Der große Dispens. Predigt zu Philipper 4,5-6 (1957)
Von Karl Barth
Phil. 4,5-6: „Der Herr ist nahe. Sorget euch um nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden“.
Gebet vor der Predigt: Herr unser Gott! Du hast dich erniedrigt, um uns zu erhöhen. Du wurdest arm, damit wir reich würden. Du kamst zu uns, damit wir zu dir kämen. Du wurdest ein Mensch wie wir, um uns aufzunehmen in die Teilnahme an deinem ewigen Leben. Das Alles aus deiner freien, unverdienten Gnade. Das Alles in deinem lieben Sohn, unserem Herm und Heiland Jesus Christus.
Wir sind hier versammelt, um angesichts dieses Geheimnisses und Wunders dich anzubeten, dich zu loben, dein Wort zu verkündigen und zu vernehmen. Wir wissen aber, dass wir zu solchem Tun keine Macht haben, es sei denn, dass du selbst uns frei machst »unsere Herzen und Gedanken zu dir zu erheben. So bitten wir dich: Tritt du jetzt in unsere Mitte! Zeige und Öffne uns durch deinen Heiligen Geist den Weg zu dir, damit wir dein Licht, das in die Welt gekommen ist, mit eigenen Augen sehen, um dann auch in der Tat unseres Lebens deine Zeugen zu werden!
Unser Vater ….
Liebe Kommilitonen, liebe Kollegen, liebe Gemeinde!
Mir hat ein guter Freund in Holland vor einer Woche geschrieben, er wünsche mir in der Weihnachtszeit möglichst viel Feier und möglichst wenig Feierlichkeit. Das hat mir gut gefallen. – Ich möchte aber jetzt keine Minute verlieren, irgendwie ein böses oder auch nur kritisches Wort zu sagen zu all den kirchlichen und weltlichen, öffentlichen und familiären Weihnachtsfeierlichkeiten, an die wir denken könnten. Was an ihnen fragwürdig ist, das ist uns Allen gut genug bekannt. Eines aber ist sicher: Weihnacht ist eine Sache des Feierns und nicht der Feierlichkeit.
Feiern! Wenn wir das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung nehmen, wie sie noch in dem schönen Wort „Feierabend“ anklingt, meint: Urlaub, Ferien, auf hören dürfen mit allem Betrieb und allem Getriebe, mit allem Geläufe, Getue und Krampf, zur Ruhe kommen dürfen. In diesem Sinn sollen, dürfen, wollen wir Weihnacht feiern. Wobei wir uns gleich merken wollen: Feiern der Weihnacht kann kein bloss vorübergehendes Geschehen sein, wie es alle Feierabende sind. Weihnacht feiern, das ist ein Geschehen, das hineingeht in unsere Herzen, in uns selbst, in unser Leben, um von uns Besitz zu ergreifen, um zu bleiben, das kein Aufhören kennt, das ein Aufatmen bedeutet, das nicht abgelöst wird von einem Keuchen, eine Befreiung vom Getriebe, die durchhält.
Dieses „Feiern“ meint dasselbe, was wir vorhin von Paulus hörten: dass wir uns um nichts sorgen sollen! Liebe Freunde, das ist die Ankündigung des grossen Weihnachtsurlaubs, der dauernden und gänzlichen Weihnachtsferien. Wir sollen uns um nichts sorgen? Ach, das Wort „sollen“ ist nicht gut: nein, wir dürfen es uns leisten, uns nicht zu sorgen, um nichts zu sorgen. Wir dürfen diesen Dispens annehmen und von diesem Dispens Gebrauch machen. Das heisst: Weihnacht feiern: Sorget euch um nichts!
Sorgen: das heisst sich selber so ernst nehmen, dass man meint, die grossen ernsten Fragen des Lebens selber beantworten und lösen können. Die grosse Schwere des Lebens und alle die kleinen Lasten wie Atlas auf uns nehmen und selber manipulieren, meistern, wegschaffen zu müssen und zu sollen. Wir merken schon: Sorgen hat viel mit Feierlichkeit zu tun. Wenn man sich sorgt, dann wird man feierlich und wo es feierlich zugeht, da ist gewöhnlich ein Sorgen im Hintergrund.
Lasten und Fragen unseres Lebens, ja, die gibt es. Wir würden Alle so gern glücklich sein, wahrscheinlich darum, weil wir Alle irgendwie unglücklich sind. Das ist eine Frage unseres Lebens! Eine andere ist die: Was ist meine und was ist deine Lebensaufgabe? werden wir ihr gerecht? Oder: Was mache ich für eine Figur in meiner Umgebung, komme ich auch zur Geltung, empfange ich von meinen Mitmenschen, was mir gebührt? Oder: Wie mache ich es nur mit dem oder jenem Mitmenschen, wie kann ich ihn aushalten und wie kann ich ihm etwa auch helfen? Oder: Was ist es überhaupt mit dem Menschsein? Kann man es ertragen, hat es einen Sinn, ein Mensch zu sein? Eine sehr ernste Frage und wem sie noch nie zur Frage wurde, der gehe zu Sartre oder Camus und lerne dort, diese Frage ernst zu nehmen! Und endlich: Wie steht es mit des Menschen ewigem Heil oder auch Unheil?
Und nun hören wir zu allen diesen Fragen, bis und mit der letzten: Sorget euch um nichts! – Das ist der grosse Dispens. Das besagt nicht, dass diese Fragen nicht schwere und echte Fragen wären. Es besagt aber: Du bist entlassen aus dem Zwang, in allen diesen Fragen von dir aus antworten und disponieren zu wollen. Es ist gar nicht deine Sache, dir selber das Glück zu verschaffen und es ist gar nicht deine Sache, dir selber eine Lebensaufgabe zu stellen und noch weniger, zu entscheiden, ob du ihr gerecht werdest oder nicht! Lass das! Und höre auch auf, dir Gedanken zu machen über die Grenzen deiner Arbeit und über ihre Güte. Weiter: mit deinem Mitmenschen sollst du gar nicht ’’fertig” werden, weder mit dem, was an ihm auszusetzen, noch mit dem, was für ihn zu sagen ist! Und endlich: ob das Menschsein einen Sinn hat, das auszumachen ist nicht deine Sache und dein ewiges Heil und Unheil zu erlangen, steht erst recht nicht in deinen Händen!
Sorget euch um nichts! Das heisst: Feierabend haben, Aufhören und Aufatmen dürfen, endlich zur Ruhe kommen, endlich und endgültig Ferien haben!
Du fragst vielleicht: Was hat das Alles mit der Weihnacht zu tun? Mit der Feier der Weihnacht? Liebe Freunde, sehr viel, geradezu Alles! Denn wenn dieses Feiern wirklich dieses „um Wichts Sorgen“ ist, wenn es also echtes, wirkliches Feiern ist, dann ist es genau das Feiern, das uns durch die Botschaft des Wortes erlaubt und geboten ist. Wäre das nicht das Feiern der Weihnacht, dann könnte es eine ganz üble Sache sein: Sache einer törichten und böswilligen Blindheit für den Ernst und für die Schwere des Lebens, Sache eines willkürlichen und sträflichen Leichtsinns, existentieller Schabernack, oder auch Sache einer müden, unverantwortlichen Skepsis. Gott behüte uns vor solchem ’’Feiern“, das nur eine andere Form eigenmächtigen Sorgens ist! Wir sind auch davon dispensiert!
Die Einladung zum rechten Feiern, das mit Sorgen nichts zu tun hat, kommt damit und davon, dass der Herr nahe ist. Der Herr, dessen Geburt die Engel den Hirten von Bethlehem anzeigten: „welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids“! Der Herr, dessen Stern nicht nur tausendmal, sondern unendlich wichtiger ist als der geglückte russische und als der verunglückte amerikanische Sputnik – der Herr des Himmels und der Erde, der ewige Gott dem es nicht zu viel und nicht zu gering war, der Unsrige zu werden, damit wir die Seinigen würden. Der Herr, der in seinem Leben und Sterben als Mensch wie wir die Welt geliebt und mit sich selbst versöhnt hat. Der Herr, der alle unsere Fragen und alle unsere Lasten auf sich genommen, weggetragen hat, damit wir durch und mit und in ihm leben dürfen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen, denen Gott sein unendliches freies Wohlgefallen zugewendet hat!
Dieser Herr ist nahe. Nicht irgend eine der Tröstungen der Religionen ist uns nahe, sie sind wahrlich noch einmal ein Zeichen davon, dass der Mensch sich nicht selber trösten kann. Und auch nicht die Kirche mit ihrer alten oder neuen Lehre und Theologie oder auch mit ihren Ordnungen und Einrichtungen, mit ihren Traditionen ist uns als solche nahe. Sie hat nicht als Zeuge von sich selber, sondern nur als Zeuge von dem Herrn Wert, von dem Herm, der nicht tot sondern lebendig ist, der nicht gegangen oder vergangen ist, sondern der kommt, und zwar jetzt kommt und nicht nur zu Anderen, sondern zu dir und mir: „Siehe, Ich stehe vor der Tür und klopfe an!“
Dass dieser Herr nahe ist, das ist das Geheimnis des grossen Dispenses. Wie der Frühlingssturm Eis und Schnee auftaut oder wie das Feuer den Holzstoss in Flammen setzt, so macht das allen unseren Sorgen ein Ende, so fegt es sie alle fort. Wir brauchen nicht zu sorgen, weil für uns gesorgt ist, weil wir rechtmässig davon befreit sind, weil es Unrecht wäre, wenn wir dennoch sorgen wollten.
Ihr fragt mich: Aber was bleibt uns, wenn wir uns nicht sorgen? Da regt sich eine andersartige Sorge, nämlich ein stolzer trotziger Widerstand, still und doch sehr heftig, als wäre das Beste und Heiligste im Menschen verletzt. Wir sind merkwürdige Gesellen. Wir reden von unseren Sorgen, wir leiden an ihnen, aber wenn der Dispens laut wird, wenn das Wort ertönt: Sorget nicht! dann wird es offenbar, dass wir unsere Sorgen (und in ihnen uns selber) hochhalten und schätzen, ja lieben und pflegen. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal von einer alten Freundin angerufen wurde und sie mir ihr Leid klagte – sie hat viel gelitten an Asthma und an Schwermut – und ich sie damit zu trösten versuchte, dass ich ihr ein altes Kinderverslein aufsagte: „Der lieb Gott het recht an mi denkt / Und het mer hit vyl Fraide gschenkt / Er b’hietet und segnet mi: s’isch hitte luschtig gsi“, da fuhr sie heftig auf: „Nai, der lieb Gott hett nit an mi denkt, nai, s’isch hitte nit luschtig gsi!“ – Ihre Sorge war ihr zu lieb, als dass sie sie hätte hergeben können (es kann freilich auch sein, dass ich nicht das rechte Wort des Trostes für sie gefunden habe).
Aber könnte nicht auch etwas Richtiges und Wichtiges in diesem Widerstand gegen das Nicht-Sorgen sein? Nehmen wir einmal an, wir würden uns den grossen Dispens gefallen lassen? Was dann? Wo doch die Schatten der Fragen und Lasten, die unser Herr auf sich genommen hat, auch wenn die Sorge um sie geschmolzen und verbrannt sein sollte wie jener Holzstoss, noch da sind? Sind wir verurteilt, die Hände in den Schoss zu legen und nichts zu tun? Könnten wir so unser Leben aushalten, wäre das ein ehrliches, ein menschenwürdiges Leben? Müsste es nicht neue Sorge bedeuten, in dieser Haltung zu verharren?
Nein, darum kann es freilich nicht gehen. Durch die Nähe des Herrn durch die die Türe zum Sorgen verschlossen wird, wird unerwartet eine andere Türe aufgetan, wird uns ein neuer Boden unter die Füsse gelegt, auf dem wir Besseres tun dürfen und tun sollen als Sorgen. Paulus beschreibt dieses „Bessere“ mit den Worten: …. sondern in allen Dingen lasset eure Bitten …. vor Gott kund werden. Das ist das Weihnachtliche, was wir als die durch den Herm schon Erretteten und Befreiten, als die aus der Sorge Entlassenen tun können, dürfen und sollen. Das ist die aufgeschlossene Türe zum schönen Paradeis, von der wir soeben gesungen haben. Nicht, dass Gott es nötig hätte, sich von uns erzählen zu lassen, was uns als Schatten quält – wohl aber, dass wir es wie Kinder vor ihn bringen dürfen, um mit ihm über Alles zu reden, was uns betrifft, das Grosse und das Kleine, die wichtigen und die unwichtigen, die klugen und die dummen Dinge: in allen Dingen lasset eure Bitten vor Gott kund werden. Wir dürfen ihm sagen, wie schwer uns Alles fällt, wie rätselhaft uns die Dinge und die Menschen immer wieder vorkommen, was wir vor allem uns selbst vorzuwerfen haben und wie wenig wir mit den Anderen zu Rande kommen. Wir dürfen es kundtun: im Gebet und das heisst in grosser und aufrichtiger Demut, im Flehen und das heisst in grosser kindlicher Dringlichkeit und Zutraulichkeit und mit Danksagung, das heisst dankbar dafür, dass es so ist und dass wir das wissen dürfen: dass durch unseren Herm im Grunde Alles schon in Ordnung gebracht ist. Und dankbar dafür, dass wir so vor ihn treten dürfen, und das Alles miteinander als unser Bitten, dass sein Angesicht auch inmitten der uns noch umgebenden Schatten nicht auf höre uns zu leuchten und wir nicht müde werden in der Hoffnung auf deren Zerreissen, auf die Beseitigung der Nebel und Schleier, die uns jetzt noch plagen. – Das ist das bessere Tun, zu dem wir an Stelle des Sorgens, von dem wir dispensiert sind, uns auf machen dürfen.
Also doch nur Beten? Ja, nur beten! Hast du es etwa schon versucht, nicht aus Gewohnheit, sondern weil der Herr nahe ist und weil du es als sein Bruder, als seine Schwester, als Gottes Kind wagen darfst und wagen sollst, bittend und flehend im Gebet Alles vor Gott zu bringen. Wer das versucht und getan hat, der weiss, dass solches Beten, nur Beten, auch stille rüstige, stetige Arbeit einschliesst. Der hat keine Sorge, dass Beten zu wenig sein könnte, der tut vielmehr gerade, indem er betet, auch in seinem Leben, Denken, Reden und Tun die seinem Beten entsprechenden Schritte: kleine, anspruchslose, unscheinbare, aber bestimmte Schritte u. zw. in aller Bedrängnis muntere, ja lustige Schritte, mit denen er wohl auch, ganz ohne es zu wollen, ohne es voraus zu sehen und zu wollen, ein wenig Licht für Andere in dieser dunklen Welt sein und verbreiten darf.
Lasset uns in diesem Sinn fröhliche Weihnacht feiern! Wir sollen und dürfen, wir können es aber auch, wir haben allen Anlass dazu: Der Herr ist nahe! Warum also sollten wir nicht fröhlich feiern?
Gebet nach der Predigt.
Lieber Vater durch Jesus Christus, unsern Herrn! Mach du gut, was wir Menschen nicht gut machen – auch diesen Gottesdienst in seiner ganzen Unvollkommenheit – auch die vielen weiteren Weihnachtsfeiern, denen wir nun mit Verstand und Unverstand entgegen gehen. Du kannst ja Wasser aus Felsen fliessen lassen, Wasser in Wein verwandeln und dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken – Alles in der grossen, unbegreiflichen Treue, die du deinem Volk geschworen und wieder und wieder gehalten hast. Wir danken dir, dass sie uns im Evangelium leuchtet und dass wir uns unter allen Umständen an sie halten dürfen. Erlaube es uns nicht, uns ihr gegenüber zu verhärten! Erwecke uns immer wieder aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit und aus den bösen Träumen unserer frommen und unfrommen Leidenschaften und Begierden! Werde es nicht müde, uns immer wieder auf deine Wege zurückzuführen!
Wehre du dem Narrenwerk des kalten Krieges und der gegenseitigen Bedrohung, mit dem die Völkerwelt sich heute in so furchtbare Gefahr begibt. Gib du den Regierungen und denen, die für die öffentliche Meinung verantwortlich sind, die neue Weisheit, Geduld und Entschlossenheit, deren es heute bedürfte, um auf deiner guten Erde Allen ihr Recht zu verschaffen und zu erhalten! Wir bitten dich, dass, was in unserer Stadt, in unserer Kirche, in unserer Universität, in unseren Schulen gearbeitet wird, nicht ohne dein Licht und dann auch nicht ohne deinen Segen zum wahren Wohl der Menschen und zu deiner Ehre geschehen möge. Wir bitten dich vor allem für die Vielen, denen es schwer fallen muss, sich jetzt der Weihnacht zu freuen: für die bekannten und unbekannten Armen, für die in Einsamkeit Alternden, für die Kranken und die Geisteskranken, für die Gefangenen: dass es trotz Allem auch für sie ein wenig hell werde! Dir anbefehlen wir schliesslich unsere Angehörigen in der Nähe und in der Feme und dann uns Alle: dass du deine Hand gnädig über unserem Lebenslauf und einst über unserem Ende halten mögest.
Herr, erbarme dich unser! Dein Name sei gelobt: jetzt und in Ewigkeit! Amen.
Predigt gehalten im akademischen Weihnachtsgottesdienst am 20. Dezember 1957 in Basel.
Quelle: KBA 797.