Karl Barths Bericht über seine Deutschlandreise, 19. August bis 4. September 1945 an die Organisation I der amerikanischen Armee in Deutschland: „Man ist empört (Frankfurt und Marburg: hier der evang. Theologiepro­fessor Bultmann) über die Gewohnheit der amerikanischen Soldaten, übrig­gebliebene wertvolle Lebensmittel vor den Augen der Bevölkerung mit Ben­zin zu übergießen und zu verbrennen. In Marburg sei dasselbe mit einem gan­zen Lager eroberter deutscher Militärmäntel geschehen.“

Karl Barth: Bericht über eine Deutschlandreise, 19. August bis 4. September [1945], erstattet an die Organisation I der amerikanischen Armee in Deutschland

KBA Basel. – Teildruck: Neue Stimme 1982, Heft 5, S. 28-30. – Datiert: 7. 9. 1945.

Die ausgeführte Reise führte mich von Basel über Freiburg im Breisgau nach Frankfurt am Main, nach Treysa in Hessen, von da über Marburg an der Lahn nach Bonn und über Frankfurt zurück nach Basel.

Der Anlaß der Reise war eine von Pfarrer Martin Niemöller an mich ergan­gene Einladung zur Teilnahme an einer Konferenz des „Bruderrats der evan­gelischen Kirche in Deutschland“, d. h. der bisherigen synodalen Leitung des „bekennenden“ (der nationalsozialistischen Beeinflussung und Umgestal­tung der kirchlichen Lehre und Ordnung aktiv widerstehenden) Kirchen­teils, in Frankfurt am Main. – Meine Teilnahme an dieser Konferenz begrün­dete sich auf meine bei meiner im Jahr 1935 vollzogenen Rückkehr in die Schweiz formell nicht auf gehobene Zugehörigkeit zu diesem Gremium.

Die ganze äußere Ermöglichung der Reise verdanke ich meines Wissens der Initiative des Herrn Leutnant Hollstein. Ich halte es für meine Pflicht, zu er­klären, daß dieser Offizier mir gegenüber während der ganzen 14 Tage ein außerordentliches Maß von freundlicher Bereitwilligkeit und nie versagender Geschicklichkeit an den Tag gelegt hat. Entsprechend Vorteilhaftes würde ich auch von den anderen amerikanischen Offizieren und Unteroffizieren, mit denen ich in Berührung gekommen bin, zu sagen haben.

Meine Aufgabe besteht zunächst in der Berichterstattung über die im Vor­dergrund meiner Interessen stehenden kirchlichen Vorgänge.

I. Die Konferenz des Bruderrats in Frankfurt galt der Vorbereitung der Stel­lungnahme der „Bekennenden Kirche“ an der auf den 27. August angesagten Tagung der „Führer“ (Bischöfe, Superintendenten, Kirchenpräsidenten u. dergl.) in Treysa und dauerte vom 20. bis 24. August[1]. Als besondere Themata figurierten: die Vorlage eines kirchenrechtlichen Entwurfs zur vorläufigen Reorganisation des durch den Nationalsozialismus mehr oder weniger ver­wirrten allgemein deutschen evangelisch-kirchlichen Wesens[2], die Vorlage ei­ner von allen deutschen Kanzeln zu verlesenden Botschaft an die evangeli­schen Gemeinden[3], die Vorlage einer Botschaft an alle deutschen Pfarrer[4], die Vorlage einer Entschließung zur künftigen Regelung des Schulwesens mit be­sonderer Berücksichtigung des Religionsunterrichts[5]. Es versteht sich von selbst, daß diese Themata zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen und Be­reinigungen der verschiedensten Art Anlaß boten.

Beherrschend war einerseits die Frage der Gewinnung einer neuen Kon­zeption des Verhältnisses von Christentum und Staat, Kirche und Politik. Wer die geistige Geschichte und Verfassung Deutschlands und wer vor allem die ganze Tiefe und Schwierigkeit dieser Frage kennt, konnte und kann nicht erwarten, daß die Christen und Theologen auch nur der „Bekennenden Kir­che“ heute samt und sonders ohne weiteres zu der politischen Aufgeschlos­senheit und im besonderen zu dem positiven Verständnis von Demokratie und Sozialismus vorgedrungen sind, die man ihnen und dem ganzen deut­schen Volke, von außen urteilend, in der heutigen Situation so dringend wün­schen möchte. Ich durfte immerhin konstatieren, daß die Gedanken in dieser Richtung in Bewegung gekommen sind.

Der Nationalsozialismus steht überhaupt nicht mehr zur Debatte. Die von alliierter und neutraler Seite in den letzten Monaten so oft mit Befremden festgestellte Tatsache, daß sich im heutigen Deutschland niemand mehr zum Nationalsozialismus bekennen mag, entspricht gewiß nicht nur in einem sol­chen Kreis wie dem dieser Konferenz, sondern in den allerweitesten Kreisen des deutschen Volkes den Tatsachen. Der Nationalsozialismus hat in Deutschland längst vor der Katastrophe abgewirtschaftet, nur daß sich dies gegenüber dem unvorstellbaren Terror des einmal zur Macht gekommenen Systems unmöglich offenbaren und politisch auswirken konnte.

Alle in Frankfurt Versammelten waren sich darin einig, daß die Niederlage die Befreiung von einer Fremdherrschaft war und daß der Wunsch nach einer Wiederkehr des NS unter gar keinen Umständen in Frage kommen könne. Es ist aber auch den deutschen Christen und Theologen, es ist auch in einem so ausgewählten Gremium wie dem des Bruderrats der Bekennenden Kirche heute noch nicht unzweideutig klar, daß es besser wäre, die Ursache jener Fremdherrschaft in gewissen Versäumnissen und Irrtümern des deutschen Menschen der letzten 80 (oder 200?) Jahre zu suchen, statt bei den „Dämo­nen“, von denen in jenen Konferenztagen auffallend viel die Rede war. Es muß m. a. W. erst dazu kommen, daß die deutschen Christen und Theologen in größerer Zahl und energischer als es heute noch der Fall ist, einsehen, daß der militaristische Nationalismus, den auch sie lange vor Hitler gut geheißen, gepflegt und gestützt haben, das Übel ist, das den NS mit all seinen Folgeer­scheinungen zuletzt möglich und sogar notwendig gemacht hat. Ich habe auf dieser Reise (aber nicht erst auf dieser Reise!) die Erfahrung gemacht, daß man mit den Deutschen über Hitler in einer Minute im Reinen ist, daß aber der neuralgische Punkt und der Herd des Widerstandes dann berührt wird, wenn man den Namen Bismarck oder gar den des „großen“ Königs Friedrich II. von Preußen nennt (Auffällig, daß die Alliierten in den deutschen Städten zwar die „Adolf-Hitler-Plätze“ usf. schleunigst umbenannt haben, die „Bismarck-Alleen“ und dergl. aber, soviel ich sah, ruhig weiter als solche bestehen las­sen!!). Hier fängt die ernsthafte Diskussion mit den Deutschen an. Daß die „Deutschnationalen“ von 1918-33 mit ihren imperialistischen Ambitionen, mit ihren militaristischen Allüren und mit ihren kapitalistischen Interessen die eigentlichen und großen deutschen „Kriegsverbrecher“ sind, ohne die es keinen Hitler gegeben hätte, das hat sich leider gerade in der evangelischen Kirche, die sich vor 1933 vor allem auf diese Partei stützte, noch nicht so her­umgesprochen, daß man von einer vollbrachten Wendung der Dinge in ihrer Mitte heute schon reden könnte. Dazu muß ich aber bemerken, daß es eine zunehmende Zahl von einzelnen deutschen Christen und Theologen gibt, die für sich auch diese Wendung vollzogen haben – zu ihnen gehört nach seinen in Frankfurt und in Treysa abgegebenen begründeten Erklärungen vor allem auch Martin Niemöller – oder die ihr doch in bemerkenswerter Weise entge­gengehen. Ich bin in Frankfurt mit meinen Einwänden in dieser Sache durch­aus freundlich und aufnahmebereit angehört worden und bin gerade im Blick auf die wichtige Person und Rolle Niemöllers der guten Zuversicht, daß eine erfreuliche Entwicklung der Dinge – wenn sie nicht von außen allzu sehr ge­stört und aufgehalten wird – auch hinsichtlich der Herausbildung einer origi­nal deutschen Demokratie durchaus möglich ist. Noch ist freilich schon das Wort „Demokratie“ auch unter so besinnlichen Leuten wie denen der BK eine Art Popanz und ich muß hier leider bekannt machen, daß die Begrün­dung, die ich dazu am häufigsten bekommen habe, die war, daß die Deut­schen unter Demokratie die „amerikanische Demokratie“ zu verstehen pfle­gen und daß sie von deren Schönheit bisher noch nicht die praktischen Ein­drücke empfangen zu haben behaupten, die ihnen eine Sinnesänderung in dieser Sache drin­gend nahe legen würde. Ich denke aber, daß die in Deutsch­land weilenden Amerikaner in dieser Hinsicht doch noch die Erfolge haben werden, die ihnen bis jetzt offenbar versagt waren. Und ich hoffe vor allem bestimmt, daß die innere Bewegung, in der ich den deutschen Geist und das deutsche Gewissen in Frankfurt (nicht zuletzt gerade in der Person von Nie­möller) gesehen habe, (vielleicht auch unter dem heilsamen Zwang der Tatsa­chen!) sich fortsetzen und vertiefen und daß dann auch in Deutschland eine Gestalt demokratisch sozialen Staatslebens – man lasse aber die Deutschen Deutsche sein und mute ihnen nicht zu, Schweizer oder Amerikaner zu wer­den! – möglich werden wird.

Der andere mir auffällig gewordene Diskussionsgegenstand in Frankfurt ist von einer Natur, die mir erlaubt, mich in diesem Bericht kürzer zu fassen. Ich war überrascht, in welchem Maß sich die deutsche evangelische Kirche in den 10 Jahren seit meinem Weggang in der Richtung des Interesses an der Li­turgie und am Sakrament entwickelt hat. Die evangelischen Theologen und teilweise offenbar auch die Glieder der evangelischen Gemeinden in Deutsch­land können heute nach dem, was ich in Frankfurt gehört habe, nicht genug Gewicht darauf legen, welche konkrete Hilfe ihnen in der für die Kirche so schweren Zeit vor dem Krieg und während des Krieges gerade diese Elemente des Gottesdienstes gewesen seien. Außergewöhnliche Bemühungen, diese Elemente weiter zu pflegen, sind im Gange. Das Phänomen ist nicht eindeu­tig. Ich gestehe gerne, daß ich mich einer theologisch echten Realität gegen­über zu befinden meinte, der ich als solcher nicht zum vornherein widerspre­chen konnte. Ich muß aber auch gestehen, daß ich mich gefragt habe, ob der Vorgang (ganz ähnlich wie das viele Reden von „Dämonen“) nicht etwas von einer Fluchtbewegung in die Kontemplation an sich habe in einer Situation, wo die Besinnung auf entschlossene christliche Taten nun doch vielleicht die gesündere Möglichkeit sein dürfte. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die künftige Entwicklung dieser Sache für die Gestaltung des Verhältnisses zwischen dem deutschen Protestantismus und Katholizismus von einiger Be­deutung sein wird.

Zusammenfassend möchte ich hervorheben, daß die Verhandlungen von Frankfurt die besonders in den Anfängen des deutschen Kirchenkampfs wirksamen inneren Übereinstimmungen der „Bekennenden Kirche“ auf neue bewährt und daß trotz und in allen Gegensätzen auf der ganzen Linie nicht etwa bloße Kompromisse geschlossen, sondern fruchtbare vorläufige Übereinkünfte gefunden worden sind.

II. Der Bruderrat beschloß dann, mich der an die Konferenz von Treysa zu entsendenden Delegation zuzuordnen und so habe ich vom 27. August bis 1. September auch dieser größeren und „offiziell“-kirchlichen Versammlung beigewohnt. Die bayrische Vertretung drohte bei meinem Erscheinen zu­nächst mit Abreise (unter Berufung auf meine „Deutschfeindlichkeit“), ließ sich dann aber überreden, diesen finsteren Gedanken nicht auszuführen[6]. Die Treysa-Konferenz war einberufen von dem 78jährigen württembergischen Landesbischof Wurm, in dem sich während des Krieges eine bemer­kenswerte Wandlung in der Richtung des Widerstandes gegen den NS vollzo­gen und der sich von da an durch mehrere mutige Schritte gegenüber der Staatsregierung auch in der „Bekennenden Kirche“ Achtung und Vertrauen erworben, sich auch nicht ohne Erfolg um die Einigung zwischen der „Be­kennenden Kirche“ und den in den 12 Jahren mit oder ohne direkten nationalsozialistischen Einfluß bedenklich schwankenden Landeskirchenführern be­müht hatte. Man könnte von Landesbischof Wurm bestimmt noch zuver­sichtlicher reden, wenn man seiner nächsten Umgebung mehr Vertrauen ent­gegenbringen dürfte.

Die Atmosphäre der Treysa-Konferenz war von der, die in Frankfurt herrschte, sehr verschieden. Es war die kirchliche Diplomatie und die kirchli­che Geschäftigkeit, es war der betonte Konfessionalismus eines angeblich „reinen“ Luthertums, es war im Hintergrund doch wohl auch die fatale Ge­sinnung der „Deutschnationalen“ aus der Zeit vor 1933, die hier auffallend waren. Ich mag mich keines Augenblicks in diesen zweiten vier Tagen zu erin­nern, in welchen es zu einer offenen grundsätzlich sachlichen Aussprache ge­kommen wäre. Man bewegte sich durchweg auf dem Gebiet von äußeren Ab­machungen. So besteht kein Anlaß, mit Erhebung an diese Tagung zurückzu­denken. Der Bruderrat der „Bekennenden Kirche“ war entschlossen, seine in Frankfurt gehaltenen Positionen zu behaupten und keine grundsätzlichen Kompromisse zu machen. Er hat es auch nicht getan. Wiederum war die ihm gegenüberstehende Masse derer, die in den 12 Jahren wenig gelernt und auch wenig vergessen hatten, sehr zäh. Sie hatte, wie man hörte, eine panische Angst vor einer „Diktatur Niemöller“. Und ernster als dies war die Tatsache, daß dort mit dem Gedanken der Begründung einer rein lutherischen Gegen­kirche[7] mindestens gespielt und ein wenig gedroht wurde.

So war ein kleines Wunder, daß diese Konferenz nun doch nicht mit einer Katastrophe begann oder endigte. Der gesunde Wille zu einer auch in Zu­kunft zu erhaltenden Einheit der evangelischen Kirche in Deutschland hat sich schließlich – auf Seiten der „Bekennenden Kirche“ war er nie bestritten – auch auf der anderen Seite durchgesetzt. Von einer Aufrechterhaltung der dem NS willig oder unwillig gemachten Konzessionen war doch auch hier keine Rede. Die deutsche Kirche wird aber wegen der unerledigten geschicht­lichen Hintergründe des NS noch durch mehr als eine Gefahrenzone hin­durchzugehen haben. Immerhin: Indem die in Frankfurt beschlossene Bot­schaft an die evangelischen Gemeinden in Treysa ohne wesentliche Verände­rung aufgenommen, indem nach langen mühsamen (oft peinlichen) Verhand­lungen auch die kirchenrechtliche Grundlage der vorläufigen Neubildung im Sinn der „Bekennenden Kirche“ geordnet, in dem schließlich ein Kollegium von sieben und fünf Männern als synodale Spitze[8] bezeichnet und in dem als deren Vorsitzender Landesbischof Wurm, als dessen Stellvertreter Niemöller herausgehoben wurden, durfte und darf man sich freuen, daß unter sehr un­günstigen Auspizien nun doch ein im Sinn berechtigter deutscher und außer­deutscher Hoffnungen und Wünsche annehmbares Ergebnis gewonnen wurde. Niemöller wird die Vertretung der evangelischen Kirche Deutsch­lands gegenüber der christlichen Ökumene und überhaupt dem Ausland ge­genüber übernehmen. Ich habe volles Vertrauen, daß dieser Mann ihr christ­lich und menschlich das rechte Gesicht nach außen geben wird. Der bekannte BK-Pfarrer Hans Asmussen übernimmt die neu zu konstituierende Kirchen­kanzlei. Man bemerke, daß die ganze Regelung vorläufig ist, d. h. daß sie spä­ter, wenn Gott und die Alliierten es erlauben werden, durch eine auf Grund von Urwahlen zu bildende deutsche Synode – und also „demokratisch“! – be­stätigt, bzw. revidiert werden muß. Als vorläufige Regelung ist sie nach mei­ner Überzeugung das Beste, was erreichbar war. Wenn das durch den Kanal dieses Berichtes möglich sein sollte, so bitte ich hiermit die verantwortlichen Kommandostellen der alliierten Besatzungstruppen, der evangelischen Kir­che in Deutschland und insbesondere ihrer in Treysa bestellten vorläufigen Leitung – vorläufig! – ebenfalls Vertrauen entgegenzubringen und ihr die nö­tige Erleichterung für ihre wichtigen Funktionen zu gewähren. Man sehe und behandle die evangelische Kirche als Ganzes unter der Voraussetzung, daß es an retardierenden, ja reaktionären Elementen persönlicher und sachlicher Art in dieser Körperschaft zwar nicht fehlt, aber auch nicht an Kräften eines im rechten christlichen Sinn freien und gebundenen Glaubens, welche in Treysa jenen Elementen nicht nur die Waage gehalten, sondern welche sich ih­nen gegenüber, ohne sie einfach beseitigen zu können, jedenfalls durchge­setzt haben. Die evangelische Kirche darf unter dieser Voraussetzung (und in deren Schranken) als ein positiver Faktor in der heutigen deutschen Situation angesprochen werden.

Ich wurde ausdrücklich aufgefordert, mich auch über das zu äußern, was im Verlauf meiner Reise von deutscher Seite mir gegenüber über die Politik und das Verhalten der amerikanischen Besetzungsarmee geäußert wurde. Das Folgende ist als bloßes Referat zu lesen, zu dessen Inhalten ich hier nicht Stel­lung zu nehmen habe.

Mir ist von einem meiner Freunde, dem Pfarrer Lic. Fricke in Frankfurt a.M. ausdrücklich und wiederholt gesagt worden, daß er bis jetzt an den offiziellen Maßnahmen der Amerikaner in dieser Stadt an keinem wesentlichen Punkte etwas Ernstliches auszusetzen habe. Diese Stim­me war aber unter denen, die mich erreichten, vereinzelt und darf bestimmt nicht als Frickes Meinung über Alles und Jedes, was von amerikanischer Seite in Frankfurt verfügt worden ist, sondern nur als Ausdruck seiner positiven Einstellung zur amerikani­schen Gesamthaltung aufgefaßt werden. Im Einzelnen hörte ich (auch in Frankfurt) mehr als eine bestimmte Klage, die sich dann bei unbesonnenerer Beurteilung wohl auch bis zur Ablehnung des ganzen amerikanischen Sy­stems steigern konnte. Es geht etwa um folgende Punkte:

1. Man beklagt sich über den allzu geringen Spielraum, den die amerikani­schen Behörden den aufbauwilligen und freiheitlich gesinnten deutschen Menschen und Kräften zubilligen. Die Amerikaner geben den Deutschen keine Diskussionsmöglichkeit. Sie ermuntern sie nicht zu eigener Initiative und Selbsthilfe (so zwei kommunistische Funktionäre in Frankfurt). Die da­durch erzwungene politische Untätigkeit der Deutschen zieht nach sich, daß umgekehrt allerlei unterirdische Kräfte der Reaktion freies Spiel bekommen (so der Jurist Prof. Dr. Erik Wolf in Freiburg im Breisgau).

2. Man bedauert die ungemein schleppende Geschäftsführung der ameri­kanischen Behörden, die Widersprüche zwischen den Verfügungen der über- und untergeordneten Stellen, das „Experimentieren“ jetzt mit dieser, jetzt mit jener Methode – Dinge, durch die die Bevölkerung dauernd beunruhigt werde (Ziemlich allgemeines Urteil).

3. Die bisher gemachten „Experimente“ hinsichtlich der „denazification“ erscheinen allgemein als unbefriedigend. Die Heranziehung bestimmter Gruppen ehemaliger Pg’s zu Aufräumungsarbeiten wird (z. B. vom Präsiden­ten des Frankfurter Arbeitsamtes, den ich darüber reden hörte) für eine ge­fährliche Entehrung dieser nötigen und nützlichen Arbeiten gehalten, zu der man lieber die ganze Bevölkerung heranziehen sollte, während sie jetzt als Strafarbeiten verächtlich gemacht würden. Eine sinnvolle und gerechte Me­thode zur Auffindung der gefährlichen, weniger gefährlichen und ungefährli­chen Pg’s – es gibt aber auch sehr gefährliche Nicht-Pg’s! – und eine gerechte Ansetzung der gegen die gefährlichen Elemente einzusetzenden Sicherungen sei noch nicht gefunden. Gewisse Absetzungen ehemaliger Pg’s aus ihren Ämtern bedeuten eine unerträgliche Erschwerung der ohnehin überlasteten öffentlichen Verwaltung. In Frankfurt ist aus diesem Grunde die Fortsetzung des Betriebes der Straßenbahn gefährdet (So der Oberbürgermeister von Frankfurt Dr. Blaum). Andere Absetzungen werden im Blick auf die kompli­zierten persönlichen Sachverhalte als willkürlich und grausam empfunden. Man fürchtet (gerade in den Kreisen der Gutgesinnten!), daß die bisherigen Methoden nur der Bildung einer Fronde dienen können. (Die kleine Denk­schrift eines Professors der Physik in Bonn dürfte interessant sein: Beilage I[9]).

4. Man versteht nicht die scheinbare Gleichgültigkeit der amerikanischen Politik gegenüber den ganz Deutschland beschäftigenden Schreckensnach­richten aus dem Osten. Es handelt sich abgesehen von der von den Russen verübten massenweisen Vergewaltigungen deutscher Frauen vor allem um die systematische Aushungerungspolitik gegen die deutsche Bevölkerung des den Polen in Pommern, Westpreußen und vor allem Schlesien zugesproche­nen Gebietes. Was dort geschieht, fällt nach deutschem Urteil auch den Ver­bündeten der Russen und Polen und also auch den Amerikanern zu Last. Man fragt sich, warum die amerikanische Humanität, die gegen die deut­schen Greuel so empfindlich gewesen sei, hier offenbar nicht ernstlich rea­giere. (Ich erlaube mir, was Schlesien betrifft, den Bericht eines mir persön­lich bekannten und bestimmt glaubwürdigen Breslauer Pfarrers beizulegen: Beilage II[10]).

5. Ich hörte bittere und dringende Klagen über die Zustände in gewissen amerikanischen Gefangenschaftslagern, genannt wurde immer wieder Kreuznach, doch scheint dieser Ort nicht der einzige zu sein von dem Ähnli­ches zu berichten ist. (Ich füge zur Erläuterung einen Text bei, der aus Mar­burg stammt: Beilage III[11]).

6. Ich hörte insbesondere in Bonn, aber doch auch anderwärts, sehr drasti­sche Darstellungen über die Vorgänge bei und nach dem ersten Eindringen der Amerikaner: wüste Plünderungen und Zerstörungen, auch Vergewalti­gungen. Man hatte die Amerikaner als Befreier erwartet und begrüßt. Aber „sie hausten wie die Schweine“ (so der katholische Theologieprofessor Neuss in Bonn), „in sinnloser Zerstörungswut“ (so der evangelische Pfarrer Frick in Bonn). Dem Professor Cloos in Bonn (Geologe), einem scharfen Nazigeg­ner, ist seine ganze Wohnung – offenbar in stundenlanger Arbeit! – kurz und klein geschlagen, sein ganzes wissenschaftliches Aktenmaterial zerrissen worden, so daß die Zimmer kniehoch voll Papier standen. Ein Kapital von Vertrauen auf Seiten der Bevölkerung sei auf diese Weise mutwillig vertan, eine einzigartige Gelegenheit endgültig verpaßt worden. „Ihr gewinnt unsere Herzen nicht mehr!“ (Pfr. Frick in Bonn).

7. Man ist empört (Frankfurt und Marburg: hier der evang. Theologiepro­fessor Bultmann) über die Gewohnheit der amerikanischen Soldaten, übrig­gebliebene wertvolle Lebensmittel vor den Augen der Bevölkerung mit Ben­zin zu übergießen und zu verbrennen. In Marburg sei dasselbe mit einem gan­zen Lager eroberter deutscher Militärmäntel geschehen.

8. Man fragt sich besorgt, ob die Amerikaner sich eigentlich bewußt seien, welche Verantwortung Amerika mit seinem Sieg (unconditional surrender!) für das Schicksal der Besiegten übernommen hat. Die Deutschen sind wehr­los und hilflos in der Hand der Alliierten. Was immer die Schuld der Deut­schen gewesen sein mag – die ihnen schon im kommenden Winter bevorste­hende Hungersnot wird auf das Konto der Anordnungen der Alliierten ge­hen. „Hört auf, dieses Volk zu quälen, das schon so viel gelitten hat!“ (Prof. Neuss in Bonn).

9. Die Gefahr ist nach vielen und verschiedenen Aussagen guter Leute groß, daß das deutsche Volk angesichts der erwähnten Dinge seine eigene Schuld zugedeckt sieht durch das, was ihm nun von den anderen angetan wird und daß es damit weiter als je von der ihm zugedachten Besserung abge­trieben wird. Prof. Wolf in Freiburg brauchte folgendes plastische Bild: [„] Die Erfahrung mit dem NS und die Erfahrung der Niederlage hat im deut­schen Volk bestimmt eine Furche gerissen, wie sie noch nie da war. In diese Furche müßte jetzt (von den Alliierten!) gesät werden. Was bis jetzt geschah, war dies, daß man Schmutz und Steine in die Furche geworfen hat. Später wird man auf den Gedanken kommen, nun doch richtig säen zu wollen. Aber dann wird es zu spät, die Furche wird dann mit unfruchtbarem Material ge­füllt und eine Ernte wird dann nicht mehr zu erwarten sein.“

Ich bedauere es, meinen Bericht über die mir so wichtige und wertvolle Reise mit diesen etwas düsteren Mitteilungen schließen zu müssen, nehme aber an, daß es den Empfängern recht ist, wenn ich ohne Zurückhaltung wie­dergegeben habe, was ich in dieser Sache gehört habe.

Quelle: Clemens Vollnhals (Hrsg.), Die Evangelische Kirche nach dem Zusammenbruch. Berichte ausländischer Beobachter aus dem Jahre 1945, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1988, S. 112-120.


[1] Zur Bruderratstagung vom 21. bis 24. August 1945 vgl. A. SMITH-VON OSTEN, Treysa 1945, S. 48 ff.

[2] Druck des Beschlusses zur „Wiederherstellung einer bekenntnisgebundenen Zusammenfassung der Evangelischen Kirchen Deutschlands“: E SÖHLMANN, Treysa 1945, S. 175 f.

[3] Das „Wort an die Gemeinden“ wurde von der Kirchenversammlung in Treysa übernommen. Druck: EBD., S. 87 f.; M. GRESCHAT, Schuld, S. 77f.

[4] Die Kirchenversammlung von Treysa hat sich das vom Reichsbruderrat verabschiedete „Wort an die Pfarrer“ nicht zu eigen gemacht; es erschien deshalb als Kundgebung des Reichsbruderrats. Vgl. A. SMITH-VON OSTEN, Treysa 1945, S. 137 ff. Druck: F. SÖHLMANN, Treysa 1945, S. 89 ff.; M. GRESCHAT, Schuld, S. 74 ff.

[5] Druck des „Beschlusses zur Schulfrage“: F. SÖHLMANN, Treysa 1945, S. 177 f.

[6] Vgl. A. SMITH-VON OSTEN, Treysa 1945, S. 105 ff.

[7] Vgl. EBD., S.92ff.

[8] In Treysa war eine Zweiteilung des Rates in eine Leitung im engeren Sinne von sieben Personen und in einen Beirat beschlossen worden. Praktische Bedeutung erlangte diese Regelung allerdings nicht. Vgl. EBD., S. 127 f.

[9] Nicht ermittelt.

[10] Nicht ermittelt.

[11] Nicht ermittelt.

Hier der Text als pdf.

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