Johann Christoph Blumhardt über die Hoffnung des Heiligen Geistes: „Es hat mir auch in den besten Erbauungsbüchern, die ich las, und immerhin hochschätzte, etwas gefehlt von dem, was ich in der Schrift fand. Namentlich die Wirklichkeit nach den Worten konnte ich bei unseren Christen nur gar wenig finden, wenn auch die Worte an die Schriftworte angelehnt waren. Schon in meiner Kindheit daher hatte ich eine Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Etwas, das ich nur in der Schrift fand, und sonst nirgends, und worin ich mir die eigentliche Gotteskraft verborgen dachte. Es war mir das etwas Anderes, als die Lehre oder die Glaubensartikel, die ich nach der Schrift als richtig, der Form und dem Gedanken nach, erkennen musste. Den Heiland haben, in mir fühlen, den Geist haben und in mir zeugen hören, wie das sei, das hätte ich so gerne bei mir gefunden.“

Die Hoffnung des Heiligen Geistes (1877)

Von Johann Christoph Blumhardt

Frage.In Ihren Blättern sprechen Sie öfters mit freudiger Gewissheit davon, dass bald die Wirkungen des Heiligen Geistes aufs Neue sich offenbaren würden. In einem Kreise von Freunden, die Ihre Blätter mit großem Interesse lesen, war eine verschiedene Ansicht darüber, wie Sie sich diese Offenbarung denken möchten, ob als eine neue Ausgießung oder als eine verstärkte Wirkung desselben. Die Einen waren der Meinung, Sie erwarteten eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Andern, besonders ein Theologe, hielten’s für unmöglich, dass Ihre Worte darüber so zu fassen seien, da Gott nicht zweimal dasselbe tun könne. Der Geist, einmal gegeben nach Seiner Gnade, wirke ewig fort mit und in Seinen Gaben; aber wohl könne und werde eine Zeit kommen, in der Er wirksamer mit und in denselben erscheine, weil die Menschheit sich Seinem Einfluss hingebe, ihn erbitte in Erkenntnis ihres Elends, und dann auch erhalte. Denn Er sei nie aus der Menschheit gewichen, wohl aber von Vielen nicht angenommen, noch erfleht worden. — Da in dieser wichtigen Sache Viele in Unklarheit sind, möchte ich Sie, lieber Herr Pfarrer, hiermit freundlichst ersucht haben, uns Ihre Meinung hierüber mitteilen zu wollen in Ihren Blättern.

Antwort. Obiger Brief hat mich gefreut, weil er mich erkennen lässt, dass in einem Freundeskreise, ohne Streit und Zank, nur mit einsamer Darlegung verschiedener Ansichten, über die von mir ausgesprochenen Hoffnungen, bezüglich einer Erneuerung der Christenheit durch den Heil. Geist, gesprochen wurde. Recht herzlich grüße und segne ich die Freunde, schon darum, weil ihnen die Hoffnung wichtig ist, und so sehr, dass sie um nähere Auskunft zu bitten sich gedrungen fühlen. Viel weiter kann ich vor der Hand von christlichen Freunden nicht verlangen, als dass sie die von mir ausgesprochenen Gedanken wichtig nehmen, sich für dieselben interessieren, über sie nachdenken, und dann wohl auch bittend in dieser Sache vor den Thron Gottes treten möchten. Verschiedenheit der Ansichten lasse ich mir gerne gefallen, namentlich über die Art, wie die Hoffnungen sich möchten erfüllen, und über das Maß und den Umfang dessen, was gehofft wird, ob man zu einer Hoffnung auf wenig oder viel sich emporschwingen kann, wenn man nur hofft, wenn nur die Augen wieder nach Gaben von oben gerichtet werden, und die Herzen nach einem sich öffnenden Himmel sehen, damit von da herniederkomme, was die Christenheit und Menschheit aufrichten kann. Ich selbst will niemandem etwas Bestimmtes aufzwingen. Ich habe auch in mir so viel Liebe zu allen, namentlich wenn sie etwas von Liebe zum Heiland sehen lassen, dass ich bei ihnen mit nichts anstoßen möchte, wenn ich Ungewöhnliches sage. Ich sage es, meinem Willen nach, immer so, dass ich mit allen im Geist verbunden bleiben kann, ob sie mich annehmen oder nicht, weil ich, durch meine Schuld geschieden von den Brüdern, lieber nimmer leben möchte. Auch, was ich jetzt schreibe, soll so gemeint sein, dass jedem die Freiheit bleibe, davon anzunehmen, was ihm beliebt, ohne dass mein Verhältnis zu ihm eine Änderung erleidet, wenn nur sein Herz warm schlägt für Jesum Christum, den Weltheiland.

Meine Bekanntschaft mit der heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, zu der ich schon vom 4. und 5. Jahre meines Lebens an, durch fleißiges und unausgesetztes Lesen der Schrift, Grund gelegt habe, hat mich von frühester Kindheit an innerlich nachdenklich, auch stutzig gemacht, ohne dass ich mich darüber äußerte (Letzteres ist eigentlich erst geschehen, nachdem ich als Pfarrer bereits eigentümliche Erfahrungen gemacht hatte), dass eben bei den Gläubigen der Schrift sich so Vieles ganz anders ansieht, als bei unseren Gläubigen. Wie viel namentlich sagt der Herr, und sagen die Apostel von dem Heiligen Geiste; und alles, was sie sagen, kann ich bei uns nicht so finden, wie sie es sagen. Gaben vollends, wie sie die ersten Christen durch den Heil. Geist gehabt haben, sind ja ohnehin nirgends zu sehen. Es hat mir auch in den besten Erbauungsbüchern, die ich las, und immerhin hochschätzte, etwas gefehlt von dem, was ich in der Schrift fand. Namentlich die Wirklichkeit nach den Worten konnte ich bei unseren Christen nur gar wenig finden, wenn auch die Worte an die Schriftworte angelehnt waren. Schon in meiner Kindheit daher hatte ich eine Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Etwas, das ich nur in der Schrift fand, und sonst nirgends, und worin ich mir die eigentliche Gotteskraft verborgen dachte. Es war mir das etwas Anderes, als die Lehre oder die Glaubensartikel, die ich nach der Schrift als richtig, der Form und dem Gedanken nach, erkennen musste. Den Heiland haben, in mir fühlen, den Geist haben und in mir zeugen hören, wie das sei, das hätte ich so gerne bei mir gefunden. Wenn ich auch etwas fühlte, so war’s doch so schwach und unsicher, dass es mich nicht recht befriedigte, zumal ich hierin an Anderen mich auch nicht aufrichten konnte. Das Bewusstsein von einer Armut, wie sie nach den Zeugnissen Christi und der Apostel nicht sein sollte, hat mich oft, auch wenn ich mich in einer Andacht fühlte, recht wehmütig gestimmt, besonders weil die besten Empfindungen immer wieder durch kleine Umstände schnell weggewischt werden konnten. Unter all dem aber war es mir nicht gerade um mich zu tun; denn ich musste mir denken, jedermann werde den gleichen Mangel fühlen.

In Möttlingen nun, Oberamts Calw, wo ich 14 Jahre lang, von 1838 bis 1852, Pfarrer war, bekam ich Gelegenheit, etwas Mehreres zu erfahren; und zwar in der Art, dass mich’s an jenes in der Schrift erinnerte, das mir immer gefehlt hatte, und das ich auch in keinem Buch sonst finden konnte, da ich auch wieder Seltsamem, Mysteriösem, Mystischem, das über den klaren Gedanken hinausgeht, immer feind war, wenigstens keinen Geschmack abgewinnen konnte. Ich hatte nämlich einen langen Glaubenskampf für eine Gebundene, die gelöst werden musste, wie es nun dem Seelsorger, an den sie sich hielt, gelingen mochte. Unter diesem Kampfe wurde ich, ohne zurücktreten zu können, immer tiefer in unerhörte Greuel der Finsternis hineingeführt, darunter ich — ich kann es nicht anders ausdrücken — gleichsam handgemein wurde mit persönlichen Kräften der Finsternis, aber auch in der Stille einer höheren Unterstützung und einer besonderen Gemeinschaft mit dem Herrn mir bewusst wurde. Der Kampf war nicht umsonst und führte zu einem endlichen Siege, der sich hauptsächlich darin offenbarte, dass nicht nur jene Person, sondern meine ganze Gemeinde, wie von Banden der Finsternis gelöst erschien, und heilshungrig zu mir kam, ganz unaufgefordert mir ihre Sünden alle aufzudecken, um durch eine Art Absolution Vergebung der Sünden zu empfangen. Da empfand ich etwas von der Herrlichkeit des Worts an den Herzen der Sünder, und, wie mir erst später bewusst wurde, gewissermaßen einen Anfang von dem, was ich in neuester Zeit immer stärker, lebendiger und zuversichtlicher für die ganze Menschheit — dass ich’s gleich heraussage — hoffe. Als ich einmal in einer Versammlung klar vor Augen sah, was der Herr an der Gemeinde getan hatte, bekam ich plötzlich ein Wehgefühl über den Gedanken, dass auch diese Gnadenheimsuchung etwas Vorübergehendes, wenigstens später wieder Verschwindendes, sein werde, wenn nicht — zum ersten Male brauchte ich dieses Wort — eine neue Ausgießung des Heil. Geistes käme. Von da an ist’s mein Einziges, um diese, oder wie es nun nach dem Rat des Herrn werden sollte, zu bitten. Einstweilen trat auch Vieles von dem ersten Feuer zurück; und auch ich musste unter viel Schwachheit mir durchhelfen. Nur von einer gewissen Gabe für Kranke ist mir etwas geblieben, das auch in 34 Jahren sich nicht nur nicht verloren, sondern neuestens auffallend wieder vermehrt hat. Weil ich aber so ein Weniges von dem bekommen hatte, was der Christenheit abhandengekommen ist, wuchs meine Sehnsucht nach der Rückkehr des Verlorenen. Dass ich hoffen dürfe, wurde mir immer deutlicher durch die Schrift und durch die Propheten; und je mehr in jetziger Zeit alles, was zum Christentum gehört, im Großen zu verfallen scheint, je mehr auch die Verderbnisse einen Grad erreicht haben, über den hinaus sie kaum ärger werden können, desto gewisser wird mir auch ein Bald meiner Hoffnung, und je älter ich, nun 72-jährig, werde, desto mehr.

Quelle: Blätter aus Bad Boll für seine Freunde, Jahrgang 5, Nr. 5, 27. Januar 1877, S. 38-40.

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