Ich hatte Hunger, ich hatte Durst …
Von Ernest Hello
Die Gestalt des Fremden war in der Menschheit immer von schwer fassbaren Ahnungen umgeben, und wenn am letzten Tage die Söhne Adams verloren oder gerettet sein werden, nach dem Maße der Gastfreundschaft, die sie gewährt oder verweigert haben, wenn sie den, der schrecklich ist, fragen werden:
«Herr, wann haben wir dich als Fremdling gesehen?»…
Wenn die Freude oder Verzweiflung der Antwort über sie kommen wird: An diesem Tage werden sie wahrscheinlich in ihrem Innersten den Widerhall eines Schreies ertönen hören, der die Welt richten wird, nachdem er sie geprüft hat.
Nicht ganz aber wird sie überraschen die dreifach furchtbare Offenbarung des Richters, der sprechen wird:
«Ich hatte Hunger.»
Sie werden den sehen, den sie geschlagen, und das Erstaunen wird eine seltsame Gestalt annehmen, die man vorher nicht gekannt hatte, und dennoch wird die letzte Offenbarung, die den einen und den andern die Pforten zur Ewigkeit öffnen wird, sie nicht ganz überraschen.
Er, der am Ende der Welt das furchtbare Wort aussprechen wird:
Er hat vom Anbeginn der Welt an das Wort bereitet, das er am Ende der Zeiten sprechen wird.
Schon Homer hat dem alten Heidentum gesagt:
«Alle Fremden und alle Armen kommen von Gott.»
Und als er so sprach, sprach er nicht im Namen des Heidentums, sondern im Namen uralter Überlieferungen, die irrend und verwandelt durch die Welt wanderten, selbst Fremdlingen gleich, weil sie nicht ein Gesetz gläubiger Völker waren, sondern durch Völker wanderten, die sie kaum kannten.
Zu allen Zeiten waren die Menschen irgendwie gewarnt. Zu allen Zeiten misstrauten sie dem Fremden, als ahnten sie in ihm etwas Göttliches. Der heilige Paulus spricht von den Engeln, die sich verbergen und weist uns an, den Fremden nicht abzuweisen. Man könnte sagen, dass die Worte, die uns zur Gastfreundschaft raten, das Siegel göttlicher Weisheit tragen. Sie enthalten — seht euch vor — etwas ganz Besonderes. Das Gesetz der Gastfreundschaft ist nicht ein Gesetz wie jedes andere. es ist ein Gesetz, das zu sagen scheint:
«Misstrauet dem äußeren Anschein. Ihr glaubt. einander zu kennen, und doch kennt ihr einander nicht. Aber misstrauet erst recht dem Fremden:
Man weiß in seiner Nähe nie sicher, mit wem man es zu tun hat.
Der Osten ist das Land der Gastfreundschaft, denn er ist die Wiege der Welt; der Widerhall der ersten Überlieferungen ertönt dort mit vollerem Klang. Die Schwingungen der Luft sind dort lebendiger, so dass man leichter von der Gastfreundschaft spricht. Die östliche Gastfreundschaft teilt nicht ihr Haus mit dem Fremden: sie überlässt es ihm. Der Eigentümer gibt es auf und überlässt es seinem Gast.
Die Achtung vor dem Gast und seine Unverletzlichkeit gehören zu den größten Lehrsätzen der Menschenwelt. Es gibt ein feierliches Versprechen, ausgesprochen oder unausgesprochen, den Fremden zu achten und zu schützen.
Die Länder des Lichtes und die Länder der Berge scheinen in einer besonderen Weise die Hüter dieser Überlieferung zu sein.
In den Ebenen, in den Flächen und in der Kälte des Westens verlischt der Widerhall, und die Schwingungen der Luft werden kaum noch gespürt.
Bei den Arabern besteht die Gastfreundschaft noch in ihrer vollen Größe, denn die Araber sind die Menschen des Abends, und der Abend ist wie der Morgen die Stunde der Erinnerung. In der Mitte des Tages wohnt die Vergessenheit. Der Dämon der Tagesmitte ist ein Dämon der Vergessenheit.
Der Fremde und der Arme, die in den Versen Homers zusammen genannt werden, gehören in der Wirklichkeit der Dinge zusammen. Überall und immer sind sie die Abgesandten des Herrn und in der Schrift sind ihre Namen immer miteinander verbunden.
Der Name des Armen verlässt nicht den Namen Gottes. Wenn man den Worten ihre eigenste Bedeutung wiedergibt, könnte man vielleicht sagen. dass er ihn ebenso wenig verlässt wie sein Schatten.
Immer wieder hört man in der alten Welt eine Stimme, die von Norden oder von Süden kommt, vom Osten oder vom Westen, und die die Gastfreundschaft empfiehlt. Das ist nicht nur ein sittlicher Rat, es handelt sich hier um etwas ganz Besonderes; die Gastfreundschaft wird nicht nur einfachhin wie eine Tugend empfohlen, sondern wie ein Geheimnis. Man könnte sagen, dass Gott die Welt durch diese so schrecklichen Worte richten wird, die durch ihre Einfachheit noch tausendfach schrecklicher sind.
Ich war ein Fremdling, ich hatte Hunger, ich hatte Durst… Man könnte sagen, dass der, der die Welt durch diese vertrauten Worte richten wird, die Welt damit nicht überfallen will, sondern ihr im voraus eine Ahnung von dem geschenkt hat, was ihr eines Tages widerfahren würde.
Die griechische Antike hat Homer besungen, und die Gastfreundschaft ist ein immer wiederkehrender Gedanke bei diesem seltsamen Dichter, dessen Persönlichkeit in seinem Werk untergegangen ist.
Ernest Hello (1828–1885) war französischer Philosoph und katholischer Theologe, dessen Schriften eine bibelfeste, tiefgründig ein- und mitfühlende Frömmigkeit widerspiegeln.
Quelle: Jakob Studer, Für alle Tage, Ein christliches Lesebuch, Zürich: Fretz & Wasmuth, 1944, S. 310-313.