Rolf Wischnath, „Tröstet, tröstet mein Volk.“ Pazifistisches über den Seelenfrieden in siebzehn Punkten: „Jedes Mal geschieht das Trösten nicht durch Worte allein, sondern durch eine Zuwendung. Das gilt auch und besonders in der Anrede (Jesaja 40,1). Der Auftrag lautet zwar, das Volk anzureden, sein Herz anzusprechen, wie das ‚redet zu Jerusalem freundlich‘ wörtlich wiederzugeben ist. Aber der Grund des Trostes soll ein Eingreifen Gottes sein, durch das er hilft und wiederherstellt. Gott wird Israel die Rückkehr in das eigene Land ermöglichen. Die Anrede hat dabei ihre besondere Bedeutung, weil sie gegen die im Volk verbreitete Hoffnungslosigkeit steht. Um eine gewisse Gotteserfahrung ist zu bitten.“

„Tröstet, tröstet mein Volk.“ Pazifistisches über den Seelenfrieden in siebzehn Punkten

Von Rolf Wischnath

Vorab

Ich soll etwas zum „Pazifismus“ sagen. Von lateinisch pax ‚Frieden‘, und facere ‚machen, tun, handeln‘. Im Gespräch zeigt sich, dass es jetzt nicht um die Position der Gewaltlosigkeit angesichts furchtbarer Kriege geht, sondern um den Frieden Gottes, der am Predigtschluss ins Wort kommt: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus“ [Philipper 4,7]. Sofort ist zu sagen, dass hier nicht ein Optativ steht – – also nicht ein Wunsch, eine Möglichkeit oder ein erhofftes Ereignis -, sondern ein Indikativ, der keinen Zweifel daran lässt, dass es sich so [und nicht anders] ereignet resp. ereignen wird. 

Seelenfrieden und Trost

Es geht mithin um den Seelenfrieden und den Trost für unsere Seelen im Angesicht der gegenwärtigen wieder so furchtbaren Kriege und der Gewalt, der Katastrophen und der rechtsextremen Verhetzung, der so viele anheimfallen.

„Seelenfriede“ – das ist oft abschätzig gesagt. Aber die Frage der „Seelsorge“ nach unserer eigenen Sorge um deine und meine Seele darf wohl gefragt werden. Was passiert recht eigentlich mit meinem Gemüt, mit meiner Verfassung, mit meinen Stimmungen und Gefühlen? M.e.W. Was geschieht derzeit mit unserer Seele, unserem Seelenleben? Was tröstet?

Könnte nicht Goethe recht haben mit dem Satz aus Faust II: Jeder Trost ist niederträchtig – und Verzweiflung nur ist Pflicht. So daneben finde ich den Satz nicht. Aber wir müssen dazu begründet Stellung nehmen können, wenn wir es anders sehen.In diese Richtung werde ich jetzt etwas zu sagen versuchen in Erinnerung an den alttestamentlichen Predigttext für Quasimodogeniti aus Jesaja 40:

Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist …. Der ewige Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden. Jesaja 40, 1f. 27-31

SIEBZEHN PUNKTE:

Punkt 1 … durchatmen

Ich würde jetzt gern tief durchatmen und zu einer Auslegung ansetzen, die Ihr alle wahrnehmen könntet wie einen Windstoß dieses Trostes. Aber wir sind ziemlich alt geworden. Wir merken und fühlen es ohne Tröstung: „Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen.“

Ich weiß, was es heißt: zu stürzen und herabzufallen. Ich schlage in der letzten Zeit mit 78 dreimal ganz und gar hin – zu Fuß – und zweimal stürze ich vom Fahrrad. „Ein Glück, dass Sie sich nichts gebrochen haben.“, sagen die Aufhelfer.

2 … erschöpft und zornig

Es geht nun allerdings in dem, was uns heute nach Tröstung rufen lässt um ganz andere Dimensionen vom Stürzen und Fallen? Ich selber bin durch sie recht eigentlich so erschöpft wie zornig. Erschöpft bin ich von den pausenlosen Nachrichten über die Kriege und Elendsorte in der Ukraine und im Iran, im Libanon und nun auch wieder im Gazastreifen. [Exemplarisch die Situation in der Ukraine: Das Center for Strategic & International Studies [CSIS] schätzt die kumulierten Verluste auf bis zu zwei Millionen — rund 1,2 Millionen auf russischer, bis zu 600.000 auf ukrainischer Seite. Im Gazastreifen und im Libanon entzieht sich alles der Zahlen. Und wegen der allergrößten Katastrophe unvorstellbaren millionenfachen Hungers und der tausend Hungertode im Sudan bin ich ganz deprimiert, weil es davon so wenig in den Medien zu sehen, hören und zu lesen gibt. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer der Hunger- und Krankheitstoten dort im Sudan bereits im hohen fünfstelligen, wenn nicht sechsstelligen Bereich liegt. Unglaublich zornig auch bin ich über die Mullas im Iran, die unzählige, ja tausende Erschossene und Hingerichtete ihres eigenen Volks zu verantworten haben. Und unbeschreiblich droht der selbstverliebte Narzisst in Washington mit unvorstellbaren Kriegsverbrechen.

Ich gestehe es: Zorn und Ohnmachtsgefühle, Erschöpfungen und fatale-Sinnesempfindungen und Sorge und Angst dringen ein in das Haus der Seele und lassen sich von dort nicht vertreiben. Es wäre recht eigentlich der inszenatorisch richtige Moment für das Erscheinen der Schrift Gottes an der Wand.

3 … stehen und fallen

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“ heißt es. Wirklich? Wir wollen zunächst darauf achten, dass die Ermutigung des 40. Kapitels beim sog. „Deuterojesaja“ mit einer Aufforderung beginnt, für die niemand, der sie hört, selber einstehen muss: „Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist.“

4 Trost

Ich verstehe diese Worte aus der Heiligen Schrift Israels als Christ so: Das Wort des Trostes ist zunächst für Israel in der Verbannung gesagt. Dann aber höre ich es als österliches Wort des Auferstandenen. Es beginnt mit einer Zusage, die unabhängig von unseren Erschöpfungen einen Imperativ wählt. Getröstet sollen wir werden von dem Gott, der uns in Christus vorweist, wie ER selber eingegriffen hat. Entscheidend werden wir dadurch ermutigt, nicht aufzugeben. Gott hat den Tod des Gekreuzigten aufgehoben und darin auch unsere „Knechtschaft unter der Macht des Todes“, – wie es heißt – grundlegend geändert. Und unsere „Schuld“ ist uns vergeben. Nicht nur anfangsweise, sondern entscheidend durch das Kreuz und seine Auferstehung. „Eigenwillig“ [im besten Sinn des Wortes eigen-willig] ist sie vergeben. Wir sind „in Christus“ freie Leute. Und wir dürfen aus dieser Befreiung, aus dieser Freiheit leben. Das ist und bleibt der articulus stantis et cadentis ecclesiae [der Glaubensartikel, mit dem die Kirche steht und fällt.] Wir dürfen ihn niemals vernachlässigen oder gar aus den Augen verlieren. Im Licht dieses Vorworts vor Allem geht es jetzt um die irdische wie himmlische Verheißung und Freiheit.

5 … nichamu

„Tröstet, tröstet mein Volk“. Das Verb lautet im Hebräischen[1] nicham, hier als Imperativ plural. nichamu. Es bedeutet nach einem verwandten arabischen Wort „heftig atmen, tief seufzen lassen“. Nimmt man das Atmen und Seufzen als Einatmen und Ausatmen, könnte man sagen: Der Grundvollzug menschlichen Lebens wird wieder in Gang gebracht. Aber das Verb ist bilderreicher: Nach Jesaja 66,11 soll Jerusalem wie eine Mutter sein, die ihre Kinder damit tröstet, dass sie ihnen an ihrer Brust zu trinken gibt. Nach Jesaja 66,13 will Gott selbst wie eine Mutter sein, die ihre Kinder tröstet.

Jedes Mal geschieht das Trösten nicht durch Worte allein, sondern durch eine Zuwendung. Das gilt auch und besonders in der Anrede [40,1]. Der Auftrag lautet zwar, das Volk anzureden, sein Herz anzusprechen, wie das „redet zu Jerusalem freundlich“ wörtlich wiederzugeben ist. Aber der Grund des Trostes soll ein Eingreifen Gottes sein, durch das er hilft und wiederherstellt. Gott wird Israel die Rückkehr in das eigene Land ermöglichen. Die Anrede hat dabei ihre besondere Bedeutung, weil sie gegen die im Volk verbreitete Hoffnungslosigkeit steht. Um eine gewisse Gotteserfahrung ist zu bitten.

Der uns zukommende Trost hat seinen Wurzelgrund in der Zuwendung Gottes zu uns. Diese Zuwendung Gottes erfahren wir aber nicht ohne unser gegenseitiges Zuwenden. Wir schaffen das mit dem Trost Gottes nicht allein. Wir bleiben angewiesen darauf, dass wir uns gegenseitig tröstend zuwenden. Unsere Begegnungen sind keine Alt-Herren-Witze, kein Schwelgen im Vergangenen. Sie haben eine unerwartete seelsorgerliche Dimension. Wir werden altgeworden nicht allein fertig mit den unsäglichen Bildern von Zerstörung und Tod, von Hass und Vernichtung.

6 … im Spinnennetz

Luther hat Jesaja 40, 32 übersetzt mit „harren“. Er nimmt das hebräische Partizip „quowe“ von der Wurzel „quawa“ mit seinem „die auf den Herren harren“ auf. „Quawa“ heißt ursprünglich: gespannt, fest, stark sein, vom Bild eines Fadens in einem Gewebe vorzustellen. Ein Kommentator sagt: Das Zeitwort heißt: „Wie ein Spinnennetz in gespannter Aufmerksamkeit ausgebreitet sein“. Noch einmal: „Harren“ heißt: „… wie ein Spinnennetz in gespannter Aufmerksamkeit ausgebreitet sein“. Der namenlose Prophet mutet seinen Hörern mit dem Bild von der Spinne ein Bestreben der Konzentrierung zu:

Wir sollen wie eine Spinne warten auf die Beute, die sich verfängt im Spinnennetz. So sollen wir abwarten, dass Gott eingreift ins Spinnennetz unserer Niedergeschlagenheiten und Niederlagen, in welchen wir uns verheddern oder schon verheddert haben. Aber wann passiert es? Wann endlich?

7 Die Unsichtbarkeit GOTTES macht uns kaputt

Es ist daran zu erinnern, dass für Dietrich Bonhoeffer die Unsichtbarkeit Gottes kein Zeichen seiner Abwesenheit, sondern ein zentrales Merkmal des Glaubens an die göttliche providentia ist – auch und gerade die providentia Dei specialissima [in unserem eigenen, persönlichen Leben]. Bonhoeffer kann zunächst sagen: „Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt.“ Dann aber entwickelt er in seiner Haftzeit eine Botschaft, die Gott gerade im „Nicht-Sichtbaren“, im Verborgenen und im Leiden erfahrbar macht. Bonhoeffer erkennt, dass der Mensch vom unsichtbaren Gott lebt, der sich in der Welt verbirgt. Er sah das als eine „Radikalisierung“ des Glaubens, da der Mensch nicht auf eine sichtbare Allmacht zurückgreifen kann, sondern auf die gegenwärtige, uns je zukommende Gnade und Tat Gottes vertrauen darf.

Ich finde es heikel, wenn jemand seine Erfahrungen mit Gott, seine Seelenerfahrungen rühmt und preist. Es kann doch nicht selten mit einem Achselzucken entgegnet werden, mit einem offenen oder stillschweigend gesprochenen: „Ich aber hab‘s noch nicht so erlebt.“

Auch zu bedenken ist eine Erinnerung an Christoph Blumhardt den Älteren [*1805 +1880], die auch dann wahr ist, wenn sie sich nicht so zutragen hat: Zu Christoph Blumhardt kommt einmal eine Frau, die zu ihm sagt: „Herr Pastor, ich habe noch nie eine richtige Gotteserfahrung gehabt. Helfen Sie mir doch dazu.“ Blumhardt: „Wie? Sie haben noch nie eine richtige Gotteserfahrung gehabt?“ „Nein, noch nie?“ Blumhardt: „Verstehe ich Sie recht? Sie haben noch niemals eine richtige Gotteserfahrung gehabt?“ „Nein, nein – noch niemals!“ Blumhardt: „Da seien Sie aber froh!“

8 … fromm

Jenes „Harren“ muss m. E. verbunden sein mit gelebter Frömmigkeit. Auch wenn Karl Barth ein kritisches Verhältnis zu den Begriffen Frömmigkeit und Spiritualität hat, weil er in ihr die Gefahr sieht, dass Gott zur bloßen Verlängerung menschlicher Erlebnisse wird. So ist doch darauf zu achten: Notwendig ist eine nüchterne, sich auf das Wort Gottes konzentrierende Frömmigkeit, die jede Form religiöser Selbsterhebung, Selbstoptimierung und Selbstermächtigung zu unterlassen versucht. So: Ohne die Bibel, das Gesangbuch und das Gebet kommt niemand durch diese Zeiten.

9 ABER – trotzdem / dennoch

Der Prophet ohne Namen soll trösten. In göttlicher Kraft. Und er mutet mit diesem Wort seinem Volk zu, gegen den Augenschein und gegen die subjektive Erfahrung der Kraftlosigkeit, ja gegen jede menschliche Berechnung und anmaßende Vernünftigkeit dennoch gespannt zu warten, zu widerstehen. „Aber die auf den Herrn harren . . . “ ABER! Das ABER scheint mir nun das wichtigste Wort gegenwärtiger Kommunikation, Frömmigkeit und Predigt zu sein. [Es könnte auch „trotzdem“ oder „dennoch“ lauten.] Wenn ich meinen Kindern und den ungetauften Enkeln bei ihrer reduzierten Gläubigkeit etwas sage, was nun in ihrer und meiner Zeit so elementar wie nichts anderes ist, dann versuche ich, Ihnen zu sagen, was ich selber mir so oft sagen muss: ABER. Es ist das ABER. Und wenn sie dieses „Aber“ dem Gebet unseres Herrn voranstellen – “Aber Vaterunser” – dann haben sie erst einmal genug gebetet.

10 In der Mauser

Aber ist es alles so an-sprechend? Ist das „Harren“, das „Ausharren“ nicht damals wie heute eine überaus anstrengende seelische Arbeit, ja geradezu ein Widerstandsakt? Ja, jenes „kriegen“ hat – in seiner Verwandtschaft zu „Krieg“ – etwas zu tun mit einem seelischen Kampf und Streit und so auch mit möglichen Niederlagen in unserem Gemüt. Die ursprüngliche hebräische Redefigur allerdings, lässt sich eigentlich nur verstehen, wenn man die Natur kennt, wenn man also nicht nur etwas von Spinnennetzen und Spinnen weiß, sondern noch mehr:

„Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“. Ein drittes Mal müssen wir ein hebräisches Wort entschlüsseln. Hebräisch „jechalíphu“, von der Wurzel „chaláph“, wachsen, hier in der abgeleiteten Fassung: wachsen lassen, von da aus: neue Sprosse bekommen, sich verjüngen, neue Kraft gewinnen. Der gute Kommentator sagt „Mausern“. Sie „mausern“ sich.“ „Kriegen“ gleich „Mausern“ Aber die auf den Herrn harren, „mausern“ sich.

Unter „mausern“ versteht man den Gefiederwechsel bei den Vögeln. Sie verlieren ihre alten Federn und bekommen neue. Während der Mauserung hocken sie meist auf dem Boden. Sie wirken erschöpft, weil in ihrem Organismus so viel durcheinandergebracht ist.

„Wir“ in der Mauser? Ja! Durchhalten! Empathie! Tränen! Aushalten! Bezwingen! Den Gefahren trotzen! Sich bewähren! Nicht aufgeben! Nicht wanken und schwanken! Nicht resignieren! Erst recht nicht im Verständnis der Bergpredigt und in der Frage des Pazifizierens, des gewaltlosen Pazifismus.

Wir in der „Mauser“? Was geschieht? In der „Mauserung“ legen die Tiere das bisher sie schützende und schmückende Feder- oder Fellkleid ab. Und der Mensch in der „Mauser“ – so das Bild – muss auch das schützende Kleid ablegen: das „Kleid“, das sich viele durch ihr bisheriges Leben, durch ihr seelisches Raufen und Streiten und durch die Arbeit ihrer Hände geschaffen haben, muss abgegeben und gewechselt werden. Nicht wenigen Tieren wird das Fell ja geradezu vom Leibe gerissen. Und Menschen in der Mauserung sind – darin gerupften Vögeln ähnlich – auch oft äußerlich gezeichnet -: matt und müde, ohne richtig schlafen zu können, abgespannt und niedergeschlagen, mit Ringen unter den Augen, depressiv. Da weiß ich, wovon ich spreche.

11 Aufrichten

Aber Tierkenner wissen, was eine tierische Niedergeschlagenheit ist und was ihre Überwindung. Die Mauser ist ein Durchgangsstadium. Es kommt das neue Kleid, es kommt das Leben zurück. Erst wenn die Mauserung vorbei ist, kommt neue Kraft und neuer Schwung in die Tiere. Sie fahren wieder auf, fangen an zu fliegen und singen. – In Jesaja 40 heißt es österlich:  „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. ER gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden.“

12 JHWH

So tröstet der Prophet, dessen wir Namen wir nicht kennen, seine Gemeinde in der Fremde, sein Volk. Das Trösten wirkt beim Menschen nicht von selbst, sondern dort, wo Menschen „auf den Herrn harren“ – auf Israels Gott mit dem Namen JHWH, der Gott seines, dieses Volkes Israel, – aber bis heute und weiterhin auch für „Israel“. [Mein Gott, dieser Name in dieser Zeit!!]

Und dann auch für uns. Wir harren auf Gott in Christus. Gemeint sind die, die sich die Hoffnung auf Gott in ihm von ihm zusprechen lassen, welche trotz aller Abgespanntheit gespannt mit ihm rechnen, die zur Zeit und zur Unzeit sich an seine Verheißung klammern:

13 Kein Narrenwerk

„ …. dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist.“ Das Wort von der getilgten Schuld ist die Voraussetzung für die Befreiung. Und eben deswegen: Sie mausern sich, sie kriegen neue Kraft …“. „Sie?“ Wer? Das sind die von uns, die in der Niederlage dennoch ausgestreckt bleiben zu Gott hin. So ist ihr „Harren“ kein Narrenwerk. Sie ist Grundbestimmung ihrer ganzen gemauserten Existenz: eine Hoffnung, die durchträgt in bösen Tagen und die gerade dann ihre Stärke erweist, wenn wir mit unseren Augen wenig sehen – oder gar nichts mehr sehen, auf das zu harren aussichtsreich wäre. „Sie“ – das sind wir, das seid ihr hier im Kreis der altgewordenen Ephoren. „Gemeinde Jesu“ konkretisiert sich in unserem Kreis. Ich brauche Euch! Wir brauchen einander! Und wie! Achtbar, achtsam. Von Euch und von mir heißt es: „Sie sollen auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. „Auffahren.“ Hebräisch wie im Deutschen 3. pl. , gesprochen von der Wurzel „aláh“, aufsteigen, aufrichten hier „auffliegen“. Wieder das aufstrebende Vogelbild. [Man kann hier natürlich auch daran erinnern, dass „der Adler“ auf Brandenburgs Fahne zu sehen ist.]

14 Theodizeeempfindlichkeit

Aber machen wir es uns wieder klar: Wer immer in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Gott spricht, handelt sich die Theodizee-Frage ein. Der katholische Theologe Johann Baptist Metz [*1928 – †2019 in Münster] hat in seinem langen wissenschaftlichen und leidenschaftlichen Leben die Theologen beschworen, sie mögen „theodizeeempfindlich“ sein und bleiben. Das heißt: Wir sollen in der „Landschaft aus Schreien“ der Frage nach dem Schmerz der Menschen und ihrem oft so antwortlos bleibenden Ruf nach Gott in Christus stets und unbedingt gewärtig sein. Wir begegnen dabei allerdings immer wieder der Begrenztheit unserer Sprachbegabung und ihrer Fassungslosigkeit im Angesicht von so großem Leid und Tod wie [immer wieder] in den derzeitigen Kriegen und tödlichen Hungerkatastrophen. Metz: „Die Theodizeefrage ist in meinen Augen die Frage der Theologie. Sie ist die eschatologische Frage, die von der Theologie weder eliminiert noch überbeantwortet werden darf. Für die Antwort darf die Theologie keine alles versöhnende Antwort geben. Sondern sie muss immer neu eine Sprache suchen, um diese Frage unvergesslich zu machen. Sie ist ja die gänzlich unsentimale Form der Liebe in der teilnehmende Wahrnehmung der Leiden anderer.“ Und Metz fragt: „Gibt es nicht auch und gerade für Theologen jenes negative Mysterium menschlichen Leidens, das sich auf keinen Namen mehr reimen lassen will?“ So plädiert er dafür, dass in allen Bereichen gerade der Praktischen Theologie die „Theodizeeempfindlichkeit“ regieren müsse.

Jürgen Moltmann kann es im Richtungssinn ebenso sagen: „Auf die Frage nach der Gottesgerechtigkeit zu verzichten, hieße, sich mit dem ungerechten Leiden der Opfer, mit dem rechtlosen Tun der Täter und dem institutionalisierten Bösen abzufinden und das Böse nicht mehr böse, das Unrecht nicht mehr Unrecht, die Lüge nicht mehr Lüge und das Leiden nicht mehr Leiden zu nennen.“

15 Vergangenes und Gegenwärtiges als Zukünftiges

Was heißt das? Können wir „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ noch singen? Wir sollten wohl vorsichtiger damit sein: „Wir loben, preisn, anbeten dich / für deine Ehr wir danken, / dass du, Gott Vater ewiglich / regierst ohn alles Wanken. / Ganz ungemessn ist deine Macht, / allzeit geschieht, was du bedacht. / Wohl uns des feinen Herren.“ ??

Allenfalls im perfectum propheticum [prophetisches Perfekt] lässt es sich singen. [Also wie im Hebräischen Sprachgebrauch, wo das, was gilt und Bestand hat, in einer dort Perfekt genannten Zeitform ausgedrückt wird, so dass künftige Ereignisse in der Vergangenheitsform [Perfekt] dargestellt werden können.] Ich singe dieses perfectum propheticum im Deutschen nur noch als praesens propheticum. Präsens als Zeitform der Gegenwart und der Zukunft. So drückt sich Gewissheit aus [Indikativ], dass die verheißene Zukunft so gewiss eintritt, dass sie aus Sicht des Singenden bereits als geschehend gilt. Also, mit Zeitvermerk: „Was Gott tut, das ist wohlgetan, weil Gott tun wird, was wohlgetan ist “. Wir erfahren jedoch schon jetzt etwas Tröstendes und Gegenwärtiges, das uns Klarheit und Trost schenkt für Gegenwärtiges und Zukünftiges. ER rettet! ER muss retten! ER wird retten!

16 Was soll nun werden? Es wird!

In der Osterzeit 2026 hören wir das „Tröstet, tröstet“. Aber: Was soll nun werden? Wie geht es nun weiter? Welche Schreckensnachrichten werden wir weiterhin zu hören bekommen? In welche Verfassung werden unsere Seele geraten? Wir können das nicht unumstößlich sagen, aber wir glauben, dass weiterhin immer noch und erst recht gilt: „Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat und ihre Schuld vergeben ist.“

Warum sollten wir Müden und Niedergeschlagenen – dies im Ohr habend – nicht schon jetzt aufhorchen und aufstehen? Wenn ER kommt, werden wir uns fragen, recht fragen: Warum waren wir einst so niedergeschlagen?

17 Wichtigster Punkt

Werner Krusche [*1917 – †2009]. Von 1968 bis 1983 Bischof der Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Einmal – im Gespräch mit einem Thüringer Mitbruder – sagt er:

„Ich werde bald sterben. Aber keine Sorge, das werde ich auch noch überleben.“

Vortrag gehalten am 27. April 2026 auf dem Konvent der ehemaligen Superintendenten des Sprengels Berlin.


[1] Ich nenne Christoph von Stieglitz [Pfarrer i. R / Gütersloh), dem ich auf Grund seiner hebräischen Kenntnisse beachtenswerte Einsichten in Jesaja 40 verdanke.

Hier der Text als pdf.

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