Berlin, Ende Juni 1919
In der Stunde tiefster Demütigung unseres Volkes wenden wir uns an die evangelischen Gemeinden unserer Landeskirche mit einer dreifachen Bitte!
Die erste: Das Deutsche Reich und seine Herrlichkeit ist zerbrochen, eine Zeit des Druckes und der Ohnmacht steht uns bevor. Aber unerschüttert bleibt das Reich unsers Gottes. Sein Fuß ist auch in den großen Wassern. Darum laßt uns festhalten an dem Glauben, der die Welt überwindet, an dem lebendigen Gott und dem, den er gesandt hat, Jesus Christus!
Und wenn wir wehrlos uns den grausamen und unerhörten Bedingungen unserer Gegner unterwerfen müssen – unmöglich ist es, das letzte und einzige, was uns bleibt, preiszugeben, unsere Ehre und unser Gewissen!
Jeder Gedanke an die Auslieferung unseres Kaisers, der fast dreißig Jahre seinem Volke den Frieden erhalten hat, nebst seinen Feldherren und Staatsmännern, die ihn nach bestem Wissen beraten haben, ist eine Qual, die kein deutsches Herz ertragen kann; wir empfinden sie als tiefe Schmach, die uns mit Treubruch und Ehrlosigkeit belasten will.
Das Verlangen, uns als die einzig Schuldigen am Kriege zu bekennen, legt uns eine Lüge in den Mund, die schamlos unser Gewissen verletzt. Als evangelische Christen erheben wir vor Gott und Menschen feierlich heiligen Protest gegen den Versuch, unserer Nation dieses Brandmal aufzudrücken.
Wie man auch urteilen mag über einzelne Handlungen der Regierung unseres Kaisers: fest steht die Reinheit seines Wollens, die Makellosigkeit seines Wandels, der Ernst seines persönlichen Christentums und seines darin tief begründeten Verantwortlichkeitsgefühls. Mit äußeren Mitteln vermögen wir ihn nicht zu schützen, aber hier unsere Bitte: im Einklang mit Millionen deutscher Männer und Frauen rufen wir unsere Gemeinden auf, in dieser Not den Kaiser und seine schwerkranke in den Werken christlicher Barmherzigkeit vorbildlich bewährte Gemahlin nebst unseren deutschen Führern und Helden mit dem Wall unserer Fürbitten zu umgeben. Die Menschen haben uns verlassen, aber der Schrei unserer Klage vor Gott vermag sich als eine Großmacht zu erweisen, die stärker ist als die Bosheit der Welt.
Die dritte Bitte. Laßt uns nicht müde werden, solange Gott uns das Leben schenkt, furchtlos unsere Pflicht zu tun, die Not zu lindern, die Hoffnung zu stärken und Liebe zu üben. Unseres Glaubens Herzstück ist unser Herr Jesus Christus, der uns erlöst hat. Laßt uns in seiner Nachfolge als seine Jünger uns bewähren und in seiner Kraft auch das Vaterland bauen.
In diesem Gelübde bleiben wir auch mit den in Gefahr der Abtrennung stehenden Teilen unserer evangelischen Landeskirche für immer verbunden.
Über alle Hoffnungslosigkeit erhebt sich das Dennoch des Glaubens. Wir haben einen starken Gott, einen lebendigen Heiland, ein unbewegliches Reich, dem der Sieg gehört! Rüsten wir uns mit Waffen des Glaubens und des Gebets, daß wir mit zu den Siegern gehören!
(Kirchliches Jahrbuch 46 [1919], S. 349f.)
Quelle: Gerhard Besier, Die protestantischen Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg. Ein Quellen- und Arbeitsbuch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1984, S. 262f.