Christine Lavant, Jesus Christus, ich bete und bete: „Deshalb, Herr Christus, ist mein Gebet / vielleicht ein Köder, der gar nicht dich meint, / obwohl ich an deine Herrlichkeit glaube, / obwohl ich täglich schöner dich schaue / mit meinen unwürdigen Augen.“

Jesus Christus, ich bete und bete

Jesus Christus, ich bete und bete,
aber ich weiß, daß du abwarten mußt
die Zeit meiner eigenen Heilung.
Jetzt liegt mir ja Gift im Blut herum
und mein Herz ist eine offene Falle,
auch meine Gedanken, wenn sie nicht beten,
sind schlaue grausame Schlingen.
So, wie ich bin, kann ich nicht verlangen,
daß du jetzt eingehst unter mein Dach,
denn selbst meine eigene Mutter würde
kaum noch bei mir übernachten.
Ich glaub nicht, daß ich mich reinigen kann,
ich finde in mir kein Bröselchen Würde,
und die Demut, wenn sie mich überkommt,
wird süchtig von allen Giften.
Auch ist mein Herz so nach Liebe aus,
nach der einfachen wärmenden Menschenliebe,
von der es meint, daß sie heilig macht
und den Zustand des Himmels bereitet.
Deshalb, Herr Christus, ist mein Gebet
vielleicht ein Köder, der gar nicht dich meint,
obwohl ich an deine Herrlichkeit glaube,
obwohl ich täglich schöner dich schaue
mit meinen unwürdigen Augen.

Christine Lavant

Quelle: Christine Lavant, Die Bettlerschale. Gedichte, Salzburg: Otto Müller, 1956, S. 145.

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