Karl Adolf Gross, Komm wieder, liebe Bibel (geschrieben 1943 im KZ Dachau): „Ach, sieh auf uns herunter, / Hilf, Gott, tu deine Wunder, / Zerreiss die Wolkenwand! / Ja, fahre selbst hernieder, / Zeig dich den deinen wieder, / Beweise deine starke Hand! // Du lenkst der Fürsten Herzen, / Lässt nimmer mit dir scherzen / Bei deinem hohen Fluch! / Entwinde ihren Fäusten, / Den gierigen und dreisten, / Den Raub, dein teures Bibelbuch! // So wollen wir dir danken / Mit Treue ohne Wanken / Im Dienst ohn‘ Ziel und Zeit. / O komm, du liebe Bibel / Der Gottesweisheit Fibel, / Du Strahl aus lichter Ewigkeit!“

Komm wieder, liebe Bibel

Von Karl Adolf Gross

Komm wieder, liebe Bibel
Der Gottesweisheit Fibel,
Strahl aus der Ewigkeit!
O kommt, ihr heil’gen Blätter,
Zeugt mir von unserm Retter,
Wie seid ihr doch so weit, so weit!

Wie muß ich euch entbehren,
Ihr wonniglichen Lehren
Aus unsres Königs Mund!
Es schwinden Tag und Jahre,
Allein das wunderbare Buch
bleibt mir ferne Stund um Stund.

Ich möchte wieder lesen,
Wie es dereinst gewesen,
Da Er zur Erde kam.
Die Worte will ich wissen,
Nicht eines darf ich missen
Von allem, was Er auf sich nahm.

O möchten zu mir treten
Apostel und Propheten,
Des Königs Boten; sie
Des Evangeliums Künder,
Der Hölle Überwinder –
O Chor voll reiner Harmonie!

Denn wie am fernen Orte
Der Sohn die Mutterworte
Im Briefe bebend liest;
Die Silben will er küssen,
Die Buchstaben, sie müssen
Die Liebe steigern, die genießt.

So möcht ich wohl mit Tränen
Des Danks und heißem Sehnen
Öffnen das Bibelwort, –
Dem Klang der Offenbarung
Zur innersten Bewahrung
Auf Knien lauschen fort und fort.

Wann naht sich mir die Stunde,
Da mir die Himmelskunde
Wird wieder aufgetan?
Du Banner der Befreiung,
Du Feuer der Verneuung,
Du Fackel mir auf finstrer Bahn!

Du fester Wall der Wahrheit
In diamantner Klarheit,
Der Sünder Arzenei!
Du Rosenstrauch aus Eden,
Voll Wohlgeruch für jeden,
Dein Duft macht uns des Irrtums frei.

O Pfeil aus Gottes Köcher,
Frohbotschaft für die Schächer,
Des Geistes Medium!
O Jubel der Bedrückten,
O Friede der Beglückten,
Des Weltenmai Präludium.

Urkunde der Vollendung,
Ende der Gottesschändung,
Ruf zur Gerechtigkeit!
Urlicht der Auferstehung,
Fanfare der Erhöhung,
Des Sohnes Atem in der Zeit!

Choral in Pilgerzonen,
Du Schrecken der Dämonen,
Des Heilands Händedruck;
Wegweiser der Verirrten,
Stimme des guten Hirten,
Der Ausgestoß’nen goldner Schmuck!

Du Siegesschrei der Väter,
Du Trutzburg aller Beter,
Der Liebe Erdenspur;
Des Rätselwerks Entschleirung,
Des Endgerichts Beteurung,
Du Zeiger an der Weltenuhr.

Geschliffenes Schwert der Kämpfer,
Der Satanslüste Dämpfer,
Bollwerk im Todesstreit!
Zuflucht der Magdalenen,
Anwalt der Kindertränen,
Du Herold der Geistleiblichkeit!

O Führung ohne Fehle,
Befreiungsbrief der Seele,
Der Kirche Lehrerin;
Mysterium der Erwählten,
Kompaß der Mutbeseelten,
Der Völkerwelt Erzieherin!

Ach, sieh auf uns herunter,
Hilf, Gott, tu deine Wunder,
Zerreiß die Wolkenwand!
Ja, fahre selbst hernieder,
Zeig dich den deinen wieder,
Beweise deine starke Hand!

Du lenkst der Fürsten Herzen,
Läßt nimmer mit dir scherzen
Bei deinem hohen Fluch!
Entwinde ihren Fäusten,
Den gierigen und dreisten,
Den Raub, dein teures Bibelbuch!

So wollen wir dir danken
Mit Treue ohne Wanken
Im Dienst ohn‘ Ziel und Zeit.
O komm, du liebe Bibel
Der Gottesweisheit Fibel,
Du Strahl aus lichter Ewigkeit!

Geschrieben 1943 im KZ Dachau, nachdem der Kommandoführer Gross eine für ihn gedachte Bibel gezeigt und deren Übergabe unter höhnischem Gelächter verweigert hatte.

Quelle: Karl Adolf Gross, Komm wieder, liebe Bibel. Lied der Sehnsucht des Dachauer Häftlings Nr. 16921, München: Neubau-Verlag Adolf Gross, 1946, S. 7-12.

Hier der Text als Druckbild.

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