Von Gotthold Müller
1. Nachfolge gehört in den meisten („zumindest“ theistischen) Religionen zu den Leitbegriffen religiöser Sprache und Praxis. Ihre sprachliche und sachliche Verwandtschaft mit „Nachahmung“ gibt leicht Anlaß zu Unschärfen. Nachfolge muß aber begrifflich scharf von Nachahmung unterschieden werden, da sie immer personbezogen ist, während Nachahmung vor allem im philos. Bereich vorkommt.
2. Der religionsgeschichtl. „Sitz im Leben“ des Nachfolge-Gedankens im Bereich des AT dürfte ein doppelter sein: einerseits das konkrete Hinterhergehen hinter Götteridolen (Kultprozession?), andererseits das Nach-Folgen gegenüber („hinter“) der Gottheit, die in der Analogie zu der hinter dem Stammeshaupt oder König gesehen wird. Gegenüber der ersten Wurzel mußte das AT begreiflicherweise ablehnend reagieren, da sie den Polytheismus zur Voraussetzung hatte und dazu gegen das strenge Bilderverbot des Dekalogs verstieß. Einen positiven Gebrauch von Nachfolge zeigen Stellen wie Jer 2,2; 1 Kön 14,8: 2 Kön 23,3 u.a., während sonst vielfach im negativen Sinne von einem „Hinterher-Gehen“ hinter fremden Göttern, vor allem Baal, gesprochen wird (1 Kön 18,18: Jer 7,6; 8,2 u.ö.). In der dt. Theologie kann dann Nachfolge geradezu für den Entscheidungsakt des Glaubens an Jahwe stehen (etwa 1 Kön 18,21), eine Stelle, die den vor- und trans-eth. Charakter des Begriffs innerhalb zentraler Aussagen des AT erhellt. Nachfolge wird dabei fast zum Synonym für „Glauben“.
3. Nur aus dieser Tradition heraus kann das Problem der Nachfolge im NT richtig gedeutet werden. Jesu Ruf zur Nachfolge ist analog zu Gottes heiliger Forderung im AT zu sehen (1. Gebot), die dort eine Folge der göttlichen Erwählung oder Berufung des Volkes ist. Bei aller formalen Verwandschaft zum Rabbi-Schüler-Verhältnis bedeutet Nachfolge Jesu, daß sie nur durch seinen vollmächtigen Ruf zustande kommt, sich im Zeichen der hereinbrechenden Gottesherrschaft vollzieht und die bleibende Abhängigkeit des Berufenen gegenüber dem „Meister“ beinhaltet. Der Geschehenscharakter dieses Vorgangs drückt sich schon rein sprachlich darin aus, daß das NT nirgends das Substantiv Nachfolge verwendet. Das im NT fehlende mimesis (Nachahmung) bildet mit seinem griech.-philos.-idealistischen Hintergrund die Wurzel des späteren kirchl.-theol. Begriffs der „imitatio“ bzw. des „imitari“ (nachfolgen). Eine gewisse Brücke zu dieser Entwicklung hin lag in der rabbinischen Vorstellung von „nachahmen“ einzelner Eigenschaften Jahwes vor (etwa seiner „Vollkommenheit“ – vgl. Mt 5,48 – oder „Barmherzigkeit“ – vgl. Lk 6,36). Auf diese Zusammenhänge griff die Kirche zurück, als das konkrete Hinterher-Gehen hinter dem irdischen Jesus nicht mehr möglich war und man die Nachfolge-Logien der Evangelien (darunter in erster Linie Mt 19,21) auf eine neue Situation übertragen mußte.
4. Schon in der alten Kirche bildeten sich dabei jene (hier etwas schematisierten) Haupt-Typen von Nachfolge-Verständnissen heraus, die dann geschichtl. bedeutsam wurden: Nachfolge als Vollzug der Passion und des Sterbens Jesu (Mk 8,34) (Martyrium), als Verleugnung des eigenen Willens und als Weltverachtung (Mt 16,4) (Askese, Mönchtum), als Ideal eines armen Lebens (Mt 19,27; Lk 9,58) (vor allem auch in Reformbewegungen, wie bei F. v. Assist), als „Opfer“ der großkirchl. Unterdrückung und Verfolgung (die Katharer z.B. nannten sich unter Berufung auf Mt 10,16-20 „veri imitatores Christi“) oder auch als radikaler Appell zur Veränderung bestehender Verhältnisse (etwa bei A. v. Brescia, Th. Müntzer und in manchen Formen moderner „politischer und revolutionärer“ Theologie).
Die Reformation hatte sich mit einem Verständnis von Nachfolge aus als „mortificatio“ carnis bzw. voluntatis auseinanderzusetzen (ma. Mystik; aus ihr ging die Thomas a Kempis zugeschriebene „Imitatio Christi“, das meistgedruckte Buch neben der Bibel hervor), innerhalb dessen teilweise der Gedanke an eine besondere „Verdienstlichkeit“ der Nachfolge eine Rolle spielte.
Luther antwortete darauf in der Vorlesung zum Gal von 1519 mit der den nt.lichen Sachverhalt erstaunlich freilegenden Formel: „Non imitatio fecit filios, sed filiatio fecit imitatores“ (WA 2; 518,16) (Nicht die Nachfolge macht zu Gottes Söhnen, sondern die Sohnschaft bewirkt Nachfolge). Luthers theologia crucis machte Jesus (wie dies schon das NT tat) zum schlechthin Un-Nachahmlichen. Denn gerade das, worin die Heilsbedeutung Jesu für uns liegt, nämlich sein stellvertretendes Leiden und Sterben, jener „selige Tausch“, durch den er der Ungerechte und Verworfene wird, wir aber vor Gott als Gerechtgesprochene gelten, läßt sich in keiner Form „nachahmen“.
Freilich war damit mehr eine Abgrenzung zur Vermeidung von Mißverständnissen vollzogen, als auch schon eine positive und konkrete Weisung gegeben, wie die Nachfolge unter dem Vorzeichen des sola fide und sola gratia zu gestalten sei. Bei Luther selber fällt auf, daß seine Predigten über Nachfolge-Perikopen kaum je das Nachfolge-Problem positiv aufnehmen und entfalten. Die strenge Konzentration auf die Rechtfertigungslehre ließ im Luthertum den Begriff mehr an den Rand des Interesses rücken, eine situationsbedingte Tatsache und Entwicklung, die bis heute nicht hinreichend aufgearbeitet ist. Dafür wurde das Thema der Nachfolge von den „Schwärmern“ vielfach aufgegriffen, oft unter direktem Anschluß an ma. Traditionen (bei Th. Müntzer bis ins Politische-Apokalyptische hinein). Ebenso lebte er in den Seitenbewegungen der Reformation auf („Täufer“, Quäker, Mennoniten u.a.), die von den Großkirchen z.T. verfolgt wurden und sich als die wahren Nachfolge Christi verstanden.
Die Einflüsse, die von Randgestalten wie etwa J. Arnd(t) (1555-1621) ausgingen, erwiesen sich (zumindest in der volkstümlichen Frömmigkeit) als recht stark. Er stellte seine „Vier Bücher vom wahren Christentum(b)“ (1606-1609) unter das Motto, daß Jesus zwar „viele Diener“, aber „wenige Nachfolger“ habe. Durch ihn und die im 17. Jh. nach Deutschland hereindrängende romanische Mystik kam es zunehmend zu einer Neubelebung des Gedankens der Nachfolge, vorwiegend im Bereich des Pietismus. Dabei geriet die Nachfolge einerseits unter ein weltflüchtiges Ideal (J. Scheffler: „Mir nach, spricht Christus, unser Held … Verleugnet euch, verlaßt die Welt EKG 256), wurde aber andererseits Anlaß zu glaubender Zuversicht (N. L. v. Zinzendorf: Jesu, geh voran …“, EKG 274) und zu sozial-karitativem Tun im Dienst am Nächsten (Spener, A. H. Francke, Innere Mission, Diakonissenhäuser etc.).
Die Aufklärung sah in Jesus den Lehrer des sittlich Guten und das Vorbild wahren Menschseins. Kant jedoch bestritt, daß das sittliche „Ideal“ jemals menschliche Gestalt annehmen könne, und verwarf darum den konkreten christlichen Gedanken der Nachfolge Jesu bzw. verlegte ihn in die Gesinnung.
Auch der Neuprotestantismus verlegte den Hauptakzent zumeist in die Gesinnung („Gesinnungsethik“). A. Schweitzer (1875-1965) dagegen verstand sein Lebenswerk in Afrika durchaus als eine direkte und konkret-wörtliche Befolgung der Nachfolge-Forderung Jesu im NT an seine Jünger.
Eine große Rolle spielt die Nachfolge bei den beiden Blumhardt, bei L. Ragaz und H. Kutter, wie überhaupt im „Religiösen Sozialismus“. In ganz grundsätzlicher und theol. tiefgründiger Weise griff dann D. Bonhoeffer das Nachfolge-Problem inmitten des Kirchenkampfes im sog. Dritten Reich auf („Nachfolge“, zuerst 1937). Er stellte es in den Zusammenhang mit der „teuren Gnade“ und dem Gehorsam des Glaubens und kritisierte (bis ins AT und NT zurückgreifend) alle Fehl-Deutungen von Nachfolge: sie ist ihm „nichts anderes als die Bindung an Jesus Christus allein, d.h. gerade die vollkommene Durchbrechung jeder Programmatik, jeder Idealität, jeder Gesetzlichkeit“. K. Barth, Ernst Wolf u.a. sind ihm darin gefolgt. Neuestens hat G. Ebeling Überzeugendes und Wegweisendes zur Nachfolge ausgeführt.
5. Keine künftige Beschäftigung mit dem Begriff Nachfolge wird an Bonhoeffer vorbeigehen können, sondern nur das von ihm prinzipiell Gesagte nach den versch. Seiten hin zu entfalten haben. Bei der Nachfolge Christi geht es um die aus der stets neu zu empfangenden Rechtfertigung allein aus dem Glauben fließende Frage nach dem „Tun des Gerechten“ (D. Bonhoeffer) in jeder geschichtl. und gesellschaftlich neuen Situation. Nachfolge ist somit nichts anderes als die sich auch im eth. Bereich auswirkende Tatsache, daß Menschen „im Leben und im Sterben“ im Wirkungsfeld der Heilsgabe des Kreuzes und Ostergeschehens stehen und von dorther ihr Leben „normieren“ lassen. Das kann im Einzelfalle ebenso unbekümmerte Freude an der Welt und ihren Gaben einschließen wie auch bewußten (Konsum-)Verzicht, sich in sog. „weltlichen“ Berufen ebenso verwirklichen wie in Orden oder Kommunitäten.
Das lutherische „filiatio fecit imitatores“ steht somit im Zeichen des sola gratia immer als eine (Auf-)Gabe vor uns, die von jeder neuen Generation von Christen neu zu sehen und in einer Synthese von Glauben und Sachlichkeit (wozu viel fachliche Kompetenz auf allen Gebieten modernen Lebens und Wissens gehört) neu zu ergreifen und zu realisieren ist. Nichts erscheint wichtiger, als den Begriff Nachfolge aus der ihm leicht drohenden einseitigen Individualisierung herauszubringen und ihn allseitig vor allem auch auf seine ekklesiologischen und sozialeth. Implikationen und Auswirkungen hin zu bedenken und zu profilieren.
Lit.: A. Schulz, Nachfolgen und Nachahmen. Studien über das Verhältnis der neutestamentlichen Jüngerschaft zur urchristlichen Vorbildethik, 1962 – E. Wolf, PeregrinatioII, 1965, 230-241 – H. D. Betz, Nachfolge und Nachahmung Jesu Christi im Neuen Testament, 1967 – M. Hengel, Nachfolge und Charisma, 1968 – D. Bonhoeffer, Nachfolge, (1937) 197611 – G. Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens, 1979, passim.
Quelle: Theodor Schober/Martin Honecker/Horst Dahlhaus (Hrsg.), Evangelisches Soziallexikon, 7. A., Stuttgart: Kreuz Verlag 1980, Sp. 936-938.