Karl Barth, Der Einzelne in dieser Zeit (1957): „Wer ist er denn, dieser Einzelne, wenn er sich als solcher einmal recht statt schlecht verstehen wollte? Wirklich der arme Einsame, der Angst haben muss, zu kurz zu kommen, wenn er sein Leben nicht für sich haben und führen kann, der darum auf das Recht seines Eigensinns und Eigenwillens pochen, der darum zur Privatperson und damit zum Räuber und damit zum Totengräber seiner Freiheit werden muss? Es ist klar, wie die liebe Sonne: Er ist in der ihm gegebenen Besonderheit, Einzigartigkeit und Einmaligkeit, in der er dieser und dieser Mensch ist und die niemand ihm nehmen kann, einer unter anderen, die in der ihnen gegebenen Besonderheit, Einzigartigkeit und Einmaligkeit wie er selbst einzelne sind. Er ist es also gerade nicht ohne sie. Und er ist es nicht weniger, aber auch nicht mehr als sie. Sie gehören ihm nicht, er kann über sie nicht verfügen, wie er auch nicht ihnen gehört, wie sie auch über ihn nicht verfügen können. Er ist schlicht ihr Nächster, ihr Nachbar und sie sind die seinigen. Er ist mit ihnen und sie sind mit ihm. Er und sie sind gerade als einzelne Menschen Mitmenschen.“

Der Einzelne in dieser Zeit (1957)

Von Karl Barth

Vermute ich recht, wenn ich annehme, daß Sie bei dem Thema „Der Einzelne in dieser Zeit“ zunächst und vor allem an die Bedrohung denken, der die Freiheit des einzelnen Menschen heute besonders von zwei politisch-wirtschaftlich-geistigen Mächten her ausgesetzt ist, die merkwürdigerweise beide das schöne Wort „Demokratie“ für sich in Anspruch nehmen, um in ihrer Wirkung merkwürdigerweise beide darauf hinauszukommen, den einzelnen Menschen zu einer bloßen Nummer, zum funktionieren den Teil eines großen gesellschaftlichen Mechanismus, eines Kollektivs zu machen: ihn, wie man sagt, zu „vermassen“? Und vermute ich recht, wenn ich annehme, daß Sie von mir ein kräftiges Wort gegen diese unsere Zeit von Osten und von Westen her bestimmende Tendenz erwarten?

Nun, zu dem, was zu unserem Thema zu bedenken ist, gehört gewiß auch diese Bedrohung, und zu dem, was dazu zu sagen ist, sicher auch die Aufforderung zu entschlossenem und nach beiden Seiten gleich wachen und tapferen Widerstand des Einzelnen gegenüber dem, was man ihm da heute antun will.

Wie aber, wenn die böse, die „vermassende“ Gewalt, die jene beiden Mächte, beide in ihrer Weise, heute bekommen haben, gerade darauf beruhte, daß so viele Menschen sich noch nie darüber Rechenschaft abgelegt haben, was es denn heißt, ein „Einzelner“ zu sein und was es mit dessen Freiheit auf sich hat? Waren es nicht vielleicht unzählige Große und Kleine, die es sich in sehr unguter Weise als „Einzelne“ wohl sein und von ihrer Freiheit als solche Gebrauch machen wollten, die mit ihren Irrtümern jene Mächte selbst auf den Plan gerufen und in den Sattel gehoben haben?

Ein einzelner Mensch sein darf heute allerdings nicht heißen: seine Besonderheit als dieser und dieser Mensch zugunsten des Standards eines bourgeoisen oder kommunistischen Kollektivs, dieses oder jenes allgemeinen way of life preisgeben. Ein einzelner Mensch sein darf aber heute so wenig wie zu irgend einer anderen Zeit heißen: eine Privatperson sein wollen. „Privat“ kommt von privare — privare heißt aber: rauben. Eine Privatperson nimmt es sich heraus, erräubert es sich und hält das für ihre Freiheit, ihr Leben für sich, ohne den Mitmenschen — oder mit dem Mitmenschen nur, sofern dieser ihr brauchbar und dienlich ist, leben und führen zu wollen. Wenn viele oder gar die meisten einzelnen Menschen als solche Privatperson denken und sich benehmen wollen, dann entsteht eben aus dem fatalen Einverständnis und Übereinkommen dieser Vielen oder Meisten die bourgeoise oder, wenn diese nicht mehr weiter weiß und in sich selbst zerfällt — dasselbe in Rot! — die kommunistische Gesellschaft: so oder so das Kollektiv, in welchem der einzelne Mensch es (diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs) zu seinem Leidwesen erleben muß, daß er sich mit seiner Räuberei nicht nur der Freiheit, die er meinte, sondern gerade seiner echten Freiheit als Einzelner beraubt, sich selber „vermaßt“ hat.

„Der Einzelne in dieser Zeit“ gehe dem Übel an die Wurzel, die er nicht in irgendwelchen Anderen, weder im Osten noch im Westen, sondern in sich selber zu suchen hat!

Wer ist er denn, dieser Einzelne, wenn er sich als solcher einmal recht statt schlecht verstehen wollte? Wirklich der arme Einsame, der Angst haben muß, zu kurz zu kommen, wenn er sein Leben nicht für sich haben und führen kann, der darum auf das Recht seines Eigensinns und Eigenwillens pochen, der darum zur Privatperson und damit zum Räuber und damit zum Totengräber seiner Freiheit werden muß? Es ist klar, wie die liebe Sonne: Er ist in der ihm gegebenen Besonderheit, Einzigartigkeit und Einmaligkeit, in der er dieser und dieser Mensch ist und die niemand ihm nehmen kann, einer unter anderen, die in der ihnen gegebenen Besonderheit, Einzigartigkeit und Einmaligkeit wie er selbst einzelne sind. Er ist es also gerade nicht ohne sie. Und er ist es nicht weniger, aber auch nicht mehr als sie. Sie gehören ihm nicht, er kann über sie nicht verfügen, wie er auch nicht ihnen gehört, wie sie auch über ihn nicht verfügen können. Er ist schlicht ihr Nächster, ihr Nachbar und sie sind die seinigen. Er ist mit ihnen und sie sind mit ihm. Er und sie sind gerade als einzelne Menschen Mitmenschen. Und es ist auch das klar: er ist gerade als einzelner unter alle den anderen nun eben bei seinem Namen gerufen und in seinem Verhältnis zu ihnen nun eben in seiner besonderen Weise gefordert und in Anspruch genommen. Er hat als dieser einzelne eine besondere, gerade ihn angehende Weisung, die niemand ihm streitig machen, der er aber auch seinerseits nicht entfliehen kann, der gegenüber er verantwortlich ist. Er hat seinen ihm als diesem einzelnen übertragenen einzigartigen Dienst zu tim. Und eben darin ist er ein freier Mensch: darin frei, daß er dieser besondere Mitmensch seiner Mitmenschen sein, diesen besonderen Ruf und diese besondere Weisung vernehmen, in dieser besonderen Verantwortung stehen, diesen besonderen Dienst hm darf. So steht es mit dem einzelnen und seiner Freiheit in dieser wie in jeder anderen Zeit.

Aber nun möchte mich jemand fragen: was es nun gerade in dieser, der heutigen Zeit bedeuten möchte, als ein solcher einzelner und in solcher Freiheit zu leben? Darf ich ihm dazu wenigstens ein paar kurze Hinweise geben? Er soll vor allem nicht meinen, daß es heute schwerer sei als zu anderen Zeiten, ein solcher einzelner, im rechten Sinn freier einzelner zu sein. Es war immer so, daß da irgendwelche Mächte den Menschen eben daran hindern wollten — und immer so, daß er ihnen unterlegen war, wenn er Privatperson und also Räuber sein wollte — aber auch überlegen, wenn er sich an den rechten Sinn seiner Besonderheit, Einzigartigkeit und Einmaligkeit als einzelner halten und seine Freiheit demgemäß verstehen und brauchen wollte. Es war immer schwer, aber auch immer leicht, das zu tun! Er soll es sich ferner ja nicht leisten, sich, tun heute nicht „vermaßt“ zu werden, vor der „Masse“ auf einen Zuschauerbalkon oder in das Schneckenhaus seiner Arbeit, seiner Familie, seiner Hobbies, vielleicht auch seiner Innerlichkeit — kurz: doch wieder ins Privatleben und damit in den Anfang allen Übels zurückzubegeben. Der einzelne ist nun einmal kein in sich verschlossenes, sondern ein nach allen Seiten geöffnetes Wesen. „Mitleidend tragen die Beschwerden der ganzen Zeitgenossenschaft“ ist seine Freiheit — nicht vor ihr davon zu laufen! Er wird sich freilich darin üben müssen, sich dem ihn umtosenden Geschwätz (insbesondere dem Propaganda-Ge­schwätz seiner Tageszeitung) gegenüber seines eigenen Verstandes zu bedienen und also fröhliche Distanz zu bewahren — wobei er aber wieder nicht der Meinung sein wird, er sei der einzige, der Vernunft und guten Rat mit Löffeln gegessen, der also auf andere nicht zu hören habe — nicht zu reden davon, daß er seine Freiheit doch nicht etwa mit der Entfaltung seiner nonkonformistischen Originalität verwechseln wird. Er wird wohl in der Regel (aber auch nicht immer!) nein sagen müssen, wo fast alle ja, und ja, wo fast alle nein schreien. Er wird aber auch das nur tun, wenn er dazu berufen ist, wenn es etwas kostet und wenn es sich lohnt, d. h. wenn er damit etwas Hilfreiches ausrichten zu können denkt. Er wird es dann freilich unverzagt tun: auch gegen den Strom, als Einzelgänger, vielleicht auch nur zu zweit oder zu dritt, aber jedenfalls ohne die Sorge, er möchte zu wenig Leute neben und hinter sich und er möchte keinen Erfolg haben. Er wird gerade in der heutigen Situation immer bei denen zu finden sein, die es sich nicht verdrießen lassen, durch alles Pro und Contra hindurch beharrlich einen dritten Weg zu suchen und zu finden. Er wird sich sehr gebunden finden und oft auch sehr gedemütigt, und wird gerade so ein herrlich freier Mensch sein dürfen.

Ob Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, wohl bemerkt haben, daß ich nun eigentlich, ohne ein ausdrücklich christliches Wort zu sagen, vom Christen in dieser Zeit geredet habe? Denken Sie selbst darüber nach, wie die Unterscheidung eines rechten von einem schlechten Verständnis des Einzelnen und seiner Freiheit, wie sein Leben in der Mitmenschlichkeit, in der Verant­wortung, im Dienst mit all dem, was er praktisch in sich schließt, mit dem Glauben zusammenhängt, daß wir Menschen auch in dieser Zeit Kinder Gottes heißen und sein dürfen: so gewiß er uns in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten eben als seine Kinder und so als Brüder und Schwestern angeredet hat. Es ist nicht abzusehen, warum sich irgend jemand das nicht auch für seine Person gesagt sein lassen und also glauben dürfte, um dann bestimmt eben das zu werden und zu sein, wovon wir jetzt sprachen: der einzelne — ein einzelner in dieser unserer Zeit.

Radioansprache gesendet am Palmsonntag, 15. April 1957.

Abgedruckt in: Stimme der Gemeinde zum kirchlichen Leben, zur Politik, Wirtschaft und Kultur, 9. Jahrgang, Heft 8, 15. April 1957, Sp. 225-228.

Hier der Text als pdf.

Hier das Tondokument Karl Barth – Der Einzelne in dieser Zeit (Vortrag, 1957).

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