Von Adolf von Harnack
Preisen muß man es, daß jedes Jahr ein Tag wiederkehrt, an dem Freude und Friede verkündet wird, an dem die Herzen und Hände sich auftun, um Liebe zu üben, und der mit seinem Glanze hineinstrahlt in das schwere Dunkel unserer Tage. Und mit dem heißen Wunsche erfüllt sich das Herz, es möge niemand ausgeschlossen bleiben, und keiner bei der Festfeier vergessen sein.
Das Weihnachtsfest hat seine Wurzeln an den Weihnachtsgeschichten; daher soll man ihrer in diesen Tagen gedenken. Diese Geschichten, wie sie seit bald zweitausend Jahren in allen Weltteilen erzählt, besungen und gemalt werden, verdanken wir ausschließlich zwei Evangelisten, dem Juden Matthäus und dem Griechen Lukas; denn die Erzählungen, welche spätere Zeiten hinzugefügt haben, haben nur eine geringe Verbreitung gefunden. Von den beiden Evangelisten aber gebührt dem Lukas die Palme, so gewiß uns Matthäus in der Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland ein meisterhaftes Werk geschenkt hat, aber an die wunderbare Erzählungskunst des Lukas reicht er nicht heran. Sinnvoll hat ihn die jüngere Überlieferung „den Maler“ genannt — Lukas ist nicht Maler, sondern nach dem Zeugnis seines Freundes, des Apostels Paulus, Arzt gewesen, aber Auge und Hand waren die eines großen Malers. Was er erzählt hat, waren nicht Mythen, wenn solche auch vielleicht hineinspielen, sondern Legenden, nicht von ihm erfundene, sondern ihm bereits überlieferte; aber wie er sie empfunden und in großartigen und doch zarten Bildern wiedergegeben, untereinander verbunden und abgetönt hat, das ist sein eigenstes Werk. Griechischer Kunstsinn hat sich hier mit der tiefsten jüdisch-christlichen Frömmigkeit vermählt, griechische Weltoffenheit mit der Abgeschlossenheit enger israelitischer Kreise, die auf Trost und Erhebung warteten. Aus diesen Verbindungen sind die Bilder entstanden, deren Anziehungskraft nach Form und Inhalt jeden Wechsel der Weltgeschichte überdauert hat.
Unter den zahlreichen Weihnachts- und Kindheitsgeschichten des Lukas ist das Hauptstück, die eigentliche Geburtsgeschichte, zugleich auch die künstlerisch vollkommenste Erzählung. Unwillkürlich fragt man sich, so oft man sie wieder liest, ob sich der Verfasser selbst all des Großartigen und Beziehungsvollen bewußt gewesen ist, was uns in seiner Schilderung ergreift und erhebt, oder ob ihm als unbewußtem Seher die Feder geführt worden ist; aber wer will das entscheiden?
„Es ging ein Gebot vom Kaiser Augustus aus“ — mit diesen Worten beginnt er, und mit einem Schlage sehen wir uns in den Mittelpunkt des Weltgeschehens versetzt und hören den gefeierten Namen des Zeitalters: Augustus, der Friedefürst.
„Als Quirinius Landpfleger in Syrien war“ — alsbald werden wir von Rom in den Orient geführt, in die große Provinz, in der der Austausch vieler Religionen und zweier Kulturen am lebendigsten war.
„Joseph und Maria machten sich auf und gingen von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa, in die Stadt Davids“ — zuerst das gering geschätzte, halbheidnische Galiläa, dann der enge Schauplatz eines Dorfes in Judäa, aber über diesem Schauplatz schwebt der Name des großen Königs David, der die Erinnerungen und alle Hoffnungen Israels einschloß!
Augustus und David — kann man die Erwartungen der Leser noch höher spannen? Kann man die weltgeschichtliche Bedeutung dessen, was nun erzählt werden soll, stärker zum Ausdruck bringen? Aber was da folgt, ist zunächst die Erzählung einer ganz armseligen Geburtsgeschichte, einer Geburt nicht einmal in einem Wohnhaus, sondern in dem Stall einer Herberge — der Königssohn in einer Krippe liegend! Und des Armseligen noch nicht genug: Aufs Feld und ins Dunkle zu Hirten werden wir gewiesen, die nachts ihre Herden weideten. Tiefer kann der Abstieg nicht führen: Von Augustus zu den Hirten! Nun aber tut sich der Himmel auf: die herrliche Botschaft wird zuerst den Ärmsten verkündet, aber sie gilt allem Volk: „Fürchtet euch nicht“ — „Euch ist heute der Heiland geboren“ — „Friede bei den Menschen des göttlichen Wohlgefallens.“ Das ist der hohe Dreiklang der evangelischen Botschaft, an ihrer Spitze das Wort: „Fürchtet euch nicht.“ Der Kirchenvater Augustin hat einmal gesagt: Wenn man alles Übel aus der Welt beseitigte, aber die Furcht vor dem Übel bestehen ließe, würde sich am traurigen Zustande der Menschheit nichts ändern. Er hat recht: das, was uns knechtet, ist die Furcht, und wiederum das, was uns allein von der Furcht zu befreien vermag, ist das Vertrauen. Aber es muß ein absolutes Vertrauen sein, sonst kann es nicht helfen. Je stärker uns die Relativität und die Unverläßlichkeit aller irdischen Dinge auf die Seele fällt, desto deutlicher wird uns auch, daß wir entweder in den Pessimismus versinken oder an Gott zu glauben wagen müssen: „Ein feste Burg ist unser Gott“; denn freudig leben und zuversichtlich wirken vermag nur ein Mensch, der zum großen Gang der Dinge und zum Sinn seines eigenen Lebens trotz alles Widerscheines Vertrauen hat. Das aber heißt an Gott glauben, und das bedeutet zugleich, befreit zu werden von aller Furcht.
„Euch ist heute der Heiland geboren“ — die Worte „Heiland“, „Erlösung“ scheinen heute vergessene Worte zu sein und wie ausgestrichen aus dem geläufigen Vokabular. In jener Zeit waren sie es nicht, vielmehr schaute alles nach Heilanden aus. Aber ich wage auch heute zu fragen: Hat es jemals einen Menschen gegeben, der niemals nach Erlösung ausgeschaut hat, und hat es jemals einen höheren Menschen gegeben, der nicht, rückschauend auf sein Leben, bekennen mußte, daß er das, was er geworden ist, zu einem großen Teil „Heilanden“ verdankt, das heißt Menschen, zu denen er ehrfurchtsvoll aufschaute, und die ihn befreit und zur Höhe gehoben haben? Nicht nur ein Prophet erweckt den anderen, sondern auch im regelmäßigen Gang der Entwicklungen entzündet sich reineres und höheres Leben nur an einer mächtigeren Flamme, und letztlich ist dieses Feuer Gottesfeuer; denn daß von Ihm, durch Ihn und zu Ihm alle Dinge sind, wird uns verkündet, und wir versuchen es, diesem hohen Gedanken nachzudenken. Daß aber jegliche Kraft, die uns von uns selbst befreit und über die Welt erhebt, von Ihm stammt, das empfinden wir selbst. Ein Christ soll dem anderen ein Christus werden, hat schon die älteste Kirche verkündet; aber so hat sie gepredigt, weil sie in dem in Bethlehem Geborenen den Weltheiland erkannte, den Erstgeborenen unter vielen Brüdern, die aus seiner Fülle schöpfen. Noch ist freilich die Aufgabe des Weltheilandes lange nicht erfüllt, und auch der Umfang der christlichen Kirchen ist kein Maßstab und keine Gewähr für ihre Erfüllung; aber daß der große Gang der Weltgeschichte die Predigt vom Weltheiland ins Unrecht gesetzt hat, oder daß die biblische Verkündigung einer tieferen Frömmigkeit und höheren Ethik Platz machen muß, kann kein Einsichtiger behaupten.
Und das dritte Stück der Weihnachtsbotschaft — „der Friede“! Der Spruch, der der eigentliche Festspruch der Feier ist, ist wahrscheinlich so zu übersetzen:
Preis in der Höhe sei Gott und auf Erden,
Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens;
aber auf diesen Unterschied in der Übersetzung kommt wenig an. Der Hauptsinn bleibt derselbe: Gott die Ehre, den Menschen der Friede!
Der Friede — für den inneren und äußeren Menschen, für Haus und Familie, für Handel und Wandel, für die Staaten und den ganzen Weltkreis, für Leben und Sterben gibt es nichts Köstlicheres als den Frieden, und wenn wir auf die Stimmen der Völker, ihrer Lehrer, Propheten und Dichter lauschen, so ist es der Friede, den sie alle preisen und heiß begehren. Aber diesem heißen Begehren entspricht nicht, wenn wir näher zusehen, die klare Einsicht, wie ein vollkommener Friede beschaffen sein muß, und noch weniger die Einsicht, wie man zu ihm gelangt. Wirre Stimmen hören wir vielmehr und halbwahre Urteile: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge und jeglichen Fortschritts“, „Wenn du Frieden willst, so rüste den Krieg“, „Dauernder Friede erschlafft die Menschen“, „der frische, fröhliche Krieg“ und ähnliches. Aber von solchen Unklarheiten ist die Menschheit nun endlich befreit worden, befreit durch das furchtbare Erlebnis des Weltkrieges, ja, diese Befreiung ist sein einziger positiver und segensreicher Erfolg — wenn die Menschheit bereit ist, ihn zu erkennen und anzunehmen. Der Weltkrieg hat uns gelehrt, was der Krieg ist und in noch fürchterlicherer Weise sein wird — vorher haben wir das nicht gewußt — aber eben dadurch hat er uns auch gelehrt, was der Friede ist: Krieg ist der Kampf aller gegen alle im buchstäblichsten Sinn, aller Männer, Frauen und Kinder; Krieg ist die Aufhebung aller sittlichen Grundsätze und die Preisgebung aller sittlichen Güter; Krieg ist der Feldzug der Verleumdung und Lüge über den ganzen Erdball; Krieg ist der Hunger, der Untergang der Kultur, das Chaos und die Ausrottung. Aber auch wie es zum Kriege kommt, hat uns der Weltkrieg gelehrt — kein vorangehendes Aufgebot des Hasses ist nötig, keine Verschwörung der Bosheit, keine räuberische Habsucht, sondern „nur“ unbekümmerter Nationalismus, unbekümmerter Rassenstolz und gedankenloser Leichtsinn. Daraus ergibt sich aber auch mit gebieterischer Klarheit, was der Friede ist, und wie man zu ihm gelangt. Nicht ein labiler Gleichgewichtszustand ist der Friede — der kleinste Druck zerstört ihn — sondern ein durch das Aufgebot aller sittlichen Kräfte geschaffener und behüteter wirklicher Freundschaftsbund der Völker. Nur um diesen höchsten Preis ist er zu haben. Das Wort: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ muß aus dem Verkehr der Völker ebenso verschwinden wie das andere: „Recht oder Unrecht — mein Land“, und der Irrwahn muß weichen, das wohlverstandene eigene Interesse, nicht allzu schroff angewandt, reiche aus, um den Frieden zu erhalten. Volle Anerkennung der Eigenart und der Rechte der anderen, brüderliche Gesinnung und wirkliche Freundschaft sind nötig, ein Völkerbund, so umfassend wie das Leben selbst — nur diese starken Kräfte können das Wiedererstehen der Kriegsgefahr verhindern. Heute liegt es vor Augen: die höchsten sittlichen Güter und Gebote offenbaren sich als die elementaren, notwendigen Voraussetzungen des Friedens — die Gerechtigkeit, die Nächsten- und Fernstenliebe, das Reich des Guten, verwirklicht in der Gemeinschaft der Völker!
Daß diese herrliche Erkenntnis uns, sei es auch aufgenötigt worden ist, und daß daher unserer Zeit die Aufgabe gestellt ist, sie zu verwirklichen, das soll uns mit hoher Freude erfüllen. Dem vorigen Jahrhundert waren unter anderem die Aufgabe der Abschaffung der Sklaverei und der Hebung des Arbeiterstandes zugewiesen — gewaltige Aufgaben; aber wie viel gewaltiger und höher ist die unsrige: die Botschaft des Friedens soll auf der Erde verwirklicht werden! Schon die Stellung der Aufgabe ist der Anfang des Friedens, und mit Freude bezeugen wir aus dem Erlebnis des letzten Jahres, daß bereits ein wirklicher Anfang gemacht ist. Dank sei unseren politischen Führern und den erleuchteten Staatsmännern in beiden Hemisphären! Wohl wissen wir, daß es nur langsam vorwärtsgehen wird und ein schweres Ringen mit dem drapierten wirtschaftlichen und politischen Egoismus der Völker uns bevorsteht — auch die Aufgaben des vorigen Jahrhunderts sind noch lange nicht zu Ende geführt — aber der einzuschlagende richtige Weg ist erkannt. Freilich, die Erkenntnis allein tut es nicht; Umkehr, stärkste sittliche Anspannung, Opfermut, eine neue Erziehung und ein neuer Geist sind nötig; aber noch niemals ist die bittere Notwendigkeit des Lebens dem sittlich Notwendigen so zu Hilfe gekommen wie heute nach dem großen Weltkrieg. Man fürchte aber nicht, durch den „Pazifismus“ könne die nationale Eigenart und Kraft leiden; denn er bedarf der Anspannung ihrer besten heroischen Kräfte, muß also der Vollendung der nationalen Eigenart dienen.
Mit Zuversicht wollen wir Weihnachten feiern und in das neue Jahr übergehen. „Friede auf Erden“ — er muß uns werden! „Es muß uns doch gelingen!“
Quelle: Adolf von Harnack, Ausgewählte Reden und Aufsätze, Berlin: De Gruyter, 1951, S. 166-171.