Predigtmeditation zu Johannes 20,11–181
Von Hans Joachim Iwand
Auch in dieser Ostergeschichte steht Maria Magdalena im Mittelpunkt der Handlung. Sie ist in der Frühe zum Grabe gekommen und hat es leer gefunden. Sie ist dann zurückgeeilt und hat die Botschaft von dem verschwundenen Leichnam des Herrn Petrus und Johannes gebracht. Ehe nun die eigentliche Begegnung zwischen Maria und dem Auferstandenen erzählt wird, findet ein Wettlauf der beiden Jünger zum leeren Grab statt, offenbar als Auftakt des Kommenden, wie ein Zwischenspiel, das aber nicht ohne Bedeutung für das Folgende ist, steht dieser Bericht über das Eilen der beiden Apostel mitten in der Ostergeschichte der Maria Magdalena. Johannes ist früher da als Petrus und wartet, Petrus kommt später – zögernder – und geht dann doch zuerst hinein. „Sind Petrus und der Lieblingsjünger die Repräsentanten des Juden- und Heidenchristentums, so ist der Sinn offenbar der: aus Judenchristen besteht die erste Gemeinde der Gläubigen; erst nach ihnen kommen die Heidenchristen zum Glauben. Aber das bedeutet keinen Vorrang jener; sachlich stehen beide dem Auferstandenen gleich nahe, ja, die Bereitschaft zum Glauben ist bei den Heiden größer als bei den Juden“ (Bultmann, Johannes-Evangelium, S. 531). Etwas anders Gregor: Die Synagoge (Johannes) kommt zuerst zum Grab, aber sie geht keineswegs hinein, … gefolgt von der später kommenden Kirche der Heiden (Petrus), die Jesus Christus erkannte, im Fleisch gestorben, und glaubte, dass er als Gott lebt (in Homilie 22 zum Evangelium). Was hier geschieht, steht also schon unter dem Zeichen dessen, was an Maria und durch Maria offenbar werden soll: die Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi. Die Jünger gehen zurück. Maria steht wieder allein am Grabe. Sie weint um den Herrn. Sie kann sich nicht beruhigen in ihrem Schmerz. Als sie in die Grabkammer schaut, sieht sie zwei Engel in leuchtenden Kleidern. Sie sind die Boten der anderen Welt. Weiße Gewänder waren, wie wir wissen, ein Symbol himmlischer Herrlichkeit (Calvin). Doch im Unterschied zu den synoptischen Berichten sind die Engel hier nicht selbst die Boten der Auferstehung. Sie treten zurück in ihrer Funktion vor dem, der sich selbst in seiner Erscheinung und seinem Wort als der Auferstandene bezeugt. Alles Bisherige ist nur Vordergrund gewesen, nur Vorspiel für das eigentliche Ereignis der Offenbarung. Jetzt tritt die Wendung ein. Aus der Tiefe heraus erscheint eine neue Gestalt. Jesus selbst. Maria wendet sich um, sieht ihn und weiß doch nicht, dass es Jesus ist. Jetzt, in der Begegnung zwischen Jesus und Maria, der weinenden, suchenden, nicht vom Grabe weichenden Maria, deren Herz durch die große Macht der Liebe entzündet worden war (Gregor), wird die Osteroffenbarung Ereignis. Alles andere ringsherum versinkt, tritt davor zurück. Es bleibt das Wort, das Erkennen, der Befehl der Verkündigung.
Erst der Anruf des Mannes, den Maria für den Gärtner hält, den sie nach dem Leichnam des Meisters fragt, öffnet ihr den Sinn. Sie weiß sich bei ihrem Namen gerufen (Jes. 43,1; Joh. 10,27; 18,37). Nun erkennt und bekennt sie den Herrn: Rabbuni! Die Ostergewissheit, der Osterglaube ist also doch wohl etwas mehr, vielleicht auch etwas weniger als der Glaube an eine „Tatsache“; es kommt hier nicht zu den soundso viel Tatsachen, die wir kennen, noch eine weitere Tatsache hinzu, eher wäre es schon richtiger zu sagen: mitten in der Tatsachenwelt ist hier ein großes Loch, und vor diesem Loch, vor diesem leeren Grab, muss man Posto fassen, wenn man Zeuge dieses seltsamen Gesprächs werden will, das Maria und ihr Gegenüber führen. Und man muss auch ein Auge dafür haben, dass an diesem „Loch“, in dieser sonst so festgefügten Tatsachenwelt, nicht mehr die beiden Wächter sitzen, die von Amts wegen – von Staats wegen – dahin gesetzt waren, um den Leichnam zu bewachen, sondern zwei Wächter jener Siegermacht, die dieses Loch gerissen hatte. Am Rande des leeren Grabes und im Lichte eines Glanzes, der nicht von unten her ist, fallen jetzt die Worte, bricht die Erkenntnis auf, wird der Befehl empfangen und weitergetragen. Und doch ist der Auferstehungsglaube eigentlich kein „neuer“ Glaube; „Rabbuni“ hat Maria heute gewiss nicht zum ersten Mal gesagt, und „Maria“ – diesen Anruf aus seinem Munde – hat sie heute gewiss nicht zum ersten Mal vernommen. Aber nun ist gewiss, dass auch der Tod daran nichts ändert, dass der grausame Versuch der Welt, zwischen Gottes uns suchendes, rufendes, rettendes Wort und uns die schalldichte Wand des Todes zu stellen, den Hirten und die Herde zu trennen – dass dieser Versuch misslungen ist. Im Gegenteil, vom Kreuz und vom Tode her wird nun erst ganz gewiss, warum es heißt: Maria! und warum Maria antworten darf und muss: Kyrie, Rabbuni! Nein, dass Jesus der Herr ist, unser, mein Herr, das ist durch das Kreuz und den Tod nicht illusionär geworden, sondern wider den Tod und die Sünde ein für allemal festgemacht. „Um unserer Sünde willen dahingegeben, um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt“ (Röm. 4,25).
Doch auch das, was hier sichtbar wird, ist noch nicht das Letzte, auch hier ist noch zu viel, zu gefährlich viel „Handgreifliches“ dabei. Vielleicht, man weiß es nicht, möchte Maria (und wir mit ihr!) sich nun doch an den halten, den ihre Augen sehen, möchte sie mit ihren Händen fassen, was ihr Herz vernommen. Maria könnte vergessen, wo sie steht, sie könnte das Loch vergessen, sie könnte die beiden himmlischen Wächter vergessen, die ihr den Eingang in das Paradies freigegeben haben, sie könnte vergessen, dass, wer an das Grab Jesu tritt, damit an den Rand aller Dinge entrückt ist. Darum warnt sie der Herr: „Rühre mich nicht an!“ Hier erklingt das Noli me tangere – Berühre mich nicht –, ohne das die Osterbotschaft nicht Osterbotschaft wäre! Die Gestalt, in der der Herr ihr erscheint, ist noch nicht seine wahre, seine anzubetende Gestalt. Auch über dieser Erscheinung steht ein „Noch nicht“. Auch sie ist ein über sich hinausweisendes, ein „Zeichen“, ein Wunder, das man bezeugen, das man aber nicht halten, fassen, in den großen Tatsachenkasten für Historiker und Naturforscher zwecks Untersuchung, Einordnung, Vergleichung und was dieser Methoden mehr sind, einsperren kann. Diese Erscheinungen, die an sich sehr greifbare, keineswegs visionäre, gespenstische Erscheinungen waren — das bezeugen uns andere Berichte, in denen nun gerade das Gegenteil geboten wird (Luk. 24, 39) — stehen nichtsdestoweniger unter dem Gesetz des Noli me tangere! Sie sind den Blumen gleich, die nur einmal blühen, in einer Nacht. Ein paar Menschen haben sie gesehen, dann nie mehr. Über ein paar Menschen ist dieses Licht aufgeflammt, dann war alles wie vorher. Nie hat es sich wiederholt und nie wird es sich wiederholen. „Die Evangelien selbst machen nicht das Geringste Hehl daraus, dass das Sehen des leeren Grabes und das Sehen des Auferstandenen etwas toto coelo – vom Himmel her völlig Verschiedenes – war … Dafür kämpft Paulus, für seine apostolische Methode, von der er doch nicht zugeben kann, dass sie nur etwa seine Methode sei, und dafür beschwört er nun die Wolke von Zeugen, nicht zur Bestätigung des Faktums der Auferstehung Jesu – das eben gerade nicht –, sondern zur Bestätigung dafür, dass die Begründung der Gemeinde, soweit das Auge reicht, auf nichts anderes zurückgeht, als eben auf die Erscheinungen des auferstandenen Christus“ (K. Barth, Die Auferstehung der Toten, S. 77, 81). Darum heißt es auch hier, wider alle, die diese Erscheinungen des Herrn — die eben ganz seine Sache, seine Offenbarung bleiben — „dingfest“ machen möchten: Rühret mich nicht an! Schließlich zeigt er das Ziel seiner Auferstehung, nicht so, wie jene es sich vorstellten, nämlich dass er als wiederbelebter Mensch triumphierend in der Welt erscheine, sondern vielmehr so, dass er mit seiner Himmelfahrt in den Besitz des ihm verheißenen Reiches eingehe und von der Rechten des Vaters aus durch seinen Geist die Kirche leite (Calvin). Nicht die Weltgeschichte, sondern die Kirchengeschichte ist durch die Auferstehung Jesu „berührt“, und erst so, also sehr indirekt, ungreifbar, aus einer neuen Dimension heraus auch die Weltgeschichte. In die Wirklichkeit unserer Tage hinein tritt diese „Tatsache“ als Botschaft, und Maria wird die Botin dieser Botschaft sein. Hinter der Botschaft, die Maria den Jüngern – „meinen Brüdern“, sagt der Herr! – zu bringen hat, steht als der Sendende der Auferstandene selbst. Und ihr Inhalt ist der Inbegriff allen Glaubens und aller Seligkeit: „Es sollten diese Worte billig mit großen und goldenen Buchstaben geschrieben werden, nicht schlecht auf Papier noch ins Buch, sondern in unsere Herzen, auf dass sie drinnen lebten.“ „Wenn jemand recht bedenken könnte, wie reich und tröstlich diese Worte sind, der würde vor Freude und Lust trunken werden, wie Maria Magdalena vor Andacht und Liebe zum Herrn trunken ist. Alles, was in der Welt ist, würde für ihn stinken, er würde aus Reichtum, Geld, Gut, Gewalt, Pracht und Herrlichkeit dieser Welt nicht einen Gott machen, wie der größere Teil in der Welt leider tut.“ „Die Apostel selbst haben’s gehört, aber dennoch nicht geglaubt, bis ein anderer Meister über sie kam, nämlich der Heilige Geist. Darum kommt’s nicht allein uns, sondern auch ihnen schwer an, solches zu glauben. Denn das Nagen und Beißen des Gewissens ist so hart und schwer wie ein Stein, dass es das Wort ‚Bruder‘ nicht zulässt, sondern spricht allezeit dagegen: Ja, wie kann ich’s glauben, weil ich Christus habe verlassen und verleugnet, diese und jene Sünde getan? So geht’s denn, dass man dem Wort nicht glaubt, ob man’s schon hört, liest und selbst redet.“ (Wochenpredigten über Joh. 16–20; WA. 28, 457 ff.).
Der Ton der Botschaft liegt auf dem Doppelten: Mein und euer! (vgl. Eph. 2, 5 ff.; 2. Kor. 7, 3; 2. Tim. 2, 11). Sein Gott ist unser Gott und sein „Vater unser Vater“. Das bedeutet, ja mehr, das ist die Wirkung seiner Sitzung zur Rechten des Vaters. Darin ist unsere Kindschaft und Sohnschaft verbürgt. „Ich“, sagt er, „steige auf zu dem Vater, der auch euer ist.“ An anderer Stelle hören wir, dass wir zu Teilhabern aller Güter Christi gemacht worden sind, aber dies ist das Fundament, dass er selbst, der Quell dieser Güter, ihn mit uns teilt. Dies ist gewiss ein unschätzbares Gut, auf das Gläubige sicher und gewiss bauen können: dass der Gott, der der Gott Christi ist, auch ihr Gott ist; dass der Vater, der der Vater Christi ist, auch ihr Vater ist. Und wahrlich, es besteht kein Grund zur Furcht, dass dieses Vertrauen als Vermessenheit ausgelegt wird, wenn es auf Christus gegründet ist, noch ist es ein hochmütiges Prahlen, da Christus selbst es uns mit seinem eigenen Mund eingegeben hat (Calvin).
II. Maria
Luther sagt, dieser Text habe zwei Stücke: „Das erste, das Exempel Mariens. Das andere, die Wort und Lehre des Herrn, die er Marien hier voraussagt“ (WA 32, 77). Maria tritt auch in der Tat in unserer Perikope in besonderer Weise heraus. Von früh an hat es Verwunderung und Nachdenken, aber auch Bedenken in der Kirche erregt, dass eine Frau den Aposteln die Botschaft der Auferstehung überbringt. Lehrreich sind die verschiedenen Auslegungsversuche. Da ist zunächst der Gedanke, diesen Akt der Lebensbotschaft mit der Verführung im Paradies zu kontrastieren: „Im Paradies näherte sich die Frau dem Mann zum Tod, vom Grab näherte sich die Frau den Männern zum Leben“ (Gregor der Große). Aber diese Gegenüberstellung ist nicht gut, denn wenn einer Frau diese Gegenstellung zu Eva zukommt, dann der Jungfrau Maria. Hier ist die Kontrapunktik richtig. Darum muss sie auch streng auf diese Relation beschränkt bleiben. Noch weniger gut will es mir erscheinen, wenn der Name Maria allegorisiert wird: „Mystisch aber bedeutet Maria, was ‚Name‘, ‚die Erleuchtete‘, ‚die Erleuchtende‘ oder ‚Meeresstern‘ heißt – sie bezeichnet die Kirche“ (Beda). Hingegen stehen Augustin und Chrysostomos der rechten Erkenntnis näher, weil sie sehen, dass der Affekt hier wesentlich mit im Spiele ist. „Ein schwächeres Geschlecht wurde an diesem Ort durch eine umso stärkere Gefühlsbindung festgehalten“ (Augustinus, Traktat 121). „Auch Petrus hat etwas Ähnliches erlitten: denn das weibliche Geschlecht ist mitfühlend“ (Chrysostomos, Homilie 85). Maria kann ganz anders verlangend sein, sie trägt an der Tatsache des Sterbens Jesu schwerer als die Jünger. Sie kann sich nicht dabei beruhigen, dass der Leichnam nicht zu finden ist. Sie wird durch ihren Schmerz bereitet für die Kunde, die ihrer wartet. So wird der Mensch durch das Leiden zum Ergreifen der Erkenntnis bereitet, erst so kann er das Organ gewinnen, um den Trost des Geistes Gottes zu vernehmen: „Denn heilige Sehnsüchte wachsen durch Verzögerung“ (Gregor der Große). Sie hat den Herrn zu sehr geliebt, um nun glauben zu können, dass alles aus sei. „Diese Maria ist uns nun ein feines Vorbild zum christlichen Exempel, und der Evangelist hat’s auch darum so fleißig wollen schreiben, dass wir, die es lesen oder hören, auch ein wenig Hitze schöpfen von dem Feuer, das in der lieben Magdalena brennt und steckt. Denn ihr seht, dass ihr Herz ganz entbrannt ist, dass sie so daher geht, vor lauter Liebe zu dem Herrn Christo, als wäre sie toll und töricht … O, dass wir auch ein solch Herz sollen haben, so wollen wir wohl andere Leute sein. Aber wir bleiben immer in einem, heut kalt, morgen viel kälter, und sind also heillose, verdrossene Leute“ (WA 32, 77/78). Es gehört schon etwas dazu, von Gott erwählt zu sein, um der Erscheinung des Auferstandenen ausgesetzt zu werden. Aus welcher Höhe, aus welchem Stolz wird Paulus zu Boden geworfen! Aus welcher Tiefe wird Maria emporgehoben! Unter allen Zeugen der Auferstehung steht sie vor uns als die Reinste, Empfänglichste. Sie empfängt, was sie suchte. Sie sagt nur ein Wort: Rabbuni! Ganz leicht, ganz ohne Entsetzen und Erschütterung, wie wenn auf einmal alle Finsternis, alle Geister der Nacht wichen und der schon verloren geglaubte Weg im Licht des Tages unter ihren Füßen liegt; wie wenn sie auf einmal weiß, was sie zu glauben nie aufhörte, so bekennt sie ihren Glauben. Sie hat die Mitte ihres Lebens wiedergefunden. Sie hat gewartet, wo das Warten, das Hoffen, das Suchen schon keinen Sinn mehr zu haben schien. Sie hat nicht umsonst in solchem „dunklen Glauben“ ausgehalten. „Gott will nicht solche sicheren, vermessenen Geister dazu haben, sondern solche Leute, die zuvor wohl durch die Rolle gezogen, versucht und gebrochen sind und solches wissen und bekennen müssen …“ (Luther, EA 51, 510, zitiert bei K. Barth, Auferstehung der Toten).
Darum kommt von Maria von Magdala aus die Botschaft der Auferstehung in die Jüngerschar, als Zeichen dafür, dass der Herr sich seine Werkzeuge aussucht. Dass hier nicht Mann noch Frau etwas gilt! Dass Gott es tragen kann, seine Sache auf das Zeugnis einer Frau – und noch so einer Frau, aus den äußersten Tiefen der Hölle hervorgeholt (Calvin) – zu gründen. Merkwürdig, wie ängstlich Calvin ist, dieses Beispiel könnte zu Schlüssen führen! Der Fall soll völlig für sich stehen bleiben: außergewöhnlich und gewissermaßen zufällig, es ist eine Strafe Gottes, und zwar noch eine milde Züchtigung, dass er die Apostel durch Frauen in die Schule nimmt. Sie hätten in ihrer Stupidität noch etwas ganz anderes verdient, „Ochsen und Esel“, es ist Gottes Güte, dass er sich „nur“ mit Frauen begnügt. Aber es darf daraus keine Regel werden, es ist ein einzigartiges Vorrecht. Ob Calvin darin recht hat? Ob er vielleicht mit seinen warnenden, strengen Worten hier deutlich macht, dass ein Problem für die Rolle der Frau in der Verkündigung hier aufbrechen könnte! Es ist doch merkwürdig, wie heute wieder ganz ähnliche Stimmen und Forderungen durch die Kirche gehen. Dass die Frauen in den Zeiten der Verfolgung und der Not auch wieder einmal am Grabe Jesu in besonderer Treue aushielten und noch aushalten, das soll auf einmal wieder ein außergewöhnlicher Fall sein. Und dass Frauen in dieser mit Tränen getränkten Hoffnung der Osterbotschaft näher sind als die anerkannten Führer der Gemeinde, das soll auf einmal gegen die Ordnung sein. An Wahrheit ist doch das gegen die Ordnung, dass Maria allein auf diesem Posten aushielt, dass sie allein sich nicht mit dem Gegebenen abfinden konnte, dass sie allein nicht so „vernünftig“ war wie die Jünger, die als Männer offenbar eher geneigt sind, der „Geschichte“ recht zu geben. Mag gemeinhin die Regel gelten: Die Frau schweige in der Gemeinde, aber was wird aus dieser Regel, wenn, wie es hier geschieht, die Männer schweigen und hinter verschlossenen Türen sitzen, wenn das Herz klüger ist in dem, was es nicht glaubt, als der Verstand in dem, was er dem Herzen einreden möchte, wenn die Männer umkehren und die Frauen, weil sie ausharren, die Engel Gottes um sich haben. Die Kirche wird und kann nicht vergessen, dass die ersten, denen der Auferstandene sein Zeugnis anvertraute, Frauen waren. Sie kann und darf nicht vergessen, in welch zarte Hände er den Feuerbrand der Auferstehungsbotschaft legte, der in die Welt hineingeworfen wurde, in ihre Sicherheit und ihren Stolz darüber, dass es gelungen sei, Gott totzuschlagen. Immer wieder werden auch Frauen Zeugen dieser Botschaft sein, nach dem Beispiel der Maria Magdalena, die in der Stadt eine Sünderin gewesen war, die durch die Liebe zur Wahrheit die Flecken ihrer Schuld mit Tränen abgewaschen hatte, deren Liebe durch einen großen Weg der Liebe entzündet worden war, die sich vom Grab des Herrn – selbst als die Jünger weggingen – nicht entfernte (Gregor der Große, Homilie 25 zum Evangelium).
III. Kurze Paraphrase des Textes
Maria aber stand vor dem Grab draußen und weinte. Sie war nicht mit zurückgegangen. Sie ist nur noch „Schmerz“. In dieser Stunde, da die Gegner triumphieren, die Gemeinde sich zerstreut, die Jünger sich fürchten, steht Maria allein am Grabe und tut das, was eigentlich alle Welt tun müsste. Es ist doch wohl nicht im Sinne unseres Evangelisten interpretiert und erinnert eher an die gewiss nicht christliche Szene in des Sokrates Kerker, wenn Calvin schreibt, die Jünger seien voller Trost und Gewissheit heimgekehrt, aber Maria habe sich „leerem und überflüssigem Weinen“ hingegeben. Nein, es ist nicht Aberglaube mit fleischlicher Gefühlsregung, was sie am Grabe zurückhält. Es ist auffällig, wie stark Calvin und Luther hierin kontrastieren. Für Luther ist Maria darum so vom Evangelisten in ihrem Schmerz gezeichnet, „dass er recht abmale und bilde der Maria Magdalena großen Ernst, wie sie dahergeht und brennt vor hitziger Liebe gegen Christus, eben als wäre sie trunken und gleich ohne Sinn und Vernunft … aber sie ist so gar in der Liebe ersoffen und trunken, dass sie dessen keines achtet und sich weder vor Engeln noch vor jemandem fürchtet … Darum ist diese Maria ein schönes Vorbild und treffliches Exempel aller derer, die an Christus hängen, dass ihr Herz in lauter rechtschaffener Liebe gegen Christus entbrannt sein soll. Denn sie vergisst alles, sowohl ihre weiblichen Sitten als auch ihre Person, lässt sich nichts anfechten, dass sie die zwei Engel vor sich sieht, gedenkt auch nicht, dass Hannas und Kaiphas feindlich zürnen …“ (WA 28, 448 f.). Als sie nun weinte, blickte sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und den anderen zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Als Maria nun noch einmal in das Grabmal schaut, erstrahlt es vom Glanz der Gotteswelt. Es geht ein heller Schein von der Stelle aus, da Jesus gebettet war, von dem Haupt bis zu den Füßen. Denn der ganze Christus war begraben und der ganze Christus ist auferstanden. Und diese sprachen zu ihr: Weib, was weinst du? Als wollten sie sagen: Trockne deine Tränen, er ist auferstanden. Aber Maria weiß nicht, dass es Freudenboten sind, die ihr Auge sieht. So stehen auch wir nur allzu oft vor unseren Gräbern und sehen nicht, dass mitten in dieser Finsternis solch ein heller Schein des Auferstehungstages leuchtet. Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. „Meinen Herrn“, sagt Maria, und nur Gott und sie selber wissen, was diese beiden Worte umschließen. Denn die Vergebung der Sünden ist auf die Erde gekommen und hier und jetzt aktuell geworden. Und seitdem das geschehen ist, hat der Glaube an Gott, der ja vielmehr nur ein Deckname für den Unglauben war, aufgehört, eine rein gedankliche, philosophische oder moralische Angelegenheit zu sein, und Maria hat etwas davon begriffen, dass „dieser Herr“, dieser Jesus Christus, der ist, ohne den niemand, der einmal die Vergebung geschmeckt hat, leben kann. Er muss ihn suchen, bis er ihn wiederfindet. Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück. Das ist die Wendung vom Tod zum Leben, von der Verzweiflung zur großen Freude. Und sieht Jesus stehen. Ehe wir es wissen, steht er bei uns. Und weiß nicht, dass es Jesus ist. Denn es geziemte sich nicht, dass sie sogleich zu den Höhen zurückgeführt wurde, sondern allmählich (Chrysostomus). Spricht Jesus zu ihr: Weib, was weinst du? (Matth. 5,4; Ps. 34,19). Wen suchst du? So macht Jesus ihr offenbar, dass niemand ihn findet, auch wenn er vor ihm steht, es sei denn, dass er sich finden lässt. Es ist alles Seine Gnade und Sein Wille. Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen. So nahe ist oftmals Erfüllung unserer Sehnsucht und unser Suchen, dass wir immer noch meinen, im Totenland suchen zu müssen, während wir bereits vom Leben gefunden sind. Spricht Jesus zu ihr: Maria! „Der Hirte kennt seine Schafe und ruft sie beim Namen“ (Bultmann). Jetzt, da er wieder in der Rolle des Meisters ist, spricht er die Jüngerin beim Namen an … Die Stimme dieses Hirten dringt also in das Herz Marias ein, öffnet ihr die Augen, regt und bewegt all ihre Sinne, sodass sie sich sogleich Christus hingibt. So haben wir in Maria ein Bild unserer Berufung gezeichnet (Calvin). Das ist die geheime Umkehr des menschlichen Geistes, die immer ein Erkanntsein von Gott her voraussetzt (Gal. 4,9). Es zeigt zugleich, dass Christus jeden bei seinem Namen ruft, dass hier jeder ungeformte Glaube hinfällig ist, dass nur der den Herrn erkennt, der sich in ihm bei seinem Namen gerufen weiß. Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni (das heißt Meister). Anders wird Jesus als der Auferstandene nicht erkannt, es sei denn, dass wir ihn unseren Herrn sein lassen (1. Kor. 12,3). „Es ist aber zumal ein seltsamer Vogel auf Erden um ein solches Herz, welches diesen Artikel von Auferstehung der Toten für gewiss hält. Denn alle Welt lernt diesen Artikel als eine andere Historie und Geschichte. Dass sie aber darauf wagen solle Leib und Leben und alles, was sie hat, da wird nichts daraus, denn sie ist dieses Artikels ungewiss“ (WA 28, 436 f.). Wo der gekreuzigte, begrabene und auferstandene Jesus als Herr bekannt wird, als der, in dessen Händen mein Leben liegt, da ist der Durchbruch durch alle Furcht und alle Todeswelt hindurch gewonnen. Wie nahe sind sich hier die beiden Welten, die Welt, in der Maria noch lebt, und die Welt, aus der sie das Wort des Meisters traf. „Was Wunder, dass sie zu ihm eilen und ihn fassen möchte.“ Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Und doch ist auch hier die Grenze da (2. Kor. 5,4). Die Auferstehung Jesu ist kein „innerweltliches“ Ereignis. So dachte (nämlich Maria), Christus sei in dieses Leben wie zuvor zurückgekehrt. Deshalb wollte sie ihn so berühren, aber der Herr will nicht, dass seine Auferstehung so verstanden wird (WA 28, 456). Nicht die Auferstehung des Lazarus ist das Paradigma der Auferstehung Jesu, sondern umgekehrt. „Auf solche Weise ist Lazarus nicht auferstanden … will also der Herr mit diesen Worten anzeigen, dass seine Auferstehung eine andere Bedeutung hat als die des Lazarus und der anderen, die von den Toten auferweckt wurden“ (Luther). Seine Erscheinung soll dazu dienen, Maria aus dieser Welt in jene zu ziehen: damit alle, die bei der Suche nach Christus nicht in die Irre gehen wollen, ihre Gedanken nach oben richten (Calvin).
Denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. So wollte Jesus in sich selbst geglaubt werden, das heißt, so wollte er geistlich berührt werden, dass er und der Vater eins sind (Augustinus). Dieses große Wort Augustins trifft die Sache, um die es geht. Denn nur in der Einheit mit dem Vater kann der Auferstandene geglaubt werden. Mit Ostern ist die Geschichte der Offenbarung noch nicht zu Ende, es folgt noch Pfingsten. Gehe aber hin zu meinen Brüdern. Wieder heißt es „meinen Brüdern“. Das ist der neue Name, an dem sich die Christen erkennen. Sie sind die Brüder des Auferstandenen, und sage ihnen: ich fahre zu meinem Vater und zu eurem Vater. Also ist er in anderem Sinne mein Vater als euer Vater; von Natur her mein, durch Gnade euer (Augustinus), zu meinem Gott und zu eurem Gott. Christus nennt Gott seinen Gott, insofern er in der Gestalt eines Knechtes sich selbst entäußert hat (Calvin). In dem „mein Vater“ liegt noch ein anderer Ton als in dem „mein Gott“. Es ist nicht einfache Verdoppelung, sondern Erinnerung, dass der Auferstandene Gott und Mensch zugleich ist. Maria Magdalena kommt und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir gesagt. Der Augenzeuge der Auferstehung muss seiner Botschaft dienstbar sein. Die Botschaft ist die Kunde der Auffahrt zum Vater und der communio mit der Gemeinde.
„Wenn unser Herz spricht: Wenn ich wüsste, wie ich meine Sünde büßen möchte, ich wollte auf lauter Nadeln gehen und mich nichts verdrießen lassen, sprich du dagegen: Lass hören, was mein Bruder Christus sagt: Der spricht also: Ich bin Gottes Sohn und Erbe, du sollst mein Miterbe sein, wenn du dich an mich hieltest und an mich glaubtest. Und solchen Schatz sollst du mir nicht abverdienen, sondern ich schenke ihn dir aus Gnaden und umsonst. Das mag nun eine Predigt sein, der wir viel zu schwach sind, sowohl zu predigen als auch zu glauben.“ (WA 28, 464).
Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen. Zweite Folge, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, o. J. [1973], S. 94-104.
1 Mit korrigierter Rechtschreibung sowie Übersetzung der lateinischen und frühneuhochdeutschen Passagen.