Romano Guardini, Der Morgen: „Siehst du, wieviel von der ersten Stunde des Tages abhängt? Sie ist sein Anfang. Man kann ihn auch ohne Anfang beginnen, gedankenlos, willenlos in ihn hineingleiten. Da ist dann überhaupt kein ‚Tag‘, sondern ein Fetzen Zeit, ohne Sinn noch Angesicht. Ein Tag ist aber ein Weg; er will Richtung. Ein Tag ist ein Werk; das fordert klaren Willen. Ein Tag ist ein Lied; das verlangt helles Anheben. Ein Tag ist dein ganzes Leben. Dein Leben ist wie dein Tag. Das will aber ein Antlitz.“

Der Morgen

Von Romano Guardini

Das Angesicht des Morgens leuchtet vor allen Stunden stark und hell. Er ist ein Anfang. Nehmen wir das Wort in seiner vollen Bedeutung: Das Geheimnis der Geburt erneuert sich an jedem Morgen. Wir kommen aus dem Schlaf, darin unser Leben sich verjüngte, und spüren klar und stark: „Ich lebe! Ich bin!“ Und dies durchlebte Sein wird Gebet. Es wendet sich zu ihm, von dem es kommt: „Gott, du hast mich erschaffen. Ich danke dir, daß ich lebe. Ich danke dir für alles, was ich habe und bin.“ Und das neue Leben spürt seine Kraft und drängt zur Tat. So kehrt es sich zum kommenden Tage und seinen Aufgaben. Zu Gebet wird auch dies: „Herr, in deinem Namen und in deiner Kraft beginne ich den Tag. Er soll ein Werk sein für dich!“

Das ist die heilige Stunde des Morgens. Das Leben erwacht. Tief seines Daseins inne, bringt es Gott den reinen Dank des Geschöpfes dar. Es erhebt sich zu neuem Schaffen und wendet sich dem Tagewerk zu, von Gott herkommend und in seiner Kraft.

Siehst du, wieviel von der ersten Stunde des Tages abhängt? Sie ist sein Anfang. Man kann ihn auch ohne Anfang beginnen, gedankenlos, willenlos in ihn hineingleiten. Da ist dann überhaupt kein „Tag“, sondern ein Fetzen Zeit, ohne Sinn noch Angesicht. Ein Tag ist aber ein Weg; er will Richtung. Ein Tag ist ein Werk; das fordert klaren Willen. Ein Tag ist ein Lied; das verlangt helles Anheben. Ein Tag ist dein ganzes Leben. Dein Leben ist wie dein Tag. Das will aber ein Antlitz.

Wille und Richtung und klares zu Gott schauendes Antlitz, das alles schafft der Morgen.

Quelle: Romano Guardini, Von heiligen Zeichen.

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