Hans Joachim Iwand, Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen. Antwort auf W. Hauers „Deutsche Gottschau“ (1935): „Es würde nicht schwer sein, die Übergänge aufzuweisen, die von der christlichen Theologie unseres und des vorigen Jahrhunderts zu Hauer weisen, und mancher ‚christliche Theologe‘ würde wohl erschrecken, wenn er auf diese seine illegitimen Kinder angesprochen würde. Die Erklärung für diese innere Verwandtschaft, die wohl auch Hauer nicht allzu gern zugeben würde, liegt darin, daß die Quellen der „deutschen Gottschau“ in die Geisteswelt des deutschen Idealismus zurückweisen, in dieselbe Welt, aus der die uns überkommene Theologie gelebt hat. Und das ist das Entscheidende und grundsätzlich Positive, daß durch Hauer in der breiten Öffentlichkeit diese immer wieder versuchte Synthese klipp und klar negiert wird, daß dieser Versuch, den christlichen Glauben aus dem Geist des deutschen Idealismus heraus neu zu beleben, damit am Ende seiner Kunst ist. Denn diese Synthese ist der Verrat am christlichen Glauben, nicht weil es ‚deutscher‘ Idealismus ist, sondern weil es deutscher ‚Idealismus‘ ist und der Glaube an Jesus Christus nichts mit der Idee der Gottheit zu tun hat, sondern mit dem Wort des lebendigen Gottes, nicht mit einem Bild, das sich der Mensch von Gott macht, sondern mit dem, der das Ebenbild Gottes ist.“

Wir wandeln im Glauben, nicht im Schauen. Antwort auf W. Hauers „Deutsche Gottschau“ (1935) [1]

Von Hans Joachim Iwand

I.

„Deutsche Gottschau – Grundzüge eines deutschen Glaubens“[2] – das ist der Titel, den Hauer seinem Buch über die Grundzüge und Ziele der Deutschen Glaubensbewegung gegeben hat. Es ist ein Buch „für das Volk bestimmt, nicht für Theologen und Religionsphilosophen“, es gibt sich als der „lebendige Ausdruck dessen, was ich (W. Hauer) als religiöse Erfahrung und Überzeugung in mir trage“. Es beginnt mit dem Bekenntnis: „Wir sind Kämpfer für einen Glauben wider allen Unglauben“ (S. 1), und es endet mit einer klaren Abgrenzung gegenüber dem Glauben an Jesus Christus: „Unsere Haltung Jesus gegenüber wird einfach davon bestimmt, daß wir ihn nicht als einzig maßgebenden Führer brauchen“ (S. 252). Das ist der Anspruch, den die Deutsche Glaubensbewegung erhebt: Glaube an Gott zu sein, aber nicht Glaube an Jesus Christus, religiös zu sein, aber nicht christlich. „Für den deutsch-gläubigen Menschen kann es keinen anderen Führer geben als den religiösen Urwillen des deutschen Volkes“ (a. a. O.).

Man kann der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbewegung (A.D.G.) an vielen Punkten Unklarheit vorwerfen, sie will ja auch selbst als eine im Werden begriffene Bewegung verstanden werden, aber in diesem einen Punkte ist jede wünschenswerte Klarheit vorhanden und in dieser einen Richtung wird die Bewegung, die sich hier vollzieht, eindeutig festgelegt: „Wir glauben auch, daß gerade an diesem wesentlichen Punkte ein tiefgreifender Unterschied besteht zwischen einer älteren Generation von Kämpfern um ein verdeutschtes Christentum und der Jugend, die heute einem deutschen Glauben zustrebt, daß jene alten Kämpfer (wen meint Hauer eigentlich?) irgendwie noch Jesus brauchen oder zu brauchen meinen, daß aber diese Jugend die Frage nach Jesus nicht mehr im Innersten bewegt, daß er, so hart das vielen klingen mag, für sie nicht Lebensproblem ist“ (S. 253). Mag auch das Wohin des Weges, den Hauer die deutsche Jugend führen möchte, bzw. ziehen sieht, nur in vagen Umrissen zu erkennen sein, das Woher ist deutlich greifbar: „Die Herrschaft des Christentums im germanisch-deutschen Raume als normative Macht war aufs Ganze der Geschichte gesehen nichts als eine Episode von tausend Jahren, die nun zu Ende geht“ (S. 44). Das christliche Zeitalter – eine Durchgangsstufe in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Geistes, vielleicht eine fruchtbare, vielleicht eine unvermeidliche Entwicklungsstufe, aber heute eine Sache, deren Ende sich absehen läßt. Aus dem alten Raum, der morsch und dürr geworden ist, schoß ein junges Reis auf – die deutsche Gottschau tritt in die Rechte des christlichen Glaubens in deutschen Ländern ein. Das ist – was uns als Christen angeht – eine klare Sprache. Wollt’s Gott, wir könnten ebenso klar antworten.

Es ist nicht leicht, Hauer zu antworten. Nicht als ob uns Hauer durch seine Angriffe gegen das Christentum in eine ausweglose Verlegenheit gebracht hätte. Es gibt Angriffe gegen das Christentum, die gefährlicher waren als diese. Aber es ist trotzdem gar nicht so leicht, Hauer recht zu antworten, weil man möchte, daß das, was Hauer sagt, erst einmal richtig zu Herzen käme, weil man möchte, daß dies Feuer erst einmal den ganzen Stoppelacker unserer sogenannten Christlichkeit kahl fräße, damit das Feld wieder zur Ursaat frei würde. Oder mit anderen Worten: Es ist fraglich, ob jetzt schon die Stunde da ist zu antworten, ob nicht noch viel mehr von dem, was Hauer und seine Bewegung gegen das Christentum – und zwar eben gegen das Christentum von heute vorzubringen haben, vorgebracht werden muß, damit der Weg, auf dem wir geführt werden, zu Ende gegangen wird, und die Entscheidung, zu der dieser Weg hintreibt, vor aller Augen liegt, das Entweder–Oder zwischen der „deutschen Gottschau“ und dem „Glauben an Jesus Christus den Gekreuzigten“. Hier wird die Frage aus dem Sack gelassen, hier wird ganz deutlich, was eben nach dem Willen der synkretistischen Theologie des Jahres 1933 nicht deutlich werden sollte: daß wir von Natur aus nicht Christen sind noch sein können, daß man als Christ getauft und nicht geboren wird und daß das christliche Leben eine vita nova ist, die keiner menschlichen Art (auch nicht der jüdisch-semitischen) gemacht und darum jeder Art (auch der germanisch-deutschen) zuwider ist. Hauer ist darin ehrlich, daß er diese Entscheidung sieht und aufdeckt; Hauer ist darin im Irrtum, daß er glaubt, sie sei eine Entscheidung zwischen zwei typisch verschiedenen Kulturen, sie sei also eine im letzten Grunde innerweltliche, kulturelle, geistesgeschichtliche Entscheidung, während sie die Entscheidung ist, die jeden in seiner Art trifft, den Juden so wie den Griechen. Denn der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, dem Gekreuzigten ist der Jude nicht näher dank seines Judentums und der Deutsche nicht ferner dank seiner deutschen Art. Hier, wo es um die Notwendigkeit geht, fallen diese – sonst vielleicht sehr relevanten – Unterschiede dahin, und damit fallen auch die Verstecke, in denen sich der Mensch diesem Anrufe Gottes zu entziehen sucht.

Aber, wie gesagt, solange noch das artgemäße Christentum durch Bischöfe, Pfarrer und Älteste in der Deutschen Evangelischen Kirche vertreten, gefördert, gebildet und in Glaubensgemeinschaft bejaht wird, ist es eigentlich noch nicht an der Zeit, wider Hauer zu reden – oder es ist wenigstens für uns noch nicht an der Zeit. Wir haben lange und eindringlich genug auf das hingewiesen, was kommen mußte, wenn die Kirche diesen Weg weiterginge, den sie im 19. und 20. Jahrhundert nun einmal gegangen ist – wir sind daran müde geworden, wir sind nicht gehört, verlacht, stumm gemacht worden. Sollen wir jetzt Gott in den Arm fallen, wenn er diesem Geschlecht mit den tauben Ohren und den harten Herzen einen anderen Boten sendet, der mit anderen, scheinbar eindrucksvolleren Methoden der deutschen Christenheit klar macht, wo sie steht? Solange mit den Worten der Schrift und aus theologischen Gründen die Notwendigkeit einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern gefordert und erbeten, erstrebt und erstritten wurde, hat das keinen Eindruck auf die maßgebenden Instanzen gemacht; aber wenn die A.D.G. eine Kundgebung im Berliner Sportpalast veranstaltet, und wenn dort proklamiert wird, daß diese Bewegung über die Kirchen zur Tagesordnung hinweggehen würde, wenn dies öffentlich gestattet wird, und die Presse wohlwollend und aufmunternd dazu Stellung nimmt, dann ergreift ein Erschrecken die eben noch so Sicheren und Unbelehrbaren, die Götter, an die sie glauben, die Massen, die Öffentlichkeit, die Zeit stehen wider sie auf, ihre Götter, vor denen sie sich fürchten und auf die sie hören.

Sollen wir diesem Gottesgericht in die Arme fallen? Was würde es nützen? Was würde es nützen, wenn sich die Christenheit noch einmal beruhigen, wenn alles noch einmal den Kopf in den Sand stecken würde? Das würde nicht nur nichts nützen, sondern schaden! Die Deutsche Glaubensbewegung ist die Antwort, die das Geschehen innerhalb der deutschen, evangelischen Kirche unter der Ägide der D.C. gefunden hat. Hauer hat es selbst einmal ausgesprochen, daß die Gründungsversammlung der A.D.G. die Antwort sein wollte auf den Einsatz politischer Machtmittel, der im Sommer 1933 von dem deutsch-christlichen Kirchenregiment erstrebt worden ist und der scheinbar auch heute die einzige Hoffnung ist, an die man sich da klammert.

Und wie steht es denn, wenn wir das, was bei Hauer gesagt, geglaubt und gelehrt wird, mit dem vergleichen, was auf und unter unseren Kanzeln gesagt und geglaubt, was von und unter unseren Kathedern, in Schule und Hochschule als christlicher Glaube gelehrt und gelernt wird? Wenn wir die Zeugnisse der A.D.G. durchblättern, dann wissen wir, wo diese Saat gesät ist, und daß die kein Recht haben, die Vögel aus dem Nest zu stoßen, die sie selbst ausgebreitet haben. Wenn Hauer das, was er sagt, nicht so offen im Gegensatz zum Christentum sagen, wenn er die Antithese nicht so schonungslos aufdecken würde, wenn alles ins Christliche umgebogen, christlich gefärbt und betitelt wäre, ich glaube wohl, es würde schwer fallen, unseren Zeitgenossen zu zeigen, daß das nicht christlicher Glaube ist. Und das müssen wir Hauer lassen: Er versteht wenigstens soviel vom Christentum, daß er weiß, daß diese seine „deutsche Gottschau“ damit nichts mehr zu tun hat. Hier hat wenigstens einer den Mut gehabt, den Schnitt zu vollziehen, im Unterschied zu den vielen anderen, die die dicta probantia dieser Bewegung glatt unterzeichnen würden, wenn sie nur eine Möglichkeit sähen, sie in einem christlichen Katechismus unterzubringen.

„Glaube ist ein Trauen der Gewalt, die im Herzen wohnt, wo der schaffende Gott sich dem Vertrauenden und Opferbereiten eint – Glaube ist Meisterung der Aufgabe, die des Gottes Walten an uns stellt“ (S. 1) – Klingt das nicht wie der religiöse Leitartikel in der Sonntagszeitung? Oder wenn wir lesen: „Volksgeschichte ist Gottesgeschichte und Volkswerdung Gestaltwerdung des Willens Gottes“ (S. 65) – wie oft sind wir selbst nicht nahe daran, das zu sagen und zu glauben und damit die Bedeutung der Kirche für das Volkstum zu begründen! Aber wenn es bei „Hauer“ steht, dann fragt alles, dann erklärt alles, das sei etwas ganz anderes. Nun gut, zeigen wir, worin das andere liegt! Oder wenn Hauer sagt, und da liegt eben das Entscheidende seiner Position: „In uns ist der Zugang zum verborgenen Mittelpunkt der Welt, zum Urgrund und zur letzten Wirklichkeit. Es gibt keinen Menschen, der nicht von Natur kraft seines Menschseins in den ewigen Lebensgrund eingebettet wäre und somit die Möglichkeit und Voraussetzung des Glaubens in sich selber trüge“ (S. 213), dann wissen wir, daß Hauer prinzipiell auch alle die „Christen“ und die „christlichen Theologen“ auf seiner Seite hat, die vom „freien Willen“, vom „religiösen Anknüpfungspunkt“, vom „besseren Teil in uns“ nicht lassen wollen, die da meinen, Jesus Christus religionsgeschichtlich und religionspsychologisch begreifen und dahin ein sagen zu können, kurzum eben die, die da meinen, der menschliche Geist sei ein Teil des großen, göttlichen Allgeistes, und Glaube sei das Einswerden des endlichen Geistes mit dem unendlichen Geist. Weil die Frömmigkeit unserer Zeit längst schon Mystik war, darum ruft heute alles nach dem Mythus dem alten Gesetz zufolge: „Ihr gleicht dem Geist, den ihr begreift.“

Es würde nicht schwer sein, die Übergänge aufzuweisen, die von der christlichen Theologie unseres und des vorigen Jahrhunderts zu Hauer weisen, und mancher „christliche Theologe“ würde wohl erschrecken, wenn er auf diese seine illegitimen Kinder angesprochen würde. Die Erklärung für diese innere Verwandtschaft, die wohl auch Hauer nicht allzu gern zugeben würde, liegt darin, daß die Quellen der „deutschen Gottschau“ in die Geisteswelt des deutschen Idealismus zurückweisen, in dieselbe Welt, aus der die uns überkommene Theologie gelebt hat. Und das ist das Entscheidende und grundsätzlich Positive, daß durch Hauer in der breiten Öffentlichkeit diese immer wieder versuchte Synthese klipp und klar negiert wird, daß dieser Versuch, den christlichen Glauben aus dem Geist des deutschen Idealismus heraus neu zu beleben, damit am Ende seiner Kunst ist. Denn diese Synthese ist der Verrat am christlichen Glauben, nicht weil es „deutscher“ Idealismus ist, sondern weil es deutscher „Idealismus“ ist und der Glaube an Jesus Christus nichts mit der Idee der Gottheit zu tun hat, sondern mit dem Wort des lebendigen Gottes, nicht mit einem Bild, das sich der Mensch von Gott macht, sondern mit dem, der das Ebenbild Gottes ist.

II.

Wir müssen hier verweilen, um zu verstehen, was dieser „Idealismus“, den Hauer ins Zentrum der deutschen Religiosität und Sittlichkeit gestellt wissen will, bedeutet. Es ist nicht mehr der Idealismus der Humanität an sich – auf den Schlachtfeldern Europas ist der Glaube an das grand être, genannt Mensch, bloßgestellt und nicht mehr mit heimgebracht –, sondern es ist der Idealismus der Rasse. Es ist nicht mehr der Mensch an sich, der zum Ideal erhoben wird, sondern der uns artgemäße, der besondere, mit dem germanisch-nordischen Menschen gegebene Typ, der uns zur letzten und höchsten Verpflichtung gesetzt ist. Es ist nicht so, als ob Hauer Blut und Rasse zu Götzen erhebt, denen der Mensch unterworfen ist (S. 63), er unterscheidet zwischen dem Glauben an die letzte Wirklichkeit, die er die „religiös-schaffende Substanz“ oder auch den „religiösen Urwillen“ nennt (S. 235), und zwischen der Art und Weise, in der diese „letzte Wirklichkeit“ erfahren wird. Es ist die Unterscheidung zwischen Wesen und Form, die aber als solche nur in abstracto zu vollziehen ist. Denn diese „letzte Wirklichkeit“ und die Einheit mit ihr, die der Glaube ist, gestaltet sich in der Mannigfaltigkeit und Ordnung verschiedenen „Seelentums“, so wie das Leben in der Natur in mannigfachen Arten in Erscheinung tritt. Und es ist der Tod dieses „Lebendigen in der Tiefe“, wenn es in ein ihm nicht wesensgemäßes Seelentum verpflanzt wird. „Denn dies eine darf auf keinen Fall vergessen werden, daß die Wesensform eines Glaubens, sein Seelentum, nicht nur nicht gleichgültig ist für das Sein und die Lebensgestaltung eines Menschen, sondern von entscheidender Bedeutung“ (S. 236). Darum ist das „Seelentum oder die Wesensform einer fremden Religion tief genug gesehen unheilvoll für ein Volk“, und das „innere Schicksal eines Volkes hängt entscheidend davon ab, daß es das religiöse Seelentum, die Wesensform des Glaubens finde, die seiner Art gemäß ist“ (S. 237). Der Versuch, ein Volk in seiner Glaubenshaltung in ein „fremdes Seelentum“ hineinzuzwingen, kann nichts anderes zur Folge haben als „seelische Zerrüttung und geistige Unordnung“ (S. 237).

Von da aus verstehen wir, was „Rasse“ für die Glaubenshaltung bedeutet. Mit ihr „verknüpft sich alles Beste und Höchste, das wir erjagen und erstreben“ (S. 52). Für den deutschen Menschen ist dieses „Idealbild“ mit der nordischen Rasse gegeben; denn „nordische Art“ ist das „göttliche Schicksal des Indogermanentums von jeher gewesen und wird es bleiben“ (S. 53). Rasse ist also für den Menschen das „Bild des, das er werden soll“. Es ist der neue Name für das Gesetz, das uns im Innersten geist-leiblich eingepflanzt ist. So daß Hauer sagen kann: „Dieser göttliche Gestaltwille, der nie ganz Wirklichkeit ist, der immer Sehnsucht und Ziel bleibt, ist das ‚Soll‘ einer Rasse“ (S. 53).

Der würde also Hauer mißverstehen, der meinte, Hauer lehre den Glauben an die Rasse, sondern Hauer lehrt in Wahrheit den Glauben an die letzte Wirklichkeit des Göttlichen in uns, aber er lehrt diesen Glauben an Gott in der unser, der indogermanischen Rasse gemäßen Form. Es ist der artgemäße Glaube, den er lehrt, und weil das Christentum durch „den vorderasiatisch-semitischen Charakter des Judentums“ (S. 247) bestimmt und daher der indogermanischen Rasse nicht artgemäß ist, sucht er die Verschlingungen zu lösen, die sich durch die Überfremdung mit semitischem Seelentum ergeben haben und die uns den Glauben an die göttliche Offenbarung in der Weltwirklichkeit verdeckt und unzugänglich gemacht haben. Die „Einübung ins Christentum“ hat die deutsche Seele verkrüppelt und verbogen, zumal wenn immer wieder versucht wird, die „deutsche Jugend“ zu einem „Sündenerlebnis paulinisch-lutherischer Art anzuleiten“ (S. 135). Es geht Hauer darum, dem deutschen Menschen den Zugang zu Gott wieder zu erschließen und ihn anzuleiten, Gott da zu finden, wo er ihn – schicksalsbestimmt und seiner Ordnung gemäß – finden kann. Kurz gesagt: Hauer erklärt, daß Jesus nicht nur nicht der Weg, sondern der Irrweg ist, auf dem – normalerweise – ein deutscher Mensch Gott nicht nur nicht findet, sondern verliert! Die Rassentheorie ist nur die Erklärung eines voraufgegangenen Faktums – dessen, daß wir Gott in Jesus Christus nicht mehr gefun­den, ja mehr, daß wir ihn verloren haben. Die deutsche Christenheit entdeckt, daß sie gottlos geworden ist, und auf einmal begreift sie warum! Weil sie Gott da gesucht hat, wo sie ihn ihrer Bestimmung gemäß nicht finden kann, in den Vorstellungen und Denkformen eines ihr nicht artgemäßen Seelentums.

Jesus Christus steht uns im Wege, wenn wir den Durchbruch zu Gott vollziehen wollen; es muß diese Gestalt erst aus der Mitte getan werden, damit das göttliche Licht sich wieder unmittelbar, ohne Mittler, im Seelengrunde spiegeln kann. Darum wird Eckhart so oft und gern zitiert – ob mit oder ohne Recht, bleibe dahingestellt – denn der „Seelengrund“ ist der „Geburtsgrund der Gottesgegenwart selbst“, er ist „unerschaffen“ und damit gottgleich, er ist „das Licht, mit dem der Mensch Gott wahrnimmt, wie er ist“, vermöge dessen „er Gott unmittelbar erfahren kann ohne Mittler, ohne Wort, kraft seines eigenen innersten Wesens“ (S. 187).

Das heißt Anschauung des Göttlichen im inneren Grund des eigenen Wesens, das ist das Schibboleth der „deutschen Gottschau“ im Gegensatz zum „Glauben an Jesus Christus“.

Von hier aus gesehen tritt also alles das, was Hauer über Art, Rasse und artgemäße Gotteserkenntnis sagt, zurück vor dem anderen, daß wir Gott verloren haben, weil wir ihn suchten in Jesus Christus. Denn die Zuflucht in die „artgemäße“ Erkenntnis ist eine Folge davon, daß unser Gottsuchen als Christen, d. h. in Jesus Christus gescheitert ist. Die „artgemäße“ Gotteserkenntnis ist nicht die „unschuldige“ Hoffnung derer, die nichts von Christus wissen, sondern die letzte Zuflucht und verzweifelte Hoffnung einer gottlos gewordenen Christenheit, die mit Jesus Christus „fertig“ ist. „Wir haben uns daran gewöhnt, auch solchen Erkenntnissen tapfer ins Angesicht zu sehen, die uns zunächst (!) erschrecken wollten, weil wir die Erfahrung machen durften, daß es keinen besseren Weg zum Ziele gibt als unbedingte Unternehmung der Wirklichkeit und unerschrockenes Jasagen zum Leben, so wie es mit uns umgeht. Und so ist es mit uns umgegangen. Das war der Wille des ewig Schaffenden für uns, daß wir des Seins ewig tragenden Grund und den unerschütterlichen Halt des Lebens fanden – nicht durch Jesus“ (S. 253).

So verkündet Hauer die ihm selbst widerfahrene Befreiung seinen Volksgenossen. „Erlösung vom Christentum“ ist eigentlich das Thema alles dessen, was er über das Welterlebnis, über die Haltung Leben und Tod gegenüber, über Heimat und Erde, Liebe und Mutterschaft, Kameradschaft und Treue, Schuld und Sühne, Verantwortung und Lebenswerk ausführt. So wie er selbst sagt, daß all diese Themen nur Variationen des einen Grundthemas sind, werden wir alles Mögliche, Richtige und Treffende, gegen diese Einzelausführungen vorbringen können, und es wird doch alles letztlich leer, unzutreffend, daneben geredet sein, wenn diese zentrale Frage ungelöst, unbeantwortet bleibt, wenn die Melodie, die durch das Ganze klingt, nicht verstanden, nicht aufgegangen wird: Wir haben Gott gefunden – ohne Jesus. Wir lassen uns ihn nicht wieder nehmen! Wir glauben an Gott aber – nein – gerade darum nicht an Jesus von Nazareth.

Wir danken es Hauer, daß er diese Frage so gestellt hat. Wir verzichten darauf, uns über die Verzeichnungen zu beklagen, die – unserer Überzeugung nach – dem Christentum widerfahren; wir müßten sonst Seite um Seite durchdiskutieren. Wir vergessen, daß Hauer das Christentum nicht verfehlen kann, weil er das, woran alles hängt, nicht verfehlt: Weil er im Namen des eigenen religiösen Erlebens Nein sagt zu der Verführung von Jesus Christus! Der homo religiosus als der Antichrist – diese Enthüllung ist es, die wir ihm danken, in der wir uns mit ihm eins wissen! Wenn er wirklich die Bibel kennt, muß er es selbst wissen, daß nicht der Gottlose im landläufigen Sinne, sondern der homo religiosus, der Mensch, der nach dem „eritis sicut Deus“ greift, der Gegenspieler Gottes auf Erden ist.

Das ist der Mensch, so wie wir ihn kennen, der Mensch, der nicht anerkennen kann, daß Gott Gott ist, von dem nicht nur Nietzsche, sondern längst vor ihm Luther gesagt hat: Non potest homo naturaliter velle Deum esse Deum, immo vellet, se esse Deum et Deum non esse Deum[3]. Der homo religiosus, der Mensch, der in seiner Religiosität seine Göttlichkeit genießt, der Mensch, der sich seiner Geschöpflichkeit begibt und selbst Schöpfer sein möchte, der adamitische, der prometheische Mensch, er gerade ist es, der an Jesus Christus nicht glauben kann. Mag sein, daß hier mancher lustig wird, der gewöhnt ist, Religion und Christentum gleichzusetzen, aber er soll auch lustig werden. Es ist hohe Zeit, daß diese Gleichung durchgestrichen wird. Sie ist das proton pseudos unserer Christlichkeit. Es ist eben nicht wahr, was ein katholischer Dogmatiker vor Kurzem schrieb: „Der Mensch ist von Natur religiös und die Religion von Natur christlich“, wahr ist vielmehr, daß dieser „von Natur religiöse“ Mensch nichts anderes mitbringt als die Rebellion gegen die Gnade Gottes in Jesus Christus. Er bedarf ja der Gnade nicht, er ist ja bei Gott, er hat ja Gott, er fühlt ihn, verfügt über ihn, erlebt ihn, seine Lösung ist: „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz soll er sterben“ (Joh. 19, 7). Man muß ihn nur einmal sehen, diesen Gesunden, der des Arztes nicht bedarf, diesen Gerechten, der weiß, was gut und böse ist, diesen Frommen, der das schon ist und das schon hat, was zum Teil notwendig ist! Und, was nicht vergessen werden darf, er ist immer in der Majorität. Neunundneunzig gegen einen – wer will da noch etwas dagegen sagen?

Diesem Menschen begegnet in Jesus Christus die unnachgiebige, die unausweichliche Antithese von Gott her; ihm, der sein möchte wie Gott, begegnet Gott „wie ein Mensch“, ihm, den es nach Göttlichkeit verlangt, tritt Gott entgegen in seinem Verlangen nach Menschlichkeit. Ist das die frohe Kunde, die wir zu bringen haben, die uns selbst gebracht worden ist? Jawohl, das ist die „frohe“ Kunde, die uns in unserem Drang nach oben, in unserem Streben über uns hinaus zurückruft, zur Umkehr ruft: „Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war, welcher obwohl er in göttlicher Gestalt war, … entäußerte er sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden wie ein Mensch erfunden“ (Phil. 2, 5 ff.). Die Begegnung mit Gott geschieht nicht im Himmel, sondern auf Erden, sie geschieht nicht darin, daß wir Gott ähnlich werden, sondern darin, daß er uns ähnlich wurde, daß er sich „in unser armes Fleisch und Blut“ verkleidete und uns so gegenüber trat, daß das „Wort Fleisch ward und bei uns Herberge nahm“ (Joh. 1, 14).

Es wäre wohl wieder an der Zeit, einzuüben, was wir im Glauben bekennen: „und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren“. Wir brauchen uns gar nicht mit Hauer darüber zu streiten, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist, er mag das ein Dogma nennen und mag immerhin behaupten, daß der Deutsche Glaube „dogmenscheu“ sei. Uns soll das recht sein. Im Anfang des Christentums steht nicht die Dogmatik, sondern die Verkündigung der Gnade Gottes in Jesus Christus. Und diese Verkündigung ist nicht an solche gerichtet, die bestimmte „dogmatische“ Voraussetzungen erfüllen. Aber über das eine wollen wir uns verständigen, über diesen Glaubensartikel: Wahrer Mensch! Denn das ist für uns Christen ein Glaubensartikel und nicht eine dürre historische Feststellung. Wer das versteht, versteht auch das andere: „Wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren“ – und wer das nicht versteht, versteht auch dieses „Dogma“ nicht.

Würden wir das Leben des „göttlichen“ Menschen auf Erden auch so zeichnen wie das Leben dieses Menschen, der von sich sagte, daß er der „Menschensohn“ sei? Was empfinden wir denn, wenn über dieses Leben, das in der Krippe beginnt und am Kreuze endet, gesagt wird: „Ecce homo – das ist der Mensch“? Wird der göttliche Mensch so geboren, stirbt er so? Was Hauer über die sogenannten „Lebensfragen“ sagt, über Leben und Tod, Schuld und Sühne, Sinn und Erfüllung des Weltseins, ist das nicht Satz für Satz das Gegenteil zu dem, wie hier das Leben gelebt, wie hier der Tod erlitten wird? Trägt dieses Leben „seinen Sinn in sich selber“ (S. 83)? Gehört hier der Tod „nach ewigem Gesetz zum Rhythmus des Lebens“ (S. 91)? Dieses Lebens? Entspricht der gottähnliche Mensch, der in Jesus Christus vor uns steht, mit dem, wie er lebt und wie er stirbt, der Hoffnung und Erwartung, die wir an ihn herantragen? Sehen die menschliche Sehnsucht und die göttliche Erfüllung ineinander auf wie Frage und Antwort, sind wir mit unserem Hoffen und Harren auf einem Wege, der geradewegs zum Ziele führt?

„Anderen hat er geholfen, und sich selber kann er nicht helfen … bist du Gottes Sohn, dann steige herab vom Kreuz…“ das ist die Antwort, die dieses Leben aus Menschenmund und Menschenurteil gefunden hat. Und ich wüßte nicht, daß der Spott und Hohn über diese Darstellung und Bloßstellung der menschlichen Existenz nur im Orient zu Hause wäre, daß dieser Entscheidung gegenüber die verschiedenen Rassen und Völker sich nicht verständen, daß diesem einen Menschen gegenüber nicht eine erschütternde und peinliche Solidarität zutage träte, die uns alle eint, wenn es gilt, Nein zu sagen zu diesem Wort Gottes an das Menschengeschlecht. Hier werden der Römer Pilatus und der Jude Herodes Freunde, hier werden alle sonstigen Feindschaften und Leidenschaften relativ, weil die eine Feindschaft und die eine Leidenschaft beherrschend wird, die an keine Rasse und an keine Kultur gebunden ist, die älter ist als die Scheidung der Menschen in Rassen und Arten, die die Erbschaft ist, die alle mitbekommen haben und die alle „rein“ erhalten haben bis zum heutigen Tage.

Jetzt wird wohl deutlich sein, was gemeint ist, wenn das Bekenntnis unseres Glaubens uns demgegenüber sagen heißt: „Wahrhaftiger Mensch“, es wird vor allem deutlich sein, daß wir das nicht mehr reden aus dem heraus, was „Fleisch und Blut“ sagen, sondern im gehorsamen Nachsagen und Mitsprechen einer anderen Stimme, die sich zu dem Verworfenen und Verhöhnten bekennt und ihm das Zeugnis gibt, das ihm die Menschen verweigert haben: „Das ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen“. Dies Bekenntnis Gottes zu seinem Sohn geht unserem Bekenntnis voraus und liegt ihm zugrunde. Und indem sich Gott zu diesem Jesus von Nazareth bekennt, ist es, als wollte er sagen: „Da habt ihr, was ihr erstrebt, da seht ihr, was ihr sucht, so seht die Gottähnlichkeit, so seht die Gottesnähe aus.“

Gewiß, es gibt ein Datum in der Geschichte, das könnte man gegen uns anführen, Gott sei Dank gibt es dieses Datum, und Gott sei Dank gibt es einen Widerspruch gegen unsere These. Es hat tatsächlich einmal ein Volk und eine Zeit gegeben, die die Predigt von dem Gekreuzigten, als sie in der Kirche heimatlos geworden war, nicht verstoßen hat, es hat ein Volk gegeben, das den Mann, der mit dieser Predigt seine Kirche reformierte, nicht gesteinigt und nicht ausgeliefert hat, das ihn und damit den Gekreuzigten selbst geborgen hat in seinen Wäldern und beheimatet hat in seinen Herzen – es hat das tatsächlich gegeben, und man könnte das tatsächlich anführen gegen uns, es war das einmal deutsche Art und es war da einmal unser Volk die Stätte Gottes bei den Menschen –, aber eine Geschichtsbetrachtung, die die deutsche Art nur aus dem Blut und aus der Rasse versteht, kann das freilich nicht mehr gegen uns geltend machen und muß darum andere „Zeugen“ des deutschen Glaubens suchen und andere Daten setzen, sie muß die Geschichte des „deutschen Glaubens“ nach rückwärts revidieren und das, was damals in Wittenberg geschah, durch das „wieder gut machen“, was 1933 in Eisenach geschehen ist. „Die Entstehung der Deutschen Glaubensbewegung an den denkwürdigen Orten deutscher Geschichte, Eisenach und Harg“ (S. 42) – wir wissen, daß diese „Entstehung“ ein Zeichen dafür ist, wie fremd uns das geworden ist, was ehedem deutscher Glaube war.

Aber das eine möchten wir Hauer nicht vergessen, daß gerade noch zur rechten Zeit auch in deutschen Landen sich wieder etwas regt von dem, was damals oberhalb Eisenachs, in der Wartburg geschehen ist, daß nämlich dieser Luther, der seinem Volke die Schrift schenkte, noch immer nicht ganz tot zu sein scheint, daß dieser Luther gerade jetzt, in den Zeiten der deutschen Glaubensbewegung beginnt, seine Kirche mit seiner Lehre zu reformieren, und daß Gottes Wort und Luthers Lehre eine sprichwörtlich gewordene Verheißung mit auf den Weg bekommen haben, die auch heute noch Glauben zu finden scheint, und daß es leichter ist, über vierhundert Jahre zurechtgelegte Geschichte zu triumphieren als über eine Gegenwart, in der diese Geschichte wieder eine Kirchen-, eine Glaubensgeschichte werden will.

Das nämlich, was der wiedererwachte Luther uns neu gelehrt hat, neu, weil es seit langem schon nicht mehr gewußt und nicht mehr gelehrt wurde, betrifft gerade diesen Punkt, von dem die Rede war, dies Bekenntnis zu dem Wort vom Kreuz. Und das nennt nun Luther eigentümlicherweise mit demselben Namen, mit dem auch Hauer seine innere Schau benennt, auch Luther sagt, es ginge hier um die „Wirklichkeit“, um die „letzte Wirklichkeit“. „Theologus crucis dicit id quod res est – Der Kreuzestheologe spricht die Sprache der Wirklichkeit“[4]. Und Luther hat uns so, auf diese „deutsche“ Art aus unseren Illusionen und Phantasien heimgeholt zu der Wirklichkeit Gottes und der Wirklichkeit unser selbst. Nicht dadurch, daß er mit dem Jenseitsglauben aufräumt, den Hauer als die Wurzel alles Übels ansieht, es gibt noch einen anderen Jenseitsglauben, der viel schlimmer ist, denn er ist die Wurzel, aus der erst jenes andere Wahngebilde entsteht, und das ist gerade der Jenseitsglaube, den wir bei Hauer gelehrt finden, daß nämlich der Mensch durch das Gesetz, durch das „Soll“, durch das unbedingte Gebot jenseits seiner selbst gelangen könne und müsse, daß er dann in Gemeinschaft mit Gott stehe, wenn er dem Gesetz über ihm Genüge tut. Das nannte Luther „Mose predigen“, und das wird erst recht ein „Mose-Predigen“, wenn das Soll, wie Hauer will, das „Soll einer Rasse“ ist.

Das ist der ewig alte und doch immer wieder neue Jenseitsglaube dieser Gesetzespredigt, daß der Mensch unterscheiden lernen müsse zwischen seiner „empirischen Wirklichkeit“ und seinem „idealen Wesen“, zwischen dem, was er ist, und dem, was er sein soll, zwischen dem Innern und Äußeren, zwischen dem Göttlichen und dem Irdisch-Sündlichen, zwischen dem in uns, was nach oben strebt, und dem, was uns nach unten reißt, daß er das merkwürdige Doppelleben lernen müsse, das alle Menschen führen, wenn sie aufhören, Kinder zu sein, und beginnen, unter dem Gesetz zu lernen, was gut und böse ist, und das die Schrift und Luther mit der Schrift hypocrisis, Heuchelei nennt. Denn das ist des Menschen letzte, wesenhafte Unwahrheit, daß er immer wieder vergessen muß, was er ist, um der sein zu können, der er sein soll und will, um „mehr“ zu sein, um „jenseits“ seiner selbst zu sein. Wir wollen diese Dinge hier nicht weiter verfolgen, es wird deutlich geworden sein, von welchem „Jenseitsglauben“ uns Luther heimgeholt hat zum Glauben an Jesus Christus, von diesem Jenseitsglauben, den wir bei Kant und Fichte, den wir bei den großen deutschen Idealisten gelernt haben und der doch furchtbar ist, wenn der Mensch bei ihm stehen bleibt und nicht auch noch über dies Jenseits hinauskommt, denn erst dahinter liegt die Wirklichkeit des ganzen Menschen, des Menschen, der über den Dualismus von Sollen und Sein, von Idee und Erscheinung, von Leib und Seele hinausgekommen ist, und der nun als ganzer Mensch Sünder und als ganzer Mensch gerechtgesprochen ist in Jesus Christus.

Bei Jesus finden wir nichts von diesem Streben über sich hinaus. Vor ihm steht kein Ideal, dem er nachjagt, vor ihm steht allein der Wille Gottes. Er lebt davon und dazu, den Willen des zu tun, der ihn gesandt hat. Er kommt nicht von unten und steigt zur Höhe empor, sondern er stammt von oben und beugt sich zu den Niedrigen. Was uns höchstes Ziel scheint, das Sein bei Gott, gibt er preis, und was uns preiszugeben wert scheint, das Leben unter den Armen, Verlassenen, Hilflosen, bei der Herde, die keinen Hirten hat, das macht er zu seinem Leben. Er ist der beredte und lebenswirkliche Widerspruch zu allen menschlichen Idealen. Wir finden in ihm keinen Übermenschen, keinen „Jenseits-Menschen“, wohl aber eine wunderbare Dienstbereitschaft und Liebe zu den Niedrigen und Leidtragenden, seine Stimme hört man nicht auf den Gassen, aber das Volk hängt an seinem Munde, denn bei ihm wird aus dem harten Joch der Schriftgelehrten ein sanftes Joch und eine leichte Last. Wir sehen ihn nicht unter den gekrönten Häuptern; er ist nicht eingegangen in das Pantheon der Unsterblichen, wohl aber hat man eine Dornenkrone auf sein Haupt gedrückt und hat er den Tod geschmeckt als Ende und Strafe und sich nicht getröstet mit einer Philosophie vom Fortleben nach dem Tode!

„Wahrer Mensch“ – würden wir das über dies Leben setzen, wenn wir die Entscheidung zu treffen hätten? Stellen wir uns so ein vollkommenes, zur Erfüllung gekommenes Menschenleben vor? Ist es nicht wie ein Strich durch alles das, was wir am Dasein preisen und schätzen, wenn von diesem Leben, das so jämmerlich am Pfahl der Schande, zwischen zwei Verbrechern endigt, gesagt wird: Das ist die Wahrheit des menschlichen Lebens?

Und weiter: Welchem Anspruch gehorcht der homo religiosus, den Hauer im Sinne hat? Doch wohl dem Anspruch des Gesetzes, das über ihm steht. Aber der Anspruch, auf den Jesus hört, ist anderer Art; es ist der Nächste in seiner Not, der ihn beantwortet – so ist es Gottes Wille. Und nun nicht so, daß er Gutes tut, um das Gesetz zu erfüllen, das über ihm steht, nicht so, daß der Nächste zum Objekt seiner Mildtätigkeit wird – wie es gemeinhin bei dem zu geschehen pflegt, der aus dem Wissen um das Gesetz heraus Gutes tut – sondern so, daß er ihm gleich wird, daß er ihm nahe kommt, sein Nächster wird, „der Sünder und der Zöllner Geselle“.

Es ist eben nicht so, wie Hauer einen christlichen Theologen von heute sprechen läßt, daß „Gott die Schuld nicht einfach nach“ lassen kann, denn er ist der Heilige“ (S. 149). Es ist ganz anders, ganz „undogmatisch“, was wir da sehen, und doch wieder sehr dogmatisch, nämlich dem gegenüber, was Hauer als „Bestreitung von der Last der Sünde“ lehrt: Jesus Christus ist die Nähe Gottes zu uns, so wahr, daß keine Sünde, kein Zweifel, keine Not dazwischentreten kann, so wahr, daß nichts zu denken ist, weder im Himmel noch auf Erden, das uns trennen könnte von dieser Liebe Gottes. Ist das keine Unmittelbarkeit zu Gott? Freilich nicht die Unmittelbarkeit der religions-philosophischen Spekulation – denn das ist nun doch einmal diese Lehre vom Seelengrund, vom lumen internum, vom Seelenfunken oder was dieser Begriffe mehr sind, sondern die Unmittelbarkeit zu Gott, die uns greifbar und doch geheimnisvoll vor Augen steht, wenn Jesus die Ehebrecherin vor ihren Richtern schützt und ihr sagt: „Ich verdamme dich nicht“, wenn er sich im Schiff erhebt und Wogen und Wellen gebietet, daß sie stille werden, wenn er mit den Seinen das letzte Mahl hält und ihnen sagt: „Für Euch“ gegeben und „für Euch“ vergossen. Die das erfuhren und verstanden, wußten: Die Hand, die hier schützend gebietend ist, ist Gottes Hand, das Gericht, das die Gerechten trifft und die Sünder aufrichtet, ist Gottes Gericht, der Mund, der das „für Euch“ spricht, ist Gottes Mund. Freilich, wer sich von dieser Hand seine Wunden nicht heilen, wer sich von diesem Mund seine Sünden nicht vergeben lassen will, wer in dem „für Euch“ nicht angesprochen sein will, der kann nichts davon wissen, was die Unmittelbarkeit zu Gott ist, die in Jesus Christus Wirklichkeit ist, und es ist auch gut, daß der nichts davon wissen kann, der es nicht glauben will!

Aber ist Jesus Christus nicht der Mittler? Wie können wir da von Unmittelbarkeit zu Gott reden? Nun, an diesem Worte hängen wir nicht, die Zeugnisse der urchristlichen Verkündigung haben ihn nicht zum Zentralbegriff des Christenglaubens gemacht. Aber wenn wir schon an diesem Punkte angegriffen werden, dann sagen wir: Jawohl, er ist uns der Mittler, so wie das Licht der „Mittler“ ist zwischen dem Auge, das da sieht, und dem, was gesehen wird. Im Licht steht das Auge das, was vor ihm erscheint, und solange Nacht dazwischen liegt, kann nicht erscheinen, was vor ihm liegt. Darum nennt sich Jesus Christus das Licht der Welt. Denn in ihm sieht der Mensch dieser Welt den Vater, der der Herr der Welt ist. In ihm wird aus dem unbekannten Gott, den der Mensch in der „Tiefe des Unbewußten“ (S. 17) ahnt, der Gott, dessen Namen wir kennen, den wir anrufen und zu dem wir beten.

Wenn Jesus sagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater, dann heißt das doch wohl: Wer noch zwischen mir und dem Vater unterscheidet, zwischen mir, dem Menschen auf Erden und ihm, dem „Allvater über den Sternen“, wer mich sieht ohne durch mich hindurch den zu sehen, der durch mich wirkt, redet, handelt, der hat mich noch nie gesehen, denn ich und der Vater sind eins. Wer mich recht sieht, dem ist mein Wort seines Gottes Wort und meine Hand seines eigenen Gottes Hand und meine Nähe seines eigenen Gottes Nähe. Ich bin kein Dritter, der zwischen Gott und Mensch steht, sondern da, wo zwischen Gott und Mensch nichts mehr ist, wo alles aus der Mitte getan ist, was als Finsternis, Störung, Feindschaft, Sorge, Zweifel dazwischengekommen war, da bin ich. Wo „Ich bin“, da gibt es nicht mehr Gott im Himmel und den Menschen auf Erden, sondern Gott auf der Erde, mit euch und für euch, und der Mensch im Himmel, im Herzen Gottes.

Das heißt „Mittler“ sein. Die Schrift sagt dafür: Weg, Wahrheit, Leben, Licht, Friede, Freude. Wo an Jesus Christus geglaubt wird, da ist das Sein des Menschen zu Gott wahr, lebendig, licht, freude- und friedvoll. So haben ihn die erlebt, die mit ihm waren und seine Boten und Zeugen an die Welt geworden sind. Das nannten sie „Glauben“: Durch ihn und in ihm Gott finden. Das ist es also, was wir Hauer entgegenhalten müssen, nicht aus theologischer Rechtshaberei, sondern aus derselben Gewißheit und Überzeugung heraus, die auch er für sich in Anspruch nimmt: Unsere Unmittelbarkeit zu Gott, die wir in den Momenten religiöser Erhebung erleben, ist noch nicht Gottes Unmittelbarkeit zu uns. Im Glauben an Gott geht es nicht um das, was wir erleben und erstreben, sondern um das, was von Gott her geschaffen und geschehen ist – wenn anders der Gott, an den ich glaube, nicht nur ein Abbild meines eigenen religiösen Erlebens ist, nicht nur der Schatten meiner eigenen Begierden, sondern der, der auch ohne mich der ist, der er ist.

Gottes Unmittelbarkeit zu uns – das eben heißt Jesus Christus, der uns nicht Hinweis und Führung ist zum Glauben an ein „Ewiges im Menschen“, der uns nicht Zeugnis ist vom unbekannten Gott – sondern der da sagt: Ich aber kenne ihn (Joh. 7, 29). Das ist es, was dem Menschen am aller schwersten fällt, sich von dem unbekannten Gott, dem gegenüber alles Möglichkeit, Zeit, Stimmung, Sehnsucht, Gleichnis und Symbol bleibt, zu dem bekannten Gott zu bekehren, der mir sagt, wer er ist und wer ich bin vor ihm – der mir das sagt in Jesus Christus! Darum klammert sich auch Hauer an den „Gestaltwandel der Götter“; denn wenn der eine, dessen Wort unwandelbar ist, ausgeschieden wird, bleibt nur noch der Mythus von dem Werden und Vergehen der Gottheit! „Die große Wahrheit“ soll nun diese sein: „Welten und ihre Herrscherkräfte, Götter und Götterbilder kommen und vergehen in gewaltigem Rhythmus. Die Gottur-Kraft bleibt ewig und wirkt ohne Ende. Religionsformen und Glaubensarten kommen und vergehen, der Grund aber, aus dem sie aufsteigen, bleibt; die Kraft der Gotteserfahrung und Gottgestaltung schafft ohne Aufhören im Menschen“ (201). Das Bleibende ist bei Hauer also diese Urkraft, das „Göttliche in uns“. Nicht Gott bleibt sich gleich, sondern der Mensch – darum steht der Mensch im Zentrum, in der Mitte des Lebens, über ihm wölbt sich im Werden und Entwerden der Götterhimmel. Denn „ein Ende ist gesetzt den Asen [?]“ (201). Das, was bleibt, ist „die allmächtige Zeit und das ewige Schicksal“ – das regiert Menschen und Götter.

Damit ist die letzte, äußerste Umkehrung gewagt: Der Mensch schafft die Gestalten der Gottheit, er, wenn nicht Schöpfer, so doch Mitschöpfer, Mitgestalter Gottes! Sind wir nicht erlöst aus dem „Gestaltwandel der Götter“? Soll das, was erlösungsbedürftig war, auf einmal die Erlösung sein – und das, was Erlösung brachte, auf einmal der Erlösung bedürftig? Denn das ist die Erlösung, daß wir glauben und gewiß sein dürfen, daß dieses Wort Gottes in Jesus Christus wahr bleibt und bleiben wird – daß wir aber verwandelt werden, daß der Mensch seine Zeit bekommen hat, daß aber Gott in Jesus Christus unser Gott bleibt, heute und in Ewigkeit!

Nun überblicken wir den Weg, den Hauer geht: Er beginnt mit dem Widerspruch des homo religiosus gegen den Menschen Jesus von Nazareth und endet mit der Auflösung der einmaligen, endgültigen Offenbarung Gottes in den Mythus. Es ist, als ob der Mensch aus der lichten Mitte, da ihm in Jesus Christus die Klarheit Gottes erschienen ist, wieder zurückstrebt in die Finsternis und die Götter neu zu beleben sucht, von denen er einst frei geworden ist. Und schon finden sich neue Gesetze und Ordnungen an, die auf den Menschen warten, um ihn aufs neue und schlimmer denn je untertan zu machen unter die „Elemente der Welt“.

Demgegenüber bleibe dies eine unter uns unverworren und unverdeckt: Unser Glaube an Jesus Christus hat nichts zu tun mit dem Mythos vom Gottmenschen. Jesus von Nazareth, an den wir glauben, ist kein vergöttlichter Heros, sein zum Gott erhobener Mensch. Unserem Bekenntnis gemäß war Jesus nicht – wie das die „historisch-kritische“ Theologie glauben machen wollte[5] – „zunächst“ ein Mensch, der „dann“ – im Glauben seiner Gemeinde – zum Gott gemacht wurde, sondern wir bekennen ihn „empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ und bekennen so mit der Schrift, daß er bei Gott war, seine Gottgleichheit preisgab und die Knechtsgestalt des Menschen annahm. Er wurde Mensch! Stellvertretend für die ihre eigene Wirklichkeit fliehenden Sterblichen wurde er Mensch, damit in ihm die Wahrheit des Menschen vor Gott – einmal und für allemal – dargestellt würde auf Erden.

Es ist hier nicht der Ort, das weiter auszuführen. Es genügt, wenn eins deutlich wird: daß jene Theologen und jene Christen keinen Grund haben gegen den Mythos Front zu machen, denen Jesus Christus selbst ein Mythos ist, und daß es dem gegenüber nur einen Schutz gibt: Christus in unser Fleisch herabzuziehen, bei der „Menschheit Jesu Christi“ mit dem Glauben anzufangen. Denn in diesem „regnum humanitatis“ lernt der Mensch die rechte Nachfolge, die Umkehrung seiner eigenen Christen: daß er aufhört, nach Gottähnlichkeit zu streben und anfängt, diesem Menschen ähnlich zu werden, den Jesus Christus darstellt, einem Menschen, der in allem auf Gott angewiesen ist, äußerlich und innerlich, im Leben und im Tode, in dem, was er sagt, und in dem, was er tut, in dessen Dasein Gott wieder Gott ist.

Dieser entmythologisierte Christus und dieses „entgötterte“, „vermenschlichte“ Christentum wird auch heute die Antwort sein, die einer Welt, die ihre religiöse Sehnsucht im Mythos stillt oder zu stillen sucht, not tut. Wohlgemerkt, es kommt darauf an, daß wir Christen eine Antwort sind – und nicht nur eine Antwort geben, so wie jene ja auch eine Frage an uns sind – und nicht nur eine Frage an uns richten.

III.

Sollen wir nun noch ein Wort zum Kapitel „Sünde“ sagen? Daß Hauer gegen die christliche Lehre von der Sünde besonders heftig opponiert, versteht sich von selbst. Wie sollte er nicht! Es gehört doch schon seit langer Zeit zum guten Ton, die Lehre von der „Erbsünde“ unerträglich zu finden und Leute, die den Teufel beim Namen nennen, darauf aufmerksam zu machen, daß dies wider die guten Sitten sei. „Den Namen, Weib, verbitte ich mir.“ Vor allem appelliert man an die Jugend und erklärt: „Wenn der Versuch gemacht wird, den deutschen Menschen und im besonderen die deutsche Jugend unter eine solche Lehre von der Sünde und von ihrem eigenen Wesen (nämlich: „in Sünden empfangen und geboren“) zu stellen und sie dadurch zu einem Sündenerlebnis paulinisch-lutherischer Art anzuleiten, so stellen wir uns vor diese Jugend und sagen ihr laut und deutlich, daß wir eine solche Lehre für falsch halten, wenn sie für alle Menschen gelten soll“ (S. 135). Man polemisiert gerade von da aus – und das ist sehr wesentlich – gegen die Konfessionsschule; denn man macht es der christlichen Lehre von der Sünde zum Vorwurf, daß durch sie junge Menschen verwirrt und gehindert werden, „ihrer inneren Unordnung organisch auf Grund ihrer eigenen Art Herr zu werden“ (a. a. O.).

Auch hier würden wir dem, was Hauer will, nicht gerecht werden, wenn wir ihn nur eines „seichten Optimismus“ ziehen würden. Hauer wehrt sich mit Recht dagegen. Er betont immer wieder die „unbedingte Forderung des sittlichen Ordnungsgefüges in der Welt“ (S. 137) und spricht von der „Heiligkeit der sittlichen Grundgefüge“. Er sagt geradezu, daß in den „ewigen, sittlichen Gesetzen“ die „Voraussetzungen des Schuldigwerdens“ liegen, und daß demnach kein Mensch dem Widerstreit zwischen Sollen und Sein entgehen könne. „Wir glauben“, sagt Hauer, „daß Schuldigwerden und Sichschuldigfühlen zum Menschen als solchem gehört“ (S. 136).

In alledem ist etwas Richtiges. Hauer hat hier Dinge gesehen und gesagt, die auch uns wesentlich und wichtig sind. Es gibt tatsächlich einen Methodismus des Sündenerlebnisses in der christlichen Erziehung, der schreckliche Folgen hat. Und die „Allgemeingültigkeit“ des Sünderseins, mit der sich so bequem und leicht operieren läßt, ist eine höchst fragliche Angelegenheit. Nicht als ob Röm. 3, 23 für uns nicht in Kraft stünde, aber es handelt sich in unserem Christenglauben gar nicht um das Sündenerlebnis oder um die Erregung eines solchen, sondern um das Bekenntnis der Sünde, und das ist ein Bekenntnis vor Gott – und zwar vor ihm allein. Tibi soli peccavi! Stunde, Weg und Weise, in der die Erkenntnis dieser Wahrheit einem Menschen geschenkt wird, bestimmen wir nicht; das bleibt Gott vorbehalten. Denn das Tun der Sünde und die Erkenntnis von der Bedeutung der Tat sind zwei Dinge, und es ist nicht gesagt, daß jeder, der Sünde tut, weiß, was er tut, im Gegenteil, er weiß im Grunde nie, was er tut. Sündenerkenntnis ist Gotteserkenntnis und steht darum ebenso unter dem ubi et quando Deo visum est wie diese. Darum verdirbt man sie im Innersten, wenn man daraus ein übertragbares „Erlebnis“ oder einen allgemeinen Satz macht.

Wenn nun Hauer wirklich daran gelegen wäre, dem Übel des „moralischen Bekenntnisses“, das er ganz richtig sieht, auf den Grund zu gehen, dann müßte er die Erkenntnis der Schuld anders begründen und entwickeln als jene christlichen Moralisten, die er tadelt. Aber bei Licht besehen behält er jenes verfeinerte „Allgemeingültigkeitsschema“ in der Begründung des Schuldigwerdens kritiklos bei, spricht er wie ein „christlicher“ Apologet von der „Tatsache“ des Schuldigwerdens als einer „unentrinnbaren“ und erklärt er in der üblichen Theologensprache, daß wir „unter dem Zwang von unbekannten Gewalten“ Dinge tun, „die unser Gewissen verurteilt“ (S. 138). Wenn er das Unvermögen des Menschen, dem über ihm stehenden Soll Genüge zu tun, auch nicht Sünde nennt, sondern davon spricht, daß der Mensch „in seiner empirischen Erscheinungsform (ist das seine Wirklichkeit?) mit aller Fragwürdigkeit des Weltseins beladen“ sei (S. 229), so bewegt er sich damit doch in gut theologisch-liberalistischen Bahnen, und auch der Nachsatz, daß der Mensch „in seiner Tiefe doch göttlich sei“, wird kaum bei allen „christlichen“ Theologen auf Widerspruch stoßen. Was ist aber damit erreicht, daß man ein Wort verfemt und die Sache selbst – unter gewissen Umschreibungen – die alte bleibt? Was ist damit erreicht, daß man ein neues Dach auf die alten, brüchigen Fundamente setzt? Erreicht ist damit nur eine freilich gewissenlose Täuschung; erreicht ist, daß der Riß in der Tiefe, der uns warnen könnte, noch einmal übertüncht und verdeckt ist; erreicht ist, daß ein neues Gefühl der Sicherheit gewonnen wurde, wie wenn jemand ein neues Versteck gefunden hat. Aber meinen wir wirklich, das Zorngericht Gottes würde uns nicht finden, wenn wir uns in dem „Neubau“ des deutschen Gottglaubens vor ihm verbergen? Als ob nicht die ganze Erde sein wäre und als ob man auf „heimatlichen“ Schiff geborgen wäre, wenn man vor seinem Gott auf der Flucht ist. Es wird einer Christenheit, die in die Stunde der Prüfung getreten ist, wenig nützen, wenn sie in die Gefilde des „deutschen Glaubens“ entweicht; sie bleibt eine Entwichene, wie eine Frau, die ihren Mann verlassen hat. Denn für einen gebrochenen Bund gibt es keine Entschuldigung mit „artgemäßen“ Notwendigkeiten.

Diese Lehren der Deutschen Glaubensbewegung über Schuld, Schuldgefühl und Erlösung sind alte christliche Irrlehren, die sich – sehr zu unserer Freude – in der Kirche selbst nicht mehr so wie früher durchsetzen können und die nun, unter zeitgemäßem Gewande, noch einmal versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Es sind neue Wucherungen einer alten, im christlichen Körper sitzenden Krankheit, und wenn auch Hauer mit dem guten Blick des Menschen, der den Splitter im Auge des Bruders wahrnimmt, die Symptome der „inneren Zerrüttung“ an der modernen Christenheit erkennt, so übersieht er dabei, daß er selbst einer ist, der die Krankheit weiterträgt. Kein Gedanke daran, daß hier auch nur die Absicht bestünde, das Übel an der Wurzel anzufassen. Zu ernsthaften Operationen besteht keinerlei Neigung. Ein neues Etikett auf die alte Medizinflasche genügt, um die Arznei noch einmal heilkräftig erscheinen zu lassen!

Und warum hat man auch hier nicht den Mut, den aufbrechenden Fragen mit letzter Entschlossenheit nachzugehen? Eben darum nicht, weil dieses desavouierte Nichtchristentum an demselben Übel leidet, das auch ein gewisses Christentum so unkräftig und selbstverständlich gemacht hat, weil wir offenbar gar nicht mehr in der Lage sind, den Lebensfragen und Lebenswirklichkeiten deutungslos, lediglich mit dem Mut zum Hören und Sehen gegenüberzutreten, weil wir mit unseren praesumptiven Entscheidungen und unserem unerschütterlichen Besserwissen jedes echte Problem im Innersten zuschanden machen, weil wir uns – mit allem, was wir wissen und können – gar nicht mehr in Frage stellen lassen. Darum haben wir aufgehört, Fragende zu sein. „Für jedes Problem eine Lösung bereit“ – das ist die Devise, mit der wir die Menschen vom Denken erlösen, das ist die schauerliche Parole, unter der „die deutsche Gottschau“ den Wettstreit mit dem Christentum unseres Säkulums aufnimmt. Die antichristliche Tendenztheologie – der einzige Ersatz, den man, einer christlichen Tendenztheologie müde, noch goutiert! Es könnte einen schon der Ekel würgen, wenn man nicht wüßte, daß gerade wir Theologen, wir Christen im letzten Grunde an alldem mitschuldig, wenn nicht gar alleinschuldig sind und daß es heute nicht darauf ankommt, darüber zu klagen, sondern es anders, es besser zu machen.

Denn wenn in der christlichen Erziehung mit dem „Sündenerlebnis“ soviel Unheil und innere Verwirrung angerichtet worden ist, was wir nicht bestreiten können, dann doch aus keinem anderen Grunde als dem bereits genannten, weil man zwischen dem theologischen und dem philosophisch-moralischen Verständnis von Sünde und Schuld nicht mehr zu unterscheiden wußte, weil man hier wie dort unter „Schuldbewußtsein“ nichts anderes verstand als das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit vor dem kategorischen Imperativ, vor den „ewigen Gesetzen“, wie Hauer sagt. Es ist aber etwas toto coelo Verschiedenes, wenn ich – vor Gott! – bekenne, daß ich verloren bin an die Macht der Sünde und des Todes, oder wenn ich vor meinem Idealbild erbleiche und den Abstand wahrnehme, den ich mit meinem inneren Auge ermesse zwischen dem Menschen, der ich bin und dem, der ich kraft meiner inneren Zustimmung zum Gesetz sein soll. Denn noch immer war der Mensch bei diesem Gericht unter dem Ideal der Vollkommenheit mit sich allein, und das Schuldbewußtsein, das da aufbrach, war nichts anderes als die Scham, die er empfand, wenn er seines erdverhafteten Teils ansichtig wurde. Nicht so, wenn der Mensch vor Gott seine Sünde bekennt. Denn seine Sünde vor Gott bekennen heißt zuerst und zuletzt: Gott recht geben – dem Gott recht geben, der in Jesus Christus sein Urteil über den Menschen dieser Welt gesprochen hat, das „Nein“ verneinen, das uns allen diesem Urteil Gottes gegenüber auf der Zunge liegt, und damit den Menschen verneinen, der von dieser Negation Gottes lebt.

Das heißt „confiteri“: Diese Tat Gottes in Jesus Christus im Urteil über sich selbst anerkennen, so über sich urteilen, wie Gott da über den Menschen geurteilt hat. Wer das tut, der denkt so über sich, wie Gott über ihn denkt, und diese Erkenntnis ist der erste wahre Gedanke, den ein Sterblicher zu fassen vermag. Denn er denkt Gottes Gedanken über sich in sich nach.

So zieht die Wahrheit Gottes vom Kreuz in sein Herz, und er wird ein „wahrer“ Mensch. Das ist das Eins-Sein mit Gott, das wir Glaubensgewißheit nennen, denn ein solcher Mensch ist ja mit Gott eines Urteils, eines Sinnes, eines Geistes – aber diese Einheit ist nicht der mystische Prozeß des Schauens, sondern die Einheit auf Grund des Wortes Gottes, in dem sich Gott zu dem Sünder bekennt und ihn so, wie er ist, als sein Eigentum erklärt. Sie ist nicht die Einheit mit dem Göttlichen, die im flüchtigen Moment der Ekstase erlebt wird, sondern sie ist die Einheit des unzerbrechlichen Bundes, in dem Gott unser wird und wir Gottes werden. Dieser Gnadenbund Gottes mit der Welt ist uns Jesus Christus – damit ist alles über ihn gesagt und über unseren Glauben an ihn. Denn so wie in Jesus Christus die göttliche und die menschliche Art eine Person sind, so eins, daß kein Gedanke sie zertrennen und keine Macht der Sünde und des Todes sie voneinander lösen kann, so sind in ihm und durch ihn der ewige, gerechte, heilige, unbegreifliche Gott und der sterbliche, ungerechte, weltverlorene Mensch eins. Weil aber diese Einheit in Jesus Christus liegt, darum liegt sie nicht in uns, obschon wir durch sie mit Gott eins sind. Sie liegt nicht in unserem Fühlen, Denken, Sein und Werden, obschon wir durch sie die Gnade Gottes fühlen, erfassen, in ihr sind und durch sie leben. Sie bleibt „extra nos“ (Luther), jenseits unser, damit unerreichbar den Gewalten der Höhe und der Tiefe, die sie zu zerreißen suchen. Sie ist wie ein helles Licht, das in ein finsteres Gemach bringt – es kommt von außen und ist doch innen, wir habens nicht angezündet, darum können wirs nicht löschen. „Es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Finder macht.“

Die Einheit mit Gott, die „Gemeinschaft“ mit ihm von da erwarten und erhoffen, da suchen und da finden, das nennen wir: an Jesus Christus glauben. Und darum sind wir Christen, weil wir wissen und erkannt haben, daß die Einheit Gottes mit dem Menschen, der wir sind, trügerisch, teuflisch, eingebildet und darum allen Zweifeln preisgegeben ist, wenn wir sie in uns suchen und zu finden meinen, daß sie aber wahr, bleiben, göttlich und anschaulich ist, wenn wir sie in Jesus Christus suchen. Es ist ja nicht so, als ob wir die Höhen und Tiefen des Gotteserlebens, wie es Hauer andeutet, nicht kennten, als ob das, wie er anzunehmen scheint, für den Christen eine terra incognita wäre – wir meinen vielmehr, daß es noch keineswegs ausgemacht ist, für wen das eine terra incognita ist – aber wir wissen um sie, wie der Wanderer um die Abgründe weiß, die ihn umgeben, und der Lernende um den Irrtum, der wie Nebel über seinem Wege liegt. So wissen wir darum, als die Vorsichtigen, als die Einsichtigen – und so weiß Hauer nicht darum. Das ist der ganze Unterschied zwischen ihm und uns. Was uns Absturz ist, ist ihm Aufstieg, und was uns Nebel ist, ist ihm das Licht, das heimwärts führt. Das allein gilt es herauszustellen, diesen „Umsturz der Werte“, der sich im Glauben vollzieht. Denn es ist uns nicht gegeben, den Gegner zu gewinnen, wir können nichts anderes tun als die Klarheit schaffen, in der alle Dinge wieder in ihrem rechten Lichte stehen und bei ihrem Namen genannt werden. Denn „wehe denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus der Finsternis Licht und aus dem Licht Finsternis machen“ (Jes. 5,20)

So wird man sagen dürfen, daß die Kirche schlecht beraten war, als sie sich dazu verleiten ließ, die Sünde zu moralisieren und das Sündenbekenntnis mit dem Sündenerlebnis zu vertäu, scheu. Es kann und darf nicht die Aufgabe der Kirche sein, das Sündenbewußtsein unter den Menschen zu wecken — das kann der Teufel auch und besser als sie —, sondern ihre Sache ist die Verkündigung von der Vergebung der Sünde. Denn nicht darin liegt das Werk des Heiligen Geistes, daß ein Mensch seine Sünde erkennt, sondern darin, daß er an die Vergebung der Sünde glaubt und so, aus solchem Glauben heraus erkennt, was Sünde heißt. Denn: ut nihil iustificat nisi fides, ita nihil peccat nisi incredulitas[6]. Die Sünde, um deretwillen der Geist Gottes die Welt straft, besteht nur in dem einen: „daß sie nicht glauben an mich“ (Joh. 14, 9). So gewiß die Predigt der Verheißung Gottes von der Vergebung der Sünden die Aufgabe der Kirche in der Welt ist, so gewiß besteht die Not der Welt nicht darin, daß sie nicht mehr um ihre Sünden weiß, sondern daß sie diese Vergebung der Schuld nicht glauben kann und darum versuchen muß, ihrem schlechten Gewissen mit ihrem schlechten Gedächtnis zu Hilfe zu kommen.

Es muß hier noch etwas Letztes angemerkt werden. Es ent­spricht dem theologischen Denken, von dem wir Herkommen, wenn Hauer unter dem Schuldig-Werden etwas Subjektives, Innerliches versteht und wenn er nicht mehr in der Aushebung der Schuld, sondern in der Überwindung des Schuldgefühls, des Wissens um die Schuld, die Erlösung sieht. Aber die Schuld besteht unabhängig vom Schuldgefühl, und es ist der Leichtsinn, der meint, weil er die Schuld nicht fühle, habe sie aufgehört, seine Schuld zu sein. Darum versteht Hauer den Gedanken des Endgerichtes nicht. Denn das Endgericht heißt ja doch nichts anderes, als daß den Menschen einmal seine Schuld beim Namen rufen, daß einmal alles Gegenwart sein wird, was heute Ver­gangenheit und Zukunft ist, daß es über dem Dunkel, das hinter, und dem, das vor uns liegt, tagen wird. Das wird der Tag Jesu Christi sein, der Tag, da der Welt und dem Menschen der Welt seine Geschichte begegnen wird als seine Schuld! Der „letzte Tag“ nicht ohne Grund genannt, denn diese Begegnung überlebt kein Schuldiger!

Von daher bekommt die „Innerlichkeit“ ein anderes Gesicht, an diesem Tage verlöscht das „ewige Licht“ und hört der „Seelengrund“ auf, Grund zu sein, auf dem wir fassen, Grund unserer Freuden und unseres Selbst. Dieser Tag wird die Innerlichkeit als das Gefängnis ent­hüllen, aus dem keine Flucht möglich ist, denn sie wird bis in den Himmel und bis in die Hölle reichen, und der Seelengrund wird sich in den Abgrund verwandeln, in dem kein Halt ist. Wer das Heil in Christo in solche Innerlichkeit verwandelt, der nimmt dem Menschen die Rettung, die ihm verheißen ist, die Zuflucht, die bleibt, wenn ihm die weite Welt – Hauers „Gotteswelt“ – zu enge wird. Nur von da aus kann man verstehen, warum das „extra se stare“, der „Standpunkt außerhalb seiner selbst“ das Heil ist. Das ist kein „Außen“ im Sinne unserer räumlich-zeitlichen Außenwelt, die ja nur das Korrelat zu jener „Innerlichkeit“ ist, nur ein Gleichnis der großen Verheißung, daß der Mensch einmal aus sich herauskommen wird. Denn diese Außenwelt der Dinge, Räume und Zeiten bringt den Menschen ja nie aus „sich“ heraus, im Gegenteil, sie bringt in ihn ein, aber sie erlöst ihn nie von sich selbst – obschon er es immer und immer wieder von ihr erwartet. Es ist, als ob der Mensch zu schwer wäre, die Welt kann ihn nicht emportragen, sie wird vielmehr von ihm in die Tiefe gerissen. Sie hält nicht, was sie verspricht, dies „Außen“ verwandelt sich unter dem Griff und Blick des Menschen in ein „Innen“ – weiß Hauer denn nichts von diesem furchtbaren Prozeß der „Verinnerlichung“?

Das „Außen“, das uns verheißen ist, werden wir nur erfassen, wie der Gefangene die verborgene Tür, die ihn in die Freiheit bringt, als etwas Unbegreifliches, Unvorstellbares, als eine Wirklichkeit jenseits aller „Weisen und Bilder“, als etwas Tatsächliches, das erst da sein muß, ehe wirs fassen können, als die Grenze des Möglichen und die Wirklichkeit des Unmöglichen, als die Brücke zum anderen Ufer, als die Hand von oben, als das Licht, das aufflammt, wenn alle anderen Lichter verlöschen werden, als die Kraft, die uns herausreißt aus dem Gefängnis der Innerlichkeit unser selbst in die Freiheit der Innerlichkeit Gottes. Von außen kommt die Rettung! Gott tritt auf den Plan und entreißt den Menschen den Erynnien und rettet ihn vom Anblick seiner selbst zum Anblick dessen, in dem er selbst heil, gerecht, erlöst, befreit, aufgehoben ist. „Cor accusator, Deus defensor.“[7] Das ist das Paradigma, nach dem wir Unterricht in Lebensfragen erteilt bekommen haben, in Lebens- und Sterbensfragen.

Man kann natürlich sagen, das dies Halluzinationen, Hirngespinste, Angstvorstellungen sind, das wir mit derartigen „Zuständen“ heute psychologisch, medizinisch, praktisch fertig werden. Es wäre ja auch verwunderlich, wenn wir diese alte Kunst des Menschen, sich zu verstecken, wenn Gott durch den Garten geht, nicht in die Neuzeit hinübergerettet hätten. Und wir wollen nicht bestreiten, was wahr ist: wir sind Meister geworden in der Kunst, das Lebensschiff so flach zu bauen, daß ihm das Riff in der Tiefe nicht mehr gefährlich wird. Wir sind Menschen geworden, die an allem anderen scheitern, nur nicht mehr an sich selbst. Eine prächtige Species, über die bei dem von Hauer so gefeierten Nietzsche mehr nachzulesen wäre. Aber es gibt immerhin auch im indogermanischen Kulturkreis noch einige unverdächtige Zeugen, an denen man etwas von dem begreifen könnte, was Schuld und Schuldbewußtsein in Wahrheit ist. Und wenn man schon Luther, Kierkegaard, Dostojewski als christlich infiziert ablehnt, dann sollte man doch wenigstens so von Schuld und Vergehen sprechen, daß man damit vor der attischen Tragödie, vor den Gestalten Shakespeares oder auch Goethes Faust bestehen kann.

Denn da könnte man doch lernen, das die „Stimme des Gewissens“ mehr ist als das abstrakte Wissen um das Gebot, das der Mensch sein letztes dafür geben würde, wenn er den erschlagen könnte, der da „ruft“, das es so etwas gibt, das einer beten will und doch nicht beten kann, weil das Blut des erschlagenen Bruders zum Himmel schreit, das man selbst Richard, Herzog von Gloster sein kann und dennoch vor dem Tag – oder der Nacht – nicht gefeit ist, da man das fürchten lernt vor der Einsamkeit mit sich selbst. „Richard liebt Richard: das heißt Ich bin Ich. Ist hier ein Mörder? – Nein, ja, ich bin hier. So flieh. – Wie? vor mir selbst? …“ Ich weiß nicht, ob der eine Ahnung hat von der tausendzüngigen Sprache dieses „Göttlichen in der Tiefe“, der schreiben kann, daß „Reue“ der „Einklang“ sei von „Schmerz um verbrochene Gesetze und von stiller Sicherheit (!), daß auch dies Schuldigwerden und Sündigsein zum Ganzen des Lebens gehört“ (S. 146). Und der leicht hingeworfene Satz „Schuld sei Menschen­schicksal“ (S. 150) rückt in eine etwas andere Beleuchtung, wenn wir ihn von der Kerker­szene in Goethes „Faust“ her kommentieren und uns fragen, wer da die Schuld und wer das Schicksal trug. Es bleiben eben da Fragen offen, vor denen wir nur – beim Morgengrauen entwichen können. Wird die „Deutsche Gottschau“ die Jugend auch davor „schützen“ können? Wird sie sie auch dann noch schützen können, wenn diese Jugend einmal beginnen sollte, einem Alter gegenüber mißtrauisch zu werden, das in den Zeiten des europäischen Krieges groß geworden ist und die Welt noch immer für ein halbes Paradies hält?

Nein, der ans Kreuz gebrachte Christus zeigt deutlich – durch Jahrhunderte und Jahrtausende – auch das nächste Jahrtausend wird daran nichts ändern – was Geistes die Welt ist und was sie tut, wenn sie auf ihr Schuldigsein angesprochen wird. Die Welt von da verstehen, ihr von diesem Richtpunkt her ins Herz sehen, das heißt nun aber gerade Gott in der Welt nicht verlieren, das heißt, in dieser Welt als in der Welt leben, die Gott lieb hat. Denn gerade diese Welt, die ihn nicht in sich hineinlassen will, hält Gott sterbend, verlassen, verhöhnt, verspottet und zu den Toten geworfen – er hält sie dennoch mit blutenden Händen umklammert und läßt sie auch im Tode nicht. Weil das Testament der Liebe Gottes über dieser Welt in Kraft steht, ist der, der über die Welt den Stab bricht, ein Gotteslästerer, denn er lästert den, in dem die Welt von Gott geliebt und überwunden worden ist. Das ist unsere „christliche“ Weltbejahung, Weltbejahung nicht darum, weil die Welt gut und göttlich ist, sondern weil diese Liebe zur Welt gut und göttlich ist. Die Welt sehen, wie sie ist und nicht an ihr verzweifeln, das hieße Gott sehen, wie er ist und an ihn allein glauben.

IV.

Man pflegt uns hier zu entgegnen, dies zu glauben solle uns unbenommen sein, man achte die ehrliche Überzeugung und das offene Bekenntnis, aber wir sollten uns dann darauf beschränken, innerhalb der Gleichgesinnten zu wirken, wir sollten Gemeinde Jesu sein und aufhören, die Volkskirche mit allem, was dazu gehört, in Anspruch zu nehmen. Zu dieser letzten Frage noch ein paar Worte. Wenn man sie eingehend beantworten wollte, dann müßte das Mißverständnis geklärt werden, das über den „Absolutheitsanspruch“ des Christentums – man denke nur an Ernst Troeltschs unselige Schrift – besteht. Der Absolutheitsanspruch, der dem Christentum seine Weltgeltung sichern und die öffentlichen Institutionen verchristlichen will, damit der einzelne der Entscheidung enthoben sei, ist in der Tat eine grausige Verzerrung des christlichen Glaubens.

Aber die Frage, um die es hier zunächst geht, liegt auf einer anderen Ebene. Denn die Existenz als „Gemeinde Jesu“, die Hauer dem Christentum zugesteht, stellt dieses vor die Entscheidung, ob wir Kirche oder Sekte sind. Der Unterschied zwischen beiden ist dieser: Wenn wir bekennen, daß wir eine allgemeine, christliche Kirche glauben, dann bekennen wir damit, daß das Haupt der Kirche der Herr der Welt ist, der Weltenrichter, der kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten. Wir bekennen damit, daß das Geheimnis, das in der Kirche offenbar geworden ist, die Schicksalsfrage der Welt ist.

Wenn wir eine Sekte wären, eine Religionsgemeinschaft, wie man heute sagt, dann wären wir – und so hat sich ja leider die Kirche selbst immer wieder verstanden – eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die eine bestimmte religiöse Weltanschauung vertreten, ihren eigenen Kultus haben, sich auf ihren „Stifter“ oder „Gründer“ berufen und sich dadurch ausbreiten, daß sie für ihre Genossenschaft Propaganda treiben. Wenn wir das sind – und in Hauers Augen sind wir das selbstverständlich –, dann ist tatsächlich die Volkskirche, die christliche Schule, die öffentliche Stellung der Kirche usw. eine Anmaßung. Alles, was Hauer in dieser Hinsicht fordert, ist zu Recht gefordert, wenn wir ein derartiger Kultverein sind. Dann wird mit Recht die „deutsche Weihestunde“ anstelle des „Gottesdienstes“ treten, und die „germanisch-deutsche Erziehung“ anstelle der christlichen Schule.

Wer will entscheiden, was wir sind, Kirche oder Sekte? Wir müssen uns darüber klar sein, daß es keine außerirdische Instanz gibt, von der wir diese Entscheidung erwarten können. Diese Frage wird nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche entschieden, und sie ist schon entschieden, wo die Kirche wieder wagt, sich zu dem Wort des dreieinigen Gottes zu bekennen, wo sie wieder wagt, allein getragen und getrieben von diesem Wort der Welt gegenüberzutreten, wissend, daß ihr Haupt Jesus Christus der Kyrios ist, der Herr der Welt, wo sie wieder an sich selber glauben lernt – eine heilige allgemeine Christenheit, die ihre Einheit in nichts anderem hat als in dem „Band des Friedens: Ein Leib und ein Geist, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen“.

Diese Kirche ist der Leib Christi und ihr Glaube der Sieg, der die Welt – nicht überwinden wird, sondern überwunden hat!

Vortrag, gehalten im Mai 1935 in Riga.

Quelle: Evangelische Theologie 2, Heft 5/6 (1935), S. 153–183 (auch als Sonderdruck).


[1] Dieser vor Theologen und Laien gehaltene Vortrag gibt sich nicht etwa der Hoffnung hin, daß es ihm gelingen könnte, Hauer eines Besseren zu belehren. Darum geht es nicht. Wohl aber gilt es zu dem allen, was da gesagt ist und heute allerorten in der Luft liegt, nicht zu schweigen und zu erkennen, daß diese Angriffe gegen unseren Glauben die gottgefügte Gelegenheit des Zeugnisses für ihn sind gemäß dem Wort: „Seid allezeit bereit, Rechenschaft zu geben jedem, der euch nach dem Grunde der Hoffnung fragt, die in euch ist“ (1. Petr. 3, 15).

[2] Stuttgart 1935, dritte, unveränderte Aufl. [Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962) war Indologe und Religionswissenschaftler, der als Ordinarius an der Universität Tübingen lehrte. Er führte am 30. Juli 1933 in Eisenach eine Reihe freireligiöser und „völkisch-deutschgläubiger“ Gruppen zur Deutschen Glaubensbewegung zusammen.

[3] „Der Mensch kann nicht natürlicherweise wollen, daß Gott Gott sei, vielmehr möchte er, daß er selbst Gott sei und Gott nicht Gott sei.“ Contra scholasticam Theologiam, These 17. 1517.

[4] Heidelberger Thesen.

[5] Vgl. z. B. W. Bousset, Kyrios Christos. 1913.

[6] „Wie nichts gerecht macht, außer der Glaube, so sündigt auch nichts, außer der Unglaube.“ Luther, op. ex. 27, 337. [Quaestio, utrum opera faciant ad justificationem, 1520, These 1 (WA 7, 231, 4)]

[7] Luther, Römerbr. II 44, 13. „Das Herz klagt an, Gott verteidigt.“

Hier der Text als pdf.

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