Er hat’s nötig
Als Prediger war Karl Barth auch die sorgfältige Vorbereitung des Schlußgebets im Gottesdienst jedesmal ein wichtiges Anliegen. Er wünschte sich gerade für dieses Gebet, daß es sich »als möglichst ausgebreitete Fürbitte nach außen, nach allen anderen Menschen, nach der übrigen Kirche und der Welt hin zu öffnen hat.« Und er fügte die Frage hinzu: Wird sie, die Fürbitte, »nicht so oft vernachlässigt?« Für ihn war die Fürbitte vor allem der Ort, an dem gar nicht umfassend und konkret genug die »übrige Kirche und Welt« in den Gottesdienst einströmen konnte.
Hier in der Fürbitte wurde alles vor Gott präsent: die Jugend und die Alten, die Fröhlichen und die Weinenden, die Schwermütigen und die Leichtsinnigen, die Frommen und die Gottlosen, die Gefangenen und »die, die sich für frei halten«, die Regierungen und die »nach Brot und Recht und Freiheit rufenden Völker«, die Wirtschaft und die Universität, die Justiz und die Medien, die Satten und die Hungernden, die Unterdrückten und Flüchtlinge, und nicht zu vergessen: »die Kinder, die keine oder keine rechten Eltern haben«, aber auch neben den Gesunden die Kranken und Sterbenden, schließlich auch die schlafende und die verfolgte Kirche und das Volk Israel.
Aber was soll ich noch weiteres aufzählen? Kurz, jede Fürbitte glich der Arche Noahs, in der vieles und Verschiedenes Raum hatte und in der sich Gegensätzlichstes nebeneinander vertrug.
Nur dies will ich noch erwähnen: Einmal hat eine der Fürbitten Barths in Basel einiges zu reden gegeben. Es war noch zu der Zeit, wie sie nicht mehr kommen möge, als nämlich Protestanten und Katholiken gar nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Damals schloß Barth eines Sonntags in seine herzliche Fürbitte auch den Papst zu Rom mit ein. Das erregte ein kopfschüttelndes Sichmitteilen unter den Frommen: »Er hat für den Papst gebetet!«
Als Barth selbst darauf angesprochen wurde, sagte er: »Jawohl, ich habe für den Papst gebetet – er hat’s aber auch nötig!«
Quelle: Karl Barth – Erfahrungen und Begegnungen erzählt von Eberhard Busch, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1986, S. 56f.
Vielen Dank für diesen eindrucksvollen Einblick in Karl Barths Verständnis der Fürbitte. Mich berührt besonders der Gedanke, dass vor Gott niemand ausgeschlossen wird – unabhängig von Herkunft, Überzeugung oder Stellung. Gerade in einer Zeit voller Konflikte erinnert uns diese Haltung daran, dass jeder Mensch Anrecht auf ein menschenwürdiges Leben sowie auf Brot, Recht und Freiheit hat. Fürbitte darf deshalb nicht nur Trost spenden, sondern auch unser eigenes Handeln für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden herausfordern.