Rudolf Bultmann, Wie spricht Gott durch die Bibel zu uns? (How Does God Speak to Us through the Bibel, 1934): „Das Wort Gottes wird niemals zu unserem Eigentum. Ob wir es wirklich recht gehört haben, zeigt sich daran, ob wir bereit sind, es immer wieder neu zu hören, es in jeder Entscheidung unseres Lebens zu erfragen; ob wir bereit sind, es im Augenblick der Entscheidung eingreifen zu lassen; ob wir zulassen, dass es uns von unserem Nichts überzeugt, zugleich aber auch von Gottes Barmherzigkeit, die uns von allem Hochmut befreit – ‚Was hast du aber, das du nicht empfangen hast?‘ –, aber ebenso von aller Mutlosigkeit – ‚als die nichts haben und doch alles besitzen‘. Die Bereitschaft, das ganze Leben dem Wort Gottes zu unterstellen, Gottes Wort immer wieder zu hören, das heißt: es in jedem Augenblick neu zu vernehmen, ist zugleich die Bereitschaft zur Liebe. Wenn Gottes Wort uns von uns selbst befreit und uns durch seine Liebe zu neuen Menschen macht, dann macht es uns auch frei, andere zu lieben. Wir bleiben nur dann in ihm, wenn seine Worte in uns bleiben, wenn wir seine Gebote halten. Und sein Gebot ist die Liebe.“

Wie spricht Gott durch die Bibel zu uns? (How Does God Speak to Us through the Bibel, 1934)

Von Rudolf Bultmann

Bultmanns Besinnung „How Does God Speak to Us through the Bible?“, die 1934 in englischer Sprache in der von der World’s Student Christian Federation (WSCF) herausgegebenen Quartalszeitschrift The Student World erschien, ist weitgehend unbekannt. Der Grund dafür liegt darin, dass die deutschsprachige Ursprungsfassung nie veröffentlicht wurde. Im Folgenden eine Rückübersetzung aus dem Englischen:

„Wie spricht Gott durch die Bibel zu uns?“ Wer stellt diese Frage? Würde jemand, der gewiss ist, dass Gott durch die Bibel spricht, eine solche Frage stellen? Warum sollte er überhaupt wissen wollen, wie es geschieht? Wenn die Frage als rein theoretische Frage gestellt wird, wäre sie ein nutzloses, ja sogar ein belangloses Spiel. Denn was Gott uns durch die Bibel sagt, geschieht in der Form einer Anrede. Man kann es nur hören, nicht untersuchen.

Der Mensch, zu dem Gott wirklich durch die Bibel spricht, hört, was Gott ihm sagt, und handelt entsprechend. Er hat ebenso wenig Zeit und Anlass, über das „Wie“ nachzudenken, wie ein Sohn den Stil der Worte seines Vaters theoretischen Untersuchungen unterziehen würde. Dabei würde er vergessen, richtig zuzuhören.

Oder kommt die Frage von einem Zweifelnden, der von anderen gehört hat, dass Gott durch die Heilige Schrift spricht, und der wissen möchte, wie dies möglich ist, wie man es verstehen kann? Wir helfen ihm nicht, wenn wir meinen, wir müssten zunächst erklären, wie Gott spricht, damit er sich von der Tatsache überzeugen kann. Wir können nicht zuerst die Möglichkeit von Gottes Reden durch die Bibel beweisen, damit daraus dann selbstverständlich der Glaube an seine Wirklichkeit folgt.

Nein! Die Frage, wie Gott durch die Bibel zu uns spricht, hat keinen Sinn, wenn wir nicht zugleich fragen, was Gott durch die Bibel zu uns sagt. Und es gibt guten Grund, diese Frage zu stellen. Das gilt auch dann, wenn wir nicht daran zweifeln, dass er spricht. Denn die Überzeugung, dass Gott spricht, könnte nur eine theoretische Überzeugung sein, nur ein Dogma, mit dem wir uns selbst beruhigen. Und mit einer solchen Überzeugung könnten wir taub sein für das, was Gott uns durch die Heilige Schrift tatsächlich sagt.

Vielleicht interessieren wir uns für die Bibel und lesen sie stets unter der Voraussetzung, dass sie Gottes Wort ist – aber dennoch nicht anders, als wir andere ernsthafte und erbauliche Bücher lesen: mit dem Ziel, unser geistliches Wissen zu bereichern, unsere Lebensphilosophie aufzubauen und die Gedanken – auch die christlichen Gedanken –, die wir bereits haben, zu bestätigen.

Wenn dies so ist, dann sollte uns die Frage: „Wie spricht Gott wirklich durch die Bibel zu uns?“ aufrütteln und zum Nachdenken bringen. Wenn dies so ist, dann geht es uns allerdings nicht so sehr um das „Wie“ von Gottes Reden, sondern um das „Wie“ unseres Hörens. Wie sollen wir hören? Solange wir darauf keine wahre Antwort gefunden haben, können wir denen nicht helfen, die zweifelnd, skeptisch oder suchend fragen, wie Gott spricht.

Wie sollen wir also hören? Auf welche Weise sollen wir uns recht vorbereiten? Die erste Voraussetzung für die Bereitschaft ist dies: Wir müssen alle anderen Stimmen zum Schweigen bringen; alles, was wir uns selbst sagen, alles, was andere Menschen uns sagen. Denn wir wollen hören, was Gott zu uns spricht. Und wenn wir das ernst nehmen, dann ist Raum nur für eine einzige Stimme. Denn Gottes Stimme ertönt aus dem Jenseits der Welt. Wenn wir sie hören wollen, müssen wir bereit sein, sie alles in uns und alles in der Welt infrage stellen zu lassen: unsere Triebe und Wünsche, unsere Ideale und Vorhaben, alle alltäglichen und gewöhnlichen Dinge, aber ebenso alles Außergewöhnliche und Edle.

Wenn wir Gott hören wollen, müssen wir alles loslassen, woran wir hängen, alles, was uns bindet. Wenn wir vor Gott treten wollen, müssen wir bereit sein, in die Nichtigkeit, in den Tod zu blicken. Denn Gott schenkt das Leben nicht, ohne zuvor den Tod gefordert zu haben. Sein Wort ist das Schöpfungswort, das aus dem Nichts schafft; vor ihm muss alles ausgelöscht werden, was wir selbst sind und besitzen.

Das ewige Leben, das Gott durch sein Wort schenken will (Johannes 6,63.68), schenkt er den Toten – und indem er es schenkt, erweckt er sie (Johannes 5,24). Sind wir bereit zu erkennen, dass wir ohne dieses Wort tot sind? Dass wir durch dieses Wort „von neuem geboren“, dass wir „neu geschaffen“ werden (Johannes 3,3 ff.; 2. Korinther 5,17)? Wollen wir uns diesem Wort aussetzen, das schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert (Hebräer 4,12 f.)?

Nur wer in dieser Weise bereit ist, auf das Wort der Bibel zu hören, wird es als Gottes Wort vernehmen. Ja, gerade weil er es in dieser Bereitschaft hört, hört er es bereits als Gottes Wort. Denn schon der Ruf zu dieser Bereitschaft ist Gottes Ruf durch die Bibel. Durch ihn wächst die Bereitschaft zu hören; das heißt: Das Wort der Heiligen Schrift lehrt den Menschen immer klarer zu erkennen, was das „Jenseits“ und das „Diesseits“, was Tod und Leben, Fleisch und Geist, Gott und Mensch sind.

Warum macht das Hören des Wortes immer bereiter, auf es zu hören? Warum führt sein Hören zu einer immer klareren Erkenntnis der menschlichen Nichtigkeit und der Größe Gottes? Weil es uns verstehen lehrt, dass das Wort des Gerichts zugleich das Wort der Gnade ist; dass Gott den Tod des Menschen fordert, um ihm das Leben zu schenken; dass Gott uns in seiner Barmherzigkeit Jesus Christus gesandt hat; dass seine Barmherzigkeit uns schon umgab, bevor wir ihrer überhaupt gewahr wurden. Denn Gottes Wort lehrt uns, unsere Nichtigkeit und den Tod in uns als unsere Sünde zu erkennen – als den Aufstand gegen den, der unser Leben ist, während wir, die Aufständischen, aus uns selbst und für uns selbst leben wollten. Und die radikale Bereitschaft, die wir durch die Heilige Schrift für die Heilige Schrift empfangen, ist die Unterwerfung unter Gottes Wort als das Wort der Vergebung.

Ist das möglich? Ist die Verheißung der Heiligen Schrift, dass Gott uns um Jesu Christi willen vergeben und uns in seiner Barmherzigkeit angenommen hat, ein Wort, das wir als Gottes Wort glauben können?

Wenn wir diese Fragen noch stellen, sind wir offensichtlich noch nicht recht vorbereitet. Denn sie zeigen, dass wir die Bibel noch immer als ein gewöhnliches Buch ansehen, das wir wie andere Bücher studieren können, um daraus Nutzen zu ziehen. Fragen wir nach eindeutigen und überzeugenden Gründen dafür, warum Gott gerade hier, in der Bibel, spricht, dann haben wir noch nicht verstanden, was Gottes Souveränität bedeutet. Denn allein seinem souveränen Willen ist es zu verdanken, dass er hier gesprochen hat und hier spricht. Die Bibel tritt uns keineswegs wie andere Bücher entgegen oder wie andere „religiöse Stimmen der Völker“, die unserem Interesse entgegenkommen wollen. Sie erhebt von Anfang an den Anspruch, Gottes Wort zu sein. Wir sind der Bibel auch nicht im Verlauf unserer kulturgeschichtlichen Studien begegnet, wie wir etwa Platon oder der Bhagavad-Gita begegnen. Wir haben sie durch die christliche Kirche kennengelernt, die sie uns mit ihrem autoritativen Anspruch vorgelegt hat. Die Predigt der Kirche, die auf der Heiligen Schrift gründet, gibt das Wort der Schrift weiter. Sie sagt: Hier spricht Gott zu dir! In seiner Majestät hat er diesen Ort erwählt. Wir können nicht darüber urteilen, ob dieser Ort der richtige ist; wir müssen auf den Ruf hören, der uns zu sich ruft.

Nur so verstehen wir das Wort von Gericht und Gnade recht. Denn das Wort lehrt die Nichtigkeit des Menschlichen und die Barmherzigkeit Gottes nicht als allgemeine und abstrakte Lehrsätze. Die Einsicht in die Nichtigkeit des Menschen kann sehr wohl mit menschlichem Hochmut einhergehen, und die Erkenntnis, dass Gottes Wesen Gnade ist, kann sich sogar mit Verzweiflung verbinden. Wenn aber das Wort in der Predigt der Kirche dich anspricht, dann zeigt es dir deine Nichtigkeit, deine Sünde, und sagt dir, dass Gott dir barmherzig ist und dich von Ewigkeit her geliebt hat.

Dies lehren die Heiligen Schriften als Gottes an dich gerichtetes Wort – immer deutlicher und immer wieder neu. Denn niemand hat es jemals oft genug gehört. Man erkennt es nicht so, wie man einen aufschlussreichen Gedanken begreift, und auch nicht so, dass man es ein für alle Mal wüsste. Gottes Wort ist keine allgemeine Wahrheit, die im Schatzhaus des menschlichen Geistes aufbewahrt werden könnte. Es bleibt sein souveränes Wort, das wir niemals beherrschen werden und das nur als ein immer lebendiges Wunder geglaubt werden kann: von Gott gesprochen und beständig erneuert. Wie sollte der, der es einmal gehört hat, nicht wieder hören wollen und darauf hoffen, danach streben und darum beten, es erneut zu vernehmen?

Der Glaube an dieses Wort bedeutet die Hingabe der ganzen eigenen Existenz an dieses Wort; die Bereitschaft, es zu hören, ist die Bereitschaft, das ganze Leben seinem Gericht und seiner Gnade zu unterstellen. Und weil unser Leben dem Wort immer wieder auszuweichen versucht, bedeutet sie zugleich die Bereitschaft, es immer wieder neu zu hören. Das heißt jedoch nicht, dass man der Bibel eine „biblische Lebensphilosophie“ entnimmt, durch die man seinem Leben einen Sinn geben könnte, aus der sich feste Verhaltensregeln ableiten ließen oder die eine unfehlbare Lösung für das Rätsel des Schicksals bereithielte. Im Gegenteil: Wenn der Weg des Glaubens „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ führt (2. Korinther 3,18), dann gerade deshalb, weil er ein Weg durch Verwirrung und Dunkelheit bleibt (2. Korinther 6,4 ff.). Herrlichkeit ist das, was von jenseits her geschenkt wird – geschenkt dem Glauben, der Gottes Wort immer wieder neu hört.

Das Wort Gottes wird niemals zu unserem Eigentum. Ob wir es wirklich recht gehört haben, zeigt sich daran, ob wir bereit sind, es immer wieder neu zu hören, es in jeder Entscheidung unseres Lebens zu erfragen; ob wir bereit sind, es im Augenblick der Entscheidung eingreifen zu lassen; ob wir zulassen, dass es uns von unserem Nichts überzeugt, zugleich aber auch von Gottes Barmherzigkeit, die uns von allem Hochmut befreit – „Was hast du aber, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4,7) –, aber ebenso von aller Mutlosigkeit – „als die nichts haben und doch alles besitzen“ (2. Korinther 6,10).

Wir stehen ständig in der Versuchung, nicht mehr auf Gottes Wort zu hören. Es wird für uns übertönt vom Lärm der Welt, vom leisen Strom des Alltags mit seinem beruhigenden Murmeln, vom Ruf der drängenden Pflichten und Sorgen oder von der betäubenden Gewalt des Schicksals. Welche Stimme klingt lauter – die vielfältigen und wechselnden Stimmen der Welt oder die Stimme Gottes?

Oder könnte Gottes Wort vielleicht gerade aus diesen vielen Stimmen der Welt, aus unseren Pflichten und Geschicken, aus der Natur, die unser Leben umgibt, aus der Geschichte, die unser Leben prägt, zu uns sprechen – und könnte dies das durch die Bibel empfangene Wort ergänzen? Ja, auch hier spricht Gott – aber rätselhaft und unverständlich. Gottes Stimme kann nur der verstehen, der das Wort, das aus der Heiligen Schrift zu ihm spricht, jedes Mal neu in sich aufnimmt. Denn ohne den Maßstab dieses Wortes, das nur eine einzige rechte Auslegung kennt, bleiben alle anderen Stimmen in ihrer Bedeutung ungewiss. Hören wir nur auf sie, werden wir in die Irre gehen. Werden wir nicht ständig durch diese vielen und wechselnden Stimmen irregeführt? Verführen sie uns nicht immer wieder dazu, Herren unseres eigenen Lebens sein zu wollen? Deshalb müssen wir das Wort des Gerichts und der Gnade immer wieder neu hören.

Die Bereitschaft, das ganze Leben dem Wort Gottes zu unterstellen, Gottes Wort immer wieder zu hören, das heißt: es in jedem Augenblick neu zu vernehmen, ist zugleich die Bereitschaft zur Liebe. Wenn Gottes Wort uns von uns selbst befreit und uns durch seine Liebe zu neuen Menschen macht, dann macht es uns auch frei, andere zu lieben. Wir bleiben nur dann in ihm, wenn seine Worte in uns bleiben (Johannes 15,7), wenn wir seine Gebote halten (Johannes 15,10). Und sein Gebot ist die Liebe (Johannes 15,12).

Wie spricht Gott durch die Bibel zu uns? Als der souveräne Herr, der den Tod fordert und Leben schenkt; der unser ganzes Dasein für seinen Willen beansprucht und uns frei macht zur Liebe. Sind wir bereit zu hören?

Aus dem Englischen ins Deutsche rückübersetzt.

Quelle: The Student World, XXVII (1934), S. 108-112.

Hier der Text als pdf.

Hier die englischsprachige Fassung als pdf.

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