Von Hans-Werner Surkau
An dem Wort kann die bezeichnende Entwicklung abgelesen werden, die unsere Sprache seit der Reformation genommen hat, und die das Verständnis der Lutherbibel für den heutigen Menschen erschwert. In der Sprache des NT ist es eines der Worte, die das ganze Evangelium enthalten, und diese Rolle spielt es auch in Luthers Übersetzung. Später wird es von seiner Bezogenheit auf Christus gelöst und damit zugleich in seiner Bedeutung verdünnt. Es wird dann auch im außerchristlichen Raum gebraucht und wird ein Wort der Gemeinsprache, was sich zuletzt in einer Veränderung des Wortes selbst auswirkt. So kommt es zu den Wortbildungen „erbaulich“ und „Erbauung“, die der Bibel als Wortbildungen und auch dem Sinne nach fremd sind.
Zunächst gebraucht die Bibel das Wort im eigentlichen Sinn: „Nimrod baute Ninive“ (1.Mose 10,11). Diese Bedeutung ist in der ganzen Schrift bezeugt; Häuser werden erbaut (5.Mose 8,12), der Tempel (Joh. 2,20), die Synagoge von Kapernaum (Lk. 7,5). Daneben begegnet schon im AT eine bildliche Verwendung des Ausdrucks, wobei oft das Wort „pflanzen“ daneben steht. Gott wird die Gottlosen „zerbrechen und nicht aufbauen“ (Ps. 28,5); Jeremia wird von Gott gesetzt, um zu „bauen und pflanzen“ (Jer. 1,10; vgl. 24,6; 31,4; 33,7). Das Wort beschreibt hier das gnädige Tun Gottes, wenn er sein Volk wieder annimmt und seine Heimsuchung von ihm nimmt. Ebenso aber wird das Werk des Propheten mit demselben Wort umschrieben; aber er handelt nicht aus eigener Vollmacht, sondern als der Träger des Wortes Gottes, das Gott ihm in seinen Mund legte (1,9). Indem er Gottes Wort ausrichtet, baut und pflanzt er Völker und Königreiche; aber mit demselben Wort Gottes wird er auch „ausreißen, zerbrechen, verstören und verderben“ (1,10). Es ist wichtig, zu sehen, daß Gott der ist, der durch sein Wort ein Volk erbaut, und daß dieses Tun allein in seiner Vollmacht liegt; weder der Prophet noch das Volk „erbauen sich“.
Ganz ebenso stehen nun auch bei dem Wort „Haus“ eigentliche und bildliche Bedeutung nebeneinander. Es kann Sippe, Geschlecht, aber auch Volk und Staat bedeuten (z.B. Jer. 31,31). Beide Vorstellungen sind offenbar schon früh ineinandergeflossen: 1.Sam. 2,35: „Ich aber will mir einen treuen Priester erwecken… dem will ich ein beständiges Haus bauen.“ 2.Sam. 7,16: „Aber dein Haus und dein Königreich soll beständig sein ewiglich…“ 1.Kön. 11,38: „…will mit dir sein und dir ein beständiges Haus bauen, wie ich David gebaut habe.“ Es handelt sich an diesen Stellen offenbar um einen prophetischen Hinweis auf das neue Israel, das Gottesvolk des neuen Bundes, von dem auch Jer. 31,31 spricht. In diesen Zusammenhang gehört endlich Spr. 9,1 ff, wo die Weisheit und die Torheit, personifiziert als Frau Weisheit und Frau Torheit gedacht, ihr „Haus baut“. Es sind diese Stellen erste Hinweise auf die Vorstellung von der Gemeinde als Gottes Haus und Gottes Bauwerk, die uns nun im NT entgegentritt.
„Ich werde bauen meine Gemeinde, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“, so kennzeichnet Jesus sein Werk (Mt. 16,18). Johannes berichtet 2,19 ff von einem Wort Jesu, das dann im Verhör vor dem Hohen Rat wiederkehrt und von Mk. 14,58 ebenso gedeutet wird wie von Johannes 2,21f: die Gemeinde ist sein Leib (Eph. 4,12; 5,23). Das Werk Christi ist auf das Werden einer Gemeinde gerichtet, nicht auf die „Erbauung“ eines einzelnen Gläubigen; sie sind Glieder an dem Leib der Gemeinde und bedeuten nur als Glieder etwas, aber nicht als Einzelne (1. Kor. 12,12 ff; Röm. 12,3 ff). Es hat also von vornherein ein religiöser Individualismus keinen Platz in der Verkündigung des NT. So kann die Gemeinde als Gottes Tempel, Gottes Haus beschrieben werden, ohne daß ausdrücklich von dem einzelnen Gläubigen als einem notwendigen, das Haus begründenden Bestandteil gesprochen wird (Hebr. 3,6; 1.Petr. 4,17; 1.Tim. 3,15). So kennt das NT auch die Vorstellung nicht, daß ein Gläubiger „sich erbaut“ zu diesem Tempel Gottes. Sondern die Vollmacht, zu erbauen, hat Gott allein (Apg. 20,32), ohne daß das NT in dieser Aussage etwa einen Gegensatz zu Mt. 1b, 18 empfindet; denn Jesus ist ja gekommen, Gottes Werk zur Vollendung zu bringen (Joh. 4,34; 19,30). Er ist darum von Gott zum „Eckstein“ gemacht worden (Mt. 21,42; Apg. 4,11), den Gott selbst verheißen hat (Jes. 28,16), und der „bewährt“ ist, wenn ihn auch die, die Gottes Volk zu bauen wähnten, verworfen haben (Ps. 118,22). Zu dieser Weise, Gemeinde zu bauen, bekennt sich Gott selbst, indem er sie den Trost des Heiligen Geistes reichlich erfahren läßt (Apg. 9,31; vgl. auch 15,16 f).
Diese Gedanken hat nun besonders Paulus weiter ausgebildet. Er kennzeichnet, ähnlich wie Jeremia, sein Apostelamt als ein Pflanzen und Bauen (1. Kor. 3,6 ff; Gal. 2,18), wozu als drittes Wort noch „einwurzeln“ tritt (Kol. 2,7). Da er diese Ausdrücke gleichbedeutend nebeneinander gebrauchen kann, ist damit gesagt, daß der Bau der Gemeinde darin sein besonderes Wesen hat, daß die Gemeinde lebt. Ihr Leben aber hat sie, wie eine Pflanze aus ihrer Wurzel, von ihrem Herrn und nicht aus sich selber. Das ist ausgedrückt in dem Nebeneinander der beiden Vorstellungen von Christus als dem Fundament (1.Kor. 3,11) und dem „Eckstein“ (Eph. 2,20). Das hier verwandte Wort, das im außerbiblischen Sprachgebrauch nicht nachweisbar ist, bedeutet wohl den Schlußstein des Gewölbes, der dem ganzen Bau erst seinen Zusammenhalt und Zusammenhang gibt, indem er die anderen Steine davor bewahrt, herabzufallen. Dieser Bau wächst (Eph. 4,16), er ist ja „Gottes Ackerwerk und Bau“ (1Kor.3,9). Es bedeutet keine Unklarheit im Denken des Apostels, wenn beide Bilder ständig nebeneinander hergehen und sich abwechseln; so hatte ja schon Jeremia gesprochen und damit denselben Gedanken ausdrücken wollen, daß nämlich die Gemeinde lebendig ist, weil ihr Herr selbst lebendig ist. Auf denselben Gedanken führt die Vorstellung, daß die Gemeinde der Leib Christi ist, zu dem sie „erbaut wird“ (Eph. 4,12 ff). Dies Erbauen aber geschieht, „bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, so wie Christus in seiner Fülle die Reife der Vollkommenheit besitzt … als solche, die in allen Stücken heranreifen zu Dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengehalten wird … und wiederum so sein Wachstum bewirkt zur Erbauung in der Liebe“ (Urtext). Es geht ein mitreißender Zug des Lebens und Wachstums durch den ganzen Leib, ein Hinwachsen und Reifen zu dem Ziel, die Lebensfülle Christi zu erlangen, „also daß ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gnadengabe“ (so wörtlich 1.Kor. 1,7). Es wird damit deutlich, daß „erbauen“ nicht nur heißen kann, Berührung mit Christus haben und in Verbindung mit Ihm stehen, sondern daß Erbauung nur geschehen kann in der ständigen Mitteilung der Vollmacht Jesu Christi durch den Heiligen Geist.
Zugleich aber ist noch einmal jeder religiöse Individualismus abgewehrt; die Fülle der Gnadengaben ist Besitz der Gemeinde, und jeder Einzelne hat nur Teil daran, sofern und soweit er Glied der Gemeinde ist und bleibt. An dies Ziel von Eph. 4,12 ff reicht „Erbauung“ in unserem heutigen Verstände nicht heran. Hier wird der Gemeinde ein Bild vor Augen gestellt, das niemals ein Gläubiger sich selbst als „Ideal“ zu wählen wagen würde — und wenn er es täte, so geschähe es nur aus einer alle menschlichen Möglichkeiten weit überschätzenden und letztlich unfrommen und gotteslästerlichen Selbstüberhebung. So leben kann die Gemeinde und jedes ihrer Glieder nur im Glauben daran, daß „nicht ich lebe, sondern Christus in mir“ (Gal 2,20). Dieser Glaube aber kommt und wird genährt aus dem Wort Gottes. So wird vom NT her Jer. 1,10 verständlich, so auch jenes Bild aus Eph. 2,20, daß die Propheten und Apostel die Gemeinde tragen, zu deren Dienst sie von Christus selbst eingesetzt sind (Eph. 4,11). Darum wird ihr Dienst auch nach dem einen Maßstab gemessen, daß die Gemeinde dadurch „erbaut“ werde (1.Kor. 14,3 ff; in diesem Kapitel hat Luther das Wort ‚erbauen‘ durchweg mit „bessern“ wiedergegeben). Die Auslegung des Wortes Gottes soll in der Weise erfolgen, daß das Werk der Erbauung der Gemeinde auf Christus hin geschehe, nicht aber so, daß dadurch Überschwang und Erregung oder gar ein Bei-Sich-Selbst-Bleiben entsteht. Durch 1.Kor. 14 ist allem „erbaulich Reden“ im heutigen Sinne des Wortes das Lebensrecht in der Gemeinde Jesu Christi endgültig abgeschnitten. Ein wirklich erbauendes Reden kann also nur darin bestehen, daß Christus und sein Tun bezeugt wird.
Diese Linie wird nun auch nach Paulus festgehalten. 1. Petr. 2,3 ff: „Zu ihm (Christus) seid auch ihr gekommen, dem lebendigen Stein … und werdet nun erbaut zu einem geistgewirkten (d.i. durch den Geist Gottes geschaffenen) Hause als eine heilige Priesterschaft, um geistgewirkte Opfer darzubringen, die Gott durch Jesus Christus willkommen sind“ (Urtext). Der Geist Gottes ist die Kraft, die dies Haus erbaut und selbst die Opfer wirkt, die die Gemeinde aus sich heraus nicht bringen könnte (vgl. Mt. 7,17 f). Auch hier gilt: „der Geist ist es, der das Leben schafft“ (Joh. 6, 63). Darum besteht das Rühmen der Gemeinde darin, daß sie bis ans Ende ihr Vertrauen und ihre Zuversicht ganz allein auf Den setzt, der der Herr dieses Hauses im umfassendsten Sinne des Wortes ist (Hebr. 3,6; 1.Petr. 1,13).
So ist unser Wort eines der vielen, die das neue Leben des Christen beschreiben. Gott hat nach seinem Willen, alle Menschen zu erretten (1.Tim. 2,4), die Seinen herausgerissen aus der Gewalt dieser Welt und hineinversetzt unter die königliche Herrschaft seines Sohnes (Kol. 1,13). Er hat ein wildes Reis auf einen edlen Zweig gepfropft; nun fließt der Saft herüber in das wilde Reis, und dieses darf Früchte als seine Früchte ansprechen, an die es nie gedacht hat. Dadurch sind die Christen auf Christus erbaut; sie werden aber weiterhin erbaut, wenn sie an Ihm und Seinem Wort bleiben. So entstehen die Früchte, die Gott wohlgefälligen Opfer. Wer so lebt, ist klug, weil er — sofern hier noch von ihm wirklich zutreffend geredet werden kann — auf festem Grund, auf dem lebendigen Grund gebaut hat (Mt. 7,24–27). Der ist recht „erbaut“!
Zur weiteren Entwicklung des Wortes ist zu sagen, daß das Eigenschaftswort „erbaulich“ und das dazugehörige Hauptwort „Erbauung“ erstmalig im 17. Jahrhundert in der Literatur belegt sind und in dem Sinne „das Gemüt durch fromme Gedanken erheben“ wohl erst durch den Pietismus weiter verbreitet worden sind. Goethe hat es in diesem Sinne gekannt und verwandt wie Uhland- und Fontane nach ihm. Seit dem 18. Jahrhundert wird das Wort dann auch von nichtreligiöser Erhebung gebraucht, wofür auch wiederum Goethe Belege bietet. Später sinkt das Wort dann zur Bedeutung „Freude machen, befriedigen“ herab.
Quelle: Biblisch-Theologisches Handwörterbuch zur Lutherbibel und zu neueren Übersetzungen, hrsg. v. Edo Osterloh und Hans Engelland, 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Rup-recht 1959, S. 113-115.