Kornelis Heiko Miskotte zum 75. Geburtstag[1]
Von Helmut Gollwitzer
Kleine Völker können eine große Sendung für die anderen haben. An der Tschechoslowakei haben wir das soeben erfahren. Größere Völker können diese Sendung wirkungslos machen, sich gegen sie abschließen oder sich ihr öffnen. Kleiner Sprachraum ist eine Barriere für weiterreichende Wirkung, die nur von den großen Völkern her aufgebrochen werden kann, wenn sie hereinholen, was in den kleineren Räumen für sie bereitliegt. Dazu gehört Aufmerksamkeit nach außen und Verzicht auf den Hochmut der Großen.
In den Niederlanden ist in diesen Jahrzehnten kirchlich und theologisch viel geschehen. Die lebendige Bewegung des dortigen Katholizismus erregt Aufsehen, der holländische Katechismus wird bei uns zum Bestseller. Was sich im dortigen Protestantismus bewegt, verdient nicht weniger unsere Beachtung. Die Auflösung des volkskirchlichen Bestandes und die Schrumpfung der Gemeinden ist dort noch sichtbarer als bei uns; die Kirchen sind ohne Finanzamt-Mitwirkung bei der Erhebung der Kirchenbeiträge und ohne große Staatszuschüsse ärmer und daher mehr gezwungen, nach neuen Formen ihres Dienstes zu suchen. Nach dem letzten Kriege fand ein „Durchbruch“ durch die traditionelle Mauer antisozialistischer kirchlicher Haltung, eine neue Begegnung zwischen Kirche und Arbeiterpartei statt. Der Herausforderung durch den Verlust des kolonialen Reichtums mußte geistlich und politisch begegnet werden. Neue Gruppen, vor allem von der jungen Generation getragen, fanden sich zu neuer Formulierung des christlich-politischen Auftrags zusammen und erwiesen sich als erfinderisch in der Praxis. Überlieferte Judenfreundlichkeit im Calvinismus und immer lebendig gebliebene Beziehung zum Alten Testament ließen durch die Erfahrung der deutschen Okkupation, in der die holländische Bevölkerung prozentual sehr viel mehr untergetauchte Juden rettete, als uns dies in Deutschland gelang, und durch die Gründung des Staates Israel die Erkenntnis der Notwendigkeit einer gründlichen Revision der bisherigen kirchlichen Anschauungen über das Judentum entstehen und ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Judentum suchen. Im theologischen Bereich erschienen dazu und über das Verhältnis des christlichen Glaubens zur Philosophie, zu den Wissenschaften und zur Politik wichtige Arbeiten, die bei uns noch zu wenig bekannt geworden sind.
An dem allen war, obwohl oft genug alleinstehend und unverstanden, ein Mann zentral, vorausschauend und vorausgehend, Mut machend, Anstöße gebend, die Probleme im Denken durchdringend, beteiligt, der aus dem geistigen und religiösen Leben Hollands in diesem Jahrhundert nicht wegzudenken ist: Kornelis Heiko Miskotte, der am 23. September 1969 75 Jahre wurde. In Deutschland ist er erst durch die Übersetzung eines seiner Hauptwerke, „Wenn die Götter schweigen“ (München 1963), einer weiteren Leserschaft bekannt geworden.
Der Zeitgenossenschaft schonungslos ausgesetzt, Nihilismus und Atheismus von innen kennend, ein existentieller Bibelhörer, zugleich weitreichend gebildet, vermochte er in diesem Buche die Verbindung zwischen dem gegenwärtigen Menschen in einer Welt der stumm gewordenen, zermahlenen, aber immer noch Menschenleben zermahlenden Götter und der Gottesstimme des Alten Testaments herzustellen, Theologie als Aktualisierung der Bibel, frei von allem akademischen Wissenschaftsritual, dynamisch in die Sinnsuche der Zeitgenossen eindringen zu lassen.
Diesem Buch ist eine lebenslange Bemühung um das theologische Gespräch über Israel, um eine Neufundierung des Verhältnisses von Kirche und Synagoge vorausgegangen. Mit seiner Dissertation „Das Wesen der jüdischen Religion“ (1932, leider noch unübersetzt) hat Miskotte mit einem Schlage die christliche Israel-Theologie auf ein neues Niveau gehoben. Unter dem bedeutsamen Titel „Edda und Thora“ gibt er 1939, erschüttert von heidnischen Hintergründen des Nationalsozialismus, aufs neue Zeugnis, visionär und gewaltig, von dem Gotte Israels, der allein Befreiung wirkt aus den gottlosen Bindungen der Welt. Wie wenig es dabei um bloß theoretische Probleme ging, wie unmittelbar praktisch dies gemeint war, ging vielen, denen er bis dahin unverständlich geblieben war, auf, als nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 auch dort die Judenverfolgung einsetzte. Nach dem Februarstreik der Amsterdamer Arbeiter gegen die Deportation ihrer jüdischen Mitbürger wurde ein anonymes Flugblatt mit dem Titel „Besserer Widerstand“ weit verbreitet. Es stammte von Miskotte, der — damals Pfarrer in Amsterdam — im gleichen Sinne von seiner Kanzel sich hören ließ. Er hat damit die besten Traditionen holländischer Geschichte — die aus Humanismus und Handelsleben entstandene Gesinnung der Toleranz und die biblische Sättigung calvinistischer Theologie — in einer einmaligen Weise vereinigt und aktualisiert. Nach dem Kriege ist diese Erkenntnis im holländischen Protestantismus lebendig geblieben: das „Gespräch mit Israel“ als unerläßliche Lebensbewegung der christlichen Kirche. In der oekumenischen Bewegung hat sich das, wie die oekumenischen Beratungen in Uppsala 1968 und Canterbury 1969 sehr enttäuschend bewiesen haben, noch längst nicht herumgesprochen.
Miskotte ist in dieser Nachkriegszeit als der große Lehrer derjenigen biblischen Bewegung erkannt worden, durch die die Kirche vom Alten Testament her sowohl für das Gespräch mit dem Judentum wie für die Zuwendung zum Menschen des Nihilismus wie für die Teilnahme an der sozialen Aufgabe der Gegenwart geöffnet wird. Seine oben erwähnte Dissertation wurde 1964 neu aufgelegt; auf seine Initiative hin haben niederländische Dichter eine Neudichtung des Psalters für den Gemeindegesang geschaffen; seine Arbeiten zur Interpretation der Bibel sind einzigartige Hilfeleistungen für den heute um Neuorientierung ringenden Intellektuellen.
Nun werden zum ersten Male zu seinem 75. Geburtstag einige seiner vielen Predigten, die im Holländischen veröffentlicht sind, deutschen Lesern zugänglich gemacht.
Wird es sich herumsprechen, daß hier etwas sehr anderes zu finden ist als — wenn auch noch so gute — kirchliche Normalpredigten, vielmehr eine Art heutiger christlicher Rede gänzlich sui generis. Was sog. „moderne Theologie“ sich zur Aufgabe stellt, Herübertragen biblischer Worte in heutiges Denken und Erfahren, das geschieht hier wie selten sonst; das Seltene daran aber ist, daß da weder die Freiheit des Zeitgenossen gegenüber der alten Botschaft, seine Befremdung durch sie, seine tiefen Zweifel und seine ärgerliche Abwehr verschwiegen bleiben — sie kommen aus innerer Teilnahme zu Wort —, noch auch von dem Befremdlichen der Botschaft der Anpassung halber etwas abgestrichen wird. Hier geschieht wirklich Konfrontation, Begegnung, auch Zusammenstoß, dem der Zusammenstoß im Herzen und Kopf des Redners vorhergegangen war. Aber die Fronten bleiben nicht starr, sie ringen miteinander; das Ringen ist echt, atemlos wird der Hörer dessen Zeuge, bleibt aber nicht nur Zuschauer, sondern hört den Redner als seinen Vertreter, ist selbst zusammen mit dem Redner der Schauplatz dieses Ringens. Und dann geschieht immer wieder, wie in der Morgenfrühe am Jabbok nach Jakobs Kampf, der Sieg der Freude, das Auf atmen, das große Hineinstaunen in die Ewigkeit, in die Wirklichkeit des Gottes, von dem die biblischen Worte sprechen, als eine Wirklichkeit des Lichtes, trotz ihrer Rätselhaftigkeit, über ihre Rätselhaftigkeit hinaus. Es wird nichts erspart, nichts geschenkt, nichts verharmlost; intellektuelle Anstrengung wird gefordert, emotionale Erregung nicht gescheut. Die Predigten sind z. T. in Gottesdiensten außerhalb der normalen Zeit, die Ereignisse im geistigen Leben Amsterdams gewesen sind, gehalten worden; darum ihre alle Maße sprengende Länge, darum die Zumutungen, die sie an das Mitdenken der Hörer stellen. Sie sind Dokumente großer christlicher Rede, tiefen christlichen Denkens, Aufschließungen der Unsterblichkeit der Bibel, die „jeden Morgen neu“, jedem Geschlecht neu und überraschend ist. Es gibt soviele unter uns, die diese Aufschließungen dringend nötig haben.
Quelle: Evangelische Theologie 29 (1969), S. 561-563.
[1] Es handelt sich um das geplante, aber nicht mehr zum Druck gelangte Vorwort zu dem soeben erschienenen Buch Miskottes „Predigten in vier Jahrzehnten“. Mit ihm grüßen Herausgeber und Verlag den Jubilar mit allen herzlichen Wünschen (Ernst Wolf).