Johannes Busch, Adam, wo bist du? Predigt über 1. Mose 3,8-9: „Weil dieser Gott Herr ist und dieser Herr unser Gott, darum lässt er heute Morgen keinen los! Warum läufst du von mir weg? Warum versteckst du dich vor mir? Jeder Posaunenklang, der heute ertönt, ist wie eine Frage: Du, Mensch, wo bist du?“

Eine der klassischen Evangelisationspredigten aus den fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, gehalten von Johannes Busch (1905-1956), dem Vater von Eberhard Busch, mit einem Pathos, das für heutige Ohren eine Zumutung ist:

Adam, wo bist du? Predigt über 1. Mose 3,8-9

Von Johannes Busch

Und Gott, der Herr, rief Adam und sprach: Adam, wo bist du?

Es war einmal an einem sonnigen und schönen Tag; ich denke, es war ein Tag wie der heutige. Da war auf dem Tempelberg in Jerusalem eine tolle Geschichte passiert, eine Geschichte, die wirklich alle etwas in Aufregung und Alarm versetzte. Ihr müsst euch denken, über diesem Tempelberg lag in der Regel eine heilige, stille Ruhe; Scharen von Menschen pilgerten ehrwürdig und gemessenen Schrittes da hinauf.

Auf einmal ist da ein Mann, der schreit aus aller Kraft! Und wenn man genau hinhört, dann merkt man, er jubiliert, er jauchzt, er kann es gar nicht in Worte fassen. Er macht Sprünge und rennt hin und her über den Platz. Ich kann es mir nicht anders denken – die ehrwürdigen Bürger werden ihn für verrückt gehalten haben. Es kann ja auch keiner verstehen, was der Mann in Wirklichkeit erlebt hat. Vielleicht haben ihn einige gekannt. Er hat über Jahre da vor dem Tempel gelegen. Nein, er kam nicht hinein in die Gegenwart Gottes. Und dass er gelähmt war, war ja nur ein äußeres Zeichen, dass er wie begraben war unter einem Berg von Not und Jammer.

Und eines Tages hat er die schönste Stunde erlebt, die ein Mensch überhaupt erleben kann: Er hat den Namen Jesus gehört und hat das erlebt, was die Welt nicht glauben will und was die Welt nicht fassen kann, dass der Name Jesus Berge von Not zersprengt und dass unter dem Namen Jesus Menschen auf einmal gesund und fröhlich werden. Darum hat er so geschrien, darum hat er gejauchzt, darum hat er jubiliert, dass der ganze Tempelberg in Alarm kam.

[…]

Darum, meine Brüder und Schwestern, ist es eben nicht gleichgültig, was wir hier musizieren. Seit den Tagen, als die Welt Gott nicht mehr sehen konnte und es zwischen der ewigen Welt und dieser Welt wie abgeschnitten war, da hat Gott je und dann in diese Welt hineingeredet. Und glaubt mir, das ist jedes Mal wie das Wunder eines Posaunentons. Wenn seitdem Gott redet, dann ist das wie das Klingen ewiger Posaunen. Und wenn wir unsere Posaunen nehmen, meine Brüder, dann ist das jedes Mal wie ein Reden des heiligen, herrlichen Gottes.

Darum ist mir unser Textwort so wichtig. Habt ihr gemerkt, um was es hier geht? Das war der erste Ton Gottes nach der schrecklichen Geschichte, als die Menschen Gott weggeschoben hatten und selber Herren und Herrgötter sein wollten. Das war der erste Ton Gottes, nachdem das Paradies verschlossen war. Das war der erste Posaunenklang, den Gott selber – nun entschuldigt, wenn ich es so sage – wie mit ewiger Tuba, wie mit einem göttlichen Helikon in dieser Welt angestimmt hat: „Adam, wo bist du?“ Und wenn wir blasen, so klingt jedes Mal dabei der Ruf Gottes: „Adam, wo bist du?“

Gott ruft dich!

Einmal hat mich ein Freund angerufen, ich möchte doch gleich zu ihm kommen. Ich spürte, dass es irgendeine große Not war, die ihn bewegte, und ich ging schnell hin. Wie ich in sein Zimmer komme, finde ich einen gebrochenen Mann; ein großer, starker Mann – aber wie unter dem Elend zerbrochen. Er erzählt mir, dass sein Junge, den er so liebhatte, weggelaufen war. Und auf einmal schluchzte der Mann und unter dem Schluchzen sagte er: Ich kann gar nicht mehr schlafen. Immer wieder rufe ich in die Nacht hinaus:

„Junge, wo bist du?“ Und doch bekomme ich keine Antwort.

Ich habe den Eindruck, wenn heute Morgen noch einmal der Ruf Gottes kommt:

„Adam, wo bist du?“ dann ist das wie das Schluchzen des Vaters, der in die Welt hineinruft: Mein Sohn, mein Mädel, wo bist du? Es sage mir keiner, wir reden hier zu menschlich von Gott. Wenn je Väter um ihre Kinder Sorge hatten, dann ist das nur ein schwaches Abbild von dem Weh Gottes, mit dem er heute in diese Festhalle, in dieses Frankfurt hinein, in dieses ganze deutsche Land hineinruft: Du, Mensch, wo bist du? Das wird eigentlich nur der verstehen, der den ganzen Hintergrund dieser Sache spürt. Es ist ja einfach nicht wahr, was je und dann gesagt wird, als ob die Bibel den Menschen so verächtlich mache. Mein lieber Freund, wenn du einmal wirklich etwas von dem Adel des Menschen, von der ganzen Herrlichkeit des Menschen wissen willst, musst du die Bibel nehmen. Da ist das Allerschönste gesagt, was nur je über Menschen gesagt worden ist, viel mehr als irgendwelche Philosophen und Dichter uns sagen können. Da ist nämlich das Gewaltige gesagt: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (1. Mose 1,27).

Du, als Gott Menschen machte, hat er sie so nah neben sich gestellt, dass er sagte: Ihr seid mein Eigentum. Das ist die höchste Würde, die ein Mensch haben kann, Eigentum Gottes zu sein. Und das ist die Ehre Gottes, dass er sein Eigentum nicht loslässt. Meine Brüder und Schwestern, hier in der Mitte steht der lebendige Gott und ruft von Rang zu Rang und von Reihe zu Reihe und ruft durch die Straßen und Gassen hindurch: Wo bist du? Gott sucht sein Eigentum! Er ruft jeden einzelnen von uns.

Weißt du, das ist ganz persönlich gemeint; denn das Verstecken vor Gott hat ja bis zum heutigen Tage die merkwürdigsten Formen angenommen. Da sagt mir ein junger Kerl: „Ach, wissen Sie, später will ich mich um den lieben Gott kümmern, heute habe ich so viel zu tun; ich bin in einem Geschäft, da muss ich auch sonntags arbeiten.“ Der andere hat gerade Stenografen-Kurs. Ich weiß nicht, was es bei dir gerade ist. – Wir alle haben keine Zeit für Gott!

Und durch dieses Dickicht hindurch ruft Gott: Warum versteckst du dich heute vor mir? Warum verbirgst du dich? Der eine versteckt sein Geld und damit sich selber. Du, was hast du vor Gott verscharrt und versteckt? Deine Jugendkraft? Deinen Alltag? Ach, wie mancher ist so herrlich christlich! Unsere ganze Zeit platzt ja beinahe vor Christlichkeit. Dabei haben wir vor Gott versteckt unser Geschäftsleben, unser öffentliches Leben, unsere Küchen und Wohnzimmer, unsere Schlafzimmer. Was hast du vor Gott versteckt, mein Bruder? Hier gegenüber steht ein gewaltiges Spruchband: „Ich bin der Herr, dein Gott“ (2. Mose 20,2). Ihr Männer und Frauen, das ist nicht eine allgemeine, unverbindliche Feststellung, sondern weil dieser Gott Herr ist und dieser Herr unser Gott, darum lässt er heute Morgen keinen los! Warum läufst du von mir weg? Warum versteckst du dich vor mir? Jeder Posaunenklang, der heute ertönt, ist wie eine Frage: Du, Mensch, wo bist du?

Gott sucht dich!

Unser Fest hier in Frankfurt begann zunächst mit einer sehr kleinen, aber wunderschönen Versammlung, mit einem Presseempfang, bei dem wir mit den Herren und Damen der Pressestellen und Zeitungen über den Verlauf unseres Festes sprachen. Bei dieser Gelegenheit fragte einer der Journalisten, ob wir uns eigentlich erkundigt hätten, dass auch die Festhalle das statisch aushält, wenn hier 3500 Bläser ihren ehernen Klang ertönen lassen. Schon winkte ein anderer ab, die Stahlträger seien von einer berühmten Stahlfirma, die könnten schon etwas aushalten. Nun, Brüder und Schwestern, um die Festhalle habe ich heute Morgen keine Sorge. Aber die Frage heißt ganz anders: Nicht ob die Festhalle das aushält; mein Herr, ob Sie das aushalten? Ob du das aushältst? Ob nicht unter dem ehernen Klang Gottes endlich unsere stolzen Säulen zusammenbrechen? Ihr müsst verstehen, als Gott so fragte: Wo bist du?, da war doch eine furchtbare Geschichte voraufgegangen, die Geschichte, die sich bis heute Morgen noch jeden Tag ereignet. Da hat der Adam das gesagt, was mir im Grunde auch immer wieder mein Blut und mein Herz zuraunen: Ach, was brauche ich den alten Gott; ich bin mir selber mein Gott. Was brauche ich dessen Reden, ich bestimme selber mein Herz und meinen Weg.

Darf ich das einmal, wie wir im Jungmännerwerk es gern tun, etwas handkräftig sagen: Mich wundert, dass unser Gott diesen Adam nicht zum Teufel gejagt hat, dass unser Gott nicht mit Eisenbahnschienen dreingeschlagen hat, als sein Eigentum nun einfach diesen Gott still beiseiteschob: Ich bin uninteressiert an meinem Herrn. Nein, was tut der Gott? Der läuft hinter dem Adam her: Wo bist du?

Meine Brüder, was ist das für ein Gott! Ich sehe ihn, wie er durch den Garten eilt, unter jeden Strauch sieht, unter jede Hecke und in jeden verlorenen Gang hinein. Und immer ruft und ruft er: „Adam, wo bist du?“ Du, mein Sohn, wo bist du denn? Ich meine, darin lerne ich meinen ganzen Gott kennen. Du, das ist nicht eine Geschichte aus der Vergangenheit, sondern das ist die Mitte der Weltgeschichte, dass unser Gott diese Welt nicht losgelassen hat, sondern ihr nachgelaufen ist. Darum hat er seinen himmlischen Thron verlassen. Weißt du, wenn wir uns schon eine Vorstellung von Gott machen, meinen wir oft, er säße so ruhig und erhaben auf seinem Weltenthron und rühre sich nicht. Ach, die Vorstellung überlasst irgendeinem Buddha. Unser Gott ist ein laufender Gott. Er hat seinen Thron verlassen und ist gelaufen und gelaufen, wie einer um sein Leben läuft, immer tiefer herunter, bis er hier auf der Erde war. Das ist mein Gott, der die Welt geschaffen hat, der jetzt über uns die Arme ausbreitet: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ (Johannes 10,12). Der Hirte lässt 99 in der Wüste stehen und sucht dies eine, das heute Morgen nicht kommen will. Er sucht den einen, der sich in der Festhalle versteckt hat, sucht den einen, der gerade sein Radio abstellen will. Unser Gott läuft mitten hindurch. Spürt ihr nicht, wie sein ganzes Vaterherz voll Liebe brennt und wie darin nur eins immer wieder tönt: Ich suche dich doch, ich lass dich nicht los.

Ach, dass wir dies Brennen des väterlichen Herzens heute Morgen spüren würden:

„Hättest du dich nicht zuerst an mich gehangen, ich war von selbst dich wohl nicht suchen gegangen. Du suchtest mich und nahmst mich mit Erbarmen in deine Arme.“ Kommt mit, alle miteinander. Ich sehe unseren Gott, wie er blutet und stirbt, als sie ihn ans Kreuz genagelt haben. Seine ausgebreiteten Arme sind wie ein letztes Seufzen, das die Welt erschüttert: Bruder, ich suche dich; ich will keinen lassen! Bruder, ich suche dich! Wenn heute unsere Posaunen von Jesus blasen, dann blasen sie von dem Kreuz, das keiner in dieser Welt mehr übersehen soll.

Gott braucht dich!

Und nun werden mir die Wunder schier überstürzend, dass ich gar nicht damit zu Ende komme. Wisst ihr, als Gott den Menschen schuf, hat er ihm einen Adel gegeben, wie ihn keine Kreatur in dieser Welt sonst hat: „Seid fruchtbar, mehret euch und machet euch die Erde untertan“ (1. Mose 1,28). Der Mensch ist der Statthalter Gottes auf dieser Erde.

Das war ja das Schreckliche: Als der Mensch die Hand Gottes losließ, hat er zugleich damit seine Würde und seinen Auftrag verloren. Das verstehe ich, dass man seitdem nicht mehr weiß, wozu der Mensch da ist. Die jungen Männer in den Gymnasien und in den Fabriken, in den Flüchtlingslagern und an den Universitäten sagen mir gleicherweise:

„Wozu leben wir eigentlich? Das Ganze ist doch ein Riesenquatsch.“ Da schafft einer wie verrückt und arbeitet und quält und müht sich ab und am Ende war alles so sinnlos, so grenzenlos sinnlos. Warum laufen denn so viel müde, nervöse Menschen herum? Wir können noch so viel schaffen, wir können einen gigantischen Aufbau hinstellen, wir können Geld haben und neue Häuser bauen, eins haben wir nicht mehr: Als wir die Hand Gottes losließen, haben wir den Sinn des Lebens verloren.

Mein Bruder, weil Gott sagt: „Wo bist du?“, kann noch einmal alles gut werden. Weißt du, hier bete ich mit Staunen an: Jetzt läuft Gott hinter mir her und sagt: Wo bist du denn? Ich möchte doch dir wieder einen Sinn ins Leben geben. Wenn Gott einen Menschen sucht, dann hat er immer einen Auftrag für ihn, der ihm das Leben erfüllt.

Wir wollen das heute sehr deutlich bezeugen: Entweder man gewinnt mit Jesus das Leben – oder man bleibt bis zum Sterben im Nihilismus, im Nichts, in der Ratlosigkeit, in der Angst. Ach, blast mir, meine Brüder, blast es hinaus, dass der Gott uns sucht, der jungen Menschen wieder Sinn ins Leben gibt und einen Auftrag und Kraft dazu. Es soll keiner meinen, Gott hätte nicht ein Ziel mit ihm. Wenn nur Gott mit uns zum Ziele kommt!

Da war einmal ein junger Mann im Tempel; er hieß Jesaja. Auf einmal hat er die Herrlichkeit Gottes gesehen. Davor ist er schier zusammengebrochen, als er von dem Thron Gottes die Frage hörte: Wo bist du? Ich wollte, dass heute Morgen keiner von uns sich der Frage entzieht, die Gott an ihn stellt: Wo bist du? Dass wir nur alle das antworten können, was jener junge Mann damals im Tempel geantwortet hat: „Herr, hier bin ich! Sende mich!“

AMEN.

Gehalten 26. Juli 1955 in der Festhalle des Messegeländes in Frankfurt/Main anlässlich des Bundesposaunenfestes des CVJM Westbundes.

Hier die Predigt als Tondokument.

Hier der Text als pdf.

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