ALLES NEU. PREDIGT ÜBER DIE JAHRESLOSUNG 2026
Von Rolf Wischnath
„SIEHE, ICH MACHE ALLES NEU!“ (Offenbarung 21,5).
I
Das ICH in dieser Jahreslosung ist GOTT: –
der Schöpfer und HERR der Welt,
der Retter seines Volkes Israel.
ER nimmt uns hinein in die Offenbarung seines Sohnes JESUS CHRISTUS:
im Krippenkind,
in den Begebenheiten seines irdischen Leben,
seiner Wunder und Worte,
seiner Predigten und Weissagungen
seiner Zuwendungen zu den Kranken und Armen.
Vor allem aber zieht er uns hinein in die Ereignisse des
Karfreitags
und des
Ostermorgens .
Und ER schenkt uns Glauben und Folgsamkeit in der Kraft seines HEILIGEN GEISTES.
Der dreieinige GOTT – Vater, Sohn und Heiliger Geist – ist alleiniges Subjekt in dieser Jahreslosung:
Ein Subjekt ist eine handelnde Person, die in einem Satz benannt wird und auf die Frage „Wer?“ antwortet. „Siehe, ICH mache alles neu“.
Das ICH ist GOTT in dreifacher Gestalt, aber ungetrennt.
ER redet, schafft und tut es, das Neue – ER allein!
ER bleibt der Schöpfer, Versöhner und Erlöser,
der diese Welt nicht zugrunde richtet.
Er restauriert und renoviert sie nicht einfach.
Sondern ER wird sie umformen, von Grund auf neu machen.
In einer neuen Schöpfung von allem, was wir wahrnehmen können.
Alles (!) neu (!)!
Es lässt sich auch übersetzen: „Da! NEU mache ICH alles“. Uns auch!
Es ist doch dies das höchste – das allerhöchste –Versprechen des Höchsten.
II
Aber wäre es nicht angemessen und geboten, diesmal statt allzu großer GROßBUCHSTABEN, statt einer hymnischen EINLEITUNG zur Predigt den einen Satz der Jahreslosung auszusprechen?
„Siehe, ICH mache alles neu!“ -?
Und hätte ich nicht demzufolge bitten können, die Heizung in dieser Kirche gar nicht erst anzustellen, es heute dabei zu belassen und der Gemeinde nur eben diese sechs Silben, diese sechzehn Buchstaben zu gönnen und zuzumuten?
Nur würde dann dieser einzelne kurze Satz dieser Jahreslosung den sog. „GOTTesdienstbesuchern“ zugemutet. Nicht mehr. Nicht weniger. Und dann beendeten wir diesen GOTTesdienst, pusteten die Kerzen aus und übergeben die Kirche der nächtlichen Dunkelheit.
III
Denn, meine Schwestern und Brüder, wer sind wir denn? Ich? Wir? Die, die wir GOTTes Wort dauernd meinen auslegen und breittreten zu können? es zu kommentieren? es zu bemäkeln es zu benörgeln? Was fällt uns denn ein, GOTTes Wort immer wieder in den Griff unseres Kopfes und Herzens, in die Sprachakrobatik unserer Gelegenheiten und unserer Umgangssprache zu nehmen? Dürfen wir denn diese höchste Verheißung GOTTes – „Ich mache alles neu!“ – nunmehr ein ganzes Jahr lang als unsere, von uns ausgesuchte Jahreslosung, als eine seelenbesänftige „Losung“
~ in den Mund nehmen
~ und plappern
~ und stottern
~ und ausmalen,
was denn dieser eine Satz möglicherweise für Dich und mich, für diese Gemeinde besagen könnte?
IV
Letzten Endes geht es bei diesen Fragen um die Ehre GOTTes. Zu seiner Ehre zu leben, fordert Paulus im 1. Korintherbrief: (10, 31) – für alle: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was immer ihr sonst tut – alles soll zur Ehre GOTTes geschehen.“ Achtung und Respekt, Wertschätzung und Anerkennung, die man IHM entgegenbringt, heißt GOTT zu ehren – nicht uns. Weil ER in seiner Ehre liebevoll und gnädig, gerecht und angemessen und etwas Besonderes ist. GOTTes Ehre ist ja
~ sein Leben,
~ seine Lebendigkeit,
~ seine Zuneigung selbst,
~seine Offenbarung in Jesus Christus
~im Rückblick und im Vorausblick.
Sie ist auch in unserer Zeit im Gekreuzigten und Auferstanden gegenwärtig. In ihm geschieht die Ehre: „Soli Deo Gloria“, GOTT allein die Ehre! So steht es in großen goldenen Lettern über dem Portal meiner Schule, dem Evangelisch-Stiftischen Gymnasium zu Gütersloh in Westfalen. Und Johann Sebastian Bach schreibt es im Buchstabenkürzel S.D.G. (Soli DEO GLORIA / GOTT ALLEIN DIE EHRE) unter fast alle seiner geistlichen Musikwerke. Auch unter’s Weihnachtsoratorium.
GOTT findet seine Ehre selber in der Zuwendung und Treue zu uns scheiternden Menschen. ER lässt sie nicht zuschanden werden. Für diese Ehre steht ER allein ein. Weil unser Einstehen dafür ziemlich vorläufig und unzuverlässig ist. Die Jahreslosung benachrichtigt uns darüber:
GOTT werde seine Ehre letztlich in der neuen Schöpfung, die alles umfasst, zu einer unwidersprechlichen, neuen Gestalt bringen. Indem ER alles neu macht, wird er das tun.
V
Was ist das „Neue“? Wann kommt es?
Darf ich das alles in Großbuchstaben so sagen? Radebreche ich hier nicht? Stammele ich nicht? Rede ich hier nicht stümperhaft? Während ich auf 2025 als eines sehr schwierigen, waffenstarrendes und hungernden Jahres blicke, töne ich im Heldentenor etwas über den lieben Himmel und eine funkelnagelneue Welt, einem ganz neuen Universum. Übernehme und überhebe ich mich nicht? Ist meine Ausdrucksweise nicht eine Unverschämtheit gegenüber der Ehre GOTTes? Kann man denn auch hinsichtlich jenes endlich abgelaufenen Jahres im Rückblick und dem Neuen Jahr im Vorausblick mehr sagen als: Vorausblick:
Es wird mit den letzten Tagen der Welt – welche sich nicht nach unseren Kalendern richten – mit uns und unserer alten Welt absonderlich abgehen. Das heißt: Es wird vom Gewöhnlichen, Üblichen abweichen und es wird in einer unvorstellbaren Weise vollkommener geschehen, als wir es uns jetzt vorstellen können. Oder es geschieht gar nichts? Und das Rätsel dieser Welt und dieses Universum bleiben ungelöst. Und die Theologie wird als religiös, völlig überspannte Geisteswissenschaft, Geistesunwahrheit bloßgestellt – nur dass ich im Sarg es nicht mehr höre
Mehr wissen wir nicht. Wir können das Alles-Neue eben nicht denken und sagen, wie das einst sein wird?
VI
Eine lateinische Redewendung lautet „totaliter aliter“ (gänzlich anders, völlig anders). Sie hat ihren Ursprung in einer mittelalterlichen Erzählung von zwei Mönchen, die sich das Paradies in ihrer Phantasie in den glühendsten Farben ausmalten und sich dann gegenseitig versprachen, dass der, welcher zuerst sterben würde, dem anderen im Traum erscheinen und ihm nur ein einziges Wort sagen solle. Entweder „taliter“ – es ist so, wie wir uns das vorgestellt haben, oder „aliter“ – es ist anders, als wir es uns vorgestellt haben.
Nun ist der erste gestorben. Da erscheint er dem anderen, dem Zweiten im Traum, und er sagt zwei Worte: „totaliter aliter!“ – Das heißt: Es ist vollkommen und völlig anders als wir es uns vorgestellt haben.
VII
Ja, totaliter aliter. Aber reicht das? Warten wir denn auf etwas völlig Anderes, von dem ich heute nichts anderes zu sagen weiß als totaliter aliter. Gänzlich anders? Ganz neu? Wohl wahr:
Anders als in Anschauungen und Bildnissen, in Skizzen und Layouts geht es nicht. „Und alle diese Bilder hinken, und doch ohne sie kann man nichts von GOTT heißen“, sagt der Kirchenvater Augustinus von Hippo im fünften Jahrhundert.
Aber dennoch: auch hinkend zeigen die Bildnisse und Skizzen doch in bestimmte und bestimmende Richtungen. Sie dürfen recht eigentlich nicht beliebig sein. Bildnisse und Skizzen brauchen den biblischen Bezug. Und sie müssen in unserer alten Welt von Belang sein. So können und müssen unsere Sprachbilder zieltreffend und „approximativ“ – d.h. annähernd – genau sein. Sie müssen eine Wiederholgenauigkeit haben. Sie sind nicht willkürlich.
Und „Neuschöpfung“ heißt ja nicht wegwerfen, nicht: „Alles Alte kommt weg“. GOTT ist kein Abrissunternehmer, der zerstört, um bei Null zu beginnen. Das griechische Wort „kainos“, das in der Jahreslosung mit „neu“ übersetzt wird, meint „grundlegend verwandelt und erneuert, in einen neuen Zustand versetzt.
VIII
GOTT macht das Alte nicht zunichte, sondern er umwandelt es ins Neue.
Und wir werden uns wieder erkennen. In der Gestalt wie GOTT uns gemeint hat.
Von dem reformierten Jahrhundert-Theologen Karl Barth wird berichtet, es habe ihn eine (möglicherweise zu fromme) Frau eindringlich gefragt: „Herr Professor, Herr Professor, sehe ich denn im Himmel meine Liebsten wieder?“ Der Jahrhunderttheologe: „Ja! – Aber die Anderen auch“.
So wir uns wiedersehen, wage ich es, von meiner konkreten Hoffnung zu sprechen Von dem, was ich erhoffe, predige ich jetzt.
Ich bin erhoffend, dass es so wenigsten annähernd sein wird:
IX
- Im Tod beginnt das ewige Leben.
- Da geschieht unsere Erweckung..
Unsere Krankheiten werden überwunden sein.
Die Dementen bekommen ihr Gedächtnis wieder.
Kriege + Ungerechtigkeiten werden überwältigt sein.
GOTTes neue Welt kennt keine Ausgrenzung:
Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Alter, Beeinträchtigung, sexuelle Identität oder so ziale Stellung verlieren ihre trennende Kraft.
GOTTes Liebe in Jesus Christus gilt allen Menschenkindern seiner wunderbaren Schöpfung. GOTT nimmt sie in ihrer Unterschiedlichkeit, in ihrer Würde und Ehre an.
Ich hoffe, dass es für mich als einem leidigen Sünder Vergebung geben wird für meinen Ungehorsam – und für die Anderen auch.
Ich erhoffe, dass es keine Hölle geben wird. Sondern eine Ahndung, in der der Chris-tus auch als mein Richter aufzuheben vermag: meine beträchtliche Schuld, unsere Unsäglichkeiten und Aufgeblasenheiten der Menschen zu nichten.
Und ER wird das ewige Leben für uns bereit halten
X
Aber steht im Neuen Testament nicht etwas vom „Jüngsten Gericht“, in welchem wir hinsichtlich unserer unbarmherzigen Taten oder Nichttaten beurteilt werden und in die Hölle gehen können?
Und wird der Große Richter nicht auch zu uns – zu seiner Linken – sagen:
„Hinweg von mir! GOTT hat euch verflucht. Ihr gehört in‘s ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel vorbereitet ist.“ [Matthäus 25, 41]
Und heißt es nicht in der Fortsetzung des Textes mit der Jahreslosung: Offenbarung des Sehers Johannes Kapitel 21:
„Den Feiglingen und Treulosen, denen die Abscheu erregen und morden, Hurerei treiben, zaubern und Götzen dienen – all denen, die der Lüge verfallen sind. Auf sie wartet der See aus Feuer und brennendem Schwefel. Das ist der zweite Tod.“ [8]
Das ist eine sehr schwere Wahrnehmung des Evangeliums. Wird es so denn sein, dann müsste ich jedenfalls schon hier vergehen und vor dem Jüngsten Gericht zittern + zagen.
XI
Ich möchte es dennoch frei sagen:
Ich glaube das nicht mit der Hölle. Der GOTT in Christus wird nicht eine Konzentration der Verlassenheit für Milliarden Sünder – darunter auch mich -im Sinn haben. Sie werden nicht unter einem solchen unheimlichen endgültigen Urteil stehen. Sie werden nicht einen ewig geltenden negativen Richterspruch, ein ewiges Verdammungsurteil erfahren Und sie und wir werden nicht in eine verfluche ewige Höllenpein verjagt werden.
Ich leihe mir zur Rede vom Jüngsten Gericht die Auslegung eines Theologen, dem ich seit zwei Jahren nahe gekommen bin. Es heißt Michael Trowitzsch: Theologieprofessor der Universität Jena. Er schreibt in seinem besonderen Buch mit dem Titel „Von der Treue Christi zur Welt“ [auf Seite 441] zum jüngsten Gericht:
Das Jüngste Gericht ist ein Gericht vor dem Forum des Ja Christi (2. Kor 1, 19). Es wird wie ein Sieb die Momente eines Lebens schütteln (Am 9, 9), wie ein Feuer, das das Eine in Rauch aufgehen lässt und Anderes nicht angreifen kann; das die guten Werke zu Ehren bringt, die blutigen Stümpfe aber ausbrennt, die nichtigen menschlichen Werke nichtet …. Das aber die Person selbst – Du und Ich – barmherzig von ihren bösen Werken, errettet sein lässt. Gnädig wird unterschieden: hier Strafe, Läuterung, Auslöschen, Verbrennen der bösen Werke – und dort die volle Person selbst. ….
Du Herr meiner Zeit, Herr allen Seins, Neuerer … Du entziehst Geschichten deren böse Wirklichkeit, zerstörst die fürchterlichen Taten und Gebete, vollendest die liebevollen. GOTT der Vollendung, GOTT des Geheimnisses, der Faszination, der Menschenwürde, des Wiedersehens, der Herrlichkeit – Christus-GOTT.“ Amen.
Ein Nachwort:
Meine Predigt ist nun lang geworden. Möglicherweise zu lang und zu reformiert. Und manche mögen sie zu anstrengend erfahren haben; anscheinend nicht gut und rasch zu verinnerlichen. Für die – und für die anderen desgleichen – sage und nenne ich einen kurzen Satz, in dem alles Wichtige enthalten ist:
Bischof Werner Krusche – von 1968 – 1983 Bischof der Mitteldeutschen Kirche – sagt zu einem Thüringer Pfarrer:
„Ich werde bald sterben. Aber keine Sorge, das werde ich auch noch überleben.“
Fürbittengebet
gnädiger GOTT,
nur wenige von uns können
dem neuen Jahr ganz zuversichtlich entgegensehen
andere können den blick kaum heben,
weil sie unter großem druck stehen,
weil ärger ihnen das leben schwer macht,
weil sie in konflikten leben
oder sie abschiede nicht verwinden,
weil sie so große Angst
vor dem unfrieden und einem krieg haben
breite deinen guten geist aus
in unserer mitte
und lehre uns,
belastung und freude
zuversicht und sorge
miteinander zu teilen.
richte unseren blick
auf den gekommenen und kommenden CHRISTUS,
unseren erlöser, durch den alles neu machen wirst
tröste uns aber schon jetzt
in diesem schwierigen Jahreswechsel 2025 / 2026
wir brauchen deinen trost wieder und wieder
und lass uns auch sehen und tun,
was wir schon jetzt im vorschein des neuen
leben und tun, beten und handeln
GOTT, ruf uns aus der ständigen mühe,
uns und anderen unseren wert zu beweisen!
nimm uns die angst,
abzustürzen ins nichts.
belebe unser vertrauen zu dir.
weite unser herz
in wahrnehmung
des geborenen und gegenwärtigen CHRISTUS
in erwartung seines kommens,
wenn er nichtet, was zu nichten ist
und alles neu macht,
ER, der ohne bedingungen ja zu uns sagt.
vor dich bringen wir jetzt,
für das wir recht eigentlich keine sprache haben:
alles schreckliche, was geschieht und was unter den namen
israel und gaza, kiew und moskau, sudan und kongo,
hunger und krankheit, leid und tod
zu denken und zu tun wäre.
so schweigen wir, weil unsere worte nicht hinreichen
schweigezeit
gib frieden HERR, gib frieden
mit worten, die tragen.
die tun, was sie sagen,
nähre du unsere seelen,
dass sie bei allem materiellen überfluss
nicht hungrig bleiben.
lass leuchten dein antlitz, so genesen wir. amen