Kornelis Heiko Miskotte, Das Bild Gottes (Het beeld Gods, 1942): „Wo Gott Gott ist, da sind die Menschen Menschen. Ach, was bedarf es eines Kampfes der Seele, um zu jener Einfalt zu gelangen! Wir sind zu kompliziert, wir suchen es zu weit und zu hoch, wir sind gleich fertig und werden nie fertig. Dies ist der Kampf des Lebens, aber wenn wir aufrichtig sind, dann muss er im Heiligtum durchgekämpft werden. Hier müssen wir kämpfen, unter der Spannung und der Entscheidung der Predigt. Es wird euch gesagt: Ich will euch zu Menschen haben, und ihr werdet verwandelt, wenn ihr den Spiegel der Herrlichkeit Christi anschaut. Das Kommen unter den Klang des Wortes ist ein Kommen in das Kraftfeld des Geistes. Es ist gut, wenn wir rufen: Veni Creator Spiritus, aber es würde wenig bedeuten, wenn wir nicht begriffen, dass wir von jenem schöpferischen Geist ergriffen werden. Es braust nun oben und über uns: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis. Es widerfährt uns hier durch den Geist.“

Das Bild Gottes (Het beeld Gods, 1942)

Von Kornelis Heiko Miskotte

Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel anschauen, werden in Gestalt verwandelt …“ 2. Korinther 3,18

Du sollst dir kein Bild noch Gleichnis machen von irgendetwas, was in der Welt ist. Dieses Gebot richtet sich nicht gegen den Götzendienst, nicht gegen die Neigung, die Natur als die Urkraft des Lebens zu verehren; es richtet sich vielmehr gegen den Drang, den wahren Gott in dieser Welt repräsentiert sehen zu wollen, so dass man daran Halt hat und einen Ersatz für seine Abwesenheit findet. Gott ist heilig und erhaben, und so ist der Zweck dieses Verbots: dem Volk einen Eindruck zu geben von dem Anders-Sein und Erhaben-Sein Gottes, aber auch davon, dass Er kommt, um sich ihnen zu offenbaren.

Vielleicht gibt es auch noch einen anderen Grund, warum dieses Gebot gegeben wurde. Es wäre wunderlich, wenn es nur darum ginge, diese Welt zu entgöttern und von allen Vorstellungen zu reinigen, die auf Gott verweisen. So negativ ist der Herr nirgends. Gott hat in sich den ewigen Drang zur Gestaltwerdung seiner Gedanken. Er selbst wird für sein Bild sorgen. Er behält sich das Recht vor, sein eigenes Bild auf die Erde zu stellen.

Warum verfallen wir – Heiden von Natur und Juden dem Geiste nach – warum verfallen wir immer wieder in jene Bilder-Macherei? Warum sind wir noch lange nicht frei vom Mammon? Warum werden wir umgarnst vom blauen Venus-Schimmer? Warum können wir die Vergöttlichung von Kraft und Schönheit so gut verstehen? Und sind wir dem Ideal als der Spitze der Bilderwelt auch nicht fremd? Ist es nicht, weil wir (in Ungeduld) nicht warten können auf das Bild, das Gott von sich selbst macht? Ist es nicht ein Drang des geistlichen Fleisches, der uns fromm damit beschäftigt sein lässt, ein Bild zu machen?

Gerade jetzt ist dies eine Ermahnung, die wir nötig haben, denn wir erleben nicht nur eine Zeit des Neuheidentums, dem das erste Gebot entgegensteht, sondern auch eine Zeit des Abwehr-Christentums, das die Wahrheit abrunden will. Das kommt daher, weil wir nicht mehr verstehen, dass Gott nicht in der Figur aufgeht, sondern sich in seinem Tod zu erkennen gibt, mit dem Er das Leben und unser Leben verändert.

Wir stellen sogar die heilige Geschichte als Götzenbild vor uns hin. Und dann geschieht, was der Text sagt: dass Israel mit einer Decke vor dem Angesicht sieht und doch nicht sieht, weil sie die Geschichte gesondert betrachten und sich selbst darin verherrlichen und Gott zum Exponenten des eigenen Abgesondertseins machen. Das ist eine gefährliche Situation: dass wir zwar allgemein schimpfen auf das Gebrüll der Welt, der Heiden, dass wir aber selbst schon weniger stille Menschen werden! Weil wir nicht mehr verstehen, was uns die Schrift als Spiegel der Herrlichkeit Gottes vorhält: dass es Gottes Werk ist, Menschen zu schaffen nach dem Bild Christi durch den Geist.

Wir leben an uns selbst vorbei. Auch soweit wir betend und meditierend sind, sind wir oft nicht beschäftigt mit dem, womit der Herr uns beschäftigt sehen will. Wir wollen etwas anderes sein, wir wollen beispielsweise abgesondert-tapfer sein, aber wir wollen nicht abwarten, was der Herr mit uns vorhat. Wir sind aus dem Bild Gottes herausgefallen. Wir, die Bildmacher sind, sind die Menschen, die das Bild schon weniger tragen. Wir, die wir in dieser Welt ein Zeichen der Gottheit aufzurichten trachten, können selbst nicht mehr ein Zeichen der Gottheit sein. Aber Gott hat einen Widerschein seiner Schechina unter uns aufgestellt. Des Herren Werke sind sehr groß, sein Tun ist eitel Majestät (Psalm 111), und sein Tun ist das Stellen Jesu Christi, der von sich selbst sagt: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.“ Sein Bild ist ein Bild, gewoben aus den Sonnenstrahlen des betenden und befreienden Geistes. Als ein auserwähltes Geschlecht wissen wir, dass wir berufen sind, dem Bild des Sohnes Gottes gleichgestaltet zu werden (Röm 8,29; Kol 1,18).

Und wir werden mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel anschauen und werden nach demselben Bild in Gestalt verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als vom Geist des Herrn.

Der Mensch sagt: Lasst uns Bilder machen, sonst treiben wir im Unsicheren, und wir haben nichts von unserer Absonderung. Und Gott sagt: Lasst uns Menschen machen, sonst habe Ich an der Welt nichts. Wir sagen: Verewige! Gott sagt: Vollende! Lasst uns Menschen machen, danach verlangt mich: nach denen, die dem Geist und der Gestalt Christi entsprechend Mich auf Erden vertreten werden. Es geht nicht um brave und fromme Menschen, sondern um Menschen, die in Gestalt verwandelt werden nach demselben Bild, das Gott in Christus einstmals aufleuchten ließ. In der Kirche wird der Mensch zum Menschen verwandelt, zum Mitgenossen des Menschensohnes. Daraus folgt, dass wir unglücklich sind, nicht weil wir keine Engel oder Götter sind, sondern weil wir noch immer keine Menschen sind und vorerst nicht entdecken, wie tief wir gefallen sind. Eine gute Nachbetrachtung zu Pfingsten ist, zu bedenken, dass es der Heilige Geist ist, der uns nicht zufrieden macht mit uns selbst und der Welt, sondern mit Jesus Christus, denn der Mensch, der in Christus zufrieden ist, der trägt einen Abglanz des Namens Gottes auf Erden.

Hesekiel (34,30) sagt: Ihr Schafe seid Menschen, aber Ich bin der Herr, euer Gott. Wer wirklich hört, dass er nur ein Mensch ist, der wird von Gestalt verwandelt werden nach dem Bild Jesu Christi, der mit Gott war und Gott mit Ihm. Wir werden die Herrlichkeit des Herrn schauen und widerspiegeln, um nach demselben Bild verwandelt zu werden. Siehe da, die wahre Menschwerdung. Wenn Gott sagt: Siehe, Ich mache alle Dinge neu, dann ist Er zunächst dabei, Menschen zu machen. Es ist beschämend, dass es Gott so viel Mühe kostet, Menschen zu machen, aber es ist zugleich die Entzückung seiner Liebe, dass es gelingt.

Wo ist der Mensch, den Ich bestrahlen kann, auf dass er zurückstrahle Meine Liebe? Je weniger Menschen, desto mehr Götter gibt es auf der Welt, kann man sagen, und je weniger Götter, desto mehr Menschen gibt es auf der Welt.

Wo Gott Gott ist, da sind die Menschen Menschen. Ach, was bedarf es eines Kampfes der Seele, um zu jener Einfalt zu gelangen! Wir sind zu kompliziert, wir suchen es zu weit und zu hoch, wir sind gleich fertig und werden nie fertig. Dies ist der Kampf des Lebens, aber wenn wir aufrichtig sind, dann muss er im Heiligtum durchgekämpft werden. Hier müssen wir kämpfen, unter der Spannung und der Entscheidung der Predigt. Es wird euch gesagt: Ich will euch zu Menschen haben, und ihr werdet verwandelt, wenn ihr den Spiegel der Herrlichkeit Christi anschaut. Das Kommen unter den Klang des Wortes ist ein Kommen in das Kraftfeld des Geistes. Es ist gut, wenn wir rufen: Veni Creator Spiritus, aber es würde wenig bedeuten, wenn wir nicht begriffen, dass wir von jenem schöpferischen Geist ergriffen werden. Es braust nun oben und über uns: Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis. Es widerfährt uns hier durch den Geist. Der Text ist voller Tiefen und schwindelerregender Doppeldeutigkeiten: Wir schauen Jesus Christus an, und jene Anschauung in uns entsteht durch Ihn selbst. Wir werden durch den Geist in Gestalt verwandelt, wir schauen den Geist in seiner Tat und dadurch schauen wir Jesus Christus selbst. An Jesu Gebet lernen wir, was Beten ist, aber es ist durch den Herrn, der der Geist ist. Aus Jesu Leiden lernen wir, was Leiden ist, und es ist durch den Herrn, der der Geist ist, dass wir etwas davon verstehen, wenngleich wir dabei beteiligt sind. An Jesu Menschsein lernen wir, Menschen zu sein, aber es ist durch den Herrn, der der Geist ist. An Jesu Dienen lernen wir selbst zu dienen, aber es ist durch den Herrn, der der Geist ist. Vielleicht sagen Sie: Davon merke ich gerade nichts, dass ich von Gestalt verwandelt werde! In dieser Zeit auf mich selbst zurückgeworfen, spüre ich zugleich den Fluch der Dinge und die Armseligkeit meines Tuns, aber ich verwandle mich nicht. Ich muss mich vielmehr fortwährend anklagen, ich muss immer wieder bekennen, wie sehr mir das wesentliche Schauen und Tun entgeht, je mehr ich mit meinem Geist beschäftigt bin, desto mehr muss ich bekennen, dass ich früher, ach früher!, jung war. Es ist ein großes Geheimnis mit einer schmerzlichen Selbsterkenntnis, woraus wir hier unseren Trost schöpfen müssen. So wie die wahre Kirche in der Welt verborgen ist, so ist die neue Gestalt des Menschen im alten Menschen verborgen. Verborgen, das heißt: Wir selbst sind der Spiegel, und ein Spiegel sieht sich selbst nicht. Es ist durch die Leitung des Heiligen Geistes, dass wir keine Haltung einnehmen können.

Wenn wir klagen, dass wir uns nicht verändern: Gibt es jemanden, der zu behaupten wagt, dass Gott nicht mit ihm beschäftigt ist? Möchte jemand so undankbar sein, dass er sich in der Verzweiflung verschanzen würde vor der Stunde der Gnade? Wäre es nicht so, dass wir – wenn wir zwischen diesen beiden hindurchmüssen – nur Grund haben, uns selbst anzuklagen, und keinen Grund haben, Gott in seiner Gegenwärtigkeit zu erkennen? Hören wir dann nicht die Stimme Jesu Christi, den wir in der Welt vertreten dürften und der uns durch die Pfingstscham hindurchführt zur Einfalt des Glaubens, der es nicht wagt, das Werk des Herrn an uns zu verkennen, so dass wir den Sinn dieses Beisammenseins empfinden: Auf euch ist das Wort dieser Stunde gerichtet, ihr seid die Menschen, die Menschen werden sollen!

Von Gestalt verwandelt! Das müssen wir glauben, aber dieser Glaube ist mitgegeben im Glauben an Jesus Christus. Muss ich nun extra versuchen zu glauben, dass es auch für mich bestimmt ist? Glaube an Jesus Christus! Fliehe in jenen einen Glauben!

Es gibt keine gesonderte Wahrheitsfrage und eine gesonderte Heilsfrage, sondern die Wahrheitsfrage ist die Heilsfrage. Die Sünde ist, dass wir Gott mit Zweifel ansehen, wenn Er sagt: Lasst uns Menschen machen. Und dies ist der Glaube: dass wir Gott auf sein Wort vertrauen, wenn Er sagt: Ich bin am Werk, Ich will euch als Menschen tragen und dulden, mehr noch: Ihr seid meine Vertreter im Verborgenen, in der Niedrigkeit. Ich will euch als Glied am Leib meines Sohnes lieben und lieben lehren. Das zu glauben bringt mit sich, dass wir uns hingeben in die bildnerische Hand des Geistes und dass wir Gott immer wieder entgegengehen, um das lebendigmachende Wort zu hören: Lasst uns Menschen machen aus jenem Mann und jener Frau nach unserem Bild und Gleichnis. Möge unser Gebet sein, dass alles, was uns von der Begegnung mit Jesus Christus und seiner Herrlichkeit abzieht, uns mehr und mehr zur Beklemmung werde. Lasst uns nur nicht mehr tapfer und vaterländisch sein auf die Weise von einst, sondern in Stille und Vertrauen fragen nach der Schönheit Jesu und täglich bitten: dass wir Jesu Bildnis tragen.

Der Geist ist ausgegossen und fährt über die Welt, der Geist geht schöpferisch aus und weht über unser christliches, selbstgewisses Herz, um die Fensterläden aufzubrechen, dass wir offenstehen mögen für den Griff der Strahlen, die anders sind als alles, was in der Welt dämonisch strahlt. Das durch jene Strahlen geweckte Bild ist eine Geschichte: es ist die Geschichte Jesu, und es ist Ihre Lebensgeschichte, es ist die eine Geschichte, die fortgeht, trotz all unserer Trägheit in der Hingabe, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, gezeichnet mit dem Stempel der einen Liebe.

Aus dem Gottesdienst am Sonntag Trinitatis, 31. Mai 1942, in der Westerkerk in Amsterdam.

Quelle: In de Waagschaal 15 (1959–1960) 24, S. 420–421.

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