Dazu zählen im profanen Bereich alle staats- und berufsbedingten Mobilitätserscheinungen wie etwa Gesellenwanderung, Tournees, Kampagnen, Verhandlungs-, Geschäfts- und Bildungsreisen. Ihren ursprüngl. Bedeutungswert erhält diese Art der Wanderung jedoch durch die realen Erscheinungen, die sich jeweils einem rel. Auftrag verdanken: die Missionsreisen der Apostel, Propheten und kirchl. Prediger (einschließl. Evangelisation, Kollektenreisen) sowie die Wallfahrten des Gläubigen; beides ist zum vielschichtigen Sinnträger des kirchl.-ökumen Wirkens und der zielgerichteten rel.-eth. Existenzweise in der Welt geworden.
III. Nicht immer läßt sich davon das hoffnungsvolle zeitweilige Unterwegssein des Menschen trennscharf unterscheiden, dessen Beweggründe in einer best. Vorstellung vom Ziel der Wanderung verwurzelt sind. Zum Urbild dieses Wanderungstyps wurde der priesterschriftl. Exodusbericht (Gen 11,27f.,31f.; 12,4b-5): Er akzentuiert das ebenso verheißene wie verlockende Ziel des »Gelobten Landes« als Frucht eines Segens, dessen Erwartung die bestehenden Lebensverhältnisse als das trüger. Arrangement falscher Sicherheiten und nur provisor.-genügender Situation entlarvt. W meint hier die freiwillige, vom vorgestellten Endziel her aktivierte Bewegung des Aufbruchs etwa zur »wahren Heimat« (Hebr 11,16; 13,14), zur verlockenden Stadt (Hebr 11,10), zum »himml. Jerusalem« (Hebr 12,22-24). Diese rel. Vorstellung hat motivbildend bis in profane, sogar banale Kontexte gewirkt: als die durch Hoffnung auf Glück, Wohlstand, mehr Erwerbschancen und bessere Lebensverhältnisse beflügelte Form der Auswanderung aus gegebenen Mangelsituationen. Dazu gehören denn auch alle Arten der jugend- und protestbewegten Wanderung – etwa die zivilisationskrit. Großstadtflucht der 1895 von H. Hoffmann gegründeten »Wandervögel«, die vagabundierende Lebensweise der Beatgeneration, der enthusiast. Aufbruch zu »neuen Grenzen« oder die Beschwörung des »langen Marsches« als Form polit. Zielverwirklichung. Wie bei der beauftragten Wanderung wird vielfach auch hier der zeitweilige Verzicht auf Lokalbindung zugunsten einer mehrversprechenden mobilen Zielerfüllung bereitwillig in Kauf genommen.
IV. Die moderne Zivilisation kennzeichnet schließt noch solche Wanderungserscheinungen, die ihren Sinn und Zweck in sich selber haben: die von ihren ursprüngl. gesellschaftskrit. Impulsen der Jugendbewegung verselbständigten Wandergruppen und -vereine nach 1945; der massenhaft und weitgehend kommerziell organisierte, auf die Unterbrechung der Alltags- und Berufsroutine gerichtete Tourismus als Freizeiterscheinung; die auf Abenteuerlust, »Fernweh« und Ruhelosigkeit zurückgehende nichtseßhafte Lebensweise best. Außenseitergruppen; schließl. die individuell-krankhafte Zwangshandlung (Neurose) des Reise- und Wanderungstriebs (Poriomanie).
B. Bedeutungen und Motive der Wanderung
Wanderungen sind nicht nur ein universalgeschichtl. und -gesellschaftl. Grundphänomen, sondern in ihren individuellen und gattungsspezif. Auswirkungen auf das Lebensgefühl des Menschen auch durchaus ambivalent: Sie können Ausdruck einer krit.-oppositionellen, problemanzeigenden Protesthaltung, eines konstruktiv-gestalter. Veränderungswillens oder einer zukunftsorientiert-utop. Hoffnung sein, aber auch zur Funktion kompensator. Betäubung oder unpolit. Disengagements werden (sog. »Aussteiger«). Gerade in dieser Ambivalenz wurden Wanderungsphänomene immer wieder rel., philos. und theol. ausgedeutet, so daß sich die unbehauste oder zukunftsoffene Existenz des Menschen, die Möglichkeiten seiner Identitätssuche und -findung sowie die Überzeugung, daß Menschsein nicht in den jeweils gegebenen Verhältnissen aufgeht, beschrieben finden. Dabei rückten stets drei Momente in den Vordergrund:
I. Ein zentrales Sinnmotiv der Wanderung bilden Abschied und Verlust, in denen sich vor allem das Ungenügen an der Ausgangssituation als Ursprung allen menschl. Prozeßdenkens und -empfindens ausdrückt: Wanderung wird zum Sinnbild sowohl menschl. Verdammung als auch menschl. Befreiung. Als Irrfahrt (Odyssee) betont sie den frevel- und schuldhaften Abfall von einem paradiesisch geordneten Urzustand (Paradies; vgl. etwa: Voltaire »Candide«, 1759; G. Flaubert »La Legende de Saint- Julien l’Hospitalier«, 1877; T. Williams »A Streetcar Named Desire«, 1947; A. Robbe-Grillet »Dans le labyrinthe«, 1959), den Verlust behüteter Existenz überhaupt (vgl. G. Hauptmann »Till Eulenspiegel«, 1928), die Leiden der Trauer um das Verlorene. Als Aufbruch zu »froher Fahrt« andererseits unterstreicht das Wanderungsbild die hoffnungsvolle Überbietbarkeit des ungenügenden Ausgangspunkts, die Stärkungs- und Bereicherungschancen menschl. Lebensfähigkeit, die auf dem Vorrang des Seins vor dem Haben, des utop.-idealen Mehrwerts vor dem realen Verfügungsgut, die Bewegung vor dem Stillstand, der Zukunft vor der Herkunft, der Verbesserungsbedürftigkeit und des Fortschritts vor der Tradition, des Lernens vor dem Wissen beruht (vgl. etwa: J. W. Goethe »Der Wanderer«, 1772, »Glückl. Fahrt«, 1795; F. Schiller »Der Spaziergang«, 1795). Ihren elementaren rel. Ausdruck hat dieses Wanderungsmotiv einerseits vor allem in den bibl. Bildern des Exodus (bes. in der jahwist. Wiederbelebung der Exodustradition als krit. Wende gegen die salomon. Wohlstandssaturiertheit, Gen 11,28-30; 12,1-4a), in den prophet. und apostol. Berufungsgeschichten und im Gedanken der Wiedergeburt gefunden, andererseits in den Urbildern der Entwurzelung und Heimatlosigkeit, in der Paradiesvertreibung und Stigmatisierung Kains.
II. Ein weiteres Motiv der Wanderung hebt auf die Momente der Wegsuche und Pilgerschaft ab (Homo viator), auf das für menschl. (Glaubens-)Existenz charakteristische Wagnis, die Unvorhersehbarkeit und den Zweifel ebenso wie auf den Distanzierungseffekt des Vorübergehenden: Wanderung thematisiert hier jeden gegebenen Augenblick der Gegenwartssituation krit. als überholbar und als Übergangsmoment, als Inbegriff einer Befindlichkeit, der Gewißheit und Genuß der Erfüllung noch abgeht. Dem entspricht der fließende Status des Wandernden als Fremder, Gast oder Pilger, das ständig wechselnde Milieu seiner Umwelt, besehen mit den relativierenden Augen dessen, der die Randexistenz eines Außenseiters führt. In der Bibel erscheint das Motiv als Charakterzug des weltentfremdeten Glaubens (z.B. Gen 26,3; Hebr 11,9), der unter Verzicht auf alle ird. Schutzvorrichtungen allein auf den Beistand des mitwandernden Gottes (»Immanuel« anstelle eines stationären Gottes) vertraut. Eine profilierte Gestalt nimmt diese Lebensweise im rigorosen Ethos des heimat-, familien-, besitz- und schutzlosen »Wanderradikalismus« (G. Theißen) und vagabundierenden Charismatikertums an, das die Propheten, Jesus selbst und seine Apostel mitsamt ihren Sympathisantengruppen (in gewisser Analogie zu den kyn. Wanderphilosophen) an den Tag legten. Wanderung wird hier zur gelebten Ausdrucksform kompromißloser Welttranszendierung und des Bewußtseins ird. Vergänglichkeit. Die damit ermöglichte Auseinandersetzung mit dem Fremden (oder mit der in der Wanderungsperspektive befremdl. Heimat) wurde auch im weltl. Bereich spätestens seit der Frühaufklärung zu einem zentralen und krit. Thema der Fähigkeit des Menschen, samt seiner Umwelt zur Verbesserung und Bildung des Menschen als Individuum, in Gesellschaft und Zivilisation (vgl. etwa: F. R. Chateaubriand »Voyage en Amérique«, 1793, »Itinéraire de Paris à Jérusaleme«, 1811; J. Swift »Gulliver’s Travels«, 1726; Goethe »Wilhelm Meister«, 1795-1821). Wanderung erhebt hier die Bedürftigkeit des menschl. Seins und Bewußtseins zu Wandlung und Fortschritt in der Symbolik eines solchen Daseins zum Thema, das noch nicht zur Selbstgenügsamkeit seines Ziels und seiner Erfüllung gefunden hat.
III. Heimkehr und Erfüllung bilden schließl. das Sinnmotiv der Wanderung, die an ihr Ziel gelangt ist: Es wird vorgestellt als Inbegriff eines eschatolog. oder utop. Gutes, der erstrebten oder verheißenen Heimat jenseits der Ambivalenz von Ortsansässigkeit, Bodenstämmigkeit und Immobilität einerseits und aufgezwungener, beauftragter, hoffnungsbeseelter oder eigendynam. Wanderung andererseits. Der Mensch findet hier unbeschränkten und beständigen Anteil am schlechthin Unüberbietbaren; atl. im Erbe des Segens (Gen 26,13; 35,12): »eine Stadt, die einen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist« (Hebr 11,10); ntl. als Heilsgewinn des »ewigen Lebens«, zu dem Jesus sich selbst als Weg darbietet (Joh 14,4-6). So macht das Wanderungsmotiv gegen jede Verflachung der zur Selbstverabsolutierung neigenden Menschenwirklichkeit das Spannungsmoment ihrer hoffnungsvollen und zukunftsfähigen Verbesserlichkeit geltend.
Lit.: H.-M. Barth: Reisen nach Utopia? Über den Sinn der Sehnsucht nach der Ferne, in: Luth. Monatshefte 15 (1976), 385-387. – H. Esser: Aspekte der Wanderungssoziologie, Darmstadt/ Neuwied 1980. – H. J. Hoffmann-Nowotny:Migration. Ein Beitrag zu einer soziol. Erklärung, Stuttgart 1970. – J. Pieper: Über die Hoffnung, München, 6. Aufl. 1962. – H. G. Pust: Wanderschaft – Sehnsucht – Sinn, in: Dt. Pfarrerblatt 78 (1978), 103-105. – G. Roppen/R. Sommer: Strangers and Pilgrims, Oslo 1964. – G. Theißen: Wanderradikalismus, in: ders.: Studien zur Soziologie des Urchristentums, Tübingen, 2. Aufl. 1983, 79-105. – Ders.: Soziologie der Jesusbewegung, München, 4. Aufl. 1985.
Quelle: Volker Drehsen/Hermann Häring/Karl-Josef Kuschel/Helge Siemers (Hrsg.), Wörterbuch des Christentums, Gütersloh/Düsseldorf: GVH/Benzinger, 1988, S. 1346-1349.