Wenn sich im November die makabren Ereignisse des deutschen „Reichspogroms“[1] zum 50. Mal jähren, dann wird wahrscheinlich des öfteren von dem beschämenden Schweigen der offiziellen Kirchenleitungen die Rede sein. Es sollen aber auch die Stimmen von einzelnen mutigen Christen, die laut protestiert haben, nicht vergessen werden. Darum sei hier einer Gruppe von evangelischen Laien gedacht, die das Zentraldogma des Nationalsozialismus, den Antisemitismus, theologisch abgelehnt und bekämpft haben. Es handelt sich um den Freundeskreis, der sich um den damaligen Inhaber des Chr.-Kaiser-Verlags in München, Albert Lempp, gebildet hatte. Da die Glieder dieses Kreises alle verstorben sind, möchte der Verfasser dieser Zeilen, dessen Eltern damals mit dazugehört hatten, kurz über die Entstehung und das Schicksal der Denkschrift gegen den Judenmord aus dem Jahr 1943 berichten.
Schon in den ersten Tagen des Dritten Reiches (1933) haben sich die Freunde Albert Lempps zusammengefunden, verbunden in kompromißloser Gegnerschaft gegen das Nazitum, dessen widerliche Propaganda und die damals schon praktizierte Rechtlosigkeit.
Die Zusammenkünfte des Lemppschen Kreises wurden Bibelstunde genannt; denn es wurde immer eine Bibelarbeit gehalten. Von der Schrift aus wurde nach Antwort gesucht auf alle bewegenden aktuellen Fragen. Die Freunde waren über die naive Begeisterung, welche weite Kreise der Kirche 1933 erfaßt hatte, entsetzt. Sie verstanden nicht die autoritätsgläubige Haltung der lutherischen Bischöfe und Kirchenleitungen, die immer wieder den Nazis ihre Staatstreue versicherten. Theologischer Leiter des Kreises war 1933 D. Carl Schweitzer, der wegen „jüdischer Versippung“ als Superintendent von Potsdam entlassen worden war und in München-Trudering einen Unterschlupf gefunden hatte. Nach seiner Emigration nach London übernahm die Leitung Karl Nold, Vikar in München, dann Kurt Frör, Pfarrer an der Christuskirche, und während des Krieges Kurt Müller, damals Pfarrer in der ref. Gemeinde Stuttgart. Einmal sprach vor dem Kreis auch Karl Barth (1936 oder 1937). Überhaupt waren die Fäden nach der Schweiz trotz Gestapoüberwachung nicht abgerissen. So wurden verschiedentlich Vorträge und Briefe von Karl Barth und anderen gelesen und verbreitet.[2] Auch viele Nachrichten aus dem Dahlemer Kreis der Bekennenden Kirche, die in Bayern den Gemeinden vorenthalten wurden, konnten so bekannt gemacht werden.
Die Zusammenkünfte fanden meist reihum in den Wohnungen von Mitgliedern statt, am häufigsten bei Familie Lempp und bei dem Verleger des Ackermannverlages, Walter Classen. Dort konnte man sich sicher bewegen; denn Herr und Frau Classen waren Schweizer Staatsbürger, sie konnten frei ein- und ausreisen und auf diese Weise immer neues „Material“ über die Grenze bringen.[3]
Als während des Krieges die Maßnahmen gegen die Juden immer schärfer und brutaler wurden (Tragen des gelben Sterns, Verbot der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel, Deportationen usw.), wußten die Freunde des Kreises, daß nun auch gehandelt werden mußte. Sie verfaßten eine Denkschrift gegen den Judenmord, welche sie der Kirchenleitung in München überreichen wollten. Sie waren im Frühjahr 1943 (Febr./März) bei dem Ehepaar Classen versammelt. Hermann Diem, ein Freund des Hauses Lempp, damals Pfarrer in Ebersbach a. d. Fils, brachte den Entwurf der Denkschrift mit. Nachdem die Frauen wegen drohenden Fliegeralarms nach Hause gegangen waren, wurde H. Diems Manuskript Satz um Satz durchgesprochen, manches verdeutlicht und etliches ergänzt und schließlich von allen gebilligt. Zwei Mitglieder des Kreises wurden beauftragt, die Denkschrift Landesbischof Meiser zu überbringen, mit der Bitte, sie als Wort an die Gemeinden zu übernehmen und gemeinsam mit den anderen lutherischen Bischöfen im Namen Jesu Christi gegen den Judenmord zu protestieren. Diese Überbringer waren Universitätsprofessor Hengstenberg und Landgerichtsrat [Emil] Höchstädter, der Vater des Verfassers dieser Zeilen.
Da mein Vater mir im Mai 1943 und nach dem Krieg noch mehrmals ausführlich über die damaligen Ereignisse erzählte[4], möchte ich diesen Bericht in der ersten Person fortsetzen. Etliche Tage nach der Zusammenkunft mit Hermann Diem begaben sich Prof. Hengstenberg und mein Vater in die Arcisstraße zu Landesbischof Meiser. Sie hatten eine zweistündige Aussprache mit ihm. Mein Vater sagte, Bischof Meiser habe sie aufmerksam angehört, habe auch die Denkschrift nach Form und Inhalt weitgehend gebilligt, aber er weigerte sich, sie zu übernehmen und zu veröffentlichen; denn er habe die Verantwortung für eine große Landeskirche mit fast 1500 Pfarrern. Wenn er, so sagte er, etwas in dieser Richtung unternehme, dann käme sicher eine große Verfolgung über die Kirche, d. h. über die Menschen, die ihm anvertraut seien. Zudem wäre den Juden damit auch nicht geholfen, im Gegenteil: die Maßnahmen der Partei gegen sie würden nur noch rigoroser. Er sagte, daß er und seine Freunde in der Kirchenleitung in der Stille alles Mögliche täten, um einzelnen Juden zu helfen, z. B. um ihnen Pässe in die Schweiz zu verschaffen usw. Prof. Hengstenberg und mein Vater anerkannten das, aber sie gaben dem Landesbischof zu bedenken, daß durch das Schweigen der Kirche täglich Hunderte, ja wahrscheinlich sogar Tausende von Juden in den KZs in Polen und sonstwo sterben müßten. Sie erinnerten ihn auch an das klare Zeugnis, das Landesbischof Wurm zwei Jahre vorher in Sachen der Ermordung von Geisteskranken abgelegt habe, als er an den Reichsinnenminister Frick den bekannten Brief schrieb, was die NS-Kreise zum mindesten zu einem teilweisen Einlenken gezwungen habe. Sollte das nicht auch in der Frage der Judenverfolgung erreicht werden? Aber Landesbischof Meiser blieb bei seinem Nein und so gingen die beiden Herren, nachdem sie ihm die Denkschrift überreicht hatten, betrübt nach Hause.
Die Sache hatte aber – wie man später erfuhr – noch ein Nachspiel. Ein Exemplar der Denkschrift kam – vermutlich durch Classens – in die Schweiz, wo es durch den Schweizer Evangelischen Pressedienst veröffentlicht wurde und von da aus den Weg in die Weltpresse nahm. Dadurch bekam auch die Gestapo Kenntnis davon. Sie erschienen prompt im Landeskirchenrat, suchten nach der Denkschrift und verhörten verschiedene Leute. Sie wollten erfahren, wer Urheber und Verfasser derselben waren. Nach dem Krieg hat Landesbischof Meiser anläßlich einer Synode in Bayreuth meinen Vater getroffen. Er erzählte ihm, daß die Herren von der Gestapo ihn damals sehr unter Druck gesetzt hätten. Sie wollten die Namen der Verfasser wissen. Er, Meiser, habe sich aber geweigert, dem Verlangen nachzukommen. Er berief sich auf das Beichtgeheimnis und sagte, die Verfasser der Denkschrift seien seine Seelsorgekinder gewesen, die bei ihm Aussprache gesucht hätten. Wer die Denkschrift ins Ausland gebracht habe, wisse er nicht. Es ist nicht auszudenken, welche Folgen es für die Betroffenen gehabt hätte, wenn ihre Namen den Gestapostellen bekannt geworden wären. Es hätte Haft, Überführung in ein KZ und wahrscheinlich den Tod bedeutet. Von der Denkschrift selbst ist in den Akten des Landeskirchenrats und auch in den Archiven nichts vorhanden. Mein Vater, der einen Durchschlag besaß und mir im Mai 1943 daraus vorgelesen hatte, hat sein Exemplar wahrscheinlich vernichtet. Er war durch eine Haussuchung, welche die Gestapo schon das Jahr vorher bei ihm durchgeführt hatte, vorsichtig geworden.[5]
Quelle: Evangelische Theologie 48 (1988), S. 468-473.
[1] Meiner Meinung nach ist „Reichskristallnacht“ eine saloppe Verharmlosung dieses furchtbaren Ereignisses.
[2] Z. B. Karl Barths Brief an die Christen von England. Der Vf. hatte während des Kriegs eine Kopie davon in seinem Gepäck.
[3] Z. B. Hermann Rauschnings „Gespräche mit Hitler“. Das Buch machte die Runde im Kreis.
[4] Auch über die Aktion der Geschwister Scholl war der Kreis informiert. Mein Vater hatte eine Abschrift ihres Flugblatts.
[5] Vgl. dazu Hermann Diem, Ja oder Nein. 50 Jahre Theologe in Kirche und Staat. Stuttgart 1974, 130. Der Abdruck des Textes, der ursprünglich im Schweizerischen Evang. Pressedienst (E.P.D. 14. Juli 1943, Nr. 28), später im Sammelband des Weltkirchenrats, „Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Judenfrage“, Genf 1945, 196ff veröffentlich worden ist, folgt dem Aufsatzband von H. Diem „Sine vi – sed verbo“, ThB 25, München 1965, 108ff.