Aufruf des Evangelischen Oberkirchenrates: „Wir haben den Weltkrieg verloren“
In Sachen „christlicher Nationalismus“ finden sich auch in der deutschen protestantischen Kirchengeschichte die entsprechenden Zeugnisse.
November 1918
Wir haben den Weltkrieg verloren. Unerhört grausamste Waffenstillstandsbedingungen der übermütigen Feinde haben wir annehmen müssen. Kaiser und Reich, wie es in einer Geschichte ohnegleichen uns teuer und wert geworden war, ist dahin. Es ist uns nichts von Bitterkeit und Demütigung erspart worden. Unsre Herzen sind wie erstarrt und zerrissen in namenloser Trauer, in bängsten Sorgen. Armut, Elend, Hunger und Verachtung droht unser und unserer Kinder Los in der Welt zu werden. In dieser furchtbarsten Zeit deutscher Geschichte wenden wir uns an alle Glieder unserer evangelischen Gemeinden mit der Bitte: Laßt uns im ungeheuren Ernst der Stunde die Schwere der Verantwortung, die Größe der Aufgabe erfassen.
Wo ist Rettung und Hilfe in dem furchtbaren Leid, das über uns zusammenschlägt, wo nehmen wir Kraft und Mut her, das unsagbare Elend zu ertragen?
Deutschland ist nicht verloren, und das Evangelium ist nicht gebunden. Das Reich Jesu Christi trägt die erhaltenden und rettenden Kräfte für das Leben unsres Volks in sich, und seine Bürger sind verpflichtet und bereit, im irdischen Vaterland zu dienen und jetzt da mitzuarbeiten, wo es gilt, die bestehende Ordnung zu stützen, neuen Aufgaben gerecht zu werden. So will unsere evangelische Kirche als Volkskirche mitten im Leben der Jetztzeit stehen, auch wenn äußere Stützen hinfallen sollten. Sie ist und bleibt eine Macht, der unser Volk zuversichtlich vertrauen kann; denn sie steht auf ewigem Grunde. Darum, evangelische Christen, die innere Zwietracht hat uns verderbt, so schließt die Reihen. Sammelt euch in den Kirchen und im ganzen Leben als ein Volk des Herrn mit freudigem Zeugnis des ewigen Worts, als eine Schar von Betern, die nicht abläßt Tag und Nacht und der Erhörung ihres Gebetes gewiß ist, als ein Heer von Streitern, als eine Gemeinschaft, die unermüdlich in der Nachfolge Jesu wirkt, in der Liebe, die sanftmütig und demütig dient und das Leben einsetzt. In diesen Tagen, in denen die Welt ein Chaos ist, muß unser deutsches Volk eine Christengemeinde sehen, die nicht flieht, sondern glaubt, die nicht klagt, sondern aufrecht steht, die nicht verzweifelt, sondern hofft.
Wir halten Landes-Buß- und Betrag. Wir wollen uns beugen unter die eigene Schuld und unter unseres Volkes Schuld an dem über uns verhängten Leid, damit Gott uns erhöhen kann. Nur den Demütigen gibt er Gnade. Wir wollen aber auch im Glauben neu den Herrn ergreifen, der allein den wahren Frieden und die rechte Freiheit bringt und den Seinigen verheißt, daß kein Haar von ihrem Haupte fallen kann ohne den Vater.
Am Totensonntag werden Ungezählte in bittrem Weh, daß ihre Toten nun umsonst gefallen sein könnten, sich in den Kirchen sammeln. Wir wollen ihnen den vollen Trost des ewigen Lebens bringen und ihnen den Glauben stärken, daß die heiligen Opfer mitwirken zur Auferstehung unseres Volkes.
Wir gehen der sonst so lichten und nun so dunklen Advents- und Weihnachtszeit entgegen. Viele in unserm Volk werden in der großen Gefahr sein, alle Hoffnungen fürs Vaterland zu begraben. Hoffnungslosigkeit ist der Tod. Wir wollen den Trost ergreifen, daß der Herr, der durch Tod zum Leben gegangen ist, immer im Kommen ist. Sein Weg ist auch in dunklen Wassern dieser Zeit. Jede Epoche der Weltgeschichte soll auch eine Epoche in der Geschichte seines Reiches sein. Er lebt und herrscht, er wird siegen. Er läßt seine Sache nicht im Stich! Das Reich muß uns doch bleiben!
(Kirchliches Jahrbuch für die evangelischen Landeskirchen in Deutschland 1919, S. 313f.)
Quelle: Gerhard Besier, Die protestantischen Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg. Ein Quellen- und Arbeitsbuch, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1984, S. 209f.