Thomas Mann, Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft (1930): „Gespeist also von solchen geistigen und pseudogeistigen Zuströmen, vermischt sich die Bewegung, die man aktuell unter dem Namen des Nationalsozialismus zusammenfaßt und die eine so gewaltige Werbekraft bewiesen hat, vermischt sich, sage ich, diese Bewegung mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsroheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen.“

Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft (1930)

Von Thomas Mann

Meine geehrten Zuhörer, — ich weiß nicht, ob ich auf Ihr Ver­ständnis rechnen darf für den vielleicht phantastisch anmuten- den Schritt, den ich unternahm, indem ich bitten ließ, mich heute abend anzuhören. Dieser Schritt könnte als Anmaßung und Narretei aufgefaßt werden, er könnte — ich mag es kaum aussprechen — dahin verstanden werden, als gäbe es hier je­manden, der nach der Rolle des praeceptor patriae griffe und den neuen Fichte spielen möchte . . . Wir wollen solche lächer­lichen Vermutungen ausscheiden. Aber, sehen Sie, ich soll in der Singakademie, als Gast des Verbandes Deutscher Erzähler, eine Vorlesung halten, etwas aus einem neuen Roman zum besten geben, der mich beschäftigt, und das kann vielleicht künstlerisch lustig werden, es kann die Leute interessieren und zerstreuen und mir Ermunterung eintragen, in meinem heiter- eigensinnigen poetischen Unternehmen fortzufahren, — gut. Und doch fragte ich mich, ob es sich lohne, ob es auch nur anständig und irgendwie vertretbar sei, unter den heutigen Umständen nach Berlin zu kommen, um ein Romankapitel vorzulesen und, etwas Lob und Kritik in der Tasche, die beide, wie alles steht, doch nur das Produkt einer recht ge­teilten Aufmerksamkeit sein können, wieder nach Hause zu fahren.

Ich bin kein Anhänger des unerbittlich sozialen Aktivismus, möchte nicht mit diesem in der Kunst, im Nutzlos-Schönen einen individualistischen Müßiggang erblicken, dessen Unzeit­gemäßheit ihn fast der Kategorie des Verbrecherischen zuord­net. Auch wenn man wohl weiß, daß die Epoche, da Schiller das »reine Spiel« als den höchsten Zustand des Menschen feiern konnte, die Epoche des ästhetischen Idealismus, eben als Epoche vorüber ist, braucht man der aktivistischen Gleichung von Idealismus und Frivolität nicht zuzustimmen. Form, gebe sie sich noch so spielerisch, ist dem Geiste verwandt, dem Führer des Menschen auch zum gesellschaftlich Besseren; und Kunst die Sphäre, in der der Gegensatz von Idealismus und Sozialismus sich aufhebt.

Dennoch gibt es Stunden, Augenblicke des Gemeinschafts­lebens, wo solche Rechtfertigung der Kunst praktisch versagt; wo der Künstler von innen her nicht weiterkann, weil un­mittelbare Notgedanken des Lebens den Kunstgedanken zu­rückdrängen, krisenhafte Bedrängnis der Allgemeinheit auch ihn auf eine Weise erschüttert, daß die spielend leidenschaft­liche Vertiefung ins Ewig-Menschliche, die man Kunst nennt, wirklich das zeitliche Gepräge des Luxuriösen und Müßigen gewinnt und zur seelischen Unmöglichkeit wird. So war es vor sechzehn Jahren, als der Krieg ausbrach, mit dem für alle Wissenden so viel mehr begann als ein Feldzug; so war es in den Friedensjahren danach und dann vor zwölfen, als Deutsch­land nach verbrecherischem Dauermißbrauch aller seiner Kräfte durch die, die sich seine Führer nannten, zusammenbrach und mit Müh und Not von Männern, die sich die Aufgabe nicht erträumt hatten und ihrer gerne überhoben gewesen wären, das Reich, die deutsche Einheit in der Form gerettet wurde, wie wir sie von unseren Vätern ererbt haben. So ist es heute wie­der, nach Jahren, in denen Gutmütige an Erholung, an die langsame Rückkehr gemächlicherer und gesicherterer Zustände glauben mochten, während doch das durch den Krieg zerschla­gene und mit Füßen getretene Wirtschaftssystem der Welt kei­neswegs geheilt war, noch seiner Heilung entgegensah, sondern in einer Unordnung zurückgeblieben war, die durch eine archaische und blinde Tributpolitik der den Frieden diktierenden Staaten verschärft wurde. Nun geht eine neue Welle wirtschaft­licher Krisis über uns hin und wühlt die politischen Leiden­schaften auf; denn man braucht nicht materialistischer Marxist zu sein, um zu begreifen, daß das politische Fühlen und Denken der Massen weitgehend von ihrem wirtschaftlichen Befinden bestimmt wird, daß sie diese in politische Kritik umsetzen, wie wenn ein kranker Philosoph seine physiologischen Hemmun­gen ohne ideelle Korrektur in Lebenskritik umsetzte. Es heißt wohl zuviel verlangen, wenn man von einem wirtschaftlich kranken Volk ein gesundes politisches Denken fordert.

Die Reichsregierung hat einen Finanzreformplan aufgestellt, der Ersparnisse am Verwaltungsapparat vorsieht und im Aus­lande mutig und wirksam, ja vorbildlich genannt wird, geeig­net, die Kreditwürdigkeit des Reiches zu heben. Das mag tröstlich sein. In Deutschland aber findet man, daß ein Staats- Finanzprogramm noch kein Wirtschaftsprogramm ist und daß diese »Vorlage zur Sanierung der Reichsfinanzen und zur Ge­sundung der deutschen Wirtschaft« nur allenfalls zur Hälfte ihren Namen mit Recht trägt. Was haben Vorschläge zur not­dürftigen Ordnung des Reichshaushaltes für kommende Budget­jahre denen zu geben, die mit Augen voller Grauen den nächsten Monaten, diesem Winter der Arbeitslosigkeit, der Aussperrung, des Hungers und des Unterganges entgegenstar­ren, einem Winter, der droht, die Verzweiflung von Millionen zu vollenden und alle politischen Folgerungen und Folgen der Verzweiflung eines Volkes zu zeitigen? Wie es steht, spürt jeder irgend Empfindliche. Steinschwer wie in den dunkelsten Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit liegt der Druck auf jeder Brust und verhindert das heitere Atmen. Die Kraft der Ge­meinschaft und Schicksalsverbundenheit bewährt sich; es gibt kein Einzelglück, wenn das Elend die Stunde regiert. Wir alle sind hineingezogen in den Wirbel aus Not und leidvoller Er­bitterung, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wessen Teil in helleren Tagen die freie Pflege des Übernützlichen war, sieht sich verstört und gelähmt; denn wie soll er freimütig und menschlich vertrauensvoll wirken in einem zerrissenen und zerspaltenen Volk, dem der Haß, das kranke Erzeugnis der Not, jede Unbefangenheit des Blickes raubt? Kein Wunder vielleicht und keine unbegreifliche Regung, wenn es ihn unter solchen Umständen treibt, über Dinge, von denen man nicht mehr sagen kann, daß sie irgend jemandem »fernliegen« — denn sie brennen uns allen auf den Nägeln —, zur Gemeinschaft, oder doch zu der Gemeinschaftsschicht, die ihn hervorgebracht hat, der er sich gesellschaftlich zugehörig und geistig verbun­den fühlt, zu sprechen, als führe er ein Selbstgespräch. Ich bin ein Kind des deutschen Bürgertums, und nie habe ich die seelischen Überlieferungen verleugnet, die mit einer solchen Herkunft gegeben sind; von der Sympathie breiter deutscher bürgerlicher Gesittung war meine Arbeit getragen, von dem sittlichen Vertrauen jenes Deutschland also, das immer noch für die innere Haltung, das geistige Gesamtbild Deutschlands entscheidend ist; und es heißt nur Vertrauen gegen Vertrauen setzen, wenn ich mich mit meinem bedrängten Selbstgespräch an das deutsche Bürgertum wende, nicht als Klassenmensch — das bin ich nicht —, auch nicht als Parteigänger irgendeines politisch-wirtschaftlichen Interessenbundes — ich gehöre kei­nem an. Sondern auf jener geistigen Ebene möchte ich mich mit Ihnen finden, auf welcher selbst der Begriff deutscher Bür­gerlichkeit eigentlich angesiedelt ist und die deutsch-bürger­licher Denkungsart wenigstens bis gestern noch natürlich war. Wie wenig hätte ich mich der Exzentrizität meines Schrittes zu schämen, wenn diese Begegnung im geringsten, mit irgend­einem Wort beitragen könnte zu jener Besinnung, die mir noch immer als etwas Deutscheres erscheint als die schrille Parole, die heute zur Rettung und Wiedererhebung des Vaterlandes ausgegeben wird: als die Parole des Fanatismus.

Der Ausgang der Reichstagswahlen, meine geehrten Zu­hörer, kann nicht rein wirtschaftlich erklärt werden. Wenn es nach dem bisher Gesagten den Anschein hatte, als wäre das meine Meinung, so bedarf das Gesagte der Korrektur. Auch vor dem Auslande wäre es weder klug noch entspräche es den inneren Tatsachen, wenn man die Dinge so einseitig dar­stellte. Das deutsche Volk ist seiner natürlichen Anlage nach nicht radikalistisch, und wäre das Maß von Radikalisierung, das nun wenigstens für den Augenblick zutage getreten ist, nur eine Folge wirtschaftlicher Depression, so wäre damit allenfalls ein Anwachsen des Kommunismus, aber nicht der Massenzulauf zu einer Partei erklärt, die auf die militanteste und schreiend wirksamste Weise die nationale Idee mit der sozialen zu verbinden scheint. Es ist nicht richtig, das Poli­tische als ein reines Produkt des Wirtschaftlichen hinzustellen; sondern um einen Seelenzustand zu deuten wie den, den unser Volk jetzt auf eine die Welt verblüffende Weise an den Tag gelegt hat, ist es notwendig, die politische Leidenschaft, zu­treffender gesagt, das politische Leiden heranzuziehen, und wenn es nicht klug und nicht würdig wäre, auf das Ergebnis vom 14. September stolz zu sein und vor dem Auslande darauf zu trumpfen, so mag man es immerhin schweigend seine Wir­kung nach außen tun lassen als eine Warnung, ein Sturm­zeichen, eine Mahnung, daß einem Volke, welches zum Selbst­gefühl soviel Anlaß hat wie irgendeines, nicht auf beliebige Zeit das zugemutet werden kann, was dem deutschen in der Tat zugemutet worden ist, — ohne aus seinem Seelenzustand eine Weltgefahr zu machen.

Auf den materiellen und geistigen Riesenkomplex von Ursachen einzugehen, aus denen die Kriegskatastrophe er­wuchs, ist dies nicht der Augenblick. Geführt wurde Deutsch­land in diesen Krieg von einem Herrschaftssystem, das auf die historisch naivste Weise sein eignes Lebensinteresse mit dem des Volkes gleichsetzte und in dem Kampf um sein Fort­bestehen es mit dem Volke, dem Lande zum Äußersten kom­men ließ. Gegen dies Herrschaftssystem, das sich in der Welt verhaßt gemacht hatte, richtete sich angeblich und nach der Überzeugung der Völker in der Tat der kriegerische Tugend­mut unserer Gegner, ein demokratischer Tugendmut, dessen Propagandamittel überwältigend waren und der, von aller materiellen Überlegenheit abgesehen, die deutsche Wider­standskraft im Laufe der Jahre erdrückte. Diese demokratische Moralität, die während des Krieges den Mund so voll genom­men hatte und den Krieg als Mittel zu betrachten schien, eine neue, bessere Welt zu schaffen, hat bei Friedensschluß nur sehr bruchstückweise Wort gehalten und sich durch die Wirklich­keit, die psychischen Nachwirkungen der Kriegswut und durch den Machtrausch des Sieges in einem Grade verderben lassen, daß es dem deutschen Volke aufs äußerste erschwert war, an den moralischen und historischen Sinn seines Unterliegens und an die höhere Berufung der anderen zum Siege zu glauben. Der Versailler Vertrag war ein Instrument, dessen Absichten dahin gingen, die Lebenskraft eines europäischen Hauptvolkes auf die Dauer der Geschichte niederzuhalten, und dieses In­strument als die Magna Charta Europas zu betrachten, auf der alle historische Zukunft sich aufbauen müsse, war ein Gedanke, der dem Leben und der Natur zuwiderlief und der schon heute in aller Welt kaum noch zum Schein Anhänger besitzt. Das Leben und die Vernunft selbst haben die Unantastbarkeit die­ses Vertrages schon heute widerlegt, und wenn man franzö­sische Nationalisten klagen hört, er sei nach zwölf Jahren durchlöchert wie ein Sieb, so beweist das eben nur die Unmög­lichkeit des Unmöglichen und spricht für die Mittel, die von deutscher Seite angewandt worden sind, um diese natürliche Unmöglichkeit zu erweisen. Daß er für die Weltvernunft bei weitem noch nicht durchlöchert genug ist, wird auch außerhalb Deutschlands von Einsichtigen unterderhand kaum bestritten; aber das deutsche Volk wird solcher Einsicht nicht gewahr, es hält sich notwendig an die Tatsachen, von denen es umgeben ist, und fühlt sich als Hauptopfer ihres Widersinns. Fast müßig schon, es auszusprechen, und doch notwendig, es immer wie­der zu sagen: es ist kein haltbarer Zustand, daß inmitten von lauter bewaffneten und auf ihren Waffenglanz stolzen Völkern Deutschland allein waffenlos dasteht, so daß jeder, der Pole in Posen, der Tscheche auf dem Wenzelsplatz, ohne Scheu seinen Mut daran kühlen kann; daß die Erfüllung des Ver­sprechens, die deutsche Abrüstung solle nur der Beginn der allgemeinen sein, immer wieder ad calendas graecas vertagt wird und jede Unmutsäußerung des deutschen Volkes gegen diesen Zustand als eine zu neuen Rüstungen auffordernde Be­drohung aufgefaßt wird. Diese Ungerechtigkeit ist die erste, die man nennen muß, wenn man dem deutschen Gemütszu­stand gerecht werden will; aber es ist nur zu leicht, fünf, sechs andere aufzuzählen, die sein Gemüt verdüstern, wie die ab­surden Grenzregelungen im Osten, das niemandem heilsame, auf das vae victis stumpfsinnig aufgebaute Reparationssystem, die völlige Verständnislosigkeit des jakobinischen Staatsgedan­kens für die deutsche Volksempfindlichkeit in der Minderhei­tenfrage, das Problem des Saargebietes, das keines sein dürfte, und so fort.

Das sind die außenpolitischen Reizungen und Leiden, von denen der deutsche Gemütszustand bestimmt ist. Es kommen tiefe, wenn auch unbestimmte und ratlose Zweifel innerpoli­tischer Art hinzu, Zweifel also daran, ob die im westeuro­päischen Stil parlamentarische Verfassung, die Deutschland nach dem Zusammenbruch des feudalen Systems als das gewis­sermaßen historisch Bereitliegende übernahm, seinem Wesen vollständig angemessen ist, ob sie seine politische Sittlichkeit nicht in gewissem Grade und Sinne entstellt und schädigt. Diese Sorgen einer volkspersönlichen, politischen Sittlichkeit sind um so quälender, als im Grunde niemand konkrete Vorschläge zum Richtigeren und Angemesseneren zu machen weiß und vorderhand kein Schluß übrigbleibt als der, daß, solange es dem Deutschtum nicht gelingt, aus seiner eigensten Natur in politicis etwas Neues und Originales zu erfinden, man genötigt sei, aus dem Historisch-Überlieferten das Persönlichste und damit Beste zu machen, zumal kein Kenner des Deutschtums zweifelt, daß die bisher unternommenen Versuche, den demo­kratischen Parlamentarismus zu überwinden, der ost- und der südeuropäische, die Diktatur einer Klasse also und die des demokratisch erzeugten cäsarischen Abenteurers, der Natur des deutschen Volkes noch viel blutsfremder sind als das, wogegen zu einem Teile seine Geste vom 14. September sich richtete.

Es gehört nicht viel psychologische Kunst dazu, meine ge­ehrten Zuhörer, um diese außen- und innenpolitischen Lei­densmotive als die Ursachen zu erkennen, die neben der wirt­schaftlichen Mißlage die sensationelle Wahlkundgebung des deutschen Volkes bestimmt haben. Es hat sich eines grell pla­katierten Wahlangebotes zum Ausdruck seiner Gefühle be­dient, des sogenannten nationalsozialistischen. Aber der Na­tionalsozialismus hätte als Massen-Gefühls-Überzeugung nicht die Macht und den Umfang gewinnen können, die er jetzt er­wiesen, wenn ihm nicht, der großen Mehrzahl seiner Träger unbewußt, aus geistigen Quellen ein Sukkurs käme, der, wie alles zeitgeboren Geistige, eine relative Wahrheit, Gesetz­lichkeit und logische Notwendigkeit besitzt und davon an die populäre Wirklichkeit der Bewegung abgibt. Mit dem wirt­schaftlichen Niedergang der Mittelklasse verband sich eine Empfindung, die ihm als intellektuelle Prophetie und Zeit­kritik vorangegangen war: die Empfindung einer Zeitwende, welche das Ende der von der Französischen Revolution datieren­den bürgerlichen Epoche und ihrer Ideenwelt ankündigte. Eine neue Seelenlage der Menschheit, die mit der bürgerlichen und ihren Prinzipien: Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Opti­mismus, Fortschrittsglaube, nichts mehr zu schaffen haben sollte, wurde proklamiert und drückte sich künstlerisch im expressionistischen Seelenschrei, philosophisch als Abkehr vom Vernunftglauben, von der zugleich mechanistischen und ideo­logischen Weltanschauung abgelaufener Jahrzehnte aus, als ein irrationalistischer, den Lebensbegriff in den Mittelpunkt des Denkens stellender Rückschlag, der die allein leben­spendenden Kräfte des Unbewußten, Dynamischen, Dunkel­schöpferischen auf den Schild hob, den Geist, unter dem man schlechthin das Intellektuelle verstand, als lebensmörde­risch verpönte und gegen ihn das Seelendunkel, das Mütterlich-Chthonische, die heilig gebärerische Unterwelt, als Le­benswahrheit feierte. Von dieser Naturreligiosität, die ihrem Wesen nach zum Orgiastischen, zur bacchischen Ausschwei­fung neigt, ist viel eingegangen in den Neo-Nationalismus unserer Tage, der eine neue Stufe gegen den bürgerlichen, durch stark kosmopolitische und humanitäre Einschläge doch ganz anders ausgewogenen Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts darstellt. Er unterscheidet sich von diesem eben durch seinen orgiastisch naturkultischen, radikal humanitäts­feindlichen, rauschhaft dynamistischen, unbedingt ausgelas­senen Charakter. Wenn man aber bedenkt, was es, religions­geschichtlich, die Menschheit gekostet hat, vom Naturkult, von einer barbarisch raffinierten Gnostik und sexualistischen Gottesausschweifung des Moloch-Baal-Astarte-Dienstes sich zu geistigerer Anbetung zu erheben, so staunt man wohl über den leichten Sinn, mit dem solche Überwindungen und Befreiungen heute verleugnet werden, — und wird zugleich des wellenhaften, fast modisch-ephemeren und, ins Große gerechnet, bedeutungs­losen Charakters eines solchen philosophischen Rückschlages inne.

Vielleicht scheint es Ihnen kühn, meine geehrten Zuhörer, den radikalen Nationalismus von heute mit solchen Ideen einer romantisierenden Philosophie in Zusammenhang zu brin­gen, und doch ist ein solcher Zusammenhang da und will er­kannt sein von dem, dem es um Verstehen und Einsicht in den Zusammenhang der Dinge zu tun ist. Es findet sich mehr zu­sammen, um die politische Bewegung, von der wir sprechen, die nationalsozialistische, vom Geistigen her zu stärken. Da­zu gehört eine gewisse Philologen-Ideologie, Germanisten-Romantik und Nordgläubigkeit aus akademisch-professoraler Sphäre, die in einem Idiom von mystischem Biedersinn und verstiegener Abgeschmacktheit mit Vokabeln wie rassisch, völ­kisch, hündisch, heldisch auf die Deutschen von 1930 einredet und der Bewegung ein Ingrediens von verschwärmter Bil­dungsbarbarei hinzufügt, gefährlicher und weltentfremdender, die Gehirne noch ärger verschwemmend und verklebend als die Weltfremdheit und politische Romantik, die uns in den Krieg geführt haben.

Gespeist also von solchen geistigen und pseudogeistigen Zu­strömen, vermischt sich die Bewegung, die man aktuell unter dem Namen des Nationalsozialismus zusammenfaßt und die eine so gewaltige Werbekraft bewiesen hat, vermischt sich, sage ich, diese Bewegung mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsroheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwir­render und zugleich nervös stimulierender, berauschender Ein­drücke, die auf die Menschheit einstürmen. Die abenteuerliche Entwicklung der Technik mit ihren Triumphen und Katastro­phen, Lärm und Sensation des Sportrekordes, Überschätzung und wilde Überbezahlung des Massen anziehenden Stars, Box-Meetings mit Millionen-Honoraren vor Schaumengen in Rie­senzahl: dies und dergleichen bestimmt das Bild der Zeit zu­sammen mit dem Niedergang, dem Abhandenkommen von sittigenden und strengen Begriffen wie Kultur, Geist, Kunst, Idee. Entlaufen scheint die Menschheit wie eine Bande losge­lassener Schuljungen aus der humanistisch-idealistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts, gegen dessen Moralität, wenn denn überhaupt von Moral die Rede sein soll, unsere Zeit einen weiten und wilden Rückschlag darstellt. Alles scheint möglich, scheint erlaubt gegen den Menschenanstand, und geht auch die Lehre dahin, daß die Idee der Freiheit zum bour­geoisen Gerümpel geworden sei, als ob eine Idee, die mit allem europäischen Pathos so innig verbunden ist, aus der Europa sich geradezu konstituiert und der es so große Opfer gebracht hat, je wirklich verlorengehen könnte, so erscheint die lehrweise abgeschaffte Freiheit nun wieder in zeitgemäßer Gestalt als Verwilderung, Verhöhnung einer als ausgedient verschrie­nen humanitären Autorität, als Losbändigkeit der Instinkte, Emanzipation der Roheit, Diktatur der Gewalt. In Polen wer­den vor den Wahlen die Führer der Opposition verhaftet, und der Staatspräsident beschimpft das Parlament im Jargon eines Gassenjungen; in Finnland entführen und mißhandeln die Lappos Andersgesinnte; in Rußland denkt man den Hunger derjenigen, denen man die Lebensmittel entzog, um auf dem Weltmarkt Verwirrungsdumping damit zu treiben, mit dem Blute erschossener Gegenrevolutionäre zu stillen; die Geheim­nisse faschistischer Kerker sind nicht ganz Geheimnis geblie­ben; von den Verbannungsinseln für Gegner des Systems weiß man auch, und noch besser kennt man die Mittel mechanischer Gewalt, mit denen Südtirol nationalisiert wird, Mittel, mit denen heute München und morgen Berlin italienisch gemacht werden könnte: Die Gewalt beweist sich selbst damit, sonst nichts, und das ist auch nicht nötig, denn alle Rücksichten außer ihr sind gefallen, die Menschheit glaubt nicht mehr an solche Rücksichten und ist also ›frei‹ zu ausgelassener Ge­meinheit.

Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heils­armee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heils­prinzip, Begeisterung epileptische Ekstase, Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.

Ist das deutsch? Ist der Fanatismus, die gliederwerfende Unbesonnenheit, die orgiastische Verleugnung von Vernunft, Menschenwürde, geistiger Haltung in irgendeiner tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Dürfen die Verkünder des radikalen Nationalismus sich allzuviel einbil­den auf den Stimmungszulauf, den sie gefunden, und ist der Nationalsozialismus parteimäßig gesehen nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, der an Dauerhaftigkeit nicht zu vergleichen ist mit der sozialdemokratischen Massenorganisa­tion? Nur der Fanatismus, so heißt es, kann Deutschland wieder aufrichten. Goethe schildert im ›Epilog zur Glocke‹ das Verhal­ten eines großen Menschen zur widerstrebenden Umwelt und spricht

Von jenem Mut, der, früher oder später,
Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt,
Von jenem Glauben, der sich, stets erhöhter,
Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt,
Damit das Gute wirke, wachse, fromme,
Damit der Tag dem Edlen endlich komme.

Wäre nicht dieser Mut dem Deutschen, von dem die Mensch­heit ein Bild der Rechtlichkeit, Mäßigkeit, geistigen Biederkeit im Herzen trägt, angemessener als das Berserkertum der Ver­zweiflung, als der Fanatismus, der heute deutsch und allein deutsch heißen will? Staatsmänner von echter Deutschheit, die als solche in aller Welt erkannt und geliebt wurden, haben diesen bald sich vordrängenden, bald geschickt sich schmiegen­den Mut, den Mut der Geduld bewährt und viel mehr damit erreicht, als zu erreichen wäre, wenn wir der Welt zu ihrem mitleidigen Befremden das Schauspiel ekstatischen Nerven­zusammenbruchs böten.

Nun ist freilich der Augenblick schon gekommen, wo der militante Nationalismus sich weniger militant nach außen denn nach innen erweist. Schon sucht er seine außenpolitische Unschuld und vernunftvolle Mäßigkeit der Welt zu beweisen, indem er erklärt, daß Deutschland keinen Krieg führen könne und daß unter seiner Herrschaft keine gewaltsame Verände­rung nach außen versucht werden solle, versichert es, um sich weltmöglich zu machen. Sein Haß richtet sich nicht sowohl nach außen wie nach innen, ja, seine fanatische Liebe zu Deutschland erscheint vorwiegend als Haß, nicht auf die Frem­den, sondern auf alle Deutschen, die nicht an seine Mittel glau­ben und die er auszutilgen verspricht, was selbst heute noch ein umständliches Geschäft wäre, als Haß auf alles, was den höheren Ruhm, das geistige Ansehen Deutschlands in der Welt ausmacht. Sein Hauptziel, so scheint es immer mehr, ist die innere Reinigung Deutschlands, die Zurückführung des Deut­schen auf den Begriff, den der Radikal-Nationalismus davon hegt. Ist nun, frage ich, eine solche Zurückführung, gesetzt, daß sie wünschenswert sei, auch nur möglich? Ist das Wunsch­bild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandes­schlichten, hackenzusammenschlagenden, blauäugig gehorsa­men und strammen Biederkeit, diese vollkommene nationale Simplizität, auch nach zehntausend Ausweisungen und Rei­nigungsexekutionen zu verwirklichen in einem alten, reifen, vielerfahrenen und hochbedürftigen Kulturvolk, das geistige und seelische Abenteuer hinter sich hat wie das deutsche, das eine weltbürgerliche und hohe Klassik, die tiefste und raffi­nierteste Romantik, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, die er­habene Morbidität von Wagners Tristan-Musik erlebt hat und im Blute trägt? Der Nationalismus will das Fanatische mit dem Würdigen vereinigen; aber die Würde eines Volkes wie des unsrigen kann nicht die der Einfalt, kann nur die Würde des Wissens und des Geistes sein, und die weist den Veitstanz des Fanatismus von sich.

Wenn also die radikalistische Ekstase unmöglich die natür­liche Haltung des deutschen Bürgertums sein kann, wie soll es sich politisch halten und stellen? Sein katholischer Teil ist auch politisch im Schoß der Kirche geborgen und, nicht ohne Neid darf man es aussprechen, wohl geborgen. Der universa­listische und übernationale Geist der Kirche bewährt sich auch heute in strenger Ablehnung eines ethnischen Heidentums und ist durchaus auf Seite der Mächte, die am Werke sind, Europa der Genesung von der krampfigen Krankheit des Nationalis­mus zuzuleiten, und für den Deutschen, der sich ihren Sohn nennen darf, liegt von vornherein eine Synthese des Gegen­satzes, der nie diese Schärfe hätte gewinnen dürfen, von Vater­land und Menschheit bereit. Für uns andere ist es schwerer, un­seren politischen Weg zu finden, und, meine geehrten Zuhörer, ich glaube zu sehen, nein, ich sehe vollkommen deutlich, wel­ches Phantom und begriffliches Schreckgespenst es ist, das dem deutschen Bürgertum die politi­sche Orientierung vor allem er­schwert. Es ist ein Begriff, ein Wort, das heute, nüchtern und mit Ruhe gesehen, wirklich kaum mehr ist als ein Wort, mit dem aber, den deutschen Bürger damit zu schrecken, ein schlauer und schädlicher Mißbrauch getrieben wird. Ich meine das Wort ›marxistisch‹. Nun gibt es in Wirklichkeit keinen schärferen und tieferen politisch-parteimäßigen Gegensatz als den zwischen der deutschen Sozialdemokratie und dem ortho­doxen Marxismus moskowitisch-kommunistischer Prägung. Der sogenannte Marxismus der deutschen Sozialdemokratie besteht heute in der Betreuung einer dreifachen Aufgabe: sie bemüht sich erstens, die soziale und wirtschaftliche Lebens­haltung der arbeitenden Klasse zu schützen und zu bessern, sie will zweitens die doppelt bedrohte demokratische Staatsform erhalten, und sie will drittens die aus dem demokratischen Staatsgeist sich ergebende Außenpolitik der Verständigung und des Friedens verteidigen. In diesen Bestrebungen und Wil­lensmeinungen erschöpft sich heute in praxi der Marxismus der deutschen Sozialdemokratie. In der Vertretung ihres wirt­schaftlichen Klasseninteresses hat die Partei jene Zähigkeit bewiesen, die zu einem Teil zur Auflösung des vorigen Reichs­tages geführt und das Zusammenwirken von Bürgertum und Sozialismus unterbrochen hat, das durch die politische Persön­lichkeit Stresemanns hergestellt war. Niemand kann bestrei­ten, daß ein öffentlicher Etat und im besonderen ein Sozialetat von der Üppigkeit des unsrigen eine ökonomische Abnormität darstellt in einem verarmten und verschuldeten Volk; er muß nach außen und innen anstößig wirken. Und die Hartnäckig­keit, mit der die sozialistischen Führer an den »Errungen­schaften der Revolution« glaubten festhalten zu müssen, ist durch den taktischen Zwang, unter dem sie handelten, zu er­klären, aber kaum zu entschuldigen. Erstens aber bildet der Parteiegoismus nicht gerade die auszeichnende Seite der So­zialdemokratie, mit der sie im deutschen politischen Leben allein stünde; und zweitens liegt zutage, daß sie heute schon das wirtschaftliche Sonderinteresse hinter dem staatspolitischen Interesse der Erhaltung der Demokratie zurückstellt und vor allem darauf bedacht ist, den Gefahren zu begegnen, die sich aus der Lähmung der parlamentarischen Arbeiten und dem Über­handnehmen wirtschaftlichen Massenelends ergäben. Man darf es kennzeichnend für den Geist der deutschen Arbeiterschaft nennen, wenn jetzt bei den Schlichtungsverhandlungen der Berliner Metallindustrie die Arbeitnehmer die Forderung der Unternehmer, einem Lohnabbau von fünfzehn Prozent zuzu­stimmen, mit dem Vorschlag beantworten, die Arbeitszeit auf vierzig Stunden in der Woche zu verkürzen und nur diese zu bezahlen, dafür aber, mit Hilfe der so gemachten Ersparnisse, Arbeitslose einzustellen. Ich meine, daß angesichts des eisernen Eigennutzes, der sonst in wirtschaftlichen Dingen aller Welt selbstverständlich geworden ist, dieser Vorschlag von einer Opferbereitschaft und einem Gemeinsinn zeugte, die man be­wundern darf. Übrigens ist ja mit ihm, mit dem Vorschläge der Arbeitsstreckung, auf eines der Notmittel hingewiesen, die allenfalls über die unheimlichen Gefahren der nächsten Monate hinweghelfen können.

Ich bekannte mich vor Ihnen, meine geehrten Zuhörer, zu meiner bürgerlichen Herkunft und den kulturellen Überliefe­rungen, die sie in sich schließt. Ich kenne die weltanschauliche Abneigung wohl, die deutsche Bürgerlichkeit gegen den Sozia­lismus, gegen das, was man »marxistische Gedankengänge? nennt, von Instinkt wegen hegt. Die Vorherrschaft des Klas­sengedankens vor denen des Staates, des Volkes, der Kultur; der ökonomische Materialismus: ich weiß, das ist bürgerlicher Überlieferung nicht geistig genug. Es ist wahr: der bürgerliche Kulturgedanke entstammt geistiger Sphäre, während die ge­sellschaftliche Klassenidee ihre rein ökonomische Herkunft nicht verleugnen kann. Aber der Augenblick ist längst gekom­men, zu erkennen, daß die gesellschaftliche Klassenidee weit freundlichere Beziehungen zum Geist unterhält als die bür­gerlich-kulturelle Gegenseite, die nur zu oft zu erkennen gibt, daß sie die Berührung mit dem lebendigen Geist, die Sympa­thie mit seinen Lebensforderungen verloren und verlernt hat. Ich sprach einmal von dem krankhaften und gefahrdrohenden Spannungsverhältnis, das in der Welt sich hergestellt habe zwischen dem Geist, dem von den Spitzen der Menschheit eigentlich bereits erreichten und innerlich verwirklichten Er­kenntnisstande — und der materiellen Wirklichkeit, dem, was in ihr noch immer für möglich gehalten wird. Diese beschämende und gefährliche Diskrepanz zu tilgen, legt aber die sozialistische Klasse, die Arbeiterschaft, einen unzweifelhaft besseren und lebendigeren Willen an den Tag als ihr kultureller Widerpart, handle es sich nun um die Gesetzgebung, die Ratio­nalisierung des Staatslebens, die internationale Verfassung Europas oder um was immer. Die sozialistische Klasse ist, im geraden Gegensatz zum bürgerlich-kulturellen Volkstum, geist­fremd nach ihrer ökonomischen Theorie, aber sie ist geist­freundlich in der Praxis, — und das ist, wie heute alles liegt, das Entscheidende.

Marxismus! Einer der jungen Reichswehroffiziere, die jetzt ihre leidenschaftlichen Verfehlungen mit Strafen büßen sollen, die ihrer zeitverstörten Ehrenhaftigkeit Rechnung tragen, hat vor Gericht erklärt, es sei die Jugend und die Arbeiterschaft gewesen, die am Rhein den Kampf gegen den Separatismus geführt und ihn zurückgeschlagen hätten. Die Arbeiterschaft, was ist das? Es ist die Sozialdemokratie. Jedes Kind weiß, daß, wenn damals das Rheinland abgefallen wäre, es nicht beim Rheinland sein Bewenden gehabt hätte. Wenn es die nationale Haltung der Sozialdemokratie war, durch die der Mißerfolg des Separatismus entschieden wurde — und das ist die historische Wahrheit —, so hat die Sozialdemokratie das Reich ge­rettet, — und nicht zum erstenmal geschah es damals, daß sie das tat. Sie hat, als es mit uns zum Letzten gekommen war, als die Zügel der Herrschaft und Selbstbeherrschung im bluti­gen Kote schleiften und niemand da war, sie zu ergreifen, sie hat diese herrenlosen Zügel aufgenommen, die tragische und namenlos undankbare Verantwortung für die Bereinigung des Krieges getragen und das Chaos, in dem ein geschichtlich geschlagenes und flüchtiges System das Land zurückgelassen hatte, in eine notdürftige Ordnung überführt. Sie hat ihm eine Verfassung gegeben, die sowenig das letzte Wort, die unan­tastbare Magna Charta für Deutschland zu sein braucht, wie der Versailler Vertrag es für Europa sein wird, unter der Deutschland aber immerhin bis heute hat leben und die ersten Schritte zu seiner Befreiung und Wiedererhebung hat tun kön­nen. Das Wort voll ruchloser Ungerechtigkeit, das umgeht, dies vollkommen gewissenlose Wort von den ›Novemberverbrechern‹ — der ist in Wahrheit des rechtlichen deutschen Na­mens nicht wert, der es ohne Empörung zu hören vermag oder gar über seine Lippen läßt. Ist es ein Verbrechen, die Macht zu ergreifen in einem Augenblick, da die Geschichte sie einem aufdrängt und niemand sonst da ist, sie aufzunehmen? Was will der Nationalsozialismus heute anderes, als die Macht er­greifen? Freilich, die Sozialdemokratie wußte damals, als es einen rechten Weg für Deutschland überhaupt nicht gab, wenig­stens doch einen gangbaren Weg. Wohin aber der Nationalsozialismus uns führen würde, das wissen wir aus dem ein­fachen Grunde nicht, weil er es selber nicht weiß — weshalb denn auch an der Aufrichtigkeit seines Willens zur Macht die Zweifel sich täglich verstärken.

Der Staatsmann, meine geehrten Zuhörer, dessen Wirken die außerdeutsche Welt wieder einmal bestimmt hat, das Wort ›groß‹ mit dem deutschen Namen zu verbinden, Stresemann, hat sein Werk getan, gestützt auf die Sozialdemokratie. Auf seine eigne Partei konnte er sich nicht stützen. Sie ist ihm innerlich niemals gefolgt, und nur der Druck seiner Persönlich­keit hielt sie notdürftig bei seinem Willen. Die Geschichte dieses außerordentlichen Mannes gehört zu den merkwürdig­sten, ergreifendsten, die das deutsche Leben zu bieten hat. Aus rechts-bürgerlicher Sphäre kommend, die geistigen und poli­tischen Überlieferungen dieser Herkunft im Blut, als nationaler Wirtschaftsbürger, wenn auch als ein über den Durchschnitt gebildeter und intellektuell bedürftiger, dem Gedanken der Machtexpansion verbunden und noch im Kriege ein überzeugter Fürsprecher imperialer Eroberung, ist er vermöge einer zugleich vitalen und durch Krankheit verfeinerten Verstandeskraft, geführt und getrieben von einer bildsamen Lebenswillig­keit, die physisch den Tod in sich trug, geistig hinausgewach­sen über alles, was Herkunft an ihm war, hineingewachsen rascher und rascher—ein Getriebener und Ergriffener, der nicht viel Zeit hatte — in eine Gedanken-, Überzeugungs- und Tatwelt europäischer Sozialität, von der sein früheres Mannesalter sich nichts hatte träumen lassen. Wir wissen heute genau, be­sonders aus den Tagebüchern Lord D’Abemons, daß die Politik die nach Locarno und zur Rheinbefreiung führte, keine Ein­flüsterung oder Vorschrift der Fremden, sondern die persön­liche Konzeption des Deutschen war und bei seinen ersten vor­tastenden Versuchen, sie in die Wege zu leiten, draußen nach ihrer Tragweite gar nicht verstanden wurde. Man zögerte, man witterte eine Falle, die Widerstände in London und Paris schie­nen monatelang unüberwindlich. Es wird immer denkwürdig bleiben, wie das Vertrauen, die menschliche Sympathie, die Bewunderung der Welt ihm zu wuchs—obgleich er nicht einmal sprachenkundig war, nicht einmal Französisch konnte —, eine Sympathie und Bewunderung, die bei seinem Tode (einem echt deutschen Mißgeschick, ohne das uns vieles erspart geblieben wäre) als eine Welttrauerkundgebung von kaum je erhörter Einmütigkeit, überzeugter und überzeugender Gefühlswärme sich offenbarten. Sie wirken noch heute nach; es wurde diesen Herbst in Genf keine Rede gehalten, die nicht mit einer Hul­digung für das Andenken des dahingegangenen deutschen Ministers begonnen hätte, und das Ansehen, das er genoß, kommt noch den Erben seines Amtes zugute. Wenn in der großen Versammlung in Genf der vorsitzende Rumäne in sei­ner slawisch-französischen Aussprache den Namen des deut­schen Außenministers nennt, Stille sich über den Saal breitet und der alte Briand, der alte Apponyi, der Engländer, der Pole, der Italiener ihre Kopfhörer nehmen, um sich kein Wort von dem entgehen zu lassen, was der Vertreter des Deutschen Rei­ches der Welt zu sagen hat, — dann sieht und fühlt man die Veränderungen und Fortschritte, die sich, trotz allem, zugetra­gen haben, seit unsere Diktatempfänger in Versailles wie Pest­kranke hinter Planken und Schranken gehalten wurden und Clemenceau in giftigem Erstaunen den Klemmer abnahm, wenn ein Deutscher sich einfallen ließ, zu sprechen. »Stresemann«, schreibt Lord D’Abernon, »kann es für sich in Anspruch neh­men, daß er Deutschland aus der Lage eines besiegten und entwaffneten Feindes in die eines diplomatisch ebenbürtigen Volkes hob, ihm alle Rücksichten, die einer Großmacht zukom­men, sicherte und ihm eine internationale Garantie zum Schutz seiner Grenzen verschaffte. Dies in wenigen Jahren, in denen er im Amt war, vollbracht zu haben, ohne Unterstützung einer Waffenmacht, ist eine Leistung, würdig der besten Namen, die in dem großen Buch des Ruhmes verzeichnet sind.«

Das Merkwürdigste bei all dem nun aber ist, daß die Sym­pathie und Bewunderung, diese Autorität und dieses Vertrauen ihm zufielen, obgleich seine Partner in aller Welt, besonders auch der Franzose, genau wußten, was ja auf der Hand lag, daß Stresemann seine Politik als deutscher Patriot verfolgte und daß ihr Ziel gerade das war, wovon man glauben sollte, daß es den Männern der ehemaligen Entente das widerwärtigste sein müßte: nämlich die ›Durchlöcherung‹ des Vertrages von Versailles und die Befreiung und Wiedererhebung Deutsch­lands. Sie hätten ihm eigentlich jeden Erfolg in dieser Richtung möglichst verwehren und, je erfolgreicher er dennoch war, ihn desto mehr fürchten und hassen müssen. Wenn es so ganz anders war, so lag das selbstverständlich daran, daß er seine Arbeit für Deutschland zugleich im Interesse Europas tat, daß er, wie Lord D’Abernon sagt, bei seinem Tode »Deutschland unendlich viel stärker und Europa verhältnismäßig viel fried­licher zurückließ, als es im Jahre 1923 war, zu der Zeit, als er das Steuer in seine Hände nahm«. Und doch bleibt hier ein unaufgelöster Rest von Widerspruch und Rätsel, der, wenn ich mich so ausdrücken darf, der unterbewußten Weltpsychologie anzugehören scheint. Der Vertrag von Versailles ist heilig, heißt es, er ist tabu, ist die Grundlage des Friedens. Das gilt nach außen und beherrscht das Bewußtsein der Urheber dieses Vertrages. Aber vielleicht gibt es da etwas, was sie nicht wis­sen: daß nämlich nicht nur Deutschland, sondern auch sie selbst, auch ganz Europa im Grunde aus dem Bann des Versailler Ver­trages sich fort und hinaus und vorwärts sehnen und mit heim­licher Hoffnung und Erwartung auf Deutschland blicken, auf dieses Land, dem immer viele bewußte und unbewußte Hoff­nungen und Erwartungen gegolten haben: ob es die Klugheit und Feinheit, das politische Ingenium besitzen werde, die Welt auf schonende Art aus dem Banne von Versailles hinauszu­führen? So paradox das klingt — die ungeheuere europäische Beliebtheit Stresemanns und die allgemeine Untröstlichkeit über seinen frühen Tod sprechen für eine solche psychologische Vermutung.

Am Ende der Politik Stresemanns stand und steht die fried­liche Revision des Versailler Vertrages mit bewußter Zustim­mung Frankreichs und ein deutsch-französisches Bündnis als Fundament des friedlichen Aufbaus Europas. Das deutsche Volk, das Frankreich nicht einmal im Kriege gehaßt hat, ist, welchen Anschein auch die Dinge im Augenblick gewonnen haben mögen, zu diesem Bündnis bereit. Ich sage das nicht, weil ich es wünsche, weil ich die französische Literatur bewun­dere oder aus solchen persönlichen Gründen, sondern einfach, weil mein deutsches Gefühl es mir sagt. Und Franzosen, die ihr Volk so gut kennen, wie ich das meine zu kennen glaube, ver­sichern für die andere Seite dasselbe. Bei allen Diskussionen freilich über das Schicksal Europas, allen Versuchen, die Starr­heit der internationalen Lage zu lösen, stellt Frankreich die These der Sicherheit in den Vordergrund, der unbestreitbar kostbaren Sicherheit Frankreichs. Nun, meine geehrten Zu­hörer, ich bin mir wohl bewußt, daß die Wände dieses Saales Ohren haben und daß vielleicht auch Franzosen, aus allgemei­ner Achtung vor deutschem Geistesleben, auf meine Worte hören. Und darum will ich es aussprechen: Die beste, die wirk­lichste Sicherheit Frankreichs ist die seelische Gesundheit des deutschen Volkes. Daß diese Gesundheit gestört ist durch eine allgemeine politische und wirtschaftliche Krise, die aber für Deutschland durch unweise Friedensbedingungen aufs gefähr­lichste verschärft wird, sieht die Welt. Darum lasse Frankreich mit sich reden, wie es sich zwischen gesitteten und vernunft­vollen Völkern geziemt, über die schlimmsten Punkte eines Vertrages, geboren aus einer Gemütsverfassung, die nicht da­nach angetan war, echte Verträge zu zeitigen, eines Vertrages, dem Dauerlosigkeit von Anbeginn an der Stirne geschrieben stand.

Jeder Außenpolitik, meine geehrten Zuhörer, entspricht eine Innenpolitik, die ihr organisches Zubehör darstellt, mit ihr eine unauflösliche geistige und sittliche Einheit bildet. Wenn ich der Überzeugung bin — einer Überzeugung, für die es mich drängte nicht nur meine Feder, sondern auch meine Person einzusetzen —, daß der politische Platz des deutschen Bürger­tums heute an der Seite der Sozialdemokratie ist, so verstehe ich das Wort »politisch« im Sinn dieser inneren und äußeren Einheit. Marxismus hin, Marxismus her, — die geistigen Über­lieferungen deutscher Bürgerlichkeit gerade sind es, die ihr die­sen Platz anweisen; denn nur der Außenpolitik, die der deutsch­französischen Verständigung gilt, entspricht eine Atmosphäre im Inneren, in der bürgerliche Glücksansprüche wie Freiheit, Geistigkeit, Kultur überhaupt noch Lebensmöglichkeit besitzen. Jede andere schlösse eine nationale Askese und Verkrampfung in sich, die den furchtbarsten Widerstreit zwischen Vaterland und Kultur und damit unser aller Unglück bedeuten würde.

Wir verabscheuen diesen krankhaften und zerstörerischen Widerstreit. Der Friede nach außen ist eins mit dem inneren Frieden. Das letzte Wort des Reichsanwalts in Leipzig, als er die Verurteilung der jungen Offiziere gefordert hatte, lautete: »Ich wollte die Angeklagten nicht kränken.« Nein, nicht um Kränkung geht es, auch hier und heute nicht. Der Name voll Sorge und Liebe, der uns bindet, der nach Jahren einer halben Entspannung uns heute wieder wie 1914 und 1918 im tief­sten ergreift, uns Herz und Zunge löst, ist für uns alle nur einer: Deutschland.

Gehalten am 17. Oktober 1930 im Berliner Beethoven-Saal.

Quelle: Thomas Mann: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band XI, Frankfurt/Main: S. Fischer 1974, S. 870-890.

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