Das Zelt der Zusammenkunft (De tent van samenkomst)
Von Huub Oosterhuis
Alles, oder nahezu alles, was Menschen an Freud und Leid erleben, äußert sich in Worten, in einem Aufschrei, in Sprache und Zeichen.
Offenbar muß das „Leben“ zur Sprache gebracht, vorgespielt, nachgespielt, abgebildet und ausgelacht werden: in endlosen Variationen, denn wir müssen es loswerden. Weil Menschen sehen und hören möchten, wer sie sind, unternimmt man so fieberhafte Anstrengungen, Bücher zu schreiben. Filme zu drehen und in allen Tonarten Lieder zu singen. Bildstreifen und Theaterstücke, Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Wellen der Publizität, ein grenzenloses Bedürfnis nach Ausdrucksmöglichkeit und Mitteilsamkeit, auch wenn das alles nicht genau gezielt und noch so nervenaufreibend ist. Leidenschaftliche Versuche, sich als Mensch wiederzuerkennen und sich zu orientieren: Wer sind wir, wir Menschen! Schaut her: Das sind wir, family of men, seht den Menschen! Orientierung heißt: den Kompaß richten, die Himmelsrichtung bestimmen, Informationen erteilen, den Horizont, die Grenzen der Erde, den Gesichtskreis abtasten.
In seinem Buch „Testbild“ schreibt der Psychologe Fokke Sierksma: „Zur wirklichen Orientierung ist eine Kunst erforderlich, welche die Menschen, inmitten der Weltzivilisation, das Leid und die Freude ihrer Mitmenschlichkeit erkennen läßt“.
Überall finden wir Häuser für eine solche Kunst: Orte der Begegnung, Theater, Kinos, Zelte der Zusammenkunft, irgendeine Ecke, einen Saal, in denen wir sehen und hören können. Denn das Ohr kann nie genug zu hören bekommen und das Auge wird sich nie satt sehen. Überall und noch immer kommen Menschen gerne zusammen: in einem Kreis, rund um eine improvisierte Bühne, und immer wieder ist einer da. der etwas zu sagen hat, der auf einen Karren klettert, auf einen Stuhl steigt: Cohn-Bendit, Jewtuschenko, Living Theatre. Was würde geschehen, wenn das alles wegfiele!
Zwischen solchen Zelten der Zusammenkunft gibt es auch noch immer Häuser, in denen das gespielt, überliefert, weitererzählt und gesungen wird, was sich einmal in Israel ereignet hat und was in den Schriften Israels — Bibel genannt — beschrieben ist: von Abraham bis einschließlich Jesus von Nazareth mit seinen Jüngern. In diesen Häusern kommen Menschen zusammen, um sich durch die Erzählungen und Lieder Israels in ihrer Existenz unterrichten zu lassen: über Gott und Mensch, Liebe und Tod, Frieden und Gerechtigkeit, um sich in den Bildern und Gleichnissen wiederzuerkennen und sich daran zu orientieren.
Es sind Häuser rings um die Bibel; in ihnen wird dieses Buch gespielt, gesungen, in Sprache und Zeichen verkündet; in ihnen ist es möglich, daß dieses Buch mit der „Stimme der Lieder“ (wie Isaias sagt) verständlich gemacht und gelebt wird.
Alles was in der Bibel „zur Belehrung“ und zur Orientierung in toten und gedruckten Buchstaben geschrieben steht, öffnet sich, fesselt uns, erfüllt uns mit Erstaunen und erhebt unser Herz, wenn es getan wird: ausgesprochen, hymnisch ausgerufen, gebetet, laut bezweifelt, befragt und akklamiert. Die Bibel ist Anruf, Prophetie und Beifall, eine Geschichte, die mit lebenswarmen Stimmen erzählt und die viel eher gehört als gelesen werden soll.
Wenn ich ganz allein etwas lese, bin ich noch einsam und isoliert, dann verstehe ich den Glauben Israels oder verstehe ihn nicht. Als Leser bin ich ein „Außenstehender“, ein „Gegenüber“, wenn aber das Buch beim Singen aus seinen Buchstabenzeichen gelöst und zum Leben erweckt wird, wenn es zu seiner Quelle, zur lebendigen Zusammenkunft, zurückkehrt und wieder zu dem wird, was es war: ein Zeugnis lebendiger Stimmen, dann werde ich mitgerissen und mit den anderen verbunden. Dann wird sein Inhalt zu meinem Glauben und zu meiner Geschichte, dann erreiche ich — indem ich das Faßbare oder Unfaßbare übersteige — die Ebene des Verstehens. Ich selbst werde dann Israel: seht den Menschen — du bist dieser Mensch — ich bin dieser Mensch.
Die Bibel, in allen Tonarten gespielt und gesungen — das ist jene Kunst, die „Liturgie“ genannt wird. Überall finden wir Häuser für eine solche Kunst, Zelte der Zusammenkunft, Kirchen.
Die Kirche in ihrer abstrakten Begrifflichkeit existiert nicht, wie auch der Mensch nicht existiert. Es gibt nur Menschen, die ganz konkret, ganz verschieden sind: dieser Mensch neben mir. Und unter den Menschen ist eine Bewegung im Gange, die „Glaube“ genannt wird, ein Weg, der sich—breit oder schmal — 2000 bis 4000 Jahre lang in der Weltgeschichte fortsetzt bis zum heutigen Tag. Dieses Geschehen wird manchmal hier und dort in dieser Welt sichtbar, und uralte Ausdrücke haben dieses Ereignis als „die Gemeinde Gottes“ bezeichnet und in einigen Schriften des Neuen Testaments spekulativ-visionär als „Leib Christi“.
In den Jahren 35 bis 40 geschieht folgendes in Jerusalem: Jesus von Nazareth wird verkündigt, und in dieser Verkündigung erhält der Name Gottes wieder einen neuen Sinn, eine neue Kraft, durch ihn wird der Glaube geweckt und kommen Menschen zusammen: „An einem Tag traten dreitausenil hinzu“. Dieses Wort der Verkündigung pflanzt sich im gegenseitigen Denken und Handeln der Menschen fort, es inspiriert zu neuen Lebensformen. In der Apostelgeschichte steht beschrieben, was es bewirkt: „Diejenigen, die den Glauben angenommen hatten, waren ein Herz und eine Seele, und es war kein einziger, der etwas von seinem Besitz sein Eigentum nannte: sie hatten alles gemeinsam, und es gab unter ihnen keinen Bedürftigen“ (Apg 4, 32-34; vgl. 2, 44). Diese Worte sind zwar allgemein gehalten, aber bis auf den heutigen Tag verfolgen sie uns, weil in ihnen die Lebensweise der „Jünger Jesu“ ausgedrückt ist. Wir haben hier keine Blaupause für den Aufbau einer neuen Gesellschaft vor uns. sondern eine Darstellung, die uns ahnen läßt, daß manchmal das Unmögliche möglich ist.
Selbstverständlich kommen diese Jesus-Menschen in „irgendeinem Haus“ zusammen, um einander aus den Schriften vorzulesen, um „im Gebet und im Brechen des Brots zu verharren“. Auch gibt es eine Sprache und Zeichen, in denen sich dieses Leben- mit-einander ausspricht und bekräftigt wird. Es kann hier also von einer Art Liturgie gesprochen werden. Die Kirche ist ein zu weiter und vor allem ein zu umfassender Begriff, als daß wir damit dessen Inhalt aussagen und erschöpfen könnten. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bezeichnet man die widersprüchlichsten Tatsachen und Erscheinungen als die Kirche und das Christentum: eine Handvoll Moralgrundsätze und religiöser Übungen, doch auch den uneigennützigsten Dienst an Armen und Verstoßenen; römische Prälaten und Franz von Assisi: menschliche Anstrengungen und sogenannte „göttliche“ Institutionen. Die Kirche ist ein Begriff, der unverständlich ist und mit dem man nicht operieren kann. Eine Kirche ist irgendein Haus, in dem die Kunst der Liturgie betrieben wird, und zwar als ein Dienst an Menschen, die „inmitten der Weltzivilisation“ den Versuch unternehmen wollen, das Leid und die Freude ihrer Menschlichkeit und die Dimension ihrer gegenseitigen Verbundenheit in den Worten Israels wiederzuerkennen, die sich auf dasjenige orientieren, was dort an Lebenserfahrung und Gottesahnung gewachsen und aufbewahrt ist. Liturgie ist ein Dienst an Menschen, die zu glauben versuchen.
In erster Linie war Liturgie eigentlich immer: Kult, der Gott dargebracht wird. Liturgie war heilig, eine Tat der Anbetung, eine der höchsten Ambitionen der Kirche. Heilig waren die Vorschriften, nach denen man vor Gottes Angesicht „hinzutreten“ und in den heiligen Raum zu „schreiten“ hatte: heilig waren die liturgischen Gefäße und das „Sakrarium“, in das die heiligen Reste der Opfermahlzeit versenkt wurden. Schon bald war die Liturgie nicht mehr auf die verständliche Volkssprache angewiesen, man bevorzugte im Gegenteil eine unverständliche verfremdete Sprache, die von bezaubernd schönen Formen und streng stilisierten Gebärden begleitet war. Liturgie wurde in einer distinguierten Gesellschaft kultiviert und von einer zölibatären Elite manipuliert. Man glaubte, solcherart die Tiefen des unzugänglichen Lichtes und die Hoheit Gottes am wirksamsten suggerieren zu können.
Auf die Dauer wurde die liturgische Feier für die Mehrzahl der Gläubigen zu einem schweigenden innerlichen Aufnehmen von sehr alten unverständlichen Klängen und schönen, aber ausländischen Melodien: man war der demütige Zuschauer eines bis in die absurdesten Einzelheiten geregelten Zeremoniells. Nach der Wandlung hält der Priester Daumen und Zeigefinger steif aneinandergepreßt, er küßt den Altarstein-mit-den-heiligen-Reliquien; auf dem Stein liegen zwei Leinentücher, die mit fünf kleinen gestickten Kreuzen geziert sind — das alles hat eine tiefere Bedeutung … An der Demut der Millionen Christen, die sich von einem solchen fremdartigen und faszinierenden Geschehen mitreißen ließen, kann nicht gezweifelt werden.
Seit mehreren Jahren entwickelt sich ein ganz anderer Typus der liturgischen Feier, die in erster Linie nicht durch den Kult Gottes charakterisiert wird, sondern dadurch, daß die Menschen zusammenkommen, um etwas zu verkündigen und einander den Dienst des Wortes zu vermitteln. Bei einer solchen Zusammenkunft verhalten sich diejenigen, die irgendwie als Vorsteher auftreten, keineswegs wie Mitglieder eines Hofstaates; sie erscheinen nicht mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen, sie isolieren sich nicht von der Gemeinde durch fremdartige Gewänder, Gesichtsausdruck, Handgriffe, Stimmodulation und Gebetshaltungen, welche sich die Diener des Heiligen in jeder Religion aneignen müssen. Jetzt ist alles, was getan wird, darauf gerichtet, dem Wort wieder seine Aussagekraft zu verleihen und die Schrift verständlich zu machen. Diejenigen, die nicht gekommen sind, um irgendeinem Ereignis beizuwohnen (einem Opfer zum Beispiel), sondern um sich an einem Zeugnis, einem Sing- und Hörspiel zu beteiligen, werden solche Umgangsformen beachten, die sie am wirksamsten zur Einkehr und zum Antwortgeben befähigen.
Eine solche Feier findet besonders an Sonntagen an fast allen Orten der Welt statt. Es ist ein Dienst an Menschen, die zu glauben versuchen, die in irgendeiner Weise glauben: ganz wenig, sehr skeptisch oder fromm, labil, sentimental, freisinnig. Es kommen Menschen, die größtenteils mit ihrer kirchlichen Zugehörigkeit nichts anzufangen wissen. Es beteiligen sich Menschen, die das Wort „Gott“ nicht mehr verstehen oder es überhaupt nicht mehr hören können. Andere wieder kommen eigentlich nur deshalb, weil sie in der Feier eine Bestätigung des Altvertrauten und die Richtigkeit des Vergangenen suchen. Es läßt sich nicht abschätzen, weshalb sie überhaupt und dennoch kommen: mit welchen Hintergedanken, aus welchen Ängsten und Erwartungen. Doch wie dem auch sei, jeder ist willkommen, und jeder wird als Gast empfangen. Wer kommt, will mit all den anderen, die ebenfalls erschienen sind, die Feier mitmachen, mitvollziehen, gleichgültig ob sie innerlich gerührt sind oder laut und vernehmlich mitsingen.
Am Sonntagmorgen haben verschiedene Personen eine besondere Aufgabe bei einer solchen Zusammenkunft zu erfüllen. Das Ganze steht nicht mehr unter der Leitung eines einzelnen Vorstehers oder Spielers (der früher von zwei oder mehreren Ministranten — wie kleinen Schildknappen — umgeben war); auch gibt es keinen vereinzelten Wortführer, der vielleicht auch noch unverständlich spricht, der über eine langweilige Stimme verfügt und nicht viel zu sagen hat. Die Rollen sind jetzt verteilt: es ist ein Chor da. der die Gemeinde anführt und beim Singen anfeuert, es gibt vielleicht einen Kantor-Chansonnier, es sind Vorleser und Musiker da, einer hält die Predigt (der Ortspriester oder eine andere Person aus der Gemeinde, die dazu befähigter und berufener ist), und wieder ein anderer spricht im Namen aller das eucharistische Hochgebet.
Es gibt eine Abwechslung von Stimmen, ein Zusammenspiel von Funktionen, eine vielfältige Abwandlung von Ausdrucksweisen und Tonarten. Es kann in verschiedener Art und Weise gesprochen werden: erzählend, flehend, laut und bewegt, sachlich-informierend: eine Fürbitte wird anders gebracht als die Lesung eines Evangelientextes, der Segen anders als das Eröffnungswort.
Was aber gesungen wird, reicht weiter als das gesprochene Wort. Die Sprechstimme interpretiert den Inhalt und beeinträchtigt somit die unmittelbare Erfahrung, das Lied aber (einstimmig, mehrstimmig, strophisch oder im Wechselgesang, ein kurzer Aufschrei oder ausführlich und hymnisch) hat eine größere Reichweite und geht tiefer. Eine Predigt kann didaktisch, dogmatisch, polemisch oder ethisch sein, das Lied aber ist argloser, fröhlicher, zutreffender und menschlicher als jede sonstige Art des Sprechens. Ein Lied kann Ermahnung, Belehrung und Katechese sein, wenn es jedoch ein gutes Lied ist, das richtig gesungen wird, geht es immer weit über den Text hinaus. Das gesungene Wort ist das Herz der Liturgie.
Am Anfang einer solchen Feier werden selbstverständlich keine Textbücher verteilt oder verkauft, es werden keine Volksmissale verwendet, mit deren Hilfe man alles, was zur Sprache kommt, mitlesen kann, oder die es ermöglichen, daß man sich innerlich zurückzieht, um seine „persönlichen“ Gebete zu verrichten. Unter diesen Umständen wird es keine Meßbücher mehr geben, keine feststehenden Meßformulare für jeden Sonntag des Jahres, keine gleichlautenden Texte für alle Gemeinden auf der ganzen Welt, also Texte, die von der liturgischen Kommission in Rom verfaßt wurden. Ein kleines Gesangsheft, in das immer wieder neue Lieder aufgenommen werden, ist die einzige Drucksache für diese Feier. Das übrige entwickelt sich aus mündlicher Überlieferung, ist Hören, Sagen und Singen.
Jeder kann und soll mitsingen, jede Stimme ist gut genug. Singen wird entdeckt und erfunden, in Augenblicken geboren, da es keine anderen Ausdrucksmöglichkeiten mehr gibt: an einem Grab, wo vier, fünf Menschen mit unbeholfener und ungebildeter Stimme Worte singen, die zugleich größer und kleiner sind als ihr Glaube und ihre Erfahrung: „Niemand lebt für sich selbst, niemand stirbt für sich selbst.“
Singen heißt: sich in ein größeres Ganzes einfugen, mit anderen einstimmen und dabei Worte verwenden, die man allein niemals verwirklichen kann, an die man sich nur gemeinsam mit anderen heranwagt. In einer singenden Gemeinde fühlt man sich — trotz aller Zweifel — doch wie zu Hause, im Schutz einer heilsamen Anonymität; das gemeinsam gesungene Lied ist oft ein rechtmäßiges Alibi für die persönliche Ohnmacht des Glaubens.
Das Geheimnis des Singens besteht darin, daß man es nicht lassen kann. Wer das Singen verstehen will, lese die Erzählungen des argentinischen Schriftstellers Julio Cortazar über die Cronopios, die Famas und Esperanzas, jene merkwürdigen Gestalten, denen nichts Menschliches fremd ist. Er schreibt:
Wenn Cronopios ihre Lieblingslieder singen, geraten sie in einen Zustand der Verzückung, so daß sie sich oft von Lastautos und Fahrrädern überfahren lassen, aus dem Fenster fallen und alles verlieren, was sie in den Taschen haben, sie haben sogar kein Zeitgefühl mehr. Wenn ein Cronopio singt, laufen die Esperanzas und Famas herbei, um ihm zuzuhören, obgleich sie von seiner Begeisterung wenig verstehen und daran gewöhnlich auch ein wenig Anstoß nehmen. Mitten im Kreis erhebt der Cronopio seine Ärmchen, als müsse er die Sonne stützen, als wäre der Himmel ein Servierbrett und die Sonne das Haupt des Täufers, so als wäre das Lied des Cronopio die nackte Salome, die für die Famas und Esperanzas singe. Mit offenem Mund bilden sie einen Kreis und fragen sich, ob der Herr Pfarrer oder der Anstand … Da sie aber im Grunde gut sind (Famas sind gut und Esperanzas dumm), spenden sie dem Cronopio schließlich Beifall, worauf dieser erschreckt zu sich kommt, um sich blickt und dann auch zu applaudieren beginnt: der Schlemihl.
Ein Zelt der Zusammenkunft ist ein Ort, in dem Menschen miteinander singen. In der Welt von heute finden wir nicht so viele Orte, wo das noch geschieht. Selbstverständlich gibt es eine gewisse Ordnung der Liturgie, ein bewegliches und freizügiges Schema, das die Richtung für die Zusammenkunft bestimmt und das Geschehen der Verkündigung strukturiert. Man fängt nicht planlos mit irgend etwas an, sondern hält sich an die großen Linien, die sich in allen wichtigen Liturgien der Geschichte abzeichnen. Wir fühlen uns aber nicht gebunden an allerhand, größtenteils anfechtbare Elemente, die sich im Verlauf der Jahrhunderte auf diesem Grundschema abgelagert haben: zum Beispiel ein ausführliches gegenseitiges Schuldbekenntnis, mit dem fast jeder katholische oder protestantische Gottesdienst eröffnet wird, die Gebete der Opferbereitung oder das dreimal ausgesprochene „Herr, ich bin nicht würdig“ vor der Kommunion.
Das ursprüngliche Raster der christlichen Liturgie und des jüdischen Synagogengottesdienstes, aus dem sich jene entwickelt hat, besteht aus der Aufeinanderfolge von Schriftlesung, Psalm und Gebet: Verkündigung, Lobpreis und Fürbitte.
Zunächst beginnt man damit, sich im Singen auf die Schriften hin zu bewegen, man erwärmt sich, sammelt die Stimmen und die Herzen, singt sich zu einer Gemeinde zusammen, zu einer Hörerschaft. Sodann folgt das Wort, das vorgelesen, proklamiert und „ausgelegt“ wird. Die Antwort darauf erfolgt in doppelter Form: erstens in einem Lied, in dem alle sich auf das Gehörte einstimmen und es singend in sich aufnehmen, dann in einer Fürbitte, durch die wir mit der ganzen Welt und mit jedem einzelnen Menschen zu einer Einheit werden, indem wir durch eine Vielfalt von Bitten immer wieder das eine zum Ausdruck bringen: Der du kommen wirst, um alles neu zu machen, mach uns zu Frieden und Gerechtigkeit.
Im Rahmen einer solchen liturgischen Ordnung wird das Thema der Verkündigung erläutert, gespielt, abgewandelt: in frei-assoziativer Form, nicht argumentierend, beweisend, diskursiv-begrifflich, sondern suggestiv und dichterisch, wie es auch die Schriften tun. Liturgie ist eine Kollage von Bildern und Gleichnissen; Worte rufen andere Worte hervor: die Klage der liebenden Braut (im 5. Kapitel des Hohenlieds), jenes „Lied der Geliebten“, ist gleichsam der Reim auf das Fragment des Johannesevangeliums über Maria Magdalena, die am Ostermorgen im (‚.arten auf der Suche nach Jesus ist. Visionen schieben sich ineinander: der Garten der Auferstehung wird zum Garten des Schöpfungsberichtes, in dem Mann und Frau einander finden und einander beim Namen nennen. Die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen der einen Erzählung und der anderen treten ans Licht: Moses, der den Berg besteigt, um dort von Mensch zu Mensch und Aug in Aug mit Gott zu reden, ist ein Gegenstück zu Jesus, der den Berg besteigt und in den Himmel geht, um „dort“ in der Verborgenheit Gottes zu sein.
Anhand eines „liturgischen Formulars“ verkündigen und hören wir den Glauben Israels, eines Volkes, das sich an das Unmögliche heranwagt, durch das Meer zieht, durch den Tod hindurch am Leben bleibt. So lesen wir zum Beispiel im Buch des Auszugs das Epos vom Durchzug durch das Wasser des Todes, sinnbildlich dargestellt im Roten Meer. Dann singen wir den 114. Psalm, jenes Lied mit den unvorstellbaren Bildern vom fliehenden Meer, den hüpfenden Bergen und einem Gott, der das Undenkbare vollbringt: er verwandelt die Felsen in Quellen und Teiche, die Steine in Wasser. Wenn wir dann wieder in den Evangelien lesen, hören wir, wie Jesus von Nazareth (von dem die älteste Christengemeinde glaubte, daß sich in ihm das Geheimnis und die Lebensbestimmung Israels erfüllt hat) auf dem Wasser wandelt, den Tod mit Füßen tritt, daß er das Leben und der Retter ist, der Herr über Wasser und Tod und über alle Mächte, die unser Leben bedrohen. Und das „reimt sich wieder mit dem 46. Psalm, in dem es vom Wasser des Todes und von Gott heißt:
Wenn auch das Wasser schäumt und tobt
und gegen die Klippen schlägt —
er ist für uns der Gott der Mächte.
Wenn wir so über Gott und Jesus lesen und sie besingen, wird der Zusammenhang zwischen beiden — daß sie nämlich mit demselben Namen bezeichnet und in einem Atem genannt werden — reiner und stärker zum Ausdruck gebracht als in den traditionellen theologischen Ausdrücken wie Gottmensch, Gottheit Christi, zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit.
In den Schriften ist das Wasser nicht nur Bild und Gleichnis des Todes, sondern auch des Lebens. Alle Mythen der Menschheit betrachten das Wasser sowohl als Drohung wie als Ursprung, als Grab und Mutterschoß. Aus dem Wasser des Meeres wird Israel neu geboren; im Johannesevangelium ist die Rede von einer Geburt aus Wasser und Geist; der Blindgeborene, den Jesus „im Vorübergehn“ erblickt, wäscht sich im Teich von Siloach und lebt wieder auf; Ströme lebendigen Wassers werden aus dem Menschen fließen, der glaubt— und es ist der Heilige Geist, der dies bewirkt, sagt Johannes (7, 38-39). Im 46. Psalm wird die Vision eines Stromes lebendigen Wassers heraufbeschworen: er verzweigt sich „durch die ganze Stadt des Allerhöchsten. Gott wohnt in ihr, sie wankt nicht.“
In den apokalyptischen Visionen des Johannes (der sich hier auf den Propheten Ezechiel stützt) zeigt sich diese Stadt, dieses Zelt Gottes inmitten der Menschen, wie eine Braut ihrem Mann, wie Eva dem Adam: sie ist eine neue Schöpfung, die vollendete Genesis, der Mensch, der zum Menschen wird.
Ansprache. Erläuterung, Katechese allein sind nicht imstande, das Vielsagende dieser Bilder, den praktischen Glaubensvollzug und die menschliche Existenzerfahrung. die in ihnen dichterisch zum Ausdruck gebracht werden, so wirksam und mitreißend wiederzugeben wie eine gesungene Liturgie, die durch diese Lieder und Erzählungen in uns spielenderweise die Erwartung aufkommen läßt, daß dies alles noch dazu wahr ist.
In der christlichen Liturgie folgt von altersher auf den Wortdienst der Tischdienst, das „Brechen des Brotes“. Es wird ein Zeichen gesetzt, das den Sinn der Worte verständlich macht.
In Schriftlesung, Lied und Gebet wird allen, die zusammengekommen sind, verkündet, daß sie der „Leib Christi“ sind, daß sie berufen wurden, Gerechtigkeit und Friede zu werden, Brot und Lebenskraft für diese Welt. Im Brechen und Austeilen des Brotes, diesem urmenschlichen Ritus, wird ihnen dies nochmals deutlich vor Augen geführt. Auf die offene Hand erhalten sie die Speise, das heißt: ihrer Existenz wird ein Sinn, ein Name gegeben, oder wie Augustinus sich ausdrückt: „Mit ihrem Amen bejahen sie ihr eigenes Geheimnis“. Im Evangelium wird uns der Name Jesu gereicht: Brot-für-das-Leben-dieser-Welt wird er dort genannt, Knecht, „Mensch-für-andere“. Im Zeichen der Eucharistie empfangen wir seinen Namen, erkennen und akzeptieren wir — mit der Hand greifbar—, daß er Brot und Lebenskraft für diese Welt ist, daß er sie bis zum Ende liebte und sich für sie hingegeben hat (wie es in jedem eucharistischen Hochgebet heißt), daß allein in dieser Gesinnung unsere Rettung liegt.
Liturgie ist Verkündigung in Sprache und Zeichen, ein Tun, mit dem Wort verbunden. Wort-und-Gebärde sind eine wirksamere Verkündigung als das Wort allein. Die Gebärde vollendet und bekräftigt das Wort, sie ist Wort-in-Aktion. Im theologischen Sprachgebrauch heißt das: „Sakrament“.
Das Sakrament erfüllt eine Funktion innerhalb der Verkündigung. Es wirkt nicht aus sich selbst, es tut, was ein Wort tut, aber das kann viel oder wenig sein. Ein Kind, das getauft wird, ist nicht mit einem Schlag etwas ganz anderes als ein ungetauftes Kind, wie auch eine Zivilehe gegenüber einer kirchlichen Eheschließung nicht minderwertig ist; ebenso hängt eine gute Lebensführung-mit-einander nicht unbedingt davon ab, ob man sich an der Eucharistiefeier beteiligt. Eine solche Auffassung ließe sich schwer vertreten. Ein Sakrament kann nie ein „Müssen“ sein, und damit unterscheidet sich die Kirche von den meisten Religionen, die einen Ritus als magische Verpflichtung auferlegen und diesen auch zu festgesetzten Zeiten zwangsmäßig vollziehen lassen.
Sprache und Zeichen, Wort und Sakrament bilden zusammen ein freies Angebot, damit das Ganze durchsichtig werde: in einer beredten Gebärde und einem vielsagenden Wort bringen wir einander unseren Glauben zum Ausdruck. Am Karsamstag teilen wir einander das Licht aus. wir „spielen mit Feuer“, und in diesem Spiel erinnern wir uns und wissen wir. daß wir berufen sind, einander zu entzünden und zu begeistern, daß wir das Licht, das im Universum „vorhanden“ ist. vom einen Menschen zum anderen weitergeben können und dürfen. Es ist eine Gebärde des Auferstehens und der Auferstehungskraft. ein Zeichen des Lebens. Wenn bei der Taufe die Eltern ihr Kind in die Hand anderer Christen übergeben, greifen sie damit der Zukunft vor und bejahen in diesem Tun dasjenige, was sie mit Worten geloben, daß sie nämlich ihrem Kind treu bleiben werden, ihm seine Freiheit lassen und es respektieren, wohin es auch gehe, während sie immer bedenken, daß es aus Gott geboren ist. Wenn zwei Menschen am Tag ihrer Eheschließung einander den Ring an den Finger stecken, bedeutet dieser Ritus, daß sie einander — in Gegenwart der Anwesenden und vor aller Welt — anerkennen, akzeptieren und einander die Treue versprechen, nur garantiert diese Gebärde ihnen natürlich nichts für die Zukunft. Wenn wir die Eucharistie feiern und einander den Becher reichen, so drücken wir darin bildhaft aus, daß wir unsere Inspiration und Freude, unser Blut, miteinander teilen wollen: sowohl das Süße, Berauschende und Leidenschaftliche im Blut wie auch das Harte und Notwendige, das Brot. In diesem Tun bezeugen wir unseren Glauben, daß Jesus von Nazareth — und in ihm auch Gott selber — sich als Wein, als Wasser und Feuer zu trinken gegeben hat: „Ich bin der Weinstock“ — „das ist mein Blut“.
Aber alle diese Gesten einer gläubigen Zustimmung werden erst vielsagend und verständlich innerhalb des Rahmens des Wortes der Verkündigung. Das Wort ist die Seele und der Sinn der Gebärde („verbum est forma sacramenti“ sagte seinerzeit Thomas von Aquin) wie auch die „sakramentale“ Gebärde das Wort der Verkündigung anschaulich machen kann, so daß diesem eine Intensität der Kommunikation verliehen wird, die dem Wort-allein meistens vor- enthalten bleibt.
Liturgische Riten, wie das Brechen des Brotes, das Austeilen des Lichts und das Weiterreichen des Weins, sind schlichte Gebärden, in denen der ursprüngliche Sinn und die Gestalt unserer Existenz durchschimmern. Sie werden klar und unzweideutig.
Die Wirklichkeit, die wir erleben, zeigt sich in ihrer ganzen Komplexität: zum größten Teil besteht sie aus Politik, aus verzwickten, teilweise verlogenen und mühsamen Spielen, und wir wissen auch, daß wir mit all diesen Kompromissen und Unwahrhaftigkeiten leben müssen, die unser eigenes Ich zudecken, so daß wir nicht wir selbst, nicht mehr frei sind.
Aber überall herrscht der Hunger nach dem Schlichten. nach einfachen Gebärden, die das Tiefe in uns, das Wesentliche aufbrechen und aussprechen, in denen wir uns als das bekennen können, was wir eigentlich sind und sein wollen. Das geschieht, wenn wir das Gute miteinander teilen, die Hand aufhalten und dann weiterreichen, was wir empfangen haben. Mit solchen Gebärden haben wir es hier zu tun, weil sie mit Sinn erfüllt und schlicht sind wie Gleichnisse.
Liturgische Riten sind gespielte Prophezeiungen. Aus ihnen brechen Gefühle hervor, eine Tiefe und Unmittelbarkeit des Lebens, die wir noch nicht zu bewältigen vermögen. Einen solchen Ritus mitvollziehen heißt: sich der Zukunft fügen, sich einspielen auf das, was noch kommen muß. Während wir wie Fremde, von Aggressivität und Haß erfüllt, aneinander vorübergehen, setzen wir dieses Zeichen unsres Glaubens und bezeugen damit, daß es einmal anders sein wird: Wir essen und trinken bereits im voraus mit unserem Bruder, vorläufig noch anonym und schweigend, in einem stilisierten und überpersönlichen Ritus, bevor wir uns mit ihm versöhnen können. Das ist keine Hypokrisie, sondern ein Bekenntnis der Schuld und ein innerliches Engagement für die Möglichkeit, daß einmal zwischen uns Friede sein wird.
Die Liturgie vermittelt uns Formen der Expressivität, während wir selbst noch oft formlos und ohne inspirative Kraft sind. Sie stellt Formen zur Verfügung, die es uns ermöglichen, mit zahlreichen, sehr entgegengesetzten Charakteren und verschiedentlich reagierenden Menschen zusammenzuleben. Durch diese Formen sind wir in der Lage, persönliche Emotionalität oder spontane individuelle Impulse so zu regulieren, daß sie allgemein durchschaubar werden.
Der Mitvollzug der Liturgie ist eine Art des Umgangs miteinander: nicht mit lautem Geschrei, mit Lachsalven. grobklotzig oder mit hohen Ansprüchen, sondern so, daß man es wagen kann, einander in die Augen zu sehen und auf das anzusprechen, was einen eigentlich beschäftigt. Es ist auch eine Art, wie man mit den gewöhnlichsten Dingen umgeht: mit der Arbeit der anderen, mit einer Melodie zum Beispiel, mit seiner eigenen Stimme, mit dem Geld in der Tasche, mit dem Essen. Ein Gottesdienst besteht darin, daß man sich in den Umgangsformen und dem Stil des Glaubens übt; man kann es auch Glaubenseinübung, Disziplin nennen. Man muß zum Beispiel den Mut zur Wiederholung aufbringen. Wer einmal eine Wirklichkeit geschaut, eine Vision, eine Zukunft unverkennbar erfahren hat, wird weiterhin nach Worten und Formen suchen, die es ihm ermöglichen, diesen ursprünglichen Augenblick wieder ein wenig aufleben zu lassen. Er wird im Gedenken verharren, Disziplin und Treue üben, damit die Erinnerung lebendig bleibe.
Liturgie ist Disziplin und Treue im Kampf gegen die Vergeßlichkeit und das Einschläfernde der langen Dauer. Ein Gottesdienst, in dem es auf Beharrlichkeit und Innerlichkeit ankommt, kann nie etwas Spektakuläres, eine Sensation, niemals populär sein. Hier wird der Versuch unternommen, sich den immer wieder vergessenen Werten zu widmen, sich in die nutzlose Weisheit einzuüben.
Liturgie ist das Wagnis, mit alten Worten umzugehen, die wir nicht selbst erdacht oder erfunden, die wir von einer unübersehbar langen und oft zweifelhaften Tradition überliefert bekommen haben, Worte zum Beispiel wie: heilig. Heiliger Geist, Gnade.
Wir haben keine Ehre,
wir haben keinen Namen,
als den Namen Jesu, des Herrn.
Wir haben keine Ehre als sein Kreuz.
Groß ist das Geheimnis des Glaubens:
Er wurde im Fleisch offenbar
und durch den Geist gerechtfertigt;
von Engeln wurde er geschaut
und den Völkern gepredigt.
in dieser Welt fand er Glauben,
in Herrlichkeit wurde er erhöht.
Sind wir mit ihm gestorben,
so werden wir auch mit ihm leben.
Wenn wir standhalten, werden wir herrschen,
leben und herrschen mit ihm.
Wer ihn verleugnet, den wird er verleugnen;
sind wir untreu, er wird treu sein,
sich selbst verleugnen kann er nicht.
Wir haben keine Ehre,
wir haben keinen Namen,
als den Namen Jesu, des Herrn.
Wir haben keine Ehre als sein Kreuz.
Dieses Lied für eine Gründonnerstagsfeier ist eine Montage von Fragmenten aus Hymnen, die Paulus bereits in seinen Briefen zitiert hat: es dürfte sich um verschlüsselte Strophen handeln, die wahrscheinlich aus den ältesten Christengemeinden stammen.
Diese dunklen Zeilen schreiben wir nicht einfach ab. sondern wir versuchen, einen Zugang zu ihnen zu finden, in sie hineinzuwachsen. Gestützt auf die Autorität der Vergangenheit, nehmen wir sie auf als Worte unseres Glaubens, nehmen sie in den Mund, saugen an ihnen, singen gleichsam ihren Sinn, ihre suggestive Kraft in uns hinein. Manchmal wird ein solch unbegreifliches Wort verständlich, allmählich wirkt es auf uns ein, ruft in uns die unermeßliche Vergangenheit wach, fordert uns zum Einverständnis. zum Widerstand oder zu beidem auf.
Es gibt alte Worte, die manchmal ganz plötzlich ihre Undurchsichtigkeit ablegen und im Licht einer neuen Interpretation durchsichtig werden. Von Jesus von Nazareth, der Bild und Sohn Gottes, Gott-für-uns genannt wird, heißt es in mythischen Ausdrücken, die sich aber nie entmythologisieren lassen, er sei vom Himmel herabgestiegen und Mensch geworden. Wer dieses Stammeln als einen Versuch versteht, die Selbstlosigkeit und die Demut Gottes auszudrücken, und wer je erfahren und gesehen hat, daß Menschen manchmal aus ihrem Himmel herabsteigen, um für andere ein Mensch zu werden, der ist vielleicht imstande, diese Worte mitzuringen.
Es gibt auch Worte, die ihre Härte und ihr Geheimnis niemals preisgeben, sie sind wie dunkle erratische Blöcke, unerklärliche Fragmente des Glaubensverständnisses, zum Beispiel, daß Christus empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, oder auch dieser Teil einer Hymne auf den Tod und das Leben:
Wacht auf, ihr Schläfer,
steht auf aus dem Tod,
und Christus wird euch erleuchten.
Eph 5, 4
Im Raum der Liturgie werden solche Aussagen senkrecht aufgerichtet und ohne Konzessionen so ausgesprochen, wie sie bewahrt und auf uns gekommen sind. Wer sie schluckt, schluckt Feuer. Wer sie nicht schlucken will, halte den Mund zu. Auch das ist eine Möglichkeit.
Der biblische Bericht über einen Gott, der sich nach Menschen sehnt, der ganze Vorgang, wie dadurch alles im Menschen und auch in Gott selber aufgerüttelt wurde, diese Botschaft, die uns in der Liturgie weitererzählt wird, ist eine befremdende Geschichte. Sie ist erschütternd und verfremdend wie jedes Wort, in dem ein Mensch sich selbst geoffenbart wird. Vielleicht müssen wir uns selbst und unsere gewöhnlichen, alltäglichen Worte hinter uns lassen, damit wir diesen Bericht als unsere eigene Geschichte zu verstehen vermögen.
Darüber hinaus ist diese Botschaft auch noch in einem Idiom geschrieben und überliefert, das nicht unsere Sprache, nicht europäisch, nicht germanisch ist und nicht dem zwanzigsten Jahrhundert entspricht. Die Sprache der Bibel wird nie unsere Muttersprache werden. Immer werden wir wie Fremde weiterhin zwischen den Redewendungen, Bildern und Ausdrucksweisen Israels umherirren. Obgleich heute die Königswürde kaum mehr ist als ein zusammengeschrumpftes Symbol, singen wir doch Psalmen, in denen wir Gott unseren König nennen. Wir werden also aufgefordert, dieses absolut unaustauschbare Wort zu verstehen und seine ursprüngliche, in Israel gewachsene Bedeutung als etwas Lebendiges nachzuvollziehen. Und während der Hirt mit seiner Herde in unseren Gegenden eine Rarität geworden ist, singen wir im 23. Psalm: Mein Hirt ist der Herr.
Sich an der Liturgie beteiligen bedeutet, daß wir im Besitz der Geschichte Israels sind, daß der Name Gottes uns auf dem Weg über Israel zur Verfügung gestellt wurde, daß dies alles nun einmal diesen Verlauf genommen hat.
„Poesie ist nach hinten hören und nach vorne blicken“, sagt der Dichter Remco Campert. Auf diese Weise könnte man auch die Liturgie umschreiben. In alten Worten werden uns Zukunftsvisionen überliefert, Träume vom „ewigen Leben“ und vom Licht: ein Blinder kann plötzlich wieder sehen und wird neu geboren, ein Mensch wird wirklich zu einem Menschen, ein Gott ruft: „Licht“, und das Licht war da. „Das Meer gab die Toten zurück, die in ihm sind. Der Tod und die Unterwelt gaben die Toten zurück“, so lesen wir in der apokalyptischen Zukunftsvision des Johannes.
In unserer Welt summt und wimmelt es von Schreck- und Trugbildern, besonders von Angstträumen, in denen die schicksalhaften Tendenzen und dunklen Mächte, die jetzt schon unserere Existenz bestimmen (Automation, Verstädterung, Wettrüsten), weiter um sich greifen und bis ins Absurde radikalisiert werden: Orwells 1984, Huxleys Brave New World, das Jahr zweitausend.
Die Zukunft stelle ich mir vor:
angefertigt aus rostfreiem Stahl,
sagt der amerikanisch-holländische Dichter Leo Vroman, und was die Liebe betrifft:
Wer träumt von dumpfer Hütte,
bekommt unter Glocke aus Glas
geruchloses, leichtes Mahl.
Man stöhnt nie mehr: ach hilf mir,
verblutet niemals mehr ganz
und stirbt nie mehr vollends.
Es lassen sich eigentlich nur wenige Dichter, Romanschriftsteller und Philosophen der letzten fünfundzwanzig Jahre aufzählen, die von der Zukunft etwas Besseres erwarten. Einige gibt es, die in den Fußspuren Teilhard de Chardins einen weit entfernten Punkt Omega glänzen sehen; nur ist dieser Punkt so weit weg, so wenig konkret und vorstellbar, daß er kaum Anziehungskraft ausübt. Die Mehrzahl beschreibt eine Menschheit, die mit intelligenten Händen und kurzsichtigen Augen damit beschäftigt ist, ihren eigenen Untergang zu planen: es wird eine Zukunft angestrebt, die sich wider den Menschen und auf seine Kosten anbahnt. Jean-Luc Godard entwarf Alphaville und Isaak Asimov seine Science- Fiction-Städte: Höhlen aus Stahl, tief in den Erdboden eingegraben, schwebende Phantasieplaneten, auf denen die Menschen sehr alt werden, gesund bleiben und einsam sind und Angst haben vor der Haut und dem Körpergeruch der anderen.
Niemand kann die kollektive Angst messen, die unbenennbare Ahnung des unentrinnbaren Schicksals, das unsere Welt neurotisiert. Aber an einigen Orten, in einem „Zelt der Zusammenkunft“, versuchen Menschen, sich gegenseitig mit anderen Visionen zu bereichern und diese zum Leben zu erwecken und verständlich zu machen.
Sie sehen eine Stadt des Friedens, die vom Himmel herabsteigt, und in ihrer Mitte steht der Baum des Lebens: keinen Fluch wird es dort mehr geben und keine Nacht; der lebendige Gott wird sie erleuchten; es ist ein Garten da, in dem sich die Menschen aufhalten — keine Höhlenbewohner mit einer Haut aus Glas — sondern Mann und Frau, die den Lebensodem atmen und einen Mund haben, der Namen ausspricht. Offene Menschen sind es, ohne Maske, die sich voreinander nicht schämen.
In diesen Tagen, sagte Jesus,
werden Zeichen sein
an Sonne, Mond und Sternen,
und auf Erden
werden die Völker in Panik geraten
wegen des tosenden Meeres,
und die Kräfte des Himmels
werden erschüttert werden.
Dann werden sie den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken,
mit großer Macht und Herrlichkeit.
Wenn dies alles beginnt,
erhebt euch dann,
denn eure Erlösung ist nahe.
Ein Universum wird umgestülpt und erschüttert: die Sternbilder, die Leuchtspuren, nach denen sich die umherirrende Menschheit wie nach einem sicheren Kompaß richtet, verlieren ihren Halt. Es ist eine Unheilsvision. Aber inmitten dieser zerrütteten Ordnung erscheint als neuer Orientierungspunkt der Menschensohn, wie ein Morgenstern, bei dessen Aufleuchten alle vertrauten Sterne und Sicherheiten verblassen. Unser Schicksal, unsere Zukunft steht nicht länger in den Sternen geschrieben, sondern im Menschensohn, in seinem „verklärten Leib“. Wir lesen, was wir zu erwarten haben und wer uns erwartet. Im Licht der Vision der Hoffnung, die uns als Evangelium überliefert wurde, gibt es im ganzen Kosmos keine andere Wahrheit, nach der wir uns richten können, als die Menschlichkeit und die menschliche Gestalt Jesu von Nazareth. Wir haben keinen anderen zu erwarten.
In der Liturgie wird uns diese Zukunft verkündet, diese Hoffnung zugespielt. Wir greifen dem vor, was noch nicht da ist, wir spielen uns ein auf den kommenden Menschen, spielen mit der Hoffnung und dem Gedanken, daß es so sein werde. Ein solches Spiel ist die Liturgie, als Zeichen und Zeugnis dieser Hoffnung, die wirklicher ist als die Wirklichkeit. Die Liturgie hat die Aufgabe, diese Vision der Zukunft wachzurufen und offenzuhalten, auf die alle — die sich in Wissenschaft. Politik, Kunst und wo immer für diese Welt einsetzen — ihre Augen richten und die von allen angestrebt wird. Sie tut aber mehr: sie treibt ihr Spiel auch im Innern jedes Menschen, sie verkündet den Weg, den jeder für sich zu gehen hat. den Weg des Friedens und der Abrüstung, den Weg der Menschwerdung. Der Weg Israels, den zum Beispiel der 139. Psalm besingt, wird der Weg der Väter, der ewige Weg genannt. Der Weg Jesu von Nazareth, der uns weiterführt in die Ferne des unzugänglichen Lichts.
Aus dem Niederländischen übertragen von Nikolaus Greitemann und Peter Pawlowsky.
Quelle Huub Oosterhuis, Im Vorübergehen, Wien-Freiburg-Basel: Herder, 1969, S. 137-168.