Die Sprache der Liturgie. Eine theologische Überlegung zu ihrer geistlichen Bedeutung
Von Peter Brunner
Sprachprobleme und Verstehensprobleme sind seit dem Zweiten Weltkrieg auf allen Gebieten mit besonderer Intensität hervorgetreten. Für die Theologie genügt es, dafür auf die Bemühungen hinzuweisen, die unter dem Stichwort Hermeneutik zusammengefaßt werden können. In der praktischen Theologie spielt die Frage nach der Sprache der Predigt selbstverständlich eine besonders große Rolle. Daß auch die Sprache der Liturgie mannigfache und schwerwiegende Probleme in sich birgt, ist den Kirchen der Reformation schon durch den Übergang zur Landessprache von ihrem Ursprung her unmittelbar zum Bewußtsein gekommen.[1] Im Zeitalter der Aufklärung kam es in den deutschen evangelischen Kirchen zu einer akuten Krise in der Gestaltung liturgischer Sprache. Tendenzen zu einer radikalen Modernisierung machten sich bemerkbar.[2] Die Sprache der Agenden, zumal der »Privatagenden«, wird derart »zeitgemäß«, daß sie mit einer Wandlung des kurzlebigen Zeitgeistes alsbald hoffnungslos veraltet ist.[3] Mit der in vieler Hinsicht gewiß problematischen, aber für die weitere Sprachgeschichte der Liturgie außerordentlich wirkungskräftigen Agendenreform des »Laien« Friedrich Wilhelm III. verschaffte sich die Erkenntnis Geltung, daß es der ärgste Fehler der Liturgie sei, »wenn sie modern ist«[4]. Seit dieser Zeit vollzieht sich in der evangelischen Kirche die Gestaltung liturgischer Sprache in dem Spannungsfeld zwischen »Tradition und Gegenwart«[5]. Wer, wie der Verfasser, an den Entwürfen für die »Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden«, Bd. I, Berlin 1957, hat mitarbeiten dürfen, kann davon berichten, wie intensiv dabei die grundsätzlichen und praktischen Fragen liturgischer Sprachgestaltung immer wieder empfunden und bedacht wurden[6]. In der weiteren Öffentlichkeit von Theologie und Kirche sind freilich die grundsätzlichen Probleme, die uns im Blick auf die Sprache der Liturgie gestellt werden, kaum hinreichend ins Bewußtsein getreten. Wie die Gestalt der Kirche in der gegenwärtigen weltgeschichtlichen Übergangssituation im ganzen von heftigen Erschütterungen durchbebt ist, so insbesondere die Gestalt ihres Gottesdienstes. Diese Krise wird im Blick auf die Sprache der Liturgie besonders akut. Wir werden diese Krise nicht recht durchstehen können, wenn wir uns nicht der Mühe einer grundsätzlichen, dogmatisch orientierten Besinnung über die Sprache der Liturgie unterziehen. Dogmatisch orientiert ist eine solche Besinnung nur dann, wenn sie an der Sache orientiert ist, um die es im Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde geht – heute wie allezeit.[7] Die Aufgabe, die Probleme sachgemäß zu durchleuchten, die uns die Sprache der Liturgie stellt, greift sehr weit. Nur ein kleines Feld dieses Fragenkreises kann in der folgenden Überlegung in Angriff genommen werden, wobei wir uns dessen bewußt sind, daß in der gegenwärtigen Lage kaum mehr als tastende Versuche auf diesem Gebiet möglich sind.
Schon die Voraussetzung, die sich in unserem Thema ankündigt, kann in Zweifel gezogen werden. Gibt es denn überhaupt eine eigene Sprache der Liturgie? Wäre es etwa angemessen, zwischen einer sakralen und profanen Sprache zu unterscheiden, so daß wir zwei getrennte Sprachräume härten, zwischen denen eine Grenze, wenn nicht gar eine trennende Mauer verläuft? Einer solchen Unterscheidung muß aufgrund der elementaren Einheit unserer menschlichen Sprache widersprochen werden. Sprache ist Wesenselement des Menschseins. Sprache hat ihre durchgehende Einheit in dem Menschlichen. Wir können, solange wir im Leibe wallen, keine andere Sprache sprechen als die, die Wesenselement unseres Menschseins ist. Auch die Sprache der Liturgie kann nur solche menschheitliche Menschensprache sein. Alle Worte, die in der Liturgie vorkommen, sind, wie alle Worte, die in der Bibel vorkommen, ursprunghaft Worte dieser einen Menschensprache, die in ihrem Grund und Wesen einen Unterschied zwischen sakral und profan nicht kennt. Jedes Wort der Bibel, auch diejenigen Wörter, die für uns heute das Letzte und Höchste unseres Glaubens aussagen, sind von Hause aus weltliche Wörter. Das zeigt sich auch beim Übersetzen der Bibel. Im Neuen Testament geschieht selbst schon Übersetzung aus dem Hebräischen und Aramäischen Israels und des Judentums in eine Sprache der Heiden. Man darf wohl die These aufstellen, daß es kein Wort der Septuaginta und des Neuen Testamentes gibt, das sich nicht bei einem Schriftsteller des Griechentums nachweisen ließe oder in den wenigen Ausnahmefällen nicht wenigstens bei einem von ihnen denkbar wäre. Für das Latein der Vulgata gilt das gleiche. Geht man der Geschichte deutscher Wörter wie Gnade, Versöhnung, Rechtfertigung nach, so sieht man, wie allenthalben eine sogenannte weltliche Bedeutung zugrunde liegt. Gewiß sagen Worte wie Gnade, Versöhnung, Friede in der Schrift, in der Verkündigung der Kirche, darum auch in der Liturgie etwas Neues, was die Welt sich selbst aus sich selbst nie hat sagen können. Aber dieses Neue, Einzigartige kann nur in der einen weltlichen Menschensprache ausgesagt werden. Das Neue, Einzigartige, das hier zur Sprache kommen soll, verlangt gerade keine andere Sprache als die eine weltlich-menschliche Sprache alles Menschseins und nicht neue, vom Himmel gefallene oder künstlich fabrizierte Wörter oder eine neue Grammatik mit einer neuen Syntax.[8] Das Neue, Einzigartige, das dem Volke Gottes zu bezeugen aufgetragen ist, muß und wird sich durch den Satzzusammenhang und Sinnzusammenhang der Sprache schon zur Erkenntnis bringen. Es ist in diesem Zusammenhang wohl richtig, sich klarzumachen, daß das, was ein Wort sagt, nie durch das isolierte Wort in seiner Vereinzelung recht vernommen werden kann, sondern nur durch den Gesamtzusammenhang, in dem es steht. Das gilt auch für die Liturgie der Kirche. Die Liturgie muß verstanden werden als ein Sprachganzes, in welchem die Einzelaussage je von dem Ganzen her, in welchem sie erscheint, aussagekräftig ist. In dem Sprachganzen der Liturgie werden die Wörter und selbst die Sätze der einen weltlichen Sprache unseres natürlichen Menschseins neu; sie vermögen in der Kraft des Sprachganzen der Liturgie etwas auszusagen, was sie in ihrem ursprünglichen Sprachzusammenhang außerhalb des christlichen Gottesdienstes noch nicht sagen konnten.
Mit dieser Erkenntnis haben wir einen Grundsatz gefunden, der uns darauf hinweist, in welchem Sinne der Sprache der Liturgie hinsichtlich dessen, was sie sagt, nun doch etwas Eigentümliches und Einzigartiges zukommt. Es ist die Ganzheit dessen, was durch den Vollzug der Liturgie im menschlichen Element der Sprache geschieht, wodurch die Sprache der Liturgie zu dem Besonderen wird, das sie von anderen Sprachräumen unterscheidet. Was ist aber diese Ganzheit? Im sprachlichen Vollzug verwirklicht sich die responsorisch-dialogische Relation, in welcher die christliche Gemeinde im Heiligen Geist durch Jesus Christus zu Gott dem Vater steht. Das Sprachganze der Liturgie ist das Medium für das konkrete Geschehen, in welchem das Gottesverhältnis der Gemeinde als ein lebendiger Vollzug wirklich wird. Das, was geistlicherweise im Vollzuge der Liturgie geschieht, ist die Wirklichkeit, die im Sprachganzen der Liturgie diese Sprache das Besondere sagen läßt, was sie allein sagen kann. Das Stehen der Gemeinde vor Gott, das Stehen der Gemeinde in der Gegenwart ihres Herrn Jesus, das Sein der Gemeinde in und unter dem Heiligen Geist, das ist der Wirklichkeitshorizont, in welchem die Sprache der Liturgie Sprache ist. Anders gesagt: der Wirklichkeitshorizont jenes pneumatischen Geschehens bewirkt, daß die Sprache der Liturgie jene geistliche Wirklichkeit des Gottesverhältnisses der Gemeinde in Sprache erscheinen läßt. Abgesehen von dieser Erscheinung in Sprache wäre jenes Gottesverhältnis als konkreter Akt im Vollzuge überhaupt nicht da.
Damit haben wir wohl den entscheidenden hermeneutischen Grundsatz für das Verstehen der Sprache der Liturgie gefunden. Er lautet: Ausgelegt wird die Sprache der Liturgie durch die Anwesenheit jenes geistlichen Geschehens, das wir die mit dem Vollzuge der Liturgie sich verwirklichende Relation der christlichen Gemeinde zu Gott dem Vater durch Jesus Christus im Heiligen Geist genannt haben. Alles hängt daran, daß dieses Geschehen präsentisch geschieht. Von der Wirklichkeit dieses Geschehens her ist die Sprache der Liturgie erst Sprache, die wirklich redet. Sehe ich von der Wirklichkeit und Präsenz dieses Geschehens ab, dann wird die Sprache der Liturgie sofort gleichsam zu einer unverständlichen Fremdsprache verwandelt. Diejenigen, die eine bestimmte vorliegende Sprachgestalt der Liturgie für »unverständlich« halten, müssen sich zuerst fragen, ob diese Unverständlichkeit nicht darin gründen könnte, daß die Beurteiler bei ihrem Urteil aus dem Horizont der geistlichen Realität herausgetreten sind, durch den die Sprache der Liturgie redende Sprache wird. Das ist gewiß nicht alles, was zur Frage der Verständlichkeit der liturgischen Sprache zu sagen ist, aber es ist das Erste und Grundlegende, das alle anderen Sprachprobleme der Liturgie beherrschen muß.
Wenden wir uns nun einigen besonderen Strukturen und Gestaltgesetzen der Sprache der Liturgie zu. Wenn wir von dem Grundverhältnis zwischen geistlicher Wirklichkeit und liturgischer Sprache ausgehen, so werden wir den Satz aufstellen müssen, daß die Sprache der Liturgie herkommt aus der Sprache der Bibel. Damit ist nicht gemeint, daß die Sprache der Liturgie in einer gesetzlich-biblizistischen Weise die Sprache der Bibel nachzuahmen hätte. Es gibt Beispiele dafür, daß der Gebrauch eines Bibelspruches in einem bestimmten Zusammenhang gerade als eine Fehlentwicklung in der Sprache der Liturgie bezeichnet werden kann.[9] Jedoch ist festzuhalten, daß die Sprachgestalt der Liturgie durch ihren Ursprung entscheidend mitbestimmt ist. Dieser Ursprung reicht aber zurück in die Gemeinden des apostolischen Zeitalters. In der Sprache des Neuen Testamentes begegnet uns Ursprungssprache der christlichen Liturgie. Aufgrund des Zusammenhanges, der zwischen dem Neuen und dem Alten Testament besteht, läßt sich der Satz aufstellen, daß die Sprache der Bibel insgesamt, zumal auch die der Psalmen, eine bestimmende Prägekraft auf die Sprache der Liturgie ausübt. Der Grund für diesen eigentümlichen Sachverhalt ist folgender: Die Sprache der Bibel ist ein bestimmter Ausschnitt aus der einen Menschensprache, ein Ausschnitt, den Gott erwählt hat als das Medium, in das hinein er aufgrund seines Handelns mit seinem erwählten Volk und in diesem Handeln selbst sein Wort hineingegeben hat. Daß es sich hier um einen Ausschnitt aus der einen weltlichen Menschensprache handelt, beruht also auf Gottes erwählendem Handeln. Gott hat sein Wort hineingegeben in alle Sprachschichten, die uns in der Bibel begegnen, und dadurch alle diese Sprachschichten in einer eigentümlichen Weise in den gleichen Verstehenshorizont hineingehoben. Gott hat sein Wort hineingeleibet in die Sprache Israels und in die Sprache derer, die den gekreuzigten Messias Israels als die Zeugen seines Auferstandenseins verkündigt haben. Gott hat das gesamte Sprachgeschehen und die gesamte Sprachgeschichte, die uns in der Bibel begegnen, in den Wirklichkeitshorizont seiner offenbaren Anwesenheit hineingerückt. Damit ist aber ursprunghaft auch die Sprache der Liturgie geschaffen. Gottes offenbarendes und rettendes Handeln schafft sein Volk, das vor ihm steht sowohl im Hören seines Wortes wie auch in der sprachlichen Antwort auf sein Wort. Das Geschehen des Wortes Gottes an sein Volk ist nie ohne die Antwort des Volkes Gottes an den, der da geredet hat, eine Antwort, die gewiß keineswegs nur in Sprache, aber auch und wohl grundlegend in Sprache geschieht.
Wir können heute sehr deutlich sehen, wie das uns in der Heiligen Schrift begegnende Wort Gottes selbst je gestaltet ist von der worthaften Antwort des Volkes Gottes auf Gottes Handeln und Reden. Wir sehen sehr deutlich, wie sowohl im Alten Testament, aber auch und wohl sogar vornehmlich im Neuen Testament es der Vollzug des Gottesdienstes gewesen ist, der das Wort Gottes, wie es uns in der Schrift gegeben ist, entscheidend mitgestaltet hat. Im Blick auf das Alte Testament mag es hier genügen, auf die Psalmen hinzuweisen, deren Zusammenhang mit dem Gottesdienst Israels unmittelbar deutlich ist. Wie stark ist aber auch zum Beispiel die Sprache der Paulusbriefe von der Liturgie der Gemeinde her mitbestimmt. Hat doch selbst der Apostel Jesu Christi, der »nicht von Menschen gesandt, auch nicht durch Vermittlung eines Menschen dazu gemacht« ist (Gal 1,1), es nicht verschmäht, vorgefundene, durch die Tradition gegebene liturgische Sprache als Element seiner apostolischen Verkündigung aufzunehmen (vgl. z. B. Röm 10,9; 1 Kor 11, 23 ff; 16, 22 f; Phil 2, 6-11).
In der Bibel ist nicht nur die menschliche Sprache der Propheten und die menschliche Sprache der apostolischen Zeugen, sondern auch die menschliche Sprache der Liturgie des Gottesvolkes im Alten wie im Neuen Bund zu dem Medium geworden, in das Gott sein Wort durch den Dienst seiner Zeugen hineingeleibet hat. Die Wirklichkeit, die den Verstehenszusammenhang der liturgischen Sprache ausmacht, ist gerade in der menschlichen Sprache der Heiligen Schrift in Erscheinung getreten. Weil es sich im Gottesdienst der Ekklesia zu allen Zeiten um den gleichen hermeneutischen Wirklichkeitshorizont handelt, der die Sprache der Bibel in Wahrheit redende Sprache sein läßt, darum wird auch die Sprache der Liturgie heute und alle Zeit mit innerer Notwendigkeit eine Affinität zu der Sprache der Bibel aufweisen. Die Sprache der Liturgie wird sichtbar machen, daß sie aus dem Quellgeschehen des Handelns Gottes an Israel, an Jesus und an der apostolischen Kirche herkommt. Die Sprache der Liturgie hat die geistliche Prägekraft ihres Ursprungs als Strukturelement und Gestaltungsgesetz in sich bis zum Jüngsten Tag.
Damit stoßen wir auf einen Sachverhalt, der uns die geistliche Bedeutung der Sprache der Liturgie nach einer wichtigen Seite hin zeigt. Wenn das zutrifft, was über die Verbindung der Sprache der Liturgie mit der Sprache der Bibel angedeutet wurde, dann spannt die Sprache der Liturgie einen Bogen zwischen der Gemeinde heute und ihrem Ursprungsgeschehen in Gottes Heilshandeln, das in dem Jesusgeschehen seine heilsgeschichtliche Vollendung gefunden hat. Die Sprache der Liturgie tritt dadurch in einer eigenen, ihr allein eigentümlichen Weise in eine analoge Funktion ein wie die Predigt.
Die Predigt spannt ja auch diesen Bogen, indem sie einen Text aus jenem Ursprungsgeschehen für die Gemeinde heute auslegt. Dabei muß die Predigt mit Schärfe den Jetztpunkt der Gemeinde ins Auge fassen und jenen Text in diesen Jetztpunkt hineinstellen. Die Predigt muß den Abstand der Zeiten zwischen Text und Gemeinde sozusagen in einem einzigen Sprung zu durchstoßen versuchen. Auch die Sprache der Predigt wird dabei ihre Herkunft aus dem Ursprungsgeschehen, von dem ihr Text Zeugnis gibt, nicht ganz verleugnen können und auch nicht verleugnen dürfen. Ohne daß Urwörter des ein für allemal gesetzten Evangeliumsinhaltes in der Predigt vorkommen, kann das Evangelium gerade auch im Blick auf den Jetztpunkt der gemeindlichen Existenz nie recht verkündigt werden. Ist doch das Evangelium im Grunde nichts anderes als die Entfaltung des einen unvertauschbaren Namens Jesus Christus. Darum hat auch das gepredigte Evangelium hinsichtlich seines Inhaltes und seiner Sprache durch die Zeiten hindurch an der unvertauschbaren, ein für allemal gesetzten Namenhaftigkeit des Namens teil, die durch keine noch so radikale Aktualisierung, auch nicht durch den kühnsten interpretatorischen Kunstgriff beseitigt werden darf.[10] Aber – und das ist das Spezifische der Sprache der Predigt im Unterschied zur Sprache der Liturgie – die Predigt hat auftragsgemäß bis in die Sprache hinein gerade der Aktualisierung der biblischen Botschaft in den Jetztpunkt der konkreten individuellen Gemeinde hinein zu dienen, für die sie gehalten wird.
Auch die Liturgie spannt den Bogen zwischen dem Ursprungsgeschehen der Kirche in der Offenbarungsgeschichte Gottes mit seinem Volke und ihrem gegenwärtigen Gottesdienst, aber in einer anderen Weise als die Predigt. Manche Mißverständnisse der Liturgie dürften darin gründen, daß man der Meinung ist, die Liturgie sei eben doch im Grunde dasselbe wie die Predigt, sie müsse daher auch den aktualisierenden Sprachgesetzen der Predigt unterworfen werden, sie müßte wie die Predigt die gleiche, streng auf den Jetztpunkt der konkreten Gemeinde bezogene Sprache aufweisen, so daß es eigentlich am besten und am meisten sachgemäß wäre, wenn für jede Gemeinde und für jeden Gottesdienst die Sprache der Liturgie jeweils genauso neu gestaltet würde in bezug auf den konkreten Jetztpunkt der konkreten Gemeinde, wie man ja auch die Sprache der Predigt in diesem Bezug für jeden Gottesdienst neu gestaltet.[11] Solchen Gedanken liegt das Mißverständnis zugrunde, als gäbe es nur die Predigt des Pfarrers als Mittel der Vergegenwärtigung des Wortes Gottes im Jetztpunkt der Gemeinde. Wir werden mit dem Fortschritt unserer Überlegungen in zunehmendem Maße sehen, daß in dem Versuch, die Liturgie der aktualisierenden Funktion der Predigt gleichzustellen und von daher ihre Sprache zu beurteilen, wesentliche geistliche Grundsachverhalte der Ekklesia Gottes verkannt sind.[12] An dem gegenwärtigen Punkt unserer Überlegung kommt es zunächst auf folgende Erkenntnis an.
Wie wir sahen, ist die Sprache der Liturgie durch das sprachliche Urgeschehen, aus dem sie herkommt, und infolge davon durch die Bibel geprägt. Indem im Vollzug der Liturgie das Verhältnis zwischen Gott und Gemeinde, zwischen Gemeinde und Gott im Jetztpunkt des Geschehens Ereignis wird und dadurch die Sprache der Liturgie tatsächlich redende Sprache wird, die sich durch das genannte geistliche Geschehen selbst auslegt – indem dies geschieht, lebt in der Gemeinde im Jetztpunkt dieses Geschehens die Wirklichkeit, von der das biblische Wort Zeugnis ablegt. In der Sprache der Liturgie ist das biblische Offenbarungswort gegenwärtig nicht durch die Anstrengung einer Aktualisierung, wie sie für die Predigt notwendig ist, sondern dadurch, daß im Vollzug der Liturgie die Gemeinde durch Jesus Christus im Heiligen Geist vor Gott dem Vater steht. Durch die Verwirklichung des Verhältnisses zwischen Gott und Gemeinde, zwischen Gemeinde und Gott im Vollzug der Liturgie lebt biblisches Wort Gottes, durch die Sprache der Liturgie über die Zeiten hinübergetragen, im Jetztpunkt der Gemeinde in einer eigenen, von der Predigt unterschiedenen Weise. Am deutlichsten ist das in der Liturgie der Abendmahlsfeier und in der Taufliturgie, also in der Sakramentsfeier. Das gleiche gilt auch für die Liturgie des Wortteils im sonntäglichen Hauptgottesdienst, die ja vom Ursprung her und ihrer Intention nach zur Liturgie der Eucharistiefeier gehört. Auch in ihr ist biblisches Wort Gottes redend gegenwärtig durch das geistliche Geschehen, das in, mit und unter der liturgischen Sprache Wirklichkeit wird und soweit es Wirklichkeit wird. Daß dem so ist, dürfte durch folgende Überlegung deutlich werden.
Das sprachliche Gestaltungsgesetz der Liturgie, das darin gründet, daß sie ihren Ursprung im Ursprungsgeschehen der Offenbarung hat, zeigt sich in vielfältiger und sehr konkreter Weise. Es zeigt sich z. B. eindeutig in der Schriftlesung. Die Lesung der Schrift im Gottesdienst geschieht in einer anderen Intention als die Lesung des gleichen Textes im Hörsaal der Universität. Das Auditorium des Hörsaals ist nicht die im Namen des Dreieinigen Gottes versammelte Ekklesia. Die Situation des Versammeltseins im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes schafft einen besonderen Hörraum und Sprachraum, den es sonst nicht gibt. Durch diesen spezifischen Hör- und Sprachraum ist das verlesene Wort der Schrift als Bestandteil der Liturgie unmittelbar bereits in eine Gegenwartsdimension hineingerückt, die kein Mensch durch noch so große interpretatorische Anstrengungen schaffen kann.
Der gottesdienstlichen Gemeinde ist es aber auch gegeben, mit dem wörtlichen Schriftwort ihr Wort zu Gott hin zu sagen. Das gilt z. B. für den gottesdienstlichen Gebrauch des Psalters. Dazu wäre mancherlei zu sagen, worauf wir hier nicht näher eingehen können. Unter anderem wäre hier die Frage zu bedenken, in welchen Verstehenshorizont der Psalter durch den gottesdienstlichen Gebrauch gerückt wird. Hier wäre zu zeigen, in welchem Maße die Stimme Christi und mit ihr die Stimme der Gemeinde, die ja sein Leib ist, sich in die Stimme der alttestamentlichen Beter hineinbergen kann (und mit welchem Recht sie das tun kann) und dadurch in der Stimme der alttestamentlichen Beter einen Logos (und damit auch den Logos!) entbergen kann, der weit über den damaligen historischen Jetztpunkt durch alle geschichtliche Zeiten hindurchschlagen kann bis in den gegenwärtigen Jetztpunkt der Gemeinde und ihres Hauptes hinein. Dadurch, daß der Psalter im gottesdienstlichen Gebrauch als gegenwärtiges Wort in dem geistlichen Ereignis der Verwirklichung des Gottes Verhältnisses der Gemeinde steht, spannt sich wiederum durch den geistlichen Vollzug der Liturgie als solchen der Bogen zwischen dem Jetztpunkt der Gemeinde und dem Ursprungsgeschehen, von dem sie herkommt.
Der vornehmste Bestandteil der Liturgie ist nach den Abendmahlsworten und der Taufformel zweifellos das Vaterunser, das Gebet des Herrn. Im gottesdienstlichen Gebrauch des Vaterunsers ist besonders deutlich zu greifen, wie dadurch, daß diese biblischen Worte von der Gemeinde als ihr Gebet im Jetztpunkt ihres Gemeindeseins gebetet werden, unmittelbar das Ursprungsgeschehen dort in Palästina vor bald 2000 Jahren durch die Zeiten und Räume hindurch, die ja immer auch Sprachräume sind, hindurchdringt in die Gegenwart hinein. Mit dem Vaterunser als Gebet der gegenwärtigen Gemeinde stellt sich eine geistliche Verbindung zwischen dieser Gemeinde hier und dem Jesusgeschehen damals dort her. So hat das Vaterunser eine geistliche Verbindung mit jenem Ursprungs- geschehen durch alle Zeiten hindurch in der betenden Gemeinde lebendig erhalten allein durch den Vollzug dieses Gebetes, also allein durch ein Geschehen, ohne daß das, was hier geschieht, ausdrücklich reflex werden müßte oder gar zu einer theologischen Explikation hätte kommen müssen, wie wir sie hier in diesem Augenblick in unserer Überlegung versuchen. Reflexion und Explikation sind notwendig an ihrem Ort; auch in der Unterweisung der Gemeinde sind sie notwendig. Aber wir sollten sie anderseits auch nicht überschätzen, als hinge die Realität des geistlichen Geschehens von dem Maße der reflexen Erkenntnis ab. Der Bereich des Wirklichen ist auch im gottesdienstlichen Geschehen – Gott sei Dank – wesentlich weiter als das, was in reflexer Erkenntnis ins Bewußtsein gehoben wird. Auch in dieser Hinsicht hat die Liturgie eine ihr eigentümlich zukommende Besonderheit gegenüber der Predigt aufzuweisen, nämlich darin, daß allein durch ihren geistlichen Vollzug biblisches Ursprungsgeschehen im Jetztpunkt der Gemeinde gegenwärtig werden kann und gegenwärtig wird durch das sprachliche Geschehen der Liturgie selbst, ohne daß dieses sprachliche Geschehen wie in der Predigt primär in der Form des reflektierten Denkens verlaufen würde. Besteht doch hier das sprachliche Geschehen formal betrachtet lediglich im wiederholten Nachsagen eines biblischen Wortes, freilich ein Nachsagen in der bestimmten Situation der im Namen Gottes versammelten Gemeinde und mit der bestimmten Intention, in, mit und unter diesem Worte tatsächlich zu beten. So wird dieses Nachsagen bei gleichbleibendem Wortlaut doch je und je ein Neusagen!
Zum Ursprungsgeschehen der Offenbarung schlagen auch folgende Gesänge des Ordinariums einen Bogen: Kyrie (trotz seiner antik-heidnischen Parallelen oder vielleicht gerade auch wegen dieser Parallelen!), Gloria in excelsis, Sanctus, Agnus Dei. In gewissem Sinne gilt das auch vom Credo. Ist es doch herausgewachsen aus den Glaubensbekenntnissen des apostolischen Zeitalters, die älter sind als die neutestamentlichen Schriften und in ihnen als vorgegebene Bekenntnisformeln an verschiedenen Stellen für uns deutlich heraustreten[13]. – Doch öffnet uns das Credo einen neuen Ausblick auf die geistliche Bedeutung der Sprache.
Das Vorkommen biblischer Texte in der Liturgie hat, wie wir sahen, eine weitreichende Bedeutung für die Sprache der Liturgie überhaupt. Aber dabei dürfen wir nicht stehenbleiben. Es wäre ganz gewiß verkehrt, wollte man die Sprache der Liturgie, weil sie vom Ursprungsgeschehen der Offenbarung geprägt ist, soweit als möglich auch in ihrer äußeren Gestalt zur Bibelsprache machen. Ein solcher Versuch wäre vor allem deswegen abzulehnen, weil die Sprache der Liturgie Sprache der Gemeinde Jesu Christi ist, die als Pilgrim durch die Zeiten hindurchgegangen ist und weiter hindurchschreitet dem Ende der Zeiten entgegen. Dieser Weg der Gemeinde durch die Zeiten hindurch ist keineswegs entblößt von Wirkungen des Heiligen Geistes, die auch als Sprach Wirkungen den Weg der Kirche Gottes durch die Zeiten hindurch markieren. Die Sprachwirkungen des Heiligen Geistes bestehen auf diesem Wege gewiß nicht in neuen Offenbarungen der Heilswahrheit, aber sie können in neuen Aneignungen der ein für allemal in der Schrift gegebenen apostolischen Heilswahrheit bestehen. Die Sprache der Liturgie ist im Jetzt- punkt der Gemeinde eingedenk der Tatsache, daß die Gemeinde in diesem Jetztpunkt nur wirklich ist aufgrund des geschichtlichen Weges der Kirche Gottes durch die Zeiten hindurch. Nichts wäre verkehrter, als den Jetztpunkt isoliert sehen zu wollen für sich, abgesehen von dem Weg der Gemeinde durch die Zeiten hindurch, der ja in diesem Jetztpunkt mit gegenwärtig ist. Die Liturgie hält diesen Weg der Gemeinde, der immer auch ein sprachlicher Weg war, eben durch ihre Sprache in das Heute hinein. Mit andern Worten: die Sprache der Liturgie ist in einem ganz bestimmten Sinne ökumenische Sprache, sie ist Sprache in der Communio sanctorum. Die Sprache der Liturgie ist Bezeugung der Gemeinschaft mit den Brüdern auch m Hinsicht auf die, die vor uns gewesen sind und vor uns das Wort Gottes in ihrem Jetztpunkt empfangen und vor uns in Gebet, Danksagung und Lobpreis mit ihrem Wort Gott geantwortet haben auf seine unaussprechlich große Gabe.
Damit ist nun keineswegs gemeint, daß die Liturgie ein Museum archaischer Sprachelemente wäre, die ihr einen altertümlichen, altertümelnden, romantisierenden Anstrich verleihen sollten. Vielmehr handelt es sich darum, daß geistliche Erkenntnisse und Erfahrungen, die der Kirche Gottes auf ihrem Wege durch die Zeiten hindurch da und dort zuteil geworden sind, um des Wortes Gottes willen der Christenheit auf ihrem weiteren Weg und darum auch in ihrem Jetztpunkt nicht verlorengehen dürfen. Solche Bewahrung geschieht in der Sprache der Liturgie.
Hier wäre daran zu erinnern, daß feststehende Formeln zum sprachlichen Gestaltungsgesetz der Liturgie gehören. Beispielsweise sei hingewiesen auf das Votum »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«, das wohl von Haus aus eine Segensformel ist, aber zugleich das mit dieser Formel verbundene Tun unter die Vollmacht des Dreieinigen Gottes und damit in die Präsenz dieses Gottes stellt. In diesem Votum klingt auch die Taufformel nach Mt 28 an. Dadurch wird die versammelte Gemeinde auch unter die Wirklichkeit des Taufgeschehens gestellt. Grund, Vollmacht, Erlaubnis und Verheißung des gottesdienstlichen Tuns stehen in engster Beziehung mit der Tatsache, daß hier Menschen als Glieder am Leibe Christi versammelt sind, in den sie durch die Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes hineingenommen sind. Mit all dem erinnert dieses Votum an die Erkenntnis von der Dreieinigkeit des Gottes, um dessen Wort und um dessen Anrufung es in diesem Gottesdienst geht. Was die alte Kirche in manchen Anfechtungen und unter schweren Mühen und Kämpfen errungen und im trinitarischen Dogma aufgrund des christologischen Dogmas ausgesprochen hat, ragt hier gegenwärtig in die Gemeinde hinein. Das gleiche gilt für das Credo, das als die Entfaltung dieses Namens Gottes angesehen werden kann. Das Credo in der Liturgie ist wohl der deutlichste Hinweis darauf, daß die Sprache der Liturgie den Glaubensweg der Kirche Gottes durch die Zeiten hindurch in sich gegenwärtig haben will, um dadurch die ökumenische Dimension in ihrer Sprachgestalt zu verwirklichen. Zu einem solchen ökumenischen Element der Liturgie ist auch der Lobpreis des »Laudamus te« zu rechnen. (Leider steht dieses »Laudamus te« in der neuen badischen Agende noch in Klammern!) Eine andere Stelle, an der die ökumenische Dimension in unserer Liturgie stärker zur Geltung kommen könnte, ist meines Erachtens die Abendmahlsliturgie, wo die Struktur der Eulogia noch deutlicher herausgebildet werden könnte.[14] Wem einmal die Bedeutung der ökumenischen Dimension in der Liturgie deutlich geworden ist, der wird sicher bemüht sein, gerade solche in dieser Hinsicht ausgezeichneten Stücke in einem lebendigen Vollzug wieder zur Geltung zu bringen.
Doch soll es uns hier in unserem Gedankenzusammenhang heute nicht auf dieses oder jenes Einzelstück ankommen, sondern auf die Erkenntnis, warum die Stimme der Väter aus vergangenen Jahrhunderten in dem Gebet und Lobpreis der gegenwärtigen Gemeinde mit gegenwärtig ist. Was wir im Gebrauch des Gesangbuches in jedem Gottesdienst praktizieren, gilt auch für die Liturgie im ganzen. Die Tatsache, daß viele gottesdienstliche Gebete auf Vorlagen aus älteren Zeiten zurückgehen, auf die alte Kirche und auf die Reformationszeit, die selbst Gebete der alten Kirche bewußt aufgenommen hat, und auch auf spätere Zeiten – diese Tatsache ist keineswegs negativ zu beurteilen und lediglich als ein Armutszeugnis für die Gegenwart anzusehen, sondern darin kommt ein wesentliches Grundgesetz der Sprache der Liturgie zum Ausdruck, das seinerseits ein Grundzug des Wesens der Kirche selbst ist, nämlich Ausdruck ihrer geistlichen Verbundenheit mit dem Weg der glaubenden, bekennenden und betenden Kirche durch die Zeiten hindurch. Wir sollten uns nach meiner Überzeugung hier für die Erkenntnis öffnen, daß der Kirche Gottes auf ihrem Pilgrimsweg je und je durch die Wirksamkeit des Geistes sprachliche Gestaltungen geschenkt worden sind, auf die in einem bestimmten Sinne der Begriff des Klassischen angewendet werden kann. Es handelt sich dabei um Sprachereignisse im Bereich eines pneumatischen Geschehens, in denen Sprachform und geistliche Realität in einer unüberbietbaren Weise ineinander geschmolzen sind, wodurch der betreffenden Sprachgestalt eine die Zeiten durchdringende Kraft verliehen wurde.
An dieser Stelle kann vielleicht etwas von der geistlichen Bedeutung der feststehenden Formel sichtbar gemacht werden. Die Meinung, die feststehende Formel nutze sich durch den regelmäßigen Gebrauch notwendig ab, sie verarme und veröde, Wechsel müsse daher das allbeherrschende Grundgesetz der liturgischen Sprache sein – diese Meinung beruht sicher auf einem Irrtum. So wie zur Nahrung unseres Leibes Feststehendes, sich immer Wiederholendes gehört wie Brot und Wasser, so verhält es sich auch in unserem geistlichen Leben und zumal im gottesdienstlichen Leben der Gemeinde. Gerade die feststehende Formel kann und will sich aus der ihr einwohnenden Kraft heraus immer wieder als neu erweisen, indem sie immer wieder neu die mit ihr verbundene geistliche Realität zu entbinden vermag. Am deutlichsten ist das für uns im Vaterunser und in den Einsetzungsworten des Abendmahls. Aber Entsprechendes gilt auch für andere feststehende Stücke, wenn sie nur aus dem reichen Schatz dessen, was ich das Klassische genannt habe, stammen. Gerade das Feststehende, im Wortlaut Bekannte ermöglicht z. B. im Sündenbekenntnis, aber überhaupt im Beten und Loben den rechten, inneren Mitvollzug der Gemeinde. Auch bei den kirchlichen Handlungen, die auf solche Urphänomene wie Ehe, Mutterschaft, Sterben und Tod bezogen sind, ist an der entscheidenden Stelle die rechte feste Formel am Platze, die die Kraft in sich hat, über die Zeiten und Generationen hinüber einen sprachlichen Bogen zu spannen. Bei Taufe, Trauung und Beerdigung ist der individuelle Kasus eingebettet in ein überzeitlich Vorgegebenes, das alle Kasus umspannt. Der Individualität des Kasus wird in mannigfacher Weise bei der Auswahl wechselnder Stücke und vor allem in der Kasualrede Rechnung getragen werden können. Aber es darf dabei nicht übersehen werden, wie jeder Kasus unbeschadet seiner individuellen Einmaligkeit in seinem Wesen Anteil hat an einem ein für allemal Vorgegebenen, Überzeitlichen, in das er eingeordnet ist. Darum ist dort, wo es sich um das dem Wesen dieses Kasus Zukommende handelt – bei dem Begräbnis z.B. der Akt der Bestattung selbst —, die feststehende, durch die Zeiten hindurch zu bewahrende Formel am Platze. Bei der Taufe ist die feststehende Taufformel sogar mit konstitutiv für die Gegenwärtigsetzung des Sakramentes. Aber auch das Votum postbaptismale hat aufgrund seiner deklarierenden und segnenden Funktion an dem Charakter einer feststehenden Formel teil. Trauung und Bestattung haben keinen Sakramentscharakter; das Vorgegebene, jeden Kasus Übergreifende ist hier anderer Art, aber es ist auch hier gegeben. Einsegnung einer Ehe als einer Ehe »im Herrn« zum matrimonium sanctum, Übergabe eines toten Leibes an die zukünftige Auferstehung von den Toten, das sind Handlungen, die als solche ein bestimmtes, ein für allemal vorgegebenes Geschehen in der Kraft des Wortes effektiv einschließen. Einem solchen Geschehen entspricht die feststehende Formel. Diese Überlegung gilt auch für den Segen, wo immer er im Vollzug kirchlichen Handelns gespendet wird. Gerade für die verschiedenen Segensformeln dürfte das Feststehen des Wortlautes in besonderer Weise charakteristisch sein.[15]
Die Besinnung auf die ökumenische Dimension der liturgischen Sprache schloß schon die Erkenntnis ein, daß die Sprache der Liturgie notwendig die Sprache einer bestimmten Gemeinschaft ist. Die Sprache der Liturgie ist die Sprache eines Wir. Das Subjekt dieses Wir ist zunächst die konkret versammelte Gemeinde. Sie besteht aber aus einzelnen Christen. Die Sprache der Liturgie muß so beschaffen sein, daß sie diese einzelnen aufgrund ihres Christseins in die Wir-Sprache der Gemeinde aufnehmen kann. Das bedeutet notwendig, daß in der Sprache der Liturgie etwas Analoges geschehen muß wie dort, wo die Sprache eine Vielheit von einzelnen Dingen oder Geschehnissen unter einen gemeinsamen Begriff bringt. Im begrifflichen Ausdruck muß notwendig von bestimmten, im Einzelfall gegebenen Sachverhalten und Eigentümlichkeiten abgesehen werden. Ohne ein solches Zurückstellen individueller Konkretionen käme eine begriffliche Sprache überhaupt nicht zustande. In der Sprache der Liturgie geschieht etwas Ähnliches wie in der allgemeinen Begriffsbildung, keineswegs das gleiche, vielmehr etwas, das auf einer ganz anderen Ebene liegt, aber auf dieser ganz anderen Ebene geschieht bei tiefgreifenden Unterschieden doch etwas Entsprechendes. Die Sprache der Liturgie muß als Sprache des Wir keineswegs in abstrakten Allgemeinheiten verschwimmen, aber sie muß das, was zur Sprache kommt, derart sagen, daß alle mit ihrer Person in diese gemeinsame Sprache eintreten können. Nur so wird die Sprache der Liturgie eine echte Wir-Sprache sein. Liturgische Sprache muß daher eine Offenheit aufweisen dafür, daß die Vielen in dieser Sprache eins werden können. Das bedeutet zweifellos auch dies, daß die Begrifflichkeit der liturgischen Sprache eine Weite aufweisen muß, die äußerlich betrachtet auch als eine Begrifflichkeit des Allgemeinen erscheint. Der logische Sinn der Bezeichnung »allgemein« schlägt hier aber unmittelbar um in einen geistlichen Sinn. Das, was allen Christen im Vollzug des Gottesdienstes gemein ist, was allen gemein sein kann und sein sollte, dieses allen Gemeine verleiht der Sprache der Liturgie notwendig einen gewissen allgemeinen Charakter.
Wenn dieser Sachverhalt recht beachtet wird, kann in der Sprache der Liturgie auch der Jetztpunkt der Gemeinde in angemessener Weise zur Geltung kommen[16]. Das wird vor allem im Fürbittengebet des sonntäglichen Gottesdienstes geschehen. Der inhaltliche Grundtypus der oratio fidelium wird in allen seinen verschiedenen Formtypen zu bewahren sein. Aber auch die Heraushebung bestimmter aktueller Gebetsanliegen, die unter Umständen eine einmalige Ad-hoc-Formulierung verlangen, sollten so gestaltet sein, daß sie unbeschadet ihrer Aktualität nicht aus der Sprache des Wir herausfallen. Es wird ein Zeichen für die geistliche Reife des hier handelnden Liturgen sein, daß er einmalige konkrete Aktualität im Jetzt und Hier in Einklang zu bringen vermag mit dem eigentümlichen Grundgesetz einer Wir-Sprache, das in dem pneumatisch-korporativen Charakter der im Namen Jesu versammelten Gemeinde gründet. Dabei sollte mehr, als es im allgemeinen zu geschehen pflegt, als aktualisierender Faktor im Jetzt und Hier der namentlichen Fürbitte gedacht werden. In den Zeiten des Kirchenkampfes hatte die Gemeinde eine Erfahrung von der geistlichen Bedeutung namentlich vollzogener Fürbitte im Gemeindegottesdienst. Dabei wurde ein altkirchlicher Grundzug der Fürbitte in seiner Bedeutsamkeit wieder erkannt, wie er sich in den Diptychen darstellt, in jenen Namenstafeln, in denen die Namen der Personen verzeichnet waren, die im Gebet ausdrücklich genannt wurden. Von dieser Möglichkeit namentlicher Fürbitte für bestimmte Amtsträger der Kirche, wie zum Beispiel den Bischof, sollte regelmäßiger Gebrauch gemacht werden. Auch die Fürbitte für diejenigen Pfarrer der Landeskirche, die an besonders exponierten Stellen ihren Dienst tun, wie z. B. auf dem Missionsfelde, sollte unter Nennung des Namens ab und zu geschehen. Gerade in solcher Namensnennung liegen Möglichkeiten der Aktualisierung, die wir wieder entdecken sollten. Aber auch die für Trauung oder Taufen oder Beerdigung abgekündigten Personen könnten und sollten wohl mit ihrem Namen im Fürbittengebet erscheinen, wo die Umstände es erlauben. Dies wäre eine hochbedeutsame Aktualisierung des Leibseins der konkreten Ortsgemeinde in ihrem Jetzt und Hier.[17]Aber das Wir, das in der Sprache der Liturgie spricht, greift über die konkrete Einzelgemeinde, auch über die Landeskirche weit hinaus. Wir sind gewiß, daß im Gottesdienst der konkreten Einzelgemeinde die eine Kirche Gottes als ganze mit gegenwärtig ist. Die epiphane Präsenz der universalen Christenheit in der konkreten Einzelgemeinde wirkt mit innerer Notwendigkeit auf die Sprache der Liturgie ein. Keineswegs äußert sich diese Einwirkung in einer völligen sprachlichen Uniformierung, wie sie z. B. der nachtridentinische Katholizismus erstrebt und weithin auch verwirklicht hat. Wir können heute beobachten, wie dieser nachtridentinische Uniformismus mit Recht dadurch gebrochen wird, daß bestimmte, geschichtlich gegebene Sachverhalte von lokaler Begrenzung, auf die schon der Gebrauch der Landessprache hinweist, formgebend auf die Sprache der Liturgie einwirken. Die evangelischen Kirchen müßten sich ihrerseits fragen lassen, ob in der dialogischen Situation, in die die Konfessionen inzwischen eingetreten sind, für sie in Hinsicht auf die Sprachgestaltung ihrer Liturgien nicht eine entgegengesetzte Bewegung stattfinden müßte, nämlich aus einer weitgehenden Zersplitterung heraus zu einer größeren Einheitlichkeit, in welcher gerade auch der universalen ökumenischen Dimension Rechnung getragen werden kann. Man wird nicht bestreiten können, daß durch die in der Reformationszeit notwendig gewordenen liturgischen Entscheidungen diese ökumenische Dimension der liturgischen Sprache in mancher Hinsicht, z. B. in der Gestaltung des Abendmahls, gelitten hat. Eine Besinnung darauf, ob und wie – unbeschadet der eindeutig konfessionellen Bestimmtheit der liturgischen Sprache – der geistliche Wir-Charakter dieser Sprache sich heute nicht derart weiten dürfte und weiten sollte, daß der epiphanen Präsenz der gegenwärtigen Christenheit in der Einzelgemeinde zeichenhaft, aber deutlicher als bisher, Rechnung getragen würde, entspräche wohl gerade der aktuellen Situation, in die die Christenheit im Jetztpunkt ihres Weges durch die Zeiten hindurch eingetreten ist.
Mit all dem haben wir wahrscheinlich noch nicht von der wichtigsten Bedeutung gesprochen, die der Liturgie in sprachlicher Hinsicht zukommt. Eine wesentliche Funktion der Sprache der Liturgie liegt darin, daß sie in einem eminenten Sinne teilhat an dem Geschehen der traditio. Die Liturgie steht hier zusammen mit dem Katechismus und dem Gesangbuch. Auch in ihr werden mit den Urworten des Evangeliums die in dem unvertauschbaren Namen Jesu Christi beschlossenen geistlichen Gaben und Güter weitergegeben auch in solchen Zeiten, in denen es den Christen schwer fällt, das in diesen Urworten Gemeinte recht zu erkennen und mit neuen Worten der Welt zu sagen. In solchen Lagen übt die Sprache der Liturgie eine bewahrende Funktion aus, die als solche gleichzeitig auch einen Aufruf und eine Mahnung darstellt, das in diesen Urworten lebende Gut zu ergreifen derart, daß es – so Gott will — wieder zu jenem Wort nach außen hin werden kann, durch das die Welt verändert wird. Die Sprache der Liturgie gehört, um mit Dietrich Bonhoeffer zu sprechen, zum Arkanum der Gemeinde und bewahrt diesen Bereich vor seiner Entleerung.[18] Wer sprachlich dieses Arkanum antastet oder gar auflöst, muß wissen, daß er damit nicht nur die um Wort und Sakrament sich versammelnde Gemeinde wesentlicher Faktoren des Wachstums ihres geistlichen Lebens beraubt, sondern sich dadurch vor allem auch an der Welt vergeht, die darauf wartet, daß ihr genau das, was in den Urworten des Evangeliums lebt, gesagt wird. Die Verantwortung für die Sprache der Liturgie erweist sich als eine Verantwortung für das im Evangelium beschlossene Heil und damit als eine Verantwortung für das Heil der Welt selbst.
Zugrunde liegt ein Vortrag für Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden, der im Rahmen eines Pastoralkollegs im Sommer 1967 gehalten wurde.
Quelle: Otto Semmelroth (Hrsg.), Martyria Leiturgia Diakonia. Festschrift Hermann Volk, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, 1968, S. 320-339.
[1] Man vgl. das Material bei J. Smend, Die deutschen Messen bis zu Luthers deutscher Messe, 1896, und bei P. Brunner, Die Wormser deutsche Messe, in: Kosmos und Ekklesia (Festschrift für W. Stählin), Kassel 1953, 106-162, mit Beilage. Für die Eindeutschung der Kollektengebete im Reformationszeitalter hat H. L. Kulp in den Untersuchungen zur Kirchenagende I, 1 eine reiche Beispielsammlung dargeboten, deren Studium unter dem Gesichtspunkt liturgischer Sprachgestaltung sehr aufschlußreich ist. Vgl. in: J. Beckmann u. a., Der Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, Gütersloh 1949, 283-427. Insbesondere ist hier auf Luther hinzuweisen, der in seinen deutschen Kollekten eine liturgische Sprache geschaffen hat, die als ein vollgültiges Äquivalent zur lateinischen Sprachgestalt der oratio gelten darf. Vgl. dazu das Urteil von H. L. Kulp, in: Leiturgia II, Kassel 1955,406 f: »Luther schafft in diesen Gebeten ein Äquivalent zur römischen Satzperiode, ohne sich als Übersetzer an den Wortlaut der römischen Vorlage zu binden … Wichtig ist, und von Späteren in dieser Weise nicht mehr erreicht, die eigentümliche Zügigkeit des Satzbaues, in der ganz im Sinne der römischen Kollekte unter Anwendung der syntaktischen Mittel, der relativen Prädikation, der Partizipialsätze, die man heute weithin als Latinismen ansieht – dies dürfte aber wohl ein Fehlurteil sein eine Fülle von Aussagen um eine schlichte Bitte gruppiert wird.«
[2] Vgl. die zahlreichen Beispiele solcher Entgleisungen bei P. Graff, Geschichte der Auflösung der alten gottesdienstlichen Formen in der evangelischen Kirche Deutschlands II (Die Zeit der Aufklärung und des Rationalismus) 1939, passim. Audi die römisch-katholische Kirche wurde von diesen Bestrebungen ergriffen. Vgl. a.a.O. 303-316. Die katholische Liturgiewissenschaft hat damals nicht selten »mit stetem Hinblick auf die Agenden des Protestantismus« gearbeitet. Auch haben Kirchenfürsten wie der Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Emmerich Joseph v. Breitenbach-Bürresheim, in Fragen der Liturgie Verbindung mit evangelischer Wissenschaft und evangelischen Gelehrten aufgenommen. »Man war eben in diesen Kreisen allseitig überzeugt, daß man nur auf diese Weise weiterkommen könne. Ja, man erhofft, ebenso wie es auf evangelischer Seite geschah, von der neuen Liturgie einen Stillstand der Kirchenflucht« (a.a.O. 309).
[3] Man vgl. etwa die Spendeformel bei der Austeilung des Abendmahls in der amtlichen Agende von Kurland 1792: „Erhabener Heiland der Welt, das Andenken deiner Liebe, deiner Leiden, deines Versöhnungstodes, sowie deines hohen Vorbildes der Tugend sei uns gesegnet, in diesem Brot und in diesem Wein, gesegnet zur innigen Vereinigung mit dir, zur Beruhigung unseres Herzens und zur Ermunterung in guten edlen Taten, um uns in diesem und in jenem Leben derselben freuen zu können.« Die Privatagenden gingen in dem Bestreben nach »zeitgemäßer Modernisierung« selbstverständlich noch weiter. So wurden in Hufnagels Liturgischen Blättern, die in Erlangen 1790 ff erschienen, mehrere Spendeformeln angeboten, für die als ein typisches Beispiel die folgende gelten kann: »Genießen Sie dies Brot im Andenken Jesu Christi, wer nach edler Tugend hungert, wird gesättigt. – Genießen Sie ein wenig Wein, wer nach reiner edler Tugend dürstet, wird nicht vergeblich schmachten« (zitiert nach P. Graff, Geschichte der Auflösung, 155 f). Wenn uns diese liturgische Sprache heute auch fast als grotesk anmuten mag, so darf doch der hier mit Ungestüm sich manifestierende Elan, zu einer Neugestaltung des Gottesdienstes in einem Umbruch der Zeiten vorzustoßen, nicht verkannt werden. Zugleich stellt sich hier unerbittlich die Frage, was für die Sprache der Liturgie der Begriff der „Zeitgemäßheit« eigentlich bedeutet. Die Sprache der Liturgie muß offenbar einen langen Atem haben, wenn sie nicht bereits der nächsten oder übernächsten Generation nahezu unerträglich werden soll.
[4] Darin wenigstens bestand zwischen Friedrich Wilhelm III. und seinem theologischen Gegner Schleiermacher Übereinstimmung. Vgl. W. Jannasch in RGG3II, Sp. 1785.
[5] Vgl. W. Schanze, Die Sprache der Liturgie, in: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 7 (1962/63) 40-51, hier 47.
[6] Die wichtige Abhandlung von W. Schanze (ebd.) läßt etwas davon erkennen, welche Gesichtspunkte und Erkenntnisse die Mitarbeiter dabei geleitet haben.
[7] Dazu darf ich auf meine Abhandlung in Leiturgia I, Kassel 1954, 83-361: Zur Lehre vom Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde, verweisen.
[8] Damit soll keineswegs die Kluft übersehen werden, die zwischen den Sprachen verschiedener Kulturen besteht. Sprachprobleme, wie sie bei dem Übergang hebräischer Wörter und Syntax in das Griechische begegnen, kehren in der Mission nicht selten in gesteigertem Maße wieder. Die Übersetzer der Bibel in afrikanische und ostasiatische Sprachen wissen davon zu berichten. Aber auch angesichts dieser Schwierigkeiten werden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für die ein Lehnwort geschaffen werden muß, nur solche Wörter für die Übersetzung in Frage kommen, die sich in der betreffenden fremden Sprache bereits vorfinden. Entscheidend wird die Frage sein, wie weit ein solches vorgefundenes Wort transparent werden kann für das Neue, das von der biblischen Botschaft her mit seiner Hilfe ausgesagt werden soll. Letzten Endes empfängt das vorgefundene Wort seine neue Aussagekraft durch den Glauben der Getauften, es ist gleichsam mitgetauft worden. Das Eindringen des christlichen Glaubens in ein neues Sprachgebiet eröffnet in diesem Bereich eine neue Sprachgeschichte. In diesem Zusammenhang wird die Geschichtlichkeit der Sprache von großer Bedeutung. Der durch Geschichte bedingte Gebrauch der Sprachelemente erweist sich als ein entscheidender Faktor für die Aussagekraft eines Wortes und eines Satzes. Die Klüfte zwischen den verschiedenen Sprachen der Menschheit mögen noch so groß sein – die Möglichkeit eines Verstehens über die Klüfte hinüber wird immer größer sein, und zwar gerade dort, wo es sich um das endzeitliche Geschehen von Verkündigung und Glaube handelt! Die Bedingung für die Möglichkeit eines solchen Verstehens ist aber das eine durch alle Geschichtlichkeit sich durchhaltende menschheitliche Wesen des Menschseins. Diese Bedingung ist bereits notwendige Voraussetzung aller Geisteswissenschaften mit Einschluß der Religionswissenschaft. Der entscheidende Grund für die tatsächliche Geltung dieser Bedingung ist aber für uns ein theologischer: Weil Christus für alle gestorben ist, muß dies auch im Evangelium für alle aussagbar sein. In der menschheitlichen Universalität der eschatologischen Heilstat des Kreuzes und ihrer Verkündigung leuchtet wieder auf die protologische Setzung des einen wesenhaften Menschseins und seine Bewahrung in der Geschichte durch alle »babylonischen« Verwirrungen hindurch. In diesem Sinne sind alle geschichtlich gegebenen Sprachen der Menschheit eingebettet in das eine durchgehende einheitliche Wesensein des Menschen, dessen vornehmste Manifestation eben die Sprache selbst ist.
[9] Ein Beispiel für eine solche Fehlentwicklung ist der Ersatz des Votum postbaptismale, wie es sich in Luthers Taufbüchlein findet, durch einen Bibelspruch. Nicht wenige evangelische Taufagenden bieten einen solchen Ersatz an. Liturgischer Biblizismus erweist sich in solchen Zusammenhängen nicht selten als ein Deckmantel für eine dogmatische Unsicherheit! Vgl. auch weiter unten die Überlegungen zur Bedeutung der feststehenden Formel.
[10] Bei den hermeneutischen Überlegungen, die sich auf vergegenwärtigende Auslegung biblischer Texte beziehen, sollte die Tatsache gründlich bedacht werden, daß das Evangelium – wie übrigens auch schon das Gotteszeugnis des Alten Testamentes – an einen Namen gebunden ist. Das Evangelium ist in dem einen Namen Jesus Christus, in dem für alle das Heil endgültig beschlossen liegt, gleichsam konzentriert (Apg 4,12). Ein Name kann nicht ersetzt werden, er ist schlechthin unübersetzbar, er kann nur wiederholt werden in der Identität seiner Namenhaftigkeit. Der Name umfaßt aber mit der Person, die ihn trägt, auch das Geschick seines Trägers. Auch das Geschick des Namensträgers ist cm Ephhapax, unverwechselbar, unvertauschbar, ein für allemal geschehen. Das Gcschick des Namensträgers hat daher Anteil an der Unersetzbarkeit und Unübertragbarkeit des Namens selbst. Von dem Namen, in dem das Evangelium sein Zentrum hat, geht eine Kraft des Namenhaften auch auf Inhalte des Evangeliums aus derart, daß Urworte des Evangeliums wie Versöhnung, Gnade, Vergebung der Sünden u. a. ein Merkmal der Unersetzlichkeit aufweisen, auch wenn sie in Umschreibungen bis zu einem gewissen Grade erläutert werden können. Für die Sprache der Liturgie werden solche Urworte des Evangeliums gerade als Bezeugung des Namens Jesu Christi nicht nur unvermeidlich, sondern auch unersetzlich sein.
[11] Tatsächlich werden in der jüngsten Theologengeneration in extremen Fällen solche Gedanken vertreten, gelegentlich sogar bereits literarisch!
[12] Zum Verhältnis von Liturgie und Predigt vgl. die treffende Bemerkung von W. Schanze: »Die Liturgie der Kirche enthält in hervorragendem Maße ein Element der Konstanz. Während die Predigt die Aufgabe hat, das Wort Gottes in die Lage der Gegenwart hinein zu verkündigen und deshalb das ›hic et nunc‹, das Hier und Heute, im Gesichtsfeld behält, bekommt in der Liturgie der andere Faktor des kirchlichen Dienstes sein Gewicht: das ›semper et ubique‹, das Allezeit und Allenthalben. Damit steht die Liturgie wesentlich stärker in den Bindungen der Tradition, als es der Dienst der Verkündigung tut. Das ist nicht ein Gegensatz zur Predigt, sondern eine notwendige und ergänzende Hilfe, die die Verkündigung vor dem Abgleiten in das Zufällige und Bedingte bewahrt und sie an die unverrückbare Mitte bindet.« Vgl. W. Schanze, Die Stimme der Jahrtausende in der Kirche der Gegenwart. Bemerkungen zum Problem der Liturgie, in: Evangelium und mündige Welt, hrsg. v. Ristow/ Burgert, Berlin 1962, 178f. Vgl. dazu ferner vom gleichen Verfasser den Aufsatz: Liturgie und Verkündigung, in: Gott ist am Werk (Festschrift für Landesbischof D. Hanns Lilje), Hamburg 1959, 313-320.
[13] Vgl. dazu etwa O. Cullmann, Die ersten christlichen Glaubensbekenntnisse (Theologische Studien 15), 21949, und meine Abhandlung über Wesen und Funktion von Glaubensbekenntnissen in dem Vortragsband der gemeinsamen katholischen und evangelischen Akademietagung Veraltetes Glaubensbekenntnis, Regensburg 1968, 7-64.
[14] Im Ordinarium der Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, Band I, 1957, bildet für die Abendmahlsfeier die nach dem Sanctus einsetzende Form B einen wichtigen Schritt zur Verwirklichung des ökumenischen Grundtypus der Eucharistie auf reformatorischer Grundlage.
[15] Zu den mit dem Segen verknüpften Fragen vgl. P. Brunner, Der Segen als dogmatisches und liturgisches Problem, in: Pro Ekklesia. Gesammelte Aufsätze zur dogmatischen Theologie II, Berlin und Hamburg 1966, 339-351.
[16] Die Gefahr einer archaistischen Erstarrung der Liturgie und insbesondere ihrer Sprache ist in der Liturgiegeschichte wiederholt und in verschiedenen Bereichen akut geworden. Sprachliche Neugestaltung der Liturgie wird in dem Spannungsbogen von »Tradition und Gegenwart« je und je eine Aufgabe der Kirche sein, so gewiß die Sprache selbst eine sich geschichtlich wandelnde Größe ist. Bei der Lösung dieser Aufgabe wird es entscheidend darauf ankommen, daß zwischen den beiden Polen des Spannungsfeldes das rechte Verhältnis gefunden wird. Dabei wird für die Sprachgestaltung der Liturgie zu beachten sein, »daß auf der einen Seite ihr ehrwürdiger Adel nicht verlorengeht, auf der andern Seite aber ärgerliche oder das Verständnis hemmende Archaismen vermieden werden … Grundsätzlich dürfte klar sein, daß man die Liturgie der Kirche weder dem Sprachgeschmack des modernen verweltlichten Menschen, noch der historischen Liebhaberei der Fachgelehrten ausliefern darf« (W. Schanze, Die Sprache der Liturgie, 47). Mit Schanze (a.a.O. 48) wird man im Blick auf Möglichkeiten sprachlicher Neugestaltung unterscheiden müssen zwischen den Stücken, die zum »liturgischen Urgestein« gehören, wie Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Vaterunser, »die einer Neuformulierung widerstehen«, aber m. E. im Dienste einer ökumenischen Gemeinsamkeit in Einzelheiten doch einer gewissen sprachlichen Angleichung unterliegen können, und jenen Gebeten, die wie Kollekte, Präfation und Eucharistiegebet zwar eine starke, von der Tradition bestimmte Formung aufweisen, aber doch stärker geöffnet sind für Neufassungen, die in neuen geschichtlichen Lagen und in der geschichtlichen Bewegung der Sprache selbst gründen können. Am stärksten ist die Forderung nach Aktualisierung im Blick auf das Fürbittgebet zu erheben, wenn auch hier die formgeschichtlichen Grundtypen, die auch den Inhalt mitbestimmen, zu bewahren sind und das liturgische Grundgesetz, das in der Wir-Sprache liegt, unbedingt beachtet werden muß.
[17] Namentliche Fürbitte der Gemeinde für Kranke und sterbende Gemeindeglieder bildet ein besonderes pastorales Problem, das hier außer Betracht bleiben muß.
[18] Zu dem Bonhoeffer-Problem der Arkandisziplin vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse, München 1967, 988 ff. Die Auslegung der fraglichen Äußerungen Bonhoeffers ist nicht einheitlich. Folgende interpretierende Sätze Bethges scheinen mir in die rechte Richtung zu weisen: »Arkandisziplin ohne Weltlichkeit ist Getto, und Weltlichkeit ohne Arkandisziplin ist nur noch Boulevard. Arkandisziplin wird isoliert zu liturgischer Möncherei, nichtreligiöse Interpretation aber zu intellektuellem Spiel. So unbefriedigt Bonhoeffer von den eigenen Formulierungen in dieser Sadie war und blieb, an eine Auflösung des einen zugunsten des anderen hat er keinesfalls gedacht. – So wird man es sich etwa vorzustellen haben: Im Arkanum geschehen die Lebensvorgänge des Glaubens, Lob, Bitte, Dank und Tischgemeinschaft, und diese werden nicht nach außen hin interpretiert. Der, um den es in dieser Arkandisziplin geht, sendet die ›Eingeweihten‹ ständig in ihre Teilnahme an der Welt, indem er ihnen zusagt, daß er sie dort trifft und fragt« (S. 992). – »Wo Propaganda für das Evangelium getrieben wird, da ist die Beziehung zwischen Gottes Wort und seiner Welt eben nicht evident und kann mit keinem Kunstgriff erzwungen werden. Die Erfindung neuer Worte richtet nichts aus. Diese Beziehung ist etwas Pfingstliches. Werbetrommeln machen jeden pfingstlichen Ansatz zunichte. Aufdringlichkeit ist der Tod der Eindringlichkeit« (S. 990). Zu Bonhoeffers Verständnis des Gottesdienstes vgl. jetzt auch E. Bethge, Gottesdienst in einem säkularen Zeitalter, in: Evangelische Kommentare 1 (1968) 196-202.